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 Betreff des Beitrags: Das Geleit der Herrin
BeitragVerfasst: 23.08.02, 19:44 
Einsiedler
Einsiedler

Registriert: 3.04.02, 17:08
Beiträge: 144
Wohnort: Hessen
Kein Laut war zu vernehmen im Schrein der Rien, tief unten im Fels, nicht einmal das leise Schwirren der Libellen über dem schwach schimmernden Tümpel. Die Stille war ungewöhnlich und doch beinhaltete sie nichts beängstigendes, noch immer war die Atmosphäre erfüllt von der tiefen Ruhe und Güte der Herrin, noch immer lag das seichte grüne Licht über allem und verwandelte die Kammer in das Abbild der weiten dichten Wälder, durch die das schillernde Licht des Sonnenaufgangs brach.
Der Sonnenaufgang war, den sie fürchtete, schwach und zusammengerollt wie sie dort lag, im Schosse Riens, im kniehohen Grase, unter dem hohen Blätterdach, dem verschlungenen Geäst, das sie wie die Arme der Herrin zu beschützen schien.
Der Sonnenaufgang war Aufbruch auf einen fremden Weg. Und es waren die schwersten Schritte die sie jemals gegangen war.
Tief sass der Schmerz in ihrer Brust, jeder Atemzug brannte wie die Flammen Ignis, jeder Husten schien sie ersticken zu wollen und hinterlies eine blasse rote Spur in ihren Handflächen.
Es war nichts von Schönheit mehr an diesem Menschenkind, das schmale Gesicht fahl und eingefallen, die Lippen farblos, die hellen Augen, die einst strahlen konnten wie Astraels Sonne, erloschen. Es war die schwere Krankheit, die das Ende erzwingen wollte, die ihr jede Lebenskraft entzog und nichts mehr liess von der anmutigen, regen Gestallt. Die flinken Bewegungen waren verschwunden, der wache, zweifelnde Blick, die leichtfüssigen Schritte und das helle, warme Lachen.
Sie hatte spüren können, wie es nach ihr griff und sie niederzudrücken versuchte. Lange hatte sie Stand gehalten, den Kopf gehoben und die aufrechte Haltung nicht aufgegeben. Sie hatte die tiefe Furcht getragen, nicht stark genug zu sein, und doch war sie es gewesen, die alle Stärke in sich aufgebracht hatte, als die Zeit danach rief. Dann kamen die Schmerzen, der stechende Atem, nie hatte sie daran geglaubt, dass es der Wille der Götter war, dass sie ihren schmächtigen Körper erfassten und die gebrechliche Hülle zernagen würden.
Sie war gekommen um nicht alleine Morsans Hallen zu betreten, sie war gekommen, um das Geleit der Mutter und Herrin zu erbeten, Riens Hand sollte sie leiten, jene unter deren Schutz sie geboren ward, von jener alleine wollte sie zu den Toren Morsans geführt werden. Es würde keine Furcht mehr in ihr sein, nicht solange die Herrin um sie war. Die Zweifel würden schwinden und sie würde das Schicksal annehmen, dass die Götter ihr auferlegten. Nichts hatte das bedingungslose Vertrauen zerstören können, weder Schmerzen noch Qualen, weder die Ungewissheit vor dem, was da kommen mochte. Erlösung würde Morsan bringen, wenn er die Bürden von ihr nahm.
Ihre schmalen Hände umfassten in gewohnter Weise das Amulett, das auf ihrer Brust lag und sich bei jedem beißenden Atemzug hob und senkte. Sanft und demutsvoll hielten sie es, allen Leiden zum Trotz. Sie liess das Haupt hinab sinken, schloss die Lider ohne den Glanz in den hellen Augen je zurück zu bringen. Und dann sprach sie mit schwacher, heisserer Stimme ihre Worte, die letzten und notwendigsten, die sie an die Herrin zu richten hatte:

Begleite mich noch einmal nur an diesem Tage
Das ist alles worum ich bitte
Bedecke mich mit deinen schützenden Schwingen
Ich kann nicht mehr weiter gehen
Ich bin so mit Angst erfüllt
Mögest du sie von mir nehmen
Und wenn die Schatten mich zu Boden schlagen
So verweile bei mir
Begleite mich noch einmal nur in dieser Nacht
Das ist meine einzige Ersuchung
Wache noch einmal über meinem letzten Schlaf
Das ist alles, dessen ich gewiss sein muss
Dass mein Glauben niemals stirbt
An all die Wunder in dieser Welt
Nur noch wenige Momente andauernd
Ist dein Schutz das einzige, nach dem ich nun flehe
Begleite mich noch einmal nur bis zum Morgengrauen
Ich bin so hilflos wie niemals zu vor
Lass mich die Vögel noch einmal singen hören
Bewahre das schwache Leuchten in mir
Ich kann die Worte nicht länger sprechen
Sollte ich niemals wieder kehren
Möge ich geleitet sein von dir
Zu den stillen Hallen, in denen ich Ruhe finden werde

Die schmalen Hände lösten sich von dem matten Metal um ihren Hals, ihre Lippen schlossen sich bebend. Dort unter dem Baume ruhend und darauf wartend, dass Rien sie führen würde.
Ein leises Knarren der schweren Eisentür, das die Stille des nahen Todes unterbracht, Schritte fest und eilig, die zu ihr drängen, eine ferne tiefe Stimme die voller Sorge ihren Namen rief..
Ganz leicht und allmählich, so schien es, nahm die Herrin die schützenden Hände über ihrem Haupt hinfort um einer andere Macht zu weichen.


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 23.08.02, 21:51 
Einsiedler
Einsiedler

Registriert: 6.01.02, 17:06
Beiträge: 10
Wohnort: Saarland
Stumpfe, eintönige Geräusche von ein paar Holzfäller waren zu hören, wie sie ihre Äxte in die Rinde und das Holz der Bäume rammten. Auch wenn es nur wenige Mannen waren und die Arbeit nur schleppend voran ging, konnte man schon von weitem sehen, dass das Treiben am Rande des Finsterwaldes hektisch war. Die Holzfäller arbeiteten schnell und ihre etwas ängstlichen Augen starrten immer wieder in den Wald hinein, als ob sie jederzeit eine Armee jener Untoten Kreaturen erwarten würden, die plötzlich und ohne Vorwarnung über sie hereinbrechen konnten.
Doch trotz all dem hektischen Treiben sass ein Reiter ruhig und aufrecht auf einem edel wirkendem Ross. Seine Rüstung glänzte in der Sonne und der Wind liess seinen Umhang sowie seinen Wappenrock leicht flattern. Bei näherem Betrachtet erkannte man, dass der noch recht junge Mann das Wappen des Falken auf seiner Brust trug und scheinbar die Männer bei der Arbeit beaufsichtigte.
Aber er beachtete weder die Holzfäller, noch die gelegentlichen Warnrufe über fallende Bäume wirklich. Er saß da, mit den Händen auf den Sattelknauf gelehnt und starrte in die Leere. Er machte sich keine Gedanken über den Palisadenbau oder die drohende Gefahr jener Kreaturen. Nein, dies würde ihn nicht so aufwühlen, nicht so verzweifeln und innerlich auffressen wie die Sorgen, die er hatte.

Er war überall gewesen, in jeden Hospiz hatte er nachgesehen, jeden Bürger Tiefenbachs gefragt - Doch er fand sie nicht. Wo konnte sie nur sein? In ihrem Fieber müsste sie im Bett, gar im Hospiz liegen, aber niemand hatte sie gehen sehen, niemand hatte etwas von ihr gehört.
Er wusste, dass es ihr schlecht ging und hatte sich schon grosse Sorgen gemacht, als sie noch in Tiefenbach krank im Bett lag - doch nun war seine Sorge kaum auszuhalten.

In seinen Gedanken versunken bemerkte er den Pagen nicht, der sich ihm nähert und er wurde erst nach dem dritten, nun diesmal etwas lauter gerufenden, 'Sire' in die Wirklichkeit gerissen. Er blickte hinunter zu dem Pagen und sah ihn etwas erbost an, da er ihn in seinen Gedanken störte, als dieser nach einer Verbeugung kurz darauf zögernd anfingt zu sprechen.

''Sire. Ich habe Tiefenbach abgesucht, ebenso weite Teile der Hauptstadt. Aber ich habe sie nicht gefunden. Sogar im Tempel der Viere war sie nicht, Sire.''

Der Tempel. Es schien ihm wie Schuppen von den Augen zu fallen. Dort muss sie sein - Im Tempel der Elementarherren. Sie muss einfach dort sein... wenn nicht...

Die Faust des jungen Ritters ballte sich und er ergriff sofort darauf die Zügel.
''Informiert einen Sire über meine Abwesenheit'' sprach er noch kurz zum verwirrt dreinblickenden Pagen, als der Ritter rasch antrabte und Richtung Rohehafen eilte.


Zuletzt geändert von Curio: 24.08.02, 13:14, insgesamt 1-mal geändert.

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