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Kein Laut war zu vernehmen im Schrein der Rien, tief unten im Fels, nicht einmal das leise Schwirren der Libellen über dem schwach schimmernden Tümpel. Die Stille war ungewöhnlich und doch beinhaltete sie nichts beängstigendes, noch immer war die Atmosphäre erfüllt von der tiefen Ruhe und Güte der Herrin, noch immer lag das seichte grüne Licht über allem und verwandelte die Kammer in das Abbild der weiten dichten Wälder, durch die das schillernde Licht des Sonnenaufgangs brach.
Der Sonnenaufgang war, den sie fürchtete, schwach und zusammengerollt wie sie dort lag, im Schosse Riens, im kniehohen Grase, unter dem hohen Blätterdach, dem verschlungenen Geäst, das sie wie die Arme der Herrin zu beschützen schien.
Der Sonnenaufgang war Aufbruch auf einen fremden Weg. Und es waren die schwersten Schritte die sie jemals gegangen war.
Tief sass der Schmerz in ihrer Brust, jeder Atemzug brannte wie die Flammen Ignis, jeder Husten schien sie ersticken zu wollen und hinterlies eine blasse rote Spur in ihren Handflächen.
Es war nichts von Schönheit mehr an diesem Menschenkind, das schmale Gesicht fahl und eingefallen, die Lippen farblos, die hellen Augen, die einst strahlen konnten wie Astraels Sonne, erloschen. Es war die schwere Krankheit, die das Ende erzwingen wollte, die ihr jede Lebenskraft entzog und nichts mehr liess von der anmutigen, regen Gestallt. Die flinken Bewegungen waren verschwunden, der wache, zweifelnde Blick, die leichtfüssigen Schritte und das helle, warme Lachen.
Sie hatte spüren können, wie es nach ihr griff und sie niederzudrücken versuchte. Lange hatte sie Stand gehalten, den Kopf gehoben und die aufrechte Haltung nicht aufgegeben. Sie hatte die tiefe Furcht getragen, nicht stark genug zu sein, und doch war sie es gewesen, die alle Stärke in sich aufgebracht hatte, als die Zeit danach rief. Dann kamen die Schmerzen, der stechende Atem, nie hatte sie daran geglaubt, dass es der Wille der Götter war, dass sie ihren schmächtigen Körper erfassten und die gebrechliche Hülle zernagen würden.
Sie war gekommen um nicht alleine Morsans Hallen zu betreten, sie war gekommen, um das Geleit der Mutter und Herrin zu erbeten, Riens Hand sollte sie leiten, jene unter deren Schutz sie geboren ward, von jener alleine wollte sie zu den Toren Morsans geführt werden. Es würde keine Furcht mehr in ihr sein, nicht solange die Herrin um sie war. Die Zweifel würden schwinden und sie würde das Schicksal annehmen, dass die Götter ihr auferlegten. Nichts hatte das bedingungslose Vertrauen zerstören können, weder Schmerzen noch Qualen, weder die Ungewissheit vor dem, was da kommen mochte. Erlösung würde Morsan bringen, wenn er die Bürden von ihr nahm.
Ihre schmalen Hände umfassten in gewohnter Weise das Amulett, das auf ihrer Brust lag und sich bei jedem beißenden Atemzug hob und senkte. Sanft und demutsvoll hielten sie es, allen Leiden zum Trotz. Sie liess das Haupt hinab sinken, schloss die Lider ohne den Glanz in den hellen Augen je zurück zu bringen. Und dann sprach sie mit schwacher, heisserer Stimme ihre Worte, die letzten und notwendigsten, die sie an die Herrin zu richten hatte:
Begleite mich noch einmal nur an diesem Tage
Das ist alles worum ich bitte
Bedecke mich mit deinen schützenden Schwingen
Ich kann nicht mehr weiter gehen
Ich bin so mit Angst erfüllt
Mögest du sie von mir nehmen
Und wenn die Schatten mich zu Boden schlagen
So verweile bei mir
Begleite mich noch einmal nur in dieser Nacht
Das ist meine einzige Ersuchung
Wache noch einmal über meinem letzten Schlaf
Das ist alles, dessen ich gewiss sein muss
Dass mein Glauben niemals stirbt
An all die Wunder in dieser Welt
Nur noch wenige Momente andauernd
Ist dein Schutz das einzige, nach dem ich nun flehe
Begleite mich noch einmal nur bis zum Morgengrauen
Ich bin so hilflos wie niemals zu vor
Lass mich die Vögel noch einmal singen hören
Bewahre das schwache Leuchten in mir
Ich kann die Worte nicht länger sprechen
Sollte ich niemals wieder kehren
Möge ich geleitet sein von dir
Zu den stillen Hallen, in denen ich Ruhe finden werde
Die schmalen Hände lösten sich von dem matten Metal um ihren Hals, ihre Lippen schlossen sich bebend. Dort unter dem Baume ruhend und darauf wartend, dass Rien sie führen würde.
Ein leises Knarren der schweren Eisentür, das die Stille des nahen Todes unterbracht, Schritte fest und eilig, die zu ihr drängen, eine ferne tiefe Stimme die voller Sorge ihren Namen rief..
Ganz leicht und allmählich, so schien es, nahm die Herrin die schützenden Hände über ihrem Haupt hinfort um einer andere Macht zu weichen.
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