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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 29.06.16, 06:51 
Edelbürger
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Klirrend knallten die Schwerter aneinander. Ein Degen gegen ein Langschwert. Ein Vollgerüsteter mit Turmschild gegen einen in Stoff gehüllten Fechter.

Der Degen wurde mit der scharfen Klinge des anderen zerbrochen. Doch der Fechter wich nur nach hinten aus. Den schweren Schwerthieben, die von dem hasserfülltem Brüllen begleitet wurden entwindend. Dass der nun Unbewaffnete vor dem anderen zurückwich entflammte die Wut in dem gerüsteten Mann nur noch mehr. Ein Hieb folgt auf den nächsten. Er taumelte und wankte in seiner Wut und seinen Schwertstreichen fehlte es mittlerweile an jedweder Finesse. Es war ein mordlüsternes Gehacke nach dem ihm entschwindenen Ziel. Als der Krieger strauchelte und auf ein Knie herabfiel und die Klinge von ihm davon schlitterte, sah der andere seine Gelegenheit. Er preschte voran.

Doch anstatt dem anderen die Klinge zu entwenden und ihn direkt damit zu erschlagen, hob er das Langschwert auf und ging ruhig zu dem schnaubenden und tobenden Mann der keuchend auf einem Knie verharrte und ihm hasserfüllt entgegen sah.

Die Klinge wurde seinem Besitzer gereicht und im Gegenzug dazu sein Helm abgenommen und sein Schild hinabgedrückt.

"Ich lasse dir deine Waffe. Aber lass mich dein Gesicht sehen, wenn du mich töten willst."

Er erhob sich und blickte zu dem Knienden ab. Und als die Blicke beider sich trafen, senkte der Krieger das Haupt ab. Es gab keine Schlacht an dieser Front, die es zu gewinnen gab. Nur viele Scharmützel, die jedoch sein mussten um sich gewappnet gegen den wahren Feind zu wissen.

Der Krieger richtete sich auf und reichte seinen Turmschild voran.

"..ich weiß nicht, ob ich die Klinge nicht noch einmal gegen dich erheben werde. Aber ich will nicht, dass du dabei zu schaden kommst."

Der Schild wurde angenommen. Die beiden Männer sahen sich in die Augen.

Ein Pakt wurde geschlossen. Eine kleine Welt auf Tare eröffnet, in der es nur sie beide gab und sie einen niemals endenden Kampf ohne Verlierer und Sieger ausfechten würden.

Und diese Erkenntnis und Aussicht erhob die Mundwinkel der beiden, auch wenn die Kampfeslust nicht aus ihrem Blick vertrieben werden konnte.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 1.07.16, 08:55 
Edelbürger
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Die Jagd ging nun über Monde. Die Wölfin schätzte ihre Beute ab. Verfolgte sie. Beobachtete sie.

War es wirklich ein Lamm? Hatte ein Wolf ein Lammfell übergezogen? Die Unsicherheit trieb die Wölfin immer wieder zurück. Manchesmal schnappte sie, doch wurde sie zurückgebissen.

Und dennoch war es nie ein ebenbürtiger Kampf. Sie war die Jägerin geblieben, der andere das schwer einzuschätzende Opfer. Aber das Opfer war nicht alleine.

Ein Krieger, ein Löwe und ein ungesehener Hüter im Schatten begleiteten das Lamm? den verhüllten Wolf? Die Wölfin konnte schnell erkennen, dass der Krieger keine Gefahr war. Er war stark und seine Loyalität ungebrochen, aber er zog sein Schwert nur dann wenn tatsächliche Gefahr erkennbar war. Der Löwe hingegen kreiste um ihre Beute. War es des Löwen Beute? Oder war der Löwe auch ein Wächter, nur verbissener und schneller zu reizen als der Krieger? Der ungesehene Hüter wurde nicht als Gefahr erkannt. Kein Gedanke an ihn verschwendet.

Das Opfer verharrte doch die meiste Zeit inmitten des Kriegers und des Löwen. Fraglich wie eng die Bindung zu dem Hüter war, doch das Opfer zog sich jeden Tag in dessen Hort zurück. Ein Hinweis, dass die Wölfin dort nie Willkommen sein wird, wohingegen der Löwe und der Krieger frei in diesem Hort sein durften zu jederzeit?

Die Wölfin hat erkannt, dass sie in diesem ungleichen Rudel nichts verloren hatte. Aber der Drang das Opfer zu reißen, die Jagdlust, wurde umso mehr entfacht. Hin- und hergerissen zwischen Blutlust und Wolllust suchte sie den richtigen Moment.

Und so folgte sie gnadenlos. Nutzte jede Gelegenheit in dem das Lamm so naiv war seine Hüter nicht bei sich zu wissen. Und am Ende sprang die Wölfin auf das Lamm, riss und zerfetzte es, nur um festzustellen, dass kein Wolf sich darunter befand, sondern ein leicht zu lenkendes junges Tier, das jede Wahrheit akzeptierte, solange sie mit Liebe im Herzen gesprochen wurde.

Das Lamm ergab sich unterwürfig, weil es sich nicht wehren konnte, selbst wenn es erkannt hätte, dass es im Grunde etwas unrechtes tat. Doch als die Zähne der Wölfin in seinem Nacken verharrten, hoffte es darauf, dass seine Mutter käme um die Wunden die folgen würden, zu heilen.

Das Opfer hatte nicht bereut die Opferrolle zu akzeptieren. Dennoch war es nicht so unbeschwert wie es im Grunde hätte sein müssen.

Die Wölfin leckte und heilte seine Wunden und das Lamm vergewisserte ihr, dass es nicht weh tat und es keine negativen Gefühle verspürte. Keine Lüge wurde gesprochen.

Aber dennoch fühlte es den Keim des Verrats als es wieder zu seinen Wächtern zurückkehrte. Es hatte sich aus ihrem Schutz begeben, obwohl es davor gewarnt worden war.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 3.07.16, 11:00 
Edelbürger
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Auf dem Weg zu Tendarions temporären Exil versuchten weder Janus noch Maluk die triste Stimmung in irgendeiner Form zu lockern. Sie wussten sie konnten dem Elfen nichts vormachen mit einem falschen Lächeln und losgelösten Worten. Sie wussten, dass es einfacher war Tendarion gegenüber ehrlich zu sein, da er die Wahrheit so oder so erkannte.

Manchmal fragte sich der Elf wie sein Umfeld sich in seiner Gegenwart fühlen musste. Nackt, ausgebreitet und ohne jede Form von Kontrolle darüber, seine Emotionen verbergen zu können. Maluk hatte keine Probleme damit. Er hatte Tendarion gegenüber mehr Vertrauen als es gut war.

Der Stich im Herzen des Elfen war schmerzhaft. Er war immer um Wahrheit und Offenheit bemüht. Doch Maluk wollte er nicht mit seinem kopflosen Entscheidungen und seinen selbstsüchtigen Taten verletzen. Aber er hatte es Janus versprochen. Der Elf wird Maluk alles eröffnen, was er vor ihm verborgen hielt. Tief atmete er durch und sogleich wandten sich die besorgten Blicke seiner Begleiter auf ihn. Tendarion zwang sich zu einem Lächeln und er schüttelte angedeutet den Kopf. Die Zeit war noch nicht gekommen. Er musste mit dieser Schuld und diesem Stich im Herzen vorerst leben. Es war eine angemessene Sühne für den Verlust seiner Selbstbeherrschung. Tendarion sollte am längsten darunter leiden, dass er sich selbst über andere - über die, die er liebte - stellte.

Janus. Janus war wie der Elf. Berechnend darum bemüht seine Gefühle zu unterdrücken, der Meinung alles alleine überstehen zu können, nur um am Ende sich eingestehen zu müssen, dass nichts einem davon weiterbringt. Janus war der scharfe Dolch. Tödlich, nützlich und stets dazu kampfbereit. Tendarion hingegen war das Messer des Handwerkers. Solange im Gürtel, bis man es wirklich benötigte. Ab und an wurde es geschliffen, doch im Grunde verließ man sich auf das Messer solange bis man erkannt hat, dass es wieder über den Schleifstein geführt werden musste, damit es seinen Dienst vollrichten konnte. Er fürchtete sich nicht vor der scharfen Schneide Janus'. Aber dennoch hütete der Elf sich davor.

Guntram war wie ein Fels. In seinen Gefühlen. In seinen Taten und seinen Worten. Seine Gefühle waren dick eingehüllt von einer unbezwingbaren Ummantelung aus Gestein und Erz. Wollte man mit der Spitzhacke zu dem Kern vordringen, bei dem man wusste, dass sich ein Diamant darin befand, so verletzte man sich an den harten Kanten. Die Schnitte an Tendarions Händen waren jedoch nicht so tief, wie die von Janus und Maluk. Tendarion begnügte sich damit die scharfen Kanten abzuglätten, indem er mit unendlicher Geduld und tatsächlichem innigem Verlangen ihm beizustehen, sich um den verhärmten Diener Astraels kümmerte. Es fühlte sich bisweilen an, als wäre Guntram in der Zeit, wo Tendarion seinen Eid ihm gegenüber schwor bis zu jenem Tag, um drei Jahrzehnte gealtert. Guntram war kein ebenbürtiger Gefährte mehr. Er hatte abgeschlossen mit dem was das Volk und sein Umfeld betraf und wollte nur noch Stabilität, Ruhe und seinem Herrn dienen.

Oftmals dachte Tendarion darüber nach warum Maluk und Janus so sehr vermissen, was Guntram ihnen sowieso nie gewähren würde. Er kam jedoch zu keiner Lösung. War es die Aussicht auf das Bezwingen eines Berges den zuvor noch keiner besteigen konnte, oder war es etwas was der Elf gar nicht nachvollziehen konnte, weil er stets Familie und Liebe um sich hatte?

Natürlich hatte Tendarion weit mehr Menschen verloren als sie drei zusammen. Freunde, Patienten, Kollegen. Er sprach nicht oft davon, weil es nur umso deutlicher machte, dass auch sie irgendwann folgen würden. Aber er hatte sich in den Jahrzehnten, die er ganz jenen widmete eines stets geschworen: Er wollte nie in diese Gleichgültigkeit verfallen, wie es die älteren Vertreter seines Volkes pflegten. Jeder Tod war Tränen würdig. Jedes vergangene Leben sollte beweint werden. Jeder verlorene Seele nicht getötet, sondern sanft oder mit Nachdruck wieder ins Licht gezogen werden. Tendarion wusste - und er mochte es nicht wenn man es ihm stetig sagte - dass er nicht jeden retten kann. Aber war genau die Tatsache, dass man sich auf diesen Worten ausruhte nicht der Grund dafür, dass so viele in das Dunkel abrutschten? War es nicht eine bequeme Phrase zu sagen, dass man nicht für alle da sein konnte und man sich die Trauer und Tränen sparen sollte, wenn man es wieder vor Augen geführt bekam?

Rowen wollte ihn härter machen. Dafür schreckte er nicht zurück den Elfen bloß zu stellen. Nithavela wollte Aurora lieber sterben lassen, als daran zu glauben, dass sie noch lange nicht soweit ist Tare zu verlassen. Lazalantin stellte sein Schiff über die Unversehrtheit anderer. Tion war es lieber jemanden mit privaten Dingen in ihrem Dienst und Handeln zu unterdrücken, anstatt sich um seine eigenen Dinge zu kümmern. Adhemar war in Sphären abgedriftet die an Größenwahn grenzten. Rodrik war in seiner eigenen Welt gefangen und sah jeden der seine Wahrheit nicht teilte als Feind gegen den rechten Glauben.

Sarana war ein Witz von einem Menschen, der vorgibt den Vieren dienen zu wollen, aber ihr Leben und ihre Seele und vor allem das Leben in ihr stets riskierte als würde es nachwachsen können.

Wut baute sich in dem Elfen auf und er konnte sie auch nicht aus seinem Gesicht bannen. Jedem erzählte er, dass die Wut und die überspitzten Gefühle anderer ihn so durcheinanderbrachten. Er hatte nicht vollständig gelogen.

Diese verfluchte Gleichgültigkeit aller, verzehrten ihn selbst vor Wut und Verzweiflung.

Er musste sein Umfeld vor sich selbst schützen. Diese Dunkelheit, die Janus in ihm erkannte, war nicht sein zerbröckelnder Geist. Diese Dunkelheit die er sah, diese schwarze Masse, war der auflodernde Hass Tendarions gegen alles was sich gegen das Leben und die Unversehrtheit der Seele stellten.

Die Wut flaute ab, als er sich von seinen beiden Begleitern verabschiedete. Er ließ nur die Liebe zu, die sie verband. Nur das Gefühl des Vermissens. Er dachte an Guntram und kurz war es dem Elfen schwer um sein Herz, dass nicht auch er da war. Dass er nicht einmal Worte der Aufmunterung an ihn richtete. Doch Liebe musste Schmerzen verursachen, sonst hatte man keinen Beweis dafür, dass sie wahrhaft ist.

Er sah ihnen noch lange nach.

Als er schließlich in der absoluten, zeitlosen Stille auf die Knie sank starrte er auf den Boden und stumme Tränen tropften an seinem Kiefer entlang hinab auf den fruchtbaren Boden unter sich.

Er würde eine Maske der Gleichgültigkeit in der nächsten Zeit erschaffen, auf dass niemand mehr das Bedürfnis hatte seine Gefühle zu ergründen, weil man ihn anfangen würde zu hassen, für das was er geworden war.

Er wollte ihren Hass, denn nur dann konnte er sie aus ihrer Gleichgültigkeit holen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 3.07.16, 18:18 
Edelbürger
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Erster Tag im Exil..

Tendarion hatte lange meditiert und sich dann zu den Schriften begeben, die er schon einmal bewundern durfte. Alt-Auriel war etwas viel liebevolleres und naturverbunderes als das vereinfachte Auriel, das vor allem die Fey'haîm nutzten. Es war berauschend eine Verbindung zu einer Vergangenheit zu haben die selbst seinem Großvater nicht geläufig ist. Tendarion benötigte wo er war keine Nahrung. Glück, Zufriedenheit und Sättigung durchströmte ihn. Es war Perfektion auf Tare. Natürlich war es gerade für einen Fey gefährlich sich dieser Zeitlosigkeit auszusetzen, da er sich zwar nicht in langen Gängen mit Büchern über Büchern verirren konnte, aber durchaus Jahrzehnte, gar Jahrhunderte hier verstreichen konnten, ohne dass es ihm je an etwas mangeln würde. Er musste vorsichtig sein und er hatte demnach ein Zyklen-Glas mit sich gebracht und notierte sich jeden vergangenen Tag mit einem Strich. Er würde die Zeit nicht darüber bestimmen lassen wann er geht, aber er wollte nicht länger bleiben als er musste.

Im Laufe des Tages als er gerade sich der nächsten Steintafel widmete, brach ihm mit einem Mal kalter Schweiß aus. Er würgte und japste nach Luft. Ihm war schlecht und sein Herz schnürte sich zusammen. Panisch sah er sich um. Suchte Eindringlinge. Hoffte den Wächter diesen heiligen Ortes zu sehen un die Quelle des Angriffs ausmachen zu können. Doch nur ein einzelnes kleines Glühwürmchen flog auf ihn zu.

Es setzte sich auf das Knie des nach Luft schnappenden und mit einem Mal verglimmte die Rückseite des Glühwürmchen.

Tendarion würgte wieder und erbrach die letzten Reste seiner zuletzt gegessenen Mahlzeit. Sein Erbrochenes versickerte in der Erde und einige ihm unbekannte Pilze sprossen an dieser Stelle aus dem heiligen Erdreich.

Nachdem nichts mehr in dem Magen des Elfen war, ging es ihm schlagartig besser. Das Glühwürmchen setzte sich auf einen Pilz. Das Licht des Glühwürmchen glimmte einmal schwach auf und erstarb danach vollständig.

Irgendetwas ist geschehen. Etwas gravierendes. Und der Elf musste sich zurücknehmen um nicht sein selbsterwähltes Exil wieder zu verlassen.

Das war nur eine Prüfung. Eine Prüfung des Vertrauens an die Herrin.

Und dennoch zitterte Tendarion vor Angst.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 7.07.16, 08:44 
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Mit nachdenklicher Miene machte der Elf einen Strich auf dem Pergament, das die Zeit die er hier verbrachte festhielt. Vier Tagesläufe waren vergangen und schon innerhalb dieser vier Tagesläufe war etwas von Signifikanz vorgefallen, was das Herz Tendarions aufwühlte.

Er war sich sicher, dass die Herrin ihm diese Visionen nicht gezeigt hätte, wenn es etwas wäre, dass er nicht hätte verhindern können. Etwas, was ihn in seinen Grundfesten erschüttern würde, wenn er erfahren würde, was geschehen war. Aber er hatte eine Aufgabe. Er hatte seinen Dienst nie auf die leichte Schulter genommen, aber er wusste, dass er nicht so weitermachen konnte wie bisher. Naiv und unbedarft. Hoffnungsvoll, dass einem Diener der Herrin nie etwas geschehen würde. Immer auf die Tatsache berufend, dass er nie einen offenen Kampf suchen würde und versuchend zwischen Parteien zu vermitteln, anstatt eine Entscheidung zu treffen, die ihm ebenso Feinde schafft.

Er hatte es versucht.

Dennoch wurde er als Kriegstreiber, Lügner und Eidbrecher dargestellt. Als inkompetent, wenig verantwortungsbewusst und gefühlskalt.

Er hatte es wirklich versucht für Freund und Feind gleichermaßen eine Konstante zu sein. Und mehr Freunde hatten ihn letztendlich verraten und Feinde sich als verlässlich entpuppt. Wie sollte Tendarion unter diesen Umständen richtig agieren, wenn weder ein großes Herz, noch unnachgiebige Strenge, noch der Mittelweg erwünscht ist? Die Stiche in seinem Herzen, von jenen die ihn als ihren Vertrauten sahen und dann verraten haben, weil sie ihn nicht verstehen wollten oder aber meinten sie wüssten besser als er, wie der Elf glücklich zu sein hat, bluteten und brannten nach wie vor.

Er wollte nicht mehr von anderen gesagt bekommen, wie er glücklich zu sein hätte. Tendarion wollte auch nicht ständig gefragt werden, ob er sein Herz erleichtern wollte. Es ging niemals um ihn. Er wollte das unaufdringliche Vogelzwitschern im Wald sein, dass man nur dann zur Kenntnis nimmt, wenn der Singvogel sich bemerkbar macht. Aber er würde fliehen weiterhin, wenn man versuchen würde sein Nest zu finden - seine wahren Gefühle aus ihm zu erpressen, weil man ihm einreden wollte, dass er niemanden vertrauen würde.

Seine einzige Aufgabe auf Tare war es Liebe und Verständnis in das große Ganze zu bringen - Einzelschicksale waren irrelevant. Auch sein Schicksal war irrelevant, solange sein Dienst und sein Leben voll und ganz im Sinne der Viere weiterhin stünde. Nie wieder wollte er straucheln oder stolpern, sondern seine wahren Gefühle fest in seinem Herzen verwahren und niemanden, den er nicht selbst in sein Herz einlud, dort wieder hineinlassen.

Und der Gedanke daran zerrte an seinen eigenen Vorstellungen, wie man mit anderen umzugehen hatte; zerrte an der Liebe, die er im Grunde für alle fühlte und auch zeigen wollte. Aber wenn ein strenger Blick und ein tadelndes Wort deutlicher machte, was für Tare wichtig ist, dann wollte er seine eigenen, wahren Gefühle dafür opfern.

Sich selbst zu opfern, um anderen Glück zu bescheren, beruhigte jedoch sein Herz.

Er dachte an jene die er in sein Herz eingelassen hatte und ein sachtes Lächeln stahl sich auf seine Lippen.

Heute würde er den Tag in Meditation verbringen. Alles von sich weisen, was ihn belastete. Sein Glück, seine Liebe und sein Dienst an der Herrin, waren die einzigen Dinge, die er sich gewähren würde.

Und erstmalig seit vielen Monden fühlte er, wie glücklich er im Grunde doch war. Und wie gut es sich anfühlte, nicht ständig gesagt zu bekommen, dass er sich zuviele Gedanken und Sorgen machte. Dass er einfach seine Gefühle zulassen konnte, ohne durch den Druck von außen gezwungen worden zu sein, sie wieder fest zu verwahren, weil man in einer Träne des Elfen den Untergang Tares sehen wollte.

Er konnte frei atmen.

Endlich.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 7.07.16, 20:23 
Edelbürger
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Tendarion war etwa 25 Götterläufe alt, als er seiner Mutter das erste Mal bei einer Geburt beistehen durfte.

Er wirkte eher wie ein 16 Götterläufe alter Menschenjunge mit seinen femininen und weichen Gesichtszügen. Doch sein ruhiges zurückhaltendes Gemüt täuschte über das jugendliche Aussehen hinweg. Er hatte seine Lehre im großen Hospital in Draconis, das dem Ordo Vitamae und dem weißen Turm eng verbunden war, vor etwa einem Götterlauf aufgenommen zu jener Zeit. Ungewöhnlich jung für einen Fey'haim, aber da er seit einigen Götterläufen zum Hospitalalltag gehörte wie die Hocker auf denen die Heiler saßen und die Betten in denen die Patienten lagen, wäre es seltsamer gewesen, ihn dort nicht zu sehen, als dass er so früh eine derart verantwortungsvolle Aufgabe übernahm.

Selarian, seine Mutter, war eine große Zeit Ihres Lebens als Geweihte der Herrin Feldscherin gewesen, doch wie immer nach der Geburt eines ihrer Kinder war sie die ersten fünf Jahrzehnte in Draconis geblieben und hatte sich in dieser Zeit vorrangig als Hebamme und in der Heilkunst für Kinder geübt. Tendarion sollte natürlich an alle Aspekte der Heilkunst herangeführt werden und so war es an der Zeit sich mit dem Wunder der Geburt zu beschäftigen. Den ersten Atem eines neuens Lebens zu bewundern.

Und auch all jenes was dabei schief gehen konnte.

Die Frau die starke Wehen hatte, war bereits eine geübte Mutter. Sechs Kinder hatte sie großgezogen und auch einige auf dem Weg dorthin verloren. Es interessierte sie nicht weiter, dass ein junger Elf der Geburt ihres neusten Sprosses beiwohnte.

Tendarion wurde die ganze Zeit über übel. Er litt mit der Frau mit, die aber mehr Flüche um sich warf, als dass sie tatsächlich zu leiden schien. Ihr Mann sollte umkommen, weil er ihr das angetan hätte. Das Balg sollte da endlich raus, es saß sowieso schon viel zu lang in ihr. Und Vitama könnte sowieso mal halblang machen weil sie gar nicht mehr wüsste, wie sie das ganze Pack noch ernähren könnte.

Selarian schmunzelte amüsiert vor sich hin. Tendarion war über alle Maße verstört.

Wunder? Schrecken? der Geburt. Er wusste nicht was eher zutraf. Blass und grün brachte er die Tücher und das heiße Wasser. Sah wie seine Mutter mit einer seltsamen Zange im Muttermund der Frau herumstocherte.

Tendarion war sich nicht so recht sicher auf welches Gebiet der Heilung er sich konzentrieren wollte, aber Amputationen - mit Breichreizangriffen in den Ausschnitt einer Geweihten mit üppiger Brust - und Geburten - mit hysterischen Frauen die Tare in die Niederhöllen fluchte - waren nicht die erfreulichsten Ereignisse seines bisherigen Lehrjahres.

Seine Mutter zog schließlich aus dem Schoß der kreischenden Frau ein schleimig-rötliches Ding und legte es Tendarion in die Arme die er bereithalten sollte mit einem ausgekochten Tuch.

Und da hatte Tendarion mit einem Mal einen kleinen verschmierten Menschenjungen, mit von der Geburtszange deformiertem Kopf, der das weiße Laken mit einem zähen pechschwarzen Stuhl verunreinigte und den Elfen erst einmal genauso charmant anbrüllte wie seine Mutter. Nur etwas weniger eloquent.

Und ab dem Zeitpunkt war Tendarion von Kindern hin und weg.

Er begleitete seine Mutter schon einen Wochenlauf später in das Waisenhaus, in der sie als Heilerin arbeitete, wenn sie nicht als Hebamme benötigt wurde und er wusste eindeutig, dass er sein Leben dem Dienst an den Kindern widmen wollte. Nie verlor er die Geduld. Nie wurde er wütend, wenn seine Ohren wieder einmal klingelten als die kreischenden Stimmchen sein Gehör überforderten. Kinder waren für ihn der Beweis dafür gewesen, dass es immer einen Grund geben würde, für den es sich lohnte weiterzuleben.

Er vollendete seine herkömmliche Lehre in zehn Götterläufen im Hospital und verpflichtete sich danach für die Nachtdienste. Seine eigentliche Arbeit vollführte er jedoch stets im Waisenhaus tagsüber aus.

Er akzeptierte, dass viele Säuglinge starben. Er mochte es nicht zu akzeptieren, dass es auch jene gab die ihr Kind nicht bekommen wollten, wenn sie schwanger wurden, obwohl es ihnen nicht erlaubt war einen Geliebten zu haben oder bereits im Bund mit jemand anderen standen. Aber er wusste, dass es nicht an ihm war jemandem vorzugeben wie er sein Leben zu führen hatte.

Er konnte sich nur darin üben, ihnen die Alternativen aufzuzeigen und im Guten darauf hoffen, dass sie den besten Weg für sich und das Kind gingen.

~~~


Mit einem sachten Lächeln erwachte Tendarion. Er liebte seine Vergangenheit. Die geprägt war von persönlichen Erfolgen und auch Rückschlägen. Es war so einfach als er einer unter Vielen war, zu dem man ging, weil er für etwas Bestimmtes da war. Weil man wusste welche Erwartungen Tendarion erfüllen konnte.

Seit er auf Siebenwind war, war er zu einem Allzweck-Hybriden verkommen der Akzeptanz durch seine Verlässlichkeit fand. Doch rissen zuviele an ihm. Und er war nicht mehr verlässlich für andere, sondern das Leben auf der Insel für ihn zur Last geworden.

Kinder nahmen die Hand die man ihnen reichte. Aber nie rissen sie einem dafür den Arm aus. Er wünschte sich oftmals er hätte sich von seinem ursprünglichen Plan sich ganz den Kindern zu widmen nie abgewandt.

Er versuchte nun die sprichwörtlich ausgekugelten Arme wieder einzurenken. Danach würde er seine Hände nur noch jenen reichen die nicht danach schrien, sondern ruhig darum baten. Tendarion war niemanden eine Hilfe, wenn er sich selbst immer wieder verlor.

Wenn er wiederkehrte würde er den Schwertstreichs zunächst einen Besuch abstatten. Möglicherweise waren sie jedoch froh, dass sie endlich ruhiger schlafen konnte, ohne die Störung von oben...

Der Elf schmunzelte etwas und machte sich daran sich seinen Büchern zu widmen. Er kam nicht umhin etwas ganz anderes zu vermissen. Wann war es das letzte Mal wo er mehr als drei Nächte ohne einen nackten Körper neben sich aufwachte?


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 9.07.16, 18:01 
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Er war so strebsam wie lang nicht mehr. Er hatte schon einige Pergamente vollbeschrieben, Skizzen angefertigt, sogar gedichtet. Immer öfter erwischte er sich dabei wie er, um die zugebenermaßen ungewohnte Stille zu durchbrechen, die Lieder, die seine Mutter gerne bei ihrer Gartenarbeit sang, sich wieder neu beizubringen.

Manchmal fehlte ihm ein Wort. Manchmal verdrehte er die Zeilen. Aber die Gewissheit, dass niemand da war um seinen Gesang zu bewerten, sorgte dafür, dass er die Töne weit sicherer traf, als er es sich zugetraut hätte.

Er mochte die wilde Musik auf Festen nicht wirklich. Galadonische Kneipenlieder und Unterhaltungsgesänge trafen noch weniger seinen Geschmack. Eine elfische Weise jedoch, mit einem melancholischem Kern von einer weiblichen Vertreterin seines Volkes vorgetragen - jene liebte er.

Als er noch deutlich jünger war und schwärmen von lieben noch nicht auseinanderhalten konnte, da war er oft in begnadete Sängerinnen seines Volkes verliebt. Vor allem jene, die seiner Mutter ähnlich sahen. Dunkles hüftlanges Haar. Milchigweiße Haut und dunkle Augen. Ein sinnlicher blassroter Mund, der die zarten und traurigen Töne durch die verführerisch glänzenden eingesalbten Lippen hauchte. Wenn ihre Magie die Klänge unterstützten und begleiteten. Den Moment wo sie ihre feuchten Augen öffneten, da sie von dem Schicksal des Helden oder Geplagten in ihrem Lied, aufrichtig betroffen waren. Das melancholisch-liebevolle Lächeln, das als Dank folgte, wenn sie sah, dass ihr Herz das Herz der anderen ebenso berührte.

Tendarion drehte sich auf den Rücken und fühlte sich mit einem Mal dreißig Götterläufe jünger. Er erinnerte sich daran als er am nächsten Morgen das erste Mal in seinem Leben mit offensichtlicher körperlicher Erregung aufwachte, als seine Nacht nach der Aufführung Lindiriels, nur von ihrem duftenden Haar und ihren lieblichen Lippen geprägt war, die Lifna in seinen nächtlichen Träumen durchweg sehr lebhaft festgehalten hat. Nur Schemen von dem, was tatsächlich geschah. Der Geruch, ihr Duft und das Gefühl ihrer langen Haare auf seiner Haut berauschten ihn viel mehr als jede Berührung die sie hätten austauschen können.

Aber Lindiriel war von allen Fey zwischen fünfzig und fünfhundert Götterläufen so sehr begehrt, dass der noch viel jüngere Tendarion schon gar nicht daran denken konnte, dass er ihr je auffallen würde. Und so verblieb es auch, bis er nach Siebenwind kam.

An weibliche Fey konnte man sich auf der Insel nicht halten. Er hatte die eine Schwärmerei für die Fey'haîm, die sich jedoch mit ihrem Rauchkraut-Konsum als äußerst unattraktiv herausstellte. Dann war da Anwyn.

Ein leises Seufzen entfuhr ihm. Er war naiv genug zu denken, dass er ihr nicht weh getan hat, indem er seine Gefährten ihr bevorzugt hatte. Auch war er naiv genug, zu denken, dass sie trotzdem an seiner Seite bleiben würde. Er vermisste sie. Ihre mahnenden Worte. Ihren Humor. Nie würde er vergessen wie sie in ihrer Verzweiflung und Trauer ihn küsste. Welch' ungeahnte Höhen an Lust ihm dieser kurze Moment bescherte, als die Lippen sich berührten, sie seine Ohren umgarnte. Hätte er sie nicht aufgehalten, dann wäre er ihr wohl in diesem Moment endgültig verfallen.

Er vermisste sie. Aber er verstand es, dass sie es nicht ertragen konnte hinter einigen Menschen stehen zu müssen. Vitama hätte sie über ihr akzeptiert. Aber gewiss nicht einen anderen Geliebten oder eine andere Geliebte. Gedankenverloren und betrübt drehte er sich zur Seite und streichelte über das Fell auf dem er lag. Als er jedoch seine Augen schloss und er sah wofür er sie hat gehen lassen, hatte er kein Gefühl des Bereuens.

Er erinnerte sich an seinen ersten Kuss. Und ein Lächeln zauberte sich auf seine Lippen, als er verträumt beiseite sah. Der Moment war so richtig, so erhebend. Er konnte den Blick, von ungewohnter Unsicherheit? und Lust geprägt, nicht vergessen. Wie sie gestritten haben. Wie Tendarion ein schlechtes Gewissen hatte und alles zwischen ihnen wieder richten wollte. Wie er sein Gegenüber beruhigte. Seine Stirn gegen die andere Stirn lehnte. Vielleicht hatte er nur eine Erinnerung geweckt. Vielleicht ging es nie um Tendarion. Vielleicht ist das was daraus erwachsen war, nie etwas was für Tendarion bestimmt war. Er war ein Buch geworden. Jemand der die Worte und Taten des anderen weiterträgt, und dafür ab und an mit einem Lächeln und dem Gefühl gebraucht zu werden belohnt wurde.

Seine Leidenschaft wurde von jener Person geweckt, aber nie befriedigt. Er ist das Werkzeug geworden, durch einen Eid gebunden. Und durch die Tatsache, dass Tendarion diesen nie brechen würde.

Die darauf folgenden Begebenheiten hingegen waren von deutlich anderer Farbe gefärbt. Rot. Bellumsgefällig. Ein steter Kampf der Lust. Und dennoch war es nie gezwungen. Nie anstrengend oder einschüchternd. Die Leidenschaft die in ihm entfacht wurde, dieses Heranführen an bedingungslose Liebe, wurde befriedigt und Tendarion band sich ein zweites Mal - diesmal aus Selbstsucht.

Die dritte Begegnung hingegen war ein Gemisch aus tiefen Gefühlen der Freundschaft, aus einem sehr starken Schuldbewusstsein und dem deutlichen Ansinnen nach Bestätigung in seinem Dienst. Liebe und Lust wurde zu Eifersucht. Eifersucht zu Wut. Und Tedarion grundlegend daran Schuld und dennoch von beiden nicht als der Schuldige angesehen. Die Wut verebbte. Die Liebe und Lust blieb. So auch die Eifersucht.

Und Tendarion war hin- und hergerissen zwischen der aufrichtigen körperlichen Treue und der Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber.

Es ließ ihn keineswegs unberührt, wenn er an die dunklen Haare und grau-silbernen Augen dachte. Die Kleidung die auf seine Worte hin angepasst wurden. Dieser aufrichtiger Beschützerinstinkt und das Ehrgefühl. Tendarion erfüllte das alles mit einer Form von Lust, die nicht vergleichbar war mit dem was er zuvor für andere empfand. Eher war es als wollte Tendarion mit seiner Lust und den Berührungen deutlich machen wie sehr er dieses Verhalten schätzte. Wie sehr er begehrte. Es war eine ruhige und nachhaltige Lust, die keiner körperlichen Befriedigung bedurfte.

Und dann war da dieses eine Mal.

Es begann als eine liebevolle und unsichere Bitte. Er sah es nicht im geringsten als Betrug oder Verrat an. Es war ein Teil seines Dienstes. Ängste zu nehmen, wo es keiner Ängste bedurfte. Er hörte die ungewohnt zögerlichen Worte. Spürte dieses Verlangen und auch diese Unsicherheit. Aber vorrangig die Aufrichtigkeit.

Und dann kam der Tag. Als er sie berührte und begehrte. Als er ihr Lust verschaffte. Doch danach war irgendetwas geschehen, das sein ganzes Bild von Lust, Begehren, Zeit und Wildheit, veränderte. Und er musste sich eingestehen, dass selbst Alkohol ihn bisher noch nie so losgelöst hatte wie diese Begegnung. Immer noch fühlte er sich als hätte er aus einem kleinen Welpen eine ungezähmte Wölfin gemacht. Doch anstatt, dass er sich in Stolz und Zufriedenheit, ob dieser Errungenschaft wähnte, war er doch etwas verunsichert, wie sehr es ihn aufgewühlt hatte und wie er diese Gedanken vor allem nicht losbekam.

Das war eine Sphäre, die er zuvor noch nicht betreten hatte. Und er hatte Angst davor was geschieht wenn er es gestehen würde. Und da es so eine große Bedeutung in dem Elfen hatte, konnte er es nicht mehr nur als vitamagefälligen Dienst ansehen und als eben jenen schweigsam beiseite schieben. Er hatte sich eine Wölfin gezähmt. Jetzt musste er auch damit zurechtkommen, dass sie an seiner Seite blieb.

Überfordert sah er zum endlosen Himmel auf der über ihm war. Ein Sternenmeer das natürlicher und übernatürlicher nicht sein könnte.

Und trotz allem musste der Elf mit einem Mal auflachen. Ein ruhiges und amüsiertes, vom Herzen kommendes Lachen.

"Ach Mutter, wenn du nur sehen würdest wie dumm dein Sohn geworden ist. Herz über den Kopf stellend. Ärger um Ärger heraufbeschwörend. Und jedweden Respekt von Wochenlauf zu Wochenlauf verspielend. Wem kann ich es denn noch recht machen? Wohl nur mir selbst. Und wer mir auf dem Weg folgen möchte, den nehme ich gerne mit. Alle anderen haben genügend Pfade, die ich sowieso nie beschreiten werde. Wenn sie mich dann und wann besuchen wollen auf meinem Weg, dann nehme ich sie mit, aber ihre Hände werde ich nicht mehr dabei halten."

Er drehte sich wieder auf die Seite und er lächelte vor sich hin. Es wird nicht einfach zurückzukehren. Aber schon jetzt merkte er, dass seine Entscheidung, diese Ruhezeit zu erzwingen, richtig wahr.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 12.07.16, 19:44 
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Der neunte Tageslauf war vergangen.

Zwei neugierige Qwns fanden sich vor einigen Tagesläufen in Tendarions neuem temporären Heim ein. Es war erstaunlich wir er nun auf nonverbaler Ebene mit ihnen kommunizieren konnte. Die kleinen Lichtwesen hatten ebenso wahrnehmbare und weitaus komplexere Emotionen als Tiere.

Erst mieden sie Tendarion. Es wirkte schüchtern und unsicher, aber die Neugier war nicht zu verkennen. Also beließ es Tendarion dabei seinem neuen Tagesrhythmus zu folgen, der von Meditation, Gebet, geistiger und kreativer Arbeit und einer großen Portion einfach nur faul auf den Fellen zu liegen und über alles nachzudenken wozu er aufgelegt war, geprägt war.

Doch ignorierte er die beiden Qwns nicht. Vielmehr hatte er die Anwesenheit der beiden als sehr positiv angesehen um seine Gabe an ihnen auszuprobieren. War er in der Lage sich von ihren Emotionen abzuschotten? Oder war es ihm wenigstens möglich eine klare Struktur, die seine eigenen Gefühle und die Gefühle anderer abgrenzt, zu erschaffen?

Offenbar hatten die Qwns eine enge Bindung zueinander. Wie Geschwister oder Liebende. Sie waren stets beisammen und jedesmal wenn ihre Lichter sich striffen und sie sich sehr nahe kamen, fühlte Tendarion diese Emotionen, wie er sie wahrnahm, wenn er seine Liebsten um sich hatte und berührte. Sie hatten offenbar aber auch Momente wo sie sich aneinander störten und ein kurzes Aufflackern von Genervtheit oder Wut war ab und an wahrzunehmen. Dann wiederum merkte er eine gewisse Verspieltheit wenn einer von ihnen mit einem Mal verschwand und hinter dem anderen Qwn plötzlich auftauchte. Ein kurzer Schreck des einen und eine liebevolle Fröhlichkeit des anderen.

Es war als würde er von zwei Kindern umgeben sein. Einfache und nachvollziehbare Emotionen die mehr aussagten als jedes gesprochene Wort.

Ein Lächeln wurde ihm entlockt und er beobachtete die Wesen erfreut. Wenn sie es wünschten würde er ihre Neugier befriedigen und möglicherweise könnte er mit ihnen Freundschaft schließen?

Eine gewisse Vorfreude und auch eine nicht wegzusprechende Zufriedenheit darüber wieder etwas Gesellschaft zu haben erfüllte den Elfen. Die nächsten Tagesläufe und Wochenläufe versprachen interessant zu werden.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 13.07.16, 16:40 
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Langsam hob Tendarion die Hand und streckte den Zeigefinger aus. Ganz vorsichtig nur bewegte er den ausgestreckten Finger auf das? den? die? Qwn zu.

Sein Gefährte war gerade entschwunden. Offenbar hatten auch Qwns Aufgaben oder Bedürfnisse, die es allein zu erfüllen galt. So verblieb das andere Qwn bei Tendarion und entpuppte sich als ungemein mutiger. Ein leises glockenhelles Schellen erklang, als Tendarion schließlich den Lichtorb um das Wesen berührte. Und da kam auch die emotionale Spitze, die Tendarion zu erwirken hoffte.

Es war offenbar über alle Maßen erschrocken, dass dieses große Wesen es berührte und zuckte von dem Finger zurück und zerfiel in feinsten, glitzernden Staub, ehe es einige Schritt weiter weg wieder auftauchte und hinter eine der Säulen verschwand. Der Elf konnte das gehetzte Gemüt wahrnehmen. Die Unsicherheit. Die Verwirrung. Die Angst.

Und so konzentrierte er sich darauf diese Gefühle in seinem Herzen zuzulassen; in seinem Kopf zu zerlegen und schließlich das gewöhnliche Gefühlschaos das darauf folgte für den Moment zuzulassen.

Sogleich stieg sein Herzschlag an, als wäre er selbst von der Angst betroffen. Seine Unsicherheit steigerte sich über ein Maß, das seinem jetzigen Gemüt nicht zu Gute kam. Er war verwirrt und dies steigerte seine Angst.


Sogleich war er von dem Problem heimgesucht was ihn nun schon einem halben Götterlauf quälte. Emotionen zu fühlen die nichts mit seiner Gedankenwelt zu tun hatten und dafür aufgrund der nicht erklärbaren Fülle an nicht zuordbaren Emotionen seine Gedankenwelt letztendlich doch einnahmen. Sein Kopf rauschte für gewöhnlich wenn er mit Worten und Emotionen anderer kollidierte und aus reiner Gewohnheit versuchte diese Gefühle in seinem eigenen Kopf zu verarbeiten und dabei gnadenlos scheiterte noch dem eigentlichen Thema folgen zu können.

Wieso hatte sein Gegenüber Wut, obwohl er über triviale Dinge wie eine Bitte um ein Pergament sprach? Wieso hatte der andere Freude, als er jemanden auf dem Markt stolpern sah und jener seine Waren über den Boden verteilte? Warum reagierte ein Wachmann mit Lust wenn eine aufgewühlte hübsche Frau vor ihm stand und verzweifelt um Hilfe bat, weil jemand in ihrem Haus eingebrochen hat?

Tendarion fiel es von Mal zu Mal schwerer diese konträren Gefühle in solchen Situationen zu ignorieren. Je heftiger die Emotion anderer, desto mehr wurde er abgelenkt von seinem eigentlichen Gedanken und Dienst. Selbst seine Arbeit wurde immer mühseliger. Er ertrug es nicht mehr wenn ihm jemand beim Heilen half, oder generell ihn bei der Arbeit ablenkte. Er schloss sich immer mehr im Büro ein und beschäftigte sich lieber mit Akten. Pergament und Tinte war ihm ein größerer Freund geworden, als dieses widersprüchliche Umfeld.

Er hatte angefangen in seinem Dienst Fehler zu machen weil er versuchte auf die Gefühle und die widersprechenden Worte gleichermaßen Rücksicht zu nehmen. Manchesmal machte er es genau so weitaus schlimmer als es zuvor war, aber er wusste nicht mehr zu unterscheiden, ob Wort oder das Herz des anderen überwiegen sollte. Und so wurde er selbst launisch in seiner Überforderung. Begann sogar jene zu hintergehen die ihm am meisten am Herzen lagen. Und wurde letztenendes von vielen verlassen die ihm noch ein stückweit Normalität gewähren konnten.

Und zu seiner aufkommenden Verrücktheit schlich sich daraufhin eine immense Verlustangst ein. Da sie alle gehen würden, musste er alle an sich binden, die ihm den Rücken stärken konnten. Und er verlor sich in dem Spiel, bis es nur noch eine Farce aus Verrat und Lustspiel war und keinerlei Substanz mehr da war, da Tendarion diese Substanz selbst zerlegte.

Er hatte jene betrogen, die ihm bedingungsloses Vertrauen schenkten. Und er würde dafür büßen müssen.


Tendarion schloss die Augen. Ehrlichkeit brachte Erkenntnis. Erkenntnis führte zur Lösung. Die Lösung führte zur Prüfung. Die bestandene Prüfung führte zu den Vieren.

Sein Herzschlag verlangsamte sich. Seine sich überschlagenden Gedanken klärten und sortierten sich. Er hatte hier die einmalige Möglichkeit diese Manipulation seiner Gedanken durch die Gefühle anderer in Griff zu bekommen. Die Erkenntnis, dass er ungeschönt sagen konnte was seine Gedanken erfüllte, und dass anderen dies schwerfiel und somit diese konträren Umstände um ihn herum omnipräsent waren, sollte ihm helfen.

Er würden die ausgelegten Fallen, die noch nicht zugeschnappt waren selbst auslösen und in unverblümter Offenheit zu sich und seinem Umfeld stehen. Er konnte nur für andere da sein, wenn er sich selbst unter Kontrolle hatte.

So ging er auf den aufgewühlten Qwn zu und stellte sich der Flut der Emotionen. Er würde es davon überzeugen, dass er verlässlich und stark ist. Und den Moment wo er das Vertrauen des kleinen Wesens für sich gewinnen konnte, würde er sein Exil verlassen. Erst dann würde er seine selbstauferlegte Aufgabe als beendet sehen.

_________________
Seit 20 Jahren im Design-Team und hat voll krass die Ahnung.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 15.07.16, 19:37 
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Sein neuer Freund wurde allmählich zutraulicher. Immer öfter folgte er Tendarion, wenn sein Geschwister nicht zugegen war und schien den Elfen als adäquaten Ersatz, in den Momenten der Einsamkeit, anerkannt zu haben.

Auch wenn keine verbalen Antworten folgten, fand Tendarion dennoch eine neue Form der Kommunikation. Der Elf sprach vor sich hin. Teilte seine Gedanken und was sein Herz bewegte und nahm die sachten emotionalen Schwankungen des Qwns dabei immer deutlicher wahr. Fraglich ob der Qwn ihn tatsächlich verstand, oder ob es ebenso empathisch begabt war. Es spielte keine Rolle für Tendarion. Dass er überhaupt eine Reaktion bekam die nicht als zufällig herabgespielt werden konnte, sorgte dafür, dass er sich immer wohler in seinem Monolog, der an ein Selbstgespräch grenzte, fühlen konnte. Er begann sogar über seine Probleme zu sprechen. Sein leuchtender Freund war nicht daran interessiert sich einzubringen und Tendarion etwas zuzusichern. Wenn der Elf aufgeregt war, weil er sich wieder in seine Gedanken zu sehr hineinsteigerte, wirkte der Qwn unstet und schwirrte um den Elfen herum. Doch als es einfach ruhig über seiner Schulter verharrte und der leise glockenhelle Klang das Ohr des Elfen erreichte, bildete sich Tendarion ein, dass der Qwn versuchte ihn zu beruhigen. Und schon alleine die Tatsache reichte aus um deutlich ruhiger zu werden.

Als er wieder seine Runde drehte, ging Tendarion ruhig an einer der Säulen mit den zeitlosen Ranken vorbei, die nie vergehende Blüten zeigte.

An einem Teil der Ranke wuchsen drei Rosen dicht aneinander. Eine weitere einzelne, deutlich kleiner und unscheinbarer, war abseits. Die dicht gedrängten Rosen hatten unterschiedliche Farbtöne, ohne ihre Harmonie zu verlieren. Die einzelne Rose hingegen war noch zur Hälfte vom Grün verdeckt. Eine junge Rose die in einem halb erwachsenem Stadium in der Zeit festgefroren war. Der Qwn schwirrte wieder über Tendarions Schulter und sah zu den Rosen und das kleine Wesen legte den Kopf schief.

Langsam setzte er sich vor der Säule ab und bestarrte die einzelne Rose. Er erkannte diese Konstellation. Die Bedeutung, warum es ihm gerade hier und jetzt gezeigt wurde.

Keine Warnung. Keine fatalistischte Ankündigung. Sondern einfach ein sanfter Hinweis auf das, was sein Schicksal war. Ehe er es sich versah, rollten schweigend die Tränen seine Wangen herab, ohne dass er tatsächlich die Trauer und den Gram spürte. Es berührte ihn auf einer Ebene die nicht mehr erklärbar war und nicht seinen Geist oder sein Herz beeinträchtigte, sondern seine Seele. Etwas wurde ihm tief in seine Seele gesetzt, dass er erst jetzt voll und bewusst akzeptiert und verstanden hat.

Er würde immer diese halb erblühte Knospe bleiben. Nur ein einziges Mal in seinem Lebem wird er aufblühen können, nur um im nächsten Moment all seine Blütenblätter zu verlieren. Für einen Fey gab es keinen langen Zeiten des Glanzes. Ein dämmerndes Licht im Hintergrund. Ein Stern der rastlos mit seinem Feuerschweif nicht zählbare Generationen hinter sich bringt und am Ende irgendwann auf Tare niedergeht und verglüht.

Sein Blick fiel auf die drei prachtvollen Blüten, und nun zog sich sein Herz schmerzhaft zusammen. Er wusste, dass er viel zerstören wird und dass er schon bald keinen Platz mehr dort finden würde, ohne noch mehr Schmerzen zu verursachen. Vielleicht war es ihm vergönnt sie vom Weiten dennoch zu betrachten. Ihre Zeit der Blüte stillschweigend aus der Ferne zu genießen. Es wäre genug. Wenn nur nicht dieser Schmerz wäre.

Der Qwn setzte sich langsam auf Tendarions Schoß ab und besah den Elfen mit seiner unbewegten Miene. Ein Lächeln wurde dem Elfen entlockt, als er fühlte wie das kleine Wesen einfach nur in tröstender Nähe bei ihm verharrte.

Es spielte keine Rolle wie sehr es den Elfen verletzte. Er hatte es verdient in seiner Selbstsucht. Sein Blick fiel auf die drei Rosen. Es war ausreichend für sie da zu sein, ohne ihnen noch mehr Schmerz zufügen zu können. Die größte Prüfung der Herrin war noch immer die selbstlose Liebe für andere.

Es war jedoch nicht einfach alle zu lieben und dennoch einige wenige mehr zu begehren als den Rest von Tare.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 16.07.16, 22:42 
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Träge blinzelte er die Müdigkeit weg als der Qwn aufgeregt vor dem Gesicht des noch eben schlafenden Elfen herumschwirrte. Aufgeregt flackerte der Lichtschein um das kleine Wesen. Es wirkte seltsam positiv erregt und dennoch unsicher und ängstlich zugleich. Als der Elf den Schlaf vorerst aus seinem Blick gebannt hatte merkte auch er zwei Dinge an sich und seiner Umgebung: Er schien seine arkane Gabe so gar nicht unter Kontrolle zu haben, denn es fühlte sich so an als würde sie jeden Moment aus jeder Pore seiner Haut herausbrechen wollen und auch waren ungewohnte Geräusche zu hören.

Kampfgeräusche. Schritte. Stimmen.

Ohne dass er tatsächlich es beabsichtigte, merkte er wie seine Gestalt sich in mit der Umgebung optisch zu verschmelzen begann. Er konnte nicht auf arkane Weise verschwinden. Das war eine Kunst die fernab seines Könnens war, doch konnte er seine Erscheinung mittels einer Illusion an die Umgebung so sehr anpassen, dass es nur möglich war ihn ausfindig zu machen, wenn man ihn zufällig berührte. Normalerweise kostete ihm dieser Zauber einen immensen arkanen Kraftaufwand und noch mehr Konzentration ihn aufrecht zu erhalten, doch nun hatte er das Gefühl, als wäre der Zauber ihm so selbstverständlich wie das Atmen selbst.

In seiner Müdigkeit war es ihm nicht sogleich bewusst geworden, woher dieser Umstand kam, doch dann kam ihm die Erkenntnis: Lichthoch war angebrochen.

Unweigerlich schwellte freudig seine Brust an, doch kam er nicht umhin aus seiner Freude wieder in das Hier und Jetzt geholt zu werden, als der Kampflärm versiegte und die Schritte sich in den Schrein begaben. Der Qwn verschwand und tauchte an anderer Stelle auf, aber blieb immer in der Nähe des Elfen. Schließlich trat ein kleiner Trupp Söldner in den Schrein.

Junge Menschen. Sie waren von den Sekreten der Pflanzen und Tiere im verwunschenen Wald besudelt und setzten sich schnaufend im Eingang des Schreins ab. Trinkschläuche wurden herum gegeben und Waffen gereinigt, sowie auch die Wunden behandelt, die sie davontrugen. Der Qwn verharrte über den für das bloße Auge nicht wahrnehmbaren Elfen und eine Welle von tiefer Trauer stürzte auf den Elfen ein. Abgelenkt von dieser ungewohnten Emotion fokussierte der Elf den Blick auf den Qwn und schließlich wurde ihm bewusst, wie schmerzhaft es sein musste dass der Qwn wieder einmal Freunde und Geschwister für einige Söldner, die nur auf eine handvoll Dukaten aus waren, verlieren musste. Nicht auszumalen war, wie viele der sanften Qwns die Söldner vernichtet hatten auf ihrem Raubzug.

Tendarion fühlte tiefe Reue. Auch er begleitete einmal eine Kampfexpedition durch den Wald. Aber die Absichten waren anders. Es wurde nur in Gegenwehr gekämpft. Niemand hob eine Waffe gegen jene Wesen die sich selbst friedlich gaben. Und schon gar kein Qwn wurde angegriffen. Der Elf fragte sich ob sein neuer Freund ihn damals sah und nun wiedererkannte. Sanft berührte er das kleine Wesen mit einer Fingerkuppe und kletterte so langsam und unauffällig wie es ihm möglich war die Strickleiter empor. Oben angekommen musste er sich regelrecht zwingen seine Tarnung wieder aufzugeben. Man würde ihn von unten nicht sehen und er wollte dem Qwn in seiner wahren Gestalt Trost spenden. Auch wenn der Elf sich nicht sicher war, ob der Qwn ihn tatsächlich so sehen konnte wie es für ihn und andere humanoide Wesen üblich war.

Die Söldner gaben einstweilen mit ihren Errungenschaften an und zeigten sich gegenseitig die Trophäen die sie erbeutet hatten und teilten sie gerecht untereinander auf. Keine Reue oder Boshaftigkeit war wahrzunehmen. Es war ihr Beruf. Sie lebten dafür zu kämpfen und sie lebtem davon ihre Gegner niederzustrecken. Sie waren wie Holzfäller die jedoch nicht Bäume fällten, sondern Leben nahmen um selbst zu überleben.

Tendarion haderte einige Momente mit sich, ob er hinabging und sie rügte. Ihnen deutlich machte, dass auch die Wesen, die nicht so lebten wie sie und ihre Sprache sprachen, fühlen konnten. Aber Tendarion wollte sich mit niemanden außer den Bewohnern des Schreins und Waldes abgeben, bis er sich entschieden hatte, dass er wieder Herr seiner Sinne und Emotionen war. Keiner würde ihn vorher sehen, außer jene beiden die von seiner Anwesenheit hier wussten. Nur ihnen würde er sich zeigen, denn sie waren sein Grund geworden noch an dem feinen Faden, den sein Verstand noch zusammengehalten hattr, festzuhalten. Aber Tendarion hatte auch erkannt, in jenem Moment, dass es immer mehr Sinn ergab ein schweres Herz zu erleichtern als ein leichtes Herz zu beschweren.

Er bot dem Qwn an sich auf seine Handfläche zu setzen. Nach einigem Zögern ließ sich das Wesen auf der Hand tatsächlich ab und legte sich zusammengekauert auf die Seite und vergrub sein Gesicht in der Handinnenfläche des viel größeren Mannes. Tendarion führte die Finger ein wenig zusammen um einen behütenden Kelch um den Qwn zu schaffen und schließlich führte er die Hand zu seiner Brust und begann mit hauchenden Berührungen den Rücken des Wesens mit den Fingern sanft zu streicheln.

Tendarion hatte so oft andere davon überzeugen wollen, wo sie falsch lagen, in der Hoffnung, dass die Selbsterkenntnis sie dazu brachte ihren Pfad zu ändern. Doch schuf er damit nur unzufriedene Menschen um sich herum. Nicht in der Lage etwas zu ändern, doch mit der Gewissheit, dass sie fehlbehaftet waren. Ihre einzige Reaktion darauf war sich noch mehr an den Elfen zu hängen, anstatt ihre Energie darauf zu verwenden sich selbst zu verbessern. Tendarion hatte soviele von ihnen abhängig gemacht, dass er selbst daran zerbrochen war. Eine nie enden wollende Spirale, in der alle zerstört wurden, die sich darin befanden. Und er selbst war das Zentrum des Ganzen geworden.

Er würde nicht mehr reden, wenn er nicht dazu aufgefordert wurde. Er würde auch nicht mehr seine Meinung dazu äußern, was andere tun. Sie alle sollten ihre Erfahrungen machen und er würde sie danach wieder auf die Beine stellen. Wie ein Vater der seinem Sohn das Laufen beibringt, aber jeden Sturz auf dem Weg dorthin, als etwas unausweichliches einfach hinnehmen würde. Er wollte kein Wegweiser mehr sein.

Er hatte oft genug bewiesen, dass er darin ein elender Versager war.

Der Qwn wurde allmählich wieder ruhiger in der schweigsamen Zweisamkeit und als schließlich die Söldner wieder ihren Rückweg antraten, hob es auch wieder seinen Kopf. Es schwirrte von der Hand des Elfen hoch und flog direkt vor Tendarions Gesicht. Eine kleine nicht ganz so humanoid wirkende Hand wurde auf den Nasenrücken des Elfen gelegt und schließlich erhellte die Umgebung wieder dieses flüsternde, glockenhelle Schellen und mit einem Mal zerbarst der Qwn in abertausende Fünkchen von Leuchtstaub nur um sich unten wieder zu manifestieren und auf seinen Gefährten im Volke zuzufliegen.

Wenigstens konnte er den Söldnern entkommen.

Tendarion ließ sich auf den Rücken ab und ein zufriedenes Lächeln wurde seinen Lippen entlockt. Die Erkenntnis an jenem Tage war, dass er lieber schwieg und jeden für sich selbst ausmachen ließ, wie er mit seinen Problemen umzugehen hatte.

Er war gespannt, wie sein Umfeld darauf reagieren würde.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 21.07.16, 19:14 
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Als die Tinte getrocknet war, schlug er das dünne, jedoch reich verzierte, Buch zu. Genügend Zeit konnte fehlendes Talent und Übung ausgleichen. Eine interessante Erkenntnis. Noch nie zuvor hatte er gezeichnet und gemalt. Gedichte geschrieben und noch dazu dabei gesungen.

Es war auch das erste Mal in seinem Leben, in dem er mit seinem elfischen Namen unterzeichnete. Natürlich hatte es ihm nie jemand verboten seinen Nachnamen in Auriel zu benutzen, aber er wusste, dass sein Vater darauf wertlegte außerhalb der Gemeinschaft der Fey es den anderen Völkern nicht unnötig schwer zu machen. Also benutzte seine Familie ausschließlich den Namen Silberglanz. Nur wenige der ältesten Fey hingegen sprachen seinen Vater noch als Telendarion Celetheyon an. Warum gerade sein Vater jedoch diesen Namen ablehnte, hatte Tendarion nie verstanden.

Aber er hatte verstanden, dass er nie ein Mensch sein konnte. Nie von einem Menschen verstanden werden könnte und gleichsam auch nie die Menschen verstehen konnte. Warum sollte er sich also beugen, nur weil er augenscheinlich den Menschen so nahe war? Warum sollte er nicht ganz die Eigenheiten und Besonderheiten seines Volkes umarmen können und sich nicht darum scheren, was andere Völker davon halten könnten? Er war bisher kein guter Fey, aber auch ein miserabler Mensch. Nichts halbes, nichts ganzes. Ein kleiner Fisch der nicht wusste, welcher Strömung er folgen sollte und demnach gegen seinen Willen vom stärksten Strom mitgerissen wurde. Gewiss hatte der andere Strom seine Vorzüge, doch konnte man niemals hoffen, nur die Vorzüge erleben zu können, wenn man sich selbst zu einem haltlosen Lebewesen machte, das keiner Richtung mit allen Konsequenzen kompromisslos folgte.

Er schloss die Augen und legte sich langsam auf das Fell zurück.

Die Herrin machte ihn zu einem Fey. Die Herrin gab ihm die Möglichkeit nachzuvollziehen, warum die Völker sich nie vollständig verstehen konnten. Aber Vitama hatte nie vor, aus ihm einen völkerverständigen Hybriden zu machen, der selbst ohne jeden Charakter und Willen war.

Tief atmete er ein. Er fühlte sich, als wäre endlich jegliche Last des letzten Götterlaufs von ihm abgefallen.

Er war ein Fey.

Er war Tendarion Celetheyon.


Morgen würde er sich wieder aufmachen und sich erst um seine privaten Dinge kümmern, ehe er sich wieder dem Volk zeigte. Es war an der Zeit als derjenige der er wirklich war seinen Dienst an der Herrin aufzunehmen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 23.07.16, 16:57 
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Es war ungewohnt still im Ordenshaus. Einzig und allein die Templer hatten ihre gewohnten Posten eingenommen. All seine Geschwister im Glauben haben sich zur Kontemplation, Arbeit oder zu Schwertübungen zurückgezogen. Tendarion kümmerte sich wie gewohnt um die Küche, nachdem er die Nacht über im Schrein der Herrin verbrachte. Sein Frühstück, das nur aus einem Tee bestand - die Wochenläufe ohne feste Nahrung hatten ihn für den Moment unempfänglich für etwas anderes als ein Getränk gemacht - nahm er auf der Bank neben Elgbert ein und ließ sich über die letzten Wochenläufe berichten, während Tendarion nebenher in den Akten las.

Ein ungewohnter Schlafort, fernab seines Bettes, doch war es das beste, wenn er diesen beibehielte. Es war schwer in so einer Situation noch an etwas anderes zu denken, als an die gestrigen Geschehnisse. Die Wiedersehensfreude überschattet mit Gefühlen von Wut und Verrat. Der Elf hatte gehofft, dass die Wut sich zerstörerisch entlud; dass es ein Moment von ungeheurem Schrecken sein würde, ehe er verraucht war. Doch stattdessen bekam Tendarion einen Vorgeschmack dessen, was am Ende so oder so für ihn vorherbestimmt war. Einsamkeit erschwerte sein Herz. Es fühlte sich trotz aller bleiernen Schwere richtig an. Für alle beteiligten. Er hatte sein Herz zu weit geöffnet und verkannt, dass er damit nur mehr Wunden zufügen, als heilen würde. Sie sollten wieder unter sich bleiben, er war stets der Fremdkörper, der nicht dazu gehörte, aber dennoch sich reindrängte - zunächst gegen seinen Willen und später, weil der Elf es nicht mehr anders wollte.

Beiläufig wischte er die Träne weg, die unbemerkt seinem Auge entkam, als er wieder im Büro saß und die Akten vor sich geöffnet liegen hatte.

Sie waren beide tot.

Unsehend starrte er auf die zugeklappte Akte, während weitere Tropfen den Einband benetzten und sich in den Rillen des Ledereinbandes verästelten und schließlich in einem spinnennetzartigen Gebilde verharrten und nach und nach verdunsteten. Schuldgefühle nagten an ihm. Vermischten sich mit den Schuldgefühlen, die er seinen Liebsten gegenüber hatte. Er lehnte sich zurück und strich seine noch feuchten Haare zurück, ehe er auf die Decke mit tränenfeuchten Augen starrte.

Wieder versagt. Wieder alles falsch gemacht.

Als der Tränenschleier sich lüftete, nahm er die anderen Akten und die an ihn adressierten Briefe hervor, die teilweise geöffnet und teilweise noch versiegelt waren. Eine schlechte Nachricht um die andere. Einige positive Geschehnisse.

Und sein neustes Problemkind. Wie sollte er eine Frau, die dafür geboren war, sich von einer Dummheit in die nächste zu begeben, sich keiner Obrigkeit unterwerfen zu wollen, da sie von Etikette nicht viel hält, und noch dazu mehr Probleme selbst mit sich herumtrug, als dass sie sich der Probleme anderer annehmen könnte, zu einer Novizin, geschweige denn zu einer Geweihten ausbilden? Fyonn und Arin hatten Potenzial, doch hatte er ihre Schwächen und Stärken verkannt. Aurora hatte trotz aller guten Aussichten sich aus unerklärlichen Gründen zurückgezogen. Und nun sollte er gerade Edelmut, die ihr Leben erst seit wenigen Wochenläufen überhaupt selbst bestreiten kann, so viel Verantwortung aufbürden? Sie war noch lange nicht bereit um so einen Weg zu bestreiten. Vielleicht in einigen Götterläufen, doch gewiss nicht in Wochenläufen oder Monden. Damit würde er weder ihr noch der Herrin einen Gefallen tun.

Soviele fielen von diesem Weg ab, da der Dienst an Vitama sich selten mit der Kirche und der Politik vereinen ließ, ohne dass man stets Kompromisse machen musste. Eine ewige Gratwanderung zwischen Legalität und Bruch gegen Gesetze, um das Leben anderer zu schützen. Lügen. Schweigen. Den einen, die man als Freunde sah die Stirn bieten. Den anderen, die man als Feinde sah eine Umarmung anbieten. Der Herrin zu dienen und dennoch ein Teil der Kirche zu sein, war ein filigranes Konstrukt, das bei einem falsch gesprochenen Wort und falsch ausgespielten Karten, wie Glas zerspringen konnte. Einen Riss in dem Konstrukt konnte man vertuschen und sich herausreden, doch tatsächlich die Scherben wieder zusammenzusetzen, wenn es einmal zersprungen ist? Unmöglich. Das Vertrauen war unwiderruflich hinfort, wenn man zu offensiv vorging und keine Zugeständnisse im richtigen Moment machte. Er versuchte dieses Spiel aus annäherenden Verrat an dem, was die Kirche vertrat und dem was man Ihr zu ehren tun sollte, anderen beizubringen, doch war es etwas, das in einem ruhte, oder man nur durch einen Fehl um den anderen selbst erlernen musste.

Ironischerweise bemerkte Tendarion, dass sein angespanntes Verhältnis zu seinem Vater ihn zu dem machte, was er war. Ein ewiges Spiel aus passiver Auflehnung wenn sein Vater seinen Blick abwandte und ein gehorsamer Sohn, wenn der Blick auf Tendarion gerichtet war.

Der Knoten in seinem Bauch fühlte sich schwer und unnachgiebig an, als er schließlich auch seine privaten Briefe durchgelesen hatte. Durch sein Wirken allein hatte er bereits sechs Menschen indirekt getötet. Durch sein Wirken allein hatte er drei Menschen aus seinem Leben gedrängt. Und nun würden zwei weitere folgen müssen.

Die Schwärze in seinem Inneren war vergangen - das spürte er. Doch was dieses Dunkel in den letzten Monden zerstört hatte, würde ihn sein ganzes Leben lang begleiten. Aber er konnte nicht mehr fortlaufen und sich auch nicht mehr der Verantwortung entziehen, indem er sich in Schweigen hüllte.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 26.07.16, 17:06 
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Der Astreyon beleuchtete das Bett, als der Elf vom Fensterbrett sitzend dorthin sah. Zwei umschlungene Leiber, die selig schliefen und seine Anwesenheit nicht wahrnahmen. Er gehörte hierhin. Selbst ihre Instinkte erweckten sie nicht aus dem Schlaf, als der Elf sich leise, doch bemerkbar, in den Räumen bewegte, als er das Fenster des Schlafgemachs öffnete und im Dunkel über die Stadt zu sehen.

Dieser Ausblick war sein neues Heim geworden. Nicht, weil er in diesen Mauern willkommen war und er hier ein Heim und seine Familie fand. Nicht, weil er im Ordenshaus selten Schlaf fand, weil er immer mehr Arbeit fand, wenn er sich nicht räumlich davon trennte. Sondern weil es ihm verdeutlichte, wie fragil eine Stadt war. Wie fragil jedes Lebewesen auf Tare war. Er vermisste Falkensee. Nicht die Architektur. Nicht die Tatsache, dass er dort aufgenommen wurde und neben Draconis eine Stadt gefunden hatte, die er mit ganzen Herzen verteidigen wollte. Sondern einzig und allein die Herzen die mit dem Fall der Stadt gebrochen waren. Der Mut der zerrissen wurde. Einzig allein der Hass blieb dort zurück, der sich in jenen aufbaute, die ihren Hass nicht gegen jene richteten, die ihnen tatsächlich was angetan haben, sondern einzig und allein der selben Ideologie der eigentlichen Widersacher folgten. Er und all seine Glaubensgeschwister und das Volk, das dort wohnte, wurde aus reiner Willkür dafür bestraft, dass andere Dinge getan haben, die nicht verzeihbar waren in ihren Augen.

Tendarion senkte seinen Blick ab und er wandte sein Gesicht zu dem Bett. Ein Träger der Hoffnung und ein Beweis, dass das kleinste Licht die größten Schatten vertreiben konnte schmiegte sich dicht an unermüdlichen Mut und Tatkräftigkeit, die ein großes Herz in sich trug, das mit allen Mitteln verteidigt wurde. Als er den Schritten gewahr wurde, die die Treppe hochführten, wandte er sich von dem Fenster ab und begab sich in die Küche. Es war nicht ungewöhnlich ihn so spät hier zu sehen. Der Blick in sich gekehrt, nachdenklich und geschäftig. Tendarion schenkte wortlos zwei Becher von dem noch warmen Tee ein und überreichte einen davon. Ein sachtes Lächeln wurde ihm entgegengebracht und Tendarion fühlte kurz diesen angedeuten Hauch von Erleichterung und diese fast unmerkliche Freude. Der Elf setzte sich auf das Sofa und rechnete nicht damit, dass er Gesellschaft bekäme. Doch setzte der andere sich schweigend neben ihn, nachdem er sich seiner Außenbekleidung entledigt hatte. Es dauerte einige lange Momente, doch dann bettete Tendarion seinen Kopf auf den Schoß des anderen und schweigend verharrten sie in dieser Position.

Mehrere Male hatte Tendarion das Bedürfnis über das vorangegangene Gespräch zu sprechen. Doch kein Laut vermochte über seine Lippen zu dringen.

So war er wieder alleine mit seinen Gedanken, weil er nur einen kurzen Moment zuvor die Bestätigung erlangte, dass gesprochene Worte viel mehr zerstören konnten, als wenn man gar nicht erst verdeutlichte, dass man eine Meinung zu etwas hat. Tendarion hatte nach seiner Rückkehr versucht sich besser mitzuteilen. Etwas von sich preiszugeben, damit sein Umfeld sein Handeln verstand.

Aber genau jenes führte dazu, dass er am Ende das Gegenteil bewirkte. Seine wahren Gedanken führten zu Ablehnung und Wut. Seine Worte verletzten. Ihm wurde vorgeworfen, dass er sich nicht für den einen einsetzte und der anderen Seite widersprach. Es fühlte sich surreal für den Elfen an, dass er kaum noch einen zusammenhängenden Satz dieser Debatte rekonstruieren konnte, da er am Ende weniger schlau war, als zu Anfang des Gespräches. Er sah drei Welten aufeinander prallten, wovon sich zwei ein wenig glichen, doch die andere Seite hingegen so fernab von dem war, was er als richtig sah, dass er nicht umhin kam, seinen Unwillen darüber kundzutun.

Doch eine Sache nagte besonders an dem Elfen. Sein ausgesprochenes Mitleid, für jemanden der sein Leben nicht dem absoluten Erhalt von Leben widmete, wurde als Beleidigung und Respektlosigkeit angesehen. Tendarions gesamtes Leben fußte auf Mitleid. Er hatte nie daran gedacht, dass Mitleid etwas erniedrigendes sein konnte. Nie daran gedacht, dass diese Worte als beleidigend aufgenommen werden konnten. Dennoch konnte er keine Gewissheit dafür finden, was so schwer daran wog, dass er sich ein Leben wie des anderen für sich nicht vorstellen konnte. War es nicht auch ein Zugeständnis, dass er die Stärke des anderen, dies durchzuhalten, anerkannte?

Tendarion drehte sich auf den Rücken und blickte vom Schoß empor zum Gesicht seines zum Kissen umfunktionierten Gefährten. Unsehend mit einer leichten Falte zwischen den Brauen starrte er in den Kamin. Ruhig, ohne den anderen verschrecken zu wollen, hob Tendarion die Hand und legt sie auf die Wange des anderen. Die Falte glättete sich und der Blick wandte sich zum Elfen. Ein leichtes Lächeln umspielte die Lippen des Elfen.

Er hatte versucht offener zu werden, anderen seine Gedanken unverhohlen mitzuteilen. Und wieder eskalierte es, ohne dass er verstehen konnte. "Zu wissen, wann man zu schweigen hatte, wann man etwas unausgesprochen lassen sollte und wann es an der Zeit war, unverblümte Ehrlichkeit walten zu lassen ist die hohe Kunst der Rhetorik.", hörte er die Stimme seines Vaters in seinem Kopf. Sein Vater war nicht herzlich und gewiss kein Diplomat, aber wenn Tendarion ihm etwas zu Gute halten musste, dann war es die schlichte Tatsache, dass sein Vater selten Probleme mit anderen hatte und trotz seiner Unterkühltheit durchaus beliebt und geachtet war.

Vielleicht war es auch für Tendarion besser, nur dann zu sprechen, wenn er tatsächlich dazu aufgefordert würde. Zumindest erschien es dem Elfen einen Versuch wert.

So schwieg er weiterhin, als der andere ihn mittlerweile fragend ansah. Ein sachtes Kopfschütteln und ein kurzer Kuss und der Elf begab sich auf die Seite um sich auf dem Sofa zusammenzukauern. Es war ihm gleich, ob der andere noch fortkam oder nicht, oder ihn dafür wecken musste, um fortzukommen. Tendarion war müde.

Müde vom Sprechen. Müde vom steten Versagen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 29.07.16, 16:55 
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Ich dachte, es würde besser werden, wenn du zurückkommst, aber es wird von Tag zu Tag schlimmer.


Die Worte senkten sich wie Blei in Tendarions Bauch. Der Elf wusste, dass er vieles zu bereinigen hatte und dass viele seiner Entscheidungen dazu führten, dass er Dinge sagen musste, die keine Freude schufen, doch dennoch nicht verschwiegen werden sollten.

Und doch hatte er wieder einmal die Bestätigung erlangt, dass zu viel Wahrheit und zu viel Offenheit nicht Vertrauen schufen, sondern ihn als noch melancholischer und untröstlich darstellte. Er hatte sein ganzes Leben versucht diese Seite von ihm vor anderen zu bewahren, doch drängte man ihn sich zu öffnen - zu sich selbst zu stehen. Offenbar war er naiv genug zu glauben, dass andere - dass Menschen - wüssten was für ihn besser war.

---


Tendarion war kaum zwanzig Götterläufe alt, als er sich hinter dem Baum, der vor dem Haus seines Kindheitsfreundes stand, versteckte. Geduldig wartete er halb verschmolzen mit den Schatten, als er auf Kurt wartete. Er war der Sohn einer Heilerin, die an der Seite seiner Mutter im Hospital diente und Tendarion war nur einen Götterlauf älter als er. So war es mehr oder minder gegeben, dass die beiden wie Geschwister aufwuchsen.

Kurt der vor allen anderen angeben konnte, dass sein Bruder ein Elf war und der zurückhaltende stille Tendarion, der durch das schelmische und offene Gemüt seines Freundes aus seiner Reverie, die ihn schon als Kind stets begleitete, herausreißen konnte. Tendarion war zwar immer schmächtiger und etwas kleiner zunächst, doch als sie sich beide ihren zwanzigstem Götterlauf annäherten, überragte Tendarion schließlich Kurt und legte einen Großteil seiner androgynen, manchmal fast zu mädchenhaften Erscheinung, die er als Kind und Jugendlicher hatte, ab. Und ohne dass Tendarion es merkte, sahen sich die Mädchen und Frauen öfter nach dem Elfen um, als dem robusten, leicht dicklichen, Kurt, der doch von einfacher Herkunft und auch oftmals einfacheren Gemüt war.

Tendarion hatte sich doch von seinem Verhalten her nicht verändert. Er war anderen gegenüber stets höflich, wenn auch etwas introvertiert, doch kümmerte er sich stets aufrichtig interessiert um jedes Anliegen - und wenn es nur ein belangloses Gespräch über noch belanglosere Themen war. Nur Kurt gegenüber war er tatsächlich noch mehr der Kindheitsfreund, der gerne spielte und herumwitzelte. Kurt war neben seiner Mutter der einzige Ort an dem er sich nicht davor fürchtete missverstanden oder getadelt zu werden, dafür dass er so war wie er war.

Als Kurt endlich das Haus verließ, ließ der Elf ihn passieren und erst als er den Rücken des anderen sah verließ er sein Versteck hinter den Schatten und hüpfte dem anderen - wie viele andere Male auch - mit einem erschreckenden Laut auf den Rücken wobei er die Arme um ihn schlang. Tendarion erwartete - wie viele andere Male auch - dass Kurt kreischte vor Angst, ihn dann niederrangelte und dann lachend von ihm abließ, ohne von einer Tirade an Verwünschungen und Beleidigungen abzusehen.

Kurt erschrak sich, doch anstatt das er sich wie erwartet umdrehte um in eine verspielte Prügelei überzugehen, drehte er sich halb um und schob den Elfen mit einer alles andere als zurückhaltenden Geste nach hinten, so dass dieser unsanft auf den Boden hinter sich fiel.

"Werd' endlich erwachsen, du verdammter Elf. Immer verhältst du dich als wären wir noch fünf. Geh' doch mit den Kindern spielen, wo du sowieso schon immer abhängst, die passen eh besser zu dir. Und lass dir noch eine Puppe von deiner Mutter geben, weil mit Schwert und Schild wirst du sowieso nicht spielen, verdammtes Weib. Lass' mich einfach in Ruhe, ich will von dir nichts mehr wissen!"

Das war das erste Mal, wo Kurt auf diese Weise mit ihm sprach und das letzte Mal, ehe zwei Jahrzehnte vergehen mussten, ehe sie wieder eine Konversation führten.

~~~


Mit einem Lachen erzählte der gealterte Kurt, der durch die Arbeit erschlankt war, aber vor Muskeln nur so strotzte, wie er damals nur eifersüchtig gewesen war, da ihn ein Mädchen ablehnte, was er so liebte, weil sie lieber Tendarion schöne Augen machen wollte. Und die Tatsache, dass der Elf es nicht einmal bemerkte, machte ihn wütend. Am Ende war er zu stolz sich bei dem Elfen zu entschuldigen.

Tendarion ließ ihn nicht wissen, dass der Elf zwanzig Götterläufe lang keine Freundschaften mehr zuließ deshalb. Dass er sich in Arbeit flüchtete und jeden außerhalb der Familie, der ihm etwas näherkommen wollte, nicht an sich heranließ. Schweigend lächelte er es weg und richtete sich aus reiner Höflichkeit nach Kurt und ließ sich ab dieser Absprache zu Geburtstagen und anderen Festtagen einladen. Er nahm jede einzelne Einladung ohne zu zögern wahr.

Aber im Grunde seines Herzens hatte der Elf Angst davor, dass es wieder geschah.

---


Frustiert ließ sich Tendarion auf das offene Buch vor ihm sinken und bettete sein Gesicht in seinen verschränkten Armen.

Es war zum Haare raufen. Menschen waren ein wandelnder Widerspruch. Ihre Worte so oft konträr zu dem was sie fühlten und meinten. Sie wollten im Grunde keine offene Ehrlichkeit. Einzig und allein jemanden um sich wissen, der ihnen am wenigstens widersprach und am wenigstens Arbeit machte und noch dazu selbstständig genug war, dass er keine Last wurde.

Tendarion konnte sein Herz nicht verschließen, das wäre seiner Herrin nicht gefällig, aber es war besser wieder zu sich zu finden und nach seinen eigenen Wünschen zu agieren. Er flüchtete sich lieber in Unehrlichkeit um sein Herz nicht zu verraten, als dass er weiterhin versuchte es jedem Recht zu machen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 31.07.16, 12:04 
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"Mein Onkel ist hier auf Siebenwind. Er möchte dich kennenlernen.


Die Worte verließen ohne zu zögern den Mund des Elfen, doch konnte er nicht im geringsten erahnen welche Reaktion ihn erwarten könnte. Ein Gemisch an Emotionen schwappte zu dem Elfen und er konnte nicht einschätzen ob Ablehnung oder Verwunderung überwog und was diese anderen Emotionen, die sich nur im innersten des anderen widerspiegelten, zu bedeuten hatten.

"Ich werde darüber nachdenken."


Diese Worte waren wieder diese sanfte Abweisung, ein Gewinn an Zeit, in der Hoffnung, dass die Bitte verjährt, die Tendarion nur allzu gut mittlerweile kannte. Doch würde er es nicht forcieren. Celedir würde seinen Willen letztendlich bekommen, auch wenn es nur der Wille von Tendarions Mutter war den er erfüllte. Und Selarian bekam stets ihren Willen ohne Kompromisse eingehen zu müssen.

Tendarion dachte an Janus' Worte, welche er stets zu beschwichtigen versuchte, wenn es um Ihn ging. Er war nicht unbedingt gesellschaftsfähig, wenn ein Gespräch nicht zu seinen Gunsten oder nach seinen Wünschen verlief. Als Tendarion über die Art und Weise, wie Fey miteinander sprachen nachdachte, wurde der junge Elf ein klein wenig unsicher, wie das Gespräch zwischen Celedir und Ihm verlaufen würde.

An Schlaf war diese Nacht nicht zu denken. Er vermisste liebevolle Arme um sich und es war ungewohnt alleine auf dem Sofa zu schlafen. Doch konnte er auch nicht in den Schrein der Herrin, in dem sein Onkel ruhte. Nicht weil er ihn ablehnte oder sich an seiner Anwesenheit störte. Ganz im Gegenteil, war das Treffen mit Celedir endlich der zündende Moment, an dem Tendarion die Ratlosigkeit verloren hatte und seine Angst um seine Familie auf ein erträgliches Maß herabkühlte.

Celedir bestätigte die Umstände auf dem Festland. Auch dass Draconis für den Moment noch sicher war.

Tendarion war dennoch verwirrt. Nicht ob der Geheimnisse, die seine Familie vor ihm verbarg. Er war kein Fey'haim wie er es stets gedacht hatte, sondern wie seine Geschwister ebenso ein Kind der Fey'amrai. Der Gedanke war verwunderlich und tröstend zugleich. Wenn man anderen Ursprungs war als jene, in deren Gemeinschaft man aufwuchs, war es einfacher zu akzeptieren, dass man anders war. Doch fühlte er sich nicht mehr wie ein Ausgestoßener unter seinesgleichen, sondern wie ein Fey dessen Familie eine Geschichte hatte, die erzählenswert war. Tendarion hatte das erste Mal das Bedürfnis mehr über seine Eltern, seine Großeltern und vor allem über den verschollenen und wiedergekehrten Onkel zu erfahren.

Tendarion wusste erst nicht viel mit dem Aussehen seines Onkels anzufangen. Er war ihm vertraut und er versuchte die Gesichter seiner Familie hervorzurufen um Vergleiche anzustellen. Die Ähnlichkeit zu seinem Vater waren nicht von der Hand zu weisen. Doch war sein Vater kantiger. Kräftiger. Sein Blick und seine Mimik steinern und abweisend. Seine Mutter war von ganz anderem Aussehen. Sehnig, elegant und wild zugleich. Tarawen war wie Mutter. Nur etwas weicher in ihrem Aussehen. Die größte Ähnlichkeit sah Tendarion in dem anderen Elfen zu seiner Schwester Dùlindwen. Eine sehr liebevolle, weiche und zarte Version seines Vaters.

Erst in der Nacht wurde Tendarion bewusst, was ihn so sehr irritierte: Celedir sah Tendarion selbst am ähnlichsten.

Nicht dass es ungewöhnlich war, denn er sah bei einigen Menschen und auch anderen Fey, dass manche Personen ihren Tanten und Onkeln ähnlicher waren als ihren eigenen Eltern. Es war für Tendarion nur verwunderlich dass erst sechzig Götterläufe verstreichen mussten, bis ihn jemand darauf hinwies, oder aber er es selbst feststellen durfte. Doch war es nicht weit zu der Erkenntnis, dass genau diese Ähnlichkeit sein Verhältnis zu seinem Vater erschwerte.

Mit einem sachten Lächeln erinnerte er sich an die Mimik und Gestik Celedirs zurück. Wie eine aufkeimende Überforderung oder peinliche Berührtheit dazu führte, dass die plötzlich trockenen Lippen mit der Zungenspitze befeuchtet wurden. Wie er den Blick abwandte, wenn er sich nicht sicher war, dass die Worte, die er aussprechen wollte, überhaupt seine Lippen verlassen konnten, wenn er Augenkontakt zu dem anderen herstellte. Es war naheliegend, dass Mutter, die Celedir wohl über die Jahrhunderte nie von der Familie vollständig distanziert wissen wollte, Tendarion so sehr behütete, da sie nicht ein weiteres Familienmitglied gehen lassen wollte. Und im Umkehrschluss war es naheliegend, dass sein Vater, der seinen Bruder aufgrund nicht beeinflussbarer Umstände verlor, in Tendarions Antlitz eine stete Erinnerung darin fand, dass er seinen Bruder verraten hatte.

Es erschien Tendarion nur logischer von Moment zu Moment, warum sein Vater ihn aus dem Haus haben wollte. Nicht Abscheu oder Unzufriedenheit über den eigenen Sohn, sondern der Spiegel seines Bruders der Telendarion stets vor Augen gehalten wurde, je älter Tendarion wurde.

Sein Herz wurde leichter. Seine Gedanken wurden leichter. Es war als lösten sich die Schnüre, die seinen Hals umschlingten und seinen Atem erschwerten, immer dann, wenn er an seinen Vater dachte. Tendarion atmete tief durch - das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit. Er richtete sich vom Sofa auf um auf den Balkon zu gehen und er blickt über die Insel. Neue Hoffnung erfüllte ihn. Und ein Lächeln zierte seine Lippen.

Ein jedes beseelte Wesen hatte sein Leid zu ertragen. Die Prüfung war nicht, das beste aus der Situation zu machen. Die Prüfung war nicht, jede Gefahr richtig zu behandeln. Die Prüfung der Viere an ihre geliebten Kinder war einzig und allein, nicht die Hoffnung zu verlieren. Aufzustehen, egal wie oft man lag. Und wenn man nicht mehr stehen konnte, dass man auf allen Vieren vorankroch. Und wenn man keine Kraft mehr hatte, wenigstens den Blick weiterhin auf das Licht zugewandt lassen, bis man genug Ruhe fand, um die Kraft zu erhalten, die einen wieder näher an das Licht führen konnte. Sein Blick fiel auf Falkensee - Luth Chalid - und auch da merkte er, wie diese Erkenntnis ihn so sehr beruhigte, dass er nur noch ein müdes Lächeln fand.

Sie haben sich Machtgier und dem Wollen nach mehr ergeben. Die Fehler anderer wiederholt und stümperhaft umgesetzt. Dieser Ort war so dunkel wie Finsterwangen selbst. Die Lichter erloschen. Die Steine die erbaut wurden, waren jetzt noch makellos und unversehrt. Doch vor Tendarions Auge, würde er hier stehen, wo er jetzt ist, lange nachdem ein jeder Mensch, egal ob er in diesem Moment noch ein Säugling oder ein alter Mann war, bereits tot sein würde, und die Ruinen dieser Stätte Angamons besehen. Der Eine hatte wieder mit Versprechen gelockt und sie alle sind dem erlegen, weil sie tatsächlich davon ausgingen, dass Angamon ihnen Macht schenken würde. Doch noch immer hatten sie nicht verstanden, dass Angamon, seine Dämonen und all die anderen Wesenheiten, die ihm zugetan waren, nichts erschaffen konnten. Das einzige Ansinnen des Einen war, diese Stadt hier zu errichten um noch mehr Chaos auf der Insel des Schicksals zu stiften. Noch mehr Hass und Leid zu schüren. Noch mehr gegen die Diener und Geschöpfe der Sahor und Enhor aufbegehren zu können. Tendarion hatte kein Bedürfnis mehr diese Stadt dem Erdboden gleich zu wissen. Was interessierte ihn eine handvoll Endophali, die ihn erniedrigen und beleidigen wollten? Wenn es sie glücklich machte, so zu handeln, dann war es doch im Sinne der Herrin ihnen diese Freude zu gewähren.

Tendarion hatte nur noch tiefes und aufrichtiges Mitleid für jene, die sich an die Hoffnung klammerten, dass sie mit politischen Machenschaften meinten etwas starkes und nachhaltiges aufzubauen. Doch die einzig wahre Macht auf Tare waren die Götter selbst. Egal ob es die Sahor, Enhor oder auch der Eine waren. Es gab für Tendarion nur noch einen Kampf: Den Kampf gegen die Diener dessen, der Tare zerreißen wollte.

Als Fela ihr Antlitz zeigte schloss Tendarion die Augen und das müde Lächeln gewann an Wärme, als hätte Ignis selbst ihm die Kälte aus den Gedanken geküsst. Tendarion hatte nie daran gedacht, wie Ignis und Vitama sich im Grunde auch nahestanden. Wärme als Synonym für Geborgenheit. Die heiße Zeit, trieb die Freude und Unbeschwertheit in die Gesichter und Leiber aller. An den Stränden hörte man das erfreute Quietschen und Kreischen der spielenden Kinder, denen er Krapfen und Kekse vorbeibrachte. Die Schwertstreichs freuten sich nach wie vor den Elfen anzutreffen, wenn er sie besuchte. Als Khaleb zu den Höhen des Balkons eine warme Brise trug, kam Tendarion nicht umhin in seinem unbändigen Glück die Tränen zurückzuhalten.

Er lebte. Seine Liebsten lebten. Vitama war bei ihm und hatte ihn nie verlassen - selbst in seinen Momenten der Verzweiflung, war sie wie eine mahnende Mutter zur Stelle.

Tendarion schloss die Augen und atmete tief die Brise, die nach Salz, Fela und Wald roch, durch die Nase ein. Und als hätte seine Herrin es sich nicht nehmen lassen, seine Gedanken und seine Gefühle zu belohnen, hatte er das Gefühl, dass er mit dieser Brise auch das Glück, die Zufriedenheit und die Liebe, eines jeden einzelnen auf der Insel, einatmete.

Ein Brief an seine Mutter wurde ihm aufgetragen. Tendarion wandte sich nach innen und begab sich in die Schreibstube um Pergament und Tinte zu nehmen. Diese hellblaue Tinte, die Er stets benutzte, würde er nicht anfassen. Vielleicht sollte Tendarion sie verstecken um Ihn einmal von seinen brütenden Gedanken abzulenken? Ein schelmisches Schmunzeln wurde dem Elfen entlockt, als er ernsthaft einige Momente darüber nachdachte. Doch griff er stattdessen nach dem Tintenfässchen mit der dunklen Tinte und nahm seine eigene Schreibfeder hervor. Der Schnitt seines eigenen Federkiels wurde den Runen in Auriel gerechter. Die subtilen Nuancen von Punkten und Strichen, die einem Wort eine ganz andere Bedeutung beimessen konnten, waren von äußerster Wichtigkeit. Ihm wurde bewusst, welche Bürde sich die Fey'haim damit auferlegten den Gesang des Auriel in eine einheitliche Schrift zu fassen. War es doch ein fast unmögliches Unterfangen die Aussprache vieler Worte, die identisch war, zu verschriftlichen und für gewöhnlich nur durch die andere Intonierung ihrer wahren Bedeutung zugeführt werden konnte.

Zitat:
Geliebte Mutter,

zunächst möchte ich dich darüber informieren, dass Celedir und ich wohlauf sind. Nie wurde mir bewusst, dass das Ausbleiben meiner Briefe solch eine tiefe Sorge in dir hervorrufen konnte, doch muss ich gestehen, dass ich wie so oft auch nicht weiter darüber nachdachte, was dies für dich bedeuten konnte. Überheblichkeit und Selbstsucht, scheint wohl nicht nur in den Augen der Menschen mich zu beseelen. Möglicherweise war es auch der Einfluss von dir und Vater, die dafür sorgten, dass ich diese Dinge für mich adaptierte. Denn wenn ich an Selbstbewusstsein denke und es in eine Form bringen müsste, dann würden wohl meine geliebten Eltern mir zunächst in den Sinn kommen.

Doch möchte ich dir nicht vorenthalten, dass Celedir sehr offen mit mir sprach. Er brachte Dinge an, die mir nicht bewusst waren, dass sie überhaupt in eurer - unserer - Vergangenheit lagen. Und auch wenn du nun vermutest, dass ich so einige Dinge nun mit Unzufriedenheit und Vorwürfen besehen könnte, so kann ich dich sogleich beruhigen, dass dies nicht der Wahrheit entspricht. Im Gegenteil. Auch wenn es mir schmerzt, dass du deine Familie verloren hast auf diese grausame Weise, bewundere ich dich nur umso mehr, wie du daraus für dich einen neuen Weg gewoben hast, den du so stark und selbstsicher beschreiten kannst, als wäre nie etwas anderes für dich vorgesehen gewesen. Auch habe ich das Gefühl Vater endlich nähergekommen zu sein. Es hätte diese Wände zwischen ihm und mir nie geben müssen, wenn er nicht selbst die Mauersteine vor mich gelegt hatte und nur darauf wartete, dass ich Stein um Stein setzte, um sie selbst noch mit Mörtel zu fixieren, anstatt sie wieder abzutragen. Doch wie konnte ein Kind der zwei stursten Fey auf Tare nicht auch selbst ein Sturkopf werden? Als ich diese Worte schrieb, wurde mir ein Lächeln entlockt.

Mutter, ich bin zufrieden. Zum ersten Mal seit langem. Oder aber in dieser Form zum ersten Mal in meinem gesamten Leben. Nicht, weil Tare ein vollkommener Ort ist und mein Leben perfekt ist und Siebenwind ein Lothorien in dieser Sphäre ist. Sondern weil ich das erste Mal meine Gedanken in eine Richtung lenken kann, die mich weg von Unsicherheit und noch mehr Fragen führt. Ich kann offen umarmen, dass ich fehlbar bin, aber nicht der Quell für allen Übels bin, das um mich herum geschieht.

Und deshalb muss ich dir und Vater aus tiefstem Herzen danken. Nicht nur, weil du dich so sehr sorgtest, dass du Celedir hierherbatest, sondern weil ich mehr denn je sehe, welch eine wunderbare Mutter mir die Herrin zugesprochen hat. Welch einen tatkräftigen und eindrucksvollen Vater sie mir zugestanden hat. So unterschiedlich ihr auch sein mögt, so perfekt habt ihr in all euren Erfahrungen das Beste aus unser aller Leben geschaffen. Erst unlängst fragte mich jemand, als ich über euch sprach, ob meine Erinnerungen an euch im Guten sind und ich konnte ohne zu zögern antworten:"Jeder Gedanke an meine Familie ist ungebrochen gut."

Mir wird bewusst, dass ich es an diesen Worten stets mangeln ließ, da ich so selbstverständlich davon ausgegangen war, dass diese Gedanken und Gefühle normal gegenüber der Familie wären. Doch die Distanz und die Zeit die verstreicht, lässt mich immer mehr erkennen, dass ich von den Vieren reich beschenkt wurde. Du und Vater, ihr wurdet dafür belohnt, dass ihr euch nicht auf die Knie bezwingen lassen wolltet, als ihr jeden Grund dazu hattet, genau dem nachzugeben. Und ich zweifle keinen Moment daran, dass Tarawen, Dùlindwen und auch ich, dafür ebenso belohnt wurden um euch zu zeigen, dass die Hoffnung nie vergeht. Dass auch nach dem Ableben unserer Ahnen, das Licht weiterhin auf Tare hochgehalten wird. Dass jeder Fey, der sein Licht nach Lothorien trägt, als Stern auf dem Körper Rilamnors sich verewigt und nie mehr vergehen wird.

Mutter, wenn du einmal das Gefühl hast, dass dich dieser Krieg und Tare erdrücken will, dann nimm dir Vater auf den höchsten Punkt in der Stadt und atme tief ein.

Nie habe ich mich näher der Herrin und den Enhor gefühlt, als den Moment, als ich eben jenes tat. Ich wurde von neuer Hoffnung und neuer Motivation beseelt. Alles was mir so schwer und als unüberwindbar erschien, war so leicht wie Khalebs Hauch geworden. Mein Herz würde es erfüllen, wenn ich dieses Gefühl mit euch teilen kann. Egal wie viel Weg und Zeit zwischen uns steht, ich werde es fühlen, wenn es euch gut geht. Und dann werde auch ich von Glück beseelt.

Erwarte weitere Briefe von mir.

Dein dich liebender Sohn,
Tendarion


Das Schreiben ließ er auf dem Tisch offen liegen, bis die Tinte vollständig getrocknet war. Er musste sich nun an sein Tagewerk machen und sich auch um einen Boten kümmern, der zu diesen Zeiten noch gewillt war, einen Brief nach Draconis zu bringen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 2.08.16, 23:31 
Edelbürger
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Nachdem der untere Teil des Schreins der Herrin vollständig gesäubert war, die Kerzen gewechselt und schließlich wieder alles mehr oder weniger an seinen Platz zurückgefunden hatte, sank Tendarion vor dem Altar auf die Knie.

Jedes Wort - ob nett oder weniger nett - hatte Konsequenzen.

Waren sie nett, fußten darauf Freundschaften. Liebe und Vertrauen entwickelten sich.

Waren sie weniger nett, fußte darauf Unzufriedenheit. Feindschaften und Misstrauen waren das Resultat.


Viele beseelte Wesen - vorrangig Menschen - die Tendarion in seinem Leben antraf, waren für nette Worte sofort zu haben, doch wandten sie sich umso schneller ab, wenn man es wagte die ungeschönte Wahrheit von sich zu geben. Ehrlichkeit schätzte jeder - doch nur dann, wenn sie nicht diejenigen waren, die das Ziel dieser Ehrlichkeit waren. Deswegen schätzte Tendarion die Nähe von Dienern Astraels. Ihnen war sehr wohl bewusst, dass die Wahrheit den schönen Schleier von jeder Tatsache zog. Tendarion konnte lügen. Er war sogar sehr gut darin anderen weis zu machen, was sie in seiner Gegenwart zu denken und zu sagen hatten.

Und so hatte er auch Nithavela dorthin geführt, wo er sie haben wollte. Stets belehrte sie ihr Umfeld, ohne die Ansichten anderer anzuhören. Sarkasmus war ihr bevorzugtes Mittel der Rhetorik. Nun öffnete er die bittere Arznei und gab ihr einen Löffel davon zu kosten. Er hatte es bei Guntram, gemacht, bei Adhemar und bei so vielen anderen auch.

Es war nicht angenehm. Es fühlte sich nicht gut an. Aber es fühlte sich richtig an. Und nie hatte man ihm vorgemacht, dass sein Dienst für die Herrin, für das Leben und für alle Seelen Tares, einfach sein würde. Aber er hatte von jeder Medizin, die er anderen gab, stets selbst gekostet. Nie hatte er vergessen, dass er ein Heiler war, dass sein Dienst in erster Linie weltlich war. Dass er nicht mit göttlichem Wirken und Wundern seinen Dienst vollführte, sondern genau jene Mittel hatte, wie jeder andere Beseelte auch. Und somit auch die selben Verfehlungen.

Es fiel ihm von Mond zu Mond leichter mit dieser Tatsache zu leben, denn es ließ ihn auch objektiv beobachten, wie es sich anfühlte, wenn man seine Verfehlungen mit Gegenvorwürfen und Emotionalität zu vertuschen suchte. Wie man Eingeständnisse mit lauterem Gebrüll zu übertünchen versuchte, da man meinte, damit mehr Recht zu erzielen. Wie schnell man von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit sprach, wenn man sich eingestehen musste, dass man auf der anderen Seite der Gesetze stand.

Nithavela war keineswegs Tendarions Sorge. Wenn es ihr gerecht wird ihn nun zu ignorieren oder zu verachten, dann war dies wohl das, was für sie beide auf lange Sicht vorgesehen war. Vielmehr schweiften seine Gedanken zu einer dringlicheren Sache.

Noch immer konnte er nicht fassen, was er nur einen Tageslauf zuvor hörte. Und wie auch Lucy es tat, wird es am Ende dann doch so gedreht werden, als hätte Tendarion diese Ungerechtigkeit verursachte. Er hatte bis gestern die Hoffnung nicht aufgegeben, dass man für diesen Menschen noch etwas tun konnte. Aber nun tat er den selben Fehler wie sein Meister. Er schützte seine Arbeit vor um andere Dinge dafür entschuldigen zu können.

Eine gezogene Rübe, ein geschorenes Schaf - dies entschuldigte einen Leichnam. Gesätes Getreide, eine gemolkene Kuh - natürlich lässt sich über die Entweihung eines Schreines hinwegsehen. Ein paar geerntete Kartoffeln, ein gestriegeltes Pferd - was bedeutete schon ein Dämon dagegen?

Er wurde an jenem Tag gefragt ob er in Gefahr wäre durch diese Person und wie erschreckend war es für den Elfen, dass ihm dieser Gedanke nicht mehr die Angst machte, wie es noch vor einem halben Götterlauf der Fall war. Er sagte, dass er es nicht wüsste, aber mit Konsequenzen durch das Umfeld des anderen fest rechnete.

Diese Insel war immer unzufrieden. Egal ob Freund oder Feind. Tendarion könnte es allen recht machen und er würde sich anhören dürfen, dass er es sich selbst nicht recht machte und dass sein Umfeld damit unzufrieden wäre. Also machte er es sich und seiner Herrin zurecht, so gut wie er es eben konnte. Und dabei stand der Schutz des Lebens über der Rücksicht der Gefühle anderer. Bedrohte man die Schöpfungen der Sahor und Enhor, so musste er sich schützend zwischen die Gefahr und die Schöpfung stellen, oder aber die Bedrohung selbst vernichten.

Tendarion öffnete die Augen und sah auf den Altar vor sich.

Natürlich nahm er alles ernst, sogar die trivialen Dinge. Doch manchmal hatte er das Gefühl, dass er es ernster nahm als viele andere. Und dies stimmte den Elfen traurig. Selbst Verbündete wie Feinde nahmen die Götter nicht ernst. Weder den Einen, noch die Sahor. Worthülsen um die es sich in ihren Augen weltlich zu kämpfen lohnte. Doch sie merkten gar nicht, was sie mit ihrer Naivität und Unüberlegtheit Tare eigentlich antaten.

Eine Stadt die man im Namen des Glaubens erobern wollte. Das Anrecht Dämonen auf Tare zu bringen wollte verteidigt werden. Ränge und Befehlsstrukturen, die mit Machtgier und dem Wunsch nach Unterdrückung anderer einhergingen.

Wenn man diese bildlichen Fackeln zündete, sollte man sie im Auge behalten und nicht achtlos hinter sich werfen, nur weil man es schaffte Feuerstein und Zunder einen Funken zu entlocken. Diese verbrannte Erde, die so viele hinter sich hertrugen, konnte nicht mehr begrünt werden. Doch konnte Tendarion mit seinen wahren Verbündeten, die ihn nicht aufgrund von Worten, sondern anhand seines Weges, verurteilten, den Weg der vor diesen unbedachten Menschen lag mit Steinen pflastern. Sollten sie weiterhin ihre Fackeln um sich werfen.

Sie würden dafür Sorgen, dass ihr Feuer keinen Nährboden mehr fand und einfach verlosch.


Ein Lächeln breitete sich auf Tendarions Lippen aus, als er das Gefühl hatte, endlich wieder vollständig er zu sein. Wieder diesen Elan in sich zu fühlen, um zu kämpfen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 5.08.16, 08:57 
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Tendarion hob die Fackel auf, die wieder verbrannte Erde erschuf, und warf sie in den nächsten Teich wo sie zischend mit viel Dampf verlöschte.


Nun zeigte Er sein wahres Gesicht. Mit einer gehörigen Portion Resignation sortierte der Elf den Briefverkehr in die Kirchenakten ein. Etwas was er vermeiden wollte. Aber wer keine Hilfe wollte, dem sollte sie auch nicht aufgedrängt werden. Zumindest musste der Elf nicht mehr für seinen Feind Lügen ersinnen. Er hatte seinen Teil des Versprechens eingehalten. Er hat das Leben des anderen geschützt und ihn gewarnt. Und wie es auch bei Lucy, Sarana und all den anderen war, war natürlich Tendarion der Schuldige, da er derjenige war, der sogar, wenn niemand anderes mehr sich bemühte in Hoffnung die Sache zum Guten zu wenden, jene schützte die schuldig waren.

Kein Problem weniger. Aber zumindest eine Sorge mehr aus dem Kopf des Elfen.


Mit einem müden Schmunzeln dachte er daran, wie nun schlechte Schmähschriften von weiterer Seite in den Umlauf kämen. Wie man ihn als grausam und zynisch verunglimpfen würde. Und wieder erkannte der Elf mit welch einer Gleichgültigkeit er dies mittlerweile betrachtete. Wenn ein gutes Herz nur mit netten Worten erkannt werden kann, dann kann jeder, der nette Worte sprach gleichsam ein gutes Herz vortäuschen.

Tendarion lehnte sich zurück und blickte aus dem Fenster. Er wusste, dass rechts neben dem Fenster Elgbert in der Ecke stand. Jeder Besucher oder Kirchenangehörige konnte in dem dunklen Raum ohne weiteres von dem Elfen gesehen werden, ohne dass er sich selbst offenbaren musste. Er kam nicht umhin dies als Sinnbild für das, was er tat zu sehen.

Eine weinrote Robe, die das wahre Ich des Elfen verschleierte - in die Schatten kehrte - damit viele andere Dinge, die fernab von jeglichen persönlichen Präferenzen waren, heller scheinen konnten. Er trug keine Rüstung. Er trug kein Schwert. Er trug auch keine Maske um seine Miene unverkennbar zu machen. Tendarion wandelte für jeden offen im hellen Schein, um seiner Herrin gerecht zu werden. Es spielte dabei keine Rolle was er persönlich fühlte oder dachte.

Das Überkommen der eigenen Belange. Das Überstehen von eigenen Schwächen. Die Transzendenz zu erlangen, um zu etwas Höherem zu werden. Die Entscheidungen zu fällen, die andere beseelte Wesen sich nicht zutrauen wollten, da sie Ablehnung und Verrat fürchteten.

Furcht war keine Schwäche. Sich von ihr in Untätigkeit und überwindbarer Melancholie treiben zu lassen, war jedoch Schwäche. Doch die Furcht zu nutzen um sie in etwas für das Wohl aller zu winden losgelöst von Selbstsucht und Niedertracht, war wiederum jenes, was einem näher zu den Vieren brachte. Wenn man verstanden hatte, dass das Leid aller nur darauf fußte, weil man sich aus persönlichem Leid an jenen rächen wollte, denen man für etwas die Schuld gab, an dem sie nicht einmal beteiligt waren.

Tendarion interessierte es nicht im geringsten, wenn man ihm wieder vorwarf was die Inquisition tat. Es interessierte ihn auch nicht, wenn man ihn als kalt bezeichnete. Wahre Selbsterkenntnis beruhte auf der Tatsache, dass die Worte anderer keine Macht über einen haben, wenn sie keinem wahren Kern entsprangen. Nur dann, wenn die Worte anderer Sterblicher mehr Macht hatten als die Tatsache, dass man überzeugt seinen Weg ging ohne sich auf Kompromisse einzulassen, nur dann verzweifelte man. Nur dann zweifelte man.

Seinen einfache Kette abnehmend, die neben der kostbaren Abtkette stets um seinen Hals gewunden war, hielt er sie vor sich und besah sie. Der Kelch war aus einfachstem Holz geschnitzt, mit einer einfachen Schicht Goldfarbe versehen. Die Farbe war an vielen Stellen schon abgekratzt. Das sich offenbarende Holz teilweise dunkel von Blut - seinem Blut und dem Blut anderer - eingefärbt. Wie oft hatte er sich in seinen größten Momenten der Angst an diese Kette geklammert. Die spitzen Ecken sich tief in sein Fleisch gebohrt und Blut gefordert, weil er in seiner Panik eine Ausflucht brauchte. Etwas was schärfer und stechender war, als das tiefe Verlangen zu fliehen. Als das tiefe Verlangen aufzugeben. Ein Lächeln wurde dem Elfen entlockt, als er das armselige Ding betrachtete. Er erinnerte sich noch, als Maluk ihm die Kette vor rund einem halben Götterlauf schenkte. Sie war einfach, doch hübsch anzusehen. Ein Schmuck, der seinem persönlichen Geschmack gerecht wurde. Die Kette war nicht mehr hübsch anzusehen, aber sie hatte eine Bedeutung erlangt, gegen die die kostbare Abtkette und all sein edles Gewand, das er trug, in Wert verblassen ließ.

Sie war ein Zeichen für seine Überzeugungen. Sie war ein Zeichen für das Überwinden seiner eigenen Schwächen. Sie war ein Zeichen dafür, dass man für sein Äußeres, seine Worte, verurteilt werden konnte, doch dass man anhand der Äußerlichkeiten nie wissen konnte, was sich wirklich dahinter verbarg. Sie war ein Zeichen für seine Liebe. Seine Liebe für alles Leben. Seine Liebe und sein nie versiegendes Vertrauen an die Herrin.

Tendarion schloss die Augen und dachte an jede einzelne Begebenheit nach, die ihn erschütterte. Er dachte an Rodrik, der sterbend vor ihm lag. Er dachte an Guntram der kaum noch zu erkennen war vor Wunden und Knochenbrüchen. Er dachte an all die Kinder der Viere, die in seinen Armen starben. Er dachte daran, wie er selbst erniedrigt, angegriffen, verspottet und beschimpft wurde.

Langsam öffnete er die Augen und betrachtete wieder den schäbigen Holzanhänger in seiner Hand. Er sah zum Fenster, als die Kinder der Schwertstreichs kreischend zu Elgbert stolperten; nach Tendarion fröhlich kreischten, weil sie ihre Keksration für heute abholen wollten. Wie Elgbert mit den Kindern auftaute und anstatt sie wie anfangs überfordert abzuwimmeln, sie hineinließ und zur Küche brachte. Der Elf besah den auf der Gegenseite gelegenen Teich und wie sich zwei Enten darauf abließen, die sich um irgendetwas schnatternd zu rangeln begangen. Die Taube die sich in dem Baum vor dem Ordenshaus eingenistet hatte, gurrte laut vor sich hin und die Wärme, die die Insel erfüllte, drang in den Raum. Die dünnen Finger des Elfen schlossen sich um den Anhänger und er lächelte. Ein wacher Blick aus dem Fenster reichte aus um zu wissen warum man auf Tare war.

Und warum es sich dafür zu kämpfen lohnte, es so beizubehalten wie es ist.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 10.08.16, 07:39 
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Tendarion verstand die Krankheit nicht. Manche die gebissen wurden, konnten sofort ausgeblutet werden, noch ehe die Krankheit ausbrach. Andere wurden sofort von nahezu tödlichen Symptomen befallen, während die Aura des anderen vor des Elfen Augen innerhalb eines Zyklus rapide schwächer wurde. So schwach, dass seine Erfahrung ihm deutlich machte, dass er mit den herkömmlichen Methoden einer Krankheitsbekämpfung nicht vorankommen könnte. Zwei Geweihte des Herrn Bellums waren betroffen. Diese Todesangst und diese Mordlust, die er in den Augen der anderen erkannte, war erschreckender mitanzusehen, als eine Horde Untoter, die auf einen zurannte. Sonst so gütige Augen die nach dem Blut des Elfen gierten. Sonst so beherrschte Hände, die sich um Tendarions Hals würgend schlangen.

Tendarion hatte mittlerweile eine latente Panik vor jedem Krieger und Bellums-Geweihten. Wer war der nächste Krieger, der Tendarion in einem Maß körperlich überlegen war, dass Tendarion nur hoffen konnte, dass andere da waren, die ihm helfen konnten? Seit die Seuche ausgebrochen war, vebrachte er seine Zeit ausschließlich im Hospital. Nur wenn jemand zugegen war, gönnte sich der Elf einmal zum Ordenshaus zu laufen, um sich etwas zu holen oder nach dem rechten zu sehen. Die Momente, wo kein gebissener in das Hospital wankte, mühte sich der Elf ohne Unterlass damit ab das Hospital Durchweg in einem Zustand zu bringen, der selbst das Essen vom Boden möglich machte.

Die verseuchte Ratte, die ihm aus Luth Chalid gesendet wurde bahrte er auf einem Tuch auf dem Boden auf und er begann sie zu untersuchen. Die selben Symptome wie bei dem Welpen. Auch die Symptome der Beseelten, bei denen die Krankheit ausgebrochen war sprachen ganz klar für eine aggressive Form von Tollwut.

Falkensee war von der Rattenplage nicht so sehr heimgesucht wie Brandenstein. Auch war ihm kein Bericht bekannt, dass bei jemanden dort die Krankheit ausgebrochen wäre. Keine Erwähnung von Ausbrüchen aus Burg Schwingenwacht. Nur ein selbstbezichtigter Diener des Einen, der die Seuche als das Werk des Einen deklarierte.

Wenn es so war, war es definitiv das Werk der Schwarzmagier. Wie immer unkontrolliert. Zerstörung um jeden Preis. Tendarion wickelte die Überrreste der Ratte ein und tränkte das Tuch in Masselsirup und Alkohol, ehe er Leder darum schlug und einen der Templer, die ab und an im Hospital nach dem Rechten sahen, das Päckchen, um es zu verbrennen, mitgab.

In Draconis hatte er sich auf Schwangerschaften und Geburten in seinem Heilerdienst konzentriert. Offenkundig musste er nun zum Spezialist für dämonische Seuchen werden. Ein müdes Lächeln zierte seine Lippen.

Er hatte nun Unterstützung hier. Die Herrin war nicht in der Lage Jonar von der Krankheit zu befreien, wie sie es bei Halgrim tat. Doch als Tendarion den hereinwankenden Arin, der gerade von einer Ratte gebissen wurde, mit den Armen auffing, wusste er, dass die Herrin stets bei ihm war. Sie vermochte nicht immer einzugreifen, aber nie würde sie Tare im Stich gelassen. Nie hatte sie Tendarion im Stich gelassen.

Das Lächeln auf den Lippen weitete sich aus. Sie werden heute gemeinschaftlich der Lösung näher kommen. Der Elf würde diesen Triumph dem Einen gewiss nicht gönnen.

_________________
Seit 20 Jahren im Design-Team und hat voll krass die Ahnung.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 17.08.16, 00:22 
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Vollständig angezogen, doch von seinen Stiefeln befreit, lag Tendarion im Hospital in seinem Bett, das er auch die letzten Tage schon als seine bevorzugte Schlafstätte erwählte. Eine Pergamentrolle lag auf seinem Bauch. Das andere Pergament hielt er aufrecht vor seinem Gesicht, um mit gedankenverlorener Miene immer wieder den Blick über den Inhalt des Gedichtes schweifen zu lassen.

Zitat:
Die Seuche

Kapitel I

Die Seuche geht durch die Gassen;
Ratten springen empor in Massen;
Sie geifern nach Fleisch, nach Blut;
In ihren Augen beinah dämonische Glut;
Wo kommen sie her, wer brachte sie mit?;
Wer lacht über die Toten und kratzt sich im Schritt?;
Sind es die bösen Magier des Pfads zur Linken?;
Oder doch nur aus der Burg verdorbene Schinken?;
Schinken, die die feinen Herren gegessen;
und die nun gammeln statt dessen.

Kapitel II - Die Pest von oben

In der Gülle der Burg dort oben;
braut sich ganz verschroben;
die Pest fürs Volk zusammen;
was dann am Boden liegt wie Schlangen;
Sie krächzen und jaulen und sterben gemeinsam;
und oben lacht er Adel einsam.

Kapitel III - Die schwarze Pest

Die Pest wurde eindeutig von Schwarzen geschafft;
So wie die Letzte uns hingerafft;
Sie schicken eine nach der andern;
Und feiern mit Wein jeden bei Morsan;
Reite geschwind du Bote der Mutter;
Fahre so flink du kannst mit dem Kutter;
Denn den Kuss Vitamas brauchen wir;
Nicht nur den, auch die Umarmung der Vier!

Kapitel IV

Ganz gleich ob Schwarzer, Magier oder Adel;
Wir unten leiden, ohne Chance auf Tadel;
Wir stehen hier unten das Gottesgericht;
Das keines ist, solang wir nicht erpicht;
Doch einzig mein Freund Tendarion streitet;
Und lieblich ihre Kunde verbreitet!


Der Aufbau des Gedichtes war konsequent inkonsequent. Es war nicht astraelgefällig und durchstrukturiert einheitlich. Die Kapitel waren teilweise mit Überschriften versehen und teilweise nicht. Doch wurde nur bei dem ersten und dem letzen Kapitel auf die Überschrift verzichtet. Ein Stilmittel um den Ursprung und die Bekämpfung der Seuche nicht zu klassifizieren? Möglicherweise wollte der Dichter auch verhindern, dass man seine persönliche Meinung dazu erfuhr, indem er sich dieser Kapitelbenennung erwehrte?

Die Pest von oben. Der Adel.
Die schwarze Pest. Die Diener des Einen.

Es war nicht das erste Gedicht dieser Art und Tendarion war sich ziemlich sicher, es zuordnen zu können, auch wenn ihm das Schriftbild nicht geläufig war. Immer wieder blieben die Blicke an dem letzten Vers hängen. Tendarion schloss die Augen und erwehrte sich der Gedanken die in ihm aufkeimten. Erheiternde und emotionale Gedichte waren der Herrin gefällig. Auch mögen kritische Gedichte Astrael gefällig gewesen sein. Doch was war mit Gedichten die weder das eine noch das andere waren? War es Sarkasmus? War es eine Schmähschrift gegen den Adel? War es eine Schmähschrift gegen die Diener des Einen? War es eine Schmähschrift, an jene, die vermuteten, dass die Seuche vom Einen stammte? Als der Elf seine Augen öffneten, fing sich sein Blick sogleich wieder auf dem letzten Vers, als würde in den beiden Zeilen eine Kraft innewohnen, derer er sich nur schwer entziehen konnte. Seine Lippen benetzend, hatte er sich vorgenommen diese Nacht auf Schlaf zu verzichten.

Janus war bereits dabei das Destillat für weitere Heiltränke zu mischen. Tendarion musste nicht mehr so ausdauernd sein wie in den letzten Tagesläufen. Er konnte sich ein gewisses Maß an Paranoia gönnen, die ihm eine Nacht Schlaf kostete.

Und wie unendlich erleichtert war der Elf, dass er trotz aller Warnsignale, die in ihm ruhten; trotz der noch nicht besiegten Seuche; trotz der Tatsache, dass seine Nähe zu seinen Liebsten immer mehr zu einer von allen akzeptierten Distanz wurde; dass er trotz dem, Herr über seiner Sinne war. Dass er Herr über seinen Verstand war. Dass er Herr darüber war, dass er in der Lage war sein Leben und das Leben anderer zu verteidigen, wenn er nichts in den Händen hielt. Diana hatte recht. Vitama musste ihn nicht mehr an der Hand führen, damit er seinen Dienst vollführen konnte. Er war zuvor ein ihr ergebenes Kind, das stets die Hand nach ihr ausstreckte, wenn er nicht mehr wusste, wohin seine Entscheidungen ihn führten. Doch allmählich bekam er das Gefühl, dass je mehr er sich von sich selbst distanzierte - sich aus den Lasten der Kindlichkeit und Befangenheit herauswandte - umso mehr wurde er ihr ein Diener.

Er ließ das Pergament sinken und verschränkte seine Arme hinter dem Kopf. Wie in Draconis, war er wach im Hospital in den tiefsten Zyklen der Nacht, während der regelmäßige Atem von den Patienten, und das unvermeidliche Schnarchen einiger, seine Wacht begleitete.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 26.08.16, 09:24 
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Der vom Schlaf gezeichnete tiefe Atem, der vom Bett her an Tendarions Ohren drang, hatte wie immer eine beruhigende Wirkung auf den Elfen. Wieder stand er vor dem riesigen Fenster, mit einem Becher kalten Tee, und besah die Insel, die von Ajasendallas Glanz und den Fackeln und Laternen hier und da erhellt war.

Nachts war die Zeit auf der die meisten auf Tare in Lifnas Armen lagen. Sie ergaben sich ihren innigsten Wünschen und ihren grausamsten Erinnerungen. Unschuld erfüllte die niederträchtigsten Verbrecher. Die tiefsten und dunkelsten Erinnerungen jene, die sich einem sonst so moralischen Leben hingaben. Und dann gab es jene, die von ihren eigenen dunklen Taten im Schlaf ebenso gebeutelt wurden, wie jene die guten Herzens waren, mit sanften Träumen gesegnet waren.

Tendarion träumte nicht oft, möglicherweise betraf es auch alle Fey, das wusste er nicht mit Sicherheit, doch die wenigen Male die er träumte, waren sie Visionen gleich. Mahnungen an ihn. Bilder von bereits geschehenem. Bilder von etwas was geschehen könnte. Einzig die Herrin gönnte ihm dann und wann eine rar gesähte Erinnerung an die schönen Momente, die kommen könnten. Schlaf war nichts, was er persönlich mit etwas anderem verbinden konnte, als mit der Pflicht seinem Körper die Ruhe zu gönnen, die er benötigte um zu funktionieren. Doch wenn die Stadt in den späten Zyklen immer stiller wurde und die Dunkelzyklen in dieser Zeit kaum Licht in den Fenstern zeigte, dann schien sich sein Körper schlagartig zu entspannen. Jede Anspannung wich. Jede Sorge war für den Moment Erleichterung gewichen. Nach wie vor begehrte er es, wenn seine Gefährten schliefen. Wenn er wusste, dass er allein derjenige war, der über sie wachte und sie ihm so sehr vertrauten, dass sie selig und tief schliefen, selbst wenn er Beschäftigungen nachging. Er fühlte sich nützlich, gebraucht. Geliebt.

Sich auf dem Fensterbrett ablassend, blickte er zum Bett und er führte den Becher zu seinen Lippen, ehe er ihn wieder absetzte. Ein Götterlauf war nun vergangen. Ein Götterlauf, in dem er mehr erlebte als die Jahrzehnte zuvor. Und dennoch hatte er das Gefühl, keinen Unterschied mehr machen zu können. Mutter und Celedir hatten deutlich gemacht, dass er auf Siebenwind zu bleiben hatte, doch fragte er sich, ob er hier tatsächlich noch gebraucht wurde. Er fühlte, wie man ihn nur in seiner Rolle als Diener Vitamas ernst nahm, aber darüber hinaus, war er nicht mehr als nur das. Ein Mann, oder für manche eine Frau, der sich der Göttin ergab mit der die meisten nur romantische Liebe und Kunst verbanden. Ab und an, wenn sie verletzt oder krank waren, erinnerten sie sich daran, dass sie auch für Heilung und Leben stand.

Doch sah Tendarion, dass Arin ebenso in der Lage war das zu erfüllen, was von Tendarion gefordert und erwartet wurde. Was war also Tendarions Zweck auf einer Insel, die in einem Diener der Herrin nur einen Heiler mit weinroter Robe sahen?

Reagierte er nicht nur, sondern wollte sich aktiv in das Behüten des Lebens anderer einmischen, war er eine Last und enervierend in seiner Meinung. Zu zart besaitet, zu schwach. Er solle sich auf Reaktionen beschränken und das Handeln anderen überlassen, die besser wussten, was für Tare richtig ist.

"Gehen wir von konservativen 500 Götterläufen aus."


Guntrams Worte hallten seither in seinen Ohren. Wer würde sich noch in 500 Götterläufen daran erinnern, dass er einmal eine Buße annahm, die vielleicht nicht gänzlich gerechtfertig war, aber in Tendarions Geist und Herzen dennoch einem Zweck zugeführt wurde? Wieso soll ein Mensch besser wissen, was Tare gut tat, wenn er die Konsequenzen seiner eigenen weitreichenden Entscheidungen gar nicht überleben konnte? Die Fey mögen zu passiv erscheinen, doch wie viele Kriege wurden durch die Fey ausgelöst? Man kennt nur einen dunkle Zeit der Fey, und jene wurde durch dem Einen selbst hervorgerufen.

Gedankenverloren betrachtete er die in Schatten getauchten Umrisse in dem Bett. Wie immer auf dem Rücken liegend. Still und unbewegt. Der Atem flach, doch hörbar. Schuldgefühle stiegen in Tendarion hoch und er konnte es nicht mehr ertragen zu der schlafenden Gestalt zu sehen. Sein Blick wandte sich zu der verlorenen Stadt mittig der Insel und tiefe Trauer erfüllte ihn. Sein Drang Leben zu retten, hatte dazu beigetragen, dass der Tempel fiel. Sein Drang zu verhindern, das noch mehr Blut Unschuldiger die weißen Tempeltreppen rot färbten, sorgte dafür, dass die Worte gesprochen wurden, mit denen die Stadt verloren war. Müdigkeit und Übelkeit überfiel den Elfen und er empfand sich nicht mehr würdig in dem Raum zu sein, der am meisten durch Tendarions Taten getroffen wurde.

Jeder Fehler zwang Tendarion immer mehr auf die Knie. Jeder Tadel durch ihn wog wie ein weiterer Fels, auf dem Berg den er bereits auf den Rücken geladen hatte. Er würde dennoch nach außenhin jenen mimen, der diese Last mit einem Lächeln zu einer Feder werden lassen konnte. Doch wusste er, dass er nicht den Göttern dienen würde, wenn er diese Bürde nicht als das ansehen könnte, was es letztendlich war: Seine persönliche Prüfung um seinen Wert gegenüber den Vieren zu beweisen.

Sein Herz wurde leichter, doch dieser bittere Geschmack des sich immer wiederholenden Versagens, der wie Galle in seinem Hals stand, wollte nicht weichen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 13.09.16, 12:43 
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Er fegte die letzten Holzsplitter vom Boden, ehe er die in handliche Stücke gebrochenen Trümmer des Stuhles neben den Kamin legte und die Holzsplitter in den Kamin wischte. Diese "Scherben" konnte er zuordnen. Der Grund dafür war banal und einfach zu erfassen. Ein Stuhl der mit Wucht gegen eine Mauerkante geworfen wurde, gab nach und zerbrach. Danach hob man die Trümmerstücke auf, entsorgte sie, besorgte einen neuen Stuhl und kurze Zeit später hatte man diesen Vorfall und den kaputten Stuhl vergessen.

Der Elf dachte daran, dass er seine Welt vielleicht auch zu banal sah. Sein Leben in Trümmer hacken, schnell alles verbannen, was an den Ärger und den Gram erinnerte, und danach läuft alles wieder in den Bahnen wie es sein sollte. Jeder fand seinen Weg und er würde sich wieder an den Rand stellen und nur intervenieren, wenn einer von ihnen anfängt, vom Weg abzukommen, oder auf der Stelle zu treten, ohne zu wissen, wie man den nächsten Schritt tätigen sollte. Das war das, was er für sich wollte. Immerzu. Nie etwas anderes. Und dennoch hatte er seinen Schritt verlangsamt um gleichauf mit so manchen sein zu wollen. Hatte versucht die Hände mehrerer zu halten, ohne sich einzugestehen, dass er selbst nur zwei Hände anbieten konnte.

Der Wein von der gestrigen Nacht pulsierte in seinem Kopf und er trank einen der Tränke, die er für leichte Vergiftungen seinen Patienten verabreichte. Etwas, dem er sich bisher nie ergeben hatte. Aber er hatte nicht die Kraft sich auf sich selbst im Moment zu verlassen.

Er sah auf die leere Stelle, an der gestern noch der Stuhl stand und konnte nicht umhin ein bitteres Lächeln folgen zu lassen. Der Stuhl als Sinnbild für das, was er selbst verursacht hat. In seiner zunächst guten Absicht soviele Hände halten zu wollen, hatte er übersehen, dass er bereits vollständig ausgeschöpft war.

Tendarion war es gewöhnt einem blauen Schatten, der viele Schritte vor ihm wandelte, zu folgen, während er selbst seine Hände links und rechts hielt und zwei andere Hände fest umfasst hielt. Ein rotes Licht und ein ebenso blaues Licht. Doch letztere waren viel klarer und deutlicher, als der Schatten vor ihm. Sie waren neben ihm und nur ab und an wurde er daran erinnert, dass er zwischen ihnen stand. Dann versuchte er ihre Hände zu verbinden und einem Halbschritt hinter ihnen zu gehen. Und das war der Punkt, an dem eine andere, fremde Hand, nach ihm fasste. Erst grau, dann weiß. Und anstatt ihn zu fragen, ob er überhaupt eine Hand freihatte, riss das Licht ihn stürmisch an sich und hatte bestimmt, dass es nun ein Teil seines Lebens war.

Nachdenklich blickte er durch den Wohnraum. Das erste Mal, seit langem, fühlte er sich wie ein Eindringling. Wie zu jener Zeit als er den Schlüssel an sich nahm und ungefragt ein- und ausging, bis es einfach stillschweigend akzeptiert wurde. Er hatte sich nun Zeit zum Nachdenken verschafft, aber das mit einer Vehemenz, dass er nicht wusste, ob es noch überhaupt etwas zum darüber nachdenken gab, außer seinen eigenen Fehl zu bereinigen, auf dass es nicht wieder geschehen konnte.

Auf Vergebung brauchte er nicht hoffen, dafür hatte er gesorgt, dass dieser Punkt lange überschritten war. Er hatte Vitama vollständig nachgegeben und dabei übersehen, dass er die anderen Viere in seinem Handeln vollständig vernachlässigt hatte. Diese Situation war weder rechtens und durchdacht, noch gerecht und muterfüllt und schon gar nicht ruhig und besonnen. Es war einfach ein zusammenhangsloser Haufen aus Gefühlen, der absolut keinen Sinn mehr ergab.

Er hatte das astraelblaue Tuch um seinen Kopf gelegt, auch wenn man ihm vorwarf, er würde den Sinn einer Buße damit verunglimpfen. Aber vielmehr befürchtete Tendarion, dass er sehr wohl gut daran täte zu büßen. Er hatte nicht der Herrin nachgegeben. Er hatte nur seiner Selbstsucht nachgegeben.

Ein Mond der Ruhe. Ein Mond der Askese und Meditation. Wenn sein Geist dann nicht bereit war, nur noch einen Weg ohne jede Kompromisse einzugehen, dann würde er diesen Weg solange weiterverfolgen, bis alle Zweifel in seinem Herzen ausgeräumt waren, dass er wieder fest auf den Pfaden der Herrin wandelte und fernab von Selbstsucht und Gefallsucht sich jedem zurecht machen versuchte.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 16.09.16, 09:45 
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Tendarion nickte Elgbert zu und sah wieder aus reiner Gewohnheit und ohne Erwartung in den Briefkasten. Und war milde überrascht tatsächlich nach langer Zeit wieder ein Schriftstück vorzufinden. Ein Blick auf die Schrift und das Siegel und er entschied sich das Siegel später zu brechen.

Abweisung war etwas mit dem er sich sein ganzes Leben über arrangiert hatte. Nicht gut genug zu sein für seinen Vater. Perfekt zu sein für seine Mutter. Mittelmaß kannte Tendarion nicht. Entweder er wurde geliebt oder abgelehnt. Entweder er war hochmütig oder demütig. Entweder er war fröhlich oder tieftraurig.

War man zu Extrema erzogen, konnte man auch nur in einem Extrem reagieren. Liebe wurde mit absoluter Liebe erwidert. Hass damit, dass er seine Hand hinfortzog. Hass. Es war immer schwieriger geworden mit Gefühlen umzugehen, wenn sie doch nur immer mehr in eine Richtung funktionierten. Immerzu wollte er sich an die Erinnerung von Hass und Wut klammern. Doch war es genau das: Eine Erinnerung an ein vorheriges Leben. Ein Leben vor seinem inbrünstigen Dienst an die Herrin. Ein Leben, als es noch sein Leben war. Ein Blick auf den Brief und er zögerte ihn zu öffnen. Es war nicht mehr sein Leben. Er lebte für Vitama. Er lebte für andere. Sein persönliches Glück war irrelevant und dennoch hatte er sich eingebildet, er hätte das Anrecht darauf dieses Glück für sich ebenso zu beanspruchen.

Doch hatte er es geschafft sein persönliches Umfeld derart zu pervertieren, dass er zur Abwechslung offen zuließ sich von jenem Mann, der ihm Angst beibrachte, mit schönen Worten bezirzen zu lassen. Ihm seine Schwächen zu offenbaren, ihm zu zeigen, dass er noch etwas in seinem Leben hatte was er kontrollieren konnte. Seinen Glauben. Tendarion wünschte sich als von Bekehrung und Brechen die Rede war, dass er genau in jene Situation geriet. Selbstgeißelung. Selbstaufopferung. Für seine Herrin Vitama. Ihr zu beweisen, dass wenn er doch so sehr an ihren Tugenden scheiterte, dass er dennoch unverbrüchlich Hoffnung und Vertrauen über alles stellte.

Er hatte alle von sich geschoben. Es war nur Recht, wenn sie nun das selbe taten. Dennoch wollte er nach der gestrigen Ablehnung, nicht die nächste Ablehnung wieder vor Augen geführt bekommen. Der Brief wurde ungeöffnet in die Schublade seiner Kommode abgelegt. Dianas Leid lastete so oder so schwer auf seinem Herzen. Aber er konnte es sich nicht erlauben nun jeden Tag damit zu verbringen Tränen zu vergießen. Eher wollte er vergehen, als jemals wieder jemanden das Gefühl zu geben, dass er nur ein Wurfholz sei. Dass Tendarion nur mit Gefühlen spielte. Dass Tendarion sich in Gewissheit suhlte, dass ein jeder zu ihm wieder zurückkam, wenn er doch nur darum bat. Dem Elfen wurde bei dem Gedanken körperlich schlecht und er atmete tief durch und er schloss die Augen, ehe er die Schublade mit dem ungeöffneten Brief mit beherztem Druck schloss.

Der Hohe Rat und seine Aufgabe als Abt des Ordo Vitamae hatten höchsten Priorität. Jetzt wo ein Geweihter der Herrin auf der Insel war, der - im Gegensatz zu Tendarion - Arin ein guter Mentor war und sich die beiden um die angenehmen Seiten der Herrin kümmern konnten, konnte Tendarion seine Kraft wieder auf das Wirken der Kirche als Institution konzentrieren. Tendarion hatte Angst davor Arin wieder Schmerzen zuzufügen. Umso mehr hatte er Angst davor dem neuen Bruder zu nahe zu kommen. Noch immer tönten die Worte, er habe als Abt und als Calator versagt, wie ein Echo immerzu in seinem Hinterkopf und wollten nicht verhallen.

"Mein Glück ist irrelevant, wenn deshalb das Glück vieler zerbricht.", hauchte er in den leeren Raum. Er war ein Werkzeug der Viere. Werkzeuge haben keine Bedürfnisse und keine Launen. Sie funktionierten bis sie zerbrachen und dann war es Zeit zu gehen. Denn es würde immer neue Werkzeuge geben.

Und er ging mit seiner müden Miene aus dem Raum und kümmerte sich um das, was Tare brauchte, nicht was er selbst brauchte.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 22.09.16, 20:39 
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Langsam entzog er seine Finger von dem Kelch, der mit einer Vitamakette umwickelt war. Der leichte Elfenwein stieg ihm süß in die Nase. Das Gefühl der Kette kribbelte angenehm unter seinen Fingerkuppen. Die leisen Geräusche, die von draußen hereindrangen, wirkten belebend. Das Herz des Elfen wollte schweben, wollte vor Freude bersten,..

..doch kam er nicht umhin, dass er an Rudolf denken musste. Dass er an Seppl denken musste. Dass er an all jene denken musste, die er auf ihren Wegen nicht begleiten konnte und schließlich am Ende verloren hatte, ohne dass er etwas für sie tun konnte.

Tendarion bat Rudolf um Vergebung. Doch im Grunde bat er Vitama um Vergebung, dass er wieder einmal nicht in der Lage war ein Leben zu behüten. Dass er nicht in der Lage war, die Hand im rechten Moment auszustrecken, als es noch zwei Pfade für dieses jungen Leben gab. Die Worte, die von der Gleichgültigkeit gegenüber den Vieren sprachen, beschwerten sein Herz umso mehr.

Die Freude und Euphorie, die ein Gebet an die Herrin stets mit sich brachten, verloren sich im allzu bekannter Melancholie. Tränen hatte er zuvor verloren, nachdem ihm Adhemar riet, es sich nicht so sehr zu Herzen zu nehmen. Stets fragte sich der Elf, ob nun der Punkt gekommen war, wo Vitama Tendarion nicht mehr verzeihen wollte. Wo Vitama ihm die liebevolle Hand entzog, weil er wieder ein Leben gehen lassen musste. Sollte er kopfloser werden und mehr sein Herz entscheiden lassen, wie Ben und Arin es stets pflegten? Würde das Vitama wohler stimmen?

Doch sie schwieg. So wie sie stets schwieg seit seiner Weihe. Sie zeigte ihm die Grenzen auf. Aber sie zeigte ihm nicht mehr den Weg. War er auf dem richtigen Weg und sie entschied sich ihm demnach nur noch zu zeigen, wenn er auf falschen Pfaden zu wandeln drohte? Oder aber, stand er auf der Stelle und sie akzeptierte ihn einfach als einen ihrer vielen Diener, der vielleicht in ein paar Jahrhunderten wieder ihrer Aufmerksamkeit wert war? Tendarion fühlte sich so niederträchtig bei diesen Gedanken und er schluckte schwer, als er im Geiste um Vergebung flehte, dass er so von Selbstsucht getrieben war. Doch war es Selbstsucht wissen zu wollen, ob man ein guter Diener war? Ob man ihr, dem Leben, dem Volk, wahrlich diente, oder ob man nur noch in einem Meer schwamm, das einem in die offene See trieb oder an den Strand spülte, ohne Kontrolle darüber welchen Weg man selbst zu wählen erachtete?

In ihm ruhte eine aufkeimende Angst. Eine Erscheinung Morsans war bisher noch nie mit guten Ereignissen einhergegangen. Tendarion fürchtete um Adhemar. Fürchtete um seine Liebsten. Fürchtete um Brandenstein. War es ein Bote des Todes? Ein Bote, dass wir uns der Ruhe ergeben sollten, solange wir noch in der Lage dazu waren?

Er wollte einen jeden an seinen Gedanken und Sorgen teilhaben, doch war niemand da, der ihm eine starke Schulter sein konnte. Schweigen erfüllte seine Geschwister, die ihrem Dienst nachkamen. Tendarion fühlte sich einsam, wieder zu der Person vermacht, die eine Richtung vorgeben sollte. Verdammt dazu wieder einen Fehl nach dem anderen zu begehen.

Aber wenn die Herrin diesen Weg für ihn wählte, so war es an ihm, sich der Hoffnung hinzugeben, dass er wenigstens ein Leben auf seinem Weg erretten mochte. Solange er Vitama diente, war er nicht alleine. Solange er nur glaubte, konnte nur sein Körper und sein Geist, doch nie seine Seele, vergehen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 3.10.16, 12:19 
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Das unnatürlich perfekte Pergament, das diesen Schimmer, den er in Custodias' Augen für gewöhnlich nur sah, zeigte, ruhte zwischen den Händen Tendarions, als er im Schrein des Herrn Bellums saß. Immer und immer wieder musste er dieses Schriftstück berühren, lesen. Immer wieder umfassen, um sich zu vergewissern, dass es tatsächlich da war.

Diese unsägliche Trauer die er zuvor fühlte, als der Abschmiedsschmerz sein Herz zu zerreißen drohte, fühlte sich nun weit entfernt an. Hunderte Götterläufe waren vergangen zwischen diesen Tränen. Tausende Götterläufe schien es her als er sich fragte, ob er richtig lag, ob er Ihr gerecht wird. Äonen zogen vorbei, als er zwischen zwei Wegen stand.

Er ist heute gesprungen. Vom halben Wege aufwärts zu Ihr, hinab ins Tal. Sie machte ihm deutlich, dass der Sprung schmerzte, aber nicht einmal dachte er daran, dass die Hand die sie zurückzog, strafend oder drohend gemeint war. Sie ließ ihn einfach ziehen. Ein Sohn der erwachsen wurde und sich nicht nur seiner leiblichen Mutter entwöhnte, sondern dem letzten sicheren Hafen, der ihm die Sicherheit brachte, dass er nichts zu befürchten hatte.

Als Halgrim in den Schrein kam, war der verwunderte Blick des Zwergen nicht zu übersehen. Auch Tendarion hatte das Gefühl an einem ihm noch kaum entdeckten Ort zu harren. Und dennoch hatte er es gewagt über Halgrims Herrn und den Herrn dieses Schreines ein Urteil zu fällen. Es war ihm, ohne die Führung der Herrin, als wäre er in einem neuen Tare erwacht. Halgrim war ihm immer ein vertrauter Bruder, doch erstmalig sah er die Respektsperson eines Geweihten Bellums. In des Zwergen Antlitz fühlte sich Tendarion wie ein Schüler, der noch viel zu lernen hatte, ehe er es wagen konnte selbst anderen zu lehren. Wie deutlich er doch dem Elfen machte, dass er ihn sehr wohl aufmerksam im Blick hatte, ihn lauschte und darüber nachdachte, was dieser damalige, naive Elf - dieser ehemalige Diener Vitamas - von sich gab.

Tendarion fühlte sich als würde er von sich aus einem anderen Leben hören. Er erkannte sich wieder und dennoch fühlte es sich so seltsam an, dass jemand angab von Tendarions Worten beeinflusst zu werden. Und umso mehr bestärkte es den Elfen zu verstehen und zu sehen, welche Rolle ein Geweihter der Viere auf Tare innehatte.

Die Bitte um Vergebung und die Hilfe durch den Ordo Belli wieder zu der wahren Demut zurückzufinden, die auch des Elfen Haupt vor Bellum wieder herabneigen ließe, wurde ausgesprochen. Er wolle Hochmut und Selbstgefälligkeit ablegen. Sich für seine Gedanken und Worte verantworten.

Seine Seele sollte wieder so rein werden, wie es in seiner Macht stand dies zu tun. Er wollte diesen geraden, sauberen Pfad ohne Makel, so makellos wie er nur konnte begehen. Er wollte nicht derjenige sein der das reine silberne Schimmern beschmutzte.

Und so harrte er die ganze Nacht in Kontemplation auf dem harten Boden. Die Esse trieb ihm den Schweiß ins Gesicht und ließ seine reinweiße Büßerrobe im Rot Bellums erstrahlen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der Viere
BeitragVerfasst: 8.10.16, 11:32 
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Er ging die belebten Felder und Gatter außerhalb der Stadtmauer entlang. Ein Angewohnheit die er seit dem Beginn seiner Buße aufgenommen hatte und mit einer Faszination eines Neugeborenen wahrnahm. Die emsigen Bauern und Erntehelfer, die Geschwister aus der Kirche. Alle arbeiteten sie hart, sprachen, lachten und riefen über den Zaun hinweg zu jenen die an den Höfen entlanggingen. Die Tiere waren laut und verlangten gepflegt und versorgt zu werden. Doch die größte Faszination war für Tendarion nicht dieses Sinne umwölbende Treiben, das für Elfen nahezu unerträglich war. Auch nicht, dass so viele im Fleiß ihr Lachen und ihre Fröhlichkeit nicht verloren.

Sondern diese absolute Stille.

Seit über einem halben Götterlauf schrie jeder nach ihm, selbst wenn kein Wort gesprochen wurde. Zerrte an seinem Herzen und an seinem Gemüt. Brachte ihn in vollkommene Ergebenheit, ohne dass er es wünschte. Er kniete vor jedem, weil es die einzige Möglichkeit war, mit diesem inneren Tumult, der seinen Geist zu zerstören drohte, umzugehen. Jede Begebenheit nach Ablenkung - Lust, Liebe, Rausch und noch mehr Lust - riss er an sich um an dieser Tirade an Emotionen, die sein Umfeld ihm schonungslos jeden Zyklus entgegenwarf, nicht zu vergehen.

Und nun war es in den letzten Tagesläufen nach und nach stiller geworden. Mit dem Verbleichen seines Males auf der Stirn, hatte sich die Herrin ihm ganz entzogen. Jede Form von göttlicher Berührung war nur noch in seiner Seele zu finden. Der göttliche Funke, der in allen wohnte. Rodrik verglich es mit dem Verlust seines Auges. Tendarion verglich es gedanklich mit dem Verlust seiner vor ihm liegenden Lebensjahre, Magiebegabung und mit einer geheuren Portion von Unliebsamkeit, die sein Herz erfüllte.

Doch zerbrach er nicht. Auch drohte er nicht in Melancholie zu vergehen. Selbst Tränen, die ihm sonst so leicht über die Lider entweichen konnten, waren nur noch ein unangenehmes Brennen in seinen Augen. Er hatte sich erstmalig voll und ganz allen Vieren ergeben und wartete geduldig auf das Urteil, das über ihn gefällt werden würde.


Tendarion war sich selbst ungewiss welches Urteil Custodias über ihn fällen würde. Er hatte Vitama bereits nicht gerecht werden können, die so nachgiebig und sanft war. Die so liebevoll und gütig war und soviel Geduld für ihn aufbrachte, obwohl er mit ihren Aufgaben so haderte. Sie war ihm immer schon wie seine Mutter und würde es auch fortan sein. Aber Astrael war der gestrenge Vater, der bestrafte und unnachgiebig war, bis man ihm gerecht wurde.

Wie viele Jahrhunderte würde Tendarion benötigen um ihm ein wahrer Diener sein zu können?

Als der Elf wieder zurückkehrte in die heilige Bibliothek des Herren, schloss er die Augen und er atmete tief durch. Vor seinem inneren Auge sah er die silbernschimmernde Hand, die zu weit weg war um sie zu ergreifen. Doch der Boden der sich vor ihm offenbarte führte direkt darauf zu. Vielleicht waren es Jahrhunderte - kurz ereilte ihn Wehmut und Ehrerbietung, dass Custodias diesen Weg in wenigen Jahrzehnten zurücklegte - die Tendarion zu gehen hatte. Aber einen geraden Pfad zu begehen, ohne den ewigen unvorhersehbaren Umstand der Emotionalität, erschien dem Elfen die Zeit durchaus wert.

Als er die Augen öffnete, blickte er sich in der Bibliothek um. Besah die perfekt katalogisierten Schriften, die perfekte Anordnung der Regalreihen. Das Surren und Funkeln von arkaner Kraft um ihn herum.

Und diese gelehrige Stille.

Ein sachtes Lächeln erfüllte den Elfen, als er einfach voranschritt. Er wusste wonach er suchte und hatte keinerlei Sorge, dass er es nicht finden würde.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der Viere
BeitragVerfasst: 10.10.16, 11:53 
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Er zog den Schal etwas tiefer in sein Gesicht, als er mit konzentrierter Miene Strich um Strich die Illustrationen, die Fyonn für das Laudes Dei auserkoren hatte, in ein neues Buch übertrug. Abmalen war bedeutend einfacher als selbst ein Bild aus dem Nichts zu erschaffen und es war eine neue Art von Meditationsübung für den Elfen geworden.

Doch musste er den gesamten Arbeitsbereich hell erleuchten. Im blauen Schein der Laternen fühlte er sich ein klein wenig wieder mit der arkanen Macht verbunden, die in den hellleuchtenden Essenzen in diesen fragilen Käfigen aus Glas, ruhte. Oder war es Alchemie? Tendarion behielt sich im Hinterkopf diese Essenzen, bei sich bietender Gelegenheit, näher zu erforschen.

Doch nebst einem höheren Kerzenverbrauch, den er für unbestimmte Zeit verursachen werden musste, war ihm diese unsägliche Kälte ein Dorn im Auge. Der Wind bließ um seine Ohren, mehrere Fellschichten konnten das Zittern, das ihn beutelte, nicht verhindern. Alles wirkte so unlebendig und stumpf. Das ständige arkane Surren, was sich schwerlich in Worte fassen ließ, war wie weggewischt. Selbst diese enge Bindung, die das elfische Volk untereinander verband, schien gekappt.

Er dachte an seine magietheoretische Abhandlung und fand sich in vielen Punkten darin bestätigt. Das Geschenk Astraels an die Fey war etwas anderes als die Magie die anderen Völkern vergönnt war. Nicht besser, nicht schlechter. Eben einfach nur anders. Wurde den Fey die Magie geschenkt, weil sie ihr Leben so führten, wie sie es führten? Oder war es eine Prüfung, die viele Jahrtausende nun anhielt und von jeder Generation der Fey bestanden wurde? Seine Gedanken schweiften zu den Legenden und auch bestätigten Aufzeichnungen zum Fall Jassavias. Auch die Fey haben sich großer Fehler ergeben. Jassavias Fall war jedoch die dunkelste Zeit in der Geschichte seines Volkes. Das strahlende Volk, das sich emporhob, felagleich glänzte, nur um mit einem großen Knall als ein toter, verglühter Stein herabzufallen. Der Kern glühte noch. Der Glanz war hingegen vergangen. Sein Volk war nicht zu beneiden und es war nicht von der Hand zu weisen, warum die Ältesten seines Volkes den jungen Völkern zürnten, oder sie ablehnten.

Tendarion gehörte zu einem großelterlichen und elterlichen Volk, das mit Stolz und Angst, das Emporkommen der eigenen Jünglinge und Töchter, in Form der kurzlebigen und jungen Völker, beobachtete. Das Erwachsenwerden der Kinder und Enkel bedeutete den nahenden Tod der Großeltern. Der Verlust der Magie auf Tare, die nicht willkürlich in Personen gesetzt und missbraucht wurde. Der Verlust der Magie auf Tare, die eng mit Tevras und Vitamas Gaben verbunden ware. Der Verlust der Magie auf Tare die nicht unterworfen und unterjocht wird, sondern ein Teil Tares war, den man als Geschwister und Wächter betrachten sollte. Eine Macht, die Astraels Opfer emporbrachte, die das Leben eines jeden Sterblichen bereicherte.

Tendarion blickte auf die Seite herab und verglich sie mit dem Referenzbild. Er überlegte, in das untere Büro zu gehen. Dort war wenigstens ein Ofen, der seine eisigen Fingerkuppen bei diesen ruhigen Handbewegungen warm und geschmeidig halten konnte.

Er bereute nicht, diese Prüfung angenommen zu haben. Sie war weit erträglicher, als diese Bewerfung von Emotionen, der er sich zuvor ergeben musste. Aber Astrael selbst wusste, was er seinem neuen Diener damit antat. Custodias hatte Recht behalten, wie so oft: Auch war er der Herr der Strafe. Denn zu jedem gnädigen Rechtspruch, musste es auch jene geben die strafend und maßregelnd waren. Gütige Worte allein waren es nicht, wie man den dunklen Mächten, die Güte und Gnade nur sehr pervertiert in den Mund zu nehmen wagten, entgegentreten konnte.

Er griff die Bücher und sein Schreibzeug und wanderte in das beheizbare Büro unter der Bibliothek. Und während die ersten Seiten im Buch trockneten, nahm er wieder den blauen Stoff auf seinen Schoß, nahm etwas von dem metalldurchwirkten, glänzenden Faden, und machte sich daran elfische Knotenmuster in die Robe zu sticken, die sich in stilisierte Waagen am Saum zu einer Borte verloren. Und schließlich nähte er auf Höhe seines Herzens eine Raute und stickte die Symbole aller Viere in jene.

Es gab nie einen Grund sich zwischen den Vieren zu entscheiden. Man musste sich nur dafür entscheiden den Weg zu ihnen zu finden, den man bis an das Ende seines Daseins auf Tare beschreiten konnte.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der Viere
BeitragVerfasst: 12.10.16, 23:11 
Edelbürger
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Die schneidende Kälte des Marmors und die schmerzhaft sich in seine Unterschenkel bohrende Stufe des Altars waren allmählich ein alter Bekannter für Tendarion geworden.

~~~

Herr Astrael, ich habe seit ich unter deinem wachsamen Auge wandle keine Lüge gesprochen. Ich habe stets abgewogen und die Dinge nach bestem Gewissen von allen Seiten beleuchtet, oder mir selbst die Möglichkeit gegeben, dass ich sie von zwei Standpunkten aus besehen kann. Ich werde weiterhin wahr sprechen, auch wenn es mein Herz bluten lässt; auch wenn es mich in Wut lodern lässt. Doch werde ich den Zorn nie gegen die meinen führen, sondern stets um die rechte Sache zu verteidigen und für die Wahrheit kämpfen. So will ich diese Prüfung, die mit meinem Stand und dem Verlust meiner Gabe einhergeht, aufrecht und ohne Widerwillen bestehen. Denn ich weiß, dass die Wahrheit immerzu obsiegen wird, wenn sie nie verschwiegen wird. Ich werde nicht zaudern, wenn ich Unrecht sehe. Ich werde nicht zögern, wenn ich Unrecht höre. Mein Wissen - das vergangene, das gegenwärtige und das künftige, das ich unter deinem wachsamen Auge erlangen werde - werde ich im Willen der Viere einsetzen. Nie werde ich gegen deine Geschwister, noch gegen die Diener deiner Geschwister vorgehen. Nie werde ich an dem Urteil deiner Geschwister zweifeln. Ich werde dennoch ungehemmt die Worte, die gesprochen werden müssen, aller Gegenwehr zum Trotz, fürderhin in den Mund nehmen. Kein Stolz, keine Missgunst, keine Rache sollen meinen Verstand leiten. Nur der Wille den Vieren zu dienen, recht und wahr zu sprechen und für das Licht zu kämpfen, wird mich fortan leiten.

Ael.

~~~


Eiskalt waren die zur Raute gehaltenen Finger nach Beendigung seines Gebetes. Doch harrte er weiterhin im Schrein. Eine Farbe und Symbole konnten das ganze Leben verändern. Für alle anderen hatte er sich schlagartig geändert. Er hingegen sah nur die graduelle Entwicklung der letzten Jahrzehnte, die nur hier auf der Insel ihren Abschluss fand.

Er war von Furcht und Angst geprägt. Er hatte nicht das Selbstbewusstsein, das andere ohne Zögern ganz Tare entgegenbringen konnten. Seine Stärke war einzig und allein sei Glaube und unerschütterliches Vertrauen an die Viere. Losgelöst von jeglicher Weltlichkeit. Losgelöst von jeglichem persönlichem Empfinden.

Er starrte auf die silberne Flamme der Arkanen Obedienz und besah die Schale darunter. Immerzu betrachtet er sich als Werkzeug, ein Hammer das andere Werkzeuge oder Waffen schmiedete. Ein Hammer, der einen aufbewahrenden Schrank baute, oder ein behütendes Bett. Ein Hammer, der einen Richtspruch finalisierte. Werkzeuge waren nicht für die Ewigkeit gedacht, doch das Werkzeug, das sich als mehr anerkennt, als den Nutzen den es hat, würde schneller zerbrechen, als das Werkzeug, das seinem Zweck gemäß benutzt, gepflegt und aufbewahrt würde.

Der Herr konnte ihm seine Magie nehmen, sein Wissen, seinen Blick, seine Hände, seine Füße, seine Sinne. Doch all dies konnte niemals seinen Glauben vergehen lassen. Würde seinen Nutzen als sein Werkzeug nie nehmen lassen.

Leise Schritte rissen Tendarion aus seinen Gedanken...


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der Viere
BeitragVerfasst: 14.10.16, 11:10 
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Buchband um Buchband wurde aus den Regalen in der Bibliothek genommen, ehe er die Einbände mit einem trockenem Tuch von Staub befreite und schließlich wieder an Ort und Stelle einsortierte. Es war ungewohnt in dieser Stille zu verharren

In der Küche war es stets laut. Man hörte es Klappern, Zischen, Brodeln und das Feuer knisterte und loderte laut. Es war heiß, man hatte meist eine gesunde Anspannung, damit nichts misslang oder verbrannte. War man zu mehreren in der Küche, obsiegte die Geselligkeit und es wurde gelacht und geredet. Die Küche war ein sehr extrovertierter Ort.

Die Bibliothek hingegen war nahezu gespenstisch still. Ein leises Rascheln der Seiten, wenn jemand eine Seite umblätterte. Das leise Kratzen der Feder, wenn jemand etwas notierte. Das leise Knacken im Ofen, das neben dem Lesesessel ab und an zu hören war, war die einzig unerwartete Wendung in diesem so konstanten und vorhersehbaren Ort. Die Bibliothek war ein sehr introvertierter Ort.

Und dennoch hatte Tendarion das Gefühl lebendiger zu sein als all die Jahrzehnte zuvor. Keine Emotion hemmte seine Gedanken. Er war nicht in allgegenwärtiger Sorge um Einzelne stets abgelenkt. Er war nicht weiter mit seinen persönlichen Angelegenheiten abgelenkt. Seine Gedanken schweiften zu größeren, wichtigeren Dingen. Er hatte sich dazu entschieden, wie sein Pfad zu Astrael aussehen sollte. Und er fühlte in sich - trotz der Gegenwehr mancher zum Trotz - mehr denn je auf dem Weg seine Lebensbestimmung zu finden.

Keiner von jenen die ihm Liebe und Vertrauen entgegenbrachten, stellte sich gegen ihn. Er musste sich weder erklären, noch musste er sich rechtfertigen. Es wurde akzeptiert und nur Tendarions Frieden damit in den Vordergrund gestellt. Als er die Teppiche zusammenrollte um sie vor der Türe ausklopfen zu können, konnte der Elf sich ein fast schon etwas zu überzogenes Heben der Mundwinkel nicht verkneifen.

Erstmals in seinem ganzen Leben, wo er doch an einem objektiven Tiefpunkt angelangt war, war er so zufrieden, dass ihm Missgunst nicht mehr tangierte. Weder im positiven, noch im negativen Sinne. Tendarion war keine Führungsperson. Er hatte keine Ambitionen sich über andere hierarchisch stellen zu wollen. Umso weniger Grund hatte er sich zurückzunehmen, wenn er Unrecht sah oder Gefahr erkennbar war. Man könne und solle ihn verachten, wenn er seine Bedenken äußerte. Doch würde er nicht Schweigen, bis man seine Bedenken mit Logik zerstreuen konnte. Man könne und solle ihn klein halten, wenn es die einzige Möglichkeit für andere war sich groß zu fühlen. Aber er würde dennoch aus dem Graben emporrufen um sich für das große Ganze einzusetzen. Er hatte keine Furcht davor, dass man ihn eingraben würde. Er war nicht unbesiegbar, er war fehlbar, er war ein kleines Licht unter vielen. Aber damit auch nicht weniger wert als sie.

Nachdem der Boden blank gefegt und gebohnert worden war, wandte er sich den Teppichen zu.

Aber in einer Sache musste Tendarion an sich arbeiten, dachte er sich, als er mit zitternden Armen die staubfreien Teppiche wieder in die Bibliothek zerrte. Und er wüsste dafür keine besseren Lehrer als seinen Onkel, Maluk und Maichellis...


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der Viere
BeitragVerfasst: 17.10.16, 12:15 
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Der dritte Tageslauf war bisher der schlimmste. Tendarion reagierte gereizt auf die Befehle und Aufforderungen von Maichellis. Jeder Muskel in seinem Körper schmerzte, er war kaum in der Lage seine Arme zu heben. Liegestütze, Dauerlauf, Gewichte heben. Er verstand nun endlich warum junge Soldaten ihren Vorgesetzten so sehr grollten. Milde und Nachsicht waren in einem bellumsgefälligen Umfeld mit ebenso bellumsgefälligen Zielen unangebracht. Als er Maichellis unwirsch auf Galadonisch - diese Worte gab es schlichtweg nicht in Auriel, und er hatte wenig Lust seinen Zorn umschreiben zu müssen -Verwünschungen entgegenbrachte, wurde er nicht, wie gehofft entlassen, sondern jede Übung wurde verdoppelt.

Mit zitterigen und weichen Knien schleppte sich Tendarion nach den harten Übungen in den Astraelschrein und schlief sogleich in einem Lesesessel ein. Er fühlte sich so nutzlos in seiner neuen Schwäche. All seine Kraft steckte er in sein Studium der Magie. Perfektionierte defensive Taktiken, die ihm seither in jedem Kampf das Überleben sicherten, und mit einem Mal war all die Mühe und Energie, die er in seine Studien steckte dahin und er war zu einem nutzlosen Wesen verkommen, das mit Wissen und einer eloquenten, wenn auch zunehmend schärferen, Zunge gesegnet war.

Als er wieder aufwachte und ihm fast das Buch - die Kräfte des Menschen - vom Schoß fiel, fing er es ein und merkte sogleich, dass es bei Muskelschmerzen wohl keine Grenze nach oben zu geben schien. Das geöffnete Buch auf dem Schoß festklemmend nahm er unbewusst die Worte wahr. Das Kapitel Willenskraft. Der Wille der dazu im Stande war sich gegen Zauber zu wehren. Der Wille sich zu vergrößern in seinem Wirken.

Willenskraft.

Nachdenklich blickte der Elf aus dem Fenster des Schreines. Eine Gabe die er in seinem Dienst an der Herrin zunehmend verlor. Er wollte leben, Freude verspüren, Lust und Rausch leben und einen jeden daran teilhaben lassen. Doch in seinem innersten war stets der zurückhaltende, ernste Fey, der aus diesem neuen Leben ausbrechen wollte. Der sich diesem Kontrollverlust nicht ergeben konnte. Tendarion dachte an das Gespräch mit diesem so demütigen und verunsicherten Mann zurück. Eine Präsenz die in ihm ruhte. Und er war nur ein Beobachter, unfähig zu handeln. Tendarion fühlte sich im Dienste der Herrin wie dieser Beobachter, während Tare um ihn herum sein Leben formte.

Er hatte nicht nur die Willenskraft verloren, sondern auch den Eigenantrieb. Er war zu einem extern geführten Werkzeug geworden, über das jeder verfügen konnte, dem gerade danach war das Werkzeug, in Form Tendarions sterblicher Hülle, zu nutzen oder zu missbrauchen.

Das Buch in seine Tasche steckend, wandte er sich die Treppen hinab und sah zum Eingang des Schreins. Gestern wünschte er sich, er hätte noch die Gabe der Empathie. Er hätte gerne gewusst, was in ihr wirklich vorgeht. Aber selbst ohne diese Bestätigung war ihr innerer Tumult deutlich. Sie als Werkzeug weiterhin zu nutzen, würde sie zerstören. Das erkannte Tendarion gestern mehr als deutlich.

Es war einfacher für sie und alle die sich mit ihr beschäftigten, sie weiter auszubeuten und ihr Aufgaben aufzudrängen, indem man ihr keine Optionen ließ, sondern sie zwang und formte, bis sie selbst davon überzeugt war, dass es keine Optionen gäbe. Tendarion hatte erkannt, in seiner Erfahrung mit Sarana und all den anderen, dass Werkzeuge stets von jener Hand geformt werden, die sie gerade benutzten. Solange man aber das willenlose Werkzeug nicht in einer Umgebung der Ruhe und des Schutzes verwahrte, sondern in die nächste unermüdliche Werkstatt der Ablehnung, Ausnutzung und Konflikte steckte, würde das Werkzeug abstumpfen und nutzlos werden.


Tendarion empfand Mitleid für diese Frau. Deswegen wollte er derjenige sein, der sie auch ausschließlich aufgrund ihrer derzeitigen Taten und Worte be- und verurteilte. Sie sollte ein Mensch werden. Und dazu gehörte strikte und unnachgiebige Erziehung. Kinder erzogen sich nicht durch Druck, Strafe und Manipulation. Logik. Geduld. Deutliche Zeichen setzen.

Und wie immer hielt er schweigend die Hand voran, bis die Person auch mit eigenen Augen und eigenem Herzen sah, was er für sie bereit war zu tun.


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