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 Betreff des Beitrags: Ein gewöhnlicher Diener der Viere
BeitragVerfasst: 2.09.15, 11:24 
Edelbürger
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Nachdem er sich vorsichtig aus Charlottes Umarmung entwunden hatte, stellte er ihr einen Becher mit frischem Saft und ein wenig Brot und Käse neben das Fell im Vitamaschrein.

Er brauchte Zeit für sich, Ruhe vor anderen Blicken, und so machte er sich auf um im Wald unter einem Baum ein wenig Frieden zu suchen. Sein stets kärgliches Mahl genoss er, als er sich von der vorbeiziehenden Brise und dem plätschernden Fluß das Lied Tevras singen ließ.

Die Ereignisse der letzten Tagesläufe schwirrten in seinem Kopf. Er war es nicht gewöhnt so viele Dinge auf einmal und in solch schneller Abfolge zu verarbeiten. Überfordert stolperten seine Gedanken übereinander und erfüllten ihn mit Verwirrung, da er die Vorgänge nicht mehr sauber auseinander halten konnte.

Wie sehr wünscht er sich den weisen Rat seine Mutter zu hören...

Seine letzten Bögen Pergament aus seinem treuen Rucksack entnehmend, macht er sich, ohne auch nur einen Moment über seine Worte zu sinnieren, daran einen Brief zu schreiben.

Zitat:
Liebste Mutter,

nun ist es zwei Monde her, als ich den Hafen in Draconis verlassen habe. Keine lange Zeit, doch es ist soviel passiert, dass ich es kaum auf nur einen Bogen Pergament niederschreiben kann.

Sei zunächst beruhigt, wenn du diese Zeilen liest, mir geht es gut und es ist mir nichts geschehen.

So will ich, um meine eigenen Gedanken zu ordnen von Anfang beginnen, auf dass du dir sicher sein kannst, dass ich nichts wesentliches ausgelassen habe.

Ich legte in einer Stadt namens Falkensee auf Siebenwind an. Sie würde dir sehr gefallen, denn Draconis ist trotz seiner Funktion als Stadt des Königs nur wenig prächtiger als diese kleine Stadt. Der Tempel würde dich in Verzückung versetzen, denn man sieht und spürt, dass der Glaube an die Viere hier sehr stark ist.

Dort am Hafen traf ich sogleich einen alten Mann, Peck, und seinen Hund. Er war ein wenig von dem Gebrechen des Alters gezeichnet, doch versprach ich ihm mich um ihn zu kümmern, auf dass ich ihm sein Leid ein wenig lindern möge. Leider habe ich ihn seither nicht gesehen. Aber sein Hund wird mit Sicherheit treu an seiner Seite sein, um auf ihn Acht zu geben.

Also ging ich weiter zur Stadtmitte, wo ich auch einen Mann traf. Lewis nannte er sich. Er feierte ausgelassen den Tag des Umtrunkes (hörtest du schon davon?) im Namen der Lieblichen und lud einen jeden, egal welchen Volkes, auf ein Getränk ein. Ich setzte mich zu ihm und ein anderer Mann mit einer Flöte spielte am Stadtbrunnen sitzend auf. Es war wunderbar von solch vitamagesegneten Männern umrundet zu sein.

Doch fiel mir vorrangig eine Frau, die vollkommen verschleiert war auf. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um eine endophalische Frau namens Sidra. Sie lud mich ein in den Seiltänzer zu kommen. Keine Sorge, es ist keine zwielichtige Taverne. Im Gegenteil. Ganz dem Endophalischen gewidmet, handelt es sich dabei um die Herberge aller Endophalischstämmigen die auf der Insel verweilen. Wunderschöne aufwändige Teppiche, Kissen in allen Farben, ein Duft nach Tee und einer Vielzahl an Gewürzen, sowie die sanften Gesichter jener dunkelhäutiger Menschen aus dem Süden. Du würdest es lieben, denn ich war vollkommen eingenommen und wünschte mich auf ewig in diesem einnehmenden Umfeld. Kadir, den Statthalter von Falkensee, traf ich ebenso an. Mittlerweile ist er mir als Freund an mein Herz gewachsen. Ich sehe Leid und Sorge in seinem Blick, doch stets hat er ein offenes Ohr für andere und das Lächeln auf seinen Lippen versiegt nur selten. Ich lernte an jenem ersten Abend viel über die Kultur der Endophali und nahm mir vor, dieses Wissen auszuweiten. Es wird umso leichter, da die sprachliche Hürde kein Problem mehr ist, da eine unserer Schwestern auch unter ihnen lebt. Ich hatte nicht die Gelegenheit sie näher kennenzulernen, da an dem Tag als ich sie kennenlernte ein Mann verletzt in den Seiltänzer kam. Sorge dich nicht, ihm geht es gut, doch ich werde dir in diesem Brief noch über die Umstände hier berichten. Denn da ist deine Sorge dann durchaus angebracht, liebste Mutter.

So will ich weiterführen, was geschah. Ich lernte ein Mitglied des Bellumsorden hier kennen. Du wirst noch feststellen, dass es hier viele gibt, die Bellum dienen. Wir unterhielten uns, als ihm eine schlafende Frau am Marktplatz auffiel. Später stellte sich heraus, dass es sich um die Edeldame Charlotte Rotfeld handelt. Von ihr werde ich dir noch sehr viel erzählen, demnach merke dir diesen Namen gut. Wir brachten Charlotte in den Schrein Morsans, auf dass ihr Schlaf tief und behütet sei, und ich versorgte sie mit Speis und Trank, da sie nicht nur erschöpft, sondern auch etwas unterernährt wirkte. Sie wurde sogleich von einer Frau aufgesucht, ihrer Freundin Marion, auch eine wichtige Person in meiner Zeit hier auf Siebenwind, die sich dann um sie kümmerte.

Also entfernte ich mich, Charlotte in guten Händen wissend und traf Kadir an. Wir unterhielten uns, als Marion ebenso zu uns traf und kurze Zeit später die erschöpfte Charlotte folgte. Ein Streit entbrannte zwischen den beiden, den Kadir und ich mit ansehen mussten. Es stellte sich heraus, nachdem Marion sich öffnete, dass Charlotte überarbeitet sei und ihre körperlichen und geistigen Grenzen nicht einzuhalten weiß. Ich erinnere mich, als ich Hochwürden Tion Altor, ein Geweihter Bellums, sagte, dass „..die Edeldame versucht mehr als ein Mensch zu sein um ihre Pflichten zu erfüllen.“ Dabei erfuhr ich auch zum ersten Mal von der drohenden Situation hier auf der Insel. Ich werde wie ich erwähnte, davon noch berichten.

So führten mich meine Wege nach Brandenstein. Der anderen großen Stadt auf dieser Insel. Sie ist sehr ländlich gehalten und Felder und Handwerkshäuser prägen das Stadtbild. Doch ist sie sehr gut geführt, was auch auf Charlotte zurückzuführen ist und ihre Müdigkeit durchaus erklärt, und die Bewohner herzlich und gastfreundlich. Dort fand ich auch bei einem Bruder, Mirandil, ein Heim. Er ist der Leiter des Handelshauses in Brandenstein und ein, wie es eben so ist für einen Fey in der Gesellschaft der Menschen, sehr strebsamer und stets beschäftigter Mann. Leider hatte ich bis auf die Güte die er mir entgegenbrachte noch nicht viele Möglichkeiten ihm ausreichend zu danken. Doch versuche ich mich darin seine Mitarbeiter stets zu besuchen und ihnen Gesellschaft zu leisten, wenn sie alleine im Laden ihre Arbeit vollrichten.

So kam es, dass ich Charlotte nach mehreren vergeblichen Versuchen in Brandenstein doch noch antreffen konnte. Sie war widerwillig und wollte nichts von der Sorge anderer hören. Aber ich versicherte ihr, dass ich da bin, wenn sie jemanden benötigt. Und sie hatte das Angebot auch nach wenigen Tagen angenommen, nachdem sie mir ihr Vertrauen allmählich schenkte und mich sogar an ihrer Seite zu dem Kriegsrat mitnahm. Ein ganzen Abend hatten wir danach beieinander gesessen und uns über unsere Leben unterhalten, während wir ihre wunderbaren Speisen aßen. Der Garten der Burg erfüllte mich mit neuem Leben und ich spürte die Anwesenheit unserer lieblichen Herrin in jedem Grashalm und jedem Plätschern des Baches. Wie gerne hätte ich dich an meiner Seite gewusst, hier bei uns, liebste Mutter.

Charlotte öffnete mir in dieser Nacht ihr Herz. Ungeweinte Tränen und unausgesprochene Worte sprudelten aus ihr heraus. Mutter du hast Verständnis dafür, dass ich dies hier nicht erkläre, was sie betrübt, denn diese Worte waren wohl nur mir und der Göttin vergönnt. Doch auch wenn dieser Abend viele Tränen trübte, so keimte eine neue Freundschaft auf.

Mutter, du erinnerst dich an meine Gefühle gegenüber Markus? Es traf mich schwer meinen Kindheitsfreund so schnell altern zu sehen, da er wie alle Menschen so schnell uns Fey entwachsen war. Konnte sein erstes Enkelkind schon das Licht Tares erblicken? Erzähle mir unbedingt davon, wenn du mir antworten kannst. Im Gedanken an Markus machte es mir mein Herz schwer wieder eine so tiefe Bindung zu einem Menschen einzugehen. Doch Charlotte hatte mein Herz an diesem Abend an sich gebunden und sie wird in mir bis an ihr Lebensende einen Vertrauten wissen. Ich weiß, dass Vater nun sagen würde, dass ich mich nicht so voreilig an einen Menschen binden solle, doch ich kann nicht umhin ihr gutes Herz zu sehen. Sie ist ein besonderer Mensch und ich werde sie beschützen und ihr bei ihrer Suche, nach dem Mann, der ihr zartes Herz zu würdigen weiß und dem sie ihre Kinder schenken kann, zur Seite stehen.

So will ich doch nun auf die Ereignisse zurückkommen, die mich betrüben und diese Insel bedrohen.

Im Handelshaus, als ich dort wieder meine Zeit verbrachte und Gwendolyn, einer Schwester, und der Menschenfrau Zwilfy Gesellschaft leistete, wurde vor unseren Augen ein Magier von gerüsteten Dienern des verlorenen Sohnes entführt. Ich setzte mich dafür ein, dass alle Obrigkeiten davon in Kenntnis gesetzt wurden, dabei stellte sich auch heraus, dass es sich um den Liebsten von Marion handelte. Im Zuge dessen kam ich ihr Nahe und kann auch sie nun als Freundin bezeichnen. Auch Zwilfy, eine stets neugierige und fröhliche Frau, wusste ich in dieser Zeit in meinen Vertrautenkreis aufzunehmen, denn auch sie sorgte sich um den Verbleib des Entführten. Glücklicherweise kehrte Marions Mann unbeschadet zurück und ich war davon überzeugt, dass nun so schnell kein Unglück mehr aufkommen wird.

Doch ich erwähnte den Kriegsrat. Ja, liebste Mutter, hier auf der Insel herrscht Krieg. Falkensee wird belagert von den Cortanern, die sich in der Mehrzahl als Diener des verlorenen Sohnes herausstellten. Nur wenige von Ihnen sind den Vieren treu ergeben. Man stellte ein Heer aus allen verfügbaren kampfbewanderten auf und man hatte die Absicht diese wenigen Cortaner, die nur unter dem Druck der anderen auf der Gegenseite kämpften zu befreien. Sei unbesorgt, ich war nicht an der Front. Ich blieb zurück und bereitete alles für die Rückkehr vor, damit die Verletzten sofort versorgt werden konnten. An dieser Stelle kann ich sogleich berichten, dass von den zurückgekehrten niemand an der Schwelle zu Morsans Hallen stand. Galtor war an ihnen nach dieser Schlacht nicht interessiert. Doch kehrten zwei nicht zurück. Und einer jenen war wieder der Mann Marions.

Verzeih' mir Mutter, dass ich daraufhin die liebliche Herrin hinterfragte und ihr gar vorwerfen wollte, dass sie Marion und ihren Liebsten unnötig quält. Ich war nicht mehr konzentriert, mir fehlten die rechten Worte und es war mir nicht einmal mehr vergönnt Marions Verfassung richtig einzuschätzen. Ich wollte sie nur in Charlottes Obhut übergeben und weit weg gehen. Mein Herz war schwer, mein Kopf schien zu zerplatzen vor Sorge, Furcht und Selbstvorwürfen, dass ich an Vitama zweifelte. Ich fühlte mich nicht mehr so Elend, seit ich Maria und ihre Kinder in Morsans Hallen übertreten sehen musste. Mutter, ich höre deine Worte, dass es nicht meine Schuld war, doch du weißt, dass ich derjenige gewesen war, der es hätte verhindern können. Und nun sehe ich mich so vielen konfrontiert, die an der Schwelle zu Morsans Hallen stehen und ich zweifle. Nicht an den Vieren, nicht an der Herrin, sondern an mir und meiner Kraft. Oh, Mutter, wie sehne ich deine Umarmung und deine tröstenden Worte herbei. Es treibt mir die Tränen in die Augen, doch merke ich, dass ich beim Schreiben dieser Worte wieder Kraft finde. Meine Gedanken sind ruhiger und geordneter. Ich habe wieder das Gefühl Herr meiner selbst zu sein.

Als ich hilflos zusah, wie Charlotte sich um Marions Trauer kümmerte, kehrte Marions Mann unverhofft zurück. Ich war von Wut erfüllt, als ich sah, dass er einen Bericht ablieferte, anstatt sofort zu seiner Frau zu kehren. Bellum wurde in diesem Moment meiner habhaft und ich konnte nicht umhin mich auf ihn zu stützen und meinen Unmut an Marions Mann auszulassen. Doch merkte ich selbst die Wut, die in diesem Mann gefangen war und ich beruhigte mich allmählich. Auch er war betroffen und der Situation, die mit den Cortanern herrschte und dem Verschwinden des anderen einherging, nicht Herr. Hätte er sich nicht an einen unschuldigen Soldaten der Cortaner, der im Schrein der Vitama Zuflucht gefunden hat, vergangen, hätte ich um seine Vergebung aufgrund meiner Wut gebeten. So hielt ich mich bedeckt und habe Marion zuliebe mich herausgehalten und mich wieder auf Vitama besinnt.

Dies ist erst gestern in den späten Zyklen geschehen, weswegen du nun alles weißt, was ich dir zu berichten habe. Ich bin mir sicher, dass es die eine oder andere Begebenheit gab, von der ich ebenso hätte berichten sollen, doch ich habe nicht mehr Pergament zur Verfügung für den Moment, weshalb ich diesen Brief zum Abschluss bringen muss.

Bitte umarme Vater und meine beiden Schwestern von mir und schenke Markus' Enkel einen Kuss.

Ich erwarte deine Antwort und werde dir sooft wie es mir möglich ist berichten.

Möge Vitama uns allen so hold sein wie sie es mir ist. Ich habe nur kurzzeitig vergessen, welch Glück sie mir in mein neues Leben brachte und ich werde nicht wieder in Zweifel vergehen, sondern gestärkt meinen neuen Weg beschreiten.

Dein dich liebender Sohn,

Tendarion


Er rollte das Pergament ein, nachdem die Tinte getrocknet war und wickelte es in einen dünnen Lederflicken ein den er mit einem Garn umwickelte. Dem nächsten Schiff vom Festland gab er diesen Brief mit, auf dass er nach Draconis in das Viertel der Fey zu Selarian Silberglanz gebracht würde.

Sollte der Brief jedoch abgefangen werden, wird nur jemand, der in den Runen der Fey bewandert ist, diesen Brief entziffern können.


Zuletzt geändert von Tendarion am 3.10.16, 11:58, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 4.09.15, 08:23 
Edelbürger
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„Es ist nicht angemessen.“


Hörte er die leise Klänge in seinen Gedanken. Sich immer wiederholend, wiederholend, wiederholend..

Die Worte schwankten von einem ernsten Galad, zu den Gesängen sanfter Worte in Aurel. Auch wenn sie sich so anders anhörten, die Wirkung war die selbe auf den jungen Elfen.
Beide Stimmen konnte er einem Vater zuordnen. Der eine, der sich entschloss, trotz dessen, dass er bereits zwei Kinder hatte, ihm ebenso sein Leben zu schenken. Wie ungewöhnlich war es doch drei Kinder unter den Fey in nur einer Familie zu wissen. Der andere Vater, der sich jüngst seiner annahm, ihm das Geschenk anbot, ihm Wissen und Halt auf dieser so anderen Insel, zu gewähren. Verschieden im Volk und doch so gleich waren die beiden Männer, die er mit demütigen Respekt zu nahmen wusste.

Nie hatte er sich Sorgen müssen um seine Gedanken und Worte. Seine Mutter nahm ihm jede Last, die man auf Tare ertragen konnte und musste, und schenkte seinen unbedachten Aussagen nur einen sanften Tadel und lehrte ihm als Konsequenz nur wieder ein wenig mehr von Tare und von den Göttern. Sein Vater war, den Fey gerecht, beherrscht, überdacht und ließ sich für manche schwerwiegende Entscheidungen, denen keiner Eile bedarf, mit unter mehrere Götterläufe Zeit, ehe er einen Entschluss fasste.

Der stete Umgang mit Menschen, der liebliche Umgang, den seine Mutter mit ihm pflegte und die ruhige und von keiner Zeit gedrängten Art und Weise seines Vaters, hatten Tendarion geprägt.

Menschen waren ihm ein liebstes, manchesmal entfloh er den Fey nur um sich im Stadtzentrum von Draconis unter den Menschen zu wissen, sie zu beobachten, sich an ihnen zu erfreuen. Liebende unter den Menschen zu beobachten, war ihm dabei die größte Freude.

Wie offen sie doch war. Wie greifbar.

Seine Mutter war seine Mentorin, was das Wissen zu Vitama und der Liebe betraf. Doch die Menschen waren seine Muse und prägten sein grundlegendes Verständnis von wahrer Liebe zueinander.

Sein zurückhaltender Vater hatte ihm hingegen gelehrt, dass er alle Zeit Tares hatte, zu verstehen und abzuwägen. Je mehr er darüber nachdachte, kam Tendarion zum Schluss, dass sein Zeitverständnis und die Geduld, wie er sein Leben bestritt, fast ausnahmslos von seinem Vater geprägt wurden. Wieso Hast und Ungeduld aufkommen lassen, wenn sich die Umsetzung seiner Absichten nach reiflicher Überlegung und einer guten Vorbereitung der Perfektion annähern könnte?

Doch war sein Vater ein hervorragender, erfahrener Taktiker, der künftige Szenarien von zehn Götterläufen in seinen Gedanken manifestieren konnte und alle Eventualitäten darin abwägen konnte. Tendarion war von Emotionen und Impulsen angetrieben und wusste nur selten einzuschätzen, was seine Worte anrichten konnten. Doch wozu musste er auch daran arbeiten, wenn man bisher Nachsicht walten ließ und nur ein einziges Mal in seinem Leben, das noch nicht einmal ein Menschenleben vollständig umfasste, seine Worte zu einem großen Unglück führten?

Dieser Vorfall änderte seine empathischen Empfindungen jedoch so sehr, dass er anfing die Gefühlswelt derer, die ihn umgaben, ausgiebig zu studieren und immer mehr Sicherheit darin fand die Gefühle anderer lesen und verstehen zu können. Auch hier waren die Menschen ihm die größte Hilfe.

Unter seinen Brüdern und Schwestern fiel er immer mehr auf, da er sich in seiner Vehemenz die Gefühle und Gedanken anderer zu verstehen, in seinem Verhalten den Menschen auch anpasste um einfacher mit ihnen kommunizieren zu können. Unbewusst wurde er bei den jungen Fey, die sich unter ihresgleichen hielten, zu einem Außenseiter. Nicht weil man ihn verachtete, oder belächelte, sondern weil der kleine Riss, der die Unterschiede zwischen Tendarion und den anderen Fey ausmachte, nach wenigen Götterläufen zu einer regelrechten Kluft wurde, die er und die anderen kaum noch überwinden konnten.

Tendarion reagierte darauf, indem er sich selbst immer mehr von der Gemeinschaft der Fey zurückzog und sich fast ausschließlich im Hospital und dem Waisenhaus aufzuhalten begann. Zeit der Muße gönnte er sich nur wenig. Wo seine Brüder und Schwester hervorragende Künstler wurden und sich immer mehr in die Gesellschaft der Fey eingliederten, war Tendarion damit beschäftigt Kranke und Verletzte zu behandeln. Bettlägerige und Alte zu pflegen. Traurigen Trost zu spenden, denen mit schweren Herzen ein offenes Ohr zu leihen. Kindern die ihre Eltern verloren, oder ausgesetzt wurden, Geschichten zu erzählen und sie im Spiel den Göttern und Tare näher zu bringen.

Doch anstatt, dass er sich auf die aufkommende Einsamkeit - die Nähe zu seiner Familie natürlich ausgenommen - die sein selbstgewähltes Leben mit sich brachte, einließ, konnte er sich stets zur Ruhe legen und sich Lifnas Segen Gewiss sein. Er hatte alles was er brauchte um Glück und Zufriedenheit zu verspüren und war mit sich selbst und seiner liebsten Herrin Vitama im Einklang.

„..die göttliche Mutter opfert sich indem sie jedem ihre Liebe und Umarmung schenkt ohne eine Gegenleistung zu verlangen.“


Diese Stimme in seinem Kopf verblieb die des neuen Vaters und Mentors.

Hat er sich unbewusst schon damals entschlossen sein persönliches Leben zu opfern um sich ganz den Wundern Vitamas zu widmen? Tendarion konnte sich nicht daran erinnern jemals so einen Entschluss gefasst zu haben. Er fühlte sich nicht auserwählt oder besonders. Für ihn galt jede Tat und ein jedes Lächeln als Dank, als ein Geschenk an Vitama, für die er nie erwartete eine besondere Gunst oder einen Lohn zu erhalten.

Sein Blick erhob sich zu der gesichtslosen Statue im Schrein. Leise Worte in Aurel sprachen erstmals in seinem Leben aus, was ihn jedoch im tiefsten Inneren seit er sich erinnern konnte beschäftigte, und den Weg, den er schon lange vor sich offenbart sah, nur mit einem Zaudern betreten konnte.

„..bin ich in meiner Unvollkommenheit überhaupt würdig mir Anmaßen zu dürfen, den Weg zu gehen, um in deinem Namen geweiht zu werden?“

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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 8.09.15, 09:28 
Edelbürger
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Ein Lifnaknecht wob in seiner unermüdlichen Strebsamkeit ein Netz vor dem Fenster. Lange beobachtete Tendarion das Schauspiel, während er über den Schlaf der Gestalt neben sich wachte. Je größer und dichter das Spinnennetz wurde, desto mehr Tautropfen bildeten sich darauf, die unaufdringlich im Lichte des Mondes funkelten. Es war als würde jeder trübe Gedanke, der den Schlaf wenig erholsam lassen würde, sich in diesen kleinen Kugeln aus Wasser sammeln und fest umschlossen werden, auf dass er nicht mehr ausbrechen kann.

..kein böser Traum wird heute deinen Schlaf stören. Lifna hat dir ihren Boten geschickt..

Wisperte er, als der Elf seine Hand vertraut und Halt gewährend auf der vom Schlaf erschlafften Hand abgelegte.

Als das Netz der Spinne fertig war und die Spinne sich zur geduldigen Lauer zurückzog, bis eines ihrer Opfer sich in den Fängen der dünnen Fäden verhedderte, legte der Elf sich neben der zu ihm so kontrastreichen Gestalt nieder. Die mageren Arme legten sich vorsichtig und langsam um den Leib und er schmiegte sich nahe heran und verging in einem tiefen Schlaf.



***


Ein lautes Lachen, als er zur Türe reinkam. Zwei Mädchen und ein Junge – alles Menschen. Sie stellten Geschirr auf dem Tisch auf. Spritzten sich gegenseitig mit Wasser aus dem Krug voll. Ein vergnügtes Kreischen des einen Mädchens. Ein tadelndes Wort von dem Jungen. Dann die kräftige Stimme, der gütig blickenden Frau, die den Raum betrat. Die starken Arme, die von Arbeit und Fleiß sprachen, hielten einen große Schüssel mit Eintopf. Sogleich entbrannte Gezeter, doch keiner der vier Anwesenden schien es dem anderen schweren Mutes zu nehmen.

Tendarion war zufrieden. Hier gab es nichts zu tun. Er ging weiter.

Ein muskulöser Mann, von harter Arbeit und purer Kraft gezeichnet, stand mit einer Rasierklinge in der Hand neben einer Wasserschüssel. Er sprach ungehörte Worte. Tendarion verstand nicht, hörte nicht. Aber es bekümmerte ihn nicht. Es war richtig so wie es war.

Die stummen Lippenbewegungen wurden in eine Richtung gewandt. Dort saß ein weiterer Junge. Ein wenig jünger, als der, der beim Esstisch war. Blond. Weniger als 10 Götterläufe hat er gesehen.

Er vergötterte den starken Mann mit Mimik und Gestik. Die Stille, diese unnatürliche Stille, die keinerlei Umgebungsgeräusche mit sich brachte, konnte nicht die Liebe verbergen, die im Gesicht des Jungen zu sehen war. Der Mann lächelte nicht, aber auch er schenkte dem Jungen einen Blick der von unendlicher Liebe und Sorge geprägt war.

Der Mann ging durch Tendarion hindurch, so dass nur der Junge im Raum zurückblieb.

Langsam ging er auf den Jungen zu. Er kannte ihn schon sein Leben lang. Woher? Das war irrelevant. Sein Herz schwoll vor Liebe und Mitgefühl an. Warum? Es war einfach so.

Er ging auf ein Knie herab, umfasste die Hand des blonden Jünglings, blickte auf und erstmals hörte er etwas, seit er hier angekommen war. Melodisch umspielte der sanfte Gesang Auriels seine Zunge, seine Lippen. Es war seine eigene Stimme. Tendarion wusste, dass der Menschenjunge vor ihm verstand. Die Sprache war einerlei. Er hätte ihn auch verstanden, wenn er den Mund nicht geöffnet hätte, denn einzig allein sein Herz sprach zu dem unschuldigen, reinen Wesen vor sich.

„Wenn du das Gefühl hast, vor Kummer und Hass zu vergehen, so denke an diesen einen Tag. Denke an den glänzenden Drachen und was du fühltest, als du das Schwert in den Händen hieltst, das den Drachen erschlagen hat. Gedenke der Zeiten, in denen Liebe dein Antrieb war. Gedenke der Zeiten, wo andere alles für dich tun würden um dich in Sicherheit zu wähnen.

Egal was du auf deinem künftigen Wege tun wirst, egal wozu man dich treibt, wisse, dass es eine Hand im Dunkel gibt, die dir geöffnet ist. Verschließe nicht dein Herz, denn dann wirst du sie nicht sehen. Doch wenn du sie endlich gefunden hast, nachdem du verloren umherirrtest, du liebstes Geschöpf der göttlichen Mutter, umfasse sie und spüre die Vergebung und Liebe.

Deine Wunden im Herzen werden erneut aufbrechen, es wird bluten, es wird schmerzen und du wirst dich gegen die Qual wehren. Doch wirst du merken, wie die Wunden sich zu schließen beginnen und sauber und von jedem Leid befreit zusammenwachsen. Nur noch eine dünne Narbe verbleibt. Eine bittersüße Erinnerung an das was war, was du überstanden hast. Die Essenz deiner Selbst verbleibt. Du wirst dann wieder das Glück empfinden, was du an diesem heutigen Tag empfunden hast.“


Erstmalig machte der Elf die Augen des blonden Jünglings aus. Ein sanfter Blick aus den rabenschwarzen Augen des Jungen und im Hintergrund funkelte ein Spinnennetz, das mit hunderten von Tautropfen versehen war.

Samtene Dunkelheit umwob die beiden Gestalten und hüllten sie schützend und beruhigend ein, bis nur noch das Funkeln zu sehen war und wie die Gestirne bei Nacht die Dunkelheit erhellten...


***



Fela erwachte und ließ die Tautropfen aufleuchten, ehe diese langsam herabfielen und jeder böse Traum in winzig kleine Tropfen zerfiel, die von der Wärme hinfort getragen wurden. Der Lifnaknecht zog sich gesättigt zurück.

Nur das unberührte Netz verblieb.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 11.09.15, 09:05 
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Eine Tasse in den Händen haltend, saß der Elf, mit seiner hüftlangen, noch etwas feuchten, Mähne neben dem beheizten Ofen im Hospital. Der Mann, der im Behandlungszimmer zuvor schlief, wurde von ihm zuvor hochgebracht, weshalb er davon ausging, dass die Wacht im Hospital ab diesem Zeitpunkt ruhig von statten ging.

Der Wein summte in seinem Kopf. Auch wenn er klar bei Verstand war und auch kein Schwindel ihn ereilte, merkte er dennoch die Auswirkungen von dem Wein. 10 Götterläufe war es her, als er das letzte Mal Alkohol anrührte. Die Erinnerungen, was damals geschah, konnte er einfach nicht ausblenden. Doch nach dem heutigen Tage erschien es ihm angemessen, sich ein wenig ablenken zu wollen.

Hätte der Wein seinen Zweck erfüllt, würde er jedoch nicht dort sitzen und seine Entscheidung ihn zu trinken, revidieren wollen. Er war müde, konnte aber nicht schlafen. Er hatte Hunger, aber er konnte nicht essen.

Mit einer Hand strich er die Strähnen, die ihm ins Gesicht fielen nach hinten, ehe er tief durchatmete.

Seine Gedanken rasten, alles schlechte und alles was ihn belastete trudelte auf einmal auf ihn ein. Er mache es sich leicht, sagte Maluk. Tendarion wusste, dass er ein einfaches Leben hatte. Doch konnte er vor sich selbst und den Göttern mit Fug und Recht behaupten, dass er dies als Geschenk sah und sich umso mehr dafür für andere aufopferte. Wahrscheinlich machte er es sich schwerer, als er es in seiner Position müsste.

Er war ein Sohn Vitamas. Sie hatte schon ihren ersten Sohn verloren und so viele weitere folgten ihm nach. Es war Tendarions Pflicht das wett zu machen. Für ihn gab es keinen Zweifel, dass er nur dafür lebte um der lieblichen Mutter alles zu geben, was er entbehren konnte. Doch warum hatte er solche Selbstzweifel. Warum reichte es nicht, nach bestem Gewissen zu leben um ein reines Gewissen zu haben?

Bilder über Riesenspinnen, einen Troll und seine Angst tauchten kurzweilig vor seinem Auge auf. Nein, er wollte nicht mehr hinaus und sich der körperlichen Gefahr stellen. Das war nicht das was für ihn bestimmt war. Auch wenn Tendarion verstand, warum man sich dafür entschied ihn auf diese Suche mit zu entsenden, war es nicht sein Weg. Seine Bestimmung führte in die Herzen von Vitamas geliebten Kindern und nicht in die Arme des Feindes. Doch ein Diener des Herren Belllums würde nur die Feigheit dahinter sehen und nicht die nackte Angst die einen ereilte, wenn man nicht den Weg des Kampfes gewählt hatte.

Doch so sehr er seine Schwächen, seine Angst und seine Selbstliebe, was seine Herkunft und sein Aussehen betraf, annehmen konnte, so sehr konnte er sich nicht eingestehen, dass auch er im Herzen nach dem suchte, was er anderen so bereitwillig und selbstlos gab. War es das Gespräch mit Maluk und Janus, oder der Wein, was ihn nach so langer Zeit nun wieder dazu trieb darüber nachzudenken, was er sich verweigerte zum Wohle anderer?

Er fühlte sich auf seinem Pfad so einsam, was er zwar schon lange merkte, doch war seine Mutter jeden Tag seines vorherigen Lebens an seiner Seite, so dass er sich immer der Liebe, die man auch ihm entgegenbrachte - entgegenbringen konnte - gewiss war. Doch seit er auf der Insel war, war er stets nur für andere da, brachte sich ein, wo er nur konnte und das in einer Geschwindigkeit die weder für einen Menschen, und schon gar nicht für einen Fey, gut für die geistige Gesundheit sein konnte. Immer mehr litt sein Körper darunter. Er merkte, dass er körperlich kräftiger wurde, doch zeitgleich hatte er sich mehrmals dabei ertappt ein Mahl in seiner Arbeit zu vergessen, so dass er sich schwächer fühlte als zuvor.

Gestern erreichte die Erschöpfung seinen Zenit. Nachdem er die Nacht über die zerbrochenen Tränke ersetzen musste – Arbeit von einem Wochenlauf in einer Nacht aufzuholen, war einfach nicht ohne Schlafmangel möglich. Danach bereitete er noch das Brot für den nächsten Tag vor, so dass er es früh im Morgengrauen nur noch in den Ofen schieben musste. Auch brachte er wie in den letzten Tagesläufen, nachdem sich Vater Custodias nicht mehr auf dem Tempelgelände sehen ließ, auch ihm noch ein frisches Mahl und stellte es abgedeckt vor seiner Türe ab.

Seine Kraft und seine Laune ließ immer mehr nach, als sie einen verwesten Leichnam direkt vor dem Stadttor sahen, von dem jeder wusste, dass er da war. Kümmerte sich wer? Nein. Er musste darauf bestehen, dass ein gläubiger Mann, der ermordet wurde, seinem letzten ihm gebührenden Respekt zugeführt wurde. Die Wut in Tendarion war fast so groß, wie die Trauer und Erschütterung über diesen Anblick und die abtuenden Worte der anderen.

Die Anspannung steigerte sich mit jeden Schritt umso mehr, der Kampf gegen diese Riesenspinnen war nur noch der krönende Abschluss. Als sich Charlotte aber den zwei verängstigten und verletzten Soldaten nach höfischer Etikette lang und breit vorstellen musste, war nur noch der Ork mit dem Troll der ausschlaggebende Grund, dass er nicht einmal mehr ein Lächeln erzwingen konnte. Es wurde nicht besser, als die beiden erschöpften Männer gleich zu einem Gespräch ins Ordenshaus gebracht werden sollten, anstatt, dass man sich erst um ihr Wohlbefinden kümmerte..

Warum waren diese Menschen hier so abgestumpft und kurzsichtig? Nur seine Beherrschung sorgte dafür, dass er nicht vor Wut zitterte.

Wie solle er unter diesen Leuten jemanden finden, der ihm ab und an zeigte, dass auch er nur ein Kind Vitamas ist? Schwach und verloren, auf der Suche nach jemanden, der ihm Tare erklärte und es ihm nicht übel nahm, wenn er offen Dinge sagt, die ihn beschäftigen – egal wie schmerzhaft sie sein könnten.

Sie waren so abhängig davon, dass man ihnen ihr Herz erleichterte, wobei so viele von ihnen es selbst in der Hand hätten, wieder Freude in ihr Herz zu lassen. Er musste stark sein. Er durfte sich keine Schwäche hier erlauben, sonst würde das passieren, was Vater Custodias so fürchtete.

Entkräftet ließ er sein Haupt in seine Handfläche sinken und saß mit gesenktem Kopf noch lange da, bis er sich einen Zyklus Schlaf gönnen musste.

Vitama allein wusste wie sehr er sich nach seiner Mutter verzehrte..

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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 18.09.15, 08:26 
Edelbürger
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Eigennutz. Geltungssucht. Missgunst.

Lange noch lag Tendarion wach als er über jene, für ihn unverständlichen Emotionen nachdachte.

Wieder waren Arme um ihn geschlungen. Diesmal verzweifelt und Halt suchend. Wie immer spendete er Trost. Wo er zuvor bei seinen beiden blutsverwandten Schwestern und seiner Mutter oftmals Nähe suchte um sich dem Trost und der Wärme eines anderen zu vergewissern, gab es mittlerweile soviele, die nach ihm verlangten um das einsame, kalte Bett, das nichts als unerreichbare Träume oder erschreckende Albträume bereit hielt, von ihm wärmen zu lassen. Er fürchtete oftmals um das Herz anderer, weshalb er es verwehrte seinen unberührten Körper als Mittel zum Trost oder als Ablenkung anzubieten. Auch wenn es einige Diener der Vitama durchaus so hielten.

Es war nicht an ihm sich ganz und gar einer Person hinzugeben. Dies war nicht sein Weg. Sein Herz war für jeden offen. Es war nicht an ihm das Herz eines anderen für sich zu beanspruchen. Er wäre nicht in der Lage diesem edlen Geschenk vollends gerecht zu werden.

Doch hatte er zu verstehen gelernt auf dieser Insel, dass nicht jeder diese Selbstlosigkeit vorweisen konnte. Einmal seine Hand genommen, wollten sie ihn ganz in ihrem Leben wissen. Sie sahen nicht, dass es Seelen gab, die auf den rechten Weg geführt werden müssen. Herzen und Geister die geheilt werden müssen. Dass es welche gab, die die Heilung nicht verlangten, weil sie nie lernten danach zu fragen, oder dachten, dass es für sie keine gibt. Dass es Dinge gab, die an einem späteren Zeitpunkt ebenso vollrichtet werden können.

Zeit war für ihn ein greifbarer Begriff geworden. Er lebte nicht mehr den geregelten Alltag, der es ihm erlaubte sein elfisches Gemüt zu wahren. Tendarion war der Schnelllebigkeit der anderen Völker unterworfen. Tendarion war dem Schrecken der Insel unterworfen. Und beides schlief nie.

Jetzt. Sofort. Umgehend.

Begriffe die ihm in seiner Arbeit als Heiler nicht fremd waren. Er war im Moment der akuten Gefahr in der Lage sich einen inneren Hort der Ruhe zu schaffen, in dem keine Emotion oder Unruhe herrschte. Er war rational und beherrscht. Sein Vater wäre stolz auf ihn wenn er es je verstanden hätte, dass darin die Stärke seines Sohnes lag.

Doch verstand er die Begriffe nicht wenn es um triviale Dinge ging. Weshalb sich so sehr darauf versteifen, dass man nicht die gewünschte Aufmerksamkeit einer Person erhielt, die einem auf den Weg, den man gewählt hatte, begleiten soll? War diese Person tatsächlich ein Teil des Weges, wenn sie nicht greifbar war? Oder sollte man einfach seinen Weg gehen, ungeachtet dessen, dass am Rande jemand stand, der einem ein Pferd anbot, auf dass man den Pfad schneller hinter sich bringen könnte, aber man wusste, dass man nicht den benötigten Lohn dafür bei sich hat. Manche blieben an diesem Punkt auf ihrem Weg zu lange stehen und waren dann verwundert, warum sie überholt wurden von jenen die später aufgebrochen waren, doch unermüdlich zu Fuß vorangingen.

Tendarion entwickelte nach und nach Unverständnis für manche Handlungsweisen. War es tatsächlich der Unterschied zwischen den Elfen und den Menschen? Waren sie so alt wie er, war ihr Leben bald schon dem Ende geneigt. Er selbst hingegen wurde von den Ältesten in seinem Volk noch als Kind betrachtet.

Er merkte zunehmend, dass er sich in diesen Armen, die ihn diese Nacht so sehr umklammerten, am wohlsten fühlte, da nur soviel von ihm genommen wurde, wie er geben wollte. Und viel mehr, wurde Tendarion gegeben was er am meisten benötigte: Eine Bindung die über jeden Begriff erhaben war.

Er war vollständig geworden ohne dass er Herz, Geist und Körper dafür opfern musste.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 21.09.15, 16:38 
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Seit einigen Tagen schon war Tendarion nicht mehr in einem der Betten im Ordenshaus anzutreffen. Doch ohne Unterlass war er in den frühsten Zyklen in der Küche anzutreffen, wo er sich mit den Vorbereitungen für das Frühstück beschäftigte. Erst spät in der Nacht hatte er sich stets aus dem Ordenshaus, ohne Erklärung wohin er ginge, entfernt.

Nachdem er sich nach dem gestrigen Fest davonschlich, ist er zu seinem Zufluchtsort zurückgekehrt. Einen gesamten Zyklus saß er draußen, bis im Fenster kein Kerzenlicht mehr zu sehen war. Er wartete noch einige Zeit und trat dann mit dem Schlüssel, den er ungefragt an sich nahm, ein. Es widerstrebte ihm nicht mehr jederzeit zu seinem Schlupfwinkel zurückkehren zu können, deshalb vermied er jede Konfrontation mit dem Bewohner. Es war ihm lieber die schlafende Gestalt neben sich zu wissen, ohne die Worte, die ihm jedes mal Hoffnung und Trost gaben, als wieder ziellos herumzuirren, wenn Tare über ihn hereinbrach.

Man sagte ihm stets, er solle sich entspannen und sich von der Arbeit distanzieren. Doch wie konnte er es, wenn ein Fest noch mehr Verpflichtungen mit sich brachte, als wenn er bei einem Tee im Ordenshaus ein Buch las und seine ein- und ausgehenden Ordensgeschwister von ihm versorgt wurden oder er zu einem Notfall gerufen wurde, da jemand verletzt war? Er wollte und konnte nicht über sich sprechen, also hörte er anderen zu. Und wahrhaft zuhören hieß für Tendarion mitzufühlen, mitzudenken und sich dessen anzunehmen. Für jemanden, der nicht den Weg der Götter wählte, ist es einfach zu sagen, dass man die Arbeit ruhen lassen soll, doch so wie die Götter nicht ruhen und ohne Unterlass ihr Werk vollführten, war es auch ihren Dienern nicht vergönnt zu ruhen.

Immer mehr fiel Tendarion auf, dass dieser Weg keine Wahl war, sondern eine Berufung, der man sich nicht entziehen konnte, indem man sich einsperrt, oder nur mit ausgewählten Personen zu tun hatte.

Tendarion wusste, was Freunde sind. Er fühlte sich zu wenigen sehr hingezogen und blühte in deren Anwesenheit auf, da er sich nicht in geduldigem Verständnis üben musste, sondern auch seinen Frust und seinen eigenen Kummer mitteilen konnte. Doch es war nicht an ihm über die Dinge, die ihn erfüllten und zerrissen zu sprechen. Einzig allein der Herrin eröffnete er vollständig sein Herz.

Man fragte ihn auf dem Fest, ob es jemanden an seiner Seite gab. Und zu gerne hätte er gesprochen von eben jenem Wächter seiner Zufluchtsstätte, dem er sich so zugezogen fühlte. Doch er wusste, dass nicht von wahrer und reiner Zugehörigkeit die Rede war. Dass nur von trivialer Romantik und körperlichen Gelüsten gesprochen wurde. So konnte er ohne zu lügen bestätigen, dass es niemanden an seiner Seite gab. Sein Herz gehöre nur der Herrin, sagte er. Und so war es auch. Er wusste, dass es den wenigsten möglich war nachzuvollziehen, warum er sich allen Liebesdingen verwehrte, weshalb er es vermied sein Herz oder seinen Körper in irgendeiner Form als erreichbar darzustellen.

Die Liebe, die so viele Menschen als Liebe bezeichneten, war etwas verschenktes, weggeworfenes, gar verachtetes. Es war das selbstsüchtigste Konstrukt an Emotionen, das er je erleben musste.

Die Herrin wurde nicht ernst genommen. Stattdessen trat man das, was sie uns schenkte mit den Füßen. Man betrank sich zur Besinnungslosigkeit und bezeichnete es als Freude im Namen der göttlichen Mutter. Man verschenkte sein Herz und seinen Körper, als hätte man maßlos viel davon herzugeben und musste keine Rücksicht darauf nehmen, das auch andere ein Herz hatten. Und als alles über einen hereinbricht, schickt man jene vor die im Namen der Herrin dienen, so dass sie hinter ihnen aufräumen sollten.

Tendarion ermüdete die meisten Gespräch immer mehr, denn ihm wurde von Tag zu Tag bewusster, dass vielen gar nicht zu helfen war, da sie sich lieber in ihrem frustrierten Leben festbissen, anstatt es zu ändern.

Ausreden, Ausreden, Ausreden..


Zögernd näherte er sich der schlafenden Gestalt und legte sich zu ihr, in der Hoffnung, dass sie nicht aufwachte, oder aufwachte und dabei zu müde war, um seine Anwesenheit zu hinterfragen. Auch hier gab es so vieles, das es aufzuarbeiten galt, doch konnte er sich auf ehrliche Worte verlassen, die er mit ebensolcher Ehrlichkeit zurückgeben konnte. Hier hatte er keine Sorge, dass er als Dreh- und Angelpunkt missbraucht würde um sich an seiner Anwesenheit zu ergötzen.

Tendarion hoffte, diesen Zufluchtsort halten zu können, auch wenn er befürchtete, dass er bald den hohen Preis bezahlen musste, wenn er sich weiterhin so rücksichtslos bereicherte..

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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 22.09.15, 08:20 
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Lautlos und vor Tendarions geschlossenen Augen verborgen, begab sich ein Lifnaknecht wieder an sein Werk..

~~~

Das Toben einer Schlacht entbrannte um ihn herum.

Stille. Unnatürliche Stille als Schwert auf Schwert traf.

Der Elf sah sich gehetzt um. Schwere, schnelle Atemzüge waren zu hören. War es sein eigener Atem der sich so schwer aus seiner Brust quälte?

Dort kniete eine Gestalt, wehrlos und von einem Angreifer bedroht. Als der Aggressor zuschlagen wollte, wurde ihm der Kehlkopf mit einem Schwerthieb zertrümmert und Blut ergoss sich aus der Schlagader.

Der Atem stockte.

Schwärze.

Als sich das Bild wieder vor seinen Augen auftat, nach nur einem Wimpernschlag, kniete er neben einer blutüberströmten Gestalt. Sein Atem überschlug sich und heiße Flüssigkeit bahnte sich ihren Weg an seinen Wangen hinab. Ungehörte Worte sprach der Elf, als die konvulsierende Gestalt in seinen Armen lag und mit großen, ängstlichen Augen flehend zu ihm aufsah.

Schwere Schritte. Ein Rascheln von Federn. Flügel?

Eine ätherische, dunkle Hand wurde der leidenden Gestalt gereicht. Ein Schluchzen erfüllte seinen Atem und wieder hauchte er ungehörte Worte. Mit der Daumenkuppe malte er die Raute der heiligen Viere auf die kalte, blasse Stirn.

Die Gestalt hob mit letzter Kraft seine Hand um nach der dargebotenen Schattenhand zu greifen. Augen schlossen sich um den endlosen Schlaf willkommen zu heißen. Doch kaum berührten sich die Hände, da zog sich die dunkle Hand zurück. Ablehnend, kalt.

Warmes Licht umhüllte sie beide. Leben und Hoffnung kehrte zurück.

Schwere Schritte. Ein Rascheln von Federn. Beides entfernte sich.

Ein gequältes Ringen nach Luft und die eben noch vom Tod gezeichnete Miene füllte sich mit neuem Leben.

Tendarion blickte in das verzweifelte Antlitz, das eine weitere Gelegenheit bekam seinen Weg auf Tare zu verfolgen. Rabenschwarze Augen blickten ihm gütig entgegen.

Dunkelheit.


~~~

Tendarion wachte auf und sah mit nachdenklicher Miene aus dem Fenster. Fela würde noch auf sich warten lassen, doch an Schlaf war nicht zu denken.

Die Götter offenbarten sich ihm mit einer erschreckenden Regelmäßigkeit seit er sich auf der Insel eingefunden hatte. Was geschieht mit ihm? Was wird mit allen geschehen?

Wovor versuchten die Götter sie alle zu warnen?

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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 25.09.15, 07:50 
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Sanft glitten die Fingerkuppen über das feine Fell des Kätzchens, das auf seiner Brust zusammengerollt lag. Die angenehme Wärme, der Atem der pulsierendes Leben zeigte und die Tatsache diese Nacht nicht alleine im Bett zu schlafen, führte dazu dass Tendarion schnell zur Ruhe kam. Sein letzter wacher Gedanke galt seinen Zufluchtsort, den er vorerst nicht wagte aufzusuchen.

Auch diese Nacht ereilte ihn wieder der Traum, der ihn nun schon die dritte Nacht hindurch quälte. Die Bilder verdichteten sich zu einem Gespinst von vielen erzählten Eindrücken....

~~~

Skelette und Lebendige gleichermaßen gaben sich auf dem Schlachtfeld dem lautlosen Toben der Schlacht hin.

Sein Atem rauschte schwer und gehetzt in seinen Ohren. Diesmal wusste er, was seine Bestimmung war. Er wusste wonach er suchen sollte. Im Augenwinkel ein Elf in einem güldenen Ornat. Dort an seiner Seite, eine Frau und ein Mann. Beides Menschen. Sie waren Verbündete. Verbrüdert.

Tendarions Bestimmung hatte nichts mit ihnen zu tun. Nicht in diesem immer wieder kehrenden Szenario. Er bewegte sich eilig, auch wenn der lange Stoff der ungewohnten Robe seine Schritte behinderten.

Dann endlich sah er sie vom Weiten. Er wusste dass er nicht rechtzeitig ankommen würde, doch war die Trauer und Verzweiflung unendlich, als er es wieder mitansehen musste. Die Klinge rauschte herab, bohrte sich in das Herz des blonden Jünglings und einen Moment später war der Angreifer selbst niedergestreckt durch einen Schnitt an der Kehle.

Rauschen. Ein entsetztes Keuchen. Kupferner Blutgeruch, der in ihm greifbare Übelkeit hervorrief.

Seine Emotionen kochten über von Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit. Der Junge würde sterben. In seinen Armen. Er wusste es, obwohl er noch soviele Schritt von ihm entfernt war und das ganze Ausmaß der regelrechten Hinrichtung des Kindes noch nicht sehen konnte.

Schwere Schritte. Das Rascheln von Federn.

Tendarion musste sich eilen. Es war keine Zeit für Zögern und Zaudern. So rannte er, seine Robe schien ihm nicht mehr ein Hindernis, zu dem Jüngling auf den Galtor zuging.

Er kannte den Jungen. Sein Heim hatte er besucht, an glücklicheren Tagen.

Feuchtigkeit trübte seinen Blick doch konnte der Elf das Gesicht des Jungen klar sehen. Es war bleich. Blut quoll aus den feinen Lippen und verkrampft hielt er das Loch in seiner Brust. Das rote Leben ergoss sich erbarmungslos zwischen seinen kleinen, kleinen Fingern.

Die schweren Schritte hielten inne und ein Schatten mit tiefschwarzen Schwingen legte sich über Tendarion und den Jungen. Der Elf lehnte sich zu dem Kind vor, küsste sanft die kalten, blutverschmierten Lippen. Leise hauchte er in Auriel zarte Worte der Liebe und des Trostes. Tendarion blickte zum Horwah auf.

Lass ihn dieses eine Mal gehen. Wenn seine Zeit tatsächlich gekommen ist, so darfst du auch mich mit dir nehmen. Siehe mein Opfer und handle im Sinne der Mutter, auch wenn du dem stillen Vater dienst.

Die schattenhafte Gestalt bemaß den Elfen mit einem starren Blick. Äonen schienen zu vergehen. Äonen die weder dem Horwah noch dem Elf etwas anzuhaben schienen.

Schwere Schritte. Ein Rascheln von Federn.

Der blonde Junge japste auf mit neugewonnener Kraft. Er sollte leben.

~~~

Mit stark klopfendem Herzen schnellten Tendarions Augen auf.

War es seine Bestimmung bald zu sterben? Bald sein unendliches Leben zu opfern? Feuchtigkeit schimmerte in den Augen des Elfen.

Sollte er tatsächlich seine geliebte Mutter nicht mehr sehen dürfen? Seine Familie?

Sein Magen krampfte sich zusammen und Übelkeit erfüllte ihn, die erst nachließ, als er den Tränen freien Lauf ließ. Er konnte nach diesen Bildern nicht wieder in seine Zuflucht kehren. Er wollte nicht dass er so gesehen wurde. Sein tiefes Entsetzen über die schrecklichen Bilder und seine Verlustangst waren etwas, das er mit sich und den Göttern alleine ausmachen musste.

Trauer. Selbstsüchtige Angst um das eigene Leben. Schmerz. Und das Gewissen zu haben nicht die Liebe spüren zu dürfen, wie sie anderen vergönnt war. Die Gewissheit, dass niemand ihn und seinen Weg versteht.

All dies waren Dinge, die er nicht teilen konnte. Durfte.

Er war ein Diener der göttlichen Mutter. Sein Opfer war es alle anderen über sich selbst zu stellen.

In seiner tiefen Traurigkeit sah er zur Decke auf, kraulte die Katze sanft auf seiner Brust, die er in ihrem Schlummer nicht störte.

Herrin ich habe den Weg beschritten und ich werde so weit gehen, wie es nötig ist um all deine Kinder vor den Schrecken, die sie ereilen werden zu behüten. Doch gib mir bitte ein Zeichen, dass ich auf dem rechten Weg bin, denn ich habe Angst vor der Einsamkeit, die mein Herz erfüllt.

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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 29.09.15, 07:35 
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Am gestrigen Tage, lange bevor seine Ordensgeschwister aufgestanden waren, hatte der Elf seine weltlichen Pflichten erledigt und ging nach seinem täglichen Bad fort. Er sagte wie immer der Tempelwache Elgbert am Hospital bescheid, dass er sich für den Rest des Tages zurückziehen würde.

Er wollte weder jene Gesichter die ihm wohlgesonnen zulächelten, noch jene, die mehr mit sich selbst beschäftigt waren, und demnach kein Lächeln nach außen tragen wollten, sehen.

-

Tendarion mochte die Kirche nicht.

Nein, es war ihm nicht möglich diese Institution als die anerkannte Legitimation der Überbringung aller Aspekte der Viere anzuerkennen. Und je mehr er mit dem Volk sprach, machte es ihm allzu mehr deutlich, dass er mit dieser Meinung nicht alleine war.

Eigentlich sollte der Klerus die wichtigste der drei Säulen des Reiches sein, doch sah Tendarion nur eine weitere Plattform für jene die nach Macht und Anerkennung streben. Intrigen, unverlässliche und wenig gottgefällige Geschwister und die regelrecht apathische Hinnahme, dass ein mahnendes Wort keine Wirkung hatte und es demnach nicht mehr gesprochen wurde.

Tendarion mochte die Kirche wirklich nicht.

Er hatte keine Ambition aufzusteigen. Ihm war es recht, wenn die Herrin für ihn keine höhere Gunst vorgesehen hatte, außer ein einfacher Diener des Volkes zu sein. Ihm war es recht, wenn er sein Leben auf Siebenwind zubringen sollte, nur um ein wenig Hoffnung geben zu können.

Die Messe war für Tendarion ein Grauen. Kein einziges Geschwister des Ordens war anzutreffen. Drei Magier und ein Zwerg. Sollte es tatsächlich so sein, dass die Magierakademie sich mehr den Göttern hinzugezogen fühlte, als es jene sind die ihr Leben ganz in ihren Dienst stellten? Oder war es tatsächlich die Erkenntnis, dass im Gebet, in der Kontemplation, zu deutlich wurde, dass man im Angesicht der Götter nicht den richtigen Pfad einschlug?

Tendarion mochte auch keine Hierarchien.

Calator. Relator. Zälat.

Was scherten sich die Götter darum? Sie sind auch jenen hold die auf der Straße lebten und sich von Ratten ernährten. Diese waren den Göttern meist noch dankbarer, als jene Kirchenoberhäupter die mit goldringbewährten Fingern ihren Weinkelch anhoben um sich in Lust und Spiel die Zeit vertrieben.

Die Kirche war mehr der Politik und dem Ränkespiel verfallen, als der Adel. Oder ihm zumindest ebenbürtig.

-

Tendarions Gedanken kreisten um das Gespräch mit Quendan. Alle Beobachtungen des Elfen fanden in des Magiers Worten Zuspruch.

War es tatsächlich so, dass die Geweihten lieber den verborgenen Dolch hinter dem Rücken versteckten um ihn im richtigen Momenten vorzustoßen? Warum war er, der feige Elf der vor jedem Kampf zurückschreckte, in der Lage die direkte Konfrontation zu suchen? Sollte es wahrhaft so sein, dass sie ihre eigenen Empfindlichkeiten höher stellten, als ihren Glauben und ihren Weg?

Quendans Worte hatten in ihm ein Feuer entfacht, das er nicht willens war zu ersticken.

Sie wollten Macht und Anerkennung? Dem war nicht mit Vorwurf und Intrigen seinerseits beizukommen. Er würde ihnen allen zeigen, was Demut, Liebe und vollkommene Hingabe zu den heiligen Vieren bedeutete. Seinen Schild der Ehrlichkeit und der Vertrauenswürdigkeit würde er vor sich halten, während er ohne Waffen und ohne Groll im Herzen in den Kampf zog.

Tendarion hatte nun verstanden, was die Herrin für ihn vorgesehen hatte. Er hatte nun verstanden wofür er auf diese Insel kam. Und er nahm diesen Auftrag mit offenen Armen an.

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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 1.10.15, 09:11 
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Mit erschöpftem Blick war er in den späten Zyklen zu dem einzigen Ort zurückgekehrt, nach Tagen der Distanz, an dem er Ruhe erhoffen konnte.

Wortlos stand er vor dem Bett und betrachtete die schlafende Gestalt, ehe er sich entkleidete und die Kleidung ungewohnt unordentlich an Ort und Stelle auf dem Boden liegen ließ. Vorsichtig legte er sich in das Bett und suchte einfach nur die unschuldige Nähe und Wärme. Er wollte nicht reden.

Die Tränen strömten lautlos über seine Wangen, als er seinen einzigen weltlichen Halt auf dieser Insel sanft umklammert hielt. Er wollte nicht reden.

Doch rasten seine Gedanken, flehten ihn an darüber zu sprechen. Alles herauszulassen.

Eines hatte er gelernt. Arglose Selbstlosigkeit kann in der Tat dazu führen falsche Entscheidungen zu treffen.

Vor nur wenigen Wochenläufen hätte er auf Charlottes Vorwürfe und Worte anders reagiert. Er hätte die Niederhöllen in Bewegung gesetzt um sie zu trösten und sich ganz auf sie einzustimmen. Doch musste er in dieser Zeit die schmerzliche Erfahrung machen, dass es nicht möglich war, jeden Menschen glücklich zu halten und gleichzeitig seinen Pflichten, wie es von den heiligen Vieren verlangt wurde, zu erfüllen. Tendarion würde nie über Leichen gehen, aber war es eine Freundschaft, die wegen einer Sache sofort zu zerbrechen drohte, wirklich wert, seinen Weg zurückzulassen? (Die Augen zusammenkneifend drückten sich mehr Tränen zwischen seinen Lidern hindurch und nur mit Mühe konnte er ein Schluchzen unterdrücken.)

Tarnuk hatte recht, er durfte sich nicht von der Selbstlosigkeit, die sein Herz so erfüllte, leiten lassen, sondern auch seinen Verstand entscheiden lassen. Sein Herz war irrelevant, wenn es darum ging, seine Pflichten wahrzunehmen. Wenn Charlotte an seinem Leben nicht mehr teilhaben wollte, so müsse er es akzeptieren. Er war der Verursacher der Situation und nur an ihm war es diese Konsequenzen mit aufrechtem Haupt ertragen zu müssen. (Er war so müde, doch wollten seine brennenden Augen und der Schmerz in seiner Brust nicht nachlassen.)

Er war eine der Konstanten die die Insel brauchte. Wenn er von seinem Weg und seinem Gemüt abkommen sollte, würde er viel mehr verlieren als nur Charlotte. In seiner Macht war es nur, dass er sich jenen annimmt, die es auch annehmen wollten. Sie war nicht bereit dazu. Noch nicht. Vielleicht nicht wieder. Er konnte nur hoffen, dass sie den Schatten, den die Trauer und Wut über ihre Augen legte, ablegen konnte. Mehr konnte er nicht tun. (Zart streichelte er über die Haut unter seinen Fingern.)

Tarnuk sprach von Wolllust. Ein Scherz, nicht ernst gemeint, doch als er diese Haut unter sich spürte, fragte er sich, was Wolllust war. Ein nackter Körper war für ihn nichts ansprechendes oder interessantes. Er hatte hunderte in seinem Leben gesehen. Schöne Körper. Alte Körper. Geschundene Körper. Sie verursachten in ihm weder Abscheu, wenn sie unschön waren, noch fühlte er sich dem Fleisch hingezogen, wenn es sich als ansehnlich entpuppte. Sein Geist allein war es, der bestimmte, wer für ihn interessant war. Es gab bisher nur eine Person, die in ihm mehr entfachte als nur aufrichtige Zuneigung. Aber auch dieser wollte er sich nicht vollends hingeben, wenn es nicht die Situation erforderte. (Seine Tränen vorerst getrocknet drückte er seine Lippen gegen die Haut, die er soeben noch mit den Fingern streichelte. Unschuldig. Zart. Keineswegs fordernd.)

Er hatte das Gefühl, das alles was auf der Insel geschah ihn immer mehr in diese Arme treiben würde. Tendarion hatte Angst davor, doch ließ er es zu. Hier war er sicher.

---

Der Erschöpfung anheimgefallen schlief der Elf ein und wachte wenig erfrischt aber zumindest funktionstüchtig auf. Er musste sich um das Frühstück im Ordenshaus kümmern. Er musste all seine Patienten versorgen.

Vor allem musste er aber den Frauentrakt im Hospital umgehend wieder herstellen.

So verließ er den einzigen Ort, wo er vor der erdrückenden Pflicht für wenige Zyklen sicher war und ergab sich wieder all den Prüfungen, die die Viere für ihn heute vorgesehen haben.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 1.10.15, 11:55 
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Und nun hatte sie sich auch mit ihm verstritten...

In ihrem Haus in Brandenstein angekommen, schließt sie die Türe hinter sich zu und lehnt sich mit ihrem Rücken an jener.
Dass Marion sauer auf Charlotte ist, konnte sie nachvollziehen. Natürlich fühlte sie sich hintergangen ... natürlich schmerzte es ... doch welche Wahl blieb?
"Du kannst mich hassen, Du kannst mich verfluchen ... damit werde ich leben Marion. Aber ich werde mich nicht dafür entschuldigen mir Sorgen um Dich zu machen!"

Und dass Tendarion sich nicht an die Abmachung hielt und einfach mal wartete ... Lehren uns die Viere nicht Geduld? Ihr Vater sagte immer wieder: "Charlotte, Geduld ist eine Tugend. Vergiss das nie!"
Und nun begann das Drama ... als Protagonistin Charlotte ... "wie prächtig!"

Angeblich soll Tendarion nichts gesagt haben. Er befürchtet, dass Marion sie angelogen hat.
Doch egal wie es wirklich ist ... sie fühlt sich so kraftlos und entmutigt. Da vertraut man sich einmal anderen Personen an ... und dann hat man den Salat!
Ständig hallen die vergangenen Worte von Marion, Tendarion und David in ihrem Kopf:

"Charlotte, du musst nicht einsam sein. Du hast Personen, die Dich lieben!"
"Gemeinsam sind wir stark! Wir halten stets zusammen!"
"Du musst Dein Leid nicht auf ewig bei Dir halten. Rede darüber. Öffne Dich. Geteiltes Leid ist halbes Leid."
"Schenk anderen Dein Vertrauen und Du wirst sehen, Charlotte, dass es sich lohnt."

Diese Worte hallen ... und hallen ... und hallen ... beständig.
Wut erpackt Charlotte. Ihre Finger umkrampfen den Schlüsselbund. Sie holt aus und donnert diesen gegen das Bücherregal in ihrem Wohnzimmer.
Es klirrt, als sie eine kleine Vase aus Ton trifft ... Ein zwei Bücher fallen aus dem Regal und hinterlassen mitsamt den Scherben eine Unordnung, die in dem sonst so penibel ordentlichem Haus gigantisch wirkt.
Sie stürmt zur Küche und zieht aus dem Weinregal eine Flasche. Ohne auf die Beschriftung zu achten, öffnet sie diese und setzt sie direkt an. Egal welcher Tropfen das ist ... es ist alles egal ... Sie lässt sich an der Küchentheke nieder sinken und umklammert ihre heilige Weinflasche.

"Wenn dieser Grad zwischen Richtig und Falsch nicht immer so schmal wäre ..."


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 2.10.15, 10:17 
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Etwas für die Ohren beim Lesen...
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"Ich liebe dich, mein Sohn."


Mit zitternden Händen stand der Elf da. Ein Schluchzen ergriff ihn und nie dagewesene Freude und Liebe erfüllte ihn. Alle Sorgen fielen von ihm ab und mit dieser Erkenntnis sackte er vor dem Altar auf die Knie und beweinte all seine Trauer und all seine Liebe, die er für die Viere, sich selbst und alle anderen Geschöpfe Tares in sich trug.

So ergriffen und glücklich, wie in diesem einfachen Moment, war er noch nie.


All jene, die er vor kurzem noch mit Unzufriedenheit im Geiste wusste, liebte er wieder so rein und vollkommen, wie sie es verdient hatten. All jene, die er ungetrübt im Herzen trug, hoben sein Herz und seinen Geist zum Himmel auf. Der Elf hatte das Bedürfnis Nähe und Wärme zu spüren. Er wollte seine überquellenden Gefühle mit jemanden teilen, einfach nur, um sich zu erleichtern. Um seinen Verstand wieder zu erden. Doch gab es niemanden, hier im direkten Angesicht der Göttin, außer sich selbst.

Und so nahm er diese Liebe und Glückseligkeit in seine Gedanken und sein Herz auf und stärkte sich selbst an dieser neuen Kraft.


Beschwingt im Herzen und seinen Körper mit neuem Elan gefüllt, richtete er sich auf und trat wieder in das goldene Licht, zurück zu den anderen. Er empfand sich nicht, wie es sonst so war, selbstsüchtig, dass er diese guten Gefühle für sich behielt. Die Herrin und er selbst wussten, dass er diese Kraft nutzte um sich für alle Geschöpfe Tares aufzuopfern. Seien sie noch so klein. Seien sie noch so schwach.

Er liebte wieder selbstlos und ohne Argwohn im Herzen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 6.10.15, 13:26 
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"Selarian! Tendarion"

Quiekte es in den hohen Kinderstimmen ganz aufgeregt in Richtung des Elfen und seiner Mutter. Tendarion war sich nicht sicher, wie alt er damals war, doch hatte er noch keine zwanzig Götterläufe zu diesem Zeitpunkt gesehen.


Es war die Zeit, als seine Mutter, Selarian, ihn schon seit einem Götterlauf mit in das Waisenhaus und das Hospital nahm. Nicht, weil sie das Gefühl hatte, dass er besonders im Auge behalten werden musste, sondern weil sie merkte, dass ihr drittes Kind weit mehr eine Mutter zu brauchen schien, als es bei ihren beiden älteren Töchter der Fall war. Tendarion war sensibel, schüchtern und schnell vom schlechten Gewissen geplagt, wenn man kein Lächeln in seine Richtung wandte. Es erschien ihr am sinnvollsten ihn so schnell wie möglich dem wahren Leben auszusetzen, auf dass er nicht dran zerbrach, wenn er übermäßig behütet würde. So musste er schon früh die Armut und das Leid der Kinder im Waisenhaus kennenlerne. So musste er schon früh mitansehen, dass die Geschöpfe der Viere auch in Morsans Hallen geführt werden können, ehe sie dem Alter erliegen. Viele Tränen ihres Sohnes musste sie trocknen. Viele erklärende und beruhigende Worte an ihn richten. Doch merkte sie, wie sehr er, trotz seines empathischen Charakters, immer mehr verstand, dass man sich keinem Gefühl vollends hinzugeben hatte, außer der Liebe und dem Mitgefühl.

"Wir wollen Hofstaat spielen! Du musst der König sein und Selarian die Königin!"

Seine Mutter setzte an zu erklären, dass sie doch noch ihre Arbeit vollrichten müsse, doch Tendarion schenkte ihr einen bittenden Blick und schon war sie bereit ihren Dienst für ein paar Momente niederzulegen. Wie immer war sie von dem Blick, der ihrem ein Spiegelbild war, um den Finger gewickelt worden. Also setzte sie sich artig neben Tendarion auf die Bank und ließ sich von den jauchzenden Kindern krönen. Für sie war es eine schlechtgebundener Kranz aus Felaschön, der auf ihr Haupt schief drapiert wurde; für Tendarion eine Krone aus Stöckchen und teilweise braunen und teilweise grünen Blättern und Gräsern. Diese rutschte ihm immer wieder über die Augen, doch vermochte er es die Krone immer wieder mit einer eleganten Geste nach oben zu verfrachten, auf dass er seine Königswürde behielte.

"Ich bin der oberste Kämpfer vom König! Ich werde alle Feinde für ihn vernichten!", sprach der kleine Junge, der stets vor Energie strotzte.
"Ich bin der oberste Berater der Königin! Ich werde schlauerer sein als alle anderen und sie wird mir immer recht geben!", sprach der andere Junge, der ein wenig ruhiger war, aber dafür immerzu nur am plappern war.
"Ich bin die Hofmagierin.", sprach das stille Mädchen leise, das von den beiden Jungen immer nur hinterhergezogen wurde, obwohl sie viel lieber mit den anderen Mädchen und den Puppen spielen wollte.

So entbrannte ein inbrünstiges Rollenspiel, in dem Tendarion seinen Kämpfer Anweisungen geben musste. Der Berater stellte die Umsetzung seiner Anweisungen immer in Frage und informierte die Königin brüskiert darüber, dass er sich nicht an die Regeln hält, weil der Kämpfer gar nichts zu entscheiden hatte, ohne vorher mit dem Berater zu sprechen. Und die Hofmagierin saß still und hilflos dazwischen und versuchte die beiden Knaben zur Vernunft zu bewegen.

Am Ende musste Tendarion die beiden prügelnden Jungs auseinanderziehen und Selarian tröstete das überforderte Mädchen, dass vor lauter Angst zu weinen begann.


___

Tendarion stellte die Eimer mit dem Frischwasser, die er jeden Tag zu holen pflegte, in der Küche des Ordenshaus auf.

Öfters hatte er die Kinder aus dem Waisenhaus vermisst. Ihre unbeschwerte Art. Ihre liebevolle Naivität. Die Reinheit ihres Herzens. Aber, wenn er sich so Custodias und Tion ansah und anhörte, sah er die beiden Jungen wieder. Unweigerlich musste er schmunzeln, als er sich in der Rolle des stillen Mädchens sah, dass zwischen den beiden stand..


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 8.10.15, 15:24 
Edelbürger
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Eigentlich wollte der Elf die Nächte, in denen Charlotte im Vitamaschrein zubrachte, ausschließlich bei ihr verbringen. Doch so er seinen Vorsatz in der ersten Nacht durchaus wahrnahm, musste er diese Nacht davon Abstand nehmen. Er wusste, dass er im Traum wieder viel zu viel verarbeiten würde und er konnte es sich nicht leisten jemanden von diesen ganzen schwergeplagten, die er um sich herum wusste, mit seinen eigenen Gedanken noch mehr zu beschweren. Seine Aufgabe war es Leid zu lindern, nicht es hervorzurufen oder zu erschweren.

Und er sollte Recht behalten.

Er schlief ein und wachte auf:
Ein mit wutverzerrter Miene kämpfender Bellumsgeweihter. Um ihn herum gefallene und verletzte Verbündete. Der Geweihte stieg über die Verletzten und über die Leichen. Der Sieg war wichtiger.

Er nahm ein Bad, mitten in den tiefsten Nachtzyklen. Begab sich ins Bett, schlief ein und wachte auf:
Daimonen. Grauenhafte Kunstwerke. Mumifizierte Leichname. Gefolterte und von Schreck verzerrte Blicke. Eine Maske, aus der silberne Augen hervorleuchteten. Tränen.

Gerädert und erschöpft stand er auf um seinen Dienst in der Küche aufzunehmen. Wo er regelrecht lethargisch nach außen wirkte, raste es in seiner Gedankenwelt.

Er verstand nicht, warum es ihm nun doch erzählt wurde. Warum er von diesem schrecklichen Geschehnissen aus heiterem Himmel heraus, von seiner Arbeit abgezogen, nun erfahren durfte. Auch war die Leidenschaft verschwunden. Es war anders. Irgendetwas war anders als zuvor. Was hatte sich geändert? Hatte er sich als Enttäuschung entpuppt? War er vielleicht nicht das, was man in ihm sehen wollte zu anfangs?

Mit besorgter Miene knetete der Elf den Brotteig. Wie jeden Morgen allein und sich einzig seinem Tee neben der Arbeit widmend. Als ein Wassertropfen auf seinen Handrücken herabfiel, hielt er mit seiner Arbeit inne und ließ sich auf dem Boden in der Küche ab. Warum weinte er? Warum schmerzte sein Herz so sehr?

Er fühlte sich wie damals, als er seinen besten Freund verlor, weil er sein Zeitgefühl nicht dem der Menschen anpassen konnte. War er noch immer der naive Junge und all die erwachsenen Menschen um ihn herum sahen ihn als einen nicht ernstzunehmenden Mann? War er in ihren Augen das "weibische Spitzohr", wie er es so oft schon vernehmen musste? Er wurde gemocht und man vertraute ihm. Aber nahm man ihn wirklich ernst?

Mittlerweile war er nicht mehr in der Lage über seine Unsicherheiten zu sprechen. Man fragte ihn oft, wie es ihm ginge. Er antwortete stets ausweichend, dass ihn die Arbeit zu sehr einnehme. Im Grunde ging es ihm gut. Seine Probleme waren in seinem Innersten verankert. Stets wusste seine Mutter ihn darauf hinzuweisen, dass seine Empathie sein Niedergang sein würde, wenn er nicht an eigener Stärke gewann. An Selbstbewusstsein. An Selbstsicherheit.

Was für ein erbärmlicher Elf er doch war. Sie waren so beherrscht und ruhig. Und er weinte stets, wurde schnell wütend, wenn er verzweifelt war und redete mehr, als es nötig war um sich nur einen Hauch seines elfischen Gemüts zumindest nach außen hin zu bewahren.

Das kann nur einzig und allein der Grund sein, weshalb er nun auf Distanz gehalten wurde. Er war nicht der Elf und der Diener der Mutter, den man in ihm sehen wollte.

Er war Tendarion.

Zwischen elfischer Herkunft und allzu menschlichen Erfahrungen und Gefühlen hin- und hergerissen. Ein zwiegespaltenes Wesen, das seine Zugehörigkeit auf Tare nicht finden konnte.

Er war Tendarion.

War das aber ausreichend?


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 13.10.15, 13:19 
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Als er in jener Nacht die Türe aufschloss, fühlte er zum ersten Mal, seit er sich auf der Insel befand, dass er nach Hause kam. Seine Zuflucht war kein Unterschlupf mehr, dem er sich unbemerkt nähern musste. Man hat ihm die Erlaubnis erteilt zu erscheinen, wann es ihm beliebt. Man hat ihn Willkommen geheißen.

Ein seliges Lächeln ruhte auf den Lippen des Elfen, als er die bekannten Räumlichkeiten im neuen Blickwinkel betrachtete. Alles was ihn belastete, fiel von ihm ab, wenn er nur die Schwelle der Tür überwandte und den Geruch nach Tee, Pergament und Kerzenwachs in sich aufnahm. Vorsichtig legte er den Stoff, den er in dem letzten Wochenlauf im Keller des Ordenshauses wob, auf dem Beistelltisch ab. Er befühlte die Erde der Pflanze, die er vor einigen Wochenläufen in dieses Haus brachte um es ein wenig zu beleben. Das Geschirr des Abendmahls, das der Bewohner für gewöhnlich alleine einnahm, wurde abgeräumt und alle Spuren von aufkeimender Unordnung und Staub wurden beseitigt. Jeder nach außen hin so unbedeutete Handschlag, den er hier vollführte, war für ihn ein Quell der Freude. Tendarion tat all dies nicht, weil er sich dazu verpflichtet fühlte. Nicht, weil sein Weg es vorsah, es zu tun. All dies tat er aus freien Stücken. Und die wenigen Momente, in denen der Bewohner seines neuen Zuhauses ihn nur um eine Kleinigkeit bat, die er zusätzlich vollrichten könnte, war Tendarion mehr als gewillt diese sofort umzusetzen.

Als er sich zu der schlafenden Gestalt legte und sie noch lange betrachtete, bevor Lifnas Segen ihn ereilte, konnte er seine Gedankengänge deutlich gefasster und reflektierter verfolgen.

Erynnion. Er war einer von zwei seiner engsten Vertrauten auf der Insel geworden.

Mit einem ruhigen Gemüt ausgestattet, das selbst Kritik in einer angenehmen Art und Weise darlegen konnte, war ein jedes Gespräch nicht nur äußerst unterhaltsam sondern stets aufschlussreich. Tendarion wusste, dass seine offenen Worte gefährlich sein konnten. Aber wie sollte man Vertrauen erlangen, wenn man selbst nur Misstrauen geben konnte? Der Elf wusste, dass es sich herausstellen konnte, dass Erynnion vom grauen Pfad dazu angesetzt wurde sich mit Tendarion anzufreunden um ihn auszuhorchen. So oft wie er Tendarion aufsuchte, war es nicht von der Hand zu weisen, dass Tendarion ebenso nur ein beobachtetes Ziel war.

Es kümmerte Tendarion nicht weiter. Er war es gewohnt für die Zwecke anderer eingesetzt zu werden. Sein Weg sah es nicht vor, jemanden eine Bitte auszuschlagen, so sie niemand anderen schadet. Auch er war ein Illusionist. Wenn auch in anderer Art und Weise, wie es jene Magier vom grauen Pfad vollführten. Sein extrovertiertes Gebaren war eine Front, die er benötigte um das zu erreichen, was er auf seinem Weg zu erreichen suchte. Er war im Grunde seines Herzens schüchtern und zurückhaltend und blieb lieber mit sich selbst und jenen, bei denen er sich nicht davor zu fürchten brauchte ein falsches Wort zu sagen.

Stets ging er enge Bindungen ein, um das Herz anderer zu erleichtern. Manchesmal war er selbst dabei derjenige der die Nachsicht hatte, doch verbot er sich, das Vertrauen und die Liebe die man in ihn setzte aufs Spiel zu setzen. Sprach er von Zuneigung, war sie stets echt. Einer der Gründe, weshalb er so sehr litt. Einer der Gründe, weshalb er nicht in der Lage war über seine eigenen Angelegenheiten zu sprechen, da meist das Gegenüber, das ihm ein offenes Ohr anbot, ein Teil seines eigenen Leids war.

Bei Erynnion, sei er auch nur aus einem Auftrag hin mit Tendarion befreundet, und der Gestalt die neben ihm lag, war es anders. Erynnion war keine Ursache für sein Leid nur ein neutraler Beobachter, der Tendarions Gedankengänge ordnen konnte.

Ein Lächeln stahl sich auf Tendarions Lippen als er die vom Schlaf leblose Hand ergriff. Ein großer Teil seines Herzens und sein gesamtes Vertrauen lag in dieser jenen Hand die er umfasste. Auch wenn seine Liebe nie derart entgegnet werden wird, wie es ihn erfüllen würde, wusste er, dass auch er im Herzen jener Person einen festen Platz hatte. Tendarion wusste, dass die Herrin ihm den Auftrag gab das andere Herz, das so schwer vom Leben gezeichnet wurde, mit bedingungsloser Liebe und Hingabe zu stärken. Er wusste, dass die Herrin nicht für ihn vorbestimmt hat, diese Person als jene an seiner Seite zu haben, die auf ihn in Morsans Hallen warten würde.

Doch dass diese Liebe, die er empfand, so unbekümmert und bedingungslos angenommen wurde, erfüllte ihn mit einer Glückseligkeit, die er in seinem Leben bisher nicht erleben durfte.

Meine geliebte Mutter, ich verstehe nun, was du mir all die Götterläufe erklären wolltest. Ich muss ein Wagnis eingehen, um wahre Gefühle empfangen zu können. Gefühle die nicht nur in meinem Kopf erzeugt wurden, sondern dadurch, dass ich mein Herz für andere öffne. Ich habe nun verstanden, dass das Beobachten und darüber sprechen nicht ausreicht um wahrhaft den Weg der Herrin zu gehen. Ich kann nicht jedes Leid lindern. Ich werde nie alles verstehen können, was andere tun. Aber ich kann mit festem Schritt durch mein Leben gehen und versuchen für andere ein Vorbild zu sein, so wie du stets für mich eines bist.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 16.10.15, 13:07 
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Das rechte Bein locker über das linke Bein geschwungen, starrte der Elf fokussiert auf die Zeilen eines der zig aufgeschlagenen Bücher vor sich. Wie so oft war er im oberen Teil des Astraelschreins von aufgeschlagenen Büchern umrundet. Kohlestaub zierte seine Schreibfläche. Tintenkleckse waren mit einem Tuch aufgesogen worden. Es roch nach Pergament, dem herben Ledergeruch der Bucheinbände, dem metallenen Geruch der Tinte und den ewigen Lavendelhauch, der den Elfen stets umgab.

Mit langen dünnen Fingern streichte der Elf ein wenig frustriert durch sein Haar.

Es musste doch für diesen elfischen Laut ein galadonisches Äquivalent geben.


Seit über einem Wochenlauf schrieb er an dem Buch. In jedem Moment der Muße verharrte er über den Büchern. In Aurel verfasst. In Galadonisch verfasst. Sogar in Endophalisch verfasst. Manche behandelten die Semantik, die Artikulation. Andere das Lehren von Sprachen und das Lehren an sich. Wieder andere waren eine linguistische Abhandlung über das Aurel, vereinfacht und für einen herkömmlichen Galadonier geschrieben. Und auch weitere Bücher über die galadonische Sprache, sowie die endophalische Sprache. Zwei Schüler hatte er nun. Einer für die galadonische Sprache. Einer für die Sprache der Fey - Aurel.

Er hatte viel Verantwortung übernommen, als er ihnen zusagte, so war es an ihm sich auch bestens darauf vorzubereiten, ehe er sich seinem Versprechen, sie zu unterrichten, vollends widmen konnte.

Galdiells Ankunft war ein Segen für ihn. Endlich hatte er die Zeit sich seinen Studien zu widmen. Endlich hatte er die Zeit sich zyklenlang im Astraelschrein zurückzuziehen und sich von seinen liebsten Büchern umgeben ganz seiner Gedankenwelt zu widmen.

Ein kurzer Schluck von seinem Tee und er blickte über die Bücher mit einem sachten Lächeln. Sein Blick fiel zu seiner Tasche. Seit vielen Wochenläufen nun hatte er einige vitamagefällige Bücher bei sich. Er hatte sich des öfteren vorgenommen sie zu lesen, doch zog er es immer mehr vor seine Studien voranzutreiben. Bücher über Rationalität. Dämonologie. Gegendomänen. Bücher über Philosophie, dem Glauben an die heiligen Viere. Dem Glauben gegen die heiligen Viere.

Er war nicht besonders musikalisch. Seine Zeichenkenntnisse beschränkten sich auf Verzierungen in seinen selbstgeschriebenen Büchern. Er mochte keine großen Feiern. Er trank keinen Alkohol. Die körperliche Lust war ihm ein Rätsel.

Er liebte es nachzudenken. Wissen zu erlangen. Zu verstehen, was der Kern einer jeder Sache war. Der Grund des Antriebs eines jeden. Er beschäftigte sich gerne mit Magie - zerstörerische, wie auch erschaffende - es war ihm einerlei. Sein Wissensdurst war jedweder Leidenschaft erhaben. Oder genau das war seine Leidenschaft.

Gedankenverloren starrte er über die Bücher die vor ihm aufgeschlagen lagen. Ging er seinen Weg nur, weil er seine Mutter so sehr verehrte? Gab es einen Grund, warum er solange zögerte sich der Kirche anzuschließen? War er im Herzen doch nicht so sehr Vitama zugetan, wie es ihm immer so selbstverständlich war?

Seine Mutter war all jenes, was für ihn Vitama verkörperte. Sie war lebensfroh, sie war mitfühlend, liebevoll, von nie versiegender Hoffnung und Zärtlichkeit erfüllt. Hingebungsvoll liebte sie ihre Familie und ein jedes der Kinder im Waisenhaus. Sie weinte für jeden Patient der im Hospital verstarb, doch lächelte sie im selben Moment zart zu jedem anderen Patienten der auf dem Weg der Besserung war. Und Tendarion? Er war frustriert, wenn ein Patient sich selbst zurichtete. Er hatte auf der Insel gelernt sein Lächeln zu erzwingen, wenn es ihm nicht gut ging, aber er konnte es nie so überzeugend wie seine Mutter. Er vollführte seinen Dienst in akribischer Genauigkeit. Er war verkopft. Fehler wollte er nicht machen. Er suchte für alles eine Erlaubnis. Einen Rat.

Doch man ließ ihn einfach gewähren. Man setzt in ihn ein hohes Maß an Vertrauen, dass er es richtig machen würde. Doch war er selbst nie zufrieden mit sich.

Es fiel ihm nicht schwer demütig zu sein. Sich anderen unterzuordnen. Im Gegenteil, er begrüßte es gar. Ein Teil der Masse zu sein, der nicht im Vordergrund stand und still und leise und ohne Lob seinen Dienst vollführte. Und dennoch, war er der Ansprechpartner vieler geworden. Man überließ ihn große Aufgaben und hinterfragte seine Vorgehensweise nicht. Bat er um Rat, winkte man nur ab, dass er schon alles richtig machen würde. War er deshalb so darauf versessen Wissen anzuhäufen? Um sich selbst gegenüber erklären zu können, dass er es verdient hat, dieses Vertrauen zu bekommen? Man sagte ihm bereits, dass er seine Studien, um den Weg der Herrin zu gehen, zu ernst und zu verbissen nehmen würde. Doch ist jemand, der sich in den Dienst der Götter stellt nicht dazu verpflichtet auf alles eine Antwort zu wissen? Zu allem eine Meinung zu haben?

War er nicht besser auf dem Weg Astraels aufgehoben?


Er schloß die Augen und atmete tief durch. Den Gedanken beiseite schiebend widmete er sich wieder seinem Buch, ehe er seinen Dienst im Hospital antreten würde.

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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 20.10.15, 14:54 
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Der Elf saß, nackt, wie die Götter ihn schufen auf dem Fensterbrett und sah auf die schlafende Gestalt, die gegenüber dem Fenster im Bett lag.

Sein Schlafbedürfnis war nicht mit dem der Menschen vergleichbar. Tendarion ging meist einen Zyklus später, als andere zu Bett und war dennoch meist früher auf, als alle anderen. Solange der Schlaf in dieser kurzen Zeitspanne ungestört war, war es ausreichend. Sein tägliches Bad war einer ausgedehnten Meditation gleich, in der die Kraft, die er zusätzlich brauchte ebenso einholte.

Hier, in diesem Raum, konnte er jedoch in Ruhe denken. Trost erfahren, indem er den warmen Leib umarmte. Sie sprachen nicht mehr so viel, wie sie es zu anfangs taten. Alle Worte, die benötigt waren um das Vertrauen zu erlangen, waren gesagt worden. Beide Seiten waren zufrieden mit der Nähe. Ob sie wach waren, oder schliefen, es spielte keine Rolle. Tendarions Nähe wurde benutzt um die Einsamkeit in diesem so gebeutelten Herzen zu vertreiben. Um Trost zu erhalten. Um Liebe einzufordern, die immer an Konditionen gebunden, oder aber mit Verzicht verbunden, war. Mit Trauer. Mit Abschied. Mit Tod.

Tod.

Etwas mit dem Tendarion sein ganzes Leben konfrontiert wurde. Jedes sterbende Wesen, das er auf seinen letzten Weg begleitete, war in seinen Gedanken und sein Herz geschlossen. Die Blicke voll Furcht, da sie nicht wissen konnten, wie der Herr Morsan über ihre Seele richtete. Das schmerzverzerrte Gesicht, wenn sie qualvoll dahinsiechten über Tage. Der Gestank der Krankheit, der Fäulnis, der Galtors schwere, langsame, langsame Schritte begleitete, ehe er endlich nach der Hand des Leidenden griff.

Warum diese Qual? Tendarion stellte sich oft die Frage.

Warum lassen die Götter jene leiden, die sich in ihrem Leben nichts vorzuwerfen hatten? Stattdessen wurden junge Männer, Deserteure genannt, im Namen Bellums enthauptet und dieser Akt wurde als Gnade angesehen, wenn es schnell von statten ging.

Dem Herrn Astrael zu folgen, bedeutete auch, jemanden zum Tode zu verurteilen, wenn es das Gesetz verlangte. Würde er in der Lage sein, solch ein Urteil zu fällen? Jemanden Buße und Strafe aufzuerlegen, für weltliche Gesetze, die Tendarion selbst nicht verstand?

Nein. Er könnte es nicht. Es war ihm nicht möglich auf einer Insel, die mehr Tod als Leben gebar, noch eine weitere verurteilende Stimme zu werden. Seine Arbeit, sein Dienst an der Herrin, wurden stets im Wissen erfüllt, ein Leben zu erhalten. Ein Leben zu bewahren. Sei es noch so unbedeutend in den Augen anderer.

Eine Fliege, eine Katze, ein Mensch - wer war er zu entscheiden, wer wichtiger war? Wer war er zu entscheiden, dass jemand sterben sollte? Er war nur ein Kind. Nicht nur ein Kind der Viere, wie sie es alle waren. Nein, er wollte sein Herz so rein wissen wie es bisher war. Es nicht beflecken, indem er anfing über andere und ihr Verhalten zu urteilen. Er versuchte Verständnis aufzubringen, auch wenn es ihm nicht vergönnt war, sein gegenüber zu verstehen. Aber würde er sein Gegenüber verstehen, wäre er nicht mehr in der Lage Mitgefühl zu zeigen, sondern würde anfangen zu urteilen. Seine Taten mit den Taten seines gegenübers aufzuwiegen. Zu dem Urteil zu gelangen, dass seine Seele reiner war, als die jener, die die Hand erhoben um andere zu züchtigen, zu bestrafen, zu töten.

In seinen Augen war es Hochmut andere zu verurteilen. Doch war er damit nicht jemand der über jene urteilte, die Recht sprachen? Die entschieden wer wie zu leben hat? Zu sterben hat? Tendarion war ein Kind, im Kopf, im Herzen und in der Seele. Und er würde es weiterhin bleiben. Seine Naivität gab ihm die Kraft jeden Tag mit Hoffnung im Herzen aufzustehen, dass es an jenem Tag besser sein würde, als an dem vorherigen Tag war.

Erynnion riet ihm jede Facette seines Lebens hier und jetzt zu nutzen, denn es war nicht sicher, ob und wie lange die beiden noch auf Tare verweilen konnten. Wie lange es ihnen noch vergönnt war in vertrauter Freundschaft Gespräche zu führen. Wann einer der beiden Plätze, die sie ausfüllten, für immer leer bleiben würde. Ob nicht schon bald ihre beiden sterblichen Hüllen nicht mehr auf den Wegen, die sie auf Tare bisher gingen, wandeln würden.

Tendarion sah wieder zu dem Bett, nachdem seine Gedankengänge seinen Blick zum Fenster gelenkt hatten.

Sein Körper verlangte es nicht. Sein Geist erkannte den Nutzen nicht. Sein Herz hingegen wisperte ihm zu, dass er sich hier auf der Insel nicht darauf verlassen konnte, dass sein Leben lang genug währte, um die Fey zu finden, deren Herz auch nach dem seinem verlangte.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 23.10.15, 13:03 
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Musik..
Bild


Diese Nacht vermeidete er jeden, von sich ausgehenden, Körperkontakt mit dem neben ihm ruhenden Quell des Leids und der Freude in seinem Herzen. Den rechten, für immer verunstalteten, Arm hielt er sorgsam aus dem Blickfeld, während er die ganze Nacht über auf dem Rücken ruhte.

Ein Spinnennetz funkelte vor dem Fenster...
~~~

Ein hauchdünnes Gewand, das mehr von seinem Leib offenbarte, als dass es verbarg, umspielte fließend, wehend, seinen schmalen Körper. Rot war es - rot wie der lieblichste Wein, der auf Tare je ausgeschenkt wurde. Rot wie die reifeste Traube, die auf einer Rebe geduldig wartete, um gepflückt zu werden. Um sich an ihr zu nähren, um sich ihren süßen Geschmack auf der Zunge zergehen zu lassen - sich daran zu erfreuen, darin zu schwelgen.

Die weißen Marmorwände die ihn umgaben - Der Tempel von Falkensee? Er war es und war es auch nicht.. - wurden in Windeseile von Ranken erfasst. Einer euphorischen Explosion gleich schnappten die Knospen an jenen auf. Eine weiße Leinwand, die mit grünen Ranken und einer Vielzahl an Farben bemalt wurde. Rosen, über Rosen, Vitamablüten, Felaschön. Sie erkämpften sich in diesem Gewirr an Strängen ihren Platz. Bedrängten sich gegenseitig neckend und verspielt. Sie alle sollten nicht aus einem Samen entspringen. Für gewöhnlich blieben die Blumen unter sich, nur ihre engsten Geschwister in der unmittelbaren Nähe duldend. Doch hier erkämpften sie alle gewitzt, alle vom selben Ursprung, dicht an dicht gedrängt, wie in einem Wettkampf den Sieg. Den Sieg ob der schönsten Blüte, der herrlichsten Farbenpracht und dem verführerischten Duft. Der Elf schlug die Lider nieder. Zu überwältigt um neben diesem betörendem Geruch noch diesen einnehmenden Anblick zu ertragen. Zu sehr von Ehrfurcht ergriffen um nicht von diesem Schauspiel übermannt zu werden.

Eine Stimme ätherisch schön sang sein Lied. Das Lied, das ihm von seinen Eltern gegeben wurde. Sein Atem stockte und er öffnete die Augen.

Eine Wiese offenbarte sich um ihn herum und mit jedem langsamen Schritt den er voranging, wurde der kühle Marmor unter seinen nackten Füßen zum Leben erweckt. Warme, feuchte, weiche Erde. Sprösslinge schossen empor. Sattes grün einer saftigen Wiese. Knospen, immer mehr Knospen, öffneten sich.

Das kalte, tote Gestein ward zum Leben erwacht.

In der Mitte des Tempels - war es noch der Tempel? - angekommen sank er auf beide Knie auf das Gras herab. Der dünne Stoff seiner Robe blähte sich mit der langsamen Bewegung auf und Khalebs Hauch verhinderte, dass er sich allzu schnell auf Tevras Reich wieder herabsenken konnte. Ein Plätschern im Hintergrund, es schien von überall herzukommen, erklärte, weshalb sich rings um ihn herum Wasser sammelte. Maquira war neugierig geworden und wollte den Ort den der Elf aufsuchte vor Eindringlingen schützen. Sachte berührte er die Wasseroberfläche, die einem Kichern gleich sich um seine Fingerkuppen kringelte. Amüsiert hob Tendarion seine Mundwinkel. Khaleb, gelangweilt von so viel Ruhe nun, wandte sich von des Elfen Gewand ab, und wehte herum, wobei er seinen Bruder Ignis in einem stürmischen Tanz mit sich riss. Ein eindrucksvolles Auftosen von Wind und Flammen und alle Feuerbecken entzündeten sich lodernd und hüllten den Ort in ein warmes Licht.

Ein kleiner, hoher Laut lenkte den Elfen ab und er sah vor sich auf das Gras hinab. Ein Nest lag dort und darin war ein zerbrochenes Ei. Ein Vogel, der jedoch nicht nass und federlos war, als wäre er gerade erst geschlüpft, saß daneben und tschirpte nach seiner Mutter. Lange Momente betrachtet der Elf den Vogel, der nun zu ihm aufsah und sein Leid weiterhin klagte. Mit einem liebevollen Blick führte der Elf seine Hand zu dem Vogel und hielt diese geduldig in das Nest. Das Tschirpen verstummte und der Vogel hüpfte auf seine Hand. Vorsichtig, gar als hätte er Angst den Vogel in irgendeiner Form mehr als nur einen Hauch einer Berührung zukommen zu lassen, führte er seine Hand zu seinem Gesicht und betrachtet das kleine Tierchen aus nächster Nähe. Der Vogel lehnte sich vor und schmiegte sein Köpfchen gegen die Wange des Elfen und schloss seine Augen.


Der Elf tat es ihm gleich. Von ewiger Ruhe erfüllt. Von ewiger Liebe erfüllt. Vom ewigen Leben umrundet.
Worte, einem Hauch gleich, die die Stimme des Elfen und aller anderen Geschöpfe auf Tare gleichsam inne hatte, erfüllten den Ort.

Ich liebe dich ebenso, meine geliebte Mutter aller Mütter.

Der Vogel hob seinen Kopf, doch dieses Mal waren es nicht Lifnas schwarze Augen, die seinen Traum als Traum offenbarten, sondern sie waren grün. Grüner als das Leben um ihn herum.


~~~


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 27.10.15, 10:25 
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Ein Knacken.

Er sah unter sich, in seinen Händen einen Korb voll Bücher. Die Bodenplatten vor der Bank hatten noch nie nachgegeben. Panik erfüllte ihn mit einem Mal und er stellte den Korb vorsichtig ab.

Was war es?

Dogun. Serafina. Sie belächelten seine Angst, dass jemand eine Falle mitten in der Stadt installiert haben könnte. Seit Tagen fühlte er Blicke an seinem Hinterkopf. Jede Bewegung im Augenwinkel, die er nicht zuordnen konnte, war ihm ein Grauen.

Wurde er beobachtet?

Seit seiner Verletzung wagte er sich kaum weiter als zur Bank. Keinen Schritt würde er mehr vor Falkensee setzen. Keine Orte in der Stadt aufsuchen, in denen geweihter Boden nicht in unmittelbarer Nähe erreichbar war.

Er hatte Angst.

Weshalb war man auf ihn aufmerksam geworden? Irgendetwas hat Missgunst auf ihn heraufbeschworen. Oder war es, weil er sich nichts zu schulden kommen ließ, das ihn von Interesse werden ließ?

Auf dem Bett sitzend, zog er seine Beine an sich und schlang seine Arme um seine Unterschenkel. Die Decke war wieder über seinen vernarbten Arm drapiert. Er würde es solange verbergen, wie es ihm möglich war. Sein einziger Makel am Körper, der jedoch gleich so ein verherrendes Ausmaß annehmen musste.

Narben und tiefe Wunden waren etwas, das nur für andere bestimmt war. Das er zu behandeln und heilen vermochte. Er hatte keinerlei emotionale Bindung zu Wunden aller Art. Im Gegenteil, einzig allein während er schwere Wunden behandelte, war er in der Lage jedwede Emotionalität von sich zu weisen. Und doch war er so deprimiert und von Eitelkeit befangen, wenn er seine eigene Wunde, nun Narbe, betrachtete.

Ihm wurde schlecht bei dem Gedanken, dass das vernarbte Gewebe angefasst werden könnte. Ihm wurde umso mehr mulmig, wenn er daran dachte, dass das von Schlaf eingenommene geliebte Geschöpf neben ihm es sehen könnte.

Und es versetzte ihn in tiefe Panik, dass diese Schwarzmagier, die nicht einzuschätzen waren, seiner Habhaft werden könnten, um ihn zu malträtieren und ihn noch mehr zu zeichnen.

Er legte seine Stirn auf seine Knie ab.

Stumme Tränen versickerten in seiner Decke..

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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 29.10.15, 14:47 
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Nachdenklich besah er die makellose Haut an seinem rechten Arm, als er sein tägliches Bad nach der Zubereitung des Frühstücks nahm.

War seine Eitelkeit so tief mit seinem Sein verankert, dass selbst die Herrin mit ihm Mitleid empfand? Er zweifelte jedoch stark daran, dass Vitama soetwas in ihm fördern würde. Was war es also, was sie dazu bewog, ihm so ein Zeichen zu senden?

Sanft streichelte er über den Arm. Eine gewisse Fassungslosigkeit, dass er die Zeichen des dämonischen Angriffs nicht mehr für sein Leben tragen müsse, erfasste ihn, die einherging mit einer tiefen Ehrfurcht, gegenüber der Macht der Viere. Was machte er schon, dass die Herrin ihn so wohlwollend beschenkte? Was sorgte dafür, dass man seinen Dienst so schätzte? Er mochte Lob nicht allzu sehr. Es erfüllte ihn mit Scham, dass man soetwas, was für ihn einfach selbstverständlich war, überhaupt hervorheben musste. Kritik hingegen wog im Gegenzug dazu viel schwerwiegender. Ein Wort, das nur andeutete, dass er seinen Weg nicht erfüllte, wie es ihm angedacht war, und er wurde in tiefe Selbstzweifel gestoßen.

Doch dieser Traum, der diesem Geschenk der Herrin voranging, so schrecklich wie er war, verfolgte ihn nicht. Weshalb war er eingeschlafen im Vitamaschrein? Es war ihm im Leben noch nicht einmal untergekommen, dass er schlief, ohne dass er es willentlich herbeigesehnt hat.

~~~

Drei Körper. Zwei Erwachsene ein Kind. Brutal erstochen. Blut, so viel Blut.

Gewimmer. Das Messer.

Eine schwarze Gestalt. Schneidene Worte.

Furcht. Trauer. Ohnmacht.

~~~

Er entsann sich auf jede Begebenheit in dem Traum. Diese Übelkeit die ihn erfüllte. Diese Panik, als er erkannte, wen er vor sich hatte. Doch er hatte seither keine Albträume. War es eine Vision? Ein Hinweis, was auf ihn zukommen würde?

Was würde geschehen, wenn er einem Schwarzmagus gegenüberstand? Würde er sich so behaupten können, wie sein Traum-Selbst es konnte? Würde er es schaffen, sich schützend vor jene zu stellen, die nur ein Werkzeug - nein, ein weggeworfenes Spielzeug - waren?

~~~
Danke.

Wir werden nun zu ihr gehen.

Du bist eine gute Seele.

~~~

Wieder befühlte er die Haut und ein sachtes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Er würde dieses Geschenk ehren, in dem er seinen Dienst mit noch größerer Inbrunst erfüllte. Nach und nach würde er seine Selbstzweifel ablegen und das Leben, wie es ihm dargeboten wird, annehmen. Mit all seinen Facetten.


Er wird das Leid anderer in sich aufnehmen um es zu lindern.
Er wird Leben schützen.
Er wird jeden Aspekt des Lebens und alle Geschöpfe der Viere bedingungslos zu lieben.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 4.11.15, 16:32 
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Als er seine Berichtemappe durchsah, fiel sein Auge auf das Datum und er dachte daran, dass sein Brief in Draconis endlich angekommen sein musste.

Seinen Teebecher zur Hand nehmend lehnte er sich zurück und blickte gedankenverloren aus dem Fenster. Wie sehr hatte er sich in der kurzen Zeit verändert. Was er in seinem ersten Brief schrieb zeigte auf, wie viel er von seiner Naivität schon verlieren musste. Welchen Kummer er seither erleben musste. Welche Freundschaften sich seither entwickelten. Wer ihm wohlgesonnen war. Wer ihm böses wollte.

Mit dem Verlust seiner Naivität ging auch einher, dass er viele Dinge nicht mehr unter dem Zauber des Neuen und Unbekannten betrachten konnte. Sein Herz war rein und offen, doch seine Gefühle und seine Gedanken wandelten sich. Sein Herz war rein weiß. Seine Gedanken mittlerweile einem hellem Grau gewichen. Rationalität und pragmatische Entscheidungen prägten immer mehr seinen Alltag. Wer oder was ist für die Allgemeinheit nützlich? Wer oder was ist ein Stolperstein für das große Ganze?

So handhabte er es auch mit seinen eigenen Gefühlen. So seine Liebe für seinen Behüter ungebrochen war, umso mehr war ihm nun der Schleier der Emotionen von den Augen genommen worden. Er sah, wie schwierig es war. Er sah, wie er auf Distanz gehalten wurde. Er sah, wie er betteln musste. Er sah, wie er kleingehalten wurde. Aber solange Tendarion nützlich war, wollte er dies mit Würde tragen.

Sein Bedürfnis, sich jemanden zur Gänze öffnen zu wollen, schwand von Wochenlauf zu Wochenlauf mehr. Vor jedem, egal wie nah er ihm war, verbarg er einen Aspekt dessen, was ihn belastete oder beschäftigte. Seine Mutter war nicht bei ihm, jene die ihn kannte, wie niemand anderes auf Tare. Jemand der stets das richtige zu sagen wusste. Egal ob Lob oder Tadel angebracht war. Sie allein kannte ihn und wusste, was er benötigte. So wandte er sich immer mehr im Gebet an die Herrin, um dort die Klarheit und Ruhe zu finden, die er benötigte.

Er akzeptierte auch immer mehr die Worte die Lydie und Ravenne an ihn richteten. Auch wenn er den Tod nicht herbeisehnte und er nach wie vor eine große Angst vor dem Sterben in sich trug, so erkannte er, dass diese innere Ruhe, diese Gewissheit, dass am Ende uns allen das selbe Schicksal ereilte, ein essenzieller Teil der geistigen Gesundheit war.

Ravenne war für ihn das Sinnbild dessen geworden, was das Gegenteil seiner selbst war. Er sah zu ihr auf, doch zeitgleich wusste er, dass er nicht so sein wollte wie sie. Wo sein Leben von Leichtigkeit und Freude geprägt war, war ihr Leben von Leid und Tod geprägt. Wo er kaum über den Tod nachdachte, schien sie ihn als etwas erstrebenswertes anzusehen. Doch waren es genau die Unterschiede, die dafür sorgten, dass er sich zu ihr hingezogen fühlte. Sie kannte das Leben von der anderen Seite. Sie konnte ihm Dinge aufzeigen, die sie nicht zu vermeiden wusste, aber er umso mehr nun vermeiden wollte. Tendarion war beeindruckt von ihrer Stärke, doch hoffte er diese auf andere Weise zu erlangen.

Er legte seine Berichtemappe wieder zurück und sah auf den Stand Felas. Der Besucher müsste sich nun zurückgezogen haben. Zeit um sich selbst zurückzuziehen. Zeit um dorthin zurückzukehren, wo er sich am sichersten und dennoch am unsichersten fühlte.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 7.11.15, 11:19 
Edelbürger
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Ein hoher Ton erfüllte sein Gehör, doch ansonsten erschien die Welt um ihn herum stumm. Sein Körper bewegte sich gegen seinen Willen, während er unsanft nach hinten gedrückt wurde und schlitternd im nassen Schlamm aufkam. Es war so still, so still. Nur dieser unnatürlich hohe Ton in seinen Ohren. Einzig allein sein eigener Atem und das Blut, das in seinen eigenen Adern floß, übertönte diesen Ton. Verwirrte ihn nur umso mehr.

Erschrockene Gesichter und fallende Leiber um ihn herum. Das Licht blendete ihn zusätzlich - (Waren da Schwingen zu sehen? Es war mit einem Mal so dunkel!) - zwang ihn seine schreckgeweiteten Augen zuzukneifen. Obwohl ein jeder von den zu Boden gebrachten um ihn herum verletzt hätte sein können, seine Sorge galt einzig und allein dem Mann, der so unbewegt da stand. Der Blitz schlug direkt in seinen Leib.

Vom Schlamm verschmiert, von Kopf bis Fuß, richtete Tendarion sich auf und wankte zu Guntram. Zweimal schien es, als würde er sein Gleichgewicht nicht halten können und kam gefährlich ins straucheln. Doch mühte er sich ab, bis er in die starre Miene des Mannes blicken konnte. Sein Körper war unversehrt, doch letzte Blitze zuckten in den unsehenden, starrenden Augen...

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Als die Iriden des Mannes vollständig von den Blitzen durchwirkt wurden und das Silber sich in diesen festsetzte, sackte er mit einem Mal in sich zusammen. Nackte Panik erfüllte den Elfen und er kommandierte mit bestimmter Stimme die umherstehenden, auf dass er umgehend in das Heilerzelt gebracht würde. Endlich ließ dieser hohe Ton in seinem Ohr nach, der sein ganzes Denken zu überschatten drohte und er kehrte, als der bewusstlose Mann auf der Liege aufgebahrt wurde, in seinen inneren Hort der Ruhe zurück.

Rationalität herrschte vor. Er sah diesen Mann nicht als den Mann, dem er vertraute, um den er in diesen Moment die größte Angst hatte, die er je in seinem Leben fühlte, sondern einzig und allein einen Patienten, dessen Ausmaß der Verletzungen und Wunden nicht klar war.

Ohnmacht.
Atem stabil.
Keine Verbrennungen.
Keine Wunden.
Bewegung unter den Augenlidern.
Stirn etwas wärmer als gewohnt. Nicht bedrohlich.


Als Guntram sich regte und die silbrig-glänzenden Augen ihm unfokussiert und verwirrt entgegensahen, erfüllte den Elfen eine tiefe Welle der Erleichterung, sowie auch Ehrfurcht. Die Robe die er trug, war vollkommen neu, anders und unversehrt. Dies war kein Angriff, dies war ein Zeichen.

Und der Elf wusste nicht, wie er damit umzugehen hatte. Also lachte er. Vor Freude über die Tatsache, dass die Viere ihnen so nah waren. Vor Freude, weil einer seiner liebsten Vertrauten so sehr von den Vieren geschätzt wurde.

Aber auch vor Angst, weil er nicht wusste, ob er diesem gesegneten Menschen weiterhin so entgegentreten konnte, wie er es bisher tat.

~~~


In der Nacht wachte der Elf aus seinem Traum auf und starrte nachdenklich an die Decke, als er in dem Bett lag, das nicht das seine war, und doch die Gewohnheit ihn dazu verleitete zu sagen, dass er zu Hause war.

"Adailoé..", hauchte er in die Stille, die nur von dem gleichmäßigen Atem neben ihm gestört wurde.

War es eine Nachwirkung von dieser imposanten Erscheinung des Herrn Astrael? Oder war es tatsächlich so, dass er Lothorien zum ersten Mal in seinem Leben so nahe war, dass er nicht mehr daran zweifeln konnte, dass die Heimat seines Volkes nicht nur existierte, sondern auch von dem Leben erfüllt war, von dem man sagte, dass es dort herrschte?

Ein unkontrollierbares, fröhliches Schmunzeln erfüllte seine Mimik, als er da so lag. Ob Traum, oder wahrhaft geschehen - er hoffte seine kleine Schwester mit diesem wunderschönen Lied, das er immerzu vor sich hersagen wollte, wiederzusehen.

Aber warum war der Name obszön..?


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 10.11.15, 02:35 
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Der Wein ließ seine Gedanken und Gefühle unkontrolliert in seinem Geiste und seinem Herz herumschwirren. Langsam ließ er sich in dem weichen Kissenberg im Viertel der Fey nieder und sah gedankenverloren an die Decke.

Er wusste, sein Dienst an der Herrin war ein Weg den er alleine gehen musste. Den er alleine zu verantworten hatte. Den er allein der Herrin widmete.
Doch zwang man ihn ein Teil der Kirche zu sein. Einer Hierarchie anzugehören. Sich mit den Dienern und Geweihten der anderen Götter zu beschäftigen.

Auch sie hatten ihre Aufgaben. Auch sie hatten ihren Dienst zu erfüllen. Doch allmählich hatte Tendarion das Gefühl, dass die Prioritäten aller keinerlei Gemeinsamkeiten aufwiesen. Die Novizen und Anwärter dümpelten führungslos dort herum, wo man ihnen eine Aufgabe gab - wo man sie brauchte. Als Soldaten, als Feldheiler. Doch niemand aus der Kirche war da um sie anzuleiten, einzunorden. Man warf sie den Dienern des Einen, Dämonen und Geistern schutzlos und unwissend zum Fraß vor.

Hätte er Ravenne heute wirklich helfen können, wenn sich ein böser Geist ihrer angenommen hätte? War das, was er tat in irgendeiner Form nützlich? Er war sicher, dass die Viere bei ihnen waren, doch auch er hatte sich gewissen Spielregeln auf Tare zu unterwerfen. Er hatte sich viel Wissen angeeignet. Gefährliches Wissen, er wusste Dämonen einzuordnen, er wusste wie der Expellio von statten ging. Er wusste wie grausam die Welt sein musste um Grausamkeit zu besiegen. Und dennoch sorgte man dafür, dass er in Unwissenheit blieb, ihn immer weiter dazu trieb sein Studienmaterial selbst zu wählen. Mit Gefangenen zu sprechen, nur um etwas mehr über den Feind zu verstehen. Sogar dem Feind selbst ins Auge zu blicken, um zu verstehen, was es heißt ein Diener der Götter zu sein.

Sein Geist und seine Seele erstarkten zunehmend, doch er spürte dieses ewige nagende Gefühl im Hinterkopf, dass er immer mehr in Gefahr lief, seine Kompetenzen und seinen Dienst zu überschätzen. Widerwillen stellte sich in ihm ein, doch konnte er sich gleichzeitig nicht davon lösen. Wer sollte es sonst tun? Er würde weiterhin militärische Berichte entgegennehmen und weiterleiten. Er würde weiterhin das Sprachrohr für den Calator spielen. Er würde weiterhin die organisatorischen Dinge übernehmen und dafür gerade stehen, wenn man ihn für die Missstände belangt. Auch würde er weiterhin mit erhobenen Haupt die Kritiken der anderen Institutionen gegenüber der Kirche annehmen.

Er sehnte sich nach Wärme. Nach jemanden der seine Hand nahm und ihm nicht nur sagte, er solle sich nicht übernehmen, sondern auch seine andere Hand öffnete um ihm etwas abzunehmen. Er war kein Diener der Herrin mehr. Er war ein Heiler, ein Secretarius der Kirche und Botenjunge. Einzig und allein sein unerschütterlicher Wille alles in seiner Macht stehende zu tun um anderen zu helfen, schien ihn noch als Diener Vitamas zu legitimieren.

Langsam drehte er sich auf die Seite in diesem fremden Bett, in dem er zuvor noch nie lag. Er war alleine und ihm war kalt.
Doch auch die Decke brachte ihm nicht die Wärme die er benötigte. Er musste stärker werden. Er war emotional zu abhängig von seinem Umfeld.

Die Herrin war bei ihm. Er war nie einsam.

Aber warum war ihm so kalt?


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 13.11.15, 08:13 
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Er spürte die Nässe an seine Rückseite, als er auf dem Ufer im Schneidersitz verharrte. Er dachte an das Gras, das sein dünnes, kurzes Gewand befleckte. Er dachte an den Schmerz den er im Herzen fühlte, das er die ihm nahestehendste Person auf der Insel so sehr verletzt hatte, dass sie ihm keines weiteren Blickes mehr würdigte. Er spürte die Freude in seinem Herzen, als er die vierfarbige geflochtene Kordel, die so gar nicht zu seinem Aussehen passte, an seinem rechten Handgelenk betrachtete.

Wird das Brot, das er gebacken hatte für die nächsten Tage reichen? Seine Hilfe war im Kriegslager benötigt. Warum war er hier? Es war keine gute Idee. Er sollte wieder nach Falkensee. Er wurde gebraucht. Er war nicht nur Elf. Er war ein Diener der Herrin Vitama. Wieso durfte er sich erdreisten sich zurückzuziehen, während die Menschen da draußen weiterkämpften? Adhemar hatte recht, es war ein Luxus, dem er sich selbstsüchtig hingab. Es gab soviel zu klären. Erynnion brauchte seine Unterstützung. Marion suchte das Gespräch mit ihm, aus dem sie gerissen wurden. Adhemar brauchte seine Unterstützung. Die Kämpfer benötigten seine Unterstützung. Er dachte an das verletzte Gesicht, seiner so sehr geliebten Person. Er wollte den Kummer in ihr beseitigen, den er selbst verursachte. Er konnte nicht damit leben zu wissen, dass man ihm grollte. Das gerade diese Person durch ihn verletzt wurde..

Langsam richtete der Elf sich auf und war im Begriff sich wieder vollständig zu gewanden, als er seine Hose hochzog und er mit einem Mal mit Wasser besprenkelt wurde. Er wandte sich zum Fluss um und sah irritiert zu dem schemenhaften Gesicht, das sich in dem Wasser abzeichnete und ihn mit großen Augen besah. Wieder wurde er mit Wasser bespritzt. Absichtlich. Mitten in sein Gesicht. Verwundert blinzelte er, als er ein wenig trotzig ihr entgegenblickte. Doch die Mimik in dem wasserhaften Schemen änderte sich zu einer vergnügten Miene und mit einem Mal drehte sie sich wieder und nahm ihren wogenden Tanz auf.

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Sein Trotz hielt nicht lange an und ein sanftmütiger Blick manifestierte sich in seinen Augen als er ihren Tanz einfach nur betrachtete. Melodisch hauchend formte er leise den Gesang den keiner an die Natur richten konnte, wie es seinem Volk zu eigen war.

Du bist anderer Meinung. Ich sollte hier verweilen, nicht wahr?


Als Dank für seine Erkenntnis, vollführte die Wassergestalt eine ausladende Pirouette und ergoß sich dabei wieder in einem Regenguß über ihn. Er kam nicht umhin zu lachen, als er sich, nun rückseitig, wie vorderseitig, feucht auf das Gras niederließ. Einen gesamten Zyklus lang - in Helligkeit, in Dunkelheit - saß er da und betrachtete die sanft wogende Gestalt in ihrem Tanz. Khalebs Hauch zerstreute ihr feuchtes Haar und sie schien sich dem Wind vollkommen hinzugeben. Eine jede Böe wurde angenommen wie die galante Hand eines Tanzpartners. Sie wand sich. Sie drehte sich. Sie sprang und schien plätschernd zu jauchzen.

Er hörte das fröhliche Plätschern. Das Rauschen der Blätter, als Khaleb durch die umliegenden Bäume strich. Das Pfeifen des Windes, als er sich durch enge Ritzen und Spalten begab. Der erdige Geruch von Tevras Reich stieg ihm in die Nase.

Er ließ sich nach hinten fallen. Die Wiese kitzelte seine nackten Arme. Die Sterne funkelten. Lyrenn zeigte nur noch schemenhaft sein goldenes Antlitz. Bald würde Schnee fallen. Das einzig sichtbare Zugeständnis zwischen Maquira und Morsan.

Er drehte sich zur Seite und betrachtete die Wasseroberfläche. Ajasendalla richtete sein wachsames Auge auf das reflektierende Nass. Liebe erfüllte ihn, als er sich an die Worte, die er unlängst aussprach, erinnerte.

"..wunderschön, wie das Antlitz des Mondes, das sich im Wasser widerspiegelt.." Ein Lachen, das nicht von ihm stammte, folgte. Sein Herz schwoll an vor Glückseligkeit als er es in seinem Geiste wieder hervorrief.


Immer mehr drangen Tendarions Gedanken in den Hintergrund. Er ließ einzig und allein seine Gefühle zu. Positive Gefühle. Einen ganzen Tag lag er unbewegt an dem Flussufer und ergab sich ganz sich selbst. Er spürte die Ruhe, die in ihm einkehrte. Er spürte die Liebe in seinem Herzen, die alles, was seinen Geist beschäftigte, unwiderruflich verdrängen konnte. Erst jetzt spürte er, dass er der Herrin näher gekommen war. Erst jetzt spürte er, wie viel Stärke und Zuversicht in seinem Herzen zu finden war. Volle drei Tage lang stellte er jeden Gedanken ein.

Er war nicht Tendarion.

Er war kein Elf.

Er war.

Und er wird wieder sein.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 17.11.15, 13:53 
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Sanft glitt seine Hand durch das Haar der neben ihm liegenden Person. Der ruhige Atem, das entspannte Gesicht, diese vollkommene Vertrautheit - Tendarion wusste all jenes über alle Maße zu schätzen. Man wusste, dass es in der Anwesenheit Tendarions nicht zu befürchten galt. Dass Tendarion nichts tun würde, dass einem einen unruhigen Schlaf bescheren musste.

Doch das verminderte Schlafbedürfnis des Elfen, zusammen mit den Gedanken, die ihn stets erfüllten, sorgten auch diese Nacht dafür, dass es ihn nicht lange im Bett hielt. So stand er auf, als er sich sicher war, dass der Schlaf der Person, die sein Herz so sehr gefangen hielt, ungestört blieb und setzte sich an den Schreibtisch. Er hatte bisher nicht gewagt das Büro zu benutzen. Auch wenn er schon länger dort willkommen war, hatte er noch die Beklemmungen, die einen jeden verfolgten, wenn sie sich noch nicht ganz zu Hause fühlten.

Er nahm einen Packen unbeschriebener Pergamente aus der Schublade - die vollgeschriebenen Pergamente wollte er nicht ansehen. Zu groß war die Angst Dinge zu lesen, die ihn daran erinnerten, dass Tendarion nur ein Teil des Herzens des anderen war. Sein Herz wurde schwer und er schloss die Augen. Es war keine Eifersucht. Eifersucht hätte bedeutet, dass er all den anderen nicht gönnte, ein Teil dessen zu sein. Viel mehr war es die Tatsache, dass Tendarions Liebe ewig sein würde, während die Zeit die er diese Liebe ausleben durfte nur ein Bruchteil dessen sein wird, was er bereits an Leben hinter sich brachte und aller Voraussicht nach ein verschwindend geringer Zeitraum sein wird, in dem Leben das ihm bevorstand. Die Schwere die seinen Bauch erfüllte, ließ eine gewisse Übelkeit in seinen Hals steigen und manifestierte sich als fester Kloß in seinem Hals, der im Mühe bereitete zu schlucken, zu atmen. Mit zitternder Hand strich er sein langes Haar zurück und er atmete tief durch. Er durfte sich den Gedanken nicht ergeben. Die Liebe die er fühlte, erhellte die dunklen Schatten, die diese Situation verdunkelte.

Die Augen schließend lehnte er sich zurück und ergab sich seinen Gedanken. Er dachte an seine Familie - die die er bereits hatte, als er auf die Insel kam und die die er auf der Insel dazu gewonnen hatte.

Wie konnte er es wagen überhaupt an das Leid, das er fühlte, zu denken, wo es jene gab, die nicht einmal erklären konnten, was eine Familie war? Der neuste Bruder in seiner Familie, Sevis, war ein armes Geschöpf. Überforderung mit seinen eigenen Gefühlen und tiefes Leid saß in seinem wachen Blick. Tendarion konnte erahnen woher dieses Leid kam. Vernachlässigung und Ausnutzung. Womöglich noch weiteres Leid, das ihm unter diesem Hintergrund zusätzlich zugefügt wurde oder er sich selbst zugefügt hatte, da er der Meinung war er hätte es nicht anders verdient.

Die Augen öffnend blickte er auf die leeren Seiten Pergament. Sevis hat eine Familie gefunden, so wie auch er. Ein leichtes Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als er die Schreibfeder aufnahm und die Spitze vorsichtig in die Tinte tauchte, ehe er sie abstreifte und im geschwungen Auriel einen Monolog an seine Familie verfasste.

Zitat:
Meine geliebte Mutter,

so meine Liebe zu Dir unverändert ist, schreibt doch ein anderer Sohn dir, als der, der dir vor wenigen Monden schrieb.

Viel ist geschehen. Freude und Leid gleichermaßen. Doch ich lebe, ich bin unversehrt und dennoch ist mein Leben nicht mehr das, was es war. Mein Dienst an der Herrin Vitama erfüllt mein ganzes Sein und die Herrin selbst eröffnete mir, dass auch sie der Meinung ist, dass ich seit jeher ein Diener ihrerselbst war und bin. Nicht lange ist es her, dass man mich in den Rang eines Novizen erhob und es erfüllt mich mit Glück das Band, das Herzen zueinander führen wird, an meinem Handgelenk nun tragen zu dürfen.

Doch erfüllt auch mein Herz andere Dinge. So wie ich innerhalb der Kirche nun eine Familie fand, fand auch eine bestimmte Person in meinem Herzen Einzug. Gerne würde ich an dieser Stelle schreiben, dass Vater nicht davon erfahren soll, doch würde es mir mein Herz erschweren, wenn du ihm diesen Brief deshalb vorenthalten müsstest. Da du dich nun zurecht wunderst, warum ich überhaupt darüber nachdenke, ein Geheimnis darum machen zu wollen, so wird sich dir sogleich erschließen, warum es so ist. Ein Mensch hat mein Herz eingenommen und will es nicht mehr loslassen. Die Herrin selbst scheint dem wohlgesonnen, denn diese Liebe wird erwidert. Du kannst dir jedoch denken, was, aufgrund Vaters mahnender Worte, ich nun empfinde. Denn ich sehe nun was es bedeutet. Welche Tragweite es hat. Und doch will ich es als das Geschenk annehmen, das die Herrin uns gab. Ich wünschte dennoch deine Trost spendenden Worte würden an mein Ohr dringen, denn so sehr ich liebe, so sehr leide ich auch. Doch ist mir auch bewusst, dass ich dies mit mir selbst und der Herrin ausmachen muss. Aber keinen Moment habe ich bisher bereut ihn getroffen zu haben und ich werde auch weiter an seiner Seite weilen und sein Andenken in meinem Herzen weitertragen, wenn die kurze Zeit, die uns vergönnt ist, vorbei sein wird.

Die allgemeine Situation auf der Insel ist nicht minder zu beschreiben, als dass hier Krieg herrscht. Cortan und die Diener des Einen sind eine tägliche Bedrohung und Verluste sind mittlerweile auf beiden Seiten zahlreich. Doch die Götter sind mit uns. Sie zeigen eine Präsenz auf der Insel, wie sie auf dem Festland kaum vorherrschte. Kleine und große Wunder stärken nicht nur den Glauben der Diener der Götter, denn sie zeigen sich auch in Präsenz der rechtgläubigen und andersgläubigen.

Die politische Situation hat sich, trotz des Krieges und der stetigen Kämpfe und Schlachten, die Zyklus um Zyklus gefochten werden müssen, ebenso gewandelt. Der Baron reiste vor nur wenigen Tagesläufen ab und ein Kanzler wurde eingesetzt. Erynnion Comari, ein Magier des Grauen Pfades. So er zu anfangs in mir nur eine Aufgabe sah, den neuen Diener der Mutter zu beobachten, entwickelte sich eine innige Freundschaft, die von vertrauter Ehrlichkeit, einer mir ungewohnten Leichtigkeit und einem humorvollen Biss durchwirkt ist. Auch wenn er sich nun in anderen Kreisen aufhält und sein Wirken sich nun auf einer Ebene abspielt, die der meinen fern ist, bin ich nach wie vor an seiner Seite und helfe ihm, wie es mir möglich ist. Denn gerade jetzt benötigt er denjenigen, der ihm unabhängig seines Standes unverblümten Rat und Tadel gewährt. Eine Sache, die dich gewiss ein wenig erheitern wird, meine geliebte Mutter.

So ich derjenige war, der stets Rat und Trost benötigte, so war mir nicht aufgefallen bisher, wie viel ich durch dich lernte. Alle Worte, die du an mich gerichtet hast. Als du mich ermahnt hast, mich herausgefordert hast, bis ich in Tränen verging, da ich mich allein gelassen und verraten fühlte. All das hat mich die Stärke gelehrt, von der ich nicht wusste, dass ich sie besitze. Auch wenn ich nun verstehen kann, wie schwer es um dein Herz gewesen sein musste, immer und immer wieder mich derart zu nötigen, dass ich über meine Tränen hinwegsehen konnte und schließlich selbst erkenne, dass nicht du es bist der mich tröstet, sondern ich selbst es bin, der durch deine mahnenden Worte Einsicht gewonnen hatte. Diese Erkenntnis ließ mich, ehe die Herrin mich in ihre Gunst aufnahm, zunächst zaudern. War ich den richtigen Weg gegangen? Sollte ich der Mutter dienen, wie ich es bisher glaubte zu tun? Oder war ich mehr dem Herrn Astrael zugewandt? Du weißt, dass ich immer gerne alleine war, mich in den Büchern vergrub, während andere sich mit den schönen Dingen des Lebens abgaben. Daran hat sich rein gar nichts geändert. Ich würde gar behaupten, dass es durchaus noch ausgeprägter als zuvor ist. Der Einfluss des Hochgeweihten Astraels, nun vom Herrn Astrael möglicherweise zum Erzgeweihten berufen, hat mir jene Gedankengänge kaum leichter gemacht. Doch habe ich in meinem Studium über die Kirche, die Inquisiton und über die Dämonen vieles gelernt, das mich so sehr abschreckte, weswegen ich meinen Pfad nun klar und unabdingbar sehen kann. Ich bin kein Mann der Schriften und des Rechts, auch wenn Feste und Musik mir auch nicht zu eigen sind. Ich habe gelernt, dass ich nicht jeden Aspekt der heiligen Mutter erfüllen musste um ihr ein Diener zu sein, der auch Ihr gefällt.

Ich muss nun selbst lächeln, als ich diese Zeilen überfliege, denn ich merke, wie sehr ich mich und sich mein Denken veränderte. So ich im letzten Brief nur an dich schrieb, Mutter, möchte ich meine Worte nun auch an Vater und meine Schwestern richten.

Geliebter Vater,

ich möchte um Verzeihung bitten. Nicht, weil unser Verhältnis nie so innig war, wie das, das ich mit Mutter pflegte, sondern, weil ich dir die Schuld für all jenes gab, das mich belastete. Du hattest recht. Du hattest immer recht.

Ich habe mehr Zeit benötigt, als du es dir gewünscht hast, aber ich habe meinen Weg schon lange beschritten, bevor ich es selbst bemerkte. Möglicherweise kann ich an dieser Stelle sagen, dass auch du es hättest sehen können, denn du wusstest durch Mutter und meine geliebte Schwester Dùlindwen, dass die Wege der Herrin sehr unterschiedlich sein können. Du sahst in mir einen Träumer, der keine Eigenverantwortung übernehmen wollte. Ich sah in dir einen Mann, der darunter litt, dass sein einziger Sohn mehr seiner Mutter zugewandt war. Du wünschtest dir, dass ich so bin wie meine Schwestern, weil du im Herzen weißt, dass meine Mutter nicht so sehr darunter gelitten hätte, wie du es tust. Doch, Vater, wisse, dass ich dich immer liebte und achtete, wie ein Sohn einen Vater achten kann. Ich werde nie den Weg gehen, den du als richtig erachtest, aber ich kann dir aus tiefstem Herze sagen, dass ich meinen eigenen Weg aus Überzeugung beschreite. Ich setze mein ganzes Sein ein um diese Überzeugung zu verteidigen.

Ich sehe dem Feind hier ins Auge. Mir wurde seine Waffe Angesicht zu Angesicht entgegengehalten. Ich sah Dämonen, Wiederkehrer, Geweihte des Einen. Ich hätte gehen können. Die Insel verlassen und wieder zu euch zurückkehren und den herkömmlichen, sanften Weg, fernab von Kampf, gehen können. Doch weiß ich, dass auch auf dem Festland die Situation mittlerweile nicht besser ist. Ich bete für dich und Tarawen, euch, die ihr vorne im Kampf stehen werdet, während Mutter und meine andere Schwester um euch bangen. Dein Schwert wird auf dem Festland einen Unterschied machen, wie auch meine Worte und meine heilenden Hände einen Unterschied hier auf der Insel machen werden. Wir beide sind Krieger, auch wenn es mir erst hier bewusst wurde.

Meine Verbissenheit und die Gewissheit, das einzig richtige zu tun, Vater, das habe ich einzig und allein von dir. Und dafür Danke ich dir vom ganzen Herzen.

Meine geliebten Schwestern Tarawen und Dùlindwen,

jeden Tag bete ich für euer Wohlergehen, jeden Tag erheitere ich mich an den Dingen, die wir zusammen erlebten.

So ernst du immer warst, Tarawen, so sehr du auch immer zu Vater aufgesehen hast und nicht verstanden hast, dass ich Mutter so sehr zugeneigt war, so sehr habe ich dich immer für deine gewissenhafte Geradlinigkeit und deine Stärke bewundert. Auch wenn du es ungern zugibst, und es wohl abstreiten wirst, nachdem unsere Schwester und unsere Eltern diese Zeilen gelesen haben, will ich mich bei dir ganz besonders dafür bedanken, dass du mich in der Nacht in dein Bett eingelassen hast, wenn mich wieder ein Traum quälte. Dank dir, weiß ich, die körperliche Näher anderer so sehr zu schätzen. Gräme dich nicht, dass es oftmals so aussah, dass ich unsere Schwester bevorzugte. Denn keinen Moment in meinem Leben, war dies der Fall. So ich mein Lächeln nach außen hin mehr Richtung Dùlindwen richtete, so warst du es, die ich beobachtete, wenn du mit Vater den Schwertkampf übtest. Du hast es gespürt, das weiß ich, doch wohl nie gewusst, dass ich mir stets wünschte, so zu sein wie du.

Dùlindwen, hier auf der Insel gibt es eine junge Menschenfrau, mit dem ungewöhnlichen Namen Zwilfy. Du und sie, ihr wäret wohl der Schrecken Draconis geworden. Wo du stets für Scherze aufgelegt bist und dich doch in Zurückhaltung geübt hast, so wäre Zwilfy die treibende Kraft, die dich dazu überredet hätte, deine kreativen Ideen umzusetzen. Bei der Herrin, bin ich froh, dass sie euch beiden nicht zusammenführte. Ich würde mich meiner Haut nicht erwehren können! Doch bin ich glücklich darüber Zwilfy hier zu wissen, denn sie zaubert mir ebenso ein Lächeln auf meine Lippen und in mein Herz, wie du es stets konntest. So viel habe ich von dir gelernt, deine Gründlichkeit und deine Hingabe in der Sorge um andere habe ich von dir und Mutter aufgesogen und versuche sie mit vollstem Herzen hier auf der Insel weiterzugeben. So uns fast hundert Götterläufe im Alter trennen, so gleichen wir uns in unserem Gemüt wie kein Fey dem anderen.

Sorgt euch alle nicht um mich, meine geliebte Familie, die Herrin ist bei mir, so wie sie auch über euch wacht.

Meine Herz und meine Gedanken sind bei euch,

Tendarion


Schnell wischte der Elf den Tropfen der neben seinem Namen auf das Pergament herabging weg. Sie würden wissen, dass dies ein Abschiedsbrief ist. Aber gleichsam war ihm bewusst, dass er sie nie wieder sehen würde. Sei es, weil er starb, weil sie starben - oder weil ihre Wege nicht mehr zueinander finden werden. Es war das Bewusstsein des Vergänglichen, das Elfen noch nicht so früh heimsuchen sollte, wie es bei ihm der Fall war. Er richtet sich auf und beließ den Brief offen auf dem Schreibtisch liegen. Er brachte es nicht über das Herz noch einmal darüber zu lesen, ehe er ihn abschickte. Es war ihm einerlei ob er von ihm gelesen werden konnte, oder nicht. Tendarion hatte nichts zu verbergen.

Er schmiegte sich an den schlafenden Körper und ergab sich neben lautloser Tränen nach nur kurzen Momenten selbst Lifnas Segen..


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 20.11.15, 17:41 
Edelbürger
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"Ich habe das Gefühl, dass Euer Lächeln nicht aufrichtig ist."


Ein wenig erstaunt war Tendarion schon. Wirkte er so unaufrichtig auf andere? Wurde seine Art, wie er sein Umfeld behandelte als Anbiederung zumeist verstanden?

Er dachte nur wenig darüber nach. Für ihn war es selbstverständlich zu fragen ob jemand etwas benötigte. Es war beruhigend zu wissen, wie er das Wohlbefinden seines Umfelds steigern konnte. Wie Custodias seinen Rotwein unaufgefordert bekam. Wie Halgrim sein Bier bekam. Wie Erynnion seinen Tee bekam. Ihm war es tatsächlich wichtig sich nicht über solche Nichtigkeiten unterhalten zu müssen. Eine kleine Tat für ihn. Ein zufriedenes Lächeln von der anderen Seite. Was bedarf es mehr bei solcherlei Selbstverständlichkeiten? Tendarion fand es eher unverständlich, dass man sich mehr Gedanken darum machte, als der Moment es erforderte.

Die Viere schenkten das Leben und das Bedürfnis dieses zu erhalten. Wie das so offensichtliche wie Essen und Trinken von vielen nicht als Teil der körperlichen Gesundheit verstanden werden konnte, entzog sich dem Elfen. Wie viele Krankheiten waren die Menschen ausgesetzt nur weil sie falsch oder zu wenig aßen? Wie oft beklagten sie sich über Kopfschmerzen, nur weil sie zu wenig tranken? Wie oft waren sie krank, weil sie nicht warm genug gekleidet waren? Er machte es für alle Heiler auf der Insel lediglich ein wenig einfacher, wenn er auf das Wohlergehen anderer so sehr achtete. Wunden durch Waffen, Bestien und Unachtsamkeit hervorgerufen konnte er nicht verhindern. Doch viele Krankheiten wusste er zu beseitigen, ehe sie überhaupt entstehen konnten.

Er lächelte viel. Versuchte Zuversicht auszustrahlen, selbst wenn es ihm in seinem Innersten elend war.


Wie gerne hätte er nach seinem Bruder gesucht, der sich von ihm verabschieden wollte. So gerne noch einmal seine Stimme gehört, das Gesicht betrachtet, um sich zu vergewissern, dass er sein Antlitz auf immerdar im Gedanken und Herzen bewahren konnte.

Doch Rodrik war wieder seiner Todessehnsucht erlegen.

Nie hatte Tendarion jemanden erlebt, der sich systematisch so selbst zerlegte, indem er sich bei jeder Gelegenheit, die einen mehr oder minder gewissen Tod mit sich bringen könnte, Galtor mit ausgebreiteten Armen entgegenstellte. Manchesmal hatte er das Gefühl, dass Rodrik einzig und allein Morsans Gericht entgegensehnte, als dass er tatsächlich etwas auf Tare bewirken wollte. Es war frustrierend mit anzusehen, wie er Vitama und das Geschenk des Lebens und der Gesundheit stets mit Füßen trat. Als reichte es nicht, dass soviele ihr Leben ließen. Sollten sich nun gar die Diener der Kirche sinnlos opfern, wenn nicht einmal sicher waren, dass das Opfer einen Nutzen hatte? Sorge erfüllte sein Herz, wenn er an seinen Bruder in Bellum dachte. Aber er wusste, dass seine Worte auf taube Ohren stießen.

Er wünschte nur, dass Rodrik erkennen könnte, dass er mehr Hilfe für sich und andere wäre, wenn er seine Sturheit dazu nutzen würde um zu überleben und andere nachhaltig zu schützen und nicht den stetigen Kampf auf Leben und Tod zu suchen. Aber so unterschieden sich die Wege des Kampfes und den Erhaltens von Leben. Es wird nie eine Übereinkunft geben. Also würde Tendarion weiterhin lächelnd seinen Dienst vollrichten. Denn warum sollte er in Angesicht jener, die sich sebstzerstören noch selbst ein Zeichen der Mutlosigkeit und des Unlebenswillen sein?

~~~

Er betrat das Schlafzimmer und sah zu der Gestalt auf dem Bett. Ein Lächeln breitete sich unwillig auf seinen Lippen auf.

Tendarion hatte dennoch genügend Gründe aufrichtig glücklich zu sein.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 22.11.15, 13:17 
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Er stellte auf das Nachtkästchen, das nicht seiner Seite zugewandt war, einen Becher des frisch gekochten Tees ab, ehe er sich mit seinem eigenen Tee wieder auf das Bett begab. Seinen Rücken gegen das Kopfteil des Bettes gelehnt beobachtete er den Schlaf des anderen und nippte von seinem Becher. Eine Welle eines ihm undefinierbaren und gleichsam unbekannten Gefühls durchzog seinen ganzen Leib und er kam nicht umhin ein wenig aufzuschmunzeln.

Aber ebenso wie du Grenzen ziehen darfst... tue ich das... und ich habe noch keine Grenze endgültig gezogen.


Wie immer war er in seiner Nachdenklichkeit und seinem Mitteilungsbedürfnis auch hier wieder auf sanften Widerstand gestoßen. Doch war es tatsächlich so, dass er deutlich machen musste, dass auch Tendarion nicht immer nur selbstlos sein konnte. Dass er selbst nicht vergessen sollte, dass auch er Bedürfnisse hatte. Auch wenn es in diesem Fall nicht um ihn ging. Dafür reichte sein Egoismus nicht, so sehr auf etwas zu beharren, das nur zur Erfüllung seiner selbst galt. In seinen Augen war es genau das, was das andere Herz zur Heilung brauchte. Tendarion wollte eine frische Wunde zu schaffen, bei der er die Möglichkeit hatte sie angemessen zu behandeln. Um diese Gelegenheit zu bekommen, musste er allerdings alles einsetzen, was er geben konnte, ohne sich ganz selbst zu verlieren.

Wie sollte er weiter vorgehen? Schweigen und darauf hoffen, dass sein Schweigen nicht als Resignation betrachtet wird? Es immer und immer wieder ansprechen, mit der Befürchtung, dass der andere sich vollständig zurückzieht?

Wieder nahm er einen Schluck vom Tee und er richtete sich auf um ans Fenster zu gehen.

In letzter Zeit häuften sich die Gespräche die seine Aufrichtigkeit in Frage stellten. Sollte er tatsächlich nun dazu übergehen nur noch frei zu sprechen, wenn er dazu aufgefordert wurde? Sollte er auch eine Maske tragen, die jedoch aus Fleisch und Blut bestand; seine Mimik in stoischer Ruhe übend? Doch wie sollte man jemanden Vertrauen schenken, der selbst kein Vertrauen entgegenbrachte, indem er nicht mehr offen und ehrlich zeigte was er fühlte? Ihm war bewusst, dass er den Weg des Herrn Astrael einfacher und selbstbewusster beschreiten könnte. Seine persönlichen Interessen würden auf diesem Weg erfüllt. Er hatte auch mittlerweile verstanden, dass er nicht die selben Handlungen vollführen musste, die selben Worte sprechen musste, wie es andere taten nur um seinen Weg zu folgen. Doch wie er es drehte und wendete: Er war ein Heiler. Er war ein Behüter. Er hatte keine persönlichen Ambitionen. Seine Erfüllung fand er darin, etwas zu erschaffen oder zu lernen, das anderen zu Gute kam.

Wie erstaunt war er doch, dass selbst Galdiell von Unsicherheiten geplagt war. Er bewunderte ihre Art, die so unbekümmert schien. Sie war wie Zwilfy jemand, in deren Gegenwart man nicht betrübt oder allzu ernst bleiben konnte. Selbst schwere Themen erfüllte sie mit einer herzlichen Leichtigkeit, die jedoch keinerlei Zweifel daran erschufen, dass sie es auch ernst genug nahm. In seinen Augen war Galdiell all jenes, was in einer Dienerin der Mutter zu erwarten war. Alles, was das Volk sich wünschte. All das, was er nicht geben konnte, da er einfach so anders war. Seine Gedanken waren so astraelblau gefärbt, wie sein Herz in den Farben der Herrin durchwirkt war. Und er wusste, dass seine Entscheidung, Custodias als sein Vorbild - seinen Mentor - zu achten, nichts daran ändern wird, dass auch seine Gedanken von der unbesorgten Gutherzigkeit, die Galdiell so leichtumhin in sich zu tragen schien, durchwirkt werden konnten.

So viele um ihn herum waren im Begriff sich zu wandeln. Ihren Pfad zu suchen. Wie viele Gespräche führte er, die aus Unsicherheit schürten? Unsicherheiten die selbst die seinigen zu überschatten schienen.

Enoah Adorne war eine ungewöhnliche Begegnung. Der Elf war erstaunt über die resignierte Bescheidenheit die er Tendarion entgegenbrachte. Einerseits schien er bekümmert zu sein um das was um ihn herum geschah. Andererseits hätte er nicht mehr Teilnahmslosigkeit ausstrahlen können, wie er es mit seiner Mimik und seinen Worten tat. Waren jene Regungen in seinen Gesicht gestellt? Oder war diese angedeutete Verwunderung, die der Elf in ihm zu sehen glaubte ein Zeichen dafür, dass die Worte Tendarions tatsächlich etwas bewirkten in seinem Gegenüber? Er wusste es nicht, doch war sein Interesse an dem Mann, den er so viele Male sah, namenlos und ohne jede Bindung, entfacht worden. Enoahs ruhige Art und seine schneidend herausfordernden Worte und Anschuldigungen waren für Tendarion etwas begehrenswertes. Dinge die er auch in Custodias stets zu finden suchte.

Nachdem sein Tee ausgetrunken war, kleidete er sich an und beobachtete dabei den noch so sehr vom Schlaf eingenommenen. Wie gerne würde Tendarion hier verbleiben. Nur noch eine kleine Weile. Doch das Hospital war zu versorgen, die Vorräte im Lager am Wall zu prüfen und aufzustocken, das Brot und natürlich die Kekse für den heutigen Tag mussten gebacken werden. Und er musste sich auf heute Abend vorbereiten.

Wie gerne würde er mit Erynnion zuvor einen Tee genießen. Ein angenehmes Gespräch, das sie beide bisher sonst immer so sehr suchten, mit ihm genießen. Er vermisste seinen Gefährten. Er hätte die Wahl sich an seine Seite zu begeben. Ihm nahe zu sein. Doch was würde es mit sich bringen? Es würde dazu führen, dass der Elf nicht mehr als ein Diener der Mutter gesehen wurde, sondern würde er, wie es Enoah so treffend überspitzt darstellte, als engster Vertrauter des Kanzlers gesehen werde, der nur in seinem Ansinnen handeln würde. Neutralität in allen Belangen, die der Mutter gerecht wurden, war seine oberste Prämisse. Es gab kein sterbliches Wesen, das über das andere gestellt wurde. Weder er selbst; weder seine Familie, noch seine Liebsten und Freunde.

Sie waren alle gleichwertig in seinen Augen. Tadel und Kritik waren einem Erzgeweihten ebenso vergönnt, wie eine liebevolle Umarmung einem, vom rechten Weg abkömmlichen, vergönnt war.

~~~

Tendarion lächelte sachte auf. Wie ruhig und zielgerichtet seine Gedanken waren. Wie froh ihm um sein Herz war. Die Wärme die er spürte. Er war so ausgeglichen wie noch nie in seinem Leben.

Es ist ohne jeden Zweifel ein Geschenk der Mutter..


Ein letzter Blick zur schlafenden Gestalt und mit einem zufriedenwirkenden Schmunzeln begab er sich leise summend in das Hospital.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 23.11.15, 18:00 
Edelbürger
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Sie ist ein Miststück.


Erst Erynnions und Adhemars ungläubige Blicke machten Tendarion deutlich, mit welchem Groll er diese Worte von sich gab. Er entsann sich auf die letzten Götterläufe zurück und es war ihm nicht möglich zu ergründen, ob er jenes Wort schon jemals selbst über jemanden dachte oder sagte.
~~~


Sein Körper schien vor Schmerz und Blutverlust zu vergehen. Aus seiner Bewusstlosigkeit gequält, schleppte er sich mit Hilfe der Zügel, die an seinem verschreckten und widerspenstigen Pferd im Geschirr festgemacht waren, voran. Das Pferd wollte ausbrechen. Geifer troff die Nüstern herab. Die Augen des Hengstes drehten sich panisch und gequält. Einzig und allein die leisen Worte in Auriel, die Tendarion gequält, doch so sanft und liebevoll, von sich gab schienen es zu ermöglichen, das Pferd als Stütze, als Begleiter, als Lebensrettung, bei sich zu halten. Der Troll, der ihm die Axt gegen den Arm schmetterte und ihn so aus dem Sattel warf brüllte lautstark und so überirdisch gequält und unnatürlich, hinter ihm. Der Boden vibrierte unter den festen Schritten.

Gehetzt sah Tendarion hinter sich, als die Axt abermals nach ihm schlug, wohl darauf bedacht seinen Schädel zu spalten. Einzig und allein ein Stein, der auf seinem Fluchtweg lag, war seine Rettung. Mit einem erschreckten Schrei fiel er voran, ließ die Zügel los - das Pferd preschte sogleich los - und die Axt verfehlte seinen Kopf und wuchtete sich stattdessen ins Erdreich. Doch riss die schartige, spitze Seite des Axtblatts eine tiefe Wunde in seine Wade und mit einem schmerzerfüllten Wimmern kam der Elf bäuchlings auf. Einzig und allein die Tatsache, dass der willenlose Troll, der sein Leben schon lange verwirkt hatte, doch sich noch fortbewegen konnte, keinerlei eigene Ambitionen hatte sicher zu gehen, dass Tendarion tot war, ließ das Unwesen stattdessen dem bewegten Ziel hinterherjagen: Dem davonpreschenden Pferd.

Wieder näher an der Bewusstlosigkeit, als unter den Wachen, blieb Tendarion liegen. Einige Momente? Zyklen? Tage? Er wusste es nicht.

Guntram.

Der einzige Gedanke der ihn immer wieder aus seiner aufkeimenden Ohnmacht herausholte. Wo war er? Was ist mit ihm geschehen? Hat der Troll ihn gefunden? Die Dämonen? Tendarion kroch zu der Palisade und zerrte sich an ihr hoch. Seine Finger fingen einige Holzsplitter ein. Doch spielte es keine Rolle. Sein ganzer Körper war ein Hort der Schmerzen und der Unempfindlichkeit zugleich. Er musste ihn finden. Auf Hilfe durfte er hier draußen nicht hoffen. Und die Wahrscheinlichkeit dass er lebend nach Falkensee oder zur Burg Schwingenwacht kam, war äußert gering. Das offene Fleisch an seinem Arm ließ Blut hervorquellen, als er sich so krampfhaft an der Palisade fortbewegte. Das Auftreten mit dem verletzten Bein erfüllte ihn mit nie dagewesenen Schmerz.

Eine blaue verdreckte Robe. Blut. Fesseln um die Arme. Tendarion erblickte schemenhaft - seine Augen tränten vor Schmerz und Angst - eine schwarzgewandete schmale Gestalt. Erst leise elfische Worte, dann etwas lautere Worte auf Galad entkamen ihn. Sie drangen nicht an seine eigenen Ohren, zu übermannt waren seine Sinne, doch als Antwort trat die Gestalt auf Guntram ein.

Mit einem Mal kehrte Stille in Tendarions Herzen und Gedanken ein.

Nie und nimmer würde er es zulassen, dass ein wehrloser Mann, Mensch, Geschöpf in seiner Anwesenheit so behandelt würde. Er kam näher, seine Schmerzen waren einem dumpfen Hintergrundgefühl gewichen. In seinem Herzen loderte es.

Meine Taten sind belanglos. Ersetzbar. Ich bin ersetzbar. Er hingegen wurde vom Herrn Astrael selbst erwählt. Er hat die Möglichkeit und Macht etwas auf der Insel zu bewirken. Was ist mein Leben wert, wenn ein so hoher Diener der Götter vor mir vergeht? Leben schützen, ist mein einziges Ziel. Und so ich es nicht mit meinen Händen vermag, will ich mein eigenes Leben dafür einsetzen. Er ist wichtiger für das Allgemeinwohl. Er ist wichtiger.


Groll tobte in ihm und wollte sich entladen. Er hörte Erynnions Stimme. Seine Wut verkroch sich wieder an diesen Ort, den er noch nie zuvor zu betreten wagte. Er würde nicht von ihr übermannt werden, doch spürte er, dass sie lauernd am Rande seiner Wahrnehmung verharrte.


~~~

Mit einem Packen Pergamente lag er in einem Kissenberg im Vitamaschrein.

Die Schmerzen waren einem unangenehmen, aber erträglichen Kribbeln gewichen. Durch die Hilfe Marions, die die Wunden reinigte und verband und des Magiers, der seine Wunden zu einer schnelleren Heilung anregte, war es dem Elfen möglich in seiner still verharrenden Position seine eigene, ihm angeborene Gabe Astraels, auf jene Wunden zu lenken. Gebete an die Herrin Vitama folgten in regelmäßigen Abständen, auf dass sie Guntram und ihm die benötigte Kraft schenkte die Wunden schnell und problemlos überstehen zu können. Viel schneller würden sie vermutlich nicht verheilen dadurch, doch wusste er, dass er sich darauf verlassen konnte, dass die Wunden problemlos heilen würden.

Seine Zwangspause führte dazu, dass er sich dem blauen Fleck in seinem Geiste widmen konnte. Doch wagte er es nicht seine eigentlichen Studien im Schrein der Mutter fortzuführen. Nein, er würde sich mit einem ihr gefälligen Thema beschäftigen. Tendarion schlug das Buch auf, das er vor einige Monden verfasste und begann schließlich mit der Schreibfeder auf einem der Pergamente zu schreiben. Er dachte daran, dass er sich am liebsten für einige Tage in den Armen seines Vertrauten zurückziehen wollen würde. Aber es war gut, dass ihm seine auferzwungene Ruhe die Möglichkeit gab seine lauernde Wut im Herzen mit geistiger Herausforderung zu dimmen.

So blau wie die Tinte war, so blau wie sein Geist war, so weinrot waren die Worte, die das Pergament und sein Herz erfüllten.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 25.11.15, 12:02 
Edelbürger
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Mit steifen Gliedern richtete er sich aus dem Thron in der Bibliothek auf. War er tatsächlich im Gespräch mit Fyonn eingeschlafen? Er benötigte viel Ruhe, da er seit einigen Tagen seine gesamten im innewohnenden arkanen Kräfte nur auf seine Heilung konzentrierte. Er fühlte sich körperlich so schwach, wie er sich noch in seinem Leben fühlte. Eine kleine Anstrengung die über einen kurzen Spaziergang über das Tempelgelände hinausging, war eine schier unüberwindbare körperliche Aufgabe. Doch er merkte, dass die Wunden sich allmählich verbesserten. Er würde am morgigen Tage wieder über einen längeren Zeitraum stehen können, ohne dass die Schwäche ihn dazu antrieb, sich setzen zu müssen.

Ein Blick auf den Tisch lenkte sein Augenmerk auf eine Nachricht. Nachdenklich strich der Elf mit seiner noch vom Schlaf erfüllten Miene sein Haar zurück. Er benötigte dringend ein Bad.

Sein verletztes Bein aus dem Wasser haltend legte er sich schließlich in das warme Nass, seinen Rücken und seinen Hinterkopf auf der Wasseroberfläche treiben lassend, starrte er an die Decke und ergab sich seinen Gedanken..

~~~

Verrat.

Es war das erste Wort, das Tendarion in den Sinn kam. Fühlte sich so Verrat an? Oder fühlte er sich gekränkt?

So viele Abende, Nächte und so viele offene Worte. Alles gesprochen nur um weitergegeben zu werden. Guntram machte sich stets über den Elfen lustig, wenn er zugab naiv zu sein. Widersprach dem und amüsierte sich darüber. Aber diese Situation bewies, wie naiv er tatsächlich war.

Er war nicht willens sich in das politische Machtgefüge einzugliedern. Weder kirchlich noch weltlich. So hat man dafür gesorgt, dass seine Situation instrumentalisiert wurde. Ausgeliefert und zwischen den Stühlen stehend.

Es war wie in Draconis. Er fühlte sich der Gemeinschaft der Fey ausgegliedert, da er nicht die selben Interessen hegte und demnach als sonderlich unter den anderen jungen Fey wahrgenommen wurde. Er fühlte sich bei den Menschen wohler, doch die Blicke die zwischen Unsicherheit, unverhohlener Ablehnung und schierer Anbetung von ihnen ausgingen, waren ebenso einschüchternd. Es war nichts, was er mit seiner Art und seinen Taten beeinflussen konnte. Lediglich ein Teil des Erwachsenwerdens und der Selbstfindung. Diese Zeit verging unter den Menschen natürlich viel schneller und er wünschte sich oftmals in seinen Zeiten der Unsicherheit, dass auch er so schnell durch das Leben finden könnte, wie die Menschen es taten.

So viele sagten ihm, er solle sich öffnen. Seine Gedanken und sein Leid teilen. Doch warum nutzten sie es dann gegen ihn? Warum missbrauchten sie das Vertrauen, dass er so mühsam aufbauen musste? Weshalb waren sie nicht so wie er? Er, der ihn nicht ausfragte. Er, der ihn einfach sein ließ. Er, der sich darauf verlassen konnte, dass die wirklich wichtigen Dinge geteilt wurden. Tendarion wollte sich nicht verschließen, doch in ihrem Stolz merkten sie nicht, dass sie ihn immer weiter forttrieben. Dorthin, wo er nichts befürchten musste.

Wie wäre es ihm möglich die höhere Weihe abzuwenden? Wird die Mutter ihn irgendwann in seine Gunst holen, und sie werden es alle wissen? Oder wird er es zu verbergen wissen? Wird das der Tag sein, an dem er dazu genötigt wird Dinge zu tun, über die er keinerlei Entscheidungsgewalt mehr hatte? Vielleicht sollte er tatsächlich die Kirche verlassen. Auch wenn er das Wort der Herrin nicht mehr verkünden dürfte, würde er weiterhin heilen und pflegen können. Losgelöst von dieser stetigen Angst und dem Druck, der nichts mit seinem Dienst zu tun hatte.

Er fühlte sich noch nie so verloren, wie er es in dieser Situation tat.

Verraten und instrumentalisiert.

Er war doch nur ein Diener der Mutter. Er wollte doch nur dienen, wie es in ihrem Sinne war...


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der lieblichen Herrin
BeitragVerfasst: 27.11.15, 15:39 
Edelbürger
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Tendarions hinkender Gang gen Schloss Finianswacht wurde von den aufmerksamen, und teils auch besorgt dreinblickenden, Bewohnern und Wächtern der Stadt beobachtet. Der Elf wusste, dass Guntram keinen Heiler aufgesucht haben würde. Also musste er, jetzt da er wieder einigermaßen sicher gehen konnte, eben zu ihm kommen.

Ein kleiner Zaunkönig hopste über den Weg und mit einem wehmütigen Lächeln betrachtete Tendarion das Geschöpf. Schmunzelnd dachte er daran, wie er noch vor nicht allzulanger Zeit Meralion, den Boten der Liebe der im Dienste Vitamas stand, insgeheim als wichtigsten aller Horwah schätzte. Nun hinkte er selbst, weil ein pervertiertes Geschöpf des Einen sein Bein zerschmettern wollte.

Tendarion hatte sein Leben lang soviel Liebe erhalten, dass es für ihn keinen Verlust darstelle, selbstlos und aufrichtig jeden zu lieben, unabhängig davon wer diese Person war oder was sie getan hat. Doch immer mehr wandelte sich sein Fokus in seinem Dienst. Er würde weiterhin Vergebung und Mitgefühl zeigen, auch jenen, deren Seele nicht mehr gerettet werden konnte, doch wurde ihm immer deutlicher, dass er offensiv dafür sorgen musste, dass es gar nicht erst soweit kam.

~~~


Marions Haare wurden in routinierter Manier geflochten. Wie viele Male hatte er die Haare seiner Schwestern und seiner Mutter in aufwändige Frisuren gelegt? Er könnte es wohl nicht einmal zählen, wenn er sich noch an jede einzelne der Begebenheiten erinnern würde. Ruhig und gelassen war sein Tonfall als er mit der nervösen Braut dabei eine Unterhaltung führte.

Seine Gedanken waren währenddessen erfüllt von den Aufgaben die ruhen mussten aufgrund seiner Verletzungen. Wie er im Vitamaschrein verharrte und sich nicht mit mehr als mit Büchern und den Gesprächen mit anderen, abgeben konnte. Er war rastlos, auch wenn sein Herz durch die stete Anwesenheit im Antlitz der Göttin ruhte.

-

Lächelnd stand er vor dem Brautpaar und mit einem eher vergnügt-witzelnden Tonfall verglich er Quendan und Marion. Er sah die Blicke Quendans und wusste, dass ihm das noch zum Nachteil gereichen würde, doch im Grunde seines Herzens war der Elf sehr glücklich über den Bund. Ein Schritt näher zu den Göttern und eine Zusammenführung von leidgeprägten Geschöpfen, die sich zu einer liebevollen Familie zusammenschlossen.

Seine Gedanken waren währenddessen erfüllt davon, wie er auf diese Gelegenheit gewartet hatte, auch Quendan wissen zu lassen, dass er sich nicht alles gegenüber der Kirche herausnehmen durfte. So er weiterhin die Kirche in den Dreck ziehen wollte anstatt zu helfen sie erstarken zu lassen, so wird auch Tendarion weiterhin dafür sorgen, dass einem jeden deutlich wird, dass auch Quendan charakterlich nicht viel mehr zu bieten hatte, als emotionale Verfehlungen, die er hinter einem Schleier von Indifferenz und einem Pochen auf Etikette verbarg.

-

Seinen Fokus auf die Obsttorte legend und den Witzen die auf Tendarions Kosten gemacht wurden, versuchte er die Thematik auf dem Tisch zu lockern, in dem er sich selbst über seine, offenkundig freizügige Art und Weise, und seine Vorliebe für alles Süße, der Lächerlichkeit preisgab. Als dann endlich der entscheidende Punkt des Abends kam, in dem Quendan sich in sein Schlafgemach zurückzog und Marion dazu genötigt wurde zu folgen, begab sich Tendarion wieder nach Falkensee.

Seine Gedanken waren währenddessen erfüllt davon, dass er sich lieber über jene Theorien der geisteszerstörenden Illusionen unterhalten hätte. Gerne hätte er sein Interesse bekundet und seine doch sehr pragmatischen Gedanken dazu mit den Magiern am Tisch erörtert. Doch es war nicht an ihm, seinen Ruf als pazifistischen Elfen, der keinerlei Interessen außerhalb seines Dienstes an die Göttin zu wahren schien, vor anderen in Frage zu stellen.

~~~


Ehe er zu Guntram aufbrach, saß er einen gesamten Zyklus zusammen mit dem neuen Archivar in Dedelebres Zuflucht.

Sinnierend durchkämmten sie die Regale auf der Suche nach Hinweisen auf Bruder Ridiculus. Die Hinweise waren durchaus gegeben, doch gab es auch wieder Ausschlusskriterien, die den beiden mehr Fragen als Antworten lieferten. Die Abschrift wurde mehrmals gelesen. Einzelne Passagen diskutiert. War es ein Astraeldiener? Nach den bisherigen Indizien schien jedoch ein Diener Morsans in Frage zu kommen. Doch wo es wieder Übereinstimmungen im Inhaltlichem gab, so waren die Worte anders. Tendarion legte die Schriften des Morsansdieners Iycheas und des Bruder Ridiculus nebeneinander und verglich jede einzelne Nuance des Schriftbilds.

Tendarion hatte endlich aufgehört zu leugnen, dass sein Herz der Mutter Vitama gehörte, doch sein Geist vollends dem Herrn Astrael. Und er war so zufrieden in seinem Leben, wie noch nie.


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