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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der Viere
BeitragVerfasst: 28.06.17, 23:26 
Edelbürger
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Die Angst verflüchtigte sich als ihn Erkenntnis ereilte. Doch die Gedanken nebelten ihn ein, machten ihn nicht zugänglich für Gespräche und Eindrücke von außen. Immer wieder sagte er sich die Worte im Geiste vor. Er konnte sie nicht nachlesen, konnte nicht ständig jemand anderes bitten sie ihm vorzulesen.

Sharok. Maichellis. Die gesamten Minios'. Alles zweitrangig. Nicht gleichgültig. Aber nicht die Priorität, dass er sich erlauben ließ sich von den Worten ablenken zu lassen. Es war egal wie er es drehte und wendete, es war stets etwas arkanes was er daran sehen mochte. Eine Anleitung etwas zu suchen. Ein Ritualplan. Es ließ ihn nicht los. Die Worte sprachen zu ihm und sagten ihm viel, doch er stolperte von einem Gedanken zum anderen. Hier und da wollte er eine Referenz auf sich gelesen haben. Doch sogleich schien sein innerstes vollständig abzulehnen, dass es mit ihm zu tun haben könnte.

Er wollte nicht wahrhaben, dass die Worte explizit mit ihm zu tun haben könnten, weil es bedeuten würde, dass wegen ihm Arin und Ravenne leiden mussten. Ein Umstand den er nicht ertragen könnte.

Wissensdrang. Seine größte Stärke, seine größte Schwäche. Er wollte Wissen. Haben, erschaffen, teilen. Schon ehe er Vitama diente, waren Bücher sein innigster Freund. Sie waren stumm, hatten keine Ansprüche. Ob sie gelesen wurden oder nicht, interessierte sie nicht. Der Leser war es, der einem Buch, nachdem es gefertigt wurde, wieder Leben schenkte, indem er das Wissen daraus entnahm und ihm einen Zweck verlieh. Er musste erst über Vitama zu Astrael finden. Nur ihr Einfluss ermöglichte ihm, an das Wissen zu gelangen, das er benötigte um zu erkennen, wo sein Weg zu finden ist. Er hatte immer ein Ziel, aber er lief auf einer Parallelstraße, die ihn nicht direkt dorthin brachte. Und so verblieb er auf Vitamas Weg, mit der bitteren Erkenntnis, nicht dort zu sein, wo er hingehört. Nicht auf der Straße zu gehen, die er begehen wollte. Es war der Weg der fast zum Ziel führte. Aber es führte eben nicht zum eigentlichen Ziel. Er war eingeschränkt in seinem Tun, in dem was er anstrebte. Mit seinem Schreiben von Büchern, dem Lernen und Lehren an der Magierakademie versuchte er die Einschränkungen in seinem Dienst an Vitama etwas aufzuweichen. Etwas mehr dorthin zu finden, wo er hingehörte. Aber es war nicht genug. Der falsche Weg ließ ihn immer mehr an sich selbst zweifeln.

Quell neuen Wissens. Tendarion dachte daran, wie er Guntrams Lehren annahm. Wie Tendarion sich einem gänzlich anderem Leben widmete, wie Vitama ihn gehen ließ und Astraels strenge Hand unnachgiebig, mahnend, strafend, niemals ablassend, über ihn richtete. Vitama ließ Tendarions Selbstbewusstsein neue Höhenflüge machen. Doch Astrael drängte ihn mit eiserner Hand auf den Boden der Tatsachen. Demut und das Ausführen von seinem Dienst. Nichts anderes war gefordert. Nichts anderes war nötig in seinem Antlitz. Der Nebel den seine Emotionen stets über seinen Verstand legten lichtete sich in Astraels Dienst. Gutmütigkeit wurde zu Besonnenheit. Sanftheit wurde zu mahnender Strenge. Platter Humor wurde zu Zynismus und Sarkasmus. Einzig allein in den emotionsbefreiten Momenten der Wissensaufnahme und der Wissensweitergabe war Ruhe und Zufriedenheit zu finden.

Nachdenklich lauschte er den Klängen als Maichellis und Sharok einen Übungskampf auf dem Burginnenhof ausführten.

Das alles ergab keinen Sinn in Tendarions Geiste. Er hatte alle Prüfungen Astraels angenommen. Keine Strafe hat er als unangemessen erachtet. Er hatte über alles nachgedacht, was Astrael von ihm verlangte. War es wieder eine weitere Mahnung, dass sein Leben noch immer dazu führte, dass er andere in Gefahr brachte? Dass es sein Wesen ist, was Arin und Ravenne verletzte?

Tendarion verfluchte sich dafür Maichellis zugesagt zu haben Caieta beizustehen diese Nacht. Doch ein Versprechen ist ein Versprechen. Und was aus Eidbruch entstand..

..er starrte in die Dunkelheit unwissend ob es hell war oder dunkel. Und immer wieder schwirrten die Worte der Säule in seinem Geiste umher.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der Viere
BeitragVerfasst: 30.06.17, 19:03 
Edelbürger
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Tendarion verzog das Gesicht, als er den Becher mit dem kalten Kaffee an seine Lippen führte um daran zu nippen. Bitter.

..Bitterer Schierling vollkommener Erkenntnis..


Die ganze Nacht über lag er wieder wach. Wälzte sich von einer Seite auf die andere. Vor seinem geistigen Auge manifestierten sich die erfühlten Worte. Keinen Moment stellte sich Gewissheit ein. Keinen Moment war er mit seinen Gedanken und Interpretationen zufrieden. Die Kampfübung in den frühen Zyklen war eine Tortur für seinen übermüdeten Körper. Aber gleichsam konnte er die aufgestaute Anspannung damit loswerden, die diese Schrift in ihm hervorrief.

Er befühlte die zwei kreisrunden Saphire, die er sich für seine letzten Dukaten, die er noch entbehren konnte, kaufte. Es war ein Impuls. Etwas was ihm richtig erschien. Warum er sie kreisrund schleifen ließ, kam ihm erst hinterher in den Sinn. Zwei Sphairen. Zwei Saphire. Es war logisch in Tendarions Kopf. Er hatte nichts, was er sehen konnte um sich abzulenken. Er musste etwas von Substanz tun, sonst würden ihn diese Worte noch mehr in den Wahnsinn treiben, als sie es schon taten. Die beiden Edelsteine waren bereits warm von seinen Händen. Es hatte etwas beruhigendes sie in seinen Händen kreisen zu lassen. Doch keine Erkenntnis überkam ihn, seit er sie in seinem Besitz weiß.

Schwingen. Argionemes geflügelter Stab. Lafays Stab. Ist die Antwort nicht auf dieser Insel zu finden? Ein Höhenflug schloss die Distanz nicht aus. War ein Ort gemeint?

Fremde Quellen. Bücher die noch nicht bekannt waren. Gespräche mit Personen, die noch nicht geführt wurden.

Frustriert wanderten seine Hände durch sein Haar und er seufzte gedehnt auf. War es überhaupt ein Rätsel? Oder interpretierte er zuviel hinein? Vielleicht war es gar nicht lösbar. Doch der Gedanke löste in Tendarion Angst aus. Was würde Astrael von ihm denken, wenn er schlicht den leichten Weg suchte? Noch ein Tadel, noch eine Mahnung. Er würde es nicht ertragen. Astrael war bisher noch nie zufrieden gewesen mit ihm. Ignoranz und Stillschweigen kann man möglicherweise als eine Tatsache werten, dass er nicht explizit etwas zu mäkeln hatte, doch die Strafen überwogen. Er hatte nicht Angst vor Astrael. Tendarion hatte Angst vollkommen zu versagen. Doch die Zeichen sprachen dafür. Nichts mochte ihm seit seinem Dienst beim Herrn Astrael gelingen. All seine großen Entscheidungen führten dazu, dass er nichts mehr von Gehalt für die Insel leisten konnte.

Er drehte die kreisrunden Saphire in seiner Hand, als der Anwärter ihn aus seinen Gedanken riss. Er suchte nach Wissen. Eine Frage, die Tendarion beantworten konnte. Und so löste sich der Elf für einen Zyklus von dem Rätsel oder dem Nicht-Rätsel.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der Viere
BeitragVerfasst: 30.06.17, 22:21 
Edelbürger
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Dicht gedrängt an den Erzgeweihten Astraels toste der Sturm um sie. Tendarion hatte das Gefühl, dass ihm entweder sämtliches Fleisch von der Haut gerissen wird, oder aber über kurz oder lang ein Eiszapfen von der Nase hängen würde. Die Gugel zog er sich tief in das Gesicht und eingehüllt in seinen eigenen Fellumhang und zusätzlich den wärmenden Arm und Umhang des anderen, harrte er mit ihm auf der Bank aus.

Tion sagte ihm, dass nichts auffälliges zu sehen sei an dem Schrein, doch genug um einen Teil des Rätsels dort bestätigt zu wissen. Ein Anhaltspunkt.

Tendarion schlug vor auf den Dunkelzyklus zu warten um Astreyons Licht offenbaren zu lassen, was sich im Hellen und dem bloßen Auge womöglich verborgen hielt. Und er harrte aus, ob er einer Erkenntnis, oder einer Enttäuschung unterlag. Doch war Khaleb Astrael am nächsten. Derjenige der den Atem schenkte, auf dass er mit Astraels Hilfe zur Sprache geformt wurde. Der unstete, ruhelose Geist, der nach Wissen strebte und nicht eher zu ruhen gewillt ist, wenn dieser Wissensdurst gestillt war.

Die fremden Quellen würden ihn zum Schrein führen, den Nithavela ihm einst zeigte. Der Pilz und die Schwerkraft zum Schrein Tevras, wo er einst sein Geschenk hinterließ und hoffte, dass es dort nach wie vor seinen Platz hatte. Und letztendlich fehlte Ignis. Geschmiedet. Sein einziger Hinweis darauf. Wenn es der Ort war, an dem einst Halgrim von Gabha empfangen wurde..

..irgendwie erschien ihm der Weg dorthin unmöglich mit seinen unsehenden Augen. Doch wenn Astrael es so wollte, würde er das Wagnis auf sich nehmen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der Viere
BeitragVerfasst: 18.07.17, 06:01 
Edelbürger
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"Meister?!", gellte die krächzende Stimme durch die Stille des Turms und der geflügelte Kobold wankte mit einem Stapel Bücher zum Tisch an dem Tendarion saß. Es wäre einfacher in der Schreibstube zu lesen und zu notieren, aber Tendarion hatte kein Interesse daran mit Guntram über die zyklenlange elfische Belagerung seines Schreibtisches zu debattieren. Nicht dass es überhaupt eine Debatte würde. Tendarion würde vor sich hinmeckern, auch wenn er schon beim ersten Wort des anderen angefangen hätte das Feld zu räumen.

Und so sehr Tendarion es liebte Guntram aus der Reserve zu locken, ihm gar ein Zugeständnis abspenstig machen konnte oder mit Logik über den anderen triumphierte, war er heute zu sehr eingenommen von dem Thema, dass sich ihm wie ein wenig gewollter Geistesblitz offenbarte. Wieder war er in den Fokus einer Person gerückt die nicht abstoßender und interessanter zugleich sein konnte. Und wieder konnte er seine Selbstbeherrschung loben und seine Neugier tadeln. Was diese Person sich leistete, war eine reine Provokation an allem was seinen Glauben betraf. Ein Handwerker der mit einem Vorschlaghammer versucht den höchsten Tempel in Draconis einzureißen, und dabei die wenigen Splitter die er aus dem Fundament schlägt, als Triumph verbucht.

Die Splitter warf Tendarion in geübter Manier entgegen. Und sie wurden eingesammelt als wären sie pure Diamanten. Wie sehr verehrte der Fey diese mittlerweile erlangte tiefe Apathie und Besonnenheit gegenüber so offensichtlichen Bekehrungsversuchen. Wie die Diener des Einen sich einzureden suchten, dass sie keine wären, indem sie ihre Mitstreiter als wahnsinnig oder blutrünstig darstellten. Indem sie ihre eigenen Lehren auf ein Podest erhoben, das sie über die Götter stellte.

Tendarion hatte einen Gedanken dazu. Eine Schrift von "C.M." - die Initialen Cordovan Marnions? - zu dem Thema, war ihm einige Zeit seiner Zeit hier auf der Insel ein philosophischer Begleiter. Auch hier waren die, oberflächlich betrachtet, schlüssigen und logischen Thesen, dass der Mensch als solches sich über alles andere erheben konnte, in jedem Absatz klar herauszulesen.

"Transsphärische Entitäten..", ein amüsiertes Schnauben wurde ihm entlockt, als er aus seinen Gedanken von einem weiteren Krächzen gerissen wurde. Wortlos und beiläufig nahm er die Bücher von Galwir an und das erwartete selbstgefällige Gurren ertönte. "Immer brav, immer fleißig."
Magnifizienz Nhergas hatte in der Tat einen seltsamen Humor. Tendarion wollte nicht daran glauben, dass die Worte zufällig gebildet wurden. Aber nun sieht sich Tendarion mit der höchst philosophischen Frage - Warum Menschen denn eigentlich immer essen - alle paar Zyklen konfrontiert. Aber er wollte nicht undankbar sein. Galwir war letztendlich immer brav, immer fleißig. Kopfschüttelnd schmunzelte Tendarion vor sich hin und blätterte in den Büchern die Galwir aus Guntrams Büchersammlung hervorgrub.

Die Bücher waren wenig gehaltvoll. Wie es leider zu erwarten war. Er suchte alles über Untote. Unsterblichkeit. Das Binden der Seele an diese Sphäre. Aber alles was Tendarion dazu fand waren direkte oder indirekte Hinweise auf Pakte. Dieses zwanghafte Gleichsetzen von Seele und Geist war der Fehl dem die Menschen oft auferlagen. Sie dachten mit dem göttlichen Funken in sich zu verfahren wie mit einem Gedankenspiel. Dass sie selbst darüber entscheiden könnten wo die Seele verharrte. Doch würde sie niemals in der Sphäre verbleiben. Sie ist nicht dazu gedacht, hier zu weilen, losgelöst von Geist und Körper.

Viel mehr dachte Tendarion dass die bewusste Entscheidung die widernatürliche Unsterblichkeit zu wählen, die Seele in den Limbus oder direkt zu irgendeinem gierig wartenden Dämon brachte. Ein ritueller Suizid, der Körper und Geist mehr oder minder intakt hielt war es. Nicht mehr und nicht weniger. Doch in ihrer Vermessenheit dachte diese Person, dass sie selbst es wäre, die bestimmen konnte, dass die Seele in diesem Prozess vorhersehbar bewahrt wurde.

Tendarion musste die Gunst dieser Person erlangen. Wenn er die Person nicht von diesem Unterfangen abbringen konnte, so musste er wenigstens eine Erkenntnis für Tare gewinnen.

Mele Morthêre. Ein Sterblicher der ihn genau dorthin führt. Wissen um jeden Preis.

Doch Tendarion wollte bewahren. Und wenn er dieses Mal wieder versagte, wie bei Sarana, dann hatte er zumindest diesesmal die Aussicht Dinge zu erhalten, die ihn und sein Umfeld auf solche Umstände besser vorbereiteten.

"Ajasendall, du weißt nicht, wie dankbar ich dir bin, dass mein Verstand über meine Gefühle obsiegt hat. Mein Herz es schreit nach Widerstand. Es schreit danach diese Person in Gewahrsam zu nehmen und vor sich selbst und ihrem Umfeld zu schützen. Doch du bist es der mir die Erkenntnis schenkt, dass man nur von einem fliegenden Vogel das Fliegen lernen kann. Selbst dann wenn man weiß, dass man trotz allen Wissens niemals in der Lage sein wird selbst zu fliegen."

Tendarion legte Galwir die Bücher, die er für seine Forschungen nicht benötigte wieder auf den Arm. Der Kobold würde sie haargenau dort einsortieren wo sie waren. Und der Fey widmete sich dem Buch, das ihm vermacht wurde und konnte nicht fassen, wieso er dies erlangen konnte. Täuschung? Eine letzte Tat im Sinne Astraels? Oder ein stiller Hilferuf?

Tendarion würde nicht aufgeben es herauszufinden.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der Viere
BeitragVerfasst: 26.08.17, 07:21 
Edelbürger
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"Irolan ist wieder da."

Tendarion pausierte in seiner Mahlzeit nicht. Es überraschte ihn nicht. Doch war die Information überraschend gleichmütig bei ihm angekommen. War das der Grund warum sein Umfeld ihn von Wochenlauf zu Wochenlauf weniger leiden konnte? Diese Apathie auf Dinge, die ihn eigentlich berühren sollten? Das Unverständnis, wie man mit so viel kopfloser Leidenschaft sich seinem gesamten Umfeld zur Ausnutzung und Vernichtung feilbot? Er fühlte nicht mehr viel. Das war sein Wunsch als Vitama ihm das Gegenteil aufbürdete. Und Astrael hatte ihn genau so erfüllt. Keine Kompromisse. Kein ins Blaue interpretieren. Tendarion musste ob seiner Gedanken schmunzeln. Custodias bedachte ihn mit seinem gewohnten Blick. Fragend, vorwurfsvoll und mit schlecht verborgener Neugier versehen. Natürlich die gehobene Braue. Tendarion musste noch mehr Schmunzeln.

"Gut."

Custodias' Braue sank herab. Der abwartende Blick blieb. Der Vorwurf wurde von aufrichtigem Interesse ersetzt. Tendarion mochte diese Momente. Im Sanktum des Herrn Astrael zu sitzen, alleine zu sein mit Custodias und nicht mehr reden zu müssen, als nötig. Kein ständiges jammern. Kein ständiges betteln um Bestätigung und Aufmerksamkeit. Schlicht zwei Personen, die sprachen, wenn ihnen danach war und schwiegen, wenn ihnen danach war. Sie beide waren extrovertiert, kannten keine Schüchternheit. Tendarion blickte Custodias einen Moment forschend an. Zumindest war er aber disziplinierter als noch vor zwei Götterläufen. Sie haben sich beide hier erzogen. Sie hatten jeweils Grenzen gesetzt, die unverrückbar waren. Diese wurden mit Klauen und Zähnen verteidigt. Man hatte stets Abstand gelassen, wollte vermeiden, dass der andere zu viel Macht über ihn hatte.

Doch mittlerweile haben sie beide mit diesem Kampf aufgehört. Die letzte Grenze wurde eingerissen. Die Fronten waren klar. Alle Waffen beiseite gelegt. Sie beide schützten ihren Rücken. Sie waren zusammen ein undurchdringlicher Wall geworden. Keiner von beiden hatte vor dem anderen etwas zu befürchten. Und zusammen hatten sie auch vor dem Rest nicht viel zu befürchten.

Custodias hob nach der langen Schweigepause nun doch wieder die Braue. Er wurde ungeduldig. Tendarion schnaubte amüsiert aus und dachte einen kurzen Moment darüber nach, es weiter herauszuzögern, als Custodias sich als der Verlierer in diesem Spiel offenbarte.

"Wieso ist das gut?"

"Weil er, trotz dessen dass er sich mit allem, was er hat dagegen auflehnt, Astrael näher ist, als der Rest dieser verrückten Insel. Wir benötigen in dieser Situation berechenbare, gewissenhafte und vor allem verlässliche Leute. Und ich komme nicht umhin es als eine glückliche Fügung zu sehen, dass er nun da ist. Seit Tagesläufen finde ich hier nicht heraus. Suche nach bestem Gewissen nach einer Antwort, doch die einzigen Antworten, die ich finde, sind meine eigenen Gedanken und Interpretationen. Es ist gut, dass er da ist. Denn er sieht die Viere nicht so verträumt wie wir. Ohne Gegenspieler, der nicht nur Gift spuckt, kommen wir in dieser Angelegenheit nicht weiter."

"Was sind deine Gedanken dazu?"

"Der Herr möge mir verzeihen, wenn ich Dinge ausspreche, die aus weltlicher Sicht nicht ketzerischer sein könnten, aber er kennt meine Gedanken, und du selbst weißt mit solchen Worten umzugehen." Kurz hielt er inne und nippte von seinem kaltgewordenen Tee.

"Ich vermute, dass das Konzept der Viereinigkeit ein Konstrukt der Sterblichen ist. Dass es nie die "Vier" gegen den "Einen" gab. Dass es stets nur eins war und die Sterblichen sich etwas daraus erschufen, dass sie besser verstehen. Wie konnten die ersten Völkergruppen bestehen? Indem sie sich trotz aller charakterlichen Unterschiede zusammenschlossen und etwas großes und gemeinsames schufen. Jeder der destruktiv wirkte und die Gemeinschaft störte, wurde ausgeschlossen. Vielleicht ist der Eine schlichtweg der Ausgestoßene destruktive, der überhaupt die Einigkeit in den Vieren möglich macht. Bellum wollte ihn nun endgültig vernichten und die anderen drei wussten, dass es dann keine Viereinigkeit mehr gäbe. Wenn es nichts gibt, wogegen man sich vereinigen müsste, gäbe es auch keinen Grund weiter gemeinschaftlich zu agieren.

Bellum zeigte uns sehr deutlich wie erschreckend die Viere als einzelne Entitäten sein können. Vitama zeigte mir sehr deutlich wie zermürbend sie in ihrer launischen, naiven Natur ist. Morsan würde uns mit seiner Apathie alle schlichtweg sterben lassen, schließlich sind unsere Seelen bei ihm sicher. Was interessiert es Morsan ob wir unsere Hülle gut behandeln? Einzig Astrael, der sich nicht heraushält, aber gleichsam nicht interveniert, in einer destruktiven Art und Weise wie Bellum, Vitama und der Eine es tun, scheint der Gott zu sein, der tatsächlich noch etwas für Tare übrig hat. Oder viel mehr: Der einzige, der erkennt, dass er ohne Tare keine Macht meht hat. Astrael hat diesen Götterkrieg zugelassen um uns allen etwas zu lehren: Wir können nicht nur allein von Vitama und Bellum profitieren. Wir können nicht alleine vom Einen profitieren. Wir müssen schlichtweg einsehen, dass alle fünf Götter sind. Und ein jeder von uns ist ein Resultat des Einflusses aller fünf Götter."

Tendarion trank seinen Tee leer. Ein angedeuteter Kuss wurde auf die Stirn des anderen gedrückt und der Elf richtete sich auf um sich weiter den Regalen zu widmen.

Custodias beobachtete ihn schweigend.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der Viere
BeitragVerfasst: 26.09.17, 10:10 
Edelbürger
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Mit ernüchterndem Blick stand Tendarion vor dem Regal mit der Aufschrift "Naturkunde". Bücher über Chimären. Kreaturen. Botanik.

Nichts bedeutendes über Meereswesen. Schon gar nicht über Riesenkrabben. Seine Mundwinkel wanderten ein kleines Stück empor. Oder Aale. Vielleicht beim Handwerk? Ein Rezept für das rechte Räuchern eines Aals? Tendarion musste etwas auflachen.

"MEISTER?!"

Glücklicherweise hatte er es sich abgewöhnt jedesmal zusammenzuzucken, wenn das gellende Kreischen des arkanen Konstrukts seine Gedankenspiele zerfetzte wie Gaisgeach es für gewöhnlich mit Maichellis' Umhang versuchte. Wortlos starrte er zu Galwir, der mit einem gefährlich hohen Bücherstapel auf ihn zuwankte und Tendarion mit den kristallenen Knopfaugen bewundernd anstarrte. "Meister...", gurrte der Bücherkobold und er hob die Bücher abwartend vor sich.

Einige Anweisungen folgten und der Kobold sortierte die Bücher exakt dort ein, wo es ihm aufgetragen wurde. Tendarion fiel auf, dass er Nithavela und Magnifizienz Nhergas keinen angemessenen Dank zukommen ließ. Eine Partie Schach mit Nithavela wäre ein guter Gedanke. Doch Magnifizienz?

Tendarion wandte sich dem Naturkunderegal zu und notierte den Mangel an verfügbarem Wissen. Vielleicht sollte er die Ecclesia um solcherlei bemühen? Lazalantin war sehr bereitwillig seine Schriften und sein Wissen zu teilen. Letztendlich war es seine Pflicht das Wissen in der Bibliothek zu bewahren und zu mehren.

Pflicht.

Seine Gedanken wanderten wieder zu gestern. Tendarion war sehr erfreut als er die Gäste bei Magister Schleifer sah. Allesamt angenehme Menschen und natürlich ein angenehmer Fey. Das Essen war schmackhaft, auch wenn Tendarion es womöglich anders zubereitet hätte, der Wein war hochwertig. Tendarion hatte gute Laune und war erfreut ein Stück Normalität zu erleben, was ihn gedanklich in seine Zeit nach Draconis versetzte.

Doch kam er nicht umhin immer wieder den Seitenblick gen Custodias zu richten. Er sah, dass der andere nicht den Geist der Gesellschaft bereichern oder daran teilnehmen wollte. Es war nicht ungewöhnlich, dachte der Fey, letztendlich verbrachte Custodias die meiste Zeit alleine und selbst die gemeinsame Zeit war eher von ruhigen oder gar keinen Gesprächen geprägt. Tendarion sprach viel und er war auch davon überzeugt, dass Custodias wohl nur einen Bruchteil von dem aufnahm, was Tendarion von sich gab. Tendarion bewahrte seine eigene Gedankenwelt und seine wahren Gefühle hinter einer Front von ewigen Gesprächen. Custodias bewahrte seine eigene Gedankenwelt und seine wahren Gefühle indem er schlichtweg das Schweigen bevorzugte.

Es war für Tendarion einfach Maichellis Gedanken zu erraten, seine Stimmung einzuschätzen. Kein stetiger Dialog war nötig um den anderen Fey zu verstehen. Möglicherweise war es tatsächlich einfacher für einen Fey andere Fey zu verstehen. Oder war es schlichtweg die Zeit die man hatte um solche Gespräche und Gedanken auf einen anderen Zeitpunkt zu schieben? Menschen hatten dieses Privileg nicht. Entweder sie handelten nun, oder sie bereuten es später, dass sie keine Zeit mehr dazu hatten es zu tun. Und so war Tendarion erleichtert, als Custodias bei dem Essen endlich einen Wunsch äußerte, der erfüllbar war. Oder so dachte Tendarion zumindest.

Und dann kam der Aal.

Tendarions Trübsal über die Teilnahmslosigkeit Custodias' wandelte sich in Amusement. Er hatte, den Moment, wo er den Aal roch, daran gedacht, dass er Custodias' noch nie als passionierten Fischesser erlebte. Und Recht sollte er behalten, als er das Hin- und hergschiebe des Fisches aus dem Augenwinkel beobachtete und strategisch drumherum gegessen wurde. Die Gespräche waren ruhig und angenehm. Wie immer war ein Teil des Tischgesprächs Arbeit und die Probleme der Insel. Doch wurde sachlich und ruhig darüber gesprochen. Informationen ausgetauscht. Das weitere Vorgehen geplant. Vereinbarungen für Untersuchungen getroffen. Schließlich wurde Tendarions Sturheit Thema und der Elf musste feststellen, dass die Wörterbücher Tares offenbar um ein Wort erweitert werden mussten, da man sich tischweit einig darüber war dass Tendarion ein Synonym für Sturheit sein sollte. Oder sogar der Superlativ. Es war definitiv keine unangenehme Runde. Es lag in der Natur der Dinge, dass Tendarion wohl der lebhafteste unter ihnen allen war, aber er konnte erahnen, warum Leirik diese Runde einberief. Weil er genau wusste, dass dort keinerlei Konfliktpotenzial herrschte. Tendarion kam nicht umhin die Weitsicht Leiriks diesbezüglich anzuerkennen und war froh, dass er diese Einladung annahm.

Als die Aufbruchstimmung aufkam, nahm Tendarion die Gelegenheit wahr, als Leirik von Custodias abgelenkt war, den Aal ganz heimtückisch in ein Tuch zu schlagen und zur späteren Fütterung seines Luchses zweckzuentfremden. Im weininduzierten Gedanken eingenommen, dachte Tendarion daran, dass er nicht damit gerechnet hätte, mit einem Aal jemals eine Emotion in Verbindung zu bringen, doch er konnte das etwas infantile Schmunzeln nicht von seinen Lippen bannen als er wieder daran dachte.

Als er sich in dem Archiv der Bibliothek setzte kam er nicht umhin ein wenig die Lippen zusammenzupressen. Er ließ die Gespräche die nach Leiriks Abendessen in kleinerer Runde folgten Revue passieren.

Pflicht.

Tendarion spürte wieder dieses nagende Gefühl vom schlechten Gewissen. Vielleicht, weil es teilweise stimmte. Oder zumindest eine längere Zeit zutraf. An Custodias' Seite zu sein war lange Zeit für Tendarion Pflicht. Eine selbstauferlegte Aufgabe, die damit einherging viele Dinge zuzulassen, die der Fey aus freien Stücken nicht getan oder gesagt hätte. Aber er war nicht darauf vorbereitet, dass es so offensichtlich für Custodias' war. Und schon gar nicht darauf vorbereitet, es in einem so lockeren Gespräch als beiläufigen Einwurf zu hören. Kurz drohte Tendarions Stimmung zu kippen. Doch er war nicht alleine und die Situation verlangte gewiss nicht nach einem in sich gekehrten Fey, der sich zum Nachdenken zurückziehen wollte.

War er ein Egoist, dass er wollte, dass sein Umfeld zufrieden war, damit es ihm gut ging? Er wusste nicht, was das passende Wort war. Aber er dachte daran, wie das Umfeld ihn bezeichnete: Arrogant, stur, egoistisch. Als er dazu überging, diese Attribute tatsächlich als die seinen anzunehmen und es zu verbalisieren, ertönte in vielen Fällen ein Einwand dazu. Wer hatte recht? Oder gab es schlichtweg niemanden der recht hatte und sie alle waren Egoisten, die schilchtweg nur diejenigen um sich herumwählten, die die eigenen egoistischen Bedürfnisse zufälligerweise erfüllten? Tendarion traf eine Entscheidung. Er sprach offen - etwas was er konnte, sich selbst und andere damit zu konfrontieren, was er selbst wahrnahm und hoffen, dass er bei anderen neue Gedankengänge damit erschließen konnte.

Es war Pflicht. Eine Pflicht, die er bei Maichellis, Diana und all den anderen nie fühlte. Die anderen waren ihm an das Herz gewachsen, ohne dass er jemals das Gefühl hatte, sich dafür selbst zu geißeln. Ohne das Gefühl zu haben, dass er es tun muss. Es fühlte sich gut an. Mit Custodias war es nicht immer der Fall. Aber es fühlte sich stets richtig an, selbst wenn Tendarion darunter litt, konnte er dem anderen niemals den Rücken weisen. Vielleicht war es nötig, dass Tendarion erst Vitama nahe sein musste, damit er über Custodias Auftreten hinwegsehen konnte und zu Astrael fand. Dass es zunächst eine Pflicht sein musste, ehe Tendarions Custodias' wahres Wesen erkannte und es eine Erfüllung wurde an seiner Seite zu dienen. Es war schlichtweg eine logische Entscheidung mit ungewissem Ausgang. Und die Entwicklung machte dem Fey deutlich, dass er nichts von all dem bereute.

Der Wein führte den Fey allerdings auch dazu Dinge auszusprechen, die ihm selbst unangenehm waren. Er war lange nicht mehr von dieser Scham erfüllt, die ihn in diesem Moment ereilte, als er herumdruckste, dem Thema auszuweichen versuchte. Aber der Bann war gebrochen. Es ging nicht mehr um Pflicht. Nicht mehr darum voreinanderherzutänzeln und schwierige Themen zu vermeiden. Wenn es sich entwickeln sollte, musste man auch über sich hinauswachsen. Maichellis wirkte nicht im geringsten überrascht über Tendarions Offenbarung - was wiederum Tendarion überraschte.

Auch wenn Tendarion in dem Moment bereute, als er es offen aussprach, dass er es offen aussprach, war er sich sicher, dass es der richtige Schritt war. Weg von der Pflicht. Das Zugeben, dass auch er nicht die Selbstsicherheit hatte, die er oftmals vorgaukelte. Das Zugeben, dass auch er Gedanken hatte, die nichts mit Obektivität, Sachlichkeit oder Realität zu tun haben müssen. Dass auch er eine Seite hatte, die er vor anderen so vehement verbarg, dass es ihm teilweise zum Vorwurf gereicht wurde, dass er diese Seite offenbar nicht besaß. Und gleichzeitig war es ein Vertrauensbeweis an Custodias und Maichellis, die damit noch ein Stück mehr von Tendarion fest in den Händen hielten. Etwas was man letztlich gegen ihn verwenden könnte - so man es denn wollte. Und gleichzeitig etwas was man schamlos ausnutzen konnte, bis an den Punkt, dass Tendarion seine Offenheit bereuen würde.

Die Erkenntnis, dass Vorstellung und Tatsache nicht immer sehr nah beeinanderlagen, erfüllte Tendarion einerseits mit einer gewissen Ernüchterung, aber gleichsam auch mit dem Drang danach die Realität so zu verändern, dass sie mehr der Vorstellung entsprach. Tatsächlich schaffte er es auch mit einigen Abstrichen. Reue war nichts, was er mit seiner Offenheit verband.

Seine Gedanken drängten sich an den Morgen. Tendarion wollte wirklich einiges an Schreibarbeit erledigen. Er stand auf. Womöglich wäre es sinnvoller heute nicht den ganzen Tag sitzend in der Schreibstube zu verbringen. Vielleicht sollte er die öffentlich zugänglichen Schriften der anderen Bibliotheken und Privatbestände an Büchern heute durchsehen. Vielleicht fand er etwas über Riesenkrabben. Oder Aale.

Schmunzelnd begab der Elf sich aus der Bibliothek. Nur ein gellendes Kreischen ertönte, weil Tendarion es wagte ein Buch auf dem Schreibtisch zu hinterlassen und keinen Befehl dazu zu geben. Galwir würde die nächsten Zyklen in Agonie und Überforderung darüber wachen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der Viere
BeitragVerfasst: 23.10.17, 07:24 
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Es war still im Turm.

Ein aufgewühltes Gemüt beruhigt und in einen erschöpften Schlaf geführt. Das andere konnte, oder wollte, nicht ruhen. Hier und da hörte man Schritte über die Dielen. Der Schreibtisch wurde für eine Notiz beansprucht. Ein prüfender Blick auf den einsamen blonden Elfen vor dem Kamin geworfen. Doch Tendarion schüttelte nur angedeutet den Kopf wenn er den Blick des anderen bemerkte. Abtuend. Beschwichtigend.

Er würde zu Vitama und wieder zurück reisen, nur um sich in den Schlaf betrinken zu können. Er könnte es auch. Wer war da um ihn daran zu hindern? Ein Blick auf den unscheinbaren roten Fleck auf seinem linken Handrücken war jedoch Erinnerung genug. Seine rechte Hand war von Astrael selbst gezeichnet. Aber der Herr kannte seine Gedanken und seine Unzulänglichkeiten. Er kannte keine Schande oder Scham vor Astrael. Astrael kannte seine schlimmsten und seine besten Gedanken. Dennoch erwählte er den Elfen zu seinem Diener. Und wie er vor Astrael keine Geheimnisse hatte, erschien es ihm umso witzloser vor Guntram Geheimnisse zu haben. Guntram hatte sein Herz, seinen Geist und seinen Körper fest im Griff. Nicht aus absurder romantischer Loyalität heraus. Nein, schlichtweg weil Tendarion anerkennen musste, dass Astrael nicht fordert, sondern erwartet. Entweder man würde seinen Erwartungen gerecht, oder er wendet sich anderen zu. Guntram war für Tendarion die Leibgewordene Erfüllung von Astraels Erwartungen. Nicht weil er unfehlbar war oder einem Avatar seines Herrn glich. Nein, weil er Erwartungen hatte, nie sein Umfeld formte, aber sich selbst auch nie verbog, selbst wenn es sein Leben und seinen Dienst einschränkte. Im Gegensatz zu Astrael hatte er jedoch auch Forderungen. Ein Blick auf den roten Fleck an seiner linken Hand entlockte ihm ein Seufzen.

Guntram und Akelas waren sich zu gleich. Nur ihre Methoden bedeutend anders. Also kein Wein mehr für Tendarion. Und auch keine anderen geistesberauschende Mittel. Ein unwillkürliches Schmunzeln glitt über Tendarions Lippen. Vater Custodias und Mutter Akelas. Tendarions Schmunzeln wich einem melancholischen Lächeln. Er merkte nicht wie seine Sicht verschwamm, bis ein Tropfen auf seinen Handrücken fiel.

Ein weiterer Tropfen. Und schließlich kam er nicht umhin sich vollends der plötzlich herausbrechenden Trauer hinzugeben und er verbarg sein Gesicht in seinen Armen.

Seine Familie möglicherweise verendet im zerstörten Draconis. Jegliche Überzeugung über das Wesen der Götter zerstört, die sein Volk tausende Götterläufe pflegten. Warum waren Fey also vom Einfluss Angamons so negativ beeinflusst? War es eine Fehlinterpretation? Waren Fey wirklich so sehr anders als andere Völker? Nicht besser. Nicht geliebt. Nein, isoliert, speziell. Sie hatten etwas auf Tare zu erledigen, was sie gar nicht zu den anderen Völkern führen sollte. Sie waren dazu auserkoren die jungen Völker an diesen Wandel heranzuführen und dann zu vergehen, weil Angamons erstarkender Einfluss sie zerfetzen würde.

Die Fey waren einst ein ungetrübtes Licht in der Dunkelheit. Ihr Vergehen in den letzten fünftausend Götterläufen hingegen die ersten Anzeichen davon, dass so eine Art des Lichtes nicht mehr benötigt wurde. Er sah in Maichellis' Augen die selbe Sorge. So gerne würde Tendarion ihm seine eigene Angst und seine eigenen Sorgen darüber zeigen. Doch Tendarion war kein Fey mehr. Er war einzig und allein Diener Astraels. Wissen akquirieren und auswerten war seine Mission. Dafür musste er stark sein. Unnahbar und nicht von persönlichen Gefühlen angetrieben und verwirrt sein.

Seine Gedanken gingen zu Adhemar. Einst die Person auf der Insel, vor der er kein Blatt vor den Mund nehmen musste. Er erinnerte sich, wie er ein Buch bei ihm kaufte. Es schien Ewigkeiten her. Niemals hatte er die Gelegenheit ihm mitzuteilen, dass er das Buch nutzte um eine Abschrift des Codex Belli darin zu verewigen. Doch als die Worte "Spalter der Kirche" wie ein Dolch auf ihn einstachen, aus dem Mund der für ihn einst nur beruhigende Worte übrig hatte, erschien es ihm witzlos darüber zu erzählen. Tendarion erduldete wie Dolchstoß um Dolchstoß von Adhemar verbal ausgeführt wurde. Als er sich so still und heimlich in der Nacht den Tränen ergab konnte er es nicht verleugnen, dass Adhemars Worte weit mehr in Tendarions Herzen zerrissen, als er es jemals offen aussprechen würde.

Wenn Tendarion der Spalter der Kirche sein sollte, so wandelte jemand auf der Insel der die Sterblichen in ihrer Gänze spaltete. Nicht rasiermesserscharf, mit Hinblick darauf, dass die Wundränder glatt verbleiben. Nein. Ein rachsüchtiger Henker mit einer schartigen Axt, der seine Opfer leiden sehen will. Tendarion schlang seine Arme hilflos um seinen Kopf. Es ging nicht mehr um persönliche Vorlieben. Es ging um das blanke Überleben.

Es ging darum herzlos zu dienen, denn ansonsten würde der Henker noch mehr Herzen zerfetzen. Und Tendarion wusste, dass sein Geist dies nicht überstehen würde.


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der Viere
BeitragVerfasst: 28.10.17, 19:42 
Edelbürger
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War es ungerecht von Tendarion Edelmut und Tion zu zürnen, da sie über ihn verfügten, weil sie eine Macht über ihn erkannt haben, die Tendarion selbst bis dahin nicht kannte? Oder war der Zorn nur der Mantel für die eigentliche Sorge und Angst die er empfand?

Er war mit einer unscheinbaren Kleinigkeit außer Gefecht zu setzen. Wenige Worte, die nur in eine bestimmte Richtung gelenkt wurden und eine Gedächtnislücke lähmte seinen Geist und machte ihn handlungsunfähig. Eigentlich hatte Tendarion erhofft, dass die Zeit der angsteinflößenden und vernichtenden Prüfungen von seinem Herrn vorbei sei. Doch weder hatte er seine Magie wiedererlangt, trotz aller geübter Demut vor Astrael und der Magie selbst, und nun offenbarte sich ein lückenhafter und dementer Geist. Er weiß woran er sich erinnerte, doch wenn er es in seinen Einzelheiten erforschen wollte, oder aber gar laut aussprechen wollte, versagte sein Gedächtnis.

Wie oft hatten sie es gegen ihn benutzt? Vor allem wer hatte es gegen ihn benutzt? Und dann Galwir..

Was war mit der Kreatur nur los? Eine Fehlfunktion? Warum schaffte er es soviele Dinge von sich zu geben, die ihm nie beigebracht wurden? Hatte sich ihm einer bemächtigt? War es wieder eine Prüfung des Herrn?

Galwir.

Kobold und Fee. Die Fey unterschieden den Begriff nicht. Sie waren beides hochmagische Wesen aus der selben Sphäre. Tendarion differenzierte den Ausdruck nur wenn er Galad sprach. War es ein Fehler seinen Helfer so zu nennen? Hat er damit sich selbst immer wieder in seine Gedächtnisaussetzer gebracht und erfuhr nie davon? Hatte Galwir anderen davon erzählt?

Frustriert strich der Elf durch sein Haar, als er im Schrein des Herrn Astrael saß. Er ließ die Schultern hängen und sah frustriert voran. Die Türe öffnete sich, doch Tendarion regte sich nicht. Er wusste anhand der Schritte wer es war..


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 Betreff des Beitrags: Re: Ein gewöhnlicher Diener der Viere
BeitragVerfasst: 28.10.17, 20:01 
Festlandbewohner
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Der diesige Morgennebel hatte sich gelichtet, als sie das Heiligtum Maquiras am Wall erreicht hatten. Es war nicht einfach gewesen, Sternfall dazu zu bringen, das gewünschte, sehr gemächliche Tempo bei zu behalten, dass sie an den Tag legen wollten; den halben Weg über Seeberg und an Kesselklamm vorbei war der Schimmel mit der schwarzen Mähne unruhig gewesen und hatte schließlich sogar frustriert Bocksprünge eingelegt, um seinem Partner zu zeigen, wie blöd er das fand. Natürlich, er war anderes gewohnt und begriff nicht, warum es sein Reiter heute mal alles andere als eilig hatte.
Er selbst ertappte sich auch beständig dabei, wie er dem Schlachtross andere Anweisungen erteilen wollte - der Takt, den sein Leben seit seinem Beitritt zum Militär angenommen hatte, war nur schwer wieder aus Leib und Geist zu verbannen, oder wenigstens zu unterdrücken. Womöglich spürte Sternfall diese Widersprüchlichkeit und zeigte sich deshalb so störrisch?
Schlussendlich hatten sie die Pferde vor dem Wall frei laufen lassen und waren in die diesige, frisch duftende Kaverne eingetaucht, in der Maquiras Lebensblut von den Feuern der Berge erhitzt in seichten Becken lockte. Nicht nur hatten sie der Göttin, die eine der Schutzpatrone ihres Volkes war, gedacht, sondern ihr auch ein kleines Opfer dargebracht - eine prächtig schillernde Muschel, ein Strang frisch geschnittenen und geflochtenen Haares, ein Stück Stoff, mit dem eine Wunde versorgt und ein Leben gerettet worden war.
Belangloses, wie das Wasser dahinplätscherndes Geplauder, ein leichtes Mahl aus Früchten und Käse samt Wein, eine Weile stilles Entspannen Arm in Arm in einem der Becken - unspannender und schöner hätte es kaum werden können.
Der erste freie Tag seit unzähligen Monden, und er hatte ständig das Gefühl, gleich, gleich kommt jemand hereingelaufen und ruft Alarm oder braucht einen Wechsel seiner Schichtpläne wegen seiner schwangeren Gefährtin, oder fragte trottelig, wo er sein Ross abgestellt habe, oder ein Mord war geschehen oder ein Diebstahl oder...
Tendarion riss ihn aus seinen Gedanken, ein wenig belustigt tadelnd, als hätte er seine Gedanken gelesen, und schlug vor, zu gehen. Manchmal hatte er wirklich das Gefühl, sein Gefährte durchschaue ihn leichter noch als sauberes Glas.
"Lass uns gehen. Ich glaube, ich löse mich sonst noch auf.."

Eine knappe Stunde später saßen sie in der Wohnkammer auf dem Boden vor dem Kamin, hatten ein Schachbrett vor sich liegen und Tendarion erklärte ihm die Regeln. Gerade stellte er die Bauern seiner Seite - natürlich weiß - in der zweiten Reihe auf.
"...können ein Feld rücken."
"Kann man sie bewaffnen?"
"Bitte?"
"Die Bauern. Kann man sie bewaffnen?"
Maik durchstöberte die Figuren, fand aber nichts, was als Markierung dafür diente, dass man etwas aufrüsten könnte.
Tendarion hob amüsiert die Mundwinkel. "Nein. Aber wenn sie das andere Spielfeld erreichen, kann man sie in eine Dame verwandeln."
"Was?"
"Geduld. Das hier ist der König. Er kann nur jeweils ein Feld ziehen. Wird er geschlagen, ist das Spiel vorbei."
"Warum? Verliert der Rest dann die Moral?"
"Das sind die Regeln dieses Spiels."
"Oh. Aber...warum setzt jemand den König auf das Schlachtfeld? Das ist doch unsinnig."
"Ein Spiel."
"Schon gut. Weiter."
"Die Dame hier kann in jede Richtung beliebig weit ziehen. Sie ist die flexibelste aller Figuren."
Der Krieger dachte an Königin Bryn, die das Königreich zusammenhielt und musste seinem Gefährten im Stillen recht geben: eine ehemalige Lehrerin, die ein Land im Bürgerkrieg in Abwesenheit des göttlich erwählten Königs regierte... er wollte nicht wissen, wie schwer ihre Last wog.
"Das hier ist ein Läufer. Er kann diagonal entlang der Farben seines Feldes ziehen, so weit du möchtest. Der Läufer, der auf dem weißen Feld steht, kann nur auf Weiß ziehen, und der auf dem schwarzen Feld nur auf..."
"..Schwarz. Verstanden."
Wieder stellte der blonde Elf die Figuren auf dem Spielfeld ab.
"Das hier ist der Turm. Er kann nur gerade ziehen, aber genau soweit wie der Läufer. Wobei natürlich eine gegnerische oder eigene Figur den Zug begrenzt."
"Warte. Wieso kann der Turm sich überhaupt bewegen? Und noch dazu so weit wie ein Läufer? Das ergibt keinen Sinn. Hat er wenigstens Belagerungsbrecher...?"
Tendarion blickte den anderen Elfen mit einer gehobenen Braue an.
"Verzeih. Weiter."
"Dies hier sind die Springer. Sie können nur in beliebiger L - Form vorrücken, dafür dürfen sie als einzige Figur alle anderen überspringen." Tendarion hielt die hübschen Rösser, die auf ihren Hinterläufen standen, hoch und platzierte sie dann auf ihren Feldern. "Ich traue mich kaum zu fragen... richten sie mit ihren Hufen hinter sich auch Schaden a.."
Ein weiterer Blick des Geweihten ließ ihn verstummen. Das hieß wohl nein. Wer sich diese Regeln ausgedacht haben mochte?
"Soviel zu den Regeln. Wir können beginnen."
"Wie, das war es?"
"Das sind die Regeln für jede Figur. Jeder macht einen Zug, wobei weiß anfängt, und das Ziel ist, den gegnerischen König zu bezwingen." "Das ist alles?"
"Ja. Man muss vorausplanen, erahnen, was der Gegner tun könnte und jenes kontern."
"Aber... das ist doch total unsinnig. Wo sind die Bogenschützen, die Belagerungswaffen, Festungen, Ritter, Magier? Geweihte, Priester, Dämonen... das ist nicht realistisch. Kein bisschen."
Tendarion ersparte sich eine Entgegnung und starrte den schwarzhaarigen Elfen nur nichtssagend an.
"..schon gut. Es ist ein Spiel. Verstanden." Maik kam nicht umhin, ein wenig zu schmollen. Was sollte er mit diesem Unsinn? War das nicht ein billiger Abklatsch der Realität?
"Maichellis." Tendarion sah ihn weiterhin ernst an, schien ihn, einmal mehr, mühelos zu durchschauen.
"Es ist ein Spiel, dessen Regeln die Schwierigkeit darstellen, nicht dessen Mangel an Realitätsnähe. Du musst mit den Regeln das Beste erreichen. Um mehr geht es nicht."
"Aus... nichts viel machen?"
Der andere Elf nickte.
"Gut... das müsste doch möglich sein. Lass uns spielen!"

_________________
Abt Arin Sperling, Geweihter Vitamas, Regenbogenspatz & lebendes Stimmungsbarometer: "darf ich das behalten?"
Maichellis Wanderstern, Sprecher der Fey'haim, Marschall a.D., Ehrenbürger der Baronie, Ordensmeister des Schwanenordens: "Sei ein Licht in der Dunkelheit."
Bürgerin Ines Schmitt, Prospektierchen& gutmütiger Proll: "Ohne Fleiß kein Preis!" - abgereist
Fyrjarlain: "Das wollt ihr wirklich anziehen...?"


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