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 Betreff des Beitrags: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 14.11.15, 02:07 
Ehrenbürger
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~ Venturia, Fürstentum Ossian, vor wenigen Wochen ~

"Konzentrier dich. Konzentrier dich."

Es hätte eine recht idyllische Szene sein können. Das gleichmäßige Prasseln des Regens dringt nur als leises Hintergrundrauschen durch die Wände der kleinen Behausung. Die Kälte der verregneten Carmarnacht wird vom wohligen Flackern der Feuerstelle in Zaum gehalten, und die leise knisternden Flammen tauchen den schlicht eingerichteten Raum in warmes, angenehmes Licht.

Aber Fyonn Sperling ist im Moment nicht unbedingt nach Idylle zumute - wie ein gefangenes Tier läuft er auf und ab, verharrt zwischendurch mehrmals neben seinem hoffnungslos überfüllten Schreibtisch, nur um dann gleich darauf seine unsteten Bahnen quer durch den Raum wieder aufzunehmen.

"Konzentrier dich, das kann doch nicht so schwer sein!" Dabei klatscht er mehrmals die Hände gegen die Schläfen, was natürlich keineswegs seinen Gedankenfluß anregt, sondern ihm nur zum unterschwelligen Pochen eines aufkeimenden Kopfschmerzes verhilft.

So unglaublich frustrierend ist die momentane Leere in seinem Kopf, vor allem wenn man bedenkt, daß er vor wenigen Stunden noch an eben jenem Schreibtisch gesessen hat und sich ohne jedwege Schwierigkeiten in die Rolle eines ruchlosen Schuldeneintreibers hineinversetzen hat können. Da hat er noch ohne mit einer Wimper zu zucken Drohungen zu Papier gebracht, über deren Durchführung er noch nicht einmal nachdenken möchte, geschweige denn, daß er jene jemals in die Tat umsetzen wollen würde.

Aber jetzt? Jetzt schafft er es nicht einmal mehr, sich in die Rolle seines dreizehn Götterläufe jüngeren Ichs hineinzuversetzen, um einen Brief an seine Eltern zu verfassen und ihnen mal wieder von seinem achso perfekten Leben vorzuschwärmen?

"Ganz ruhig, es ist nur ein Brief..." Und nach beinahe zwei vollen Dutzend Monden ist er ihnen diesen auch wirklich schuldig.

Mit einem aus tiefster Seele kommenden Seufzen läßt er sich wieder zurück auf seinen Stuhl sinken und greift mit einer Bestimmtheit nach seiner Schreibfeder, die er sich noch nichtmals selbst abkauft. Diese hält auch genau nur so lange an, bis sein Blick wieder auf das noch fast jungfräuliche Blatt auf der Tischfläche vor ihm fällt.

Zitat:
Die Viere zum Gruße!


Er schließt kurz die Augen, legt dann behutsam die Feder zurück, greift nach dem Schreiben - knüllt dieses wild schnaubend zusammen und wirft es in Begleitung derbster venturianischer Hafenflüche hinter sich in den Kamin. So kann er doch nicht allen ernstes einen Brief an seine Eltern beginnen!

"Fein... konzentrier dich auf deine Rolle." Er greift nach einem neuen Blatt, breitet dieses sorgsam vor sich aus und taucht die Spitze des Federkiels erneut in die Tinte. "Der kleine Fy, idealistisch, fröhlich, weltoffen... naiv... ein absoluter Vollid..." Nein, das trifft nun nicht unbedingt die Stimmung, die er eigentlich erzeugen möchte. Vielleicht ist ein Taktikwechsel angesagt: "Schafe... der Geruch von Heu... das leise Knarzen der Holzdielen... das Scharren der Hufe..."

Sein Blick schweift über die Bücher vor ihm. Was für einen Außenstehenden wie absolutes Chaos wirken muß, ist in Wirklichkeit ein fein säuberlich sortiertes System aus Konten - in jeweils eigenen Mappen getrennt nach Einnahmen und Ausgaben, Schuldigern und Schuldnern, Sachwerten und "Gefallen". Ganz anders als das lächerlich dünne Büchlein mit schlichten Eingangs- und Ausgangsvermerken, das ihm sein Vorgänger damals hinterlassen hat - und das seinem Arbeitgeber über die Jahre hinweg vermutlich ein kleines Vermögen an entgangenen Forderungen gekostet hat.

"Schafe, nicht Buchführung!" Frustriert wirft er die Arme über den Kopf. So wie er sich im Moment anstellt, könnte man meinen, er versuche gerade einen Friedensvertrag zwischen Cortan und dem Reich aufzusetzen, nicht ein kurzes Schreiben in die alte Heimat. Andererseits, es fällt nunmal nicht leicht, sich auf das schlichte Leben als Schafhirte einzustimmen, wenn man an einem Tisch voll mit Aufzeichnungen sitzt, deren Zahlen nicht selten Ausmaße weit jenseits dessen annehmen, was der jugendliche Fyonn damals als einen "gewaltigen Batzen Gold!" bezeichnet hätte.

Bei diesem Gedanken wandert eine seiner Augenbrauen langsam in die Höhe und er dreht den Kopf zur Seite, um einen langen, nachdenklichen Blick auf den schmuddeligen Teppich neben seinem Schreibtisch zu richten. Nur kurz zögert er, dann zuckt er resigniert die Achseln und greift nach einer seiner Kerzen, um diese an der kleinen Arbeitslampe zu entzünden. Er löscht die restlichen Lichter im Raum, schnappt sich Tintenfaß, Feder und Papier und breitet alles zusammen mit der Kerze auf dem Boden aus. Dann kniet er sich davor, so wie er es damals in der kleinen Bergbauernhütte getan hat, als ihm sein späterer Lehrmeister die ersten Schreibübungen aufgetragen hat.

"Das ist verrückt..."

Aber es funktioniert.

Zitat:
Liebe Mutti, lieber Vati!
(Und natürlich auch hallo an die gute Seele, die ihnen diesen Brief vorliest!)

Es tut mir leid, daß ich Euch jetzt schon so lange nicht mehr geschrieben habe, aber Ihr wißt ja, wie es in der großen Stadt zugeht. So viel Aufregung, so viel Hektik, da vergeht die Zeit wie im Flug.

Ich arbeite noch immer bei Herrn Torm. Er sagt, ich sei inzwischen einer seiner wichtigsten Mitarbeiter und ihm richtiggehend ans Herz gewachsen. Wer weiß, vielleicht darf ich irgendwann in seine Fußstapfen treten und sein Geschäft übernehmen. Die Probleme im Reich sind hier eigentlich kaum zu spüren, aber dafür kurbeln sie den Handel ordentlich an, ihr braucht euch also um mich keine Sorgen machen!

Auch in Sachen Kunst und Musik kann ich Mutti beruhigen, nach getaner Arbeit bleibt natürlich auch dafür noch genügend Zeit. Meine Freunde und ich sitzen am Abend oft zusammen in meinem Musikzimmer und geben uns den musischen Freuden des Lebens hin. Vor allem, seit Maraeih hier eingezogen ist, ist das Haus stets von Musik erfüllt. Sie läßt Euch übrigens ganz herzlich grüßen, sie schaut mir beim Schreiben über die Schulter und paßt auf, daß ich keinen Unsinn erzähle!

Wie geht es dem dreibeinigen Jungtier? Hat Vati sie wie geplant diesen Bellum eindecken lassen? Die Kohlezeichnung, die Ihr mit eurem letzten Brief mitgeschickt habt, hat uns übrigens wirklich gefallen. Der kleine Edhar hat wirklich Talent, man kann fast schon das flauschige Fell fühlen. Wobei, der "Kleine" muß ja inzwischen auch schon erwachsen sein, nicht wahr? Wie die Zeit vergeht!

Ach, und die Flasche, die diesem Schreiben beiliegt, müßt Ihr unbedingt mit dem Rest von Waid teilen. Das ist Hardhavener Rotgold, ein ganz außergewöhnlicher Tropfen, der bei unseren Kunden derzeit ganz besonders beliebt ist. Und falls der Bote sie nicht heil zu Euch gebracht hat, laßt es mich unbedingt wissen! Herr Torm duldet keine schludrigen Angestellten!

Das soll es aber für diesmal auch gewesen sein, ich verspreche aber, wieder etwas öfter zu schreiben. Paßt gut auf Euch auf, und auch die Götter mögen stets über Euch wachen.

In Liebe Euer Sohn,
Fyonn


Mit einem tiefen und überaus zufriedenen Seufzen richtet er sich auf und blickt auf sein Werk hinab. Durch den weichen Untergrund und die ungewohnte Körperstellung ist seine Schrift nicht ganz so perfekt wie sonst, wirkt dadurch aber auch bei Weitem lebendiger und verspielter. Und auch mit dem Wortlaut ist er diesmal zufrieden, nicht eine Spur seines üblichen Zynismus schwingt darin mit. Ja, nach dem dritten Durchlesen fühlt er sich sogar fast schon selbst geneigt, den ganzen Mist von Musikzimmern, engen Freunden und beruflichem Erfolg zu glauben...

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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 16.11.15, 21:21 
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~ Falkensee, Baronie Siebenwind, 15. Seker 26 n.H. ~

"Wo ist der Haken?"

Da nervöses Auf- und Ablaufen mit verletztem Bein nur mäßig ratsam scheint und die Sessel in der Leseecke der Falkenseer Bibliothek nach stundenlanger Inventurarbeiten ohnehin viel verlockender wirken, hat sich Fyonn nach getaner Arbeit in einen davon sinken lassen und trommelt nun unruhig mit den Fingern auf der Lehne herum.

"Welche Katastrophe erwartet mich nun wieder am Ende?" Er schnaubt leise in sich hinein und beugt sich zu dem kleinen Tisch nach vorne, auf dem er einen irdenen Krug mit passendem Becher abgestellt hat. Nach einem tiefen Schluck aus selbigem lehnt er sich wieder zurück und bläst erneut unruhig Luft zwischen den Lippen hervor.

Er geht ja nun nicht davon aus, von den Geweihten hinters Licht geführt worden zu sein - ganz so schwarz ist sein Weltbild dann doch nicht. Aber irgend etwas muß einfach schieflaufen, und wenn es nur die Stimme Astraels ist, die den Herrschaften während des Dunkelzyklus zuraunt, welch schlechte Idee doch die Beauftragung eines simplen Landstreichers mit den Aufgaben eines Archivars sei.

"Was hast du nun wieder mit mir vor?" Er prostet ein wenig spöttisch in richtung der Fenster, durch welche er hinter den Dächern der westlichen Schreine jenen der Herrin erraten kann. Wirklich, welch grausames Spielchen treibt sie mit ihm, daß sie ihm einen Tag wie diesen erleben läßt, mit all den guten Dingen, die er längst für sich verloren geglaubt hat? Alles ist viel zu perfekt verlaufen! Nun, zugegebenermaßen, daß ein wandelnder Toter zärtlich an ihm geknabbert hat war ein kurzzeitiger Rückschlag, aber...

Noch vor wenigen Wochen, erinnert er sich kopfschüttelnd zurück, mußte er sich mit Gewalt dazu zwingen, in die Rolle seines sechzehn Astrael jungen Ichs zu schlüpfen, während er sich heute nicht nur wieder wie der staunende, naive Bauerntölpel von damals gefühlt, sondern sich zeitweise auch wie dieser aufgeführt hat. Wann beispielsweise, bei der Herrin erdbeerroten Lippen, ist er zuletzt vor Scham errötet?

Er quittiert den Gedanken mit einem weiteren Schluck aus seinem Becher und einem neuerlichen Kopfschütteln. Nun, zumindest hat ihm das Ganze einen mehr als angenehmen Abend in für ihn ungewohnt freundlicher Gesellschaft beschert, auch wenn ihn die Vorstellung schmunzeln läßt, daß all dies nur die Folge eines kleinen Mißverständnisses sein mag. Wie hätte er auch wissen sollen, daß man ihn nicht etwa um Begleichung seiner Schuld bitten, sondern ihm nur noch mehr Unterstützung anbieten wollte?

Nachdenklich stellt er den Becher zurück auf den Tisch und läßt den Blick über einen Stapel Bücher schweifen, den er sich am Sessel daneben bereitgelegt hat. Auch wenn die Männer und Frauen der Kirche morgen früh zur Besinnung kommen sollten und man ihn in hohem Bogen rauswerfen würde, was hätte er dann wirklich verloren? Schlechter als am vorigen Tag würde es ihm dann auch nicht ergehen, allerdings wäre er dann immernoch um ein Bad, einen gefüllten Magen und die Lektüre der Bücher reicher.

"Fein, du hast gewonnen," murrt er leise, während er über die stilisierten Blätter und den aus dunklem Holz bearbeiteten Kelchanhänger seines Amulettes streicht. "Keine Sorgen mehr für heute, keine Befürchtungen, einfach nur den Abend genießen."

Also macht er es sich wieder bequem, bettet seine Oud in den Schoß und beginnt gedankenverloren dessen oberste Saite zu zupfen. Mit halb geschlossenen Augen fokusiert er sich auf das Nachschwingen der gespannten Tiersehne, fühlt das voluminöse Vibrieren im Inneren des Klangkörpers und lauscht dem langsam abklingenden Ton. Bevor dieser ganz verstummt, dreht er behutsam am Stimmwirbel und schlägt die Saite erneut an.

Nicht auf dem Instrument zu spielen heißt schließlich nicht, es in schlechten Zustand verkommen zu lassen!

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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 22.11.15, 07:25 
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~ Falkensee, Baronie Siebenwind, 20. Seker 26 n.H. ~

Die Kopfschmerzen sind unerträglich!

Fyonn liegt quer über die Tagesdecke seines Bettes ausgebreitet, sein Oberkörper hängt dabei über die Bettkante und die Oberseite seines Kopfes berührt sachte den Boden daneben. Während er sich mit kreisenden Handbewegungen die Schläfen reibt, wandert sein Blick durch den auf dem Kopf stehenden - und sich dabei sachte drehenden - Raum.

Vielleicht sind es ja die Nachwirkungen der namenlosverfluchten Nackenstarre von heute morgen, als er mit einem Buch auf dem Schoß am Boden der Bibliothek aufgewacht ist. Eventuell auch eine Folge dessen, daß er seit seiner überstürzten Abreise aus Venturia weder Zeit noch Gelegenheit zu einem ordentlichen Besäufnis gehabt hat. Oder aber die Geschehnisse der letzten Tage sind dann doch ein wenig über das hinausgegangen, was er sich nach seiner Überfahrt erwartet hat.

"Ja! Doch... das dürft's sein!" ächzt er leise, als sich der Raum wie als Antwort auf den letzten Gedanken schneller zu drehen beginnt und ihn somit zwingt, rasch die Augen zu schließen. Er verschränkt die Hände im Nacken und zieht sich mit einer kräftigen Bewegung wieder hinauf auf das Bett, wo er im Schneidersitz hocken bleibt und sich selbstmitleidigem Wimmern hingibt.

Nicht, daß er sich beklagen könnte, aber langsam übersteigen die Ereignisse sein begrenztes Fassungsvermögen dann doch. Innerhalb knapp einer Woche hat er zum ersten Mal in seinem Leben eine Elfensiedlung zu Gesicht bekommen, nach fünf Götterläufen endlich wieder einen Schrein der Lieblichen betreten, einige der am tiefsten vergrabenen Erinnerungen in die Welt hinausposaunt, die Inventur einer gesamten Bibliothek abgeschlossen... und dann nebenbei noch miterlebt, wie der Mann, dem er all das wohl zu verdanken hat, beinahe Galtors Geleit in Anspruch genommen hätte.

Nicht zu vergessen natürlich der Untote, der ihn zu seinem Festmahl auserkoren hat.

Kein Wunder, daß ihm vorhin am Tempel schwarz vor Augen geworden ist. Nach all den Götterläufen der Ruhe und Zurückgezogenheit während seiner Zeit als Buchführer droht ihn der scheinbar unversiegbare Schwall an neuen Eindrücken förmlich unkontrolliert mitzureißen. Auf eine generell positive Art und Weise, wenn man mal von diesem unsäglich hämmernden Kopfschmerz absieht!

Er dreht sich etwas zur Seite und läßt sich seufzend auf sein Kopfkissen fallen, dabei fest entschlossen, die nächsten Tage das Krankenbett zu hüten, und wenn es nur sei, um zumindest ein paar Zyklen der Ruhe genießen zu können. Doch als er die Augen wieder öffnet, liegt es direkt neben seinem Gesicht - das Buch, das er sich dreisterweise vorhin zur Abendlektüre eingesteckt hat. Im Grunde hat er es überhaupt erst schmunzelnd aus dem Regal gezogen aufgrund des Namens auf dem Einband. Als er dann jedoch die ersten Worte überflogen hat, ist er ins Grübeln gekommen, und mittlerweile hat er die Schrift bereits zum dritten Mal durchgearbeitet.

Das meiste davon ist bloß aufgeblähtes Kirchengeschwätz. Das typische gestelzte Gepredige von Ketzerei und Sühne und vom gerechten Zorn, und der Rest des ganzen stumpfsinnigen, leeren Geredes, mit dem er noch nie wirklich etwas hat anfangen können. Eine reine Verschwendung von teurer Tinte und guten Worten. Der Anfang aber, die Worte der Einleitung - Sätze teils, die noch nicht einmal mit dem eigentlich Thema des Schriftstückes in Zusammenhang stehen - haben etwas in ihm angerührt.

Ohne den Kopf vom Kissen anzuheben, schlägt er vorsichtig das Buch auf.

Zitat:
Unser aller Leben findet aber seine Erfüllung darin zu lieben, zu schaffen, zu helfen und zu hoffen.


Freilich, es ist ein Buch, das allen vier Wegen und deren Einheit gewidmet ist, aber dennoch zaubert der Satz auch diesmal wieder ein Schmunzeln auf sein Gesicht. Vieles hat er erwartet in dieser Schrift, aber nicht... das.

Zitat:
Wir können durch unser Leben und unsere Taten beweisen, dass wir Rückschläge und Belastungen aushalten können.


Das ist dann der Teil gewesen, bei dem ihm erstmals flau im Magen geworden ist.

Zitat:
Wir haben die Wahl untätig zu bleiben, aber wir können uns auch entscheiden zu handeln und uns vor den Göttern zu bewähren.


Und hier hat er das Buch dann beim ersten Lesen laut zugeschlagen. Diesmal, wie auch die Male zuvor, bleibt sein Blick jedoch lange daran hängen, nachdenklich und von einer inneren Zerrissenheit getrieben. Nun, zumindest bis sich wieder der fünffach verfluchte Kopfschmerz zurückmeldet, in all seiner grausamen Pracht.

Also läßt er den Einband wieder zuklappen, rollt sich ächzend auf den Rücken und bedeckt seine Augen mit dem Rücken der rechten Hand.

"Proaktiv. Fein. Schreibstunde morgen in deinem Schrein. Und im Gegenzug... kein Kopfweh beim Aufwachen!"

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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 22.11.15, 22:19 
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~ Falkensee, Baronie Siebenwind, 22. Seker 26 n.H. ~

"... glänzte gülden,
Ward von edler Gestalt.

Der Wald doch, so hört,
Ward von Kälte geplagt,
Eis und Schnee überall,
Manch Getier schon verzagt."

Fyonns Handfläche legt sich sanft auf die Saiten der Oud, um diese zum Verstummen zu bringen. Wirklich überzeugt ist er nicht vom Klang der letzten Zeile, allerdings sind es mehr die Töne seines Instrumentes, die leichte Sorgenfalten auf seiner Stirn hinterlassen.

Freilich hat er nicht erwartet, diesen kurzen, ach so süßen Moment so bald schon wiederholen zu können, als Ihre Gabe zum ersten Mal wieder frei und ungehindert durch ihn geströmt ist. Warm und wohlig, und doch als Flutwelle, die ihn mitgerissen und in ihren Wogen ertrinken hat lassen. Ihm den Boden unter den Füßen weggezogen und ihn wie ein Blatt im Wind hat tanzen lassen, wild Pirouetten schlagend, dabei aber stets dem warmen Licht der Felascheibe entgegen.

Plopp, plopp... Rasch wischt er die salzigen Tropfen vom Klangkörper des Instruments.

Ob Schwester Galdiell bewußt ist, was sie gestern ausgelöst hat? Die Sehnsucht, welche ihr Harfenspiel, ihre offenbar von der Herrin selbst geleiteten Finger, tief in ihm geweckt haben? So schmerzhaft und quälend und schön und voller Hoffnung - all die zerrissenen Gefühle, die er so viele Götterläufe lang hinter der Maske aus Verwahrlosung, Gottlosigkeit und buchführerischer Pingeligkeit hat verstecken können - vor allem natürlich vor sich selbst.

Er merkt erst nicht, wie er unbewußt die Saiten berührt, mit seiner Rischa sachte das Wiegenlied zupft, mit dem die Geweihte ihn gestern aus seiner Verzweiflung gerissen hat. Wie schon zuvor im Schrein fällt es ihm leicht, den Saiten die richtigen Töne zu entlocken, und doch fehlt ihm heute die Leichtigkeit, die ihn gestern in seinem Spiel getragen hat. Seinen Fingern wohnt nach all der langen Zeit immernoch die Erinnerung an die richtigen Positionen inne, doch sie sind steif und verkrampft. Töne wie auch Rhythmus folgen der Vorgabe, fehlerfrei, perfekt - ZU perfekt. In seinem Spiel sind keine Höhen und Tiefen, die Melodie klingt stumpf, absolut hohl, vollkommen ohne Leben. So wie in den letzten Monden seiner Ausbildung, als seine Finger flink und doch nur rein mechanisch über die Saiten geflogen sind.

Dennoch spielt er weiter, geht langsam in eine endophalisch angehauchte Version eines Kinderliedes über, dem Beispiel der Geweihten folgend. Auch wenn sie nur eine bloße Kopie von Galdiells Darbietung sind, die kleinen Variationen und verspielten Details wecken seine Hoffnung, als die Melodie zu jenem heimatlichen Wanderlied übergeht, welches ihm sein Vater beim ersten Almauftrieb vorgesungen hat. Wie schon bei den beiden ersten Stücken ist er sich sicher, daß es göttliche Eingebung sein hat müssen, welche die Geweihte ausgerechnet dieses Lied hat spielen lassen.

Da! Je mehr sich seine Gedanken von den Saiten selbst abwenden, desto weniger steif klingt die Melodie - hier ein verspielter Triller zwischendurch, da eine leichte Variation in der Betonung. Und dann muß er plötzlich auflachen, als er merkt, daß sich sein Spiel dem Rhythmus der beständig auf das Holz trommelnden Tränen angepaßt hat.

Hastig reibt er das Instrument mit seinem Hemdsärmel trocken, der magische Moment unwiderruflich gebrochen, und doch stiehlt sich ein Lächeln auf seine Lippen. Es ist nur ein erster Schritt auf einem langen, langen Weg.

Aber es ist ein Schritt.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 24.11.15, 08:49 
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[OOC: Der Eule gewidmet - da, bitteschön, Morsi-Vitami! :mrgreen: ]

~ Venturia, Fürstentum Ossian, irgendwann im Triar 26 n.H. ~

"Herr Sperling, auf ein Wort?"

Fyonn war an jenem Tag auf dem Rückweg von geschäftlichen Verhandlungen, die seiner Meinung nach alles andere als in den gewünschten Bahnen verlaufen waren. Entsprechend verstärkt war der Drang, die wohlbekannte Stimme hinter sich schlicht zu ignorieren, zu tun, als hätte er die Worte garnicht erst vernommen.

Nicht, daß er dies nicht in den letzten Götterläufen schon das ein ums andere Mal versucht hätte, stets mit demselben unbefriedigenden Ergebnis. Entsprechend verlangsamte er auch diesmal frustriert die Schritte, ohne sich jedoch umzudrehen.

"Wenn es um die Preissenkungen geht, dann muß ich Euch leider enttäuschen." Natürlich ging es nicht darum, aber dennoch war es wohl einen Versuch wert. "Solange Eure Mitglieder mir nur Ware bringen, welche die Tinte nicht wert ist, mit welcher ich sie in den Büchern verzeichnen muß, kann ich ihnen nicht mehr Entlohnung bieten."

"Aber Herr Sperling, Ihr wißt doch genau, daß ich nicht im Namen der Gilde an Euch herantrete!" Freilich nicht, dafür hatte die Gilde ja ihre Schläger. Und Attentäter. Vielleicht auch den ein oder anderen Foltermeister.

Fyonn versuchte sich garnicht erst an einem freundlich Lächeln, wandte sich stattdessen nur betont langsam um und bedachte den hartnäckigen Hochelfen mit einem mehr als grimmigen Blick. Der adrette Blondschopf war wie üblich in recht schlichte Kleidung gehüllt, welche ihn im Grunde nicht aus einer Menge hätte hervorstechen lassen, wäre sein langes Hemd nicht in den auffälligen Farben der Göttlichen Mutter gehalten gewesen.

Der Geweihte erwiderte den Blick seinerseits mit einem geduldigen Lächeln. "Wir haben Euch heute bei der Messe vermißt." Heute und jede einzelne Woche in beinahe nun fünf Jahren, und dennoch schien er dieses Satzes nie überdrüssig zu werden, egal wie oft Fyonn ihm bei Gesprächen wie diesem die kalte Schulter zeigte.

"Ich frage mich ja langsam, seid Ihr immer so hartnäckig bei dem Versuch, neue Schäfchen für Eure Gemeinde anzuwerben?" Dabei stierte er unverhohlen auf den grauen Stoff um den Hals seines Gegenübers, ein schlichter einfarbiger Schal mit den aufgestickten Umrissen eines Raben als einzige Verzierung. Sein Blick war wie gefesselt, nicht weil der Anblick des Kleidungsstücks am Hals eines Geweihten der Herrin ihn irritierte - nach all den Jahren war er diesen ja inzwischen gewohnt - sondern weil das Stück Stoff eben begonnen hatte, sich ganz ohne Zutun seines Trägers in Bewegung zu setzen.

"Nur wenn ich denke, daß ein Schäfchen sich verlaufen hat und alleine den Weg nicht mehr nachhause findet." Eine kleine, rosige Nase kam unter dem Schal zum Vorschein, dann kletterte die dazugehörige Ratte darunter hervor, verschwand einen Moment lang im Nacken des Elfen, um dann gleich auf der anderen Seite neugierig den Kopf in den Wind zu strecken. Der Geweihte schenkte dem Treiben auf seinen Schultern keine Beachtung, seine eisblauen Augen ruhten nur weiterhin geduldig auf seinem Gesprächspartner.

"Fein, das bin dann wohl nicht ich!" Fyonn deutete mit überzogen gespielter Freude über die Schulter. "Wißt Ihr, hier gleich rechts, am Lagerhaus vorbei - und schon hab ich den Weg nachhause gefunden!"

Der elfische Götterdiener bedachte ihn daraufhin nur mit seinem üblichen ruhigen Lächeln und dem abwartenden Schweigen, das stets bei Fyonn den unstillbaren Drang auslöste, die Stille zwischen ihnen mit eigenen Worten zu füllen. Statt aber der Versuchung nachzugeben, seine Lebensgeschichte und seine tiefsten Wünsche und Ängste hinauszuposaunen - inzwischen war er sich fast sicher, daß da irgendeine Art elfischer Magie dahinterstecken mußte - reagierte er wie meist in dieser Situation:

"Habt Ihr wirklich nichts besseres zu tun, als mich von der Arbeit abzuhalten?" Normalerweise würde er sich eine solche Respektlosigkeit einem Geweihten über niemals herausnehmen - ob nun in seiner Rolle als Rüpel oder nicht - doch nach all der Zeit wußte er, daß ihm der Hochelf dies nicht übelnehmen würde. Genau das war ja das Problem - egal welche schauspielerischen Geschütze er auch auffuhr, der Kirchenvertreter hatte sich von anfang an nicht davon täuschen lassen.

Fyonn seufzte.

"Wirklich..." Er zog seinen Hut, beugte sich in einer leicht übertriebenen Verneigung und schickte sich dann an, seinen Weg wieder fortzusetzen. "Ich erwarte heute noch eine Lieferung der Gilde, die verifiziert und katalogisiert werden möchte. Wenn Ihr mich also entschuldigt?"

Zur Antwort erhielt er ein weiteres Lächeln, dann legte der Geweihte eine Hand auf die Brust und neigte den Kopf etwas nach vorne zum Gruß. "Freilich doch, Herr Sperling. Wir sehen uns dann nächste Woche im Schrein."

Fyonn schnalzte mit der Zunge und grummelte nur im Gehen: "Nicht in diesem Leben."

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~ Falkensee, Baronie Siebenwind, 23. Seker 26 n.H. ~

"... und Lindha rammt ihm das Knie in den Schritt mit den Worten >Ich kann schon auf mich selbst achtgeben!<" Fyonn hebt grinsend seine Flasche an, prostet der Statue im falkenseer Vitamaschrein fröhlich zu und nimmt dann einen weiteren Schluck.

Es ist ein Ritual, das er sich einst während seiner Ausbildung angeeignet hat, als er mit seinem Lehrmeister von Dorf zu Dorf gezogen ist, je kaum länger denn ein bis zwei Tage am selben Ort. Wann immer sie damals in eine Stadt mit einem größeren Schrein der Herrin gekommen sind, hat er sich dort niedergelassen und Ihr von den Erlebnissen auf seiner Reise erzählt.

Diesmal hat er fünf Götterläufe nachzuholen...

Am Ende seiner Erzählungen erhebt er sich schließlich seufzend. Die leer Flasche wandert zurück in seine Umhängetasche, stattdessen liegt einen Moment später eine Schriftrolle in seiner Hand. "Wie versprochen, mein Friedensangebot." Mit einem Lächeln legt er das zusammengerollte Notenblatt neben das Liederbuch am Fuße der Statue.

"Nicht unbedingt eines meiner besten Werke, aber ich hoffe, du verzeihst mir."


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 27.11.15, 18:53 
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~ Falkensee, Baronie Siebenwind, 26. Seker 26 n.H. ~

>Vergiß aber nie den Mann, der hinter der Rolle steht, mit der du deine Mitmenschen bezauberst.<
Selbst nach all den Jahren klingen die Worte von Rhajiendaim Marh Hasleth, u Luht-Pa'Los klar und deutlich in seinen Gedanken nach.

Fyonn Sperling, der Archivar der Bibliotheken zu Brandenstein und Falkensee, blickt ihm aus der spiegelnden Oberfläche entgegen, ein schüchterner junger Mann mit einer unverkennbaren Liebe zum geschriebenen und gesprochenen Wort. Die unter einem weiterhin recht wild gewachsenen Bart versteckten Lippen - er macht eine gedankliche Notiz, das demnächst zu ändern - sind zu einem offenen und freundlichen Lächeln geformt und in den Augen leuchten Neugier und Tatendrang.

Und wer ist nun der Mann hinter der Rolle? Nach dem Gespräch eben in der Bibliothek hat er sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder diese Frage gestellt, immer und immer wieder.

Seine Mundwinkel wandern nach unten und die Augenbrauen tun es ihnen gleich, verziehen sich zu einem mißbilligenden Gesichtsausdruck, das absolute Ebenbild des Mannes, der vor zwei Wochen - oh Herrin, waren es wirklich bloß zwei Wochen? - die Insel betreten hat. Ein leises Murren, und schon ist es Herr Sperling, der Buchhalter von Torm Fünffinger, der den Spiegel des Bibliothekarszimmers unter dem Hospiz ausfüllt.

Allerdings nicht für lange, dann verzieht sich sein Gesicht zu einem amüsierten Schmunzeln. Nein, von dieser Rolle ist wohl nichts weiter übergeblieben denn das Verlangen nach Ordnung und Sauberkeit in seinen Schriftstücken. Und er vermißt ihn nicht im Geringsten, den zynischen, desillusionierten Herrn Sperling, dessen einziges Bestreben es gewesen ist, irgendwie über die Runden zu kommen.

Wer auch immer der Mann hinter der Rolle ist, er hat mehr mit dem Archivar gemein denn mit dem Buchführer.

>Was ist es, was du vermißt?<
Gesellt sich eine weitere gedankliche Stimme hinzu, und auch diese Frage hat ihn in den letzten Stunden durchgehend beschäftigt.

Er weiß, daß er tief drinnen irgendwo die Antwort auf diese Frage kennt, sonst könnte ihm sein Unterbewußtsein nicht vehement einflüstern, daß er sein Ziel nie erreichen könne. Doch Tendarion hat natürlich recht gehabt, er hat Angst vor der Antwort und deren Konsequenzen, und seine geliebten Bibliotheken bieten im mehr denn genug Arbeit, um ihn noch eine ganze Weile davon abzulenken.

Mit einem Achselzucken wendet er sich von seinem Spiegelbild ab in der Absicht, sich eben jenen Schreibarbeiten zu widmen, dabei fällt sein Blick allerdings auf seine gemütliche Lese-Schreib-Plauderecke. Auf dem Tisch liegt ein offenes Buch, ein massiver Wälzer aus Ziegenleder mit hübsch gearbeitetem Einband. Die meisten Seiten sind noch leer, nur ganz am Anfang finden sich zwei Einträge, beide mit filigranen Zeichnungen versehen.

Das Gespräch in der Bibliothek hat nicht nur viele Fragen aufgeworfen, sondern auch den ein oder anderen Gedanken geweckt, der nun unterschwellig in ihm glimmt - einem davon entspringt der Wunsch, die schlimmen Erfahrungen während seiner Ausbildung in etwas Positives umzuwandeln.

Ursprünglich ist das Buch als illustriertes Gebetsbuch geplant gewesen, eine schlichte Ansammlung der bekanntesten Gebete zu Ehren der Lieblichen, mit hübschen Bildern versehen - analog zu den Laudes Dei Abschriften, die er für das kommende Dunkeltief fertigt. Das neue Konzept ist allerdings ein wenig gewagter - nicht mehr die offiziellen Gebete will er darin festhalten, sondern die Gebete derer, die ihn damals am tiefsten berührt haben. Gebete verfaßt von jenen, die Vitama aus einem gänzlich anderen Blickwinkel und doch mit derselben Hingabe verehren - den Bettlern, Dieben, Huren Tares.

Nicht, weil er den Elfen nochmal auf die Mißstände des Festlandes hinweisen will - im Nachhinein ärgert es ihn gehörig, vorhin nicht widersprochen zu haben, als es um "Versagen" ging. Warum hat er genickt, hat er seine Lektion nicht schon beim letzten Gespräch gelernt? Wie kommt es, daß sein Verstand inzwischen akzeptiert, daß niemand versagen kann, solange er sein Bestes tut, selbst wenn das Ergebnis am Ende nicht befriedigend ausfällt - und daß er dennoch nicht widersprochen hat, weil ihn vom Gefühl her immernoch dieselben Ängste plagen wie damals?

Nein, im Grunde will er eben das Gegenteil erreichen, aufzeigen, wie tief der Glaube an die gütige Herrin auch unter jenen verwurzelt ist, die Leid und Schmerz ertragen müssen. Und auch wenn er sich darüber im Klaren ist, wie nah er sich am Rande der Ketzerei bewegt - wenn nicht gar schon mittendrin - gibt es nun kein Zurück mehr. Das Buch, ursprünglich als schlichtes Geschenk an jemanden gedacht, den er hofft irgendwann offen Freund nennen zu dürfen, ist inzwischen so viel mehr geworden. Ein Versuch die Mutter Göttin in all ihren zahlreichen Facetten zu erfassen, tiefer zu gehen denn bloß das oberflächliche Rezitieren der offiziellen Gebete. Vielleicht auch ein Versuch, das Gesehene zu verarbeiten, das er so viele Götterläufe lang in den hintersten Winkeln seiner Gedanken vergraben hat.

Was allerdings nicht bedeutet, daß das Schriftstück seine Bedeutung als Geschenk eingebüßt hätte. Mehr denn je ist er entschlossen, ein Buch zu schaffen, das der Empfänger später immer wieder mit Freude aufschlagen und lesen würde.

Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen streicht er über die geöffnete Seite. Das Gebet einer mittellosen Frau, die nach dem Tod ihres Mannes mehr schlecht denn recht versucht hat, ihre Kinder großzuziehen - und dennoch die Herzensgüte aufbringen hat können, Fyonn und Meister Rhajiendaim in ihr bescheidenes Heim einzuladen. Ein Gebet, das kaum weiter von den Texten der Kirche entfernt sein könnte, und das ihn doch damals so sehr berührt hat.

Zitat:
Herrin, ich hab Dich um einen hübschen Mann angefleht.
Stattdessen hast Du mir einen alten Säufer geschenkt.

Herrin, ich hab Dich um Gesundheit angefleht.
Stattdessen hast Du mein Bein verkrüppeln lassen.

Herrin, ich hab Dich um Wohlstand angefleht.
Stattdessen hast Du mir so viele hungrige Mäuler geschickt.

Herrin, ich hab Dich um rauschende Feste und Nächte der Lust angefleht.
Stattdessen hast Du mir schlaflose Nächte an den Betten der Kinder beschert.

Herrin, ich danke Dir aus tiefstem Herzen,
Denn Du hast mich mit einem Mann beschenkt, der mich stets zum Lachen gebracht hat,
Mit Kindern, die mir die größte Last abnehmen,
Mit Stunden wahrer Freude und Zufriedenheit im Kreis meiner Familie.

Herrin, ich danke Dir, daß Du mir wahren Reichtum hast zukommen lassen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 30.11.15, 07:05 
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~ Falkensee, Baronie Siebenwind, 30. Seker 26 n.H. ~

Auf die Gefahr hin, sich zu wiederholen: Der Kopfschmerz ist unerträglich!

Des morgens hat der Archivar das Gesicht tief in sein Kopfkissen vergraben und murrt leise in selbiges hinein. Er hat kaum noch Erinnerung daran, was gestern abend passiert ist, nachdem er sich an Schwester Galdiells Tisch gesetzt hat, aber was auch immer es gewesen ist - es muß mit jeder Menge Alkohol in Verbindung gestanden haben.

Ein verschlafener Blick hinüber zu seiner Umhängetasche verrät ihm, daß er sich vorhin nicht geirrt hat: Jemand hat ihm ein feines Katerfrühstück hinterlassen, was bedeutet, daß er sich wohl nicht alleine des abends im heimischen Zimmer hat vollaufen lassen - und das wiederum heißt, daß seine schlimmsten Befürchtungen sich bewahrheiten könnten: Nicht all die wirren Erinnerungen, die ihm zwischen pochender Stirn und Übelkeit durch den Kopf schwirren, sind gezwungenerweise einem schlechten Traum entsprungen.

"Fassnwirzusammen..." brummelt er leise vor sich hin, während er sich vorsichtig, ganz vorsichtig in eine sitzende Position aufrichtet und nach dem Glas mit gerollten Fischen greift.

Zuckerschnutenelfchen... sprechende Katzen... Zwergenzwillinge... und das unbändige Verlagen, sich an Mama Rodrik zu kuscheln.

Unter kläglichem Stöhnen schiebt er sich eine ganze Rolle Fisch in den Mund und beginnt zu beten, daß zumindest letzteres nur ein Traum gewesen ist.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 3.12.15, 13:20 
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~ Falkensee, Baronie Siebenwind, 3. Sekar 26 n.H. ~

Im oberen Teil des Schreines der Lieblichen regt sich etwas. Mit verschlafenen Augen und einem nur mäßig unterdrückten Gähnen kriecht der Archivar unter einer kuscheligen Felldecke hervor und schaut sich einen Moment lang desorientiert um. Dann kehren langsam die Erinnerungen an den vergangenen Abend zurück und sein Blick wandert hinüber zu einem menschlichen Bündel am anderen Ende des Schreins.

Zweifel überkommen ihn kurz, ob er richtig gehandelt hat - wäre es nicht seine Pflicht vor der Herrin gewesen, auf seinem Hilfsangebot zu beharren? Hat er zu viel Zeit mit den Recken des heiligen Schwertes zugebracht daß er Ehrgefühl über körperliche Bedürfnisse gestellt hat?

Seufzend zieht er die Knie an und hockt nachdenklich inmitten der weichen Decken und Felle, den Blick weiter auf sein "Sorgenkind" gerichtet. Soll er frische Salbe für die Brandwunden holen? Aber was, wenn sie inzwischen aufwacht und feststellt, daß er sein Versprechen nicht gehalten hat - daß er den Schrein verlassen und sie allein zurückgelassen hat? Nein, das wird wohl warten müssen, bis sie aufgewacht ist.

Er selbst findet den heilsamen Schlaf im Moment nicht wieder - die wenigen Stunden, die er auf den Fellen zusammengerollt verbracht hat, haben die ärgste Müdigkeit nach den Geschehnissen des gestrigen Tages gelindert, aber wann immer er jetzt die Augen schließt, sieht er die Szenen vor seinem inneren Auge wieder. Der tosende Sturm vor der Burg, der drohte ihn von den Beinen zu reißen, der unbändige Zorn in den Augen des Dieners Khalebs, die klaffende Schußwunde und der starre Blick des Kommandanten und der blutige Verband des jungen Bellumanhängers.

So sehr er auch versucht, sich die Worte Tendarions in Erinnerung zu rufen, keimen wieder die alten Zweifel in ihm auf. Hätte er etwas tun können? Mehr als nur eine Schüssel Wasser holen, an der Tür Wache halten und hinter dem Elfen aufräumen?

Schnell schüttelt er den Kopf. In solchen Fällen kann er wohl nicht viel mehr tun, als im Weg herumstehen - aber vielleicht ändert sich dies ja am Endtag, mag sein, daß er irgendwann sogar Tendarion mehr zur Hand gehen kann als mit einfachen Hilfsdiensten. Und vielleicht, ja vielleicht, wird er eines Tages...

Der Gedanke verflüchtigt sich so schnell, wie er aufgekommen ist, und Fyonns Blick wandert unvermittelt zu der auf die Felle gebetteten Oud hinüber. Wie kann er ernsthaft darüber nachdenken, die zarte Kraft der Klänge zur Unterstützung anderer einzusetzen, wenn ihm doch selbst der Zugang zur einfachen Musik noch immer verwehrt ist?

Obwohl... sachte greift er nach dem Instrument und zieht es behutsam in seinen Schoß. Ein kurzer Blick und die Andeutung eines Lächelns hinüber zu der jungen Frau, dann beginnt er die Melodie des Avindhrell Liedes zu zupfen, leise nur, um sie nicht zu wecken. Sein Spiel ist wie jeher - perfekt gezupfte Töne, fehlerfrei gespielter Rhythmus, technisch fernab jeder Kritik... und dabei stumpf und leer und mechanisch. Aber zum ersten Mal seit langem stört er sich nicht weiter daran.

Er hat versprochen, das Lied nochmals für sie zu singen, und er wird sein Versprechen halten.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 6.12.15, 05:42 
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~ Falkensee, Baronie Siebenwind, 5. Sekar 26 n.H. ~

Die Entscheidung ist gefallen.

Selbst die kleinsten Zweifel, die nach dem beständigen Auf und Ab der letzten Wochen noch bestanden haben, sind mit dem gestrigen Tag endgültig ausgeräumt. Das Gespräch im Schrein früh morgens - oder spät in der Nacht, je nach Standpunkt - hat so viele alte Erinnerungen aufgewirbelt, ihn in Rollen hineingedrängt, in die er nie wieder hat schlüpfen wollen.

Und dann, als er sinnbildlich verblutend am Boden einer tiefen Schlucht gelegen ist, hat ihn sich Tendarion auf den Rücken geschnallt und wieder nach oben getragen - ebenfalls rein metaphorisch gesprochen, natürlich.

Er dreht und wendet den Kopf nach rechts und nach links, streicht prüfend über seine Wangen, während er sich selbst im Spiegel betrachtet.

Die nächsten Wochen werden wohl recht interessant werden. Drei Rollen gleichzeitig spielen, das ist wohl selbst für einen Virtuosen eine Herausforderung, und als solchen würde er sich ja nun nicht unbedingt bezeichnen. Dennoch - und hier deutet er vergnüglich eine Verbeugung vor dem Spiegel an - wird er sein Bestes geben, eine herausragende Darbietung abzuliefern.

Zuvor aber gibt es noch etwa Wichtiges zu erledigen. Und wie schon eingangs erwähnt, die Entscheidung ist gefallen: es wird Zeit zu handeln!

Die leere Schüssel, die er sich kurzerhand aus dem oberen Stockwerk geliehen hat, platziert er sorgsam neben seiner üblichen Waschschüssel, die mit reinem Wasser aus dem Brunnen frisch befüllt ist. Dann greift er nach dem Kessel, zieht diesen vom Ofen in der Ecke seines Raumes und läßt das warme Wasser mit einem vergnügten Summen auf den Lippen in die leere Schüssel laufen. Ein sauberes Tuch wird kurzerhand in das leicht dampfende Wasser getaucht und dann direkt auf sein Gesicht gedrückt.

Einen Moment lang fühlt es sich an, als würde die Flüssigkeit ihm die Haut von den Knochen brennen wollen, dann aber breitet sich bloß noch die wohlige Wärme in seinem Gesicht aus und er läßt das angenehme Prickeln auf sich wirken.

Als er das Tuch wieder herunter nimmt, ist sein Gesicht leicht gerötet und die Poren sind weit geöffnet. Mit einem zufriedenen Nicken greift er nach seiner Seife, taucht diese kurz ins warme Wasser und beginnt dann, eine ordentlich schäumende Schicht in seinem Gesicht zu verteilen. Ein Schmunzeln kann er sich nicht ganz verkneifen, als ihm am Ende aus dem Spiegel ein Mann mit weißem Flauschebart entgegenblickt.

Und dann folgt der heikle Part.

Ein wenig unsicher ist er sich schon anfangs, hat sich doch seine Gesichtspflege in den letzten fünf Götterläufen darauf beschränkt, überschüssiges Barthaar ohne viel Aufsehens mit einer Schere abzuschneiden, ehe dieses dazu ansetzen konnte, ihm beim Schreiben in die Quere zu kommen. Entsprechend unruhig setzt er die ersten Bewegungen an, mit denen er die scharfe Klinge seines Dolches über die sorgsam gestraffte Haut zieht.

>Na, wenigsten...< denkt er sich dabei, >...weiß ich seit gestern was zu tun ist, wenn was schiefläuft!<

Vorsichtig arbeitet er sich voran, erst mit dem Strich, dann dagegen. Erstaunlicherweise stellt er sich trotz der fehlenden Übung nicht halb so ungeschickt an wie befürchtet, selbst um die Narbe herum läßt sich die Klinge problemlos führen, und wenig später steht er auch schon mit kritischem Blick vor dem Spiegel und begutachtet sein Werk.

"Hm..." Die Lachfalten um die Mundwinkel herum sind vielleicht ein wenig tiefer geworden und die sonnengegerbte Haut ist nicht mehr die eines jungen Burschen, aber alles in allem ist es ein altbekanntes Gesicht, das ihm da vergnüglich zugrinst.

"Hallo Sperling," murmelt er seinem Spiegelbild amüsiert entgegen. "Schön, dich mal wieder zu sehen."


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 16.12.15, 14:50 
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Der Barde schlurft durch die Straßen Falkensees, ziellos, ständig unmotiviert die Richtungen wechselnd. Er weiß nicht, wo es ihn hintreibt, nur daß er weiter gehen muß, nicht aufgeben, immer weiter. Eine Windbö peitscht ihm ins Gesicht und er zieht den Umhang fester um sich, hustet dabei trocken. Ach ja, der Husten, den hätte er beinahe vergessen. Warum nochmal ist er draußen im Schneeregen unterwegs, trotz der Erkältung?

"Spatz!" Er kennt die Stimme, kann sie einen Moment lang aber nicht zuordnen. Und auch die Sprecherin kann er nirgends entdecken, sind die Straßen der Stadt doch gespenstisch leer. "Spatz, hier drüben!"

Der heftige Wind verbläst die Worte in alle Himmelsrichtungen und selbst das geschulte Ohr des Musikanten kann nicht erkennen, woher die Stimme zu ihm dringt. Ein Wink des Schicksals ist es wohl, daß er ausgerechnet zu jener Häuserecke läuft, hinter welcher er die Gestalt schließlich erblickt. Lindha hat die Arme in die Hüften gestemmt und schenkt ihm eins ihrer üblichen spöttischen Halblächeln.

"Du hast noch immer die Auffassungsgabe eines Steins." Sie deutet auf die Straße, genauer gesagt auf den Stein, dessen harte Oberfläche sich eben schmerzhaft gegen Fyonns großen Zeh stemmt. Der Archivar strauchelt, hängt für den Bruchteil eines Herzschlages in einer unmöglichen Position schräg in der Luft und kracht dann unaufhaltsam auf den harten Steinboden.

Sein Zeh schmerzt und irgendetwas hält ihn davon ab, sich wieder aufzurappeln, aber seine Gedanken sind im Moment mehr bei ihren Worten als bei seinem unglücklichen Sturz. Ziemlich sicher ist er sich, daß sie nicht von der Unaufmerksamkeit gesprochen hat, die ihn hat stolpern lassen. Vor seinem inneren Auge sieht er stattdessen diesen letzten Abend in Venturia vor sich, ihre zusammengekniffenen Augen mit dem verletzten Flackern darin. Ihre Lippen, die sich in einem ersten, und gleichzeitig auch letzten Kuß kurz auf die seinen gelegt haben - wenige Stunden bevor ihr Verrat sein altes Leben zerstört hat.

"Nein, schon in Ordnung," meint sie mit einem wenig freundlichen Lächeln auf den Lippen, während er sich der unbekannten Kraft zum Trotz langsam wieder auf die Beine hochdrückt. "Ich weiß ja, du hast Besseres zu tun!" Dabei deutet sie an ihm vorbei hinüber, dort zu der Straße, die vom Markt kommt, wo eine alte Frau verzweifelt auf den Knien rutscht und versucht, die auf dem Pflasterstein verteilten Einkäufe wieder aufzusammeln.

Als er den Blick wieder zurück auf seine alte Freundin richten will, fällt dieser nur auf eine leere Straße - sie ist verschwunden, flink und lautlos wie eh und je. Er gibt sich einem leisen Seufzen hin, hat er es doch schon wieder nicht geschafft, sie festzuhalten. Aber wie sie eben gesagt hat: Er sollte eigentlich Besseres zu tun haben, als über verschüttete Milch zu jammern. Also sinkt er hastig neben der alten Frau wieder auf die Knie und setzt dazu an, ihr beim Aufsammeln zu helfen.

"FINGER WEG!" kreischt die Alte und schlägt ihm mit ihrem Gehstock schmerzhaft auf die ausgestreckte Hand. "Du willst dich ja nur an meinem Kuchen vergreifen, du fünffachverseuchte Pestbeule!"

Plitsch, plitsch, zerplatzen die ersten Tränen auf dem kalten Stein, während er mit zittriger Hand nach den auf dem Boden verteilten Lebensmitteln greift, dabei geflissentlich die Pusteln und grünen Schlieren auf seinem Handrücken ignoriert. "Ich will Euch nichts Böses, ich will nur helfen," flüstert er mit krächzender, heiserer Stimme.

"Helfn, eh? Versoffner Verräter!" Ein schwerer Stiefel tritt gegen seine rechte Seite, während der Stock der Alten gleichzeitig gegen seine linke prallt. Der Schmugglerbaron spuckt angewidert auf ihn herab, und einen Moment später kann er die kühle Klinge an seinem Hals fühlen und Lindhas kalten Atem an seinem Ohr. "Du hilfst nicht, Spatz, alles was du angreifst, zerfällt zu Staub."

Wie auf Kommando beginnen die Einkäufe zwischen seinen Fingern hindurch zu rieseln, und als er mit tränennassen Augen aufblickt, wir die Alte von einem kräftigen Windstoß erfaßt und in einer Unzahl feinster Staubkörnchen in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Und noch ehe er reagieren kann, zerstieben auch der Schmuggler und die junge Frau mit zu einem lautlosen Aufschrei verzogenen Gesichtern.

Schwarze, gallertartige Leere beginnt höhnisch an seinem verletzten Zeh zu lecken, sich dann über seinen Fuß hinaufzuarbeiten, langsam aber unaufhaltsam seinem Herzen entgegen. Doch er hat einfach nicht mehr die Kraft, sich dagegen zu wehren, was die körperliche Erschöpfung ihm nicht schon an Energie geraubt hat, ist mit den harten Worten eben aus ihm herausgeprügelt worden.

"Das ist nicht wahr, und du weißt es." Die Straßen um ihn herum sind im wabernden Nichts vergangen, doch direkt vor ihm kniet nun eine Elfe, gehüllt in wallende Gewänder und ein sanftes Lächeln auf den rosigen Lippen. "Der Schmerz wird irgendwann vergehen, bald wirst du darüber lachen können, und jede der Narben wird zu einer interessanten Geschichte werden."

Sie streckt einen Arm nach vorne, die Hand nicht wie bei der Statue im Schrein gemütlich nach unten hängend, sondern die Handfläche einladend ihm zugewandt. Güte liegt in ihren mandelförmigen Augen, und der Anblick gibt ihm das Fünkchen Kraft, das kleine Fitzelchen Hoffnung, das er dazu braucht, seine Hand müde in die ihre zu legen. Feingliedrige Finger gleiten zwischen die seinen und mit einem erleichterten Seufzen öffnet er die Augen.

Sein Blick fällt auf eine mit violetten Pusteln überzogene Schulter und einen von der Krankheit gezeichneten Oberkörper, und trotzdem ist es nicht Verzweiflung, die ihn bei dem Anblick überkommt, sondern ein Gefühl der Geborgenheit. Wie eben in seinem Traum sind seine Finger fest mit denen des Elfen verschlungen und die Nähe des Götterdieners läßt die Gefühle von Hilflosigkeit und Verzweiflung langsam wieder von ihm abfallen.

Ganz sachte, um ihn nicht zu wecken, lehnt er seine Stirn gegen die Schulter des Elfen und schließt die gerötete Augen erneut. Und leise, krächzend, summt er wieder das Lied des kleinen Vögleins im Vitamaschrein.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 17.12.15, 19:22 
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~ Falkensee, Baronie Siebenwind, 16. Sekar 26 n.H. ~

Er ist gewarnt worden - und dennoch macht es das nicht einfacher.

Wie ein Häufchen Elend hockt der frisch genesene Archivar im hinteren Behandlungszimmers des Hospitals und starrt mit geröteten Augen zu der mittlerweile unbelegten Liege hinüber. Nachdem er den Elfen fortgeschickt und sich daran gemacht hat, das Hospital gründlich zu reinigen - Böden und Möbel von allerlei Körperrückständen befreien, Putztücher verbrennen, Kleidung mehrfach gründlich auswaschen und dergleichen - hat er sich ganz der Arbeit hingeben können, ohne den düsteren Gedanken nachhängen zu müssen, die sich beharrlich in seinem Hinterkopf breitgemacht haben.

Als er dann aber den Behandlungsraum betreten hat, um auch dort erstmal für Ordnung zu sorgen, sind die Erinnerungen wieder gnadenlos über ihn hereingebrochen, und nun sitzt er dort am Boden, den Kopf in die Hände gestützt und die ohnehin noch von der Krankheit gezeichneten Wange wieder tränenfeucht.

Man hat ihn gewarnt, daß auch das Teil des Heilerdaseins ist, daß nicht jeder zu retten sei und der Herr Morsan ebenso dem Hospital innewohne wie seine liebliche Schwester. Der Mann hätte endlich seinen Frieden gefunden, haben die Götterdiener ihm versichert, und er sei in seinen letzten Minuten nicht alleine gewesen, sie hätten ihn behutsam Galtors sanften Schwingen übergeben.

Dennoch quält ihn weiterhin die Frage, ob Tendarion ihn noch hätte retten könne, hätte er nur früher den Zustand des Mannes erkannt. Hätte er aufmerksamer sein müssen? Öfters nach den Patienten sehen sollen? Wie lang ist der Mann schon stöhnend dort drin gelegen, ohnmächtig nach Hilfe zu rufen, der Heilergehilfe aber zu sehr mit sich selbst und seiner Musik beschäftigt, um die Klagelaute zu hören?

Oder aber soll er den Worten des Elfen glauben - daß sie ihn hätten retten können, wäre dies der Wille der Viere gewesen?

Wieder fühlt er sich zurückversetzt in jene Zeit, als er erkennen hat müssen, daß seine Musik kein Allheilmittel ist, daß er nicht jedem damit ein Lächeln auf die Lippen und Wärme in die Herzen zaubern kann. Damals ist er daran zerbrochen, hat der Musik den Rücken zugekehrt und sich dem gottlosen Dahinvegetieren eines egoistischen Eigenbrötlers hingegeben.

Unter leisem Ächzen drückt er sich an der Wand hoch. So sehr er sich auch einzureden versucht, daß Aufregung, das Zurückweichen des dunklen Einflusses und die diversen kräftigenden Tränke ihn wieder zur alten Form haben aufleben lassen - er ist müde, ausgezehrt und die häßlichen Flecken auf seiner Haut sind keineswegs die einzigen Nachwirkungen der Strapazen. Er wird noch schnell hier den Raum säubern und sich dann endlich ins Bett fallen lassen, sich solange nicht mehr rühren, bis sein Körper nach anderen Bedürfnissen schreit denn nur der Ruhe des Schlafes.

Sie haben gestern eines der Kinder der Herrin verloren, und die Erinnerung wird auf ewig ein Teil von ihm bleiben, doch wie viele andere hat die kleine Gruppe aus Dienern der Sahor und Enhor andererseits geheilt? Wie viele mehr noch vor der Ansteckung selbst bewahrt?

Nein, diesmal wird er den Fehler nicht wiederholen. Diesmal wird er nicht weglaufen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 18.12.15, 16:01 
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~ Falkensee, Baronie Siebenwind, 18. Sekar 26 n.H. ~

"War einen Versuch wert," meint der Barde mit einem unterschwelligen Seufzen, während er die pitschnassen und doch weiterhin rotbraunen Handschuhe mit kritischen Blicken beäugt. Von der Farbe ist daran wirklich nichts hängen geblieben, so wie Adama Ligneus ihn schon vorgewarnt hat. Dieser übrigens scheint die ganze Szene recht erheiternd zu finden, vor allem wohl die leicht vorgeschobene Unterlippe und das fast kindlich wirkende Aufstampfen des Mannes vor ihm.

"Wenigstens einer von uns kann lachen!" Fyonn dreht sich zu ihm um und schenkt ihm einen gespielt tadelnden Blick, der aber doch irgendwie an Überzeugungskraft einbüßt, als seine Mundwinkel sich zu einem vergnüglichen Grinsen verziehen. Das wiederum schwenkt aber recht schnell um zu einem freudig-überraschten Ausdruck.

"Oha!" Daraufhin feuert er schnell die widerspenstigen Handschuhe auf den Tisch und bückt sich hastig nach seiner Tasche, um daraus ein kleines Bündel hervorzuholen. Es ist nicht viel mehr als zwei dünne Holzplatten, die mit etwas Abstand zueinander auf ein Stück Leder aufgezogen sind, sodaß man sie zu einer Art Buch zusammenklappen kann, das wiederum mit zwei einfachen Schnüren verschließbar ist.

Als er den simplen Knoten löst, eröffnet sich der Blick auf ein Bündel loser Hadernblätter, die meisten davon leer, nur die obersten vier sind mit Kohlestift beschriftet. Zwei davon tragen die Überschrift "Nichtigkeiten" und sind fast gänzlich mit Einträgen befüllt, jeder davon mit einem oder mehreren senkrechten Strichen am Rand versehen. Das dritte Blatt ist mit "Kleinigkeiten" beschriftet und enthält derzeit nur zwei Einträge.

Zitat:
  • Nachbehandlung und Versorgung der restlichen Patienten
  • Einfache Wundversorgung bei einer Ratte


Das letzte Blatt zeichnet sich, abgesehen vom Titel "Nennenswertes", durch gähnende Leere aus.

Fyonn greift sich seinen Kohlestift aus einem kleinen Beutel am Gürtel und macht auf dem ersten Blatt einen weiteren Strich neben "Leute zum Schmunzeln gebracht". Zufrieden nickend schlägt er die Kladde wieder zu und greift sich dann die färbungsresistenten Handschuhe.

"Bis zu nächsten Mal, Herr Ligneus!"


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 25.12.15, 17:21 
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~ Falkensee, Baronie Siebenwind, 23. Sekar 26 n.H. ~

"Falls Ihr gewillt wärt, die Antwort gleich entgegenzunehmen, würde ich Euch bei Eurer Rückkehr freilich einen Bonus auszahlen." Mit einem freundlichen Lächeln überreicht Fyonn dem Boten eine Schriftrolle, blickt diesem noch einige Momente hinterher und wendet sich dann in einer unwohlen Mischung aus Erleichterung und Ungeduld Richtung Tempel.

Wie lange wird der Brief wohl nach Lichtenfeld unterwegs sein, wenn dieser durch die Wirren des Konfliktes überhaupt je sein Ziel erreicht? Wie lange es dauern, bis seine Mutter eine Antwort darauf findet? Und wie lange, bis diese wiederum Siebenwind erreichen wird?

Die nächsten Wochen werden wohl quälend langsam ins Land streichen, die Momente vor dem Einschlafen lang werden und die Ungewißheit ihn den ganzen Tag über begleiten. Und doch, irgendwie fühlt er sich freier, erleichtert. Er hat so lange mit der Lüge gelebt, daß ihm nicht mehr aufgefallen ist, wie schwer diese auf seinen Schultern gelastet hat.

Wie sehr er sich doch wünscht, er hätte die Möglichkeit, seiner Mutter persönlich entgegenzutreten, ihr von Angesicht zu Angesicht die Wahrheit zu beichten. Alleine, um ihr zeigen zu können, wie sehr er die Lüge bereut, entgegen der Tatsache, daß sie doch nur zu ihrem Schutze überhaupt ausgesprochen worden ist.

Schlurfende Schritte lenken ihn zurück zum Tempel, durch die unzähligen Türen in den Palisaden, die ihn im vorangegangenen Zyklus noch so geärgert haben. Jetzt schlüpft er einfach schweigend hindurch, weiter in Richtung des nordöstlichen Schreins. Wie immer stellt er artig seine Stiefel in das Schuhregal, wäscht dann kurz seine Hände und läßt sich im Schneidersitz auf dem Teppich in der Mitte nieder.

Seine Oud, ebenso wie seine Tasche mit all seinen Schreibsachen, lehnen immernoch gut verwahrt unter einem der Tische im Hospitalslager - Musik und Federkiel bleiben ihm entsprechend als Sprachrohr seiner Gedanken derzeit verwehrt, weshalb er die einzig andere Form der Nachdenklichkeit nutzt, die ihm noch bleibt: Er umfaßt mit den Händen gemütlich seine Knöchel, blickt mit einem nur leicht melancholisch angehauchten Lächeln zu der Statue der Herrin auf und beginnt im Plauderton zu erzählen.

"Tendarion hat mich heut gefragt, ob ich bereit wär, Deinen Weg zu gehen," offenbart er Ihr, als wäre Sie die letzte, die noch davon erfährt. "Irgendwie seltsam. Ist doch noch garnicht so lang her, daß ich nichtmal gewagt hab, Deinen Schrein zu betreten, hm?" Er löst eine Hand von den Füßen und streicht liebevoll über den weichen Teppich, der ihm in den letzten Wochen beinahe so oft als Schlafstätte gedient hat wie sein kuscheliges Himmelbett im Keller des Hospitals.

"Bin mir nicht sicher, ob er weiß, worauf er sich einläßt. Und mir dann noch Arin anvertrauen...?" Das Lächeln wird zu einem breiten, vergnüglichen Grinsen, als er den Blick zur Decke richtet, hinauf zum oberen Stockwerk, wo er den jungen Mann wenige Stunden zuvor auf eines der flauschigen Fellager gebettet hat. "Wenn er will, daß jemand meinem kleinen Bruder Mäßigung und etwas Ruhe näherbringt, hätt er sich mal lieber jemanden ausgesucht, der nicht am Kragen aus einem Schrein Deines Bruders geschleift worden ist, weil er nicht stillhalten konnte!"

Dann senkt er den Blick wieder hinab auf die Statue, und erneut ändert sich seine Miene, wird ernster, das Lächeln darauf nur noch eine sachte Spur. "In eine schöne Zwickmühle bringst Du mich da. So viele Götterläufe bin ich selbst auch Deinem Aspekt der Wanderschaft gefolgt, und trotzdem hoff ich doch irgendwie, daß Du ihn stattdessen mit einem Deiner vielen anderen Geschenke erfüllst und er hier seinen Platz findet."

Ein wenig nachdenklich streicht er sich über den Kinnbart. Durch das Gespräch mit Tendarion hat sich schlagartig so vieles geändert, und auch der Abend im Ordenshaus ist nicht spurlos an ihm vorübergezogen. "Ist es denn überhaupt noch gebührlich, daß ich mir für mich selbst etwas wünsche?" fragt er schließlich recht verunsichert in Richtung des steinernen Bildnisses. "Ich mein, klar - ich könnt das Ganze jetzt hübsch in selbstlose Worte verpacken, daß eine feste Bleibe, Tendarion als Vorbild und ein paar verantwortungsvolle Aufgaben sicherlich gut für Arin wären. Aber wir wissen doch beide, daß das nur Vorwände wären, hm?"

Mit einem leisen Seufzen umfaßt er wieder seine Knöchel und wippt im Schneidersitz sachte vor und zurück, den nachdenklichen Blick für ein paar Momente auf den Teppich vor sich gerichtet. Und dann versucht er einfach wieder das, was in den letzten Wochen schon so oft funktioniert hat - mit einem neuerlichen Grinsen auf den rotgefleckten Zügen versucht er seine Göttin zu bestechen: "Wenn Arin nach dem Dunkeltief beschließt, bei uns zu bleiben, überred ich Tendarion und Frau Carribas, daß wir gemeinsam ein Tanz- und Musikfest ausrichten!"


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 31.12.15, 05:41 
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~ Falkensee, Baronie Siebenwind, 28. Sekar 26 n.H. ~

Etwas... ist anders.

Der Gedanke ist schwer zu fassen, ist er doch noch nichtmal im Zustand des Halbschlafs angekommen. Aber etwas hat sich verändert, und er ist sich ziemlich sicher, daß er die Veränderung gut findet. Da ist...

Ein Lächeln breitet sich auf seinen Zügen aus, als er die Wärme an seiner Brust erkennt.

Jahrelang ist er mit seinem Lehrmeister durch die Lande gezogen, und viel zu selten haben sie dabei in Herbergen oder Tavernen Unterschlupf gefunden. Meist hat es ein kleines Lagerfeuer tun müssen, und ganz ehrlich - ihn hat es nicht gestört. Mögen die Leute doch denken, was sie wollen, für ihn ist es immer ganz selbstverständlich gewesen, sich nachts aneinander zu kuscheln und sich gegenseitig zu wärmen, sich einander den Rücken freizuhalten, ganz ohne Hintergedanken. In dieser Hinsicht folgt er ganz den Lehren des Endophalis, da ist ihm die galadonische Prüderie ehrlich gesagt zuwider.

Moment, warum genau denkt er eben an die Zeit mit Meister Rhajiendaim zurück?

Achja... der warme Körper an seiner Brust. So viel angenehmer, sich in den kalten Morsanstagen gemeinsam unter eine Decke zu kuscheln und sich Wärme zu spenden, anstatt alleine vor sich hinzufrieren. Wie schade, daß er nicht öfters ein Schlaflager mit Tendarion teilt, daß es dazu eine Seuche braucht. Entsprechend sehnsüchtig atmet er tief durch, um an den blonden Locken zu schnuppern und den altbekannten Lavendelduft einzuatmen.

Der Geruch von Keksen dringt ihm stattdessen in die Nase, von Früchtetee und Rum, von einer Spur Feuerkieseltee - Duftnoten, die trotz allem nicht den körpereigenen Geruch zu überlagern vermögen, der süß und verlockend zu ihm durchdringt. Nein, eindeutig nicht Tendarions Duft.

Beinahe hätte er laut zu lachen begonnen, als sich seine Gedanken vollends aus Lifnas Umarmung lösen und er mit einem vergnügten Lächeln auf den im Moment fast schon zerbrechlich wirkenden Körper hinabblickt, der sich gemütlich an ihn gekuschelt hat. So fühlt es sich also an, einen Lehrling beschützend im Arm zu halten? Ein schönes Gefühl.

Auch wenn am Abend zuvor die Rollenverteilung ganz und garnicht klar gewesen ist. Er ist es gewesen, der hilflos am Boden gekniet ist, einen gewaltigen Vorrat an Flaschen neben sich, in der Absicht, seinen Kummer mal wieder im Alkohol zu ertränken. Und sein kleiner Bruder ist da gewesen, seiner Erkältung und der Müdigkeit zum Trotz, um ihn von dieser Dummheit abzuhalten.

Jetzt aber liegt er da neben ihm, so klein und verletzlich wirkend, noch deutlich vom Husten und Schnupfen geplagt, und der Barde will nichts weiter, als ihn festzuhalten und vor allem beschützen, was da draußen auf ihn lauern könnte...


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 31.12.15, 10:17 
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~ Falkensee, Baronie Siebenwind, 31. Sekar 26 n.H. ~

"Komm schon... komm schon... spür's!" brummelt er leise in sich hinein.

Eine Entscheidung ist gestern gefallen, teuer und schmerzhaft erkauft, und was das Schlimmste daran ist: Er ist noch nichtmal derjenige, der den Preis dafür jetzt zahlen wird. Damit hätte er ja ganz gut leben können. Aber wie immer, wenn er Mist baut, sind es andere, die darunter leiden müssen.

Und es wird Zeit, daß das aufhört. Er wird sich nicht mehr in die Gefühle anderer einmischen, nicht mehr versuchen sie davor zu bewahren, mit offen Augen in ihr Verderben zu laufen. Obwohl er sich sicher ist, daß nicht ein einziges seiner Worte falsch gewesen ist, hat er wohl alles nur noch schlimmer gemacht in seinem unbeholfenen Versuch, einen Fehler auszubügeln. Daß es ein Fehler gewesen ist, daran zweifelt er nicht - aber dennoch wohl besser als alles, was jetzt folgen wird.

Wieviele Leute hat er in den letzten Tagesläufen mit gutgemeinten Worten verletzt? Schluß mit den Worten, es ist Zeit, auf Taten umzusteigen. Wenn er sich da einen der unzähligen Fehltritte erlaubt, ist zumindest die Wahrscheinlich größer, daß er damit nur sich selbst in Mitleidenschaft zieht. Humorlos schmunzelnd blickt er bei den Gedanken hinab auf seinen vernarbten Arm, die ausgefransten Striemen darauf vom Schmerz her weitaus erträglicher als das Gefühl vorhin, alles zerstört zu haben.

Aber welche Taten? Er kann während des Dunkeltiefs nicht herumlaufen und die Angreifer so lange provozieren, bis diese von ihren Opfern ablassen und ihn jagen. Er braucht etwas, womit er einen Unterschied machen kann, etwas, womit er die Leute um sich herum beschützen kann.

Ja, freilich... Artarias und Bruder Lewis haben natürlich recht - Hoffnung und Licht im Herzen sind wichtige Voraussetzungen, die dunklen Tage zu überstehen, und wenn er nicht wieder mit seinen Worten alles zerstören will, dann muß er wohl mit seiner Musik dazu beitragen, den Menschen Trost und Hoffnung zu spenden. Aber wenn erst die Heerscharen vor den Palisaden stehen, dann ist es dafür zu spät, dann braucht er etwas, das er tun kann, und wenn es nur eine Möglichkeit ist, sich ins Kampfgetümmel zu stürzen und die Verletzten in Sicherheit zu bringen, um sie zu verarzten - anstatt sich nur feige hinter jenen zu verstecken, die gewillt sind, ihr Leben für die Verteidigung der Schutzlosen zu geben.

Ohne es zu wissen hat Artarias ihn auf die Idee gebracht, damals in den Mienen Seebergs. Aber mehr als eine Idee ist es momentan auch nicht, und wenn das so weitergeht, dann wird daraus auch nie mehr werden.

"Fühl in dich hinein... na los!" Er steht im Bad des Hospitals, bis zur Hüfte im warmen Wasser, und hat beide Hände auf den Bauch gelegt. Versucht das Leben darin zu spüren, aber alles was er im Moment fühlt, ist die Leere, die sich langsam darin auszubreiten beginnt. Ach, und freilich spürt er auch allzu deutlich, wie seine Füße langsam zu schrumpeln beginnen. Oh, und dann sind da natürlich auch die unerträglichen Nackenschmerzen.

Bruder Lewis hat ihn mit in den Schrein des Schweigenden genommen, und zu seinem eigenen Erstaunen hat er dort sogar etwas Ruhe gefunden, anders als bei früheren Besuchen der Orte des gnadvollen Herrn. Gut, wenn man mal davon absieht, daß ihm ständig diese Melodie im Kopf herumgespukt ist, die er summenderweise auch gleich zum Besten gegeben hat. Aber er hat es tatsächlich geschafft, ruhig zu sitzen, ohne Schwanken, ohne an seiner Kleidung herumzufummeln oder eines der anderen üblichen Zeichen von Unruhe.

Soweit, so gut - bis er dann vor lauter Ruhe und Entspannung eingeschlafen ist. Im Sitzen. Den Kopf auf die Brust gelegt. Elende Nackenschmerzen!

Er hat sich geschworen, es am nächsten Tag nochmal zu versuchen, ist danach aber erstmal zurückgekehrt in den Keller des Hospitals, um hier im Bad die anderen Tipps zu versuchen, die ihm auf den Weg mitgegeben worden sind. Aber auch hier hält sich wie gesagt der Erfolg in Grenzen, weder das Wasser noch die Handflächen auf der nackten Haut seines Bauches bringen ihn auch nur ein Stückchen näher heran an das Lied, das alles durchdringt.

Resigniert schnappt er sich eines der Handtücher und trocknet die mittlerweile wirklich fürchterlich verschrumpelten Füße ab, um dann kurzerhand auf den Gang zu treten und in all seiner entblößten Pracht die zwei Schritte bis zu seinem Zimmer zurückzulegen. Hastig schlüpft er dort unter die Bettdecke, die wohlige Wärme genießend, die nicht bloß der inzwischen fast wieder erloschene Ofen ausstrahlt, sondern die er vor allem in Form seines Mitbewohners im Bett vorfindet.

Ein sachtes Lächeln zeichnet sich wieder auf seinen Lippen ab. Nichts kann nach diesem fürchterlichen Abend und der frustrierenden Nacht besser die Hoffnung wieder in seinem Herzen aufflammen lassen, als sich gemütlich an den jungen Mann heranzuschmiegen und sachte den Arm um ihn zu legen, beschützend aber doch auch ein wenig trostsuchend. Seine Hand wandert dabei instinktiv hinunter zu dessen Bauch, legt sich flach darauf.

Und spürt dort das Leben.

Nicht nur das leichte Heben und Senken des Oberkörpers im friedlichen Schlaf. Tief drinnen kann er sie spüren, die Lebensfreude, die Liebe zum Leben, die Einheit mit allen Lebewesen, allen Kindern der Herrin. Er spürt und er hört ganz leise im Hintergrund das Lied seines Lehrling, und instinktiv beginnt er dieses sachte mitzusummen, exakt der Ausgangsmelodie folgend zuerst. Dann, ganz vorsichtig, hier mal eine Variation, dort mal eine kaum merkliche Abweichung.

Er spürt sie wieder, die sachte Verbindung, die er damals in den Mienen schon gefühlt hat, als er das Summen von Artarias wiederholt hat. Ganz kurz nur, instabil und flüchtig, und ohne daß er dabei auch nur die geringste Veränderung bei seinem kleinen Bruder wahrnehmen könnte. Aber doch, er ist sich sicher. Die Frage ist nur...

Wie bekommt er den Kleinen jetzt dazu, sich bis zur Hüfte ins Wasser zu stellen?


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 2.01.16, 04:30 
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~ Falkensee, Baronie Siebenwind, 1. Oner 27 n.H. ~

Gedankenverloren kaut der Archivar - nein, frischgebackene Anwärter - auf einem Stück Kuchen herum. Er hat den letzten Zyklus dazu genutzt, den Speisesaal des Ordenshauses wieder in Ordnung zu bringen, und zudem beschlossen, dem "Bären" im Schrein etwas von dem guten Kuchen mitzubringen. Nach einem langen, gemütlichen Schlaf als pelziger Berg hat man beim Aufwachen schließlich mit Sicherheit... einen Bärenhunger.

Und ist er sich grad nicht sicher, ob er überhaupt nachhause will. Interessant, wie schnell man sich an etwas gewöhnt, aber der Gedanke, alleine in seinem viel zu großen, viel zu kalten Bett zu schlafen, behagt ihm wirklich ganz und garnicht. Zudem kann es nicht falsch sein, nach einem Tag wie diesem ein wenig näher an der Herrin den Schlaf zu finden.

Ist die Sache mit Tendarion geklärt? Er weiß es nicht, nicht weil er an den Worten des Elfen zweifelt - sondern weil er nicht sicher ist, ob er sein Versprechen halten kann. Kann er denn wirklich einfach wegsehen, selbst wenn sein Freund ganz offensichtlich leidet?

Nachdenklich schiebt er sich ein weiteres Stück Kuchen in den Mund.

Ja, kann er. Wird er. Hat er nicht eindrucksvoll genug bewiesen, was passiert, wenn er es nicht kann? Er wird sich zusammenreißen. Wie ein guter Barde versuchen, mit Musik und Geschichten und allerlei Unsinn die Gedanken des Elfen abzulenken, wenn dieser traurig wirkt. Und wenn auch das nicht hilft, wird er einfach weiter seine Pflichten tun, dafür sorgen, daß zumindest keine unerledigten Arbeiten zusätzlich auf Tendarions Gedanken lasten.

Und wenn er schon an vernachlässigte Pflichten denkt: hat er nicht Arin heute sträflich vernachlässigt, oder wohl mehr dessen Ausbildung?

Mit einem bekräftigenden Nicken drückt er sich von der Arbeitsplatte in der Küche weg, schnappt sich seine Sachen und den Teller mit Kuchen, um erst einen kurzen Abstecher in die Bibliothek zu machen. Hastig sucht er dort die Texte zusammen, die er vor dem Schlafengehen nochmals durchgehen will, um Arin morgen nichts Falsches zu erzählen über die Laf'ay und Horwen der Viere.

Dann erst wendet er sich in Richtung des Schreins seiner Göttin, wo er wie gewohnt die Stiefel verstaut, dann - SEHR andächtig diesmal - seine Hände wäscht und schließlich dem "Bären" nochmal kurz den Bauch krault, wobei er der Göttlichen Mutter schmunzelnd das Versprechen gibt, dies zu wiederholen, so sein Bärenbruder des Morgens noch dort liegt. Den Teller mit Kuchen läßt er ihm dabei direkt neben der Bühne stehen und wünscht seinem pelzigen Bruder dann noch eine gute Nacht, und weiterhin Lifnas Segen.

Auf leisen Sohlen schleicht er dann nach oben. Die Bücher, so sehr er diese auch liebt und ihnen ihren Inhalt entlocken will, bekommen allerdings nur kurz seine Aufmerksamkeit, ehe sich ihm das erste Gähnen entlockt. Es ist ein langer Tag gewesen, mit fürchterlichen Tiefen, aber auch unglaublich schönen Höhen, und beim Gedanken daran, was er morgen vorhat, klopft ihm das Herz in der Brust. Nicht schwer fällt ihm also die Entscheidung, die Bücher für heute Bücher sein zu lassen und sich stattdessen gemütlich an seinen kleinen Bruder zu kuscheln, ganz ungeniert ob der anderen Leute, die sich hier im Schoße der Mutter zur Ruhe gebettet haben.

Morgen wird ein langer Tag. Ein guter Tag.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 3.01.16, 12:51 
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~ Falkensee, Baronie Siebenwind, 2. Oner 27 n.H. ~

Und es ist ein langer Tag geworden. Ein nicht allzu guter Tag.

Jedesmal, wenn er die Augen schließt, sieht er sie vor sich. Die Nadel, wie sie durch das gereizte Gewebe sticht, das sich zwar Leder nicht ganz unähnlich verhält, aber anders als dieses noch an einem atmenden, blutenden Körper dranhängt - noch dazu an dem von Lilias, die er nach allem, was sie schon zusammen durchgestanden haben, zu seinem Kreis der Freunde zählt.

Unruhig fährt er sich wieder durch das nasse Haar, das nun zumindest von Blut und Resten an Medizin befreit ist, so wie auch die Finger, die nervös hindurchgleiten. Er ist nach dem Abend im Hospital erschöpft wie nie zuvor. So unglaublich überfordert hat er sich gefühlt, und dennoch nicht gewagt, das Schauspiel des ruhigen, gutgelaunten Heilers fallen zu lassen. Zwischen dem ersten Nähen einer Wunde, Arins Zorn- und Panikattacke, der nagenden Angst um den am Kopf verletzten Yeel und schließlich der Erkenntnis, daß es ausgerechnet Bruder Rodrik gewesen ist, der nur wenige Handbreit von ihm entfernt beinahe sein Leben verloren hätte - ist er einfach nur müde.

Und trotzdem kann er nicht schlafen, die Bilder wollen ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen.

Also macht er das, was er immer tut, wenn er unruhig ist: arbeiten. Erst einmal wird Arin hinüber ins Zimmer getragen, sachte, um den armen Jungen nicht zu wecken. So viel hat er gestern mitmachen müssen, und dennoch ist er es schon wieder gewesen, der Fyonn nach seinem Nervenzusammenbruch wieder auf die Beine gebracht hat. "Ich beschütze dich und du beschützt mich," hat er gestern zu dem jungen Streuner gesagt, und es sind nicht nur leere Worte gewesen. Wie oft haben sie sich in den letzten Tagesläufen gegenseitig Halt gegeben?

Behutsam läßt er den jungen Mann auf das Bett sinken, zieht sachte die Decke über den entblößten, wieder so unglaublich zerbrechlich wirkenden Körper und haucht ihm einen sanften Kuß auf die Wange. Lifna möge ihn mit den zartesten Träumen segnen - die Herrin weiß, er hat es sich heute wieder einmal verdient.

Danach macht er eine kurze Patientenrunde. Leise nur betritt er das Zimmer, geht dann reihum zu den Schlafenden und vergewissert sich, daß alles in Ordnung ist, sie ruhig schlafen, keiner der Verbände gewechselt werden muß. Ein kurzes Gebet hält er an Rodriks Bett ab - dankt Rorsa dafür, daß er dem selbstlosen Recken Kraft in der schwersten Stunde gegeben hat, huldigt mit Tränen in den Augen der Mutter Göttin dafür, daß er noch unter ihnen weilt und ruft dann flehend den Herrn Astrael an, daß er ihm nächstes Mal mehr Weisheit und Bedacht schicken möge.

Zum Schluß wendet er sich Yeel zu, kontrolliert erneut dessen Atem, noch immer leicht von der Panik ergriffen, die Kopfwunde könne im Schlaf Schaden anrichten. Mit einem leicht schief geratenen Lächeln betrachtet er den Verband, den sie wohl morgen neu anlegen müssen. So wie Tendarion gesagt hat, Arin ist ein unschätzbarer Verbündeter, wenn es um Zeit geht. Er selbst hätte zum Anlegen vermutlich das Dreifache an Zeit benötigt - aber das Ergebnis ist dafür krumm und schief, und bedarf eindeutig einer Nachbesserung, jetzt da die größte Gefahr vorbei ist.

Wecken will er den jungen Mann dafür aber keineswegs, also beläßt er es erstmal dabei, sich zu ihm vorzubeugen und ihm einen sachten Kuß auf den Kopfverband zu hauchen, ehe er die drei Patienten wieder der heilsamen Ruhe überläßt.

Die nächste Zwischenstation auf seiner unruhigen Wanderung ist der Schrein seiner Göttin. Wie gewohnt läßt er sich vor der Statue nieder, erzählt ihr vom heutigen Tag, von all den Ängsten und Sorgen, aber auch von den lustigen Momenten, und freilich jenen, denen man nachsagt, sie seien ihr ganz besonders gefällig. Je mehr er von den schrecklichen Ereignissen am Abend abläßt und dafür sich tiefer in den nicht für Kinderohren bestimmten Details verliert, desto ruhiger wird er dabei, bis er schließlich mit geröteten Wangen, aber einem leichten Grinsen im Gesicht am Altar lehnt.

Mit der Entspannung kehrt aber auch die Müdigkeit zurück, weshalb er kurzerhand sein Schreibzeug auspackt und gemütlich im Schneidersitz auf dem Teppich sitzend jenes Schreiben verfaßt, das er gerne vor der erholsamen Ruhe in Lifnas Armen noch auf den Weg schicken möchte. Die Nachricht am Brett bedarf einer raschen Antwort, und zudem muß er ohnehin gleich noch einen Boten wegschicken, um Rodriks Aushänge wie versprochen anbringen zu lassen.

Erst als beides erledigt ist, kehrt er wieder auf sein Zimmer zurück, müde und erschöpft, aber nun wieder ruhig und von der gröbsten Last befreit. Er will sich nur noch an seinen kleinen Bruder heranschmiegen und die Sorgen Tares Sorgen sein lassen. Und genau das tut er dann auch, unter ausgiebigem Gähnen kuschelt er sich mit unter die Decke, und kaum einen Moment später sind ihm auch schon die Augen zugefallen.

Es ist kein allzu guter Tag geworden. Aber es hätte schlimmer kommen können.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 9.01.16, 17:13 
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~ Falkensee, Baronie Siebenwind, 8. Oner 27 n.H. ~

Der Barde sitzt im Schneidersitz inmitten von Chaos und spannt in aller Seelenruhe eine neue Saite auf.

Sein Zimmer im Keller des Hospitals sieht aus, als wäre Khaleb selbst hindurchgesaust - die Schubladen sind allesamt herausgezogen und deren Inhalt auf dem Boden verteilt, wild durcheinander, nachdem er jeden Stoß nach wichtigen Dingen abgesucht hat. Bis vor einem Zyklus ist er noch der festen Überzeugung gewesen, der Tempel würde nicht fallen, dieser strahlende Hoffnungsschimmer im Dunkel einer von Krieg und Leid geplagten Insel würde ewig Bestand haben.

Nach seiner Rückkehr auf das Tempelgelände hingegen hat er sich aufgemacht, um die wichtigsten Sachen zu packen, für den Fall, daß von seinem Zimmer morgen nichts mehr übrig sein sollte.

Es ist nicht, daß ihr Gespräch mit dem Satai und dem Schwarzmagier ihm Angst eingejagt hätte. Wenn überhaupt, so fühlt er sich in seiner Meinung bestätigt, selbst die kleinen Zweifel sind fort, den die Gespräche mit Tendarion manchmal in ihm aufkommen haben lassen. Aber bisher ist er davon ausgegangen, daß er zum Angriff morgen im Tempel sein wird, und die Vorstellung dort zu sterben war einfach zu absurd, um daran zu glauben - nicht nach all den Irrwegen, über die ihn die Herrin endlich an seinem Ziel hat ankommen lassen.

Jetzt aber wird er vermutlich den Angriff in der relativen Sicherheit von Brandenstein aussitzen.

Die Wahl ist, rein logisch betrachtet, einfach. Die hohe Wahrscheinlichkeit, Arin und Dylanda in Sicherheit zu bringen - gegen die geringe Wahrscheinlichkeit, beim Angriff in seiner eigenen Nichtigkeit auch nur den geringsten Unterschied zu machen. Der Archivar, jener Teil von ihm, der noch immer in tiefster Ergebenheit dem Einäugigen zugewandt ist, drängt ihn dazu, diese Tatsache zu akzeptieren. Und der Anwärter der Herrin...?

Dessen Herz wird entzwei gerissen. Einerseits der Wunsch, in Ihrem Schrein auszuharren, seinen Brüdern und Schwestern mit Musik und einem aufmunternden Lächeln beizustehen, auch wenn er selbst nicht viel beitragen kann. Andererseits die Möglichkeit, zwei Leben zu retten, zwei Menschen, die ihm das Lächeln überhaupt erst auf die Lippen zaubern können. Eine Freundin und Bardenkollegin, der er sich verbunden genug fühlt, um sie schon als festen Bestandteil seines Vorhabens nach den Dunklen Tagen eingeplant zu haben. Und seinen...

Der Gedanke an Arin hätte ihm ein Lächeln auf die Lippen zaubern sollen, stattdessen legt sich seine Stirn dabei nur in Falten. Wenn der Tempel fällt, wenn Tendarion... nicht entkommen kann - wer soll dann das heilige Band zwischen ihnen knüpfen? Wie könnten sie jemals das rauschende Fest abhalten, das er sich in seinen Gedanken ausgemalt hat, wie nur fröhlich tanzen und singen und der Herrin für ihr Geschenk danken - ohne den Elfen an ihrer Seite?

"Verzagt nicht, denn Feran hat zu uns gesprochen," spricht er leise die Worte des letzten Horwah-Aushangs, während er den Wirbel dreht, um die frische Saite anzuspannen. Er schließt die Augen, seine Ohren vollauf konzentriert auf den Klang der Saite in dem Bemühen, sie behutsam und sorgfältig zu stimmen. Dann drückt er sich aus dem Schneidersitz hoch, befestigt mit zärtlichen Handgriffen das Instrument auf seinem Rücken und wendet sich dann ab vom Chaos, der Tür entgegen.

Er hat noch eine Bibliothek auszuräumen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 16.01.16, 19:16 
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Mit offenen Augen und rasendem Herzen liegt der Barde in einem gemütlichen Haufen aus Kissen und Decken, die in der Mitte des Raumes wild übereinander gestapelt sind, Arins warmen Körper dicht an ihn gekuschelt. Vom Eingang des im Moment sonst recht leerstehenden Gebäudes bis hinauf in den Schlafsaal im zweiten Stock liegen allerlei Kleidungsstücke verteilt, achtlos zu Boden geworfen auf ihrem ungestümen Weg nach oben.

Mehr als nur einmal hat ihnen die Herrin in dieser Nacht die flammende Mischung aus Liebe und Leidenschaft geschenkt, und doch sind es nicht die Erinnerungen an diese wilden Stunden, die es in seiner Brust nun laut pochen lassen. Ebenso wie er den jungen Mann nicht im Auftakt einer neuerlichen Runde des gemeinsamen Spiels enger an sich drückt, sondern um in einem Wechselspiel aus Angst und Sorge noch einmal Trost in seiner Nähe zu finden - im dezenten Eigengeruch seiner Haare, der sich durch den Duft des Badeöls schummelt, ebenso wie in der Wärme seiner von feinen Schweißperlen überzogenen Haut.

Es ist ein wunderbarer Abend geworden, ganz so wie sein kleiner Bruder es gehofft hatte. Und doch, im Nachhinein betrachtet fühlt es sich mehr an wie ein Abschied. Als hätten sie noch jedes Fünkchen Lust und Wärme ausgenutzt, um einander nahe zu sein - für den Fall, daß es das letzte Mal sein sollte.

"Das war es nicht," flüstert er mit zittriger Stimme in den Nacken seines schlafenden Gefährten. "Wenn das alles vorbei ist, sprechen wir mit Tendarion über den Bund. Du bekommst das unvergeßlichste Fest, das die Insel je erlebt hat. Noch in Jahrzehnten wird man davon sprechen, mit welch berauschenden Festlichkeiten sich Vitamas kleiner Streuner von einem dahergelaufenen Barden hat einfangen lassen."

Schnell vergräbt er sein Gesicht wieder in den blonden Locken, ehe die ersten Tränen auf die empfindliche Haut am Nacken tropfen können. Der kunstvoll geflochtene Elfenzopf hat sich während des stürmischen Treibens gelöst, sodaß die leicht chaotischen Strähnen wieder Rücken und Schultern bedeckten. Nicht jedoch die Brandnarbe, über deren wulstige Erhebungen seine Finger nun gleiten. So viele dunkle Erinnerungen steckten in dem sonst so fröhlichen jungen Mann, so viele Verluste.

Er wird nicht zulassen, daß morgen ein weiterer hinzukommt.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 27.01.16, 18:41 
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Es ist kalt. Nicht nur das Echo seiner taumelnden Schritte hallt von den steinernen Wänden der großen Halle wider, selbst die eisige Luft scheint vom aschgrauen Stein abzuprallen und sich in der Mitte zu fokussieren, dort wo er den schmalen Pfad zwischen den mit tuschelnden Leuten gefüllten Bänken entlang geführt wird. Freilich gibt es einen Hintereingang, über den man ihn nach vorne hätte bringen können, aber das hier ist ein Zeichen. Vorgeführt werden soll er, jeder soll ihn sehen, den gehässigen Blick auf ihn richten.

Mit einem schmerzhaften Tritt in die Kniekehlen bringt ihn einer der Wächter vor dem auf einer respekteinflößenden Anhöhe thronenden Tisch dazu, demütig auf die Knie zu fallen. Er sieht auf, versucht einen Blick auf die Gestalt zu werfen, die am anderen Ende des Tisches sitzt, doch wie schon auf dem beschämenden Pfad nach vorne schafft er es einfach nicht, die Augen darauf zu fokussieren. Eine weitere unsanfte Begegnung mit dem Stiefel des Wächters läßt ihn schließlich auch ergeben den Blick senken.

"Der erste Ankläger soll sprechen!" Selbst auf die Stimme kann er sich nicht konzentrieren, noch nicht einmal sagen könnte er, ob diese nun männlich oder weiblich ist, geschweige denn, ob er den Richter kennt. Einzig, daß ihm dieser ganz sicher nicht wohlgesonnen ist, läßt dich deutlich aus dem Tonfall heraushören, und er muß trocken schlucken. Sollten Richter nicht neutral sein? Einzig im Sinne von Recht und Gerechtigkeit entscheiden, nicht den Angeklagten von vornherein schon vorverurteilen?

Ein Rascheln ist zu hören, das Geräusch eigentlich viel zu leise, um es auf die Entfernung zu hören, aber das Echo wird nur allzu deutlich an seine Ohren herangetragen. Er wagt es, den Blick über die Schulter zu richten, und kann erkennen, daß sich aus den Reihen der Zuseher eine einzelne Gestalt erhoben hat. Eine Frau ist es, hager und ausgezehrt, das von tiefen Augenringen gezeichnete Gesicht offenbar vor seiner Zeit gealtert. Die ersten grauen Strähnen durchziehen das fuchsrote Haar, und erst an der Stimme erkennt er sie.

"Er hat mich belogen. Er und dieser treulose Schuft, der ihn gezeugt hat. Ich hätt ihn nie mit ihm gehen lassen dürfen - er hat ihn zu einem Lügner erzogen, einem ehrlosen Schausteller." Er will aufspringen und zu ihr laufen, sie in den Arm nehmen und um Entschuldigung bitten, aber sein Körper gehorcht nicht mehr seinem Willen, hilflos muß er mitansehen, wie sie sich schluchzend wieder zurück auf die Bank setzt und in der gesichtslosen Masse des Publikums verschwindet.

"Er hat mich vergessen." Ein junger Mann ist es, der nun aufsteht, gehüllt in eine militärische Uniform. Ein häßlicher roter Fleck durchbricht den ansonsten blonden Schopf, so wie auch ein ausgefranstes Loch in der Brust den Waffenrock verunziert. Das Gesicht ist eingefallen und an manchen Stellen kaum mehr als eine faulige Masse. "Wir waren wie Brüder, wir haben alles gemeinsam gemacht bis zu dem Tag, als er uns einfach verlassen hat. Wie viele Götterläufe wußte er noch nicht einmal, daß ich tot bin? Weil er nie gefragt hat, sich nie für die interessiert hat, die er zurückgelassen hat!"

"Er hat mich benutzt!" Noch ehe der Blondschopf gänzlich aus dem Fokus verschwunden ist, springt eine junge Frau mit sehnigem Körperbau auf und richtet einen anschuldigenden Zeigefinger auf den Barden. "Er hat meine Liebe benutzt, um mein Können für seine Zwecke zu mißbrauchen."

"Er hat mich bestohlen." Ein für endophalische Verhältnisse recht hochgewachsener Mann mit aristokratischem Auftreten und gestrengem Blick erhebt sich, und neben ihm ein ungepflegter, vernarbter Halunke, dem die rechte Hand fehlt. "Mich auch," knurrt dieser, und einen Moment später stimmen andere mit ein, verhüllte Gestalten, Straßenkinder mit schmutzigen Gesichtern, flinke Gesellen mit verschmitzten Mienen.

"Er hat mich fallen gelassen." Auch wenn man unter der Kapuze das Gesicht der Frau nicht erkennen kann, läßt ihre Stimme dennoch keinen Zweifel an ihrer Identität. "Er hat geschworen, mich zu beschützen - und mich dann verkauft und verraten."

"Er hat mich verraten." Die Gestalt einer zierlichen Elfe tritt aus der Masse hervor, gehüllt in wallende Gewänder, gekrönt von einem Kranz aus Blumen, deren Wurzeln sich in ihren Haaren verlieren. Ihre mandelförmigen Augen blicken traurig und verletzt zu ihm herüber. "Mein Geschenk hat er verkommen lassen, sich von mir abgewandt. Und er hat zugesehen, wie meine Kinder vergangen sind."

"Er hat sich mir widersetzt." Wie aus einem Munde sprechen sie, der Mann im blauen Waffenrock der Ritterschaft und der Elf in weinroten Roben, und ihnen folgen viele, viele andere, die ihre Worte wiederholen.

"Er hat mich hintergangen." Ein Chor ist es diesmal, gesprochen von Gestalten der Dunkelheit, ihre teils behandschuhten, teils knöchernen Hände ausgestreckt, um anklagend auf den Knienden zu deuten.

Schuldgefühle und Trauer, die bei jedem der ausgesprochenen Worte stärker und erdrückender geworden sind, weichen langsam einer anderen Emotion. Er wird langsam wütend, nicht auf den Richter, nicht auf die Ankläger, sondern auf sich selbst. Und nein, noch nicht einmal wegen der Vergehen, die ihm angelastet werden, obgleich jedes davon zumindest im Ansatz der Wahrheit entspricht. Es ärgert ihn, daß er all das mit sich herumschleppt, ohne sich den Vorwürfen zu stellen. Hat Tendarion nicht klargemacht, wie wichtig die Unversehrtheit der Seele ist? Wie kann er dann all das an diesem unbezahlbaren Geschenk der Götter nagen lassen?

Er ignoriert die Kraft, die ihn am Boden hält, so wie auch die Wächter neben sich, und richtet sich auf, um herum zu wirbeln und sich der ersten Frau zu stellen, die er nun trotz der Masse aus Unbekannten dort auf einer der Bänke ausmachen kann.

"Wir haben dich belogen, ja. Um dich zu schützen und dir die Sorgen zu ersparen. Und nun, da es keinen Grund zur Sorge mehr gibt, hab ich dir die Wahrheit gesagt. Du hast allen Grund, böse zu sein, aber ich bete zur Herrin, daß du mir verzeihst." Er schenkt ihr ein liebevolles, fast sehnsüchtiges Lächeln, ehe er den jungen Mann sucht.

"Es tut mir leid, ich hätte mich nach dir erkundigen sollen. Es war ungerecht, mich nur um die anderen zu sorgen, weil ich dachte, du wärst sicher. Ich danke dir, daß du dennoch zu mir gekommen bist, und ich bin glücklich, daß du nun wieder deinen Frieden gefunden hast." Er nickt ihm zu und winkt dann, so wie früher, wenn sich die Wege der beiden zur Nachtruhe getrennt haben.

"Ich hab dich nie benutzt," meint er dann sachte an die Frau mit dem unzufriedenen Halblächeln gewandt. "Ich hab dich ausgebildet nach bestem Wissen und Gewissen, ohne je zu begreifen, was du fühlst - was ich offenbar auch gefühlt hab. Danke für die gemeinsame Zeit - ich wünschte, ich wäre nicht so dumm gewesen und hätte dich nicht unbewußt damit verletzt." Diesmal verneigt er sich tief, eine galante Geste gänzlich ohne Spott.

"Nicht gestohlen, geborgt. Und nicht zu Eurem Schaden, wie ich hoffentlich irgendwann beweisen darf," meint er recht knapp zu dem Endophali, ehe er sich an die zwielichtigen Gestalten wendet. "Ihr habt recht, ich hab euch bestohlen und betrogen. So wie ihr andere bestiehlt und betrügt. Der einzige Unterschied ist, daß ich damit gegen unsere Regeln verstoßen hab, und dafür bitte ich euch um Verzeihung. Ich werd einen Weg finden, es wieder gut zu machen, auch wenn ihr alle nun so fürchterlich weit entfernt seid." Kurz hebt er die Hand an sein Amulett und nickt ihnen zu.

"Ich habe dich nicht fallen gelassen. Auch wenn du mich nicht siehst, bin ich immer da. Ich werd bis zum Ende darum kämpfen, dich zu retten, auch wenn ich das nur aus dem Hintergrund heraus tun kann. Ich bin kein Kämpfer, kein Diplomat, kein Magier. Es tut mir leid, daß du dich mit einem einfachen Barden und Archivar begnügen mußt, aber glaub mir: Ich werde dich nie aufgeben." Ein trauriges, aber offenes Lächeln schenkt er der Verhüllten.

"Ich..." Als sein Blick auf die Elfe fällt schluckt er wieder trocken, und seine Stimme versagt ihm einen Moment lang den Dienst. "Ich werd mich nicht für die Dinge entschuldigen, die du genannt hast, denn ich weiß, daß du mir dafür vergeben hast. Stattdessen bitte ich dich um Verzeihung, daß ich an deiner Gnade gezweifelt hab. Daß mir andere immer wieder sagen müssen, daß du mich liebst, weil ich für mich selbst diese Liebe einfach nicht finden kann." Er haucht einen kurzen, und dennoch so unendlich ehrlich gemeinten Kuß auf den Kelchanhänger.

"Ja, ich hab mich euch widersetzt, nicht auf euch gehört und euch mehr denn einmal Kummer bereitet. Ich will mich gleich für die unzähligen Male entschuldigen, die noch folgen werden, denn das ist nunmal, was ich bin: ein starrköpfiger, aufbrausender Rebell, der oft seinem Herzen folgt und dabei Astraels Gabe außenvor läßt. Auch wenn ich mir euer Vertrauen nicht verdient habe, bitte ich dennoch darum, denn hinter dem Aufmüpfigen verborgen liegt meine Liebe zu euch. Ich will euch unterstützen, auch wenn es meist nicht so wirkt." Ein knappes Nicken folgt, die Geste wird jedoch begleitet von einem liebevollen Lächeln.

Dann wendet er sich zu der letzten Gruppe um, und sein Blick wird ernst. Seine Stimme tönt ihnen kräftig entgegen, ohne Zögern und ohne Unsicherheit, aber es liegen auch weder Härte, noch Vorwurf darin. "Ihr seid Kinder der Herrin, und als solche werde ich euch immer behandeln. Ihr seid immer willkommen, und ich werde euch Respekt und Gastfreundschaft zukommen lassen, so wie all den anderen. Bitte deutete es nicht als Verrat, daß ich euch nicht bei euren fehlgeleiteten Taten unterstützen werde. Wann immer ihr dem rechten Pfad folgt, bin ich neben euch, um euch zu stützen und zu helfen, ungeachtet dessen, was ihr sonst tut. Aber ich werde euch nicht dabei helfen, andere zu verletzten."

Und zum Schluß stellt er sich dem Richter, lächelnd nun wieder, da er endlich begreift, warum er dessen Form und Stimme nicht hat erkennen können. Es ist nicht eine Form, und nicht eine Stimme - es ist eine Mischung aus all den Leuten, deren Urteil über ihn ihm wichtig ist, all jene, denen er gefallen möchte, und vor denen er sich schämt. Er möchte ihnen mitteilen, daß er seinen Weg geht, daß er nicht ständig den Schuldgefühlen unterliegen kann, die ihn plagen, und daß er sein Bestes gibt.

Aber ein Schrei zerreißt die Luft, und er fährt erschrocken herum. "Arin?!"

Er liegt alleine und ohne Decke auf dem Bett, der Oberkörper aufgerichtet und das Herz rasend. Der Schrei ist nicht Teil des Traumes gewesen!

Einen Moment lang versucht er sich zu sammeln und sich zu erinnern, was geschehen ist. Er ist Arin am Abend nach draußen gefolgt, hat diesen nach seinem kleinen Nervenzusammenbruch auf den Armen nach oben getragen, ihn in sein Bett gelegt und ist dann kniend neben diesem verharrt, die Hand des Jüngeren festhaltend, um ihm ein wenig Sicherheit im Schlaf zu geben.

Später erst hat er sich aufgerappelt, den schmerzenden Rücken durchgestreckt und ein feuchtes Tuch geholt, um damit sachte die letzten Reste des Erbrochen von seines Gefährten Gesicht zu streichen. So ruhig und friedlich hat dieser geschlafen, und schließlich ist er zu ihm ins Bett gekrochen, um ihn liebevoll an sich zu drücken.

Jetzt aber liegt er alleine hier, nur der kleine Schrei hallt noch unerbittlich in seinen Ohren nach. Es dauert ein paar Herzschläge, bis er begreift, warum. Der junge Man liegt neben dem Bett, gefangen in den Wirren der Decke, die er beim Herumrollen mit sich gerissen hat. Panisch wimmert er, strampelt, und selbst als der Barde ihn von seinen "Fesseln" befreit und ihn zärtlich an sich gedrückt hat, will er sich nur langsam beruhigen.

"Psssht... alles gut," flüstert er beruhigend an Arins Ohr. "Alles gut!"

Und sein eigener Traum ist vergessen, vollkommen nichtig neben den Sorgen seines Liebsten.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 21.02.16, 07:07 
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Leise schlurft eine Gestalt durch das Novizenzimmer des Ordenshauses in Brandenstein.

Nach dem dritten Mal, das er keuchend und mit geweiteten Augen erwacht ist, schweißgebadet und mit zittrigen Händen, hat er schließlich aufgegeben und ist in seine Sachen geschlüpft. Wäre da nicht seine Zeit im Schrein des Hirten gewesen, der Segen Bruder Philips und die Kette mit dem Zeichen Morsans, die er am rechten Handgelenk trägt - vermutlich hätte er garnicht erst einschlafen können. So hat er zumindest ein paar Zyklen Ruhe gefunden, ehe die Alpträume angefangen haben, ihm diese zu verwehren.

Beim letzten ist er bloßfüßig über einen Teppich aus rohen Eier balanciert, hat sich dabei kaum weiterbewegt, langsam, vorsichtig nur hat er versucht, sein Gewicht zu verlagern. Die Eier sind dennoch zerbrochen, und aus ihnen ist eine tiefrote Flüssigkeit geflossen, die seine Hände unbarmherzig eingehüllt hat, als er verzweifelt versucht hat, die Scherben vorsichtig wieder zusammen zu setzen. Selbst jetzt noch, lange nachdem er hochgeschreckt ist, ertappt er sich immer wieder dabei, auf seine Hände hinab zu blicken und zu prüfen, ob Blut daran klebt.

Sein Blick wandert hinüber zu der Truhe, in der er einige seiner Habseligkeiten eingelagert hat, dann zurück zum schlafenden Arin. Ähnlich wie im Traum hat er sich nur ganz langsam bewegt, als er sich aus der Umarmung seines Gefährten gelöst hat, um diesen nur ja nicht zu wecken. Wie ein kleiner Meralion liegt er nun dort, klein und zerbrechlich, so fürchterlich unschuldig und liebenswert.

Und so einfach wäre es jetzt, die Truhe zu nehmen, sie auf einen der Wägen der Kirche zu laden und damit spurlos zu verschwinden. Mehr denn genug Möglichkeiten hätte er, sich bis zur Abfahrt des nächsten Schiffes zu verstecken, ohne daß ihn jemand finden würde. Oder zumindest unterzutauchen, bis er die Erlaubnis von Calator Custodias hat, seinen Dienst drüben in Venturia fortzusetzen - so er je eine Antwort von diesem erhalten sollte. Hochwürden Altor hat ihm ja die Bitte verwehrt, an seiner Statt mit dem ehrwürdigen Vater zu sprechen.

Aber noch etwas hat der Hochgeweihte des Schwertherrn: Ihm diesen Ausweg vorerst ganz versperrt.

Die anderen Aufgaben, die er übernommen hat - keine davon ist von ihm abhängig, jede davon kann er soweit vorbereiten, daß er nur einen Nachfolger finden und kurz einweisen muß. Und nicht eine davon ist so kritisch, daß sie es wert wäre, dafür Tendarion weiter zu quälen. Tion Altor aber, bewußt oder unbewußt, hat mit der Zuweisung dieser letzten Aufgabe dafür gesorgt, daß er sich in einer auswegslosen Situation befindet.

Wenn er die Insel nicht verläßt, wird der Elf weiterhin unter jedem seiner Schritte, jedem seiner Worte leiden, so sehr er sich auch bemüht, ihm eine Hilfe anstatt einer Last zu sein. Wenn er sich mit dem nächsten Schiff hingegen zurück aufs Festland macht, dann wird die Aufgabe wieder an Tendarion zurückgehen, und damit zu einer weiteren unter den zahllosen Belastungen werden, die ihn seit mehreren Wochenläufen drohen in die Knie zu zwingen.

Wieder huscht der Blick des Novizen zurück zur Gestalt des schlafenden Arin. Nicht minder auswegslos ist seine Situation hinsichtlich seines kleinen Bruders. Wann auch immer der Archivar einen seiner Fehltritte begeht, heißt es wieder "Arin und Fyonn" hätten Mist gebaut. Immer, wenn er ein falsches Wort spricht sind "Arin und Fyonn" frech geworden. Wenn er sich gegen etwas auflehnt, sind "Arin und Fyonn" aufmüpfig gewesen. Ohne daß diesen auch nur irgendeine Schuld trifft, wird dieser ständig von seinem älteren Gefährten mit hinab gezogen, als wären sie ein und dieselbe Person - nicht die beiden eigenständigen Männer, die in den letzten Wochenläufen kaum noch Zeit miteinander verbraucht haben, weil ihre Aufgaben das nicht zulassen.

Aber wenn Fyonn nun abreist? Wie auch immer die Entscheidung ausfällt, Arin wird entweder an seiner Anwesenheit zerbrechen, oder an seiner Abwesenheit.

"Du weißt, ich würde alles für dich tun..." flüstert er leise, eine Hand um den Kelchanhänger an seinem Hals gelegt. "Warum zeigst du mir nicht, was ich anders machen kann, um niemanden mehr zu verletzen?" Flehend ist die Stimme dabei, und müde. So fürchterlich müde. Und das hat nichts damit zu tun, daß er in den letzten Tagesläufen kaum Schlaf gefunden hat, da er an allen Ecken und Enden darum bemüht ist, Scherben und lose Enden wieder zusammenzusetzen.

Ach, ja... Scherben und lose Enden!

Genau das, was er jetzt braucht. Etwas zu tun, Arbeit, die ihn von den Gedanken ablenkt. Er muß die Tiere versorgen, die angesammelte Wolle verarbeiten, die Tion versprochene Akte anlegen, Materialien zusammensuchen, die Stadtverordnung für Falkensee vervielfältigen, mit den frisch erworbenen Körben die Bibliothek weiter einordnen, deren Bücher in zweifacher Ausführung abschreiben, neue Laudes Dei anfertigen, Konzepte für Gebäude in der Freien Handelstadt aufsetzen, die...

Seine Mundwinkel ziehen sich in die Höhe, als sich unzählige weitere Punkte in die Aufzählung einreihen.

Genügend Gründe, um Astraels Gabe erstmal auszuschalten und einfach nur seinen Aufgaben nachzugehen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 12.03.16, 15:21 
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Mattgraues Licht fällt durch die Fensterwand im Osten, Felas Strahlen gedämpft durch den beständigen Wolkenvorhang, der die Insel seit der Schneeschmelze unbarmherzig im Griff hält. Maquiras Geschenk, Segen und Fluch gleichermaßen, prasselt rhythmisch gegen das wassertrübe Glas und immer wieder durchzucken grelle Lichtblitze den halbdunklen Raum.

Der Mann, der im Schneidersitz auf dem Bett ruht, die Arme bequem auf die Oberschenkel gebettet und die Augen entspannt geschlossen, bekommt davon aber ohnehin nichts mit. Beständig folgt er den Anweisungen der Bücher, die er beim Sortieren der Bibliotheksbestände entdeckt und zur privaten Lektüre zur Seite gelegt hat.

Die Umgebung bewußt wahrnehmen, akzeptieren, ausblenden.
Den eigenen Körper bewußt wahrnehmen, akzeptieren, ausblenden.
Die eigenen Gedanken bewußt wahrnehmen, akzeptieren, ausblenden.

Bis Morsans geruhsame Leere von ihm Besitz ergriffen hat und er sich ganz auf die essentiellen Gedanken konzentrieren kann. Zumindest lautet so der Plan, doch immer wieder tauchen die Bilder vor seinem inneren Auge auf. Der reglose, an einigen Stellen aufgequollene Körper des jungen Mannes, seines Schützlings, seines Freundes. Die tote, blaue Haut des leblosen Gesichtes. Und dazu das fürchterliche, gurgelnde Geräusch, als er versucht hat, ihm wieder Luft in den Körper zu drücken, als er mit kräftigen Schlägen auf den Oberkörper sein Herz wieder zum Schlagen animieren hat wollen. Die Lungen, längst schon in sich zusammengefallen, haben nur noch mechanisch reagiert - und ganz ehrlich, ist er sich doch von Anfang an bewußt gewesen, daß er nichts mehr hätte tun können, als man ihm erzählt hat, wie lange der Körper schon ohne Atem und Herzschlag dort gelegen hat.

Ein Wust aus Schuldgefühlen und "Aber wenn"s steigt wieder in ihm auf, und mit einem tiefen Atemzug heißt er diesen willkommen. Akzeptiert, daß er in seinen Überlegungen die Situation schon wieder anfängt zu bewerten. Dann, während er die Luft durch den Mund wieder langsam entweichen läßt, läßt er auch die Gedanken wieder ziehen.

Die Toten fallen in des Hirten Zuständigkeit, als Diener der lieblichen Mutter sind es aber die Lebenden, um die er sich sorgen sollte. Er kann für seinen toten Schützling nichts mehr tun, als ihn zu verabschieden, aber er kann... WIRD... den lebenden finden.

Alles andere als elegant oder gar bedächtig springt er aus dem Bett und schlüpft in seine Stiefel. Kurz nur fällt der Blick in den Wandspiegel - er hat das Herz, das mit Blut auf seine Stirn aufgemalt worden ist, nicht abgewaschen, doch der rote Lebenssaft ist geronnen und an einigen Stellen abgebröckelt, sodaß der Anblick noch eine Spur grausiger wirkt als noch vor einigen Zyklen. Dennoch ignoriert er den Wasserkrug neben sich und zieht stattdessen die Kapuze des weinroten Umhangs über die Stirn, um das morbide Bild zu verdecken.

Er kann den jungen Mann zu nichts zwingen, ihn sicherlich nicht mit geistiger oder gar körperlicher Gewalt aus seinem verwirrten Zustand holen. Auch wenn es ihm schwerfällt, er muß und kann inzwischen akzeptieren, daß er den freien Willen - dieses höchste Geschenk, das ihnen die Sahor mit der Seele gemacht haben - nicht einschränken darf. Aber er kann dort sein und ihm seine bedingungslose Freundschaft geben, denn wer könnte mehr die Liebe der Mutter brauchen denn die, die in ihrem Wahn alle von sich gestoßen haben, die sie einst geliebt haben?

Er wird für seinen Schützling da sein und versuchen, ihn vor sich selbst zu schützen.

Oder dafür sorgen, daß er niemand anderem mehr schaden kann.


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 14.03.16, 23:01 
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~ Brandenstein, Baronie Siebenwind, 14. Duler 27 n.H. ~

Früh morgens regt sich etwas im Hospital Brandensteins. Kurz nachdem sich ein junger Novize leise angezogen und auf den Weg zur Arbeit gemacht hat, öffnet sich die Tür ein zweites mal, und sein älterer Gefährte sieht sich verstohlen um. Er hat sich schlafend gestellt und darauf gewartet, daß sein kleiner Bruder in richtung der Felder aufgebrochen ist, ehe er rasch in die Stiefel geschlüpft ist und sich selbst auf den Weg gemacht hat.

Freilich, er ist noch ein wenig wackelig auf den Beinen - aber hat wirklich jemand erwartet, daß er brav im Bett liegen bleibt und den Tag einfach an sich vorbeiziehen läßt?

Stattdessen sitzt er wenig später im Schrein der Mutter Göttin, und saut diesen gehörig ein. Also, eigentlich versucht er fruchtbare Erde in einen Blumentopf zu füllen, aber es bewahrheitet sich erneut, daß seine Mutter eine wahrlich weise Frau gewesen ist, als sie ihm verboten hat, ihr bei der Pflege des heimischen Blumenbeetes zu helfen. Ausdrücke wie "Schwarzer Daumen" oder "Zwei linke Hände" beginnen noch nicht einmal, das Ausmaß des Chaos zu beschreiben. Aber so wie die am Falschesten singenden Kinder stets diejenigen sind, die aus vollster Kehle ihre fröhlichen Lieder in die Welt hinausposaunen, so ist er mit einem Feuereifer bei der Arbeit, der seinesgleichen sucht.

"Ich weiß, ich weiß", murmelt er im Plauderton, während er ein weiteres Schäufelchen Erde in den Topf packt - und dort eine Spur zu fest hineinklopft, als daß die Dichte für junge Wurzeln wirklich ideal wäre. "Tendarion meinte schon, es bedeute Ihr nichts, wenn ich mich entschuldige. Aber MIR bedeutet es etwas!" Er nickt der Götterstatue zu und klopft nochmals auf die ohnehin schon viel zu feste Erde.

Dann - behutsam, aber freilich auch da vollkommen ohne jede Ahnung, was er tut - bettet er ein paar Rosensamen in die Mitte des Topfes und schaufelt noch ein wenig Erde darüber. Zumindest, wenn man schon kaum etwas anderes Erfreuliches über sein Tun sagen kann, klopft er diese nicht ebenso fest, sondern läßt den Samen doch ein wenig Freiraum zum Entfalten. Vielleicht ist es ja ein kleiner Wink der Mutter, damit sein gemeinsames Opfer an Sie und Ihre Schwester nicht gleich erstickt, ehe es noch die Gelegenheit hatte zu sprießen.

Anstatt jedoch seine Arbeit fortzusetzen und den potenziellen Pflänzchen ihren ersten Schluck erfrischenden Wassers zu gönnen, starrt er nur auf den Topf in seinen Händen hinab, vollkommen in Gedanken verloren. Entgegen des schönen Morgens, der von Liebe durchtränkten Umgebung und der aller Ungeschicklichkeit zum Trotz entspannenden Tätigkeit fällt es ihm schwer, die Geschehnisse des vorangegangen Tages zu vergessen.

Vor allem jener Moment ist ihm nur allzu deutlich in Erinnerung geblieben, als er von dieser uralten Kraft erfaßt und hinfortgeschleudert worden ist. Der Moment, als sein Herz in Myriaden kleiner, scharfkantiger Scherben zersplittert ist. Ein Ast hat in seinem Arm gesteckt und seine Arme und Beine sind aufgeschunden worden, als er über den Boden geschlittert ist - aber selbst wenn sein Körper gänzlich von Pfeilgen gespickt und seine Haut vollkommen abgezogen worden wäre, wäre der Schmerz nicht annähernd an die Grausamkeit der Erkenntnis herangekommen.

Er ist aus einem Schrein seiner Herrin geworfen worden.

"Ngh!" keucht er leise und die Hand wandert an seine Brust, als müsse er sich davon überzeugen, daß dort nicht ein riesiges Loch prangt. Selbst der ferne Nachhall der Erinnerung raubt ihm für einen Moment lang den Atem, und es ist erst der Blick hinauf zur Statue, der ihn sachte wieder zurück in die behutsame Wärme des Schreins holt - so wie ihn gestern erst das zarte Pulsieren der Verbindung wieder zu Verstand hat kommen lassen.

Ein paar vereinzelte Tränen laufen seine Wangen hinunter, fangen sich in den zu einem liebevollen Lächeln nach oben gezogenen Mundwinkeln, und er senkt den Kopf kurz in einer dankbaren Geste vor dem steinernen Abbild der Lieblichen.

"Ob sie die Warnung verstanden - und angenommen - haben?" murmelt er nach einigen Momenten leise, während er sich vorsichtig aufrichtet und den Topf mit sich zieht, hinüber zum Wasserbecken. Ganz vorsichtig und liebevoll schöpft er eine Handvoll des geweihten Wassers in den Blumentopf - und schafft es dennoch, die Samen dabei wieder gänzlich an die Oberfläche zu spülen. Nun, wenigstens ruhen sie dort nun wohlig in einer kleinen Mulde, die das Wasser hinterlassen hat.

"Oh, ich hoffe es..." Sachte drapiert er den Topf an den Rand des Beckens und blickt wieder zu der Statue auf. "Das Ende, das sie sonst erwartet, hat keiner von ihnen verdient. Hast du gesehen, was Ralin auf sich genommen hat, um mich da raus zu holen?" Und trotz der Sorge in seinem Blick verziehen sich seine Lippen zu einem liebevollen Lächeln. "Oder wie er sich im Ödland immer zwischen mich und die Gefahr geworfen hat? Er hat das Herz am rechten Fleck, er stellt nur seine Befehle nicht halb so oft in Frage, wie gut für ihn wäre."

Sein Blick wandert wieder hinab auf den Topf, nachdenklich. "Ralin ist der Letzte, der es verdient hätte. Aber auch die anderen... Hand aufs Herz!"

Vorsichtig - er versucht, den verletzten Arm nicht allzu sehr zu bewegen - macht er sich daran, die erdigen Überreste seiner Möchtegern-Gärtnerei zu beseitigen. "Kadir mag nicht aufrichtig sein, aber aufrecht ist er allemal. Sieh dir an, wieviel Gutes er getan hat, wie es den Leuten unter seiner Führung geht, was auch immer seine Beweggründe sein mögen. Ebenso Enoah... auch wenn er die Wahrheit verbiegt, um zu provozieren - so viele Bürger der Stadt verdanken ihm ihr Wohl, so viele ihre Hoffnung. Und natürlich..."

Er unterbricht sich und richtet seine Augen wieder hinauf zur Statue, schenkt ihr ein neuerliches Lächeln. "Du weißt, wie ich über sie denke. Ich kann und will das Gute nicht wegreden, das sie getan hat, wieviele Leute sie schon beschützt hat."

"Naja... wie auch immer... muß los!" Ein paarmal dreht er sich im Kreis, sichtlich zufrieden, daß man von seinen erdigen Umtrieben nichts mehr erkennen kann - bis auf den Blumentopf natürlich, der in all seiner mäßig beeindruckenden Pracht am Rand des Beckens thront. Also klopft er sich rasch die Hände sauber, verneigt sich tief vor der Statue, und wuselt dann hastig zurück ins Hospital.

Schließlich muß er wieder unschuldig im Bett liegen, wenn Tendarion nach ihm sehen kommt!


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 Betreff des Beitrags: Re: Der Spatz pfeift es von den Dächern
BeitragVerfasst: 18.03.16, 07:16 
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~ Brandenstein, Baronie Siebenwind, 17. Duler 27 n.H. ~

Müde Augen blicken auf den Blumentopf hinab und zittrige Hände schöpfen gesegnetes Wasser aus dem Becken im Vitama-Schrein, um damit neuerlich die Erde rund um den Rosensamen sachte zu tränken.

Erschöpfung und Müdigkeit haben den Novizen fest im Griff, denn nicht viele Zyklen können es gewesen sein, die er an seinen kleinen Bruder gekuschelt auf dem Boden der Kathedrale gedöst hat, und selbst diese Zeit ist rein Lifna zu verdanken, die ihn gegen seinen Willen sanft zu sich geholt hat. Erschrocken ist er hochgefahren, als er gemerkt hat, daß er während seiner Wache eingeschlafen ist, und sein erster Weg war, einen eiligen Blick in den Schrein des Schwertmeisters zu werfen.

"Mutter schenk ihm Wärme während Dein Bruder ihn stärkt, und laß ihn nie vergessen, daß seine Familie bei ihm ist, wenn er uns braucht." Die Stimme ist heiser und krächzend, die schier unendlichen Zyklen, in denen er seine Lob- und Bittgesänge an die Viere aufrecht erhalten hat, haben ihren Zoll eingefordert. Aber auf seinen Lippen ist wieder das sachte Lächeln zu erkennen, und sein dankbarer Blick wandert neuerlich zu der Statue hinauf.

Denn Dankbarkeit ist das Gefühl, das sich immer mehr aus den mannigfaltigen Eindrücken des vorangegangen Tages herausschält. So viel ist geschehen, so viel zu verarbeiten. Die Bilder der geschundenen Stadt, die grausigen Gestalten in der Kammer des Dämons, das unablässige Donnern der garstigen Stimme um sie herum. Und auf der anderen Seite das strahlende Licht, als die Seelen ihren Weg in Morsans schützende Arme angetreten haben. Das Glücksgefühl, als er eine davon zum ersten und zum letzten Mal "Vater" nennen hat dürfen, ehe diese endlich wieder ihren Frieden gefunden hat. Die fast berauschende Nähe zu allem Sein, die er verspürt hat, als die Geweihten um den Beistand ihrer Herren gebetet haben - um diesen auch tatsächlich zu erhalten.

Arin hat freilich Recht, die beiden haben noch so unendlich viel zu lernen, doch genau wie der temporäre Verlust seiner Stimme ist es die Zeit des Lernens nur allzu wert. Was sind ein paar Wochenläufe, Monde, Götterläufe - um zu lernen, wie man Ihre Kinder und deren kostbarstes Gut schützt?

Liebevoll haucht er einen kleinen Kuß auf den Rand des Blumentopfes und erhebt sich, ein wenig schwankend, doch noch immer sind die Mundwinkel erschöpft aber ehrlich nach oben gezogen.

Er begibt sich zurück zum Schrein Bellums, ein weiterer stiller Blick wird hineingeworfen, präsent aber nicht die Zwiesprache zwischen Herrn und Diener störend. Dann kniet er sich neben die Bank vor dem Schrein, neben den schlafenden Arin, durch dessen Haar er liebevoll seine Hand wandern läßt, ehe er leise seine Tasche heranzieht. Sein Schreibkästchen wird hervorgeholt, ein Stück Pergament auf der Bank ausgerollt und das Tintenfäßchen daneben gestellt.

Müde Augen blicken auf das Blatt herab und zittrige Hände führen die Feder.


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