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 Betreff des Beitrags: Im Klang der Brandung
BeitragVerfasst: 2.12.15, 13:24 
Einsiedler
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Behutsam legte Lilias die Schreibfeder beiseite, um das so eben beschriebene Pergament nicht mit Tintenflecken zu verunglimpfen. Die Zeilen wurden noch einmal überflogen, ehe sie sich daraufhin aus dem Sessel erhob und sich genüsslich streckte, um etwas Bewegung in ihre müden Glieder zu bringen. Die junge Schöpferin des Wassers bemerkte nicht, wie sie in der Schreibstube der Ecclesia Elementorum auf und ab zu schreiten begann, als sie ihren Gedanken nachging.

Gelegentlich wanderte ihr Blick zu dem von ihr so eben für die Schiffssegnung niedergeschriebenen Gebet. Sie war sich nicht so recht sicher ob ihre Worte im Geiste der Zeremonie angebracht waren, ihr Vertrauen in Xan gab ihr jedoch die nötige Zuversicht das umfassende Gebet heute vorzutragen. "Was von Herzen kommt gelingt!" pflegte ihr damaliger Mentor in ihrem Heimattempel nahe Ignes stets zu sagen. Dieser war allerdings auch eine überschäumende Frohnatur elfischer Herkunft und ein Sprücheklopfer, der Seinesgleichen suchte. Sein neckisches, leichtlebiges Wesen und das wahrhaft unerschöpfliche Reservoir an Redewendungen und mit einem Augenzwinkern erzählten Weisheiten standen wohl im krassen Gegensatz zu ihrer jetzigen Mentorin, Nithavela.

Interessanterweise (und ebenso amüsanterweise, wie Lilias sinnierte) ähnelten sich die beiden trotz ihres unterschiedlichen Gemüts mehr, als man es auf den ersten Blick vermuten würde. Beide neigten dazu frei heraus das zu sagen, was sie zu denken pflegten, und fanden immer die klaren, oder zumindest passenden Worte, auch wenn diese unangenehm waren. Und beide gingen ihrem Dienst unter der Herrin der Gezeiten in voller Überzeugung und tiefster Ehrlichkeit nach, ohne jedoch starr einer kirchlichen Dogmatik zu folgen, ohne überflüssige Bürokratie zu forcieren oder sich von kleingeistigen Gepflogenheiten in ihrem Dienst einschränken zu lassen. Eine Erkenntnis, der Lilias viel abgewinnen konnte.

Sie hielt inne und rollte das Pergament zusammen, die Zeilen wollte sie später noch einmal wiederholen, um sie in ihrem Geist zu festigen. Anschließend verließ sie das Gebäude und trat über den Hinterhof in den Keller des Gemeinschaftshauses. "Keller" war in diesem Sinne kein sonderlich schmeichelhaftes Wort, befand sich unter dem Hauptgebäude doch eine malerisch anmutende Höhle mit einem unterirdischen Teich samt Sitzgelegenheit. Dieser Ort, ebenso wie das angeschlossene Bad, lud alle Bewohner des Gemeinschaftshauses zur Entspannung ein, lediglich der große Abstellraum im Hintergrund wurde der Bezeichnung eines Kellers gerecht. Lilias hatte vor geraumer Zeit einige Symbole der Enhor samt Beleuchtung aufgestellt, um die unterirdische Idylle etwas auszuschmücken. Viele Bewohner hatte die Ecclesia im Moment nicht, aber so wie alles im Leben ein natürlicher Prozess es Fließens war, würden auch hier eines Tages wieder mehr Novizen und Priester einkehren. Im Moment waren sie eine kleine, eingeschworene Gesellschaft. Lilias empfand die Atmosphäre beinahe schon als familiär, ein Umstand der auch zukünftigen Dienern der Enhor sicherlich ein angenehmes Einleben ermöglichen würde.

Mit einem metallenen Klicken öffnete sie das Schloss des Abstellraums, womit sich ihre Gedanken wieder ihrer bevorstehenden Aufgabe widmeten. Lilias wollte einen Beutel holen, um die Opfergaben für die heutige Schutzsegnung von Tintins "Litheth" darin zu verwahren. Es lag ihr viel daran, und sie wollte aus einer inneren Überzeugung heraus für die Litheth und ihre Mannschaft den Segen der Nebelweberin erbitten. Nicht nur, weil Tintin die Diener Xans danach gefragt hatte, und Lilias eine derartige Bitte nichht ablehnen konnte - nein, wollte. Auch deswegen, weil sie wusste, dass der Kapitän und seine Mannschaft die Geschenke und Gaben Xans zu würdigen wussten und ihrem Reich und ihren Untergebenen entsprechenden Respekt und Würde entgegenbrachten.

Vom Hafen her konnte man die Rufe der Möwen vernehmen, und auch das Rauschen der Brandung klang noch einmal entfernt über die Treppe nach unten an ihr Ohr, bevor die Tür hinter ihr ins Schloss fiel...


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 Betreff des Beitrags: Re: Im Klang der Brandung
BeitragVerfasst: 22.12.15, 22:45 
Einsiedler
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Am späten Abend kann man die junge Dienerin Xans dabei beobachten, wie sie etwas aus dem Keller der Priorei holt. Bei genauerer Beobachtung ist zu erkennen, dass es sich dabei um mehrere glattpolierte Muschelschalen handelt. Diese werden von Lilias im Hinterhof der Ecclesia Elementorum vor dem Enhoraltar auf dem kalten Morsansboden aufgereiht, bevor sie sich ebenfalls davor niederkniet und ein Gebet zu sprechen beginnt. Wer zufällig an der Priorei vorbeikommt, vernimmt womöglich eine eifrige Segnung um Schutz vor der dunklen Zeit zu erbitten. Anschließend wird von der jungen Novizin reines Wasser über die Muscheln geleert, um die erbotene schützende Kraft darin zu verwahren.

Die Dienerin Xans erhebt sich, klopft das gefrorene Tevrareich von den Knien und beginnt die Muscheln an ausgesuchten Orten rund um die Priorei zu verstecken oder im Schnee zu vergraben. Dabei sieht sie sich immer kurz um, als ob sie prüfen wolle, dass sie auch ja niemand dabei beobachtet und womöglich das nächste Versteck zu Gesicht bekommen würde. Zu guter Letzt tritt sie noch einmal vor den Haupteingang der Ecclesia Elementorum, um ein Abschlussgebet zu sprechen. Kurz darauf fällt die Tür ins Schloss, und nur die Stiefelspuren der jungen Frau verbleiben im Schnee.


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 Betreff des Beitrags: Re: Im Klang der Brandung
BeitragVerfasst: 3.01.16, 18:36 
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Zweimal. Zweimal hatte diese verfluchte Burg ihr nun schon beinahe das Leben gekostet. Doch für was eigentlich?

Lilias kramte ihre alte Robe, mit der sie damals auf der Insel angekommen war, aus ihrer Truhe im Keller der Priorei hervor. Einige Monde waren seither schon vergangen, und die beschaulichen Tage, an denen sie mit dem restlichen Hofstaat von Brandenstein Abend für Abend an der Tafel der Burg saßen, schienen ihr unendlich weit entfernt. Sicher, auch damals hatten sie ihre Sorgen, aber nichts in einem Ausmaß, welches dem tobenden Krieg oder dem nahenden Dunkeltief das Wasser reichen würde. Sie nahm die leicht angestaubte Kleidung mit sich und ging wieder nach oben. Über einem der Sessel in der Küche hing ihr Mantel, der an der rechten Seite einen langen Schnitt direkt über der Achsel Richtung Brustkorb aufwies. Sie schauderte kurz, als sie an den schwarzen Reiter im Waldstück nahe der gestrigen Schlacht zurückdachte.

Die Streitigkeiten zwischen Cortan und dem alten Reich Hilgorads... gingen sie und die meisten anderen Diener der Enhor eigentlich nichts an, schoss es ihr durch den Kopf. Gleichermaßen wurden sie auch von beiden Seiten gekonnt ignoriert. Ihr war bewusst, dass sie nicht unbedingt die zahlreichste Truppe ihrer Art waren, dennoch schienen weder der Kanzler, noch die Cortaner, noch die Kirche Interesse an ihrer kleinen aber ausgeprägten Gemeinschaft zu hegen. Sie wirkten fast ein wenig wie eine Randnotiz. Einzig Tendarion und seine tapferen Helfer, Fyonn und Arin, sowie Arcturus und wenige andere schienen offen genug zu sein jeglichen Kontakt zu pflegen. Dabei galt natürlich zu berücksichtigen, dass die vorherrschende Individualität der Enhorpriester eine große Rolle spielte. Ein jeder von ihnen verfolgte seine eigenen Ziele, im Einklang mit dem Pfad, welcher durch Ventus, Rien, Xan oder Ignis geprägt wurde. Es war nicht auszuschließen, dass zwei Anhänger der Enhor konträre Ziele verfolgten - selbst wenn sie der gleichen Gottheit huldigten. Deshalb fiel es vielen Leuten auch schwer die Priester der Elementarherren einer politischen Strömung oder einer anderweitigen Gruppierung glasklar zuzuordnen. Dies war sowohl Segen als auch Fluch zugleich.

Die verworrenen Gedankengänge schlossen in eine klare Erkenntnis über. Ihre Loyalität gehörte keiner Krone, egal ob diese schwarz oder weiß gezeichnet war, und auch keiner anderen religiösen Gemeinschaft an, egal wie stark diese auf der Insel verteten war. Sicher gab es Ausnahmen - wieder dachte sie an ihren aufopfernden Freund im Hospiz von Falkensee - und diese wurden von ihr auch entsprechend geschätzt und im Herzen getragen. Aber letztendlich galt ihre Loyalität nur der Nebelweberin selbst. Xan und ihre Untergebenen verhalfen ihr dazu Dinge zu bewerkstelligen, zu denen sie sonst nie fähig gewesen wäre. Im Austausch für ihren Glauben und ihr eigenes Leben, welches Lilias der Säerin der Gischt anvertraut hatte, erhielt sie Macht und den Schutz der Gezeitenherrin. Lilias war für die kräftezehrenden Erlebnisse der letzten Tage dankbar, darunter die Schmerzen, welche sie nun einige Zeit begleiten würden, so wie die Narbe die ihr auf ewig erhalten bleiben würde. All diese Dinge waren wie eine Prüfung gewesen, aus der sie nun gefestigt im Glauben hervorging.

Fyonn hatte die Wunde gut versorgt, aber sie würde sich seinen Rat zu Herzen nehmen und diese heute nochmals begutachten lassen. Sie verzog das Gesicht, als ein unangenehmes Ziehen unter der rechten Achsel den nahenden Schmerz ankündigte, während sie sich in die lockere Weste zwängte und ihre Arme in die Ärmel ihrer alten Robe schob.

Vielleicht hatte Gildas Recht. Vielleicht war die Entscheidung der Dwarschim sich in der Binge einzuschließen, bis das Dunkel vorrüber war, die richtige Entscheidung. Das Dunkel würde vorbeiziehen, und danach würden sie einfach erneut ins Felalicht treten und das ganze Chaos aufräumen, welches unweigerlich zurückbleiben würde. Das Antlitz von Tare, welches durch die Enhor geformt worden war, würde jedenfalls immer bestehen bleiben. Keine Schlacht und kein Dunkel würden an dieser Tatsache rütteln, waren dies doch nur fliehende Ereignisse auf dem Schoß der Elemente selbst, wie ein Schauspiel das eine Bühne benötigt um überhaupt erst stattfinden zu können. Sie würde beobachten, sie würde abwägen - und wenn es nötig war, würde sie eingreifen. Um das Wesen Xans und ihrer Kinder zu bewahren.


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 Betreff des Beitrags: Re: Im Klang der Brandung
BeitragVerfasst: 9.01.16, 18:02 
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Wieder war ein trockenes Klappern zu vernehmen. Mit abgehackten und unnatürlichen Bewegungen kam ein weiterer knöcherner, dürrer Schemen in einem skurril anmutenden Tanz vor dem Osttor von Brandenstein vorbei. Ein haaresträubendes, kratziges Geräusch ertönte, als das rostige Schwert der Kreatur kurz über die metallenen Gitter des geschlossenen Tores scherte, bevor die Gestalt den Schein der Fackeln verließ und sich ihre Umrisse wieder in der Dunkelheit verloren.

Lilias wandte den Blick vom Torhäuschen ab und griff nach ihrem Weinglas. Unendlich viele der wandelnden Untoten mussten sich außerhalb der Stadt aufhalten. Mittlerweile war sie es aber gewohnt, dass sich ab und an eines dieser Wesen in der Nähe des Tores blicken ließ, nur um kurz darauf wieder unverrichteter Dinge zu verschwinden. Eine längere Abwesenheit der Kreaturen würde sie wahrscheinlich misstrauischer stimmen, als deren mittlerweile regelmäßiger Besuch. Ehrlich gesagt war es diese Stille, welche wohl für die größte Unruhe innerhalb der kleinen Gruppe an Verteidigern sorgte. Jeder von ihnen spürte es - ihre Blicke hatten gestern mehr als tausend Worte gesprochen. Wahrscheinlich hatten sie sich deshalb alle so freimütig in die gegenseitige Gesellschaft am Unterstand des Osttores begeben. Das fröhliche Klackern der Würfel im Becher und das sanfte Klirren der Weingläser machten es ein wenig erträglicher, dieses undurchdringbare Dunkel in ihrer Insel des Lichts abzusitzen. Das Feuer knisterte wohlig und wäre es ein anderer Abend gewesen - man hätte beinahe tatsächlich meinen können, dass sich die Gruppe wirklich nur eingefunden hatte um der Gesellschaft zu fröhnen und einige schöne Stunden miteinander zu genießen.

Dann wurde alles anders, als die ersten Überlebenden eintrafen und von der Schlacht berichteten. Falkensee war gefallen, und selbst wenn der Tempel noch stehen würde, wäre das in Anbetracht der Umstände nur ein schwacher Trost gewesen. Lilias konnte nur hoffen, dass sich noch weitere Überlebende einfinden würden oder den in der Stadt Eingeschlossenen die Flucht gelingen würde. Wäre neben der unerträglichen Stille nicht auch noch dieses Gefühl von verflixter Machtlosigkeit!

Erneut erklang ein schauriges Geräusch aus dem tiefen Dunkel, und sie wurde aus ihren Gedanken gerissen. Diesmal glitt sie von ihrem Hocker hinab und griff nach ihrer Laterne, schlug jedoch nicht den Weg zum Tor ein. Synoris und Zeros würden mit etwaigen knöchernen Eventualitäten ohne Probleme fertig werden. Sie wollte noch einmal zum Hafen gehen um die Situation zu beurteilen. Die Luft dort wurde immer eisiger und die Eisschollen immer größer. Und wenn das Hafenbecken einmal vollständig zugefroren war - dann würde jemand oder etwas über das Eis kommen, das fühlte sie.


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