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 Betreff des Beitrags: Zeitlos
BeitragVerfasst: 12.07.17, 22:21 
Ehrenbürger
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Da war sie nun also wieder: An dem Ort an dem alles begann. Wo Vergangenheit und Gegenwart niemals zur Zukunft werden würden. Sie klaubte einige Dornen aus dem Harnisch und warf diese beiseite in das hohe Gras ehe sie in die Höhle hinab stieg. Die Zuversicht es bis hierher zu schaffen hatte sie nicht getrügt, auch wenn es früher wohl um ein vielfaches einfacher gewesen wäre. Aber nichts, das von Bedeutung war war jemals einfach und so war sie frohen Mutes. Warum auch nicht? Wenn man sich der Finsternis entgegen stellte mit nichts als einem entwaffnenden Lächeln auf den Lippen, dann waren ein paar Dornenbüsche und Nifey ein Klacks. Der verwunschene Wald. Nach all der Zeit kam es ihr noch immer befremdlich vor wie gut sich manches offen vor aller Augen sichtbar verbergen konnte, welch guten Schutz Halbwissen und Überheblichkeit vor der Wahrheit dar stellten. Sie schmunzelte kurz auf, ehe sie den Gedanken aus ihrem Kopf heraus zwang. Wegen genau solcher Gedanken war sie jetzt hier.
Hier, wo die alte Kraft und Macht so stark war wie an keinem anderen Ort auf, über- oder unterhalb der Insel. Einem Ort, dem man eine besondere Nähe zu Vitama und Rien nach sagte. Sie seufzte leise. Vitama und Rien. Das war die Gegenwart, das war was dieser Ort nun war, aber nicht, was er einst sein sollte. Der Wandel der Zeit verschonte nichts und niemanden und doch empfand sie den Gedanken als tröstlich. Was gut ist kann immerzu auch noch besser werden. Zumindest solange Menschen, Elfen, Zwerge und wie sie alle heißen mochten ihre Finger mit im Spiel hatten. Gleich wie weit man kam, wie viel man erreichte, es war immerzu noch reichlich Luft nach oben vorhanden. Es gab keinen Grund für Stillstand, keinen Grund sich auf Lorbeeren aus zu ruhen. Verändern, verbessern ließ sich immerzu noch vieles. Es gab gut, es gab auch gut genug, aber Perfektion, die gab es nicht, nur mehr immerzu neue Facetten, neue Wege, neues Spiel, neues Glück. Glück... Sie konnte schon gar nicht mehr sagen wann sie das letzte mal glücklich gewesen war. Eine armselige Erkenntnis für eine Dienerin Vitamas.
Einer der Qwns an diesem Ort leuchtete etwas matter auf, während er sie umkreiste. Auf diese Wesen musste sie wohl sehr eigenartig wirken. Das Alte und das Neue. Anfangs hatten sie sie kaum bemerkt, zwei mal war sogar einer einfach gegen sie geschwebt als wäre sie gar nicht vorhanden. Oder als würde sie sich einfach nahtlos in die Aura des Ortes ein fügen. Es kitzelte ein wenig wenn eine der Kreaturen ihr zu nahe kam, ein angenehmes Gefühl, auch wenn es zunehmend schwächer wurde. Aber gut, beständig durch gekitzelt werden zu wollen war nun auch nicht gerade ihr sehnlichster Wunsch, aber ab und an war es eben genau das: Angenehm.
Aber nun, sie war nicht zum Spaß hier. Oder doch eigentlich schon. Irgendwie. Egal jetzt! Nachdem sie Stab, Schwert, diverse Messer und ihr liebevoll "Beuli" genanntes, tödliches Nudelholz der Verderbnis des zu spät heim kehrenden Ehegatten verschnürt hatte deponierte sie alles was auch nur entfernt als Waffe dienen konnte außerhalb des Schreins. Darin entledigte sie sich der Rüstung, streifte ein Kleid über, wog den Kopf hin und her und zog es dann zusammen mit dem Holzschmuck den sie trug wieder aus. Wenn schon denn schon. Sieht doch eh keiner und selbst wenn, runter mit dem Ballast. Sie nahm erst einmal ein ausgedehntes Bad in dem Teich der die kleine Insel umgab ehe sie sich tropfnass in den Schrein zurück zog um für die sichere Ankunft nach der Reise zu danken. Anschließend setzte sie sich wieder ans Wasser, nahm eine kleine Stärkung zu sich und ließ sich einfach ins Gras zurück sinken. Es war ruhig. Lediglich die gelegentlichen Klänge der drei Qwns die sich im hohlen Baum eingenistet hatten durchbrachen die Stille. Friedlich. Sie nickte ein mal. Ja, friedlich war es. Auch etwas, das sie zutiefst vermisst hatte.
War es da verwunderlich, dass dieser Ort sie in seinen Bann gezogen hatte? Sie war sich uneins ob dieser Ort einer Wächterin bedurfte, aber fürs erste war sie ja auch vor allem ein Gast hier. Ein Gast, der diesen Ort mit zwei Augenpaaren sah. Vergangenheit und Gegenwart. Alte Macht und Kraft in mir. Küsschen und Ael. Hab' Dich lieb.


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 Betreff des Beitrags: Re: Zeitlos
BeitragVerfasst: 15.07.17, 01:59 
Ehrenbürger
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An einem Ort der Teil der todlosen Kraft war, einem Ort der keine Zeit kannte in fortwährender Kontemplation wieder und wieder und immer wieder gesprochen:

"Wir glauben an die gütige Vitama, die uns die Liebe brachte, die das Leben schenkte und es von der bloßen Existenz schied und an ihre Lafay Cherny, die Amme, die uns die wir waren, sind und sein werden das Geschenk der Seele überbringt auf dass wir die Viere in uns auf nehmen mögen.
Wir glauben an den zornigen Bellum, der uns die Gerechtigkeit brachte, der uns wappnete auf dass wir um das was wir lieben zu kämpfen vermögen und an seinen Lafay Maynagh, den Heermeister, der seinen Schild über den Seelenstein hält auf dass wir die Viere in uns bewahren mögen.
Wir glauben an den weisen Astrael, der uns das Wissen brachte, der uns lehrte unsere Sinne zu gebrauchen um verstehen zu können und an seinen Lafay Argionemes, den Wächter, dessen Blick über den Seelenstein wacht auf dass wir die Viere in uns erkennen mögen.
Wir glauben an den behütenden Morsan, der uns den Frieden brachte, der uns heim führt in den Schoß und die Liebe der Viere und an seinen Lafay Galtor, den Fährmann, der unsere Seelen auf ihrer Heimreise geleitet und beschützt auf dass wir die Viere in uns für alle Zeit bewahren mögen.
Götter des Entstehens, des Seins, des Werdens und des Vergehens, eines Eurer Kinder aus dem Elfenvolke, das vor langer Zeit lebte, vor langer Zeit von uns ging steht an seinem Scheideweg:
Ethrendor Thurindir ward er gerufen, der sich den kommenden Tagen der alten Finsternis die sich den Namen Erbauer gab stellen will. Sollte Euer Kind in diesem Kampf unterliegen, so bitten wir Euch:
Behütender Morsan, nimm Dich seiner Seele an und geleite sie sicher vor Euer göttliches Gericht auf dass seine Seele den Frieden finden mag den sie sucht.
Weiser Astrael, richte über seine Seele mit Augenmaß auf dass sie nicht unter der Last Deines Richtspruchs zerbreche auf dass seine Seele die Erkenntnis finden mag die sie sucht.
Zorniger Bellum, verfahre gerecht mit seiner Seele und schlage den alten Feind in die Flucht wenn er nach ihr greift auf dass seine Seele den Schutz finden mag den sie sucht.
Gütige Vitama, sei gnädig mit seiner Seele, Du die wie keine andere weiß, dass wir alle die wir waren, sind und sein werden vor Dir und Deinen Geschwistern Sünder sind, dass wir das Recht verkennen, wo wir es fördern sollten, dass wir der Gerechtigkeit entfliehen, wo wir auf sie zu stürmen sollten, dass wir den Frieden schmähen, wo wir ihn bewahren sollten und dass wir die Gnade verweigern, wo wir sie gewähren sollten. Denn wir alle sind fehlbar und sündhaft und so bitte ich Dich an diesem Deinem Ort: Schenke uns weiterhin Deine Liebe auf dass wir in unseren Momenten der Schwäche an Dir und deiner Liebe wachsen können. Schenke uns weiterhin Dein Mitgefühl auf dass wir wenn wir fallen durch Dich und Dein Mitgefühl uns wieder auf die Beine ziehen können. Schenke uns weiterhin Dein Verlangen auf dass wir wenn die Kälte Deines Sohnes nach uns greift in Dir und Deinem Verlangen die Flamme finden, die unsere Herzen und Seelen auf tauen lässt. Schenke uns weiterhin Deinen Trost auf dass wir wenn Trauer und Kummer uns erdrücken durch Dich und Deinen Trost der Schwermut ein Lächeln und ein Lachen entgegen halten können. Schenke uns weiterhin Deine Gnade auf dass wir wenn wir dereinst vor Dir und Deinen Geschwistern stehen, entblößt und mit Sünden beladen, uns Deiner Selbst und Deiner Liebe gewiss sein können, Du, die uns den Rücken stärkt wenn wir schwach sind, die uns auffängt wenn wir straucheln, uns in Sicherheit wiegt wenn wir uns in Gefahr begeben und uns nie im Stich lässt, ganz gleich was auch geschehen mag.
So bitte ich Dich für alle die da waren, sind und sein werden und ganz besonders für Dein Kind Ethrendor Thurindir: Sei wer Du bist, bleibe wie Du bist auf dass seine Seele die Gnade finden mag die sie sucht.
Darum bittet Deine Tochter Diana Weidenbach an diesem Ort der nunmehr der Deine ist und der Deine bleiben soll. Ael."


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 Betreff des Beitrags: Re: Zeitlos
BeitragVerfasst: 18.07.17, 12:38 
Ehrenbürger
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Es bedurfte einiger Tage um sich zu aklimatisieren. Der fehlende Wechsel von Hell- und Dunkelzyklen, keine Sterne, kein Mond und keine Fela, auch wenn deren Licht an diesem Ort eingefroren war, einem Ort, an dem kein Uhrwerk und keine Sanduhr ihren Dienst verrichteten, nein, nichts hier half einem dabei so etwas wie ein Zeitgefühl zu bewahren. Dennoch klammerte man sich anfangs unwillkürlich daran, zu vertraut war man damit, sein gesamtes Leben dem Wechsel von Fela und Monden unter zu ordnen, damit sein Leben dem Takt der anderen an zu passen, aber hier war niemand außer ihr. Die Zeit hatte an diesem Ort keine Macht. Über nichts und niemanden. Es wurde leichter wenn man dies begriff und lernte einfach los zu lassen. Zu schlafen wann man es wollte ohne sich zu fragen ob es die rechte Zeit sein mochte. Zu essen was man wollte ohne sich zu fragen ob es nicht zu früh oder zu spät dafür war. Die rechte Zeit, zu früh oder zu spät, das gab es hier nicht, hier gab es nur das hier und jetzt. Tue wonach Dir ist. Nicht hinterfragen, einfach handeln, sich dem Augenblick und seinen Wünschen hin geben. Schlafen, essen, baden, beten, nachdenken, spazieren, klettern, singen, tanzen, fühlen, für all das gab es hier nur eine Zeit: Wann immer einem danach war.
Verständlich, dass die Elfen die diesen Ort fanden ihn als vitamanah empfunden haben mussten. Keinerlei Zwänge und das musste man sich zweifelsohne ein gestehen, dieser Ort war schön. So befremdlich er auf die meisten auch wirken mochte mit seinen Bäumen die unter der Erde wuchsen, er hatte etwas beruhigendes an sich, das man nur schwer in Worte fassen konnte wenn man die rechten Worte nie gelernt hatte. Ein wenig verwunderte es sie nach wie vor was die Elfen aus diesem Ort gemacht hatten und wofür er heutzutage gehalten wurde. Wie alle die Bauten bestaunten, die Statuen, die Tafeln in einer Sprache, die heute nicht einmal mehr die Elfen sprachen. Dabei waren die Gebäude in dieser Höhle nicht einmal annähernd das Älteste an diesem Ort. Mit einer Hand strich sie über den knorrigen Eichenstämme der Mutterbäume. Nicht einmal annähernd. Gebäude aus Holz und Stein, nein, die ersten die diese Höhle nutzten hatten keinen Bedarf für schmucke Steinbauten und verzierte Holztafeln, was sie errichten wollten war etwas ehernes, etwas wahres, etwas lebendiges. Etwas Gutes. Etwas, das alle Zeiten überdauern würde. Es war eine gute, eine starke Höhle, der Zirkel der hier gelebt hatte hatte mit Sicherheit Großes bewirkt. Wie sie wohl entdeckt worden war? Waren sie einfach fort gegangen? Waren sie auf gegangen in ihrem Werk? Oder war ihr Volk dem Untergang geweiht gewesen und so nahmen sie die jungen Völker und führten sie an diesen Ort? Sie würde es nie wissen, aber das war auch nicht erheblich. Wichtig war einzig was diese Völker aus diesem Ort gemacht hatten, wie der Wandel doch noch an einem Ort der keine Veränderung kannte Einzug gehalten hatte. Früher mochte dies eine Hexenhöhle gewesen sein, ein Hort der Erdmutter und ihres Wurzelwerkes, aber heute war dieser Ort vor allem ein kleines Wunder. Der vielleicht älteste noch existierende Schrein Vitamas, den je eines Menschen Auge angesichtig wurde.
So lag sie im hohen Riedgras, die Hände im Nacken verschränkt und starrte an die Höhlendecke. Sie war nicht grundlos genau jetzt genau hier. Sicher, sie war gerne hier, damals schon und heute um so mehr, aber noch war da der Grund weshalb sie hier war. Ein Grund, der es ihr unmöglich machte sich wirklich auf diesen Ort ein zu lassen. Ein Grund an dem es einen Hebel an zu setzen galt.
Etwas ironisch an einem Ort der keine Zeit kannte über Vergangenheit und Zukunft zu sinnieren, aber vielleicht machte gerade dies ihn auch zum perfekten Ort dafür. Wo es keine Grenzen gab, da konnten die Gedanken und Herzen wirklich frei sein um über Tare und die Götter nach zu sinnen. Ihre Miene verfinsterte sich und der einzelne Qwn, der sich ihr genähert hatte als sie ein wenig auf der Laute gespielt hatte, entfernte sich wieder. Noch verstand sie das Muster an Licht- und Tonfolgen nicht mit der diese Kreaturen wohl miteinander kommunizierten, aber sie hatte ja noch Zeit. Bisher konnte sie nur sagen, dass hohe, helle Klänge ihnen besser gefielen als dunkle und dass sie getragene Melodien den raschen vorzogen. Alles etwas eigen aber sie war zuversichtlich, dass dem eine tiefere Logik zugrunde lag, die sich ihr noch erschließen würde. Was man bei dem Thema das ihr die Stimmung verhagelte nicht behaupten konnte.
Letztendlich konnte sie es reduzieren: "Du bist zu klug für Vitama." "Du bist zu zornig für Vitama." "Du hast einen zu ausgeprägten Gerechtigskeitssinn für Vitama." Seltsame Vorstellung. Dass man zu viel von den Vieren in sich haben konnte um ihnen nahe sein zu können. Dennoch wurde diese Vorstellung der Viere immer wieder gepredigt. Beim ersten mal hatte sie noch darüber gelacht. Mittlerweile blieb ihr das Lachen im Hals stecken, denn hinter diesen wenigen Worten stand so viel.
Zu klug für Vitama, als wäre der Glaube nur etwas für die Dummen und die Schwachsinnigen. Wenn die Klugen sich nicht den Vieren zu wenden konnten obwohl doch Intelligenz oder auch Logik einem von ihnen als Gabe zu zu rechnen waren worin lag dort die Logik? Und wenn man den Gedanken weiter sponn? Konnte man demzufolge auch zu weise sein um zu den Vieren finden zu können? Oder zu gütig?
Zu klug für Vitama, als würden die Viere sich gegenseitig im Wege stehen, einander behindern. Tief drinnen war das das Gottesbild der anderen, jeder für sich allein, jeder mit seinen ganz eigenen Gaben und Tugenden, die im Widerspruch zueinander standen. Vieregefällig, das gab es in in einer solchen Glaubenswelt nicht, sondern immer nur das was einem Gott allein zusagt. Tugendhaftigkeit gab es nicht. Wenn man drei der Vier von sich stieß wenn man sich einem zu wandte, dann konnte man nicht vieregefällig sein.
Zu klug für Vitama. Wenn die Viere schon einander im Wege herum standen, wenn das ihr Wesen war, dann waren all' die Grabenkriege innerhalb der Kirche logisch, ja göttergewollt und jeglicher Versuch diese Streitigkeiten bei zu legen nicht in ihrem Sinne.
Zu klug für Vitama. Was erwarteten sie von ihr? Sollte sie die Viere darum bitten sie blind, dumm und gleichgültig zu machen damit sie sich leichter einfügen konnte? War es das was in ihrer Welt eine Geweihte aus machen sollte?
Sie schnaubte aus. Auch ein Weg sich alles schön zu reden. Tugenden zu predigen und das Gegenteil vor zu leben. Eide und Gelübde, kaum ausgesprochen schon gebrochen, Intrigen um die Vormachtstellung innerhalb der Kirche, Recht und Gerechtigkeit zu preisen aber zugleich nicht nur nicht durch zu setzen, sondern die Durchsetzung zu verhindern, ihr fielen auf Anhieb Dutzende Gelegenheiten ein bei denen die Kirche ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht wurde und das wirklich schlimme daran war die völlige Gleichgültigkeit dem gegenüber. Bei anderen verurteilt, vor allem wenn sie das taten was man selbst gerne tat, bei anderen, ja, aber bei einem selbst nie. Zwei, drei Tage in Roben herum laufen um allen zu zeigen was für ein vorbildlicher Gläubiger man war und danach konnte man schamlos weiter machen als wäre nie etwas gewesen. Alles vergeben und vergessen. Um den angerichteten Schaden brauchte man sich nicht zu kümmern und man tat es auch einfach nicht. Vergeben und vergessen. Das war woran die meisten zerbrachen. Als Anwärter lehrte man sie auf zu sehen. Alles war neu, man nahm es an wenn es wie eine Flut über einen herein brach. Zeit zum Hinterfragen blieb keine. Das kam später, als Novize. Als Novize hatte man die Zeit zum Hinterfragen und das Gelernte an zu wenden. Taten vor Worten. Fromme Worte gab es hier reichlich. Fromme Taten dagegen nicht, nicht einmal den Willen dazu. Dieser Konflikt war nicht auf zu lösen. Wenn man das was man gelehrt bekam nicht anwenden konnte, wenn die Messlatte die man an andere an legte immer höher war als die die man an sich selbst an zu legen gewillt ist, dann war das ein klassisches Dilemma ohne Lösung. Klassisch genug um so manchem Novizen das Genick zu brechen. Wenn man die Wahl hatte zwischen den Vieren und der Kirche, weil man nicht beides zugleich haben konnte, da man entweder an den Vieren wie sie gepredigt wurden oder an dem was tatsächlich vor gelebt wurde fest halten musste und beides nicht zu vereinbaren war, dann trafen die meisten wohl die richtige Wahl. Unter den Blinden mochte der Einäugige König sein, aber der Sehende war eine Bedrohung für die Stellung des Königs. In der Folge waren die die übrig blieben dadurch diejenigen, die lieber im Konflikt mit den Vieren als im Konflikt mit der Kirche lebten, dass meisten die die Viere wirklich haben konnten nur aus einem von zwei Lagern stammen konnten. Aus denen die diesen Konflikt nicht wahr nehmen konnten und jenen die sich für die Kirche und gegen die Viere entschieden hatten. Die Selbstdarsteller, die Selbstverliebten, die Selbstgerechten, die Selbstsüchtigen, die denen es bei ihrem Dienst nie um andere gegangen war, sondern immer nur um sich selbst. Und die Viere? Die hoben sie weiter und weiter empor. War das logisch? Gerecht? Gnädig? Sie wusste es nicht, sie kannte den Plan der Götter nicht. Oberflächlich betrachtet war die Antwort nein. Nach menschlichem Verständnis wäre es logischer, gerechter, wenn sie sich die erwählten, die ihnen tatsächlich nahe standen. Also alle anderen ja, nur eben nicht diejenigen, die sich dafür an boten. Oberflächlich betrachtet wäre das logisch. Gerecht. Es würde sogar Frieden schenken. Unter der Schale jedoch fehlte dieser Überlegung das mitfühlende. Wenn man sich davon löste, wenn man weiter zum Kern hin vor drang, dann blieb die Frage welche Wahl ihnen blieb. Entweder diese oder keinen. In der Not fressen Dämonen Fliegen sagte das Sprichwort. Was aßen wohl Götter in ihrer Not, wenn man sie so weit in eine Ecke drängte in der es nur noch diese eine Entscheidung gab? Keiner war keine Option, keine wirkliche. Somit folgte das was sie taten einer übergeordneten Logik. Sogar einer übergeordneten Gerechtigkeit. Es schenkte wenn auch auf eine sehr eigenwillige Art Frieden und, das musste sie anerkennen, es war definitiv mitfühlender, gnädiger, liebevoller als die Alternative die keine war.
Sie seufzte langgezogen. Sie war müde. Zu kämpfen laugte aus auf Dauer, insbesondere dann wenn man allein stand. Die Sünde war verlockend genug um süchtig zu machen. Aber ein Süchtiger musste selbst trocken werden wollen ehe man ihm helfen konnte. Alles andere erbrachte nichts außer, dass man sich an ihm und seiner Sucht auf rieb. Der Punkt war: Sie konnte niemanden zwingen frommen Worten auch fromme Taten folgen zu lassen. Man konnte andere dazu ermutigen, das ja. Aber der Wille war frei. So wie der ihre. Eine Entscheidung hatte sie bereits getroffen, denn das Ironische, das wirklich aberwitzig Komische an all' dem war, dass all' diese Erlebnisse, all' dieses Wissen ihr nicht weiter helfen konnten. Sie wollte vergeben, aber das Wissen darum, dass die anderen keine Vergebung wollten, sondern einzig Straffreiheit, dass sie das was es zu vergeben galt wieder und immer wieder tun würden ohne den Hauch eines schlechten Gewissens hinderte sie daran vergeben zu können. Wenn Vergebung als Waffe wider die Viere benutzt wird, wenn Recht zu Unrecht wird und Gerechtigkeit zu Ungerechtigkeit, dann war dies nicht der Weg der Viere. Zumindest nicht der Viere an die sie glauben wollte, die Viere, die einander nicht Messer in den Rücken rammten und ihre Diener dazu an stachelten es ihnen gleich zu tun. Deswegen war sie hier. An einem Ort an dem man lernte los zu lassen. Von allem das einen belastete, allem das einem im Wege stand.
Bisher war sie direkt vor gegangen. Gegen Unrecht ging sie mit Recht vor, gegen Ungerechtigkeit mit Gerechtigkeit. Aber man konnte beidem auch mit Güte begegnen, denn letztendlich galt es sich die eine Frage zu stellen: Welches Ergebnis wollte sie erzielen? Vitama war keine strafende Gottheit. Und sie selbst? Eine Strafe die nichts veränderte, die das Recht nicht schützte, die Gerechtigkeit nicht mehrte, die niemandem Frieden oder Vergebung schenkte war nicht das was sie wollte. Niemand brauchte eine solche Strafe. Wenn nun aber schon der bloße Hinweis auf Missstände als Strafe empfunden wurde, als etwas, gegen das man sich mit aller Gewalt stemmte, weil nicht wahr sein konnte was nicht wahr sein durfte, was dann? Ihr Ansatz war gescheitert. Es war überfällig sich dies ein zu gestehen und los zu lassen. Vor allem von allem was sie davon ab hielt los zu lassen. Die weltlichen Dinge zuerst.
Sie drehte die einzelne Perle zwischen ihren Fingern hin und her, betrachtete die Reflektion des Lichts auf der weißlich schimmernden Oberfläche. Das war es also, alles was blieb von etwas, das sie als Geschenk empfunden hatte, das sie genau deswegen sah wie sie es sah auch wenn sie damit alleine stand. Sie erinnerte sich an die Worte. Die Perle als Symbol für das Schöne, das vergangen ist, das Süsse, das man nicht mehr miteinander teilt. Der Essig, umgeschlagener Wein, als Symbol wie das was einst war bitter geworden war, so bitter, dass keiner mehr davon kosten wollte.
Seinerzeit hätte sie es gerne gemeinsam durch geführt, aber er hatte mehr als deutlich klar gemacht, dass sie beide die Dinge mit völlig anderen Augen sahen. Sei es darum, die Erfahrung war wertvoll für sie und das es ihr half wieder auf Kurs zu kommen machte es zu etwas Gutem, auch wenn es sich nicht so an fühlte. Aber auch das musste wohl so sein, es zeigte, dass es Bedeutung hatte.
Sie ließ die Perle in den Essig fallen. Ein leises Zischen während sich rund um diese herum weißlicher Schaum bildete, als die Perle auch schon begann sich in dem Essig auf zu lösen.

"Herrin Vitama, Schenkerin des Lebens und der Liebe,
Wir danken Dir für das Geschenk der Liebe das Du uns überbracht,
Das Geschenk das wir geteilt und genossen.
Doch wie die Blüte zur Frucht reift,
Das Schöne dem Zweckmäßigen weicht,
Wie für jeden Reisenden die Zeit des Abschieds kommt,
So ist es auch für uns an der Zeit weiter zu ziehen
Uns anderen Gefährten zu zu wenden
Uns in ihnen zu finden so wie sie sich in uns wieder finden.
So bitten wir Dich um die Auflösung des Alten,
Auf dass eine neue Liebe erblühen kann,
Wo die alte welk geworden ist,
Auf dass das Alte dem Neuen fruchtbaren Grund biete,
Dass es stark werde und rein und gut
So wie Du. Ael."


Sie schlug einen Halbkreis über dem Kelch mit dem Essig, dessen Oberfläche mittlerweile wieder glatt geworden war. Kurz horchte sie in sich hinein. Sie hatte Traurigkeit erwartet aber da war nichts außer Erleichterung. Eine Hürde genommen. Die erste.
Sie setzte den Kelch an und trank den Inhalt aus. Brr. Widerlich. Sie griff nach einem Apfel und verschlang ihn in Rekordzeit, ehe sie den Kelch im Wasser aus wusch und behutsam ab trocknete und in dessen Kästchen einbettete.
Einer der Qwns näherte sich ihr langsam erneut. Sie griff zur Laute. Wäre doch gelacht wenn wir keine gemeinsame Basis fänden.


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 Betreff des Beitrags: Re: Zeitlos
BeitragVerfasst: 21.07.17, 19:24 
Ehrenbürger
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Vergeben und vergessen. Vergessen und vergeben. Über beides hatte sie hier viel Zeit zum Nachdenken.
Was man vergeben konnte sollte man auch vergessen. Es wieder auf zu wärmen schickte sich nicht, es zeigte nur, dass es mit der Vergebung wohl doch nicht so weit her war, dass man nicht genug vergeben konnte um auch tatsächlich davon ab lassen zu können. Es sollte unbedeutend werden, so unbedeutend, dass die Erinnerung daran immer mehr verblasste bis sie am Ende ganz verschwand. Wenn es doch im Gedächtnis blieb, dann nur, weil es nicht unbedeutend wurde, weil der Akt des Vergebens allein genügte um dem Ereignis einen Sinn, etwas Wahrhaftiges, ja, etwas Göttliches zu verleihen. Es war dann nicht mehr das Ereignis selbst, das zwei oder mehr Personen miteinander verband, sondern die Art wie diese damit umgegangen waren. Dass man es geschafft hatte über den eigenen Schatten zu springen, dass man den tief in der Seele verwurzelten Wunsch nach Recht und Gerechtigkeit soweit zügeln konnte, dass einem an weltlichem Recht oder weltlicher Gerechtigkeit nicht mehr gelegen war. Denn so wie Recht und Gerechtigkeit vor allem erst einmal etwas Göttliches waren, so war es auch die Vergebung als solche und die Götter waren eins. Vergeben zu können indem man auf der Götter Recht und Gerechtigkeit vertraute, ja, Vergebung selbst zu einem Teil dieses Rechts und dieser Gerechtigkeit zu machen einfach indem man vergeben konnte und damit alles weitere vertrauensvoll in die Hände von Göttern legte ohne sich selbst weiter damit zu belasten, das war etwas womit sie sich sehr schwer getan hatte. Wenn man böse wäre könnte man es mangelndes Göttervertrauen nennen.
Und Vergessen? Vermutlich war sie eine der wenigen, die diesen Ort nicht nur als Vitama, sondern auch Morsan nahe empfand. Das Rad der Zeit einfach an zu halten das mochte den meisten frevlerisch vor kommen, aber lag nicht gerade darin auch eine Ruhe und ein Frieden wie man sie in der Hektik der stetig voran treibenden Zeit nur selten fand? An einem Ort ohne Tod war auch nichts wirklich lebendig, es existierte, aber eben nicht mehr. Wo keine weltlichen Gesetze galten da konnte alles sich entfalten. Man lernte sich selbst treiben zu lassen. Alles Weltliche fiel von einem ab. Zeit ohne Zeit. Je länger sie hier verweilte um so mehr kamen die Erinnerungen an früher wieder hoch aber hier war niemand dem sie dessen zürnen könnte. Waren es anfangs noch Emotionen die in ihr hoch kochten so wurden es mehr und mehr einfach nur Bilder. Bilder in einem Buch, das man sich schon Dutzende male angesehen hatte. Für sie waren Emotionen erst einmal etwas Starkes, etwas Gutes, aber nicht jede davon lohnte es auch sie aus zu kosten. Und sie hatte sehr viel gekostet.
Wenn man nicht vergeben konnte war das Vergessen eine Gnade. Nicht der optimale Weg aber es war ein Weg. Woran man sich nicht erinnerte, daran musste man sich auch nicht fest klammern und vor allem musste man sich damit nicht mehr belasten. Es nahm einem die Bürde, die Last ab auf dass man unbeschwerter weiter seines Weges ziehen konnte ohne andauernd zurück blicken zu müssen oder zu befürchten unter der Last zusammen zu brechen. Nicht optimal, weil man sich wieder daran erinnern konnte, aber mit dem zeitlichen Abstand, ohne die Hitze der Situation selbst war die Last selbst dann zumindest gelindert. Was man vergaß hatte man vergeben. Gut, nicht streng genommen, aber man trug es niemandem mehr nach, weil da nichts mehr war, das es nach zu tragen galt. Nicht optimal, aber gangbar. Definitiv besser als die Alternative sich an etwas zu klammern, das nur Leid in sich trug und weiteres Leid nach sich zog.
Vergeben und vergessen. Vergessen und vergeben. Lass leicht los.


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 Betreff des Beitrags: Re: Zeitlos
BeitragVerfasst: 30.07.17, 02:16 
Ehrenbürger
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Bäuchlings lag sie im Gras, die Füsse in der Luft, einen Apfel in der linken, die Feder in der rechten Hand. Dieser Ort hatte seine ganz spezielle Aura, genau deswegen war er so geschaffen worden wie er war. Neue Gedanken zu fassen war leicht, die Eindrücke an diesem Ort prasselten geradezu auf einen ein, an diesen Gedanken aber auch fest zu halten, das war etwas völlig anderes. Lass' leicht los. Eben darum half es den einen oder anderen Gedankengang fest zu halten. Zumindest wenn man sie lang genug bewahren wollte um sie wieder aufgreifen zu können.
Zwei der Vier hatten hier noch nie einen Einfluss gehabt, wenn man es genau nahm hatten diese generell betrachtet genau den Einfluss, den man ihnen zu sprach. Leben und Tod, das waren die zwei Kräfte die immer präsent waren und diese beiden prägten zwei der Viere nur aber ohne Leben oder ohne Tod konnten sie sich nicht entfalten. Und der Tod war hier absichtlich ausgesperrt worden. Allein dies verlieh diesem Ort diese ganz spezielle Aura, die durch die Beschaffenheit noch verstärkt wurde. Eine Höhle, die einen mit allem versorgte was man zum Leben und Wachsen brauchte, wo man sicher war, geborgen, abgeschottet vom Rest der Welt und ihren Regeln und Gepflogenheiten. In Mutters Schoß.
Das war ihre stärkste Kraft, eine Macht, die sie in die Hände aller Frauen gelegt hatte: Leben zu schenken und es zu bewahren bis es für sich selbst sorgen konnte. Eine Macht die am laufenden Band von Männern beschnitten wurde. Ganz tief drinnen war dies der Grund, warum Männern vor allem jene Praktiken gefielen, die nicht zu Schwangerschaften führten: Der Wunsch Macht ausüben zu wollen.
Sie schüttelte sich. Männer. Sie hatte in den letzten Monden so viel Zeit damit verbracht über andere nach zu denken. Sie zu hinterfragen, sie zu verstehen, zu verstehen was sie an trieb, wer sie waren und vor allem wer sie sein wollten, was sie daran hinderte der- oder diejenige zu sein der sie sein wollten. Einen Weg zu finden diese Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Sich selbst hatte sie dabei vollkommen vernachlässigt. Wer bin ich?
Dass ein Ort wie dieser existieren konnte, ein Ort an dem drei der Vier nicht existierten bewies zweierlei: Zum einen dass die Viere deutlich losgelöster voneinander existierten, existieren konnten als sie es bisher für möglich gehalten hatte. Zugleich bewies es, dass sie ebenso deutlich abhängiger voneinander waren als sie es bisher angenommen hatte. Das Gewölbe oberhalb der Höhle bewies es. Keine Gerechtigkeit, keine Wahrheit, kein Tod ohne Leben, das sie aus füllen konnten aber zugleich ein Leben ohne all dies war Leben aber nicht das Leben, das Sie sich erträumt haben mag. Vitama war nicht Vitama ohne die anderen drei. Und sie selbst? Wer war ich?
Zum Anbeginn die Rittertochter, deren Rittergroßvater mit einer Enkelin völlig nun nicht überfordert aber doch überfragt war. Dessen Puppen kleine Holzsoldaten waren mit denen sie Spielzeugburgen erstürmte und verteidigte, während andere Mädchen mit ihren großen Puppen das Wiegen und Wickeln übten. Das ein Holzschwert geschenkt bekam kaum dass sie laufen konnte. Da war ein Lehen das sie einst verwalten sollte, gute Männer und Frauen die darauf vertrauten, dass sie gut zu ihnen sein würde. Wer gut sein wollte musste gerecht sein, aber auch gütig. Mein Schwert ist die Gerechtigkeit. Mein Schwert scheidet die Unschuldigen von den Schuldigen. Mein Schild beschützt die Schwachen. Mein Schild behütet das Reich. Ich stelle mein Schwert wie meinen Schild unter das Banner meines Königs, dem ich mein Leben schulde und verpflichte auf dass meine Treue ihm helfe ein guter König zu sein. Diesen Schwur hatte ihr Großvater ihr früh schon beigebracht.
Dann war ihr magisches Potential entdeckt worden, licht, weiß und so schickte man sie zum Il'Drûn auf dass sie eine weiße Adepta werden sollte, denn das war wofür man sie hielt. Warum auch nicht? Zwar jung an Jahren war ihr Talent im Umgang mit der Hellsichtmagie schon damals bemerkenswert gewesen. Woher hätte sie es wissen sollen, wissen sollen, dass andere nicht sahen was sie sah, nicht träumten was sie träumte? Dass sie das was andere als diffuse Aura wahr nahmen als Licht wahr nahm, als ein Licht, das weder dem Körper noch dem Verstand entsprang und doch beide überstrahlte, ein Licht das in so vielen Farben floureszierte und dessen Lichtspiele feinste Töne von sich gaben, während jede Emotion, jedes gesprochene Wort seinen Glanz veränderte? Der Hochturm war nicht nur eine weiße Ausbildungsstätte, die Beziehungen die man hier knüpfte begleiteten einen das ganze Leben hindurch. Der weiße Pfad legte viel Wert auf Zusammengehörigkeit, aber auch auf Reichstreue. Wahrheit war hier das oberste Gebot. Man konnte versagen, solange man nicht auf gab, man konnte sich sogar einige Schnitzer erlauben, solange man den Bogen nicht überspannte, aber mehr denn alles andere wollte man sie hier Verantwortung lehren, nicht nur im Umgang mit der Magie als solche. Wer nicht zu seinen Taten stand, wer nicht offen und frei zu dem stand was er war, der war nicht weiß. Jede noch so kleine Lüge war nicht weiß. Und nur das zählte hier. Wir sind der weiße Pfad. Unsere Magie verbannt die Finsternis, unsere Magie verbannt das Leid, unsere Magie verbannt die Unwissenheit. Wir sind die Wächter des Reiches, wir sind die Hüter der Sphären und unsere Zauber halten die neun Siegel des Abgrunds fest verschlossen. Wir sind die Ordnung im Chaos, wir sind die Beschützer der Schutzlosen. Unser Tun, unser Streben, unsere Magie sind wahrhaftig. Die Wahrheit wird uns befreien.
Dann der totale Bruch, das eigentliche Erwachen. Dass sie anders war als die anderen um sie herum das war ihr schon früh auf gefallen, dass sie besser improvisieren und sich Dinge her leiten konnte. Auch hatte sie diese Liebe zu Büchern und Bücherwissen nie so recht gepackt, bis heute nicht. Dennoch war sie ihnen ähnlich genug um sich wie eine von ihnen zu fühlen, ja sogar ähnlich genug um als eine von ihnen bestehen zu können, aber da hatte sie auch noch keine Worte dafür gehabt was sie tatsächlich war. Diese Worte kamen erst später: Weiße Hexe.
Weiß, das war ihr vertraut, aber nicht in dieser Interpretation. Gegen die Finsternis zu stehen weil sie finster war war Hexen nicht gut genug. Man erhob sich weil sie etwas viel fragileres gefährdete als das Licht als solches. Das Licht war absolut. Kein Licht, das keinen Schatten warf. Kein Schatten der außerhalb des Lichts Bestand haben konnte. Ein Gleichgewicht jenseits aller Vorstellungskraft, zu jedem Gewicht ein Gegengewicht wie die Figuren die sich auf Schachbrettern gegenüber standen. Zwei Seiten einer Medaille, radierte man die eine Seite aus blieb nichts zurück als eine Erinnerung. Kein Händler würde eine solche Münze akzeptieren. Alte Macht und Kraft in mir in meinem Werk vereint sich hier. Geschlossen und vereint wider den alten Feind. Mutter, Tochter, alte Macht, altes vergeht, damit neues erdacht, bei der Macht von drei mal drei, bei den Monden, bei der Hexerei, Schutz und Trutz der Lebenskraft, die altes erhält und neues erschafft, Lob und Lab dem erloschenen Licht, dem Frieden den der Tod verspricht, Rad des Schicksals sei bereit, dreh' Dich weiter Rad der Zeit. Jahr um Jahr und Tag um Tag, Zykle um Zykle wie ein Herzschlag, Mutter, Gebärende, alter Drache, genese, gedeihe und dann erwache.
Gerechtigkeit. Wahrheit. Frieden. Bellum, Astrael, Morsan. Sie alle hatten ihren Platz in ihrem Leben gehabt. Das Element, dass sie alle miteinander verband war Altruismus. Aber er war nie rein gewesen. Nicht unrein im Sinne von selbstsüchtigen Motiven, nein, das war ihnen allen fremd, der Rittertochter ebenso wie der Adepta und der Hexe. Aber ihnen allen fehlte etwas entscheidendes.
Der Ritter war altruistisch, aber er diente dem Reich. Er musste streng sein können und auch gnadenlos wenn er ein guter Ritter sein wollte.
Kaum anders erging es dem Magier. Logik und Erfahrung waren ihm hohe Güter. Was die Logik ab lehnte, das lehnte der Magier ab. Er wollte dienen, er wollte helfen, aber dort wo diese Hilfe keine Früchte tragen würde, dort würde er sie nicht verschwenden.
Die Hexe wiederum mochte dort weniger gehemmt sein aber auch sie war was sie war. Das Streben nach einem Ausgleich erforderte oftmals Kompromisse und sie war frei genug sie alle auch ein zu gehen wenn sie es wollte. Ihre Freiheit bedeutete ihr alles. Ihre eigene. Nicht die der anderen.
Das war das Fundament auf dem sie selbst erbaut war. Das alles war sie schon einmal gewesen. Das alles lag ihr. Wer war sie? Wer wollte sie sein? Wer konnte sie sein?
Heutzutage sah man sie als Dienerin Vitamas. Der rote Faden des Altruismus begleitete sie weiterhin aber zum ersten mal in ihrem Leben war sie in etwas das sie tat nicht gut. Zumindest nicht gut genug. Helfen zu wollen wenn man helfen konnte war nicht das Problem. Das kannte sie ihr Leben lang. Helfen zu wollen wenn man nicht helfen kann aber es dennoch zu versuchen, nun, das war eine Schwierigkeitsstufe höher aber auch nicht sonderlich problematisch. Der Adepta und insbesondere der Hexe in ihr war bewusst, dass nichts unmöglich war. Dass Kategorien wie richtig und falsch, machbar und nicht machbar nur unser eigenes Potential ein schränkten, dass sie Ausdrücke waren einer tief sitzenden Angst, die es zu überwinden galt. Noch etwas darüber lag es zu helfen ohne dass diese Hilfe bemerkt wurde oder bemerkt werden sollte. Das war etwas, das der Hexe zu eigen war, zu tun was getan werden musste ohne zu erwarten, dass irgendwer auch nur verstand warum man es tat.
Nein, all' das bereitete ihr keine schlaflosen Nächte. Ihr Problem waren die unzähligen Fälle in denen sie hätte helfen können und bei denen diese Hilfe zwar angenommen aber in ihr Gegenteil verkehrt worden wäre. Wenn diese Hilfe beide in eine Art Abhängigkeit getrieben hätte, den einen in eine Abhängigkeit von fremder Hilfe und den anderen in die Verantwortung weiter helfen zu müssen bis beide daran zerbrachen. In einem solchen Moment zu helfen widersprach jeglicher Gerechtigkeit, jeglicher Logik, jeglicher Erfahrung, jeglichem Freiheitsdrang. Alle drei, der Ritter, der Magier und die Hexe sagten ihr, dass sie in einem solchen Fall nicht helfen sollte. Dass sie warten sollte bis derjenige bereit war sich ihrer Hilfe so weit zu öffnen, dass man ungebrannt aus der Nummer wieder heraus käme. Dass man selbst, das eigene Leben viel zu kostbar war, dass es undankbar und selbstzerstörerisch wäre in einem solchen Fall seine Hilfe an zu bieten. Dass man wenn man diese Hilfe dennoch anbot all' den anderen die noch darauf angewiesen sein mochten die Hilfe verweigerte, da man sich so sehr an diesem einen Fall auf rieb, dass man danach selbst der Hilfe bedurfte, dass nichts übrig blieb für alle anderen. Dass man abwägen sollte ob man helfen sollte oder nicht. Und in diesem Fall wäre die Antwort ein klares "nein".
Genau dies war ihr Konflikt. Die Frage ob man helfen sollte oder nicht, diese Frage stellte Vitama sich schlicht nicht. Auch nicht die was aus dieser Hilfe erwachsen mochte. Selbst wenn sie genau wusste, dass diese Hilfe nur Schaden hervor bringen würde, sie tat es dennoch im Vertrauen darauf sich zu irren und dass daraus dennoch etwas Gutes erwachsen würde. Ihr Altruismus war rein, völlig frei von jeglicher Erwartungshaltung. Sie urteilte nicht, sie verurteilte nicht. Sie zürnte nichts und niemandem, der einzige Zorn den sie kannte äußerte sich in Traurigkeit, die sie aber ebenso schnell wieder ab schüttelte wie sie sie überkommen hatte. Sie hatte Hoffnung, auch und vor allem dort wo es gar keine gab. Hoffnung, dass es durch die Hoffnung Hoffnung gab wie eine Art von selbsterfüllender Prophezeiung. Sie half weil sie es konnte, war da weil sie da sein wollte, nahm an was man ihr gab und fragte nie nach mehr. Es war immer genug, gleich wie wenig es war.
Das war die Latte an der sie sich messen lassen musste. Sie seufzte leise. Ein Stück weit beneidete sie Diener wie Arin. Jene, die ihr eigenes Tun nicht hinterfragten, die taten was sie tun wollten, die ihr nah waren weil es einfach ihre Natur war. Ihnen fehlte die Möglichkeit die Konsequenzen ihres Tuns zu verstehen, ihnen standen kein Wissen und keine Erfahrungswerte im Weg. Jede Situation war neu und aufregend und voller Möglichkeiten und was immer davor gewesen sein mochte war nicht wichtig. Altruisten reinsten Wassers, nur dass sie keine Wahl hatten. Es war keine bewusste Entscheidung zu sein wer sie waren, sie waren es einfach. Bei ihr selbst indes sahen die Dinge anders aus. Sie wusste all dies. Sie brauchte keine Kristallkugel um in die Zukunft zu sehen, die Zukunft wurde von Menschen, Elfen, Zwergen, von Norländern, Orks und Hobbits geformt und sie alle waren wie sie nun einmal waren. Die wenigsten konnten aus ihren Mustern heraus brechen. Kannte man nur genug von ihnen konnte man sagen wie sie reagieren würden und durch das Zusammenspiel dieser Reaktionen entstand die Zukunft. Und bei der hatte sie sich noch nie geirrt, gleich wie sehr sie es sich gewünscht hatte. Vorhersehbar. Berechenbar. Todsicher. Und doch verkörperte Vitama letztendlich auch genau dies: Das Vertrauen, die Hoffnung darin, dass ein jeder seinen freien Willen nutzen und aus seinen Mustern heraus brechen, sich selbst ändern und besser werden konnte. Darum ging es ihr. Nicht darum klüger zu werden, mächtiger, gerechter oder auch nur friedfertiger, sondern schlicht und ergreifend darum jemand besseres werden zu wollen als man es war. Nur konnte sie selbst das? Und was noch viel wichtiger war: Wollte sie selbst das? Ihr eigenes Muster durchbrechen, alles was sie wusste, alles was die Erfahrung sie gelehrt hatte, selbst alles woran sie glaubte beiseite schieben zu können für die Hoffnung, dass es besser werden könnte? Alles um der Hoffnung eine Chance zu geben, den zarten Keim nicht selbst durch die eigenen Zweifel zu ersticken?
Das war was sie können musste wenn sie besser in dem werden wollte, was sie derzeit war. Wenn sie lernen wollte auch dort Hoffnung zu haben wo es keine gab. Und der ganze Rattenschwanz der mit daran hing. Niemandem etwas nach zu tragen, ja nicht einmal etwas nach tragen zu wollen.
Es hätte keinen Sinn sich selbst etwas vor zu machen. Sie würde nie wie Arin oder die anderen sein. Nicht ohne alles zu vergessen was sie aus machte. Lass' leicht los. Nein. Nicht so. Das wäre der einfache Weg. Das wäre nicht richtig. Das wäre feige, ja, ehrlos gar. Unaufrichtig und undankbar ihrem bisherigen Leben gegenüber, ihrem Leben, allen die sie auf dem Weg begleitet hatten und nicht zuletzt auch sich selbst gegenüber. Ein bewusster Verzicht auf das Geschenk des freien Willens. Inakzeptabel. Es würde anders sein. Sie würde anders sein. Eine bewusste Entscheidung so zu leben im Gegensatz zu all' jenen die diese Wahl nicht hatten. Und das machte es zu genau dem. Weder besser noch schlechter. Aber anders. Und doch gleich.
Herr Bellum, Du hast mein Kreuz breit gemacht, damit ich die Last der Welt schultern kann ohne darunter zu zerbrechen. Herr Astrael, Du hast meinen Verstand scharf geschliffen, damit ich die Gewichte zu erkennen vermag, die uns herab drücken und zu ersticken trachten. Herr Morsan, Du hast meinem Herz Frieden gegeben, damit es gleichmäßig für alle schlagen kann, damit ich sie alle zu erreichen vermag. Und doch muss ich Euch bitten: Lasst meinen Körper, meinen Geist und meine Seele ruhen, denn nicht Euch sind sie geweiht. Und doch werdet ihr mich durch sie, Eure Schwester, haben. Denn so wie ihr nicht ohne sie sein könnt so will sie nicht ohne Euch sein und so muss ich Reinheit finden ohne Euch zu verlieren, Eurer entsagen und Euch in mein Herz schließen, Euch lieben und ehren wenn ich mich Euch widersetze. Ungetrennt und unvermischt. Das will ich. Ael.


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 Betreff des Beitrags: Re: Zeitlos
BeitragVerfasst: 7.08.17, 00:19 
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Da war sie also wieder. Erschreckend wie schnell einen der Alltag einholen konnte. Nun, was man auf dieser Insel eben so alltäglich nennen konnte. Die Freude der anderen hielt sich doch sehr in Grenzen, mal vorsichtig gesagt, aber das war sie gewohnt. Es lag einfach an dem was sie für die meisten hier war:
Ein Blick zurück, die Erinnerung an aberdutzende von Begebenheiten, sie war was ihr Orden nun einmal auch war: Das Fleisch gewordene schlechte Gewissen, eine Zeugin aberdutzender Lügen, der Finger in der Wunde all jener Taten, die bei anderen kritisiert wurden obwohl man sie selbst am laufenden Band beging. Die Gewissheit, dass niemand so gut war wie er oder sie es von sich selbst dachte. Eine Weile lang hatte ihr diese Rolle gefallen. Sie hatte gedacht sie könnte ihnen helfen, dass wenn sie ihnen nur oft genug aufzeigte was für ein schlechtes Vorbild sie alle ab gaben, dass dann schon bei dem einen oder anderen die Erkenntnis dämmern würde, dass mit der Erkenntnis die Scham kam, die Reue und nicht zuletzt der Wunsch es künftig besser machen zu wollen. Erkenntnis. Reue. Buße. Das predigten sie hier immer wieder, lobten Selbstreflektion als Weg zur Erkenntnis, Wissen und Weisheit als Tugenden und doch sperrte man sich gegen all dies. Gut zu werden war Arbeit, harte, steinige Arbeit. Es war so viel bequemer sich selbst als gut zu definieren, alle anderen, ja selbst die Götter zu bevormunden indem man ihnen vor schrieb was recht, was gerecht, kurzum was gut war. Dass jede Lüge zur Wahrheit in den Augen der Viere wurde solange ihre Geweihten es waren die logen. Jedes Unrecht zu Recht wurde, jede Ungerechtigkeit zu Gerechtigkeit und aller Hass zu Liebe solange es die Geweihten waren die ihnen frönten. Und sie frönten, klammerten sich an ihre Sünden wie ein Ertrinkender der nichts anderes zu fassen bekam ans Senklot. Und es zog sie weiter und weiter mit sich hinab in die Tiefe.
Nein, dass sie hier nicht willkommen war hatte seine eigene Logik. Zumindest sie verstand es nur zu gut. Es war leichter die Zeugen zu beseitigen als sich den Missständen zu stellen, sich selbst in Frage zu stellen, das war unangenehm und je mehr diejenigen von sich selbst eingenommen waren um so unangenehmer war die Erkenntnis, dass ihre Eigenwahrnehmung und die Wahrheit kaum noch Berührungspunkte mehr miteinander hatten. Wenn überhaupt. Die Wahrheit war häßlich und schmerzhaft, aber wie konnte etwas, das man als Tugend, ja Element der Viere verstand so verletzend sein? Doch nur wenn man selbst das was gut sein sollte, was eine Stütze sein sollte genommen und so lange verdreht und verdorben hatte bis das was davon übrig blieb einen nur noch mit Schmerz, Trauer und Scham erfüllen konnte. Oder zumindest sollte. Es gab immer einen einfachen Weg, einen scheinbaren Ausweg, eine Verlockung des Einen: Einfach nicht hinsehen. Leugnen, leugnen, leugnen. Wenn man schon die Lüge zur Wahrheit verklärte, dann konnte man doch auch gleich die Wahrheit eine Lüge nennen, oder nicht? Was war schon dabei? Der Gedanke brachte sie zum Seufzen. Die Tücke des Einen kannte wahrlich keine Grenzen. Aber zumindest kannten seine Kreaturen diese.
Noch nicht einmal einen Tag in der Stadt und schon von einem Dämon versucht worden. Aber so plump? Ihr Gedanken ein zu geben von ihrem gegenüber in ihrem Bett, falls sie das hätte erregen sollen so war der Schuß gehörig nach hinten los gegangen und falls der Dämon gewollt hatte, dass sie dies für eine Eingebung Vitamas hätte halten sollen, so hatte er sich massiv verrechnet. Vitama hatte viel mehr drauf als das, sie war um Längen verspielter, ihr Verlangen folgte einer Harmonie wie ein Musik- oder Theaterstück. Da war der Auftakt, die Neugierde, das langsam aufkeimende Interesse, das sich langsam nur zu voller Blüte entfaltete während man am anderen mehr und mehr Dinge fand, die einen neugierig machten, weil sie einem gut gefielen. Erst wenn es bereits heftig knisterte kam der Hauptakt bei dem die Geschichte sich entfaltete, man gegenseitig ab klopfte wie weit das Interesse des anderen gehe, der Teil, bei dem die Phantasie ihren freien Lauf nahm um sich zu entfalten und einen mit zu nehmen auf ihren Reisen. Der Teil konnte lange dauern, man konnte sich geradezu selbst darin verlieren während die Vorfreude auf das Bevorstehende sich stetig mehrte. Dann erst wenn aus dem anfänglichen Funken eine lodernde Flamme geworden war kam der Schlußakt, die Gewissheit, dass beide einander wollten, dass sie ein Verlangen teilten und auch miteinander teilen wollten, ein Verlangen, dass nur die körperliche Vereinigung zu stillen vermochte, das aber zugleich aus geben und nehmen bestand und bestehen musste. Der erste, scheue Kuss, der immer drängender und leidenschaftlicher wurde, das erste, vorsichtige Streicheln, das schon bald sanfter und dann fordernder wurde, das Herzklopfen bei der ersten, intimen Berührung, der Moment in dem alle Dämme brachen, alle noch verbliebenen Vorbehalte verwehten, weil alles auf diesen einen, flüchtigen Augenblick gemeinsamer Glückseligkeit zu steuerte, es war einfach ein Meisterstück. Makellos schön, Perfektion in jeglicher Hinsicht.
Bei dem Dämon jedoch gab es kein Anschwellen, kein wechselseitiges Spiel aus Reizen und Verführung, es war überhaupt nicht wechselseitig, sondern einseitig, ein Trieb der nicht geben, sondern nur nehmen wollte. Es war als kippe man einfach eine Wagenladung Lust wie Kuhmist über jemandem aus und erwarte, dass mehr passierte als Ablehnung. Wieso der Dämon darauf kam, dass es ausgerechnet in ihrem Leben nicht genug ausgelebte Lust gab war ihr ebenso ein Rätsel, wenn auch keines, dem sie nach gehen würde. Solange die Kreatur dachte, dass sie für derlei anfällig wäre war sie im Vorteil und den wollten sie nicht arglos aus der Hand geben. Ja, der Alltag hatte sie tatsächlich wieder. Die große, weite Welt mit all' ihren Unzulänglichkeiten. Nicht dass sie erwartet hätte, dass sich irgendetwas gebessert hätte in der Zeit ihrer Abwesenheit. Aber man durfte ja wohl noch hoffen.
Hoffnung. Vergebung. Vergessen. Über all' das hatte sie in den vergangenen Wochen viel nach gedacht und noch immer trugen die Gedanken sie gelegentlich noch mit sich fort. Dass wer vergeben wollte auch vergessen können sollte war einer dieser Gedanken. Können sollte. Nicht musste. Denn ein Diener Vitamas, ja streng genommen ein jeder Diener der Viere musste in der Lage sein vor allem auch sich selbst vergeben zu können. Wer das nicht konnte lebte mit sich selbst im Konflikt und damit mit den Vieren in sich selbst. Genau dies war etwas, das sie nicht vergessen wollte. Ein Sprichwort besagte, dass wer die Geschichte nicht kennt dazu verdammt ist sie zu wiederholen. Demzufolge war ein jeder der die eigenen Sünden nicht kannte dazu verdammt diese wieder und wieder und immer wieder zu begehen. Vergebung, aber ohne Vergessen. Vergessen zu können, aber nicht vergessen zu wollen. Zum Wohle der anderen, aber auch zum eigenen. An diesen Punkt zu gelangen war schwieriger als es klang. Zuvorderst musste man sich selbst vergeben können, aber wie sollte das gehen wenn man nicht zuvor reinen Tisch gemacht hatte? Zu viele hatten sich selbst vergeben, aber es war keine Vergebung im eigentlichen Sinne. Sie hatten sich einfach selbst die Absolution erteilt, verfügt, dass sie nie jemandem geschadet hatten und wenn doch, dann war es entweder die Schuld der anderen, dass es geschah oder dass sie sich verletzt fühlten oder der angerichtete Schaden war so gering, dass es keiner Taten bedurfte. Mit Vergebung oder auch nur der Suche nach dieser hatte dies nichts zu tun, denn es mangelte bereits an der Erkenntnis über die Tragweite der eigenen Verfehlungen. Mehr noch man sprach den Opfern das Recht darauf Vergebung gewähren zu können ab indem man ihnen in den Mund legte, dass sie diese gewähren müssen, da es ja eigentlich gar nichts zu vergeben gab. Sie schüttelte nur den Kopf. Vitama mochte es dort einfach halten, sie verschenkte ihre Vergebung bedenkenlos. Ob man danach strebte oder nicht, ob man sie verdiente oder nicht, Vitama gewährte ihre Vergebung einfach weil sie es konnte und wollte. Nur war dies kein Freibrief um es erst gar nicht zu versuchen, auch wenn es gerade von jenen die es besser wissen mussten genau so missbraucht wurde. Auch das vergab sie. Warum auch nicht? Dennoch war dieser Umgang mit ihr und ihrer Vergebung nicht das was ihr Wille sein konnte. Aber wen kümmerte der schon?
Der Umgang mit Vitama und ihren Orden war gerade kirchenintern immer schon sehr fragwürdig gewesen. Jeder der anderen Orden nahm für sich selbst in Anspruch als einziger seine Gottheit tatsächlich verstehen und deuten zu können, aber Vitama, die galt als so schlicht, dass hier jeder nebenher sagen konnte wer sie war und was sie wollte. So wie sie ihren Orden reduzierten so reduzierten sie auch Vitama. Sie war nun einmal eine Göttin. Weiblich. Eine Frau. Und so wurde sie auch wie eine behandelt und auf die Kernkompetenzen reduziert, die die von Männern dominierte Kirche Frauen im allgemeinen zu sprach: Kochen, putzen, Beine breit. Zu mehr taugten weder Frauen, noch Vitama noch ihre Orden in den Augen der anderen nicht. Das war wo man sie sah, was man ihnen überließ. Bei allem anderen quatschte man ihnen hinein und es waren ironischerweise immer diejenigen, die von Frauen am wenigsten verstanden die sich zugleich das höchste Wissen über die Göttin selbst an maßten. Diejenigen, die nicht vergeben konnten, nicht vergeben wollten und nur mit Worten aber nicht mit Taten nach Vergebung strebten wurden nicht müde jedem Tare und die Götter erklären zu wollen. Es wäre geradezu komisch, wäre es nicht zugleich so tragisch.
Nein, das konnte nicht ihr Weg sein. Das durfte nicht ihr Weg sein. Wenn sie den Anspruch hatte besser sein zu wollen, dann musste sie auch versuchen besser zu sein. Andernfalls war sie nicht anders als jene denen sie genau dies vor warf. Sie wäre genau wie sie, würde kritisieren ohne jegliches Anrecht darauf, da sie selbst kein Vorbild war. Wenn sie sich selbst vergeben wollte, dann musste sie die Erkenntnis was es zu vergeben gab an sich heran lassen.
Fangen wir in jungen Jahren an. Da waren ihre Eltern, ihre Großeltern und ihr Onkel. Allesamt gerade weit fort und dass sie von jenen nichts gehört hatte zeigte, dass diese gerade außerhalb ihrer Reichweite waren. Nichtsdestotrotz war es für ihre Eltern und Großeltern ein ziemlicher Schock gewesen, dass sie magisch begabt war. So viel zur Erbfolge. Dass sie nun auch noch der Kirche beigetreten war, nun, das dürfte ein zweiter, großer Schock gewesen sein. Wenn sie sie wieder sah sollte sie versuchen ihnen bewusst zu machen, dass sie keine Tochter verloren, sondern eine Geweihte gewonnen hatten. Etwa dasselbe galt für das Lehen selbst. Sie war als Enkelin des Lehensherren gut aufgenommen worden. Jenen die dort lebten schuldete sie wohl eine Entschuldigung oder zumindest dieselbe Erklärung. Dass sie ihnen nicht verloren ging. Im Gegenteil.
Und Onkel Andreas? Ihre Geburt war eine Bedrohung seines Erbanspruchs gewesen, aber dafür würde sie sich ganz sicher nicht schuldig fühlen. Wie er mit dem lebte was er ihr an getan hatte wusste sie nicht. Womöglich hielt er es wie viele die sie kannte und gab ihr allein die Schuld für seine Taten. Ebenso war aber möglich, dass dies etwas war, das ihn quälte. So oder so sollte sie ihn wissen lassen, dass sie ihm vergeben konnte.
Dann war da der weiße Pfad. Dieser hatte Zeit und Geduld in ihre Ausbildung gesteckt. Gut, sie hatte Abhandlungen verfasst, selbst ausgebildet und letztendlich war der Il'Drûn nicht nur für Magier bestimmt. So manche Schüler dort waren nicht magisch, sondern sollten einfach profund auf das Reich geeicht werden und dem war sie treu geblieben. Ihr Fachwissen selbst hatte sie sich bewahrt, dennoch sollte sie dem Hochturm wohl mal schreiben.
Eine Spur von Trauer überkam sie als sie an ihre Schwestern dachte. Der Abschied war ihr alles andere als leicht gefallen, auch wenn es für sie einer gewissen Kontinuität, einer natürlichen Entwicklung folgte. Von Mutter und Vater hatte sie sich verabschiedet und beide hatten sie ohne Groll ziehen lassen. Das war erledigt. Kein Grund sich etwas vor zu werfen.
Bei der Kirche indes sah es anders aus. Ihr Bestreben danach Erkenntnis in anderen zu wecken hatte so manchen vor den Kopf gestossen. Letztendlich hatte sie sich eingestehen müssen, dass sie ihnen damit einen Bärendienst erwiesen hatte. Je mehr sie kritisierte um so mehr hatten alle sich in ihre Schneckenhäuser zurück gezogen, um so mehr hatten sie sich versündigt. Sei es indem sie es einfach nicht hatten wahr haben wollen, die Augen immer fester verschlossen bis sie das eigene Tun schon gar nicht mehr wahr nehmen konnten, sei es indem sie sie auf diese Art dazu gebracht hatte gegen sie zu intrigieren und auf das Festland ab schieben zu wollen um sie los zu werden. So oder so war sie an einen Punkt gelangt an dem es sich nicht mehr lohnte dort überhaupt noch tätig zu werden. Wie sollte man den Umstand verpacken, dass es einem leid tat, dass man dadurch dass man ihn auf einen besseren Weg hatte führen wollen ihn nur noch tiefer in die Finsternis hat abdriften lassen, ohne dass dies wie ein Vorwurf klang? Wie sollte sie dies sagen ohne dass es die Kluft nur noch weiter vertiefen würde? Und letztendlich wäre es nicht heuchlerisch? Würde sie damit nicht genau das tun was sie ihnen vor warf, dass sie zu keiner Entschuldigung fähig waren ohne dabei um sich zu beißen wie ein tollwütiger Hund und sich zugleich selbst zu beweihräuchern als Vorzeigegeweihte? So einigen hatte sie einiges zu sagen, aber gleich wie oft sie das was sie zu sagen hatte in ihrem Kopf durch spielte, das Endergebnis war Feindschaft. Nicht der Weg Vitamas. Nur ohne das sagen zu können blieb nichts mehr zu sagen. Alles was sie konnte war zu vergeben. Auch wenn es nicht gerecht war, nicht rechtmäßig, wenn es keinen Frieden schenkte. Aber all' das musste Vergebung auch nicht sein. So wie Recht nicht gerecht und Gerechtigkeit nicht gütig sein mussten. Sie konnten es sein. Sie mussten es aber nicht. Ebenso musste Vergebung nicht. Vergebung musste einfach nur Vergebung sein. Nicht mehr und nicht weniger. Dann musste wohl genau dies der Weg sein. Was nicht half half nicht. Eine sehr schlichte Wahrheit in der doch sehr viel drin steckte. Was nicht half war nicht der Weg Vitamas. Somit blieben am Ende gerade einmal drei Namen. Drei bei denen sie nicht alles verspielt hatte. Dazu ein paar mit denen sie nie gestritten und sie auch nicht in ihre Streitigkeiten mit hinein gezogen, kurzum, denen gegenüber sie sich nichts vor zu werfen hatte. Bei allen anderen jedoch blieb nur eines: Nichts. Für sie hatte sie keine Worte mehr. Sie konnte nur hoffen, dass die Zeit dies zu ändern vermochte.
Zeit. Hoffnung. Der Weg Vitamas. Ungetrennt und unvermischt. Ohne Vitama kein Lebenssinn. Bellum hätte nichts wofür es sich zu kämpfen lohnen würde. Astrael hätte nichts das zu lernen oder durch das Gesetz zu beschützen wert wäre. Morsan. Kein Tod ohne Leben. Aber all dies funktionierte natürlich auch anders herum.
Ohne Bellums Mut könnten Ihre Gaben sich nicht entfalten. Vor anderen Leuten auf zu treten, sich einem Kranken zu nähern statt schreiend weg zu laufen und ja, jemandem seine Liebe zu gestehen, all' dies erforderte Mut. Und war nicht auch zu glauben mutiger als nicht zu glauben? War da eine Liebe die keinen Mut erforderte um sie auch an zu nehmen, zu pflegen und zu bewahren? War da eine Liebe jenseits der Liebe die sie selbst verschenkte um die man nicht kämpfen musste?
Astraels Wissen und Weisheit. Alle Künste ob nun Dichtkunst oder auch Heilkunst wären ohne das Wissen nicht das was sie waren, Erfahrung und Bauernschläue machten das Handwerk erst zu dem was es war, andernfalls hätte jede Generation das Rad neu erfinden müssen. Und nicht zuletzt die Sprache als solche und damit die Fähigkeit seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.
Kein Tod ohne Leben aber auch kein Leben ohne Tod. Mochte Vitama auch eine friedliebende und den Frieden bewahrende Gottheit sein, aber sie war auch ein Zappelphilipp, ein Spring-ins-Feld, ein Kaspar, die nicht lange still halten konnte, der es zwar nach Harmonie und Frieden verlangte, aber ebenso nach beständiger Veränderung, wohingegen Morsan die Ruhe und der Frieden und der Stillstand selbst war. Stillstand war der Frieden. Stillstand war aber auch der Tod. Und der Tod war nicht Vitama.
So hatten alle Vier ihre Berührungspunkte. Sie könnten getrennt voneinander existieren, aber sie wären dann nicht mehr dieselben. Das Pantheon war notwendig für sie alle um die sein zu können die sie sein wollten. Niemand war überflüssig, niemand war entbehrlich. Vier waren Vier und Vier waren Eins. Entweder man liebte sie alle oder keinen. Den Gedanken würde sie heute Nacht mit ins Bett nehmen.


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