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 Betreff des Beitrags: Welle und Brandung
BeitragVerfasst: 4.07.23, 04:45 
Edelbürger
Edelbürger
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"The Burial at Sea" (Frank Brangwyn, 1867–1956)


Kurz vor dem Morgengrauen des Wandeltags, ehe noch die Bürger von Brandenstein aus ihrem Schlummer erwacht waren, fand sich der Kapitän am Hafen wieder. Er spürte in seinen Knochen, dass die zerbrechliche Ruhe um die Belagerung vor der Stadt nicht mehr lange dauern würde. Allzu bald würde der verhasste Feind wieder sein hässliches Haupt regen und seine gierigen, hungernden Massen gegen Brandenstein richten. Der Kummer aber, der ihm den Schlaf verwehrte, rührte aus anderem Quell: Ihm selbst hatten die Götter in ihrer Gnade schon ein langes und erfülltes Leben gegeben, und um sein Ende wäre es nicht schade. Seit dem vergangenen Mond aber standen nun wieder Kameraden an seiner Seite, die noch viel zu jung waren, um das selbe Los zu teilen: Er dachte an Meran Herenas, ein Berufssoldat ohne Tadel, der noch eine weite Laufbahn als Offizier vor sich haben würde. Emanuel Schneid, reich an Herz und frohem Sinn, der doch vor so kurzem erst seine Mutter verlor. Amelie Windwiegen, jung an Jahren und frischen Mutes. Volandur Minelthuya, so entschlossen mit seinem Studium der Heil- und Schutzmagie seinen Mitmenschen ein gutes Werk zu tun.

Anfang des Jahres war es noch leichter gewesen. Als er allein die kalten Nächte am Falkenwall verbrachte, und keine Sorge und keinen Gedanken an eine andere Seele aufbringen musste. Jetzt blickte er bei jedem Salut in die Augen seiner Kameraden und konnte kaum anders, als darin kurz nur das Antlitz des Todes zu erahnen. Sie setzten ihr Vertrauen in einander, und in ihn: Wie es davor Jolande Nerusti getan hatte. Und wenn sich das Schlachtenglück nicht wundersam noch zu ihren Gunsten wenden würde, müssten sie alle ihr Schicksal teilen. Ein vergeblicher Tod durch die Hand eines Feindes, der ihnen überlegen war. Diese schweren Gedanken trieben Lazalantin um, und brachten ihn schließlich an den Rand des Steges: Dort unten lag die weindunkle See wie ein zudeckendes Tuch. Die Gezeiten und die Brandung würden noch an die Küste kommen, wenn er selbst schon lange nicht mehr war. Mit diesem Gedanken im Herzen setzte er sich, die Laute auf seinem Schoß, und sang ein leises Lied:


Ob Sturm uns bedrohet von Norden,
ob Heimweh die Herzen uns quält:
Wir sind Kameraden geworden,
und wenn es zu'n Höllen auch geht!
Matrosen die wissen zu sterben,
das Leben ist für uns nur ein Spiel.
Wir kämpfen mit Tod und Verderben,
die Wellen sie singen unser Lied:

Auf einem Seemannsgrab da blühen keine Rosen,
auf einem Seemannsgrab da blüht kein Blümelein.
Der einz'ge Schmuck das sind die weißen Möwen,
und heiße Tränen, die ein kleines Mädel weint.
Der einz'ge Schmuck das sind die weißen Möwen,
und heiße Tränen, die ein kleines Mädel weint.

So manchen von uns sahen wir sterben,
doch keiner von uns hat geweint.
Scharfe Klippen, die waren das Verderben,
Der Kahn ging zum Einen dabei.
Es schlugen die eiskalten Wellen,
den einen den wir alle so geliebt.
Und als ihn der Tod von uns trennte,
da sangen wir wieder unser Lied:

Auf einem Seemannsgrab da blühen keine Rosen,
auf einem Seemannsgrab da blüht kein Blümelein.
Der einz'ge Schmuck das sind die weißen Möwen,
und heiße Tränen, die ein kleines Mädel weint.
Der einz'ge Schmuck das sind die weißen Möwen,
und heiße Tränen, die ein kleines Mädel weint.


Das Lied verklang, die frohe Zuversicht in den Versen ein willkommener Balsam für seine Sorgen. Einige Zeit saß er dort noch, und gedachte in diesen stillen grauen Morgenstunden den auf der Insel gefallenen und verlorenen Mitstreitern. Dann ließ er auf den Stufen des Xanschreins ein bescheidenes Opfer zurück: eine Kerze, für die Heimkehr der Verlorenen und Vergessenen, und eine Prise Tabak, die er im Wind verstreute.

_________________
"Nenne mir, Muse, den Mann, den Vielgewanderten..."
Ἄνδρα μοι ἔννεπε, Μοῦσα, πολύτροπον


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