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Eine Erinnerung steigt in ihr auf.
Grimm, wie er in Finsterwangen auf der Bank vor dem Tempel gesessen und im Schein der Laterne seine Klingen poliert hatte..... An jenem Abend hatte er sich bei ihr bedankt, weil sie sich so loyal gezeigt und ihn mit ihren Worten verteidigt hatte..... Wie sehr hatte sie sich doch damals auf die Ausbildung gefreut, um ihm später auch mit Waffengewalt bei Bedarf zur Seite stehen zu können! Und wie stolz -und froh!- sie gewesen war, unter Matono dienen zu dürfen! ..... Doch dann....... hatte das Schicksal erbarmungslos zugeschlagen..... Ihr Mentor liess sein aufrechtes Leben auf dem Scheiterhaufen, ihr Lehrer verschwand spurlos.... Und plötzlich war sie, blutjung und unerfahren, an die Spitze einer Säule gerückt, die keine Basis mehr hatte..... Wie oft hatte sie sich verwünscht, weil sie ihren Lehrer an jenem Abend alleine ziehen liess, statt ihn zu begleiten?! Dabei hatte er ihr noch den Auftrag erteilt, für ihn mehrere verschiedene Kleidungsstücke zum Wechseln anzufertigen.... Doch er war nie gekommen, um sie zu holen.....
Mit einem langen Schritt erreicht sie ihren Dolch und hebt ihn wieder auf. Rasch vergewissert sie sich, ob die unsachgemässe Behandlung einen Schaden verursacht hat. Nichts geschehen. Ein erleichtertes, dankbares Nicken, dann fährt ihr Blick wieder zur Luke und verliert sich im Glitzern der Sonne auf dem nur leicht bewegten Wasser. Die Hand mit dem Dolch sinkt langsam nach unten und ruht dann regungslos an ihrer Seite.
Auch ihre magiebegabte Freundin hatte sich damals verändert, sich zunehmend abgekapselt und war schliesslich die meiste Zeit ebenfalls verschwunden. Das war die einzige direkte Auswirkung gewesen, die sie von den Veränderungen der magischen Säule mitbekommen hatte. Lange Zeit war sie froh gewesen, diesen Menschen mit ihren unheimlichen Fähigkeiten nicht zu nahe zu kommen, sodass sie ihre eigenen Wege gegangen war. Doch den letzten Auftrag hatte sie ernst genommen. Sie hatte dafür gesorgt, dass die Anhänger in Finsterwangen sich nicht über Fleischmangel beklagen mussten. Die Köchin zumindest hatte sich nie beklagt, wenn sie mal wieder eine kleinere Lieferung vorbei brachte - und der Vorrat war auch immer ein wenig geschrumpft. Nicht so viel, wie sie angenommen hatte, aber doch ein wenig. Später hatte sie sich zusammenreimen können, warum der Vorrat nur mässig aufgebraucht wurde. Die Fähigkeiten der sie Umgebenden schien wirklich unerschöpflich.....
Zum Zeitvertreib, und im Bestreben, einen weiteren sinnvollen Beitrag für die Gemeinschaft beisteuern zu können, hatte sie damals begonnen, das Leder der erlegten Rehe und Hirsche zu einfachen Schuhen und Stiefeln zu verarbeiten. Wie oft hatte sie sich dabei wunde Finger geholt, war doch das zähe Leder um einiges schwieriger zu bearbeiten, als das so viel feinere, leichtere Stoffgewebe! Dennoch hatte sie die Versuche immer wieder wiederholt, zäh und verbissen, alleine in einem leerstehenden Haus, meistens dann, wenn alle schliefen. In der Dämmerung die Jagd, -ihre einzige Möglichkeit, sich ein wenig mit dem Speer zu üben-, und in der Nacht das lautlose Stechen der Nähnadel. So war ihr Leben eher monoton verlaufen, während sie ständig auf die Rückkehr ihres Lehrers hoffte.
Ausgerechnet derjenige, vor dem sie damals ihren Lehrer mit überzeugter Sicherheit verteidigt hatte -hätte der Attentäter tatsächlich vorgehabt, ein paar Anhänger aus den eigenen Reihen ins Reich des Vergessens zu befördern, hätte er verdeckter mit dem Gift hantiert, und nicht so, dass die ganze Taverne die Tat hätte verfolgen können, davon war sie überzeugt!- ausgerechnet ihm, dessen misstrauischer Blick einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte, auch ohne dass er seine magischen Kräfte einsetze, war es letztlich gelungen, sie aus ihrer Apathie zu holen und ihr zu zeigen, dass das Leben trotz allem lebenswert war.... Sehr lebenswert sogar....
Das Lächeln gleitet wieder über ihr Gesicht, als sie sich an die verschiedenen Ausflüge erinnert, die sie zusammen unternommen hatten - er auf der Suche nach bestimmten Kräutern oder sonst auf Erkundungstour, und sie auf der Pirsch nach Rehen, Hirschen -- und möglichen zweibeinigen Störefrieden.
Als "Leibwächterin" hatte sie sich gefühlt, und auch er hatte sie, manchmal im Scherz und manchmal im Ernst, so bezeichnet. Doch damals, als der Bär sie angegriffen hatte, war es nur seinen magischen Kräften zu verdanken gewesen, dass sie beide unbeschadet nach Hause gekommen waren...... Nach Hause.....
"Bald..." Fast tonlos gleitet das Wort über ihre vor Vorfreude zitternden Lippen.
Zuletzt geändert von Samtschatten: 26.09.02, 00:15, insgesamt 1-mal geändert.
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