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*Es ist noch sehr früh am Morgen. Stille herrscht im Tempel der Viere, nur der flackernde Schein einiger fast heruntergebrannter Kerzen durchbricht hier und da die Dunkelheit. Dann ist ein ganz leises Murmeln aus dem Vitamaschrein zu hören.
Dort kauert eine junge Frau vor dem Altar, klein und zerbrechlich wirkt sie. In ihren Augen ist Angst zu lesen, hin und wieder kullert eine einzelne Träne über ihre Wange.
Doch die leisen Worte, ihre Worte, ihr Gebet, sprechen von Hoffnung. Von Hoffnung und Vertrauen auf die Herrin. Nach einer Weile verstummt sie, schlägt langsam das Zeichen Vitamas und legt die Stirn an den kalten Stein des Altars. Einige Augenblicke verharrt sie noch so, bevor sie aufsteht, sich an der Steinplatte hochziehend.
Zögernd greift sie nach der kleinen Laterne, die neben ihr auf dem Boden steht. Ebenso zögernd geht sie zum Ausgang des Schreines. Ein letztes Mal sieht sie sich um, läßt ihren Blick langsam über die Bänke wandern, bis er auf der großen Harfe verharrt. Dann wendet sie sich ab.
Mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf schleicht sie durch die riesige Tempelhalle, in der sie noch kleiner und verlorener wirkt. Vor dem Kleiderschrank am Ausgang des Tempels stellt sie vorsichtig die Laterne ab und öffnet diesen. Kerzen und Laterne malen unentwegt flatterhafte Schatten an die Wände, während sie nach ihrem gelben, leicht zerknitterten Umhang greift. Schnell streift sie ihn über und nimmt die Laterne wieder auf.
Am Tor hält sie inne. Wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und streicht einige Haarsträhnen nach hinten. Kurz schließt sie die Augen, atmet tief ein und aus, dann drückt sie die Klinke hinunter und verläßt die heilige Stätte der Viere.
Ganz schwach dämmert das erste Morgengrau, dichte Nebelschwaden liegen über den Wiesen und hängen zwischen den Bäumen. Fröstelnd zieht sie den Umhang fester, ein kleiner Zettel fällt dabei zu Boden, vor ihre Füße.
Erst starrt sie ihn nur an, dann bückt sie sich zögernd und hebt ihn auf. Nervös blickt sie sich nach allen Seiten um, stellt die Laterne auf die Marmorfliesen und hockt sich daneben. Nur für einen Wimpernschlag verharren ihre Blicke auf den Buchstaben, dann schaut sie auf die Harfe. Ganz leicht streicht sie mit dem Daumen über das rauhe Pergament und für einen Augenblick scheint die Traurigkeit durch ein zaghaftes Lächeln aus ihrem Gesicht vertrieben zu werden. Doch dann nimmt sie die Laterne wieder auf und erhebt sich ruckartig. Ohne sich noch einmal umzudrehen steigt sie die wenigen Stufen zur Straße hinab, den Zettel fest an ihre Brust gepreßt.*
‚Herrin Vi..... vitama.... begleite und..... und behüte m.... mich...‘
*murmelt sie kaum hörbar, bevor sie in einer der Nebelschwaden verschwindet, nur der schwache Schein ihrer Laterne ist noch einen Moment lang zu sehen...*
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