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Die Sonne hob sich langsam über die schneebedeckten Gipfel des Kadagebirges.
Langsam, ganz langsam eroberten ihre Strahlen den Boden Tares. Aus dem kleinen
Wald neben dem Dörfchen Grünschatten ertönte das Zwischtern von kleinen Vögeln.
Die Natur atmete durch. Nichts stöhrte die Idyle in diesem Teil des kleinen
Königreiches Jelan. Sicher auch hier hörte man von einem Schatten der sich
erhoben hatte um im Süden Falandriens wie wild um sich zu schlagen. Doch das
war weit weg. Das dritte Zeitalter hatte gerade erst begonnen und niemand ahnte,
was es mit sich bringen würde. Niemand ahnte etwas von der Dunkelheit und der
Schlacht der Götter. Und es interessierte auch niemanden, ganz einfach aus dem
Umstand heraus, dass sich auch niemand für König Jelan und sein kleines Volk
interessierte. Die großen Königreiche im Westen und Süden hatten ihre eigenen
Probleme. Die Mondamulette taten ihre Wirkung, vergifteten die Seelen der
Menschen die sie trugen und es war nur noch eine Frage der Zeit bis ER die
absolute Macht über die Schöpfung der Götter gewonnen hatte. Doch die
Hoffnung stirbt zuletzt und manchmal geschehen Dinge, mit denen selbst
ER nicht rechnen kann. Doch ich möchte das Ende dieser Geschichte nicht
vorausgreifen. So lasset mich nun erzählen von den Erretteten, von der letzten
Hoffnung.
Leise gähnend öffnete Bjendo seine Augen. Hatte er schon wieder verschlafen?
Hastig sprang er auf und rannt hinaus zu der kleinen Quelle neben dem Haus
um sich zu waschen. Seine Eltern waren bereist weg. Hinaus auf die Felder
vor Grünschatten um die letzte Ernte dieses Bellums einzubringen und sich
auf den kommenden Morsan vorzubereiten.
Hastig schlang er das Stück vom Fladenbrot und das Käsestück herunter, dass
seine Mutter für ihn zurückgelassen hatte, dann eilte er hinaus zu den Feldern.
Wie jedes andere Dorf in dem kleinen Königreich auch bestand Grünschatten nur
aus Bauern und so war es auch kein Wunder, dass das Dorf selbst von einer riesigen
Fläche an Feldern umgeben war. Alles was sie zum Leben brauchten stellten sich
die Menschen selbst her. Es ging ihnen zwar nicht unbedingt gut, aber eben auch
nicht schlecht. Und da das kleine Königreich so unbedeutend war, musste es auch
nie mit Angriffen der anderen Königreiche rechnen.
Die Chroniken erzählen von einem Angriff König Grimmbarts vor über einem halben
Jahrhundert, doch nachdem einer seiner Soldaten zu Tode kam, da er von einer
Klippe stürzte, brach er den Angriff ab, da er schon mehr verloren hatte, als
sich das Land lohnen würde. Und auch die Zwerge in den hohen Bergen des
Kadagebierges interessierten sich nicht wirklich für die Menschen. Sie gruben
lieber tiefer und tiefer, immer auf der Suche nach neuen Schätzen und Reichtümern.
Als Bjendo endlich das Feld erreichte warf ihm sein Vater nur einen übellaunigen
Blick zu und drückte ihm dann eine Sichel in die Hand, mit der er so gleich anfing
das Getreide vor ihm zu bearbeiten. Und so lief der Tag voran und die Sonne
kletterte an den höchsten Punkt des Himmels über Tare. Sie brannte hinab, als wolle
sie sich noch einmal zeigen, welch Kraft sie im Laufe des Astrael besessen hatte
und die nun über den Morsan hinweg schlummern würde. Schon bald war Bjendo in seiner
einfachen braunen Kleidung Schweißüberströmt und immer wieder lief er zurück zu
dem kleinen Pferdegespann seiner Eltern um etwas aus der Wasserflasche zu trinken.
Bjendo selbst war an die Sechzehn Jahreszyklen alt und damit im heiratsfähigen
Alter. Vermutlich würde er sich auf dem Bellum's End Fest eine Frau aus dem
Nachbardorf aussuchen und pünktlich zu Beginn des Vitamas würde dann geheiratet
werden. Er konnte ja nicht ahnen, dass sich seine Welt innerhalb von ein paar
Tagen so grundsätzlich ändern würde und das genau in diesem Moment der erste
Schritt in diese Richtung getan wurde.
Schauplatz war der kleine Grenzübergang Ternands Weg etwa 200 Meilen südlich
von Grünschatten im Königreich Komer. Dieses Königreich hatte nicht ganz so viel
Glück wie Jelan gehabt in seiner Geschichte. Schon immer waren die Spannungen
zwischen ihm und dem Königreich im Süden seiner Grenze gespannt gewesen.
Besonders in den letzten Jahrzehnten hatte es sich immer mehr verschlimmert.
Kleinere Scharmützel und Raubzüge waren an der Tagesordnung. Man munkelte am
Hofe Königs Komers, dass der Herrführer des im Süden gelegenen Reiches im
Besitz eines mächtigen Amulettes sei, doch König Komer tat dies als Propaganda,
die jediglich zu Ziel hatte seine Soldaten zu verunsichern, ab. Und trotzdem
war die Unsicherheit unter seiner Bevölkerung groß, wie auch bei der fünfzehnköpfigen
Wachmannschaft an diesem Grenzposten.
Genau in dem Moment, in dem die Sonne am höchsten Punkt stand und im fernen
Grünschatten ein sechzehnjähriger Junge ein weiteres Mal einen Schluck aus
der Wasserflasche nahm, ertönte ein Horn. Stirnrunzelnd sah einer der
wachhabenden Soldaten zu seinem Gefährten hinüber, der nur mit seinen
Schultern zuckte. "Vermutlich nur das Horn eines Jägers, der sich zu nah an
die Grenze verirrt hat.", sagte er erklärend. Doch das schien den Soldaten
nicht zu beruhigen. Was war, wenn der Feind einen kleinen Spähtrupp geschickt
hatte, um die Schwäche dieses Grenzüberganges herauszufinden? Schweiß lief
sein Gesicht herab und hektisch huschten seine Augen hin und her, als er
es hörte: Ein dumpfes Pochen, dass beständig an Lautstärke zu nahm. Nun schien
es auch sein Kamerad gehört zu haben, denn dieser wurde immer unruhiger.
Angstrengt blickte er die Straße hinab, die schon nach kurzer Strecke hinter
einer Kurve im Wald verschwand. Täuschte er sich oder begann die Erde zu
beben? Schließlich hielt er es nicht mehr aus und schrie laut "Alarm!".
Doch da war es bereits zu spät. Ein Ohrenbetäubendes Trommeln bog um die
Kurve und im nächsten Moment viel sein Blick auf dutzende von Reitern.
Sie alle waren schwer gerüstet und die Spitzen ihrer Speere leuchteten im
Glanze der späten Bellumssonne. Der Soldat meinte im Meer dieses Glanzes
unterzugehen und dann waren auch schon die ersten Reiter heran. Er spührte
nur noch einen Schmerz in seinem Bauch, dann brach er zusammen.
Der Kampf war so schnell vorbei, wie er begonnen hatte. Und das Reiterheer
zog weiter.
Der Kamerad des Soldaten schlug die Augen schwach auf und lies seinen Blick
um sich schweifen. Nur noch die Leichen seiner vierzehn Kameraden und einige
abgebrochene Pfeile zeugten von der hier geführten Schlacht. Dann wendete er
seinem Blick der Reiterscharr nach. Es mussten hunderte, wenn nicht gar
tausende gewesen sein. Wo kamen all die Pferde her? Dann erstarrte er und
kniff die Augen zusammen, damit er die Standarte des davonreitenden Heeres
erkennen konte. Nur langsam nahm das Bild gestalt an und sie entfernte
sich sehr schnell, doch schließlich erkannte er es: das Zeichen des Einen.
Leise und nur schwach kamen ein paar Worte über seine Lippen, ehe seine
Augen sich für immer schlossen: "Wir sind verloren."
Bjando setzte den Wasserbeutel wieder ab und verschloss ihn gut, ehe er
zurück zu seiner Arbeit kehrte und wieder damit begann das Getreide zu
schneiden und in kleinen Bündeln zusammenzubinden. Dann brachte er das
Bündel zu seiner Mutter, die es zu den anderen stellte, damit die Sonne
ihre Arbeit tun könnte und das Getreide trocknen. So ging es den ganzen Tag
bis schließlich die Sonne sich dem Horizont näherte und seine Eltern und er
sich aufmachten um in ihr Haus zurückzukehren.
Zu diesem Punkt war der SÜden Komers schon von den fremden Reitern
eingenommen worden. Überall brannten Dörfer, Felder und Wälder. Der Angriff
war schnell und präzise erfolgt. An fünf verschiedenen Übergängen, meist
schwach bewacht, waren unzählige von Reitern, Lanzenträgern und anderen
Soldaten in das Land einmaschiert und hatten jeglichen Widerstand einfach
gebrochen. Die Rauchwolken verdunkelten den Abendhimmel und als König
Komer von den Angriff der Armee gehört hatte, die ganz offen das Zeichen
des Einen vor sich her trug, hatte er sofort begonnen alle wehrfähigen
Menschen zusammenzurufen. Nun war also der Krieg, der in den anderen Teilen
Falandriens wütete hier her getragen worden. Er hatte einige Vorbereitungen
getroffen und große Vorräte anlegen lassen. Doch, dass begriff er schon
bald, die Lage war aussichtslos. Er sah sich einem Heer gegenüber, dass
nicht einmal in seinen Albträumen vermutet hätte. Noch bevor die Sonne
gänzlich hinter dem Horizont verschwand hatte er Boten losgeschickt, um
die Zwerge im Osten seines Königreiches in den Ausläufern des Kadagebierges
um Hilfe zu bitten. Auch nach Norden schickte er Boten. Er wusste zwar, dass
König Jelan ihm keine wirkliche Hilfe sein konnte, doch er würde alles
gebrauchen können um das Heer des Einen besiegen zu können.
"Mögen die Viere uns beistehen.", endete er die Rede vor seinen Heerführern
und schickte sie dann aus, um die Verteidigung zu organisieren.
Im Verlauf der nächsten zwei Tage hatte das Heer des Einen den kompletten
Westen Komers eingenommen. Einige vereinzelte Gruppen hielten es bis jetzt
noch von dem Einmarsch in die Hauptstadt auf und auch die Zwerge in den
Bergen waren, noch bevor sie ein Heer aufstellen konnten, von der Armee
überrant worden. Nun beschränkten sie sich darauf in den Bergen zu
verbarrikadieren.
Auch davon konnte Bjendo natürlich an diesem regnerischen Bellumsmorgen
nichts wissen. Am Vortag hatten sie das Getreide eingebracht und er hatte
sich für den heutigen Tag endlich einmal ein wenig Ruhe verdient.
Natürlich musste es ausgerechnet an diesem Tag regnen. Dabei würde doch
das Bellum's End Fest in wenigen Tagen beginnen und er hatte noch einige
Vorbereitungen zu treffen! Leise seufzend verlies er das Haus und zog
seinen Mantel enger um sich. Dann wandte er seine Schritte dem Dorfplatz
zu. Er hatte vor in der kleinen Taverne sich mit seinem Freund zu treffen
um mit ihm über das bevorstehende Fest und seine Heiratspläne zu reden.
Knarrend öffnete sich die Türe der kleinen Stube und wie nicht anders
zu erwarten, war er und sein Freund natürlich allein. Den Wirt konnte
er in einem der Hinterzimmer werkeln hören. Langsam lies er sich
seinem Freund gegenüber auf die Bank sinken und nickte ihm grüßend zu.
"Na, wie geht...", weiter kam er nicht, denn im selben Moment flog die
Türe auf und prallte gegen die Wand. Ein kalter Windhauch zog herein
und einige der Kerzen im Raum, die aufgestellt waren um die Dunkelheit
des kalten Tages draußen zu halten, erloschen. Musternd betrachtete
Bjendo den Fremden in der Türe, als der Wirt laut fluchend aus dem
Nebenzimmer kam.
"Verzeiht Herr Wirt, doch mich eilt es sehr. Habt ihr eine warme
Speise für einen Boten König Komers?", fragte der Fremde in leichtem
Akzent den Wirt. Dieser sah ihn noch für einen kurzen Augenblick
zornig funkelnd an, dann begriff er, wen er vor sich hatte und
eilte schnell davon um eine warme Speise zu zu bereiten. Der Bote
lies sich inzwischen auf einen der Stühle am Nachbartisch sinken.
Ihm schienen die neugierigen Blicke Bjendos nicht entgangen zu sein,
denn kurz darauf fragte er ihn: "Kann ich dir helfen, Junge?"
"M... mir? Oh... nein, nein...", brachte Bjendo hastig hervor und
senkte seinen Blick schnell. Der Fremde wollte gerade zu einer
Antwort ansetzen, als der Wirt wieder herein kam und einen
Teller mit Fladenbrot, Schinken und Käse vor ihm abstellte.
"Was treibt einen Gesandten König Komers hier in unser kleiens
Land?", fragte der Wirt neugierig.
"Dinge von großer wichtigkeit."
"Aha... nun ja, es geht mich ja nichts an..."
"Nein, das tut es in der Tat nicht."
"Aber..."
"Aber?"
Der Wirt räusperte sich verlegen. "Wisst ihr, wir sind hier sehr
abgelegen und bekommen nicht oft Nachrichten.", brachte er dann
zögerlich hervor. Der Bote sah ihn eine Weile nachdenklich an,
dann zuckte er mit den Schultern. "Ihr habt recht... außerdem...
wenn es weitergeht könnte es auch euch betreffen."
Der Wirt sah ihn nur verständnislos an, dann weiteten sich seine
Augen immer mehr, als der Bote zu erzählen begann. Auch Bjendo
und sein Freund hörten gespannt zu und saugten jedes Wort des
Berichts des Fremden in sich auf. Die ganzen fremden Namen
sagten ihnen zwar nichts und auch von dem "Einen" hatten sie noch
nie gehört, doch für den Wirt schienen diese Worte Sinn zu ergeben,
denn er wurde immer unruhiger. Schließlich beendete der Bote seinen
Bericht und schob das letzte Stück des Fladenbrotes in seinen
Mund. Dann erhob er sich und drückte dem Wirt einige Münzen in die
Hand, ehe er sich seinen Umhang umzog und die Stube verließ.
Der Wirt blieb nur kreidebleich stehen und starrte stumm auf seine
Hand, in der die Münzen lagen. Bjendo warf seinem Freund einen
neugierigen Blick zu, doch dieser zuckte nur mit den Achseln.
Langsam wendete sich dann der Besitzer der Stube den beiden
Jungen zu und sah sie beinahe traurig an. "Ich glaube es ist besser
ihr geht nun nach Hause. Und vergesst lieber, was der Bote
erzählte. Ich will eure Eltern nicht unnötigen ängstigen."
Die Jungen nickten langsam und erhoben sich dann. Der Wirt war zu
gleich auch der Dorfvorsteher und so gehorchtem sie seinen Worten
ohne widerrede, denn er kannte sich besser mit solchen Dingen aus
als sie.
Und so vergingen einige Tage. Das Fest rückte näher und näher und
die Vorfreude darauf war einfach zu groß, als das die beiden
Freunde sich noch lange an den Bericht des Botens erinnern konnten.
Schließlich - es war der Vortag zum Fest und die Vorbereitungen
liefen auf hochtouren - kam erneut ein Reiter in das kleine Dorf.
Doch diesmal trug er die Farben und Symbole Jelans. Ohne viele
Worte zu verlieren begab er sich in die Taverne und nach einem
halben Zyklus kamen er und der Wirt schließlich wieder hervor.
Das Gesicht des Dorfvorstehers brachte große Sorge zum Ausdruck,
als er die Dorfbewohner zusammen rief und dann verkündete:
"Auf Befehl seiner Majestät Jelan des Dritten haben sich alle
waffenfähigen Männer innerhalb einer Woche bei dem nächsten
Fort zu melden um dort eine Ausbildung im Kampf mit der Waffe
zu bekommen. Das Königreich im Süden unseres Landes wurden
von den Horden des Einen überfallen und es ist nicht auszuschließen,
dass wir die nächsten sind. Mögen die Viere uns alle beschützen."
Groß war das Wehklagen unter den Frauen im Dorf, als sie diese
Nachricht hörten, doch es half nichts, denn man widersetzte sich
keinem Befehl seines Königs.
Und so begaben sich Bjendo und einige seiner Freunde, sowie sein
Vater am nächsten Tag auf die zweitägige Reise nach Jelan's Stolz.
Sie konnten nicht ahnen, dass am selben Tag, an dem der Wirt
seine Ansprache hielt, die Truppen mit dem Banner des Einen die
Stadtgrenze der Hauptstadt Komers überschritten und noch am
selben Abend der König von einem Pfeil durchbohrt die Zinnen der
Burg hinabstürzte. Der Kampf um Komer war verloren und alles was
zurückblieb war Verwüstung und Tote. Auch die Blockade der Zwerge
in den Bergen war durchbrochen worden. Einige wenige konnten
entkommen, doch der Rest lag tot in den Stollen und Höhlen
unter den Bergen. Nun war es nur noch eine Frage der Zeit, bis
das Heer ganz Komer eingenommen hatte und dann würde es weiterziehen.
Und das Ziel war klar: Jelan. Denn in diesem Krieg ging es nicht
um irgendwelche Reichtümer oder strategische Plätze... Nein, es
zählte einzig und allein die Vernichtung der "Ungläubigen".
Drei Tage später durchschritten Bjendo und seine Gefährten das
Tor des Forts, wo sie sogleich von einem aufgeregten Gefreiten
in Empfang genommen wurden. Nachdem ihnen ihre Unterkünfte gezeigt
wurden, begann noch am selben Tag das Kampftraining. Die Männer
wurden eingeteilt: Einige bekamen einen Bogen in die Hand gedrückt,
andere ein Schwert und wieder andere eine Lanze. Am Morgen des
Tages war ein Spähtrupp des Feindes an der Südgrenze gesichtet worden
und so blieb nicht lange Zeit für die Ausbildung. Die Mannschaft
des Fortes hatte Befehl am morgigen Tag aufzubrechen und sich mit
anderen Soldaten am Wermonfluss zu treffen. Dort führte ein kleine
Furt über den Fluss und es war wahrscheinlich, dass der Fein diesen Weg
nehmen würde. In den Gesichtern der Soldaten lag tiefe Verzweiflung.
Zwar war ein Teil des Heeres des Einen in Komer zurück geblieben, um
dort zu plündern und Jagd auf Flüchtlinge zu machen, aber immernoch
war die Armee zehn Mal größer als die männliche Bevölkerung Jelans.
Und doch musste sie es versuchen.
Bjendo bekam einen Bogen in die Hand gedrückt und verbrachte den
Rest des Tages mit Zielübungen. Er stellte sich recht geschickt an
und als der Himmel dunkler wurde wurde seine Gruppe zusammengerufen
und man übergab ihnen eine leichte Lederrüste, einen Köcher mit
hundert Pfeilen, einen großen Langbogen und einen kleinen Kurzbogen.
Dann wurden sie in die Baracken geschickt, damit sie sich bis
zum Morgen erholen könnten, denn es würde ein langer Marsch werden.
Auch Bjendos Freund hatte einen Bogen bekommen, wenn er auch nicht
ganz so talentiert damit war. Sein Vater hingegen bekam ein Schwert
und ein Schild. Er würde in einen der vorderen Reihen kämpfen.
Die Nacht legte sich über das kleine Fort, doch niemand konnte wirklich
schlafen. Hier und da beteten einige der "frischen" Soldaten.
Überwiegend zu Bellum und Vitama, doch auch hier und da einer zu
Astrael und Morsan oder den Elementarherren.
Müde sah sich Bjendo in dem kleinen Raum um. Er lies seine Gedanken
abschweifen zu dem letzten Bellum's End Fest. Er hatte damals ein
wunderschönes Mädchen kennengelernt. Doch er war noch zu jung gewesen
und sie ebenfalls. So hatten sie sich versprochen bis dieses Jahr
zu warten. Nun war daraus nichts geworden. Wie es ihr wohl im Moment
ergehen sollte? Würde sie sich sorgen um ihn machen? Erinnerte sie
sich überhaupt noch an ihn? Sehr oft konnte man das Nachbardorf nicht
besuchen und so hatte er sie nur zwei oder dreimal im Jahr gesehen.
Dann schweiften seine Gedanken in die Zukunft. Morgen würden sie
zur Furt aufbrechen und noch am selben Abend ankommen. Ob der König
wohl auch dort wäre? Er hatte ihn noch nie gesehen, doch es soll
ein gutmütiger und freundlicher Mann in den mittleren Jahren sein,
wie er gehört hatte.
Schließlich fielen ihm doch die Augen zu.
Noch in der selben Nacht überschritten die Truppen des Einen
die Südgrenze und drangen in das Landesinnere Jelans vor. Sie stießen
kaum auf Widerstand, doch war Jelan sehr hügelig, so dass sie nur
langsam voran kamen.
Ein lautes Posaunen weckte Bjendo schließlich am nächsten Tag auf.
Sie alle mussten in Reih und Glied antreten und bekamen dann ein
Bündel mit Proviant in die Hände gedrückt. Dann maschierten sie los
und aßen während sie liefen. Ohne Pause maschierten sie den ganzen
Tag lang, bis sie schließlich - die Sonne neigte sich ein weiteres
Mal dem Horizont zu - von einem Hügel aus hinab in das Tal des
Wermonflusses blicken konnten.
Noch nie hatte Bjendo so viele Menschen gesehen wie dort auf einem
Fleck. Es mussten an die zweitausend Menschen sein und das Lager,
dass sie aufgeschlagen hatten, erstreckte sich wohl über eine
Meile. Ganz in der Mitte stand ein prächtiges Zelt in den Farben
Jelans: das Zelt des Königs.
Kurz darauf betraten sie dann das Lager und wurden verteilt.
Nach ihnen trafen noch ein oder zwei andere größere Gruppen ein,
dann war ein Großteil der männlichen Bevölkerung Jelans an der
Furt versammelt. Bjendo schöpfte neue Hoffnung. Wie könnte das
Heer des "Einen" so eine große Streitmacht schlagen? Doch seine
Hoffnung sollte nicht lange andauern. Einer der älteren Gefreiten,
welcher sein Nachtlager neben dem von Bjendo hatte, berichtete das
am Morgen Flüchtlinge aus dem Süden gekommen seien. Ihren Berichten
nach hatte ein riesiges Heer bestehend aus Bogenschützen und
Schwertkämpfern in der Nacht die Grenze überschritten und sie aus
ihren Häusern gejagt. Viele seien schon auf der Flucht gestorben.
Niedergeschlagen senkte der Junge seinen Kopf, als von draußen
ein lauter Ruf erschallte: "Sie sind da!"
Panik brach in dem Lager aus und schnell traten alle vor ihre
Zelte um auf neue Befehle zu warten. Wie es sich herausstellte
hatten die Feinde ungefähr 4 Meilen entfernt auf der anderen
Flussseite ihr Nachtlager aufgeschlagen. Der König schien mit
einem Angriff im Morgengrauen zu rechnen und so befahl er
alle Soldaten auf ihren Platz. In der vordersten Reihe sollten
sich die Lanzenträger aufstellen, dann einige Reihen dahinter die
Schwertkämpfer und schließlich die Bogenschützen auf den Anhöhen.
Als Bjendo seinen Platz einnahm konnte er es in der Ferne sehen -
das Nachtlager des Heeres des Einen. Es wurde von aberdutzenden
von Fackeln erleuchtet.
"Ein beeindruckender und doch auch furchteinflössender Anblick,
nicht wahr mein Junge?", sagte der alte Mann neben ihm, der kaum
selbst stehen konnte und sich auf seinen Langbogen stützte. Auf
der anderen Seite stand sein Freund. Er nickte kurz und starrte
dann wieder stumm in die Nacht hinaus. Ein kühler Wind umspielte
seinen Kopf, der Morsan war gekommen und schon bald würde es
anfangen zu schneien... wenn er dann noch leben würde.
Es wurde die längste Nacht seines Lebens. Immer wieder schlief
er kurz ein, doch Erholung fand er keine. Ab und zu wechselte
er ein paar Worte mit seinem Freund, doch auch das half nicht
weiter. Seine Gedanken glitten ab zu seinem Vater, der dort
unten irgendwo stand. Wie würde er wohl die Nacht verbringen?
Und wie erging es seiner Mutter? Sie wollte sich in die
Hauptstadt begeben. Angeblich sollte es dort sicher sein.
Wieder warf er einen kurzen Blick hinüber zu dem Nachtlager
des Feindes. Es fröstelte ihn. Ob es wegen des kalten Windes
oder wegen seiner Furcht war, konnte er nicht sagen. Wie sollte
auch nur irgendein Mensch vor so einer Armee sicher sein?
Schließlich vielen ihm, es muss wohl kurz nach dem achten Zyklus,
zu Beginn des ersten, die Augen zu.
"Sie kommen! Sie kommen!" war das erste, was er wieder hörte,
als er von seinem Freund in die Höhe gezogen wurde, der in
die Ferne deutete. Eine dunkle Masse schwemmte aus dem Nachtlager
des Feindes hervor und näherte sich langsam dem Fluss. Nun war
es also so weit. Kurze Zeit später hatte der Feind Aufstellung
bezogen und der König wartete immernoch mit seinem Angriffsbefehl.
Was hatte er vor? Wieso lies er den Feind sich erst formieren?
Sein Gedankengang wurde von einem lauten Befehl unterbrochen.
Die Bogenschützen sollten ihre Langbögen bereit machen, denn der
Feind war nun in Schußreichweite gekommen. Bjendo holte noch
einmal tief Luft, zog dann langsam einen Pfeil aus seinem
Köcher und legt ihn in die Sehne ein.
Und noch immer kein Befehl. Dann erhob sich die Sonne ein weiteres
Mal über die Gipfel des Kadagebierges. Es sollte das letzte Mal
für viele der Menschen bei der Wermonschlacht sein. Dann begann
es. Zuerst erklang nur eine lautes Horn, dann stürmten die
feindlichen Soldaten los. Im selben Moment hoben die Männer
in der vordersten Reihe des Jelanheeres ihre Lanzen an. Die
Diener des Einen hatten schon beinahe die Furt erreicht, als der
Befehl zum Schießen durch die Schlachtreihe ertönte. Hunderte
von Pfeilen zischent davon in die Richtung der Feinde und viele
Vielen und wurden einfach von den Nachkommenden überrannt. Auch
der ein oder andere aus dem Jelanheer viel, als er vom eigenen
Mann in den Rücken getroffen wurde. Die Soldaten in den
dunklen Rüstungen hatten nun die Furt erreicht und das Wasser
spritztet auf. Die Zeit begann sich für Bjendo zu dehnen.
Er hört sich und die Leute neben ihm atmen, griff unendlich
langsam zu einem neuen Pfeil und legte ihn gerade in die
Sehne ein, als der alte Mann neben ihm röchelnd zu Boden
fiel, als ein Pfeil ihn durchbohrt hatte. Aber das konnte
doch nicht sein! Kein Bogen schoß so weit und so präzise!
Doch es war so. Der Feind musste einen neuen und besseren
Bogen haben. Bjendo drehte seinen Kopf wieder nach vorne,
wich leicht zur Seite, als er einen Pfeil auf sich zu fliegen
sah und spannte dann erneut den Bogen um seinen Pfeil zu
verschießen. Im selben Moment hörte er ein lautes metallisches
Krachen, als Schilde und Rüstungen auf Lanzen prallten.
Der Feind hatte das Ufer erreichte und der Kampf entbrannte.
Bis jetzt schien es ganz gut für das Heer Jelans zu laufen,
denn sie hatten einen strategischen Vorteil.
Doch viel länger konnte er nicht zusehen, als erneut ein
Pfeil heranflog, dem er ausweichen musste. Suchend glitt
sein Blick umher. Wo standen nur die Bogenschützte des Feindes?
Schnell zog er ein weiterer Pfeil, legte ihn in die Sehne ein
und lies ihn auf die Feinde zusegeln. Irgendwo in der Menge
schrie jemand auf und sackte zu Boden, es ging jedoch in dem
Kampfgetümmel völlig unter. Bjendo erschrack, als er bemerkte,
dass sich der Fluss bereits Rot gefärbt hatte.
Immer wieder zog er Pfeile und verschoss sie auf die feindlichen
Reihen, doch es hatte keinen Sinn. Sie gewann immer mehr die
Oberhand und schließlich war die Reihe der Lanzenträger
durchbrochen. Nun war also die Gruppe seines Vaters an der Reihe.
Wo war er nur? Er konnte ihn nirgendwo finden, was, angesichts
des Kampfes, auch nicht weiter verwunderlich war. Er erblickte
den König, wie dieser eine Gruppe von Reitern in Richtung der
Furt führte. Dutzende von ihnen vielen von ihren Pferden,
bevor sie überhaupt den Feind erreicht hatten. Dann preschten
sie hinein in das Feld und es gelang ihnen tatsächlich eine
Schneise in die gegnerischen Truppen zu schlagen. Doch für
jeden getöteten Krieger des Einen kamen zwei neue über die Furt,
die nun trockenen Fußes zu begehen war, da sie bereits mit toten
Körpern bedeckt war. Die Reiter wurden eingekreist und immer
mehr vielen den Schlägen und Pfeilen des Feindes zum Opfer.
Der König befahl scheinbar den Rückzug und wandte sich um,
doch bis die Reiter es zu den eigenen Linien geschafft hatten,
waren nur noch eine gute Hand voll übrig. Schwertkämpfer des
eigenen Heeres eilten ihnen zu Hilfe. Bjendon meinte Rufe wie
"Schützt den König!" herauszuhören.
Und dann sah er ihn. Seinen Vater. Er hatte sich vor den König
begeben um ihn zu schützen. Er hob sein Schild an, holte mit
dem Schwert aus und zuckte dann zusammen. Erneut verlangsamte
sich für Bjendo die Zeit und er war wie versteinert. Er sah
wie sein Vater sich langsam in seine Richtung wendete, die
Augen schienen ihn zu suchen. Dann zuckte er ein weiteres
Mal zusammen, als ihn ein weiterer Pfeil traf. Schließlich
fiel er auf die Knie und wurde einfach so vom herrannahenden
Feind überrannt. Bjendo blieb still stehen und war zu keiner
Reaktion fähig. Ihm flogen die Pfeile um die Ohren, doch zum
Glück schien ihn keiner zu treffen. Sein Vater tot. Er konnte
es nicht glauben. Dann packte ihn rasende Wut und er verschoss
blind einen Pfeil nach den anderen, bis er keine mehr hatte.
Schließlich sank er weinend auf die Knie.
Die Schlacht war inzwischen verloren. Immer mehr der Gegner
überquerten den Wermon und nur noch wenige von ihnen fielen.
Das Pferd des Königs war getroffen worden und er kämpfte nun
zu Fuß, Seite an Seite mit seinen Soldaten. Er konnte gut kämpfen,
doch auch das brachte ihm nicht viel gegen die Überzahl. Einer
der Feinde trat ihm gegenüber und schlug mit seinem Schwert gegen
sein Schild. Schnell schlug er das Schwert mit seinem Schild beiseite
und wollte sein Schwert zu einem Gegenschlag heben, als ihn ein
Speer der irgendwo aus den Reihen des Feindes geschleudert worden
war in die Brust traf. Sein Gegenüber schlug ihm erst das Schild und
dann das Schwert aus der Hand, dann stach er ihn vollens nieder.
Mit dem Tod des Königs war auch der Widerstand des Heeres von
Jelan gebrochen. Immer mehr Soldaten begannen davon zu rennen
und die feindliche Horde rückte schnell näher, als neben Bjendo
plötzlich sein Freund zu Boden sank. Er hatte einen Pfeil in die Brust
bekommen. Sprachlos starrte der Junge zur Seite und beugte sich dann
über seinen Freund.
"Nein, nein nicht auch noch du!"
"B...Bjendo... es... tut mir leid..."
"Red keinen Unsinn, du wirst wieder gesund."
Mit einem Ruck zog er den Pfeil aus der Brust seines Freundes, der
darauf hin laut aufstöhnte.
"Wer... redet hier Unsinn?", ein schwaches Lächeln erschien
auf den Lippen seines Freundes, dann hörte er auf zu atmen. Stumm
starrte Bjendo ihn an. Dann senkte er sein Kopf und schloß die Augen.
Erst sein Vater, dann sein Freund. Er konnte nicht anders... ein
Gebet Vitamas fiel ihm ein und leise begann er es zu sprechen.
Das Gebet sprach von Hoffnung und Liebe. Unter dessen rückten
die Feinde weiter näher und Bjendo bemerkte nicht, wie sich ein
kräftiger Mann ihm näherte und sein Schwert hob.
"Schweig Verblendeter!", brüllte er ihn an und wollte sein Schwert
niedersaußen lassen um ihn in zwei Hälften zu spalten, als er
aufblickte und nur noch laut "Vitama hilf mir!" ausrufen konnte.
Dann war alles vorbei.
Oder doch nicht? Bjendo schlug blinzelnd seine Augen auf. Wo
war er? Dies war nicht die Anhöhe hinter dem Wermonfluss. Er
blickte an sich hinab. Nicht länger trug er die einfach Rüste, sondern
eine viel bequemere Kleidung. Und er konnte seine Augen nicht trauen
als er auf seine Füße blickte. Sollte er nicht Schuhe tragen? Statt
dessen war er barfuss und dichtes Haare bedeckte seine Füße, auch
war es ihm, als sei er dicker geworden. Langsam blickte er sich um
und erkannte, dass er nicht allein war. Um ihn herum standen viele,
die ebenso aussahen wie er. Einige hatten sogar elfische und zwergische
Züge. Doch alle hatten sie einiges gemein: Sie waren klein und ein
wenig rundlich. Hatten beharrte große Füße und steckten in bequemer
Kleidung. Dann hörte er eine liebliche und klare Stimme. Verwirrt
blickte er sich um, doch konnte er nicht erkennen, wo her sie kam.
"Wir brachten euch hier her. Euch, die ihr die Armen, Gütigen und
Barmherzigen seid, die nicht IHM zum Opfer fallen dürfen. Geht hinaus
auf dieses Eiland, dass ihr fortan Dunau nennen sollt und lebt.
Doch sollt ihr nun vergessen. Vergessen das Leid, dass man euch zufügte
und vergessen was ihr wart. Ihr seid nun etwas neues. Auch sollt ihr
vergessen uns Götter, damit ihr niemals wieder IHM verfallen könnt.
Stattdessen sollt ihr das einfache Leben lieben und wenig Ansprüche
haben. Ihr sollt friedlich sein und euch untereinander helfen. Macht
euch keine Sorge, denn diese Insel ist von einem Nebel verschleiert
und erst in hunderten von Jahren wird sie wieder frei gegeben werden,
wenn die Hoffnung sich erfüllt."
Dann verstummte die Stimme und plötzlich erfüllte Bjendo ein helles
Leuchten. Und er vergaß.
Dies war die Geschichte der Erreteten, die lange Zeit getrennt vom
Rest Tares vor sich hin lebten. Aus Elfen, Zwergen und Menschen
entwickelte sich ein eigenes Volk, während draußen der Schrecken des
Amulettkrieges weitertobte, Tare in ewige Nacht verfiel und ein kleiner
Junge schließlich IHN zu Fall brachte. Tare hatte überlebt - die
Kinder der Götter hatten überlebt. Und wie es von Vitama und Rien
versprochen worden war, so blieb die Insel über Jahrhunderte hinweg
in den Nebeln verborgen, ehe die geschmeidigen Boote der Elfen
das Eiland fanden und zum ersten Mal auf einen Hobbit trafen.
_________________ Benion - vita et amor - Pater Brown Verschnitt, Häretiker und Lord der Vitamith - Geburtshelfer: 8 mal - Ehejahre-Rekordhalter Querdenker aus Leidenschaft.
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