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 Betreff des Beitrags: Desiderium
BeitragVerfasst: 5.09.03, 23:56 
Ehrenbürger
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Mahnend kühl wehte der Wind aus Norden, als im letzten Licht des scheidenden Tages an den Klippen östlich von Brandenstein eine Frau stand, gewandet in den blauen Habit der Diener Astraels. Leeren Blickes starrte sie auf das Stück Pergament in ihrer Hand. Doch eigentlich blickte sie durch das Pergament hindurch. Hin zu einem fernen Herzogtum und einem kleinen, rosenumrankten Konvent inmitten der endlosen Auen und Felder Savaros.


Astrael zur höchsten Lobpreisung, Mutter Oberin,

ich habe Siebenwind erreicht. Ich weile in einer Stadt mit Namen Brandenstein. Es herrscht Krieg gegen die Schlächter des Namenlosen. Der hiesige Ordo Astraeli hat mir Obdach und geistliche Führung gewährt. Die Studien gehen gut voran. Seine Eminenz Donarius Derrvus hat mich als Adlata angenommen. Man übertrug mir die Aufsicht über die hiesige Bibliothek. Es gibt viele Folianten. Der Tempel ist schön. Die Leute sind nett. Es gefällt mir hier.

Nein ...

Nein. Nichts weiter ist dies als eine fahle Lüge. Vergebt mir, Mutter Oberin, oh vergebt mir. Nichts könnte von der Wahrheit weiter entfernt sein als dies 'Es gefällt mir hier'. Und wahrlich, ich büsse diese Lüge Mondenlauf um Mondenlauf. Augenblick um Augenblick. Ich büsse sie mit der bitteren Sehnsucht nach den Hügeln und den Auen Savaros. Ich büsse sie mit den quälenden Erinnerungen an unser wundervolles Scriptorium, in dem die goldene Nachmittagssonne elegante Muster auf die Holzbohlen malt. Ich büsse diese Lüge mit den verblassenden Echos der Choräle der Schwestern in der Kapelle und dem unbeschwerten Lachen und Schwatzen aus den Kräutergärten. Ich büsse diese Lüge mit den Erinnerungen an Messen in lichtdurchfluteten Hallen und den Bildern strahlender Gesichter lobpreisender Schwestern.
In meinen Träumen winden sich die Rosenranken unseres Konvents so anmutig wie Bildnis gewordene Gesänge, doch ihre Blütenblätter schimmern wie blutige Tränen. Manchmal, wenn die Winde aus Süden wehen, glaube ich fast den Duft der frisch geschnittenen Gräser von Severinus' Wiesen erkennen zu können. Doch dann dreht sich der Wind und alles, was noch bleibt, ist der salzige Gestank des meerblauen Abgrunds, der zwischen mir und der Heimat liegt. Oh wie sehr ich diesen Abgrund hasse.

Mutter Oberin, wenn dem ersten und vornehmsten Ziel meiner Reise ein zweites Ziel nahe kommen kann, dann jenes, euch mit Freude über mein Tun zu erfüllen. Doch ach, wie fern bin ich doch diesen beiden Zielen. Mit jedem Schritt, den ich tu, rücken sie weiter von mir fort. Entfernen sich mit dem hämisch keckernden Lachen des Spotts.

Wissen suchte ich, doch gefunden habe ich nichts weiter als mein eigenes Unvermögen. So viele Folianten las ich und doch weiss ich heute nicht einmal, wie man all jene, die den Vieren den Respekt versagen, wieder auf den rechten Pfad des Glaubens zurück geleiten kann. So viele sah ich – vom Niedersten bis zum Ritter – die lebten und doch dahin siechten. Denn sie kannten nicht Demut, nicht Liebe, nicht Hingabe an die Viere. Und so kennen sie auch nicht das Glück und die Freude, die einzig aus dem Glauben an die Viere erwachsen können. Wissen, ich habe versagt.

Demut suchte ich, doch gefunden habe ich nichts weiter als meinen eigenen Hochmut. Eine Fehlgeleitete der Elementarkirche suchte ich aus der Bibliothek zu werfen, weil sie den Folianten den nötigen Respekt versagte. Ich stellte die Regeln um Bibliothek und Folianten über das Gebot seiner Eminenz und den Wissensdrang dieser Frau. Demut, ich habe versagt.

Pflicht suchte ich, doch gefunden habe ich nichts weiter als meine eigene Nachlässigkeit. Ich sah einen der Schergen des Namenlosen, der wie ein Kind in dunkler Nacht den Weg zurück ins Licht sucht. Ich vergass meine Pflicht, Licht zu sein für die Suchenden, und nicht Ankläger für die Fehlgeleiteten. Das Geschehene in Savaro sah ich, doch nicht den verzweifelt Suchenden in Brandenstein. Pflicht, ich habe versagt.

Gehorsam suchte ich, doch gefunden habe ich nichts weiter als meine eigene Halsstarrigkeit. Ihr habt mich ausgeschickt und mir oblag es zu gehorchen. Doch nun, nach all der Zeit, erkenne ich, dass ich Savaro niemals verlassen habe. Ja, mein Leib und meine Seele sind hier. Doch mein Herz ist noch immer in Savaro. Im Konvent. In der Heimat. Bei meinen Schwestern. Bei euch. Gehorsam, ich habe versagt.

Vergebt mir, Mutter Oberin, denn ich habe nicht erreichen können, um was ich so verzweifelt gerungen habe: euch stolz sein zu lassen ob meines Tuns.

Astrael allein weiss, was mir nun noch bleibt. Allein die unerfüllte Sehnsucht nach Savaro. Nach unserem Konvent. Nach der Schwesternschaft.

Ich will nach hause. Heim ...



Mit leerem Blick sah die Frau dem Pergament nach, selbst als es längst von den Wellen des Meeres davongetragen worden war. So wie auch all die anderen Briefe zuvor.


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 Betreff des Beitrags: Excitari I
BeitragVerfasst: 20.09.03, 10:42 
Ehrenbürger
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Wohnort: Land of cheese & chocolate
Keiner hielt sich in den Gebieten der Waldelfen auf, ohne von ihnen entdeckt zu werden. Und doch war die Frau unbehelligt geblieben. Selbst, als der Mann sie längst verlassen hatte. Vielleicht war sie den Elfen zu unbedeutend gewesen. Oder vielleicht hatten diese – auf ihre Art – erkannt, dass etwas bedeutsames geschehen war?

Unter anderen Umständen hätte die im Gras sitzende Frau den Ort in der spröden, nüchternen Art beschrieben, die ihr eigen war. Eine Abfolge deskriptiver Vokabeln im steten Streben um die Ultima Ratio jenseits allen nutzlosen Tands überflüssiger Gefühlsduseleien. Aber dieser Ort liess sich nicht mit der eleganten Präzision analytischen Denkens erschliessen. Nicht mehr.
Sicher, nüchtern betrachtet war der Ort nichts weiter als eine von Blüten übersäte Wiese, die an drei Seiten von einem Bach begrenzt wurde. Im Norden sah man einige alte Bäume und im Süden einen kleinen Teich, in dem der schlaufenförmige Bachlauf sein vorläufiges Ende fand.

Würde man aber die Frau später einmal darum bitten, sie möge diesen Abend beschreiben, dann würde sie nichts von alle dem sagen. Vermutlich würde sie statt dessen von dem Heimweh erzählen, das sie damals geplagt hatte, und dass damit alles begonnen hatte. Vielleicht würde sie auch von dem Mann erzählen, der diese sorgsam verborgene Sehnsucht nach der Heimat entdeckt hatte. Und dass er sie dafür nicht gescholten oder gestraft hatte.
Mit Sicherheit würde sie dann versuchen, in Worte zu kleiden, was er danach getan hatte. Und mit der selben Sicherheit würde sie nach einer Weile hilflos abbrechen, um mit einem kläglichen Lächeln einzugestehen, dass sie nicht die nötigen Worte würde finden können. Statt dessen würde sie dann aus einer kleinen, sorgsam gehüteten Schatulle eine saphirblaue Blüte holen und sie wortlos in ihrer Handfläche halten. Die Blüte würde frisch und lebendig aussehen und nur die Frau würde wissen, vor wie vielen Mondenläufen sie gepflückt worden war.

Aber all dies lag in diesem Augenblick noch in den Landen, die Morsan uns unter dem Namen 'Zukunft' erst noch schenken wird. In diesem Augenblick sass die Frau noch immer auf einer Wiese, die vom schlaufenförmigen Lauf eines Baches umarmt wurde. Sie sass inmitten ungezählter filigraner, saphirblauer Blüten. Sie sass dort, die Augen geschlossen und den Kopf zur Seite geneigt, als ob sie einem stummen Lied lauschen würde, das nur sie selbst hören konnte. Und die Waldelfen liessen sie dabei gewähren.


Zuletzt geändert von Anais: 20.09.03, 18:29, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Excitari II
BeitragVerfasst: 20.09.03, 10:43 
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Es waren zwei Tage vergangen. Vielleicht drei. Sie hatte versucht, die saphirblaue Blüte zu trocknen,. Aber wann immer sie sie wieder zur Hand genommen hatte, schien sie ihr frisch und unverbraucht wie an jenem Abend, als alles begonnen hatte. Die Frau hatte seit diesem Abend wenig geschlafen. Schlaf schien ihr plötzlich so schrecklich nutzlos zu sein. Vertane Zeit im Vergleich zu dem, was mit dem Geschenk des Mannes seinen Anfang genommen hatte. In den Tagen seit diesem Abend hatte es Momente gegeben, da hatte sie sich gewünscht, die Wortgewandtheit eines Barden zu besitzen. Oder dessen Fähigkeit, mit den Saiten und dem Holz einer Laute Bilder entstehen zu lassen, die direkt der Seele und dem Herzen entwuchsen. Aber all das vermochte sie nicht zu tun. Und so blieb sie stumm und alleine mit dem stillen Glück, das nur der wahre Glaube zu schenken vermag. Kein Zaudern. Kein Zögern. Kein Zweifeln. Nicht mehr. Nie wieder.


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 Betreff des Beitrags: Excitari III
BeitragVerfasst: 20.09.03, 10:47 
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Beiträge: 602
Wohnort: Land of cheese & chocolate
Sie war wieder zu der Wiese am Bach zurückgekehrt. Und wieder hatten die Waldelfen sie gewähren lassen. Vielleicht, weil sie wussten, dass es das letzte Mal sein würde?
Wie schon unzählige Male zuvor hatte sie ein kleines Stück Pergament mit einer Botschaft in der Hand. Aber dieses Mal übergab sie es nicht dem Meer. Es schien ihr richtig zu sein, es statt dessen hier zu übergeben. Wohl wissend, dass auch dieses Pergament niemals seinen Empfänger erreichen würde. Aber es gab Augenblicke, da ahnte die Frau, dass, auch wenn das Pergament nie an seinem Bestimmungsort ankam, die Botschaft sein Ziel erreichen würde.


Astrael allein weiss, wie sehr ich euch vermisse, Mutter Oberin. Und unseren Konvent. Aber es schmerzt nicht mehr. Ich weiss nun, wo meine Heimat ist, Mutter Oberin. Sie ist hier. Und sie ist in jedem Land, in das der Herr mich noch entsenden wird. Sie ist überall dort, wo ich bin. Denn überall wird Er stets bei mir sein. Ich bin nun angekommen, Mutter Oberin. Ich bin jetzt zuhause.
Vergesst mich nicht. So, wie auch ich euch niemals vergessen werde, Mutter.


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 Betreff des Beitrags: Excitari IV
BeitragVerfasst: 20.09.03, 10:48 
Ehrenbürger
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Beiträge: 602
Wohnort: Land of cheese & chocolate
Fern dieses Baches, fern von Siebenwind, in einem kleinen, rosenumrankten Konvent in der Provinz Savaros, unterbrach eine hagere, strenge Frau, gewandet in den blauen Habit der Diener Astraels, ihre morgendliche Andacht und hob den Kopf. Gerade so, als ob sie einer fernen Stimme lauschen würde. Augenblick um Augenblick. Und schliesslich, ohne dass sie sich dessen bewusst war, umhüllte ein seltenes, bittersüsses Lächeln voll stiller Melancholie ihr altes, faltiges Gesicht.

"Ich werde immer bei dir sein, meine Tochter."

Und dann nahm sie in einem stillen Gebet voll glücklicher Dankbarkeit Abschied.


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