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Mahnend kühl wehte der Wind aus Norden, als im letzten Licht des scheidenden Tages an den Klippen östlich von Brandenstein eine Frau stand, gewandet in den blauen Habit der Diener Astraels. Leeren Blickes starrte sie auf das Stück Pergament in ihrer Hand. Doch eigentlich blickte sie durch das Pergament hindurch. Hin zu einem fernen Herzogtum und einem kleinen, rosenumrankten Konvent inmitten der endlosen Auen und Felder Savaros.
Astrael zur höchsten Lobpreisung, Mutter Oberin,
ich habe Siebenwind erreicht. Ich weile in einer Stadt mit Namen Brandenstein. Es herrscht Krieg gegen die Schlächter des Namenlosen. Der hiesige Ordo Astraeli hat mir Obdach und geistliche Führung gewährt. Die Studien gehen gut voran. Seine Eminenz Donarius Derrvus hat mich als Adlata angenommen. Man übertrug mir die Aufsicht über die hiesige Bibliothek. Es gibt viele Folianten. Der Tempel ist schön. Die Leute sind nett. Es gefällt mir hier.
Nein ...
Nein. Nichts weiter ist dies als eine fahle Lüge. Vergebt mir, Mutter Oberin, oh vergebt mir. Nichts könnte von der Wahrheit weiter entfernt sein als dies 'Es gefällt mir hier'. Und wahrlich, ich büsse diese Lüge Mondenlauf um Mondenlauf. Augenblick um Augenblick. Ich büsse sie mit der bitteren Sehnsucht nach den Hügeln und den Auen Savaros. Ich büsse sie mit den quälenden Erinnerungen an unser wundervolles Scriptorium, in dem die goldene Nachmittagssonne elegante Muster auf die Holzbohlen malt. Ich büsse diese Lüge mit den verblassenden Echos der Choräle der Schwestern in der Kapelle und dem unbeschwerten Lachen und Schwatzen aus den Kräutergärten. Ich büsse diese Lüge mit den Erinnerungen an Messen in lichtdurchfluteten Hallen und den Bildern strahlender Gesichter lobpreisender Schwestern. In meinen Träumen winden sich die Rosenranken unseres Konvents so anmutig wie Bildnis gewordene Gesänge, doch ihre Blütenblätter schimmern wie blutige Tränen. Manchmal, wenn die Winde aus Süden wehen, glaube ich fast den Duft der frisch geschnittenen Gräser von Severinus' Wiesen erkennen zu können. Doch dann dreht sich der Wind und alles, was noch bleibt, ist der salzige Gestank des meerblauen Abgrunds, der zwischen mir und der Heimat liegt. Oh wie sehr ich diesen Abgrund hasse.
Mutter Oberin, wenn dem ersten und vornehmsten Ziel meiner Reise ein zweites Ziel nahe kommen kann, dann jenes, euch mit Freude über mein Tun zu erfüllen. Doch ach, wie fern bin ich doch diesen beiden Zielen. Mit jedem Schritt, den ich tu, rücken sie weiter von mir fort. Entfernen sich mit dem hämisch keckernden Lachen des Spotts.
Wissen suchte ich, doch gefunden habe ich nichts weiter als mein eigenes Unvermögen. So viele Folianten las ich und doch weiss ich heute nicht einmal, wie man all jene, die den Vieren den Respekt versagen, wieder auf den rechten Pfad des Glaubens zurück geleiten kann. So viele sah ich – vom Niedersten bis zum Ritter – die lebten und doch dahin siechten. Denn sie kannten nicht Demut, nicht Liebe, nicht Hingabe an die Viere. Und so kennen sie auch nicht das Glück und die Freude, die einzig aus dem Glauben an die Viere erwachsen können. Wissen, ich habe versagt.
Demut suchte ich, doch gefunden habe ich nichts weiter als meinen eigenen Hochmut. Eine Fehlgeleitete der Elementarkirche suchte ich aus der Bibliothek zu werfen, weil sie den Folianten den nötigen Respekt versagte. Ich stellte die Regeln um Bibliothek und Folianten über das Gebot seiner Eminenz und den Wissensdrang dieser Frau. Demut, ich habe versagt.
Pflicht suchte ich, doch gefunden habe ich nichts weiter als meine eigene Nachlässigkeit. Ich sah einen der Schergen des Namenlosen, der wie ein Kind in dunkler Nacht den Weg zurück ins Licht sucht. Ich vergass meine Pflicht, Licht zu sein für die Suchenden, und nicht Ankläger für die Fehlgeleiteten. Das Geschehene in Savaro sah ich, doch nicht den verzweifelt Suchenden in Brandenstein. Pflicht, ich habe versagt.
Gehorsam suchte ich, doch gefunden habe ich nichts weiter als meine eigene Halsstarrigkeit. Ihr habt mich ausgeschickt und mir oblag es zu gehorchen. Doch nun, nach all der Zeit, erkenne ich, dass ich Savaro niemals verlassen habe. Ja, mein Leib und meine Seele sind hier. Doch mein Herz ist noch immer in Savaro. Im Konvent. In der Heimat. Bei meinen Schwestern. Bei euch. Gehorsam, ich habe versagt.
Vergebt mir, Mutter Oberin, denn ich habe nicht erreichen können, um was ich so verzweifelt gerungen habe: euch stolz sein zu lassen ob meines Tuns.
Astrael allein weiss, was mir nun noch bleibt. Allein die unerfüllte Sehnsucht nach Savaro. Nach unserem Konvent. Nach der Schwesternschaft.
Ich will nach hause. Heim ...
Mit leerem Blick sah die Frau dem Pergament nach, selbst als es längst von den Wellen des Meeres davongetragen worden war. So wie auch all die anderen Briefe zuvor.
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