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Am nächsten Tag wird Dagnar folgender Bericht ausgehändigt:
Bericht über 9 Fälle von unerlaubtem Besitz von Giftkräutern
gegeben am 29. Camer im Jahre 14 nach Hilgorad
von Selina Leskadon, Gefreite des Lehensbanners
Zu später Nachtstunde ward vor dem Pranger zu Brandenstein eine Gruppe Männer und Frauen gesichtet, die ein noch unbekanntes Kraut, getrocknet und zu Stengeln gerollt, rauchten.
Das Kraut wurde kurz vom Rekruten Aeusseu und meiner Person einer Geschmacksprobe durch kauen von etwa einem halben Skrupel der getrockneten Substanz unterzogen. Der Geschmack war bitter und beißend, der Saft selbst warm und der Brei faserig. Der Rekrut konnte die Substanz den Solanaceae (Nachtschattengewächsen) zuordnen. Dies ist Anhand von Beschaffenheit und Geschmack, sowie der Beobachtungen anhand der bei einem der 9 Männer und Frauen hervorgerufenen Rauschzustände möglich, konnte aber auf die Schnelle nicht endgültig geklärt werden. Wenn, dann ist die Aufbereitungsart mir unbekannt, da die gängige Genußform von Solanaceae das Trinken von Extrakten, das Zerkauen von Pflanzenteilen oder das Auftragen einer Salbe ist.
Der Rausch selbst ähnelte starker Trunkenheit, zunehmend war bei einem Freien, ferner Kalron genannt (der Mann war nicht in der Lage, sich an seinen genauen Namen zu erinnern), seines Zeichens Barde, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen und klar zu sprechen. Sein Benehmen ähnelte zunehmend dem eines kleinen Kindes statt dem eines Mannes. Ein zunehmender Zustand der Lethargie einerseits und des Glücksgefühls auf der anderen Seite stellten sich ein. Der Freie blieb während dieses Rausches bei Bewußtsein und im Gegensatz zu durch Alkohol hervorgerufenen Rauschzuständen wirkte er zutiefst friedfertig, bis man ihm sein Rauchkraut abnehmen wollte, worauf er mit Trotz, Drohgebärden und letztendlich Flucht reagierte.
Kurz darauf konnte er gestellt werden und wurde auf meine Anweisung hin für eine Nacht zum Ausnüchtern in den Pranger gebracht. Von einer weiteren Verfolgung wurde im Einvernehmen des Herrn Thorm Sarek und meiner Person abgesehen, da dies eindeutig Aufgabe der Stadtwache ist und diese sich, sobald der Freie wieder bei Sinnen wäre, dem Fall annehmen möge. Ein vollständiger Bericht des Vorfalls sowie eine kleine Menge des Krautes wurden dieser durch den Rekruten Aeusseu übermittelt.
Ferner rate ich in meiner Eigenschaft als Feldscherin zu folgendem Vorgehen an:
Zur Untersuchung des Krautes sollte die Communis Medicii hinzu gezogen werden, eine Kopie dieses Berichtes ihnen überlassen. Ferner möge sie sich mit den Auswirkungen des Genusses und des anschließenden Ausbleibens des Krautes annehmen, sowie, falls weitere Fälle auftreten, ein Gegenmittel finden, das den Rauschzustand schnell behebt und die offensichtlich starke Suchtwirkung des Rauschkrautes unterdrückt. Zu diesem Zweck sei der Freie Kalron in die Obhut der Communis Medicii zu überführen.
Aufgrund der sehr hohen Feindseligkeit verbunden mit dem tranceartigen Zustand, der die Empfindungen für Recht und Unrecht unterdrückt, sei hiermit zur Eile gemahnt. Die Folgen einer starken Verbreitung dieses Krautes unter den Freien seien sonst nicht ab zu sehen.
Darüber hinaus sei der Feilbieter des Rauschkrautes so schnell wie möglich zu fassen. Da dieser seine Ware unentgeltlich anbietet muß davon ausgegangen werden, daß dies ein bewußter Versuch ist, treue Untertanen von diesem Kraut abhängig zu machen, wahrscheinlich um sie zu ähnlich gewalttätigen Handlungen, wie sie der Freie Kalron an den Tag legte, zu verleiten.
gez.
Selina Leskadon, Gefreite des Lehensbanners
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