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Zusammen gekauert lag Elodia auf dem Boden des oberen Geschosses der Taverne, eingewickelt in den Umhang, den Kopf auf den Rucksack gebettet und die Reihen der Schlafenden musternd. Sie hörte Schritte, kaum mehr als ein Schlurfen von unten, dann wurde die Tür geöffnet und fiel wieder zu. Langsam schloß sie die Augen, nur um sie noch langsamer wieder zu öffnen. Unten war nur noch eine Frau. Sie wußte wo sie hin wollte.
Vielleicht war es ganz gut. An den zwei Tagen hier hatte sie viel gelernt, das sie vergessen hatte, aber es hatte seinen Preis, aber nicht sie zahlte diesen. Sie fühlte sich wie eine Vampirin der Mythen, an die sie nicht glaubte. Es waren Geschichten, teilweise handelten sie von Dämonen, meist aber nur von Männern und Frauen wie sie eine war. Sie trank kein Blut, es war etwas anderes, sie saugte nicht die Körper ihrer Opfer aus, sondern den Geist und die Gefühle, labte sich daran und erstarkte, während ihre Opfer schwächelten. Sie sollte sich daran machen, ihn wieder zu füllen, sonst würde nur eine leere Hülle zurück bleiben.
Sie dachte an das Gespräch mit Gallagher. Ja, sie war noch immer so bösartig wie eh und je. Schmunzelnd dachte sie an den alten Mann von vor drei Tagen. Ihr gefiel die Erinnerung an diesen Mann, in seinem Alter jenseits von gut und böse. Schöpfung ohne Reue, Zerstörung ohne Sinn. Vielleicht sollte sie ihm einen Einblick in ihre Welt gestatten. Irgendwie mochte sie es, wenn jemand, der diese Welt nicht kannte, über eben diese urteilte.
Sie dachte wieder an Carla. Wie sie, Elodia, einer ihrer Fragen ausgewichen war ohne ihr aus zu weichen und wie Carla meinte, daß sie froh sei, daß sie, Elodia, eine von den guten wäre. Arme kleine Gauklerin, gefangen an lieblosem Ort und nun noch gestraft mit einer Vampirin. Sie sollte sie einen Tag in Ruhe lassen, sie würde die Ruhe, die Sorglosigkeit dieses Tages brauchen um durch zu atmen. Sie dachte an den Ort, an dem Carla jetzt war und schauderte. Sie selbst war früher auch oft dort gewesen und noch immer schmerzten die Gedanken daran, wie es sie ausgelaugt hatte.
Unwillkürlich bewegten sich ihre Lippen, Trauer, aber auch Zorn überkamen sie. Lieder waren schon immer ihre Art gewesen, Gefühle zu verarbeiten, die zu stark für sie waren. Leise, ganz leise, um die Schlafenden nicht zu stören, begann sie zu singen, traurig ihre Stimme, ihre Art, Bitterkeit zu verarbeiten.
Die Verzweifelung, um die sie innigst sich bemühten, Das Netz, das seit Ewigkeiten gewoben... Der Hohn ward ihrer und ihre Opfer gebrochene Blüten, Das Wesen zerstört, was gut war ward verdorben.
Verführer, wenn die Hoffnung jäh erstarb. Verführer, wenn es nichts mehr zu verlieren gab. Verführer, die Heerschar der Geblendeten hinter sich. Verführer, wandelnd auf dem Weg voran ins Licht. Verführer, Verführer!
Nein, sie sind Dir nicht wohl gesonnen noch gut gewillt, Ihr Wille ist ein Schwert, das knechtet und richtet. Oh Fluch, daß kein Opfer ihren Hunger stillt, Daß was immer sie berühren, ist vernichtet.
Verführer, wenn die Hoffnung jäh erstarb. Verführer, wenn es nichts mehr zu verlieren gab. Verführer, die Heerschar der Geblendeten hinter sich. Verführer, wandelnd auf dem Weg voran ins Licht. Verführer, Verführer!
Nach neuen Opfern gierend greift die Hand, Zu neuer Werbung schminkt die Hure sich, Schleichend als Wolf im Schafsgewand, Schaudere, fürchte sie, doch erhöre sie nicht.
Verführer, wenn die Hoffnung jäh erstarb. Verführer, wenn es nichts mehr zu verlieren gab. Verführer, die Heerschar der Geblendeten hinter sich. Verführer, wandelnd auf dem Weg voran ins Licht. Verführer, Verführer!
Tief atmete Elodia durch. Das war notwendig gewesen. Sie fühlte die Ruhe zurück kehren, erst in der Taverne, dann in ihr. Ruhe. Sie brauchte Schlaf. Langsam schloß sie die Augen.
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