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 Betreff des Beitrags: Weltenwandler
BeitragVerfasst: 5.03.05, 15:18 
Einsiedler
Einsiedler

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Wenn man das quirlige Brandenstein mit seinen schachernden Händlern, seinen lachenden Kindern, seinen lockenden Hafenhuren, seinen gestrengen Geweihten und seinen stets wachsamen Soldaten hinter sich lässt und den Weg nach Osten durch den Schlachtenpass wählt, gelangt man nach einiger Zeit zur Feste Seeberg. Auch hier wird einen emsige Geschäftigkeit erwarten. Anders zwar als in Brandenstein, aber kaum weniger umtriebig. Hier werden auf den Ambossen gestrenger Zuchtmeister jene Krieger geschmiedet, deren Schwertarme dereinst Garant dafür sein werden, dass brave Bürger und Freie des Nachts ruhig schlafen können. Eine viel genutzte Reiseroute führt durch die Feste Seeberg hindurch und hin und wieder machen Wanderer dort Halt, um dem Treiben zuzusehen. Die meisten verweilen dann am Rande des Exerzierplatzes, ehe sie - mit Handelswaren oder grossen Plänen beladen - weiter nach Osten und dann nach Süden gen Falkensee ziehen. Falkensee wird diese Wanderer mit allen Verheissungen einer erwachenden Stadt begrüssen. Von überall her hört man Hämmern, Klappern, Rufen und Schimpfen von den Baustellen, den Werkstätten und all den anderen fertigen und unfertigen Gebäuden. Natürlich besitzt Falkensee noch nicht die kunterbunte Quirligkeit eines Brandensteins. Aber bereits jetzt kann man erahnen, wie hier bald stolze Ritter einher reiten werden, wie Händler und Kundschaft feilschen, lachen und streiten werden, wie kleine Halunken, pompöse Adlige, selbstgefällige Magier und vieles andere mehr diese Stadt bevölkern werden.
Wenn man nun Falkensee in Richtung Osten verlässt, dann wird man nach einem kurzen Fussmarsch zum Grenzwall gelangen. Ein trutziges Bollwerk, das in stets argwöhnischem Lauern aufmerksam gen Osten starrt. Die Gesichter, die man dort sehen wird, werden ernster und stiller sein als in Falkensee oder Brandenstein. Denn ihnen obliegt es, der kleinen Welt im Westen Sicherheit zu gewähren.

Wenn man sich jetzt umdreht, um nach Westen in Richtung Falkensee, Seeberg und Brandenstein zu sehen, wird man auf eine geschäftige, zufriedene Welt blicken. Auf Wesen mit kleinen Sorgen und grossen Plänen, mit alltäglichen Streitereien und gelegentlichen Freuden. Auf eine Welt, die sich selbst genug ist. Wie Kinder, die sich sorglos ihrem Spiel hingeben und dabei lachen und tanzen und klatschen. Voll trügerischer Selbstgefälligkeit. Voll ahnungsloser Ignoranz. Zufrieden im Glauben, dass ein trutziger Grenzwall und einige stille Kämpen mit ernsten Gesichtern ihre sorglose, kleine Welt bewahren werden.

Wie närrisch.


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BeitragVerfasst: 5.03.05, 15:19 
Einsiedler
Einsiedler

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Vielleicht ist der Grenzwall jener Ort auf Siebenwind, an dem die Tragik dieser Insel am deutlichsten wird. Wenn man sich seinen Weg hinauf zum Wehrgang sucht, wenn man die Augen schliesst und still verharrt, dann wird einem in einem jener seltenen, kostbaren Momente der Erkenntnis vielleicht die Einsicht gewährt, dass man nun ein Wandler zwischen den Welten ist. Ein Reisender auf dem schmalen Grat zwischen fröhlicher Maskerade und stiller Wahrheit. Wenn man sich in diesem Moment der Einsicht nun nach Westen wendet, wird man eine Welt erkennen, die sich in die Bequemlichkeit kunterbunter Unbekümmertheit geflüchtet hat. Die sich von Lügen und Trugbildern, von falschen Götzen und lockenden Verheissungen hat verführen lassen. Sie lachen und huren und leben und sterben auf einer Bühne wie alberne Possenreisser, die vergessen haben, dass sie doch nur willenlose Marionetten vier gnadenloser Götzen sind. Ihr schrilles, grelles Maskenspiel scheint ihnen das wahre Leben zu sein. Und darin versuchen sie verzweifelt zu vergessen, was aus ihnen geworden ist. Doch alles schrille, grelle Kreischen muss irgendwann enden. Und dann wird nichts weiter bleiben als Stille und Wahrheit. Davor fürchten sie sich. Darum haben sie den Grenzwall errichtet. Denn im Osten ruht der ärgste Feind, die grösste Angst: Stille und Wahrheit.

Dort herrscht Angamon.


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BeitragVerfasst: 5.03.05, 15:21 
Einsiedler
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Einst stand auch die junge Frau oben auf diesem Wehrgang und blickte erst nach Westen, dann nach Osten. Auch sie verharrte dort mit geschlossenen Augen und auch ihr wurde in diesem kostbaren Moment unerwarteter Erkenntnis die Einsicht gewährt, dass dies der Scheidepunkt ihres Lebens war. Der Scheidepunkt einer ganzen Insel. Der Scheidepunkt zwischen zwei Welten.

Damals sah sie erst lange nach Westen. Auf die possenhafte Maskerade voller selbstgefälliger Eitelkeiten und trügerischer Selbsttäuschung. Auf eine Welt, die sich lichtem, grellen Maskenspiel hingab wie eine Hure dem Freier. Leben, lachen, arbeiten, lieben, sterben. Fassaden die einzig dazu da waren, die quälende Wahrheit einer ungerechten Sklaverei zu vertuschen: der Knechtschaft unter dem gnadenlosen Regiment von vier Götzen.

Dann sah sie ebenso lange nach Osten. Auf ein zerfetztes Land. Abstossend und unwirtlich. Dunkel. Furcht einflössend. Und in diesem Moment verstand sie endlich die stille Allegorie dieses Grenzwalls. In diesem Moment enthüllte sie das Geheimnis des Grenzwalls, schloss die Augen und begann endlich zu sehen.

Lange, viel zu lange hatte sie auf die verlorenen Lande im Osten mit den Augen einer der Marionetten im Westen geblickt. Sie hatte stets nur Verfall und Ödnis gesehen. Und sie hatte all dies für die Wahrheit gehalten. Welche Ironie. Welch tiefgründige Symbolik. Denn auf seine Art war das verlorene Land im Osten ein Zerrspiegel des hurenhaften Treibens im Westen. Es gaukelte in seiner feindlichen Erscheinung vor, dass dort nichts ausser Zerfall und Ödnis zu finden wären. Dabei waren Zerfall und Ödnis doch nichts weiter als ein Schutzwall, der die geblendeten Marionetten von jenen schied, die hinter Fassaden zu blicken verstanden. Diese Fassade aus Zerfall und Ödnis war der eigentliche Grenzwall. Denn nur wer es schaffte, hinter das Trugbild aus Zerfall und Ödnis zu blicken, würde erkennen, welche Kostbarkeiten sich dahinter wirklich offenbarten: Stille und Wahrheit. Wer dies erkannte, dem wurde die Gunst zuteil, durch die Fassade, durch den Spiegel hindurch zu treten um in das wahre Herz Siebenwinds vorzudringen.

Angamons Reich.


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BeitragVerfasst: 5.03.05, 15:22 
Einsiedler
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Die junge Frau hat diesen Schritt schon vor langer Zeit getan. Heute sieht sie bei ihren Wanderungen durch die verlorenen Lande nicht mehr Zerfall und Ödnis. Sie beachtet all dies nicht mehr, denn es ist nichts weiter als ein maskenhaftes Trugbild. Sie hat gelernt, hinter die Kulissen zu blicken. Und sie hat gelernt, das Bildnis eines zerrissenen Landes als stete Mahnung zu verstehen, sich niemals durch das offensichtliche täuschen zu lassen. Diese Erkenntnis war es, die ihr vor wenigen Tagen das Leben gerettet hat. Nur durch diese Erkenntnis hatte sie ihre Prüfungen bestehen können. Sonst wäre sie jetzt tot.

Diese junge Frau ist nun auf dem Weg zu jenem Ort, der - so wie das verlorene Land selbst - ein stilles Mahnmal jener Erkenntnis ist, sich niemals durch Fassaden blenden zu lassen. Sie wird dort hin gehen um zu beten. Um zu danken. Und sie wird dort hingehen um Khetai zu werden. Aber das weiss sie noch nicht. Und vielleicht ist es so auch das Beste.


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BeitragVerfasst: 5.03.05, 19:52 
Einsiedler
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In der Welt der Fassaden und der Maskeraden würde man die Stätte, deren Umrisse sich schemenhaft aus dem Dunkel schälen, vermutlich als Kloster bezeichnen. Aber die Frau, die ihre Schritte nun in bedächtiger Sorgfalt wählt, weiss, dass sie sehr viel mehr ist als das. Natürlich ist es eine Stätte des Gebets und der Andacht. Aber das Reich Angamons ist keine Welt eindimensionaler Offensichtlichkeiten. So ist auch diese Stätte weitaus mehr als nur ein Kloster. Angamon prüft seine Diener. Er mahnt sie. Augenblick um Augenblick. Wer vor seinem gerechten Urteil besteht, dem gewährt er seine Gunst. Und seine Macht. Wer versagt, der stirbt. Die Frau weiss das. Und darum weiss sie auch um die tiefe Metaphorik dieser Stätte. Und um ihre weitaus realeren Gefahren.

So wählt sie ihren Weg durch das Labyrinth hinauf zum Kloster mit Bedacht. Hindurch zwischen lockenden Irrlichtern und mahnendem Flirren. Jeden Schritt mit grösster Sorgfalt wählend. Ein einziger Fehltritt könnte den Tod bedeuten. Wer den trügerischen Verlockungen der Lichter verfällt und den rechten Pfad verlässt, der stirbt. Und die Frau weiss sehr gut, warum. Tare wird nicht mit einem Haufen wankelmütiger Zauderer errettet werden können. Nur die würdigen überleben. Nur die treuesten erwählt. Zu viel steht auf dem Spiel.

Wer den Verlockungen jedoch widersteht und die Prüfung des Labyrinths meistert, dem wird die Gunst zuteil, das innere Sanctum betreten zu dürfen. Auch hier mahnen und richten trügerische Manifestationen schierer Macht all jene, die schwachen Geistes sind. Doch jene, die sich des Gottkönigs Macht als würdig erweisen, denen wird der Zugang zur grossen Halle gewährt. Und die Bürde ihrer Prüfungen. Denn hier verschwimmen die Grenzen zwischen den Dimensionen und all jene, die dieser Prüfung nicht gewachsen sind, werden dem Wahnsinn anheim fallen. Doch all jenen, die dem wahren Weg folgen, ist diese chaotische Groteske zwischen den Dimensionen eine Prüfung, die sie in stummer Dankbarkeit entgegen nehmen. Um daran zu wachsen. Um daran zu lernen.

Die Frau hat gelernt, die Prüfung der grossen Halle zu meistern. Und so verharrt sie nur kurz unter den Arkaden, ehe sie in schlichter Selbstverständlichkeit ins Zentrum des wirbelnden Wahnsinns tritt. Geschützt nur durch die innere Ruhe ihres Glaubens.
Sie gibt ein bizarres Bild ab, wie sie da inmitten des taumelnden Wahnsinns in stiller Andacht nieder kniet, um mit ihren Exerzitien zu beginnen. Sie weiss nicht, dass in diesem Augenblick bereits strenge Augen gnadenloser Härte auf sie gerichtet sind. Gehüllt in eine anmutige Schwärze aus selbstverständlicher Macht. Sie weiss nicht, dass dort in den Schatten bereits die Tardukai wartet.


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BeitragVerfasst: 6.03.05, 16:36 
Einsiedler
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Selbst die ewige Kakophonie des Wahnsinns scheint einige Moment zu verblassen, als unter den Arkaden die Schatten zu verschwimmen beginnen und eine Gestalt aus ihnen geboren wird. Sie ist in Schwarz gehüllt, denn Farben wären nur unnötiger Tand. Würden ablenken vom Wesentlichen. Ihre Bewegungen sind geprägt von der zurückhaltenden Schlichtheit, die nur aus wahrer Macht erwachsen kann. Keine Aufmerksamkeit heischende Gesten. Kein pompöser Zierat. Nichts dergleichen. Als ob alle Körperlichkeit nur nutzloser Ballast ist. Und so ist es auch. Denn die Seele der Macht der Tardukai ist nicht körperlich.

Die Tardukai tritt vor die am Boden Knieende und ihr Blick umklammert sie stumm. Die Knieende verharrt. Zuvor aufgrund ihres Gebets, nun aus Demut. Und aus Respekt. Eine kühle Stille beginnt sich aus dem steinernen Boden zu erheben und sich um die beiden Gestalten zu ranken. Der taumelnde Wahnsinn um sie herum lässt die Zeit einen Wimpernschlag lang ersterben und das Bild erstarrt. Wie das Gemälde eines alten Meisters. Dann ist es wieder vorbei. Und es beginnt.

Leise, strenge Worte. Sparsame Gesten, ausgeführt in wohl bemessener Sorgfalt. Ein mattes Schimmern auf einer nachtschwarzen Klinge. Samtrotes Blut. Bitterkeit und Kälte die durch ahnungslos warme Adern zu rinnen beginnt. Schmerz, der einen erkennen lässt, dass man lebt. Das Erwachen der Bürde, in der man seine Pflicht zu erkennen beginnt. Die Pflicht eine ganze Welt zu retten. Dann erhabene Stille.

Der Bund zwischen Tardukai und Khetai ist geschmiedet.

Es hat begonnen.


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BeitragVerfasst: 6.03.05, 16:37 
Einsiedler
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Zyklen später liegt das verlorene Land wieder in seiner gewohnten Ödnis da. Nichts kündet davon, was in dieser Nacht dort geschehen ist. Fast scheint es so, als ob die Welt den Bund übersehen hätte, der in dieser Nacht geschmiedet worden ist.

Wie närrisch.


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BeitragVerfasst: 6.03.05, 16:39 
Einsiedler
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Registriert: 5.03.05, 12:52
Beiträge: 12
Weit im Westen, in der sorglosen, kleinen bunten Welt der Marionetten, schlendern zwei schlicht gekleidete Frauen durch die Gassen. Manchmal bleiben sie stehen, begutachten feil gebotene Ware oder grüssen ein bekanntes Gesicht. Harmlose Freie, von denen keiner Notiz nimmt. Manche kennen ihre Namen. Aber keiner weiss, wer sie wirklich sind.

Sie sind Tardukai und Khetai. Sie sind Meisterin und Schülerin.

Raziels Getreue. Angamons Diener.

Und Sie sind unter euch.


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