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 Betreff des Beitrags: Geschichten aus des Schneiders Zwirn
BeitragVerfasst: 17.05.05, 11:31 
Einsiedler
Einsiedler

Registriert: 24.11.04, 13:27
Beiträge: 32
Er marschierte an seinem Stand auf und ab und drehte hektisch eine Nadel zwischen seinen Fingern hin und her. Schweißperlen glitzerten auf seiner Stirn, und sein Atem raste. Vor ihm an drei Holztischen waren die verschiedensten Gewänder kunstvoll drapiert, die unverkennbar von feiner Qualität und außergewöhnlicher Schneiderskunst zeugten. Bisweilen blickte er von der Nadel in seinen Händen auf und ließ einen kritischen Blick über die Kleider schweifen. Sie waren zweifelsohne von begnadeten Händen kreiert und von einem genialen Geiste inspiriert worden, und er war nicht zu Unrecht stolz auf seine eigenen Kunstwerke.

Doch warum gingen die Leute dann dennoch immer wieder an seinem Stand vorbei und zum Nachbarstisch hinüber, wo ein merkwürdiger Geselle, wohl kaum ein meisterhafter Schneider, Gewänder zu Preisen anbot, die weit unter seinem waren? Wie konnte jemand noch Profit herausschlagen, wenn in Zeiten wie diesen Lederteile und Felle und ganz besonders Goldfäden zur Verzierung derart kostspielig waren? Um ein wenig mehr als nur kostendeckend arbeiten zu können, mußte er einfach derart viel Dukaten verlangen – schließlich kamen die Jäger auch mit unverschämten Rohstoffpreisen zu ihm und stahlen ihm noch sein letztes Geld.

Als schließlich der Nachbarstand leergekauft war, mußte er auch sich selbst eingestehen, daß die Schlacht für dieses Mal geschlagen war. Er war der große Verlierer, der gerade einmal einen Federhut und eine einfache Hose verkaufen hatte können – bei allen Göttern, die der Schneiderskunst zugetan waren, nicht einmal Färben verlangten die Leute von ihm. Das machte der freundliche Billigpreis-Schneider mit der Zahnlücke vom Nachbarstand sogar umsonst!

Mit einem Seufzer der Verzweiflung packte er seine Gewänder zusammen und schlürfte bedrückt vom Markt. Aus den Augenwinkeln beobachtete er seinen Konkurrenten, der mit etlichen klingenden Säckchen voller Dukaten und einem breiten Strahlegrinsen Richtung Bank marschierte. Später des Zyklus´, als er aus der Taverne schwankte, wo er sich mit etlichen Klaren über sein Versagen hinwegtrösten hatte wollen, stieß er wieder mit dem Zahnlücken-Schneider zusammen, der – des Grinsens nicht müde – offenbar gerade im Begriff war, sich zur Ruhe zu begeben.

Plötzlich, vielleicht war auch die Menge an Klaren daran nicht unschuldig, überkam ihm ein genialer Einfall. Er schlich seinem Konkurrenten leise hinterher und verfolgte ihm bis zu seinem Häuschen Nähe des Hafens. Er mußte einfach das Geheimnis seines niedrigen Preises herausfinden. Leider war ihm das Glück nicht hold, denn sobald Zahnlücke das Haus betreten hatte, erlosch das Licht der Laterne, und es war dunkel. Obwohl er noch so lange am Fenster hing und mit gierigem Blick das Rätsel zu lösen versuchte, sein Konkurrent hatte offiziell eine Ruhepause deklariert.

Auch die folgenden drei Dunkelzyklen versteckte er sich in den Büschen hinter dem Haus und spionierte Zahnlücke aus, jedoch ertappte ihn nie bei etwas Kompromittierenden. Der Amateur-Schneider saß fleißig an seinen Gewändern und machte weder etwas Verbotenes, noch etwas Geheimnisvolles. Im dritten Dunkelzyklus wurde er von einem Uniformträger ertappt, der recht unwirsch wissen wollte, warum er vor einem fremden Haus herumlungerte. Seine Ausrede, er wollte über seinen Zwillingsbruder wachen, der sich von bösen Geistern verfolgt fühlte, war wohl nicht gut genug, denn er landete umgehend für einen Zyklus im Pranger. Welche Schande für einen begnadeten Schneider wie ihn!

Im folgenden Dunkelzyklus war es jedoch soweit. Zu einer Zeit, zu der er sich üblicherweise zur Ruhe begab, verließ Zahnlücke überraschenderweise mit einer Laterne sein Haus und blickte sich suchend nach rechts und links um, ehe er schnelles Schrittes davoneilte. Er duckte sich in den Büschen, bis einige Distanz zwischen ihm und seinem Konkurrenten lag und lief ihm dann leise im Schutze der Dunkelheit nach.

Der Weg führte sie aus der Stadt hinaus, und nach einigen Schritten schlug Zahnlücke plötzlich den Weg Richtung Wald ein. Er weitete entsetzt die Augen, hörte man doch immer wieder von wilden Tieren und Räubern, die im Schutze des Dunkelzyklus ihren Opfern auflauerten. Zahnlücke war wohl mutig oder vielmehr geistig verwirrt, mutmaßte er. Doch in den folgenden Augenblicken sah er tatsächlich Unglaubliches! Als auf einmal zu seiner Überraschung ein knurrender Wolf auftauchte, schlug ihn Zahnlücke mit einem Zweihänderschwert mit einem Hieb tot und brachte es tatsächlich fertig, ihn mit selbigem Schwert zu häuten! Er traute seinen Augen kaum. Ein Schneider, der ein solch gefährliches Tier nicht nur zu töten, sondern auch perfekt zu häuten vermochte, war erstaunlich.

Er hatte Zahnlückes Geheimnis gelüftet und verstanden, wieso er mit solchen Preisen am Markt aufwarten konnte. Ein Schneider, der sich seine Rohstoffe selbst verschaffte, würde der Konkurrenz immer einen Schritt voraus sein. Vermutlich vermochte er es sogar, das Gold für die Goldfäden selbst zu schürfen! Leise schlich er sich zurück in die Stadt und begann über seine weitere Vorgehensweise zu sinnieren. Ein solches Talent war gefährlich für die gesamte Schneiderszunft und würde sie alle in den Ruin treiben, folglich mußte er etwas unternehmen.

Im folgenden Dunkelzyklus hielt er sich wieder in den Büschen vor Zahnlückes Haus versteckt und wartete ab, bis sein Konkurrent in seine Arbeit vertieft war. Dann öffnete er leise die Türe, die Zahnlücke immer erst abschloß, bevor er zu Bett ging, und näherte sich ihm mit lautlosen Schritten. Er hatte dafür extra seine weichen Schuhe aus Kuhleder angezogen.

In seinen Händen hielt er ein langes Stück festen Schneiderzwirns, den er im Gehen sorgfältig um die Zeige- und Mittelfinger beider Hände schlang. Geräuschlos war er direkt hinter Zahnlücke herangetreten und grinste zufrieden auf ihn und seinen nichtsahnenden Hals herab. Nun würde er dieses Konkurrenzproblem ein für allemal lösen.


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