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 Betreff des Beitrags: Geschichten zur Roten Laterne - Eine sozialkritische Studie
BeitragVerfasst: 15.05.05, 17:56 
Einsiedler
Einsiedler

Registriert: 24.11.04, 13:27
Beiträge: 32
Das Leben war härter geworden, besonders nach dem Krieg. Seufzend stieß sie sich von dem Baum ab und tapste in ihren Sandalen über den Marktplatz – der Versuch, dabei möglichst kokett zu wirken, kam schon lange ganz von selbst.

Sie strich ihren langen Rock mit tiefem Beinausschnitt glatt, der in einem verruchten Rot erstrahlte, und überprüfte den Sitz ihres Oberteils, an das neckisch Bänder gebunden waren, die an ihren langen, geschmeidigen Armen hinabglitten. Ihr langes Haar wallte über ihre schmalen Schultern herab und war im Nacken mit einem schwarzen Band lose zusammengebunden.

Sie war sich sicher, daß sie Blicke auf sich zog, besonders ihre langen schlanken Beine, die man ob des einfallsreich geschneiderten Rockes so gut sehen konnte. Aber leider waren die Zeiten hart und die Männer nicht mehr ganz so willig wie früher.

Früher… ja, früher einmal wäre es keine Schwierigkeit gewesen, vor der Taverne einen rauen Kerl zu erwischen, der gesättigt von einem festlichen Mahl und gefüllt mit Bier aus der Tür wankte und sich nach der nächstbesten Stütze umsah. Meistens gelang es ihr, diese Stütze zu sein, und nachdem sie ihn davon überzeugt hatte, daß er noch etwas Gesellschaft benötigte, hatte sie sich wieder eine neue Einkunftsquelle gesichert.

Aber in der heutigen Zeit schwang ein leiser Pessimismus über das Land. Niemand ging mehr leichtfertig mit seinen Dukaten um, und ehe man ihre Gesellschaft in Anspruch nahm, investierte man sein Geld lieber in eine weitere Garnitur an Winterkleidung. Auch Fellkleidung war teuer geworden, und die meisten verlangten lieber nach warmen Gewändern als nach ihrer Dienstleistung.

Und die Konkurrenz! Bei allen Göttern, diese Konkurrenz! Wie oft war sie schon verzweifelt über diese jungen Mädchen, die so überraschend aus allen Ecken und Enden der Stadt gekrochen kamen und aufreizend über den Marktplatz stolzierten in ihren kurzen Röcken und knappen Oberteilen, sodaß sie sich zurecht fragte, ob die Schneider denn überhaupt noch etwas an dem bißchen Stoff, das sie da zusammennähten, verdienen konnten. Besonders beeindruckt war sie aber von jenen, die selbst zum heißesten Astrael nicht der Sinnlichkeit der langen schwarzen Glattlederstiefel entsagten und so laute Pfiffe vieler Bewunderer ernteten. Wie banal dagegen waren ihre Sandalen! Sie seufzte.

Mit kleinen, bemüht damenhaften Schritten trat sie an einen Stand am Marktplatz heran und stützte ihre Hände mit gespreizten Fingern am Holztisch ab. Sie beugte sich nach vorne, sodaß der Verkäufer eine kleine Vorschau von dem erblicken konnte, was ihn erwartete, und spitzte die dunkelroten Lippen. „Ich wäre heute abend frei“, flötete sie mit hoher Stimme und schenkte ihrem Gegenüber einen heißen Blick.

Der Verkäufer starrte sie an und schüttelte dann mit einem bedauernden Lächeln den Kopf. Plötzlich hörte sie eine andere Stimme neben sich. Ohne zur Seite zu blicken, schloß sie die Augen und seufzte verdrießlich. „Kommähnz hähr, wollähnz thu…“
„Nein!“ Sie wandte sich zum Ork und schenkte ihm einen erbosten Blick. „Nein zum zweihundertdreiundzwanzigstem Male! Ich werde mich keinesfalls mit dir abgeben! Nein, nein, nein!“
Es war doch immer das gleiche. Was dachten sich die Orke eigentlich dabei, jeder halbwegs jungen Menschenfrau ein unmoralisches Angebot zu machen? Gab es zu wenig Weibchen in ihrer Rasse, oder waren sie einfach so gesteuert von ihren Trieben, daß selbst bei offensichtlicher Aussichtslosigkeit noch ihr Glück versuchen mußten? Sie würde es wohl nie verstehen…

„He Orkenmann, ich wäre noch zu haben!“ Ihre Gedanken wurden von einer ein wenig merkwürdig klingenden weiblichen Stimme unterbrochen. Hinter ihr und dem Orken war eine junge Frau aufgetaucht, überraschend groß, von solch schlanker Figur, daß sie sogleich der Neid überkam. Die weiblichen Attribute der Unbekannten waren ebenfalls immens, und sie konnte kaum die Augen von einer derart hervorstechenden Weiblichkeit nehmen.
Das Gesicht der Fremden war eine weitere Attraktion: die Wimpern und die Augenbrauen stark schwarz betont, die Lippen von einem derartigen Rot, daß ihr eigener Rock richtiggehend blaß dagegen wirkte, und die Augen in schillernden Farben hervorleuchtend. Sie fragte sich insgeheim, mit welchem Pulver man eine solch prächtige Farbenintensität zustande bringen konnte.

Ihre scheinbar endlos langen Beine steckten in schwarzen Lederstiefeln, an deren Seiten große Riemen angebracht waren, die diese zusammenschnürten. Ihr Rock war so kurz, daß sie sich wohl nur bücken hätte müssen, um dem Betrachter pikante Details zu eröffnen, und ihr Oberteil konnte nur mühevoll ihre Weiblichkeit im Zaum halten.

Die Unbekannte stellte sich vor den Ork, dessen Mund vor Überraschung weit offen stand und einen unangenehmen Geruch preisgab, und ihre Finger tasteten sich über sein Gesicht Richtung Süden.
So was hatte sie noch nicht gesehen! Eine Menschenfrau, die sich derart einem Ork aufdrängte… bei allen Göttern, so etwas war für sie selbst einfach nicht nachvollziehbar. Selbst in ihrem Beruf besaß man noch Ehre und Anstand!

Seufzend schüttelte sie den Kopf und musterte die Unbekannte, die sich nun regelrecht an den Körper des Orks preßte und ihm offensichtlich etwas ins Ohr flüsterte. Ihr Blick glitt hinab zum kurzen Rock der Unbekannten, die nun ein Bein hochschob und an die Taille des Orks drückte. Angewidert wollte sie schon wegsehen, als ihr plötzlich etwas ins Auge stach.
Konnte das denn wahrhaft sein?

Sie schloß für einen Atemzug die Augen und sah noch einmal genauer hin. Zeigte sich da tatsächlich eine Ausbeulung an der Vorderseite des kurzen Rockes – eine Ausbeulung, die man üblicherweise bei Männern erkennen konnte, die zu enge Hosen trugen?

Erschrocken hob sie den Blick an, der sich mit jenem der Unbekannten traf. Über deren Gesicht glitt unerwartet ein leichtes Lächeln, das ihr zu verstehen gab, daß sie recht zu haben schien. Dann zwinkerte die Fremde ihr zu, packte die Pranke des Orks und zog ihn mit sich davon.


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