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 Betreff des Beitrags: Geisterkind I
BeitragVerfasst: 18.10.04, 17:12 
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Das Kind der Geister schlich über den Markt, sah sich um. Die Dunkelheit war vorüber, doch er spürte immernoch die Schwere, die seitdem auf seiner Seele lag. Er spürte das holprige Pflaster unter seinen Füßen und die Kälte des herannahenden Morsans. Die letzten Reste der Säure, die es geregnet hatte, verkrusteten sich an seinen Stiefeln.


Was machte er eigentlich auf dieser Insel? Sie war das Schlachtfeld von Göttern, die er nicht ehrte, nicht mochte, garnicht mal wirklich kannte.


Der Wind kroch ihm in den Nacken und ließ ihn zittern. Ihm war kalt und er blickte in das fahle, neblige Licht Felas, wie es durch die Wolkendecken schimmerte.


Die Insel barg Mächte, die er nicht kannte, nicht verstand, die ihm unheimlich waren. Die Geister schienen ihm hier schwach. Oder bildete er sich das ein?


Guter Geist. Böser Geist.


Stillstand.


Zuletzt geändert von Phobie: 19.10.04, 05:04, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Geisterkind II
BeitragVerfasst: 19.10.04, 04:46 
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Schwärze in der Nacht. Er kauerte im Wald, ein in den Baum gekratztes Bild vor ihm. Auf den Knien starrte er die Grimasse vor ihm an, die nur sehr abstrakt als ein Gesicht mit weit aufgerissenem Mund und aus Augen und Nasen schlagenden Flammen zu erkennen war.


Er konnte den Geist spüren, fast augenblicklich wurde ihm heiß. Er spürte seine Macht, nicht viel, doch beträchtlich. Zitternd vor Kälte und gleichzeitig kochend wie die Flammen Ignis' spürte er die Macht der feurigen Seele, die für wenige Herzschläge in ihm zuckte.


Die Welt schien ihm für einen Moment still zu stehen, nurnoch aus weiter Ferne hörte er die Vögel schreien, die Grimasse vor ihm schien ihr Maul aufzureißen und die Flammen, die er mit dem Messer in seine Augen gezeichnet hatte, schienen zu lodern.


Hitze erfüllte sein Herz und er sah alles durch feurig lodernde Schleier. Er versuchte den Geist zu halten, doch er konnte schon spüren, wie er sich seinem Griff entwand, wie das Wesen zurück nach den Geistwelten strebte.


Er hörte dumpf den Schlag seines Herzens in den Ohren pochen. Die Grimasse vor ihm schien sich in den Baum zu saugen und die Konturen der Ritzerei wurden unklar. Er taumelte, fiel zur Seite ins Gras und spürte den kühlen Tau des Morgens sein Gesicht streifen.


Nach einer Weile war ihm kühl. Er presste sich am Baum hoch und blickte an sich herunter.


Die Rinde war schwarz. Schwarze Asche. Und der Geist grinste ihn an.


Ein Funken.


Zuletzt geändert von Phobie: 23.10.04, 04:45, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Geisterkind III
BeitragVerfasst: 20.10.04, 21:08 
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Schwärze in der Nacht. Er kauerte im Wald, ein in den Baum gekratzes Bild starrte ihn an. Spitze Ohren, feuchte Schnauze, große Augen. Die Zähnchen im Maul des Katzenkopfes glänzten. Er sah die schwarzen Augen, die großen Augen, die mondgleichen Augen.


Im Dunklen spürte er den Geist. Er spürte, wie er heranschlich. Die unsichtbaren Pfötchen auf dem feuchten Gras. Das Tier hielt inne, schnüffelte in seine Richtung. Die Schnurrhaare bebten. Er konnte jede Bewegung des unwirklichen Körpers spüren.


Dann sah er sie. Weiß wie der Astreyon schimmerte sie vor ihm, galant, grazös, elegant wand sich der Körper zwischen den Bäumen immer wieder zögernd auf ihn zu. Sie hielt inne und funkelte ihn aus Mondaugen an. Der Schwanz des Tieres strich hin und her, der Kopf ruckte vor und schnüffelte in seine Richtung. Wie lebendig, dachte er. Wie lebendig.


Sie strich um seine Knie, er spürte die kühle Nähe und schloss die Augen. Die Augen, die Augen. Das Kind der Geister spürte die Pfötchen, die über seine Hände strichen. So unwirklich die Berührung war, oder bildete er sich das ein?


Plötzlich wurde ihm eiskalt und er spürte sie gehorchen. Er zuckte förmlich zusammen, als er blinzelnd die Augen öffnete. Der Geist sprang davon und verschwand zwischen den großen Wurzeln der Bäume.


Kätzchen. Katzenpfötchen. Katzenaugen.


Ein Schimmer.


Zuletzt geändert von Phobie: 20.10.04, 21:09, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Geisterkind IV
BeitragVerfasst: 23.10.04, 00:28 
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Schwärze in der Nacht. Er kauerte im Wald, eine in den Baum geritzte Träne vor ihm. Weine, Geist, weine. Das Kind der Geister und sein Bruder saßen schweigend vor der Grimasse, der Bruder ließ den bösen Odem der dunklen Geister auf die Grimasse rinnen.


Dann spürte er den Geist herannahen. Der Bruder rief ihn auf sich und plötzlich begann das Zittern. Der Geist ergriff, nach was es ihm verlangte, und Bruder Geisterkind' wurde blass. Er spürte die Präsenz, er sah den Geist wüten und zerstören.


Als der Bruder zusammenbrach, begann sein Akt, der zweite Akt. Erfüllt von Angst und zitternd sprach er die Worte, zischte die Worte, fröstelnd und schaudernd spürte er, wie der Geist von ihm Notiz zu nehmen begann. Die Aufmerksamkeit wand sich vom Bruder, eine Giftschlange, die um die Beine der beiden schlängelte und unaufhörlich zischte.


Dann wirkte die Magie der Schnitzerei und der Geist verlor den Kampf. Das Kind der Geister spürte wie der Totem den Geist in sich sog. Geisterbeschwörer. Geisterbezwinger.


Der Bruder war geschwächt. Ein mächtiger Geist. Spinnenbeine. Spinnenklauen. Schlangenzähne.


Schwache Zweifel stiegen in ihm auf. Erstmals erfüllte ihn die Gewissheit, dass die Geister ihm heute gelehrt hatten, was das wirklich bedeutet.


Angst.


Zuletzt geändert von Phobie: 23.10.04, 00:28, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Geisterkind V
BeitragVerfasst: 4.11.04, 00:44 
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Sternlose Nacht. Der Himmel hing voller Wolken, als wollten die Götter den Tag noch düsterer machen, als er schon war.


Geisterkind kniete auf den Fellen, starrte in die Flammen, die einen schwachen flackernden Schein um ihn warfen. Wäre jetzt das Mädchen da gewesen, sie hätte ihn sicherlich getröstet. Oder zumindest ihm Kraft gegeben. Ihn aus der Schlucht geholt, in der seine Seele gerade lag.


Jetzt kniete er allein da. Wartete auf nichts. Wieviel Übel gab es auf Tares Rücken. Wieviel, wieviel.


Er fühlte sich schlecht und sein Kopf dröhnte. Was wusste er denn schon. Je mehr er wusste, desto mehr hasste er, zu wissen.


Vielleicht war es überhaupt nur dann zu ertragen, wenn man auf der anderen Seite stand. Wenn man ein wenig wusste über die Schritte, die das Dunkel vollzog, wenn man selbst die Fußstapfen mitprägte. Sie wirkten so unfassbar, wie ein Schatten im Dunkel der Nacht waren sie, und sie waren das Böse. Er war nicht gut. Er war nicht böse. Er war alleine. Fast.


Ihm wurde schlecht, das Herz raste, sein Gesicht schien zu glühen. Er durfte sich nicht zu fliehen versuchen. Er durfte jetzt nicht zweifeln und er durfte nicht denselben Fehler machen. Sonst würde auch er vielleicht eines Tages jene Worte sagen. Jene schwarzen Worte, erfüllt von Angst, erfüllt von Trauer, erfüllt von stiller Wut.


Und er hörte ein Kinderlachen. Ein Lachen. Was für eine Welt. Er hörte Schreie. Er hörte Schreie, die er in der Zukunft zu hören schien. Alles drehte sich und Tare gab einen gellenden Schrei von sich. Er sah Gesichter in den Flammen und er konnte ihre Stimmen hören. Eine Frauenstimme, die ihn zu beschwichtigen versuchte. Und ein hysterisches Kreischen und Wimmern. Er wollte sie nicht hören. Er wollte sie nicht hören! Er rappelte sich auf und wollte aufwachen, doch er stolperte, er stürzte und krachte zu Boden.


Blinder Hass stieg in seiner Seele auf und er wollte den Unsichtbaren ergreifen, ihm den Dolch in die Rippen stoßen, er wollte ihn tot sehen und wollte sein schwarzes Blut kosten und er wollte sie alle dem Henker geben, einen nach dem anderen, doch diese Seuche wuchs zu schnell, sie war nicht auszumerzen, und Wut und Zorn kochten und er spürte den Wahnsinn, wie er ihm über die Haare strich. Wut erfüllte ihn wie einen Kelch und er trank in gierigen Zügen von dem Hass, der in ihm loderte und geschürt wurde. Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.


Genau so waren sie verfallen. Genau so verfielen sie bis heute. Genau so.


Nicht ich.


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 Betreff des Beitrags: Geisterkind VI
BeitragVerfasst: 28.11.04, 03:36 
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Schweigend kniete er auf dem gefallenen Laub, das verrottend den Waldboden bedeckte. Die knochenhaften Äste der Bäume schienen ihm wie ein hämisches Grinsen Tares. Was ich schaffe, das vernichte ich!


Er atmete tief auf. Der Schnee würde bald kommen. Bald. Die Schwärze der Nächte wurde bedrohlicher mit jeder Nacht, mit jeder Dämmerung fror er und schauderte vor der nahenden Ankunft. Lange würden die Geister sich nicht mehr bitten lassen, und diesmal würde er die Gelegenheit am Schopf packen.


Die Robe schlug ihm in einer kalten Brise vom Meer her plötzlich unangenehm um den Körper und er drückte sich von den Blätern hoch. Er versuchte sie zu spüren, er versuchte sie zu finden, doch da war nichts als Leere. Die Zeit war vielleicht noch nicht reif. Die Ruhe vor dem Sturm.


Er stützte sich gegen den Baum, starrte einen Moment lang über die grüngrauen Wellen, die das Meer auf ihn zu warf. Irgendwo dahinten lag Galadon. Hinter dem Schaum der Wellen, hinter dem schimmernden Ozean, an dem Fela gerade versank. Die Drachen ziehen ihre Bahnen weiter. Was bin ich schon. Was ändre ich schon.


Er ließ sich gegen den Baum sinken und sah schweigend über den Ozean. Er war entschlossen, und das machte ihm selbst Angst, ihm wurde mulmig und er starrte durch die im Wind wirr in sein Gesicht wehenden Haare zum Astreyon auf, wie er sich langsam über Tare erhob. War das wirklich richtig? Er begab sich auf gefährliche Wege. Schon die Gedanken, die ihn quälten, waren gefährlich. Würde er ihnen Taten folgen lassen, umso gefährlicher. Nicht nur die Welt war ihm gefährlich. Er war sich selbst eine Gefahr.


Dann kam die Sicherheit wieder. Der Moment des Zweifels verflog mit dem nächsten Windstoß und die Gestalt in der weiten Robe wand sich aprubt von dem Meer ab, huschte rasch zwischen den kahlen Bäumen hindurch und jeder seiner Fußstapfen im kalten Matsch verschwamm sogleich mit dem einsetzenden Regen. Er war entschlossen.


Ruf.


Zuletzt geändert von Phobie: 28.11.04, 03:37, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Geisterkind VII
BeitragVerfasst: 9.12.04, 21:40 
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Still saß er in den Fellen, der Kamin glühte noch und er konnte den salzigen Geschmack auf seinen Lippen schmecken. Er betrachtet die Konturen in der Dunkelheit, ein schmales Grinsen zuckte über sein Gesicht und er starrte wieder zur Decke. Seine Augen schienen zu brennen, er rieb sich mit den Fingerknöcheln durch die Augenwinkel und blies den Atem in die Glut.


Er wurde nervös, und sein Blick verfing sich wieder in den eleganten, unschuldigen Umrissen. Wut stieg auf und er suchte den Krug, er nippte an dem bittersüßen Getränk und der Geruch nahm ihm den Verstand. Er starrte an das Fenster. Nur Schwärze, und ein kleiner brauner Fleck, der verwaschen am Himmel prangte und dem hellen Schein des Vitamalin einen Hauch von Jungfräulichkeit gab. Doch bald würden sich die hellen Monde wieder einmal beugen müssen. Die Zeit verging.


Wieder suchten seine Augen die vor Eleganz strotzenden Formen, die in dem roten Schimmer der glühenden Asche so verlockend wirkten. Er hatte das Gefühl, dass er nicht alles erreichen konnte. Nicht alles haben könnte, egal, wie sehr er auch daran hing. Die Geister umgarnten ihn, er konnte ihre leeren, unwirklichen Augen spüren, wie sie auf ihm lagen. Und in seinem Inneren kochte die unheilvolle Essenz auf und nieder. Er liebte und hasste, er frohlockte und schrie.


Er durfte jetzt nicht zweifeln, nicht unsicher werden, sich nicht wieder zurückziehen. Dieses Duell nahte dem Zenit. Dem Messerstich. Jetzt durfte er nicht straucheln. Nicht fallen.


Wieder dieses Gefühl der Untreue. War es denn überhaupt falsch? Konnte das Brodeln in seinem Herz nicht doch zu seinem Weg gehören? Gedanken rasten um seinen Verstand. Ernst. Treue. Liebe. Wahnsinn.


Er sank wieder auf das Fell und starrte die Decke an. Bald würde dieser erbärmliche Kampf enden.


Fall nicht.


Zuletzt geändert von Phobie: 9.12.04, 21:59, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Geisterkind VIII
BeitragVerfasst: 31.12.04, 05:58 
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Schwarz, rund und mit einer dunklen Corona prangte der schwarze Mond am Himmel, tauchte Tare in Finsternis und erinnerte die Welt wie ein stetes Schandmal an die Dunkelheit, die in ihrem Herzen auf und ab brodelte und auf ihren Tag wartete. Stumm saß er im kalten Schnee, spürte die beiden Geister in sich auf und nieder kochen und betete.


Finsterauge starrte auf ihn herab und die dunkle Macht in seinem Innern strebte auf. Er konnte förmlich hören, spüren, schmecken, riechen, wie sich in seinem Herz die schwarze Essenz ausbreitete, als ihn der letzte Funken des Verstandes verließ. Er wehrte sich, er tat ihm weh und folterte ihn, und die Seele des Kindes ächzte unter dem Tauziehen der Geister.


Er zitterte, stach mit dem Dolch zu und sah das Tier wimmernd verenden. In ihm brodelte die Essenz der Macht und die Essenz des Todes, ihm war heiß trotz der Kälte des Morsans und der Schneeregen rann ihm den Körper herab, vermischte sich mit seinem Schweiß und in seinem Inneren spürte er die bösartige Freude, die von ihm Besitz ergriff und in ihm ein Feuerwerk der Gefühle aufkochen ließ. Er hatte über die Geister gesiegt. Oder hatten die Geister über ihn gesiegt..?


Wie auch immer. Das war seine Bestimmung.


Geweiht.


Zuletzt geändert von Phobie: 31.12.04, 15:09, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Intermezzo
BeitragVerfasst: 4.01.05, 07:14 
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Der schwarze Mond am Himmel steht,
mit Hass und Zorn sein Weglein geht,
ein Elend und ein Sündenfleck,
dort saugt er wie ein kleiner Zeck
das Blut aus dieser schönen Welt;
hat alles Leben bloßgestellt.

So will ich tanzen, jauchzen, springen
und meinen dunklen Reigen singen,
von Raben, Geistern, schwarzen Spinnen
und wie die guten Zeiten vergingen.

So war's zu längst vergang'ner Zeit,
ein kleines Kind, sprang unbeschwert
durch Wälder, Wiesen, grünes Land,
war mit den Geistern wohlverwandt.

Doch was lang währt wird schließlich schlecht
und Schlechtes ist doch auch gerecht
das Kindlein musst in guten Tagen
der Tugend des Guten doch bitter verzagen,
war gierig, war unrein, war schwach und war dumm
und drehte sich stets nur im Kreise herum;
und schließlich verschrieb sich in finsterster Nacht
dem, der seit Jahrtausend' das Düstertum macht.

So wars, so ists, so wirds immer sein,
das Gut' ohne Schlechtes ist eben auch nicht mehr rein,
und so fallen die Münzen doch nie auf die Kante
fallen stets auf die reine Seite - oder auf die verbrannte.

Und das Kindlein im Walde versank dann im Moor,
sprang herum und ein Treibsand verschluckte den Tor,
und was nicht um die Güte des Lebens sich sammelt
sondern in Dunkel und Schleier des Bösen vergammelt
muss auch seine wahre Berechtigung haben
sonst wär doch nicht alle Welt stets drum am klagen.

Und das Kind stieg, von Asche und Härte gestählt,
und von seinen Herren zum Diener erwählt,
entstieg der dunklen feuchten Höhle
und Taglicht blendete seine Züge.

Doch wenn in mancher kalter Zeit
ein Geist sich ein Kinde seinen Sklaven macht
verfallen auch heute noch die Seelen
dem Dunkel und den düstren Wegen
und wenn sie nicht gestorben sind
verfällt auch heut' wieder ein Kind.


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 Betreff des Beitrags: Geisterkind IX
BeitragVerfasst: 12.02.05, 12:48 
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Neblige Morsansnacht. Er strich in wallender Robe an der Küste entlang. Er brauchte nicht hinaufzuschauen, er wusste, sie waren da. Alle drei. In seinem Kopf schwirrten undeutliche Worte umher. Über Bestimmung. Worte von Aberglauben und zum Teil reiner Unfug; aber vielleicht war der Wahnsinn der Preis, den sie für ihre Neugier gezahlt hatten.


Im schlichten Dunkel der verwehenden Nacht, die Monde nurnoch undeutlich am Himmel und Fela nur undeutlich am Horizont, da ließ es sich denken. Klare Gedanken fassen, die Welt von neuem sehen.


Er schlenderte durch die kahlen Wälder und empfand tiefe, innere Ruhe. Er konnte sie sich nicht erklären, er hatte lange nicht mehr so gefühlt - vielleicht wollten sie ihn auch nur in Sicherheit wiegen. Er hatte sich auf gefährliches Terrain begeben, doch in diesen Tagen wurde es heikel.


Er lehnte sich gegen den Baum, rief sich die Momente in Erinnerung. Klaffend und rot, wülstig und verwachsen, eine perfekte Perversion, eine pervertierte Perfektion, deren Faszination ihn nicht unberührt gelassen hatte.


Wollte er denn wirklich? Konnte ihm dieser Schritt etwas bringen, was den Preis wert war? Er war sich nicht sicher, würde er sein Leben in vollen Zügen austrinken oder würde er sein Leben zunichte machen? Vermutlich würde er beides tun. Es war auch eigentlich egal, solange er nicht ewig wäre.


Für einen Moment horchte er in sich hinein. Vielleicht kam die Ruhe gerade daher. Er spürte ein vergnügtes Glucksen in seinem tiefsten Innern, und mit einem wahnwitzigen Grinsen drückte er sich ab und lief zurück zur Stadt, dass ihn die Wachen schief ansahen.


Er hatte doch nie etwas anderes gesucht.


Abgrund.


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 Betreff des Beitrags: Geisterkind X
BeitragVerfasst: 9.03.05, 14:56 
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Er betrachtete kleine Flammen bei ihrem Spiel und dachte nach. Er hatte sich selbst in den letzten Wochen zu einem Spiel verkommen lassen. Zu einem Spiel, das zu spielen unvorsichtig gewesen war. Nachlässig.


Er horchte in die Stille. Verdammt, was war er dumm gewesen. Er fühlte sich durchschaut, er konnte fühlen, dass sie ihm jeden Gedanken aus den Augen las. Verdammt sollte sie sein. Wie Gefühle einen doch verraten konnten.


In einem Anfall von Trotz schwor er sich, niemals wieder sich auf ein solches Spiel einzulassen, und erinnerte sich, dass er Schwüre nicht zu halten pflegte.


Er verdammte seine Nachlässigkeit. Seine Finger glitten über die schlechte Zeichnung, verwischten das Kohlegemälde. Sie würde es zu nutzen wissen, und würde versuchen, ihn zum Werkzeug machen. Er konnte es ihr nur so schwer wie möglich machen... fürs erste.


Fehler gemacht. Hols der Henker, er war nicht rückgängig zu machen. Er sollte sich wirklich nicht mehr auf Spiele einlassen. Und er sollte vor allem nicht so verflucht ungeschickt spielen. Er hatte Karten aufgedeckt, die er nicht spielen wollte. Noch dazu so unnötig. Er war gespannt, was sie daraus machen würde. Das Spiel war begonnen. Jetzt musste er es zuende spielen. Zu jedem Preis.


Er wurde wieder ruhiger, besann sich. Es galt, zu suchen. An seinem Ende zu arbeiten, das war jetzt angebracht.


An einem würdigen Ende.


Sehnsucht.


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 Betreff des Beitrags: Geisterkind XI
BeitragVerfasst: 18.03.05, 12:29 
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Er stand hinter ihr. Kalter Stahl auf warmer Haut. Die schwarze Essenz kochte, Tatendrang, das Kribbeln. Er fühlte sich lebendig. Seine tiefsten Wünsche wollte er erfüllen, Blut troff, Schreie. Die schwarze Macht erfüllte ihn, und nicht nur ihn.


Er sah ihren Widerstand brechen, Widerstand, den zu brechen er zu dumm gewesen war. Schwarze Essenz. Der Kuss des Mondenkinds. Der Geschmack von purer Macht auf den Lippen machte ihn rasend, Glück und Zufriedenheit pochten durch seine Adern.


Dann die Forderung. Nein, nicht unsicher werden. Das Angebot war nur gerecht. Nur nicht verfehlen, nicht dieses Mal. Nicht dieses letzte Mal.


Die dunkle Kraft zuckte durch seinen Körper und seinen Verstand. Es war soweit, es war vollbracht. Er sank neben sie und schloss die Augen. Er glaubte noch an ein höhnisches Lachen, und die Frage nach dem Sieger drängte sich in seinen Verstand. Sieger?


Schweißgebadet erwachte er.


Rache?


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 Betreff des Beitrags: Hass I
BeitragVerfasst: 28.03.05, 01:20 
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Zorn. Wut. Rachsucht.
Hass.


Bisher ein Spiel. Jetzt ein Fluch über seinen Willen. Denken? Später.


Rasende Gedanken. Er malte sich alles aus, ihr Blut, ihre Schreie, ihren Hass, der ihr nichts bringen würde. Irgendwie, es würde klappen. Ein neues, vernichtendes Duell, das sie in die Tiefen der Niederhöllen stoßen sollte. Oh, er konnte ihre Qual nicht erwarten.


Endloser Hass fraß sich durch die niedersten Züge seiner Seele und ließ Verwüstung zurück. Widerwärtig war dieses ewige Verlieren, und ihr neuster Trumpf war der gefährlichste. Er würde sie kriegen, und sie würde für alles bluten. Er versank in einem Traum, voll Hass, voller ungesprochener Wünsche, voller widerlicher, dunkler Wut, die sich durch jede seiner Venen fraß, die ihn nicht schlafen ließ und nicht wach sein ließ. Er war in Trance. Er hasste.


Seine Fingernägel bohrten sich in das Fleisch seiner Hände und er stieß einen leisen Schrei aus. Die Wut kochte wieder über. Er würde sie bluten lassen, aus jeder Pore ihres Körpers und ihrer Seele. Er würde ihr endlich das geben, was sie mit jedem Mal neu provozierte. Er hasste.


Er ging alle Möglichkeiten durch. Jede einzelne. Er hielt sich zu lange an ihrer Qual auf, malte sich jedes Detail aus, jeden Schrei, jeden Tropfen Blut, jeden Stich in ihren Übermut.


Ein neuer Plan war gefasst. Er ging jeden Schritt einzeln akribisch genau durch. Es war sicher nicht klug, sich schon an der Vorfreude gütlich zu tun. Es war ein Drama, er würde Gelegenheit bekommen, und er würde von ihren Schmerzen kosten.


Es musste ihm gelingen. Es musste einfach. Er hasste. Aus tiefstem Herzen kam dieses Gefühl, dieses elendige Widerstreben. Und wenn es nur ein winziger Sieg würde, er brauchte eine neue Karte, die ihn wieder in den Vorteil brachte.


Hass.


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BeitragVerfasst: 28.03.05, 16:46 
Altratler
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Lang saß sie diese Nacht auf dem Dach ihres Turms, den Kopf in den Nacken gelegt um nach dem dunklen Mond Dorrayon am Firmament zu suchen. Eine nicht unerhebliche Weile war sie damit beschäftigt den Himmelskörper zu finden, der hinter schmutzig grauen Wolken verhangen, Unheil verkündend und in dieser Nacht in der Farbe von geronnenem Blut auf einer schartigen Klinge, erleuchtete. Ein Gefühl von Übelkeit ran ihren Körper langsam hinab, wie ein Regentropfen, der auf die Stirn gefallen war und nun mit aller Zeit der Welt über den Hals hinab seinen Weg zu Boden bahnte. Sie musste das Augenmerk abwenden. Zu stark füllte der Anblick des Mondes ihren Leib mit Unbehaglichkeit, wie ein schleichendes Gift, dass unaufhaltsam durch die Adern zum Herzen kroch um dieses dort anzugreifen und daran zu nagen, wie Schnecken an einem Salatblatt.

Sie wusste, dass ihm das nichts ausmachte. Er konnte den grässlichen Mond zyklenlang betrachten und würde davon eher nur noch gestärkt als geschwächt. Nein, er war kein Anhänger des Einen und doch von solch dunklen Mächten erfüllt, die ihm erlaubten von der Kraft des Dorrayon zu kosten als handele es sich um einen nahrhaften Laib Brot, den jeder Bauer zum Frühstück verschlang.

Es war ein gefährliches Spiel, das sie damals vom Zaun gebrochen hatte. Ahnungslos ob der Konsequenzen, die sie erwarteten. Wie ein kleines Mädchen, dass ohne nachzudenken die Hand durch die schweren Gitterstäbe eines Löwenkäfigs steckte, nur um später voller Stolz behaupten zu können ein wildes Raubtier berührt zu haben. Und doch unterschied sie etwas von dem kleinen Mädchen. Das Wissen, dass sich zahlreiche messerscharfe Zähne im Maul der großen Katze befanden, die ihr jederzeit den Arm oder mindestens die Hand abreißen konnten. Trotz des Bewusstseins um die Gefahr oder gerade deswegen reizten sie diese Spielchen. Das alles ausfüllende Adrenalin, dass sie durchströmte, wie eine Flutwelle ein längst ausgetrocknetes Flussbecken, wenn sie sich gegenüberstanden und die einzigste Art ihrer Kommunikation daraus bestand den anderen dazu zu bringen seine Karten aufzudecken. Ganz zu schweigen von dem glückseligen Gefühl der Macht, dass durch ihre Venen pulsierte, wenn sich ihm offenbarte, dass sie wieder das bessere Blatt hatte. Sein Gesichtsausdruck so trüb, zornig, voller Wut und Hass, wie man es für kein Geld der Welt kaufen konnte. Der Blick eines todbringenden Drachen, der sich seiner Unterlegenheit bewusst war und für diesen Moment in die Rolle einer wehrlosen Maus im Maul einer jagenden Katze gezwungen wurde.

Es hatte alles so harmlos begonnen. Wie es immer harmlos begann. Eine kleine Spielerei mit dem Plattenkragen, den er ihr trotz besseren Wissens überlassen hatte. Dreimal war sie ihm überlegen gewesen und dennoch schenkte er ihr dieses Eisenstück, dass, einmal um den Hals gelegt, seine Kräfte nutzlos machen würde. Wie konnte er sie nach all ihren Triumphen nur so maßlos unterschätzen und ihr freiwillig noch das nächste Ass, das zu einem weiteren Sieg verhelfen könnte, in die Ärmel schieben? Sie war erbost über seine Nachsicht. Sie wollte einen ebenbürtigen Gegner, keinen der sich selbst schon außer Gefecht setzte ehe es überhaupt losging. Schon einmal war ihm so ein Fehler unterlaufen. Ein lächerlicher Anfängerfehler, vor dem sie ihn sogar noch gewarnt hatte. Er hatte ihren Heimvorteil unterschätzt…zu ihrem Glück, sonst wäre diese Runde an ihn gegangen.

War es tatsächlich Nachlässigkeit, die er walten lies oder doch etwas ganz anderes…Vertrauen zum Beispiel. Er redete die letzten Tage viel davon. Aber war sein Vertrauen in sie wirklich so groß geworden, dass es jegliches gesunde Misstrauen ausschaltete? Sie konnte es sich nicht vorstellen, zumal ihr Spiel nicht beendet war und er immer noch nach Rache sann. Aber was dann? Liebe, schoss es ihr durch den Kopf, so unerwartet wie ein Blitz bei einem schnell aufziehenden Frühlingsgewitter vom Himmel zuckte. Er hatte so was erwähnt und sie hatte es…nein…sie hielt es für eine Laune seines wankelmütigen Gemüts. Ein Blick in seine dunklen Augen, die sie voller Hass ansahen, bestätigte ihr Gefühl. Jemand, der vorgab sie zu lieben würde sie nicht so anblicken, gleich, ob er wieder Opfer ihrer Macht geworden war und gefangen in seiner Hilflosigkeit.

Er tat ihr leid. Sie tat sich selbst leid bei dem Gedanken wie manipulierbar sie in dieser Hinsicht war. Weich wie Butter, die stundenlang in der Sommerhitze gestanden hatte, wenn es um Liebe ging. Sie konnte sich es nicht erlauben zu schmelzen, schon gar nicht ihm gegenüber.

Mit der scharfen Schneide ritzte sie ihm ein blutiges A auf die Stirn. Nur um aus dem A mit einem höhnischen selbstgefälligen Grinsen ein R zu formen, was der richtige erste Buchstabe ihres Namens war. Sie ließ sich dabei Zeit. Genug Zeit um die Situation in die er sich mal wieder selbst manövriert hatte, mit vollen Zügen auszukosten.

Still saß er da. Sein Hass mit jedem Schnitt ihrer Klinge wachsend, wie eine Pflanze unter Einwirkung ihrer Magie. Sie spürte an seinem eisigen Blick, dass sie eine unsichtbare Schwelle überschritten hatte. Etwas, dass sie erschauern lies. Seine Rache würde grausam sein, grausamer als er es bis zu diesem Zeitpunkt vielleicht selber geplant hatte. Die Spielereien waren vorbei. Alles was nun folgen würde war bitterer Ernst. Eine innere Stimme riet ihr sich von ihm fernzuhalten. Sie wusste, sie würde dieses mal nicht auf sie hören. Sie konnte nicht. Er zog sie an, wie ein einsames Licht eine Motte in stockfinsterer Nacht. Sie ermahnte sich zur Vorsicht. Den Übermut, den sie nach den letzten Siegen aufgebaut hatte musste sie abschütteln. Es war zu riskant ihn zu unterschätzen und sich auf vorhergehenden Triumphen auszuruhen, wie ein Grashüpfer, der im Sommer alles weg frisst, aber dann im Winter kläglich verhungert. Vorsicht war geboten und vor allem durfte sie sich nicht erweichen lassen. Schon gar nicht von ihm und seinen ihr schmerzenden Blicken.

Die Dämmerung vertrieb die Schatten der Nacht und ihre sinnierenden Gedanken. Sie konnte hier nicht ewig sitzen und grübeln. Sie hatte genug um die Ohren, die Pacht war bald wieder fällig, Torans Bierlache musste weggewischt werden und nicht zu vergessen ihr schönes neues Kleid von Brandspuren gereinigt werden.

Schwerfällig erhob sie sich. Ihr kam es vor, als würde sie an einem Hafenboxkampf teilnehmen, bei der soeben die 5 Runde eingeläutet wurde.


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 Betreff des Beitrags: Geisterkind XII
BeitragVerfasst: 4.05.05, 00:21 
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Hin und her gerissen.


Leise knisterten die Flammen im Kamin, während sich der schneidende Geruch von röstendem Nachtschatten ausbreitete. Er lag auf den Fellen und betrachtete die unregelmäßig verschlagene Bretterdecke. Seine Gedanken kreisten um metaphysische Dinge, die sich seit Wochen durch sein Gehirn fraßen. Es beginnt die Beherrschung.


Er hatte Angst vor dem, was kommen konnte, auch wenn er sich das nicht eingestehen wollte. Die Möglichkeit sich zu lösen war da, aber sie war riskant, vielleicht zu riskant. Er würde sie einweihen müssen, und das wiederum würde neue Gefahren bergen. Mit einem hilflosen Spielzeug würde sie entweder nicht spielen wollen - oder sie würde es gnadenlos unterjochen.


Langsam lösten sich seine Gedanken von der rationalen Welt. Er sah Wesen um sich herum, die aus den Wänden krochen, und er konnte deutliche Stimmen hören, Worte die er schon einmal gehört hatte. Sie trieben ihn umher, jeder hatte er seine Ansichten, jeder seine Gründe, jeder seine Fehler. Wie er das hasste. Wie sehr er es doch hasste.


Ein Blatt im Wind.


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BeitragVerfasst: 16.05.05, 02:30 
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Die Tür fiel schwer krachend ins Schloss. Unter raschen Handgriffen war das Haus verriegelt. Er schmeckte noch den bittersüßen Geschmack des Mosts auf seinen Lippen, vermischt mit dem salzig schweißigen Hauch, den er von ihrer Haut aufgesogen hatte. Er lebte für diese Momente, in denen er wusste, wie sehr er sie anwiderte, und in denen sie sich nicht wehren konnte, weil sie ihm so unterlegen war. Das würde ein Ende finden, an dem er auch Schuld trug. Auf seine Weise war das bedauerlich. Er spielte gern mit einer Maus, die sich nur widerwillig fügte.


Die letzten Wochen hatten vieles verändert. Er spürte die wachsende Unruhe seines Sklaven, der seinen Kraftquell schwinden sah. Er konnte spüren, dass sein steter Gefährte nicht viel von seinen Plänen hielt, und wie sollte es auch anders sein. Vielleicht war er zu rasch zur Vernunft gekommen, als dass es ihn hätte vorher aushöhlen können, bis die Hülle gefügig geworden wäre.


Der ausgemergelte Körper sank auf die warmen Felle vor dem knisternden Kaminfeuer. Auf eine gewisse, beunruhigende Weise hatte sie recht, wenn sie eifersüchtig war. Er führte einen Krieg an mehreren Fronten, er lief nicht einem Weg hinterher, sondern genoss den Irrweg, der sich auftat, wenn man sich nicht für ein Ziel entscheiden konnte.


Er würde sie kränken, wenn er sich selbst schlagen würde. Der Magus hatte kein Verständnis für seine Pläne, also hätte sie erst recht keins dafür. Sie war eben anders, sie suchte nach den praktischen Wegen, denn für sie war alles abgeklärt, alles egal, alles bereits entschieden. Was sie tat, war das, was sie zu tun hatte. Sie war sich ihres Weges sicher. Wie unsicher war er sich. So unsicher war er vielleicht nie gewesen.


Ein anderer Gedanke schoss ihm durch den Kopf, er hatte pechschwarze, widerlich anmutige Haare und wirkte zugleich glücklich und verbittert; heilig und zugleich so unrein, wie es nur die tiefste Essenz dunkler Mächte sein kann. Er verglich sich mit ihr, vielleicht war er ihr viel viel ähnlicher, als er all die Zeit gedacht hatte. Nur, dass er vielleicht klarer sehen konnte, dass er die notwendige Angst hatte vor dem, womit er spielte... ein heißer, qualvoller Anstrum des Zweifels bereitete ihm stechende Kopfschmerzen.


Er hatte nicht klar gesehen. Er hatte mit etwas gespielt, was ihm übermächtig war. Er hatte sich verraten, geirrt, verloren. Es war an der Zeit, den Fehler zu beseitigen.


Seine Finger krallten sich in das Fell und er stieß einen innerlichen Schrei der Agonie aus. Er würde sich retten. Er würde sich lösen können, würde nicht verloren sein, er würde diesen einen, einzigen, verhängnisvollen, unsäglichen Fehler aus der Welt räumen und zurückkehren dahin, wo er hingewollt hatte.


Er lockte weitere Kinder ins Verderben. Aber es war ihre eigene Entscheidung, wohin sie gingen, welchen Pfad sie wählten, mit was sie sich einließen. Sein Entschluss stand fest. Jetzt musste er nurnoch den Mut finden.


Zweifel.


Zuletzt geändert von Phobie: 16.05.05, 02:48, insgesamt 1-mal geändert.

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