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 Betreff des Beitrags: Visionen
BeitragVerfasst: 5.06.05, 02:34 
Einsiedler
Einsiedler

Registriert: 20.02.05, 23:40
Beiträge: 84
Der Astreyon schien silbern hinab, spiegelte sich im Wasser der sonst so düsteren See, während sie am Rande der Klippen nahe Brandenstein sass. Der Wind spielte mit ihren Haaren, fuhr mit kalten, scharfen Klauen über ihre magere Gestalt, während sie in ihrer rechten Hand fest umklammert ein Stück dunkles Holz hielt. Für jeden nicht mit der Magie vertrauten Menschen war es bloss ein Stück eigenartig geschnitztes Holz, mit etwas Phantasie konnte man ein Gesicht darin erkennen, das einen anstarrte und auf diesem Gesicht war offenbar Blut geschmiert und eingetrocknet.
Faszinierend, was doch dieses kleine Stück Holz in sich barg - der Geist eines Ortes und jener strebte stets danach, wieder eine Verbindung zu seinem Ort, wo er in diesem Stück Holz eingekerkert wurde, aufzubauen.
Bevor sie die erste Reise damit unternommen hatte, hatte ihr Mentor sie aufgefordert, doch jenen Geist zu untersuchen, ihn herauszulocken mit Hilfe ihres finsteren Geistergefährtens, sich kurzzeitig ein Bild des Ortes zeigen zu lassen, zu dem der Geist gehörte.
Was sie sah, faszinierte sie fast ebenso sehr, wie die Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit ohne viel Aufwand zwischen zwei Punkten hin- und herreisen zu können.

Sie wusste, dass in ihren Händen der eingesperrte Geist Falkensees lag.
Rasch war der linke Zeigefinger mittels ihres Dolches eingeritzt, das hervorquellende Blut über dem Stück Holz verteilt, das nun im Licht des Astreyons, der Mond den die der Wahrsagerei und der Zukunfsdeutung verfallenen Beschwörer verehrten, matt schimmerte. Sie wollte erneut einen Blick, nun nicht mehr so flüchtig wie beim ersten Mal, auf diese derzeit so aufblühenden Stadt werfen, erneut ihre Zukunft sehen.
Starr sah sie hinab auf das Totem, holte tief und konzentriert Luft, krallte ihre Finger tiefer hinein... sah dann wie sich ihre Sicht auf die Realität, auf das, was wirklich wahr ist, änderte... sah, wie ihre pechschwarzen, jedes Licht verschluckenden, dürren Arme, um denen sich giftspeiende, nachtschwarze Schlangen wanden, das Totem empor in Richtung Astreyon hoben... sah ihre spindeldürren, langen Klauen, die sich tief in das Holz bohrten... sah, wie diese hinein griffen, zogen und ein klagendes und fauchendes Etwas herauszogen.
Gierig blickte sie, mit flammenden, schwarzen Haaren und giftgrünleuchtenden, leeren Augen das Wesen an, rang mit jenem, zwang und unterwarf es...


... ehe sie ihren Blick auf den schwarzen, verkohlten Wald richtete, der sie umgab. Still war es, der Himmel in einem blutigen und dunklem Rot getaucht, lediglich der Dorrayon stand prachtvoll, mächtig und alles beherrschend am Himmelszelt. Langsam schritt sie durch den abgebrannten und gestorbenen Wald, hörte, wie die Reste des schwarzen Holzes und die Asche unter ihren Schritten leise knirschte.
Dann tauchten sie auf - Reste einer einstmals festen Mauer, zerklüftet, vom Zahn der Zeit und vielen Kriegen zerstört und eingetrocknetes Blut klebte an den dunklen und verwitterten Steinen. Leise ging, fast schwebte sie, der dunkle Dämon des Dorrayons, an den Mauerresten vorbei, ihre im Zwielicht matt leuchtenden und leeren Augen verschlangen gierig jedes Detail. Wie ein finsterer Schatten glitt sie an den Resten einstmals prächtiger Bauten vorbei - der Tempel der Viere, nur noch eine geschändete Ruine, in der die Ratten hausten und als letzte Überlebende zu ihrem namenlosem Herrn beteten, Geschäftshäuser, Tavernen, das Rathaus - nichts davon wurde verschont, in endlosen, leidvollen Kriegen geschliffen, zerstört oder gar vollkommen dem Erdboden niedergemacht und zwischen all diesen zerklüfteten Ruinen hing ein ewiger Verwesungsgestank.



Die Vision begann zu flackern, kurz nur tauchte das vom silbernen Licht des Astreyon beschienene Bild des nächtlichen Meeres nahe Brandenstein auf.
Nein, zischte sie, du gehorchst mir! Du zeigst mir die Zukunft!
Und wieder tauchte sie tiefer ein in ihre Vision...


Türme von Knochen türmten sich auf, bildeten einen zierlichen und aberwitzig ge- und verformten Brunnen, aus dem reines Blut aus einer Fontäne sprudelte und plätscherte. Schatten huschten über den einstigen Stolz dieser Stadt, dem Brunnenplatz, entlang, flüsterten leise und unheilvoll miteinander, vergingen, erstanden wieder auf...
Weiter schwebte sie, das Kind der Schatten, die Dienerin des dunklen Mondes und Herrin seiner Geister, durch die Gassen, hinüber zu der Bank, wo sie in deren Ruine die Knochen eines Menschen liegen sah, der Schädel im oberen Viertel säuberlich aufgeschnitten und mit Geld und Edelsteinen gefüllt, die noch immer verlockend glänzten und dahinter... der See.

Bild

Blutig lag er da und tote, teils halb verfaulte, teils nur noch aus Gräten bestehende Fische trieben träge auf seinen Wellen. An seinem Ufer ging sie auf die Knie hinab, ihre finsteren Klauen tauchte sie hinab in die blutige Brühe, schöpfte etwas davon und hob es an zu ihren Lippen, kostete das Blut derer, die einst hier lebten, sah für einen Moment Geburt, Leben und Sterben dieser einfachen Seelen, die nie in den Genuss kamen wie sie hinter die Realität schauen zu können.
Leise lachend erhob sie sich - sie hatten alle Angst vor dem Tod gehabt, mehr als vor Krankheit, mehr als vor Dämonen, die ihre Seelen verschlingen würden, mehr als vor der Ewigkeit, die doch soviel grausamer war, als der friedvolle und erlösende Tod.
Und wo waren sie jetzt?
Die leeren, riesigen, grünschimmernden Augen streiften umher, bis sie es sah - ein Massengrab, einstmals wohl ein schön angelegter, gehegter und gepflegter Morsansacker. Nun türmte sich ein Berg aus Gebeinen auf, fast so gross wie einstmals die nunmehr zerstörten Häuser hier.
Kein Leben rührte sich mehr hier, nur die Schatten streiften als Seelenfänger umher, sahen dann und wann gierig zu ihr hinüber, näherten sich ihr, ehe ihr Blick sie strich und sie sich wieder zurückzogen.

Langsam sah sie hoch in den Himmel, hinauf zu dem Mond, der dort oben riesenhaft prangte. Seine Korona pulsierte, wie ein Herz.. wie lebendig und sie fühlte, wie seine Macht sie weiter durchfloss, sie berauschte, sie mitriss.. sie vergessen.. fast vergessen liess...

Nein!

Zurück, zurück wollte sie! Nicht hier verweilen! Nicht auf immer!
Das Bild flackerte, während das Pulsieren und Schlagen des Finstermondes in ihren Ohren dröhnte, sie fast betäubte, den Himmel, ja, ganz Tare erbeben liess unter seinem Pochen, bis...



... das grell-silberne Licht des Astreyon ihr schmerzvoll in die Augen stach.
Leise keuchte sie, liess sich zur Seite fallen, noch immer das hölzerne Totem festumklammert, während das rhythmische, laute Schlagen in ihrem Kopf nur sehr langsam abebbte, untermalt von seiner Stimme.

Du bist mein....


Zuletzt geändert von Schattenkind: 5.06.05, 02:51, insgesamt 1-mal geändert.

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