Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit ein Dieb, der gerade 20 Vitama zählte und in der grossen und prächtigen Stadt Draconis lebte. Sonderlich gläubig war er nicht, schwor er doch mit der Zeit nach und nach von Vitama, der Gottheit, deren Glauben ihn schon seine Mutter gelehrt hatte, ab. Die Gründe kannte keiner so genau, aber es mochte wohl Bequemlichkeit sein, denn er hatte für sich gute Gründe, warum er dem Gottesdienst lieber fernblieb - tagein, tagaus ging er lieber stehlen, rauben und einbrechen.
Mal griff er in eine Tasche flink hinein, mal schnitt er einen Beutel bei einem Passanten ab. Mal stieg er in ein Haus ein, wobei es ihm mit der Zeit egal war, ob das Haus von einem reichen Kaufmann oder von einer alten, einsamen Frau bewohnt wurde. Mal überfiel er in einer dunklen Gasse Frauen, die viel Schmuck mit sich trugen, mal aber auch einfach Kinder, die etwas Geld zum Einkaufen von ihrer armen Mutter bekommen hatten.
Wenn er nicht stahl, dann dachte er beim Essen oder Einschlafen meist darüber nach, wo und wie er den nächsten Raubzug von statten gehen lassen könnte.
Kurzum - die Gier leitete und verblendete ihn und nichts anderes als das rasche Beschaffen von weiteren Gütern beschäftigte ihn.
Vor ein paar Jahren, als er noch nicht lange auf der Strasse lebte und noch nicht so geschickt im Stehlen war, verliebte sich dieser Dieb in ein gleichaltriges Mädchen und dieses Mädchen erwiderte auch seine Liebe. Auch sie war wie er eine Diebin und lebte schon seit ihrer frühen Kindheit auf den Strassen Draconis', doch achtete diese junge Maid stets die Viere und besonders Vitama, der sie jeden Tag für ihr Glück und Geschick dankte und regelmässig etwas opferte. Auch achtete sie die Opfer - alte und gebrechliche Menschen bestahl sie nie, ebenso nicht kinderreiche und somit von Vitama besonders gesegnete Familien. Sie stahl nur von den Reichen und auch immer nur soviel, dass sie stets genug zu Essen, etwas warme Kleidung und sich eine einfache Unterkunft leisten konnte.
Sie war es auch gewesen, die dem jungen Dieb half, zurecht zu kommen und so lehrte sie ihm auch alles was sie wusste. Auch war sie noch anfangs mit ihm oft in den Vitamatempel gegangen, um mit ihm zu Vitama zu beten.
Mit Besorgnis hatte sie allerdings beobachtet, wie der junge Mann sich langsam wandelte - als er immer besser wurde, wuchs auch seine Gier und erschrocken sah sie, wie er jeden wahllos bestahl. Zwar warnte sie ihn, doch hörte er nicht auf ihre Worte.
So kam es, dass eines Tages die junge Maid in den Tempel ging und ein inniges Gebet an Vitama schickte, zusammen mit der Bitte, ihn doch wieder auf den rechten Weg zu führen.
Tatsächlich geschah das Wunder - Vitama entsendete einen ihrer Larisey, der die Gestalt eines etwas älteren Diebes annahm. Mit jenem Dieb setzte er sich eines schönen Abends in eine Taverne, wo der junge Dieb gerade eine Mahlzeit zu sich nahm und er unterhielt sich mit ihm.
"Gier, mein Junge," ermahnte er ihn mit gütiger Stimme, "ist ein Werk des Einen und sein Instrument, um die Seelen der Menschen zu ihm zu treiben. Erliegst du ihr, wird dich das in die Verdammnis führen."
Doch der junge Mann zuckte nur arglos seine Schultern - er würde schon aufpassen, sagte er mit einem Tonfall, der darauf schliessen liess, dass er sein Gegenüber nicht ernst nahm. Stattdessen erzählte er dem scheinbar erfahrenerem Dieb von seinem Plan - der junge Dieb arbeitete dann und wann für diese Taverne, schenkte die Getränke aus, meist dann, wenn das Wetter draussen zu mies oder zu kalt war, um auf Beutezug zu gehen. Nun hatte er Schlüssel zu allen Türen dieser Taverne und einmal hatte er gar gesehen, wie die Wirtin, eine gütige, ältere Frau, Geld in eine Kiste gelegt hatte, wo noch mehr Dukaten lagen. Er wollte sich ein Packpferd besorgen und damit einen Teil ihres Geldes stehlen. Ach, und nicht zu vergessen jener Feinwerker, der ihm die Dietriche machte und sicher schon im Geld schwimmen musste! Auch bei ihm würde er mit einem Packpferd zusammen das Gold abtransportieren.
Der verkleidete Larisey war enttäuscht und ermahnte ihn erneut - bestehle nicht jene, denen du zum Dank verpflichtet bist, waren seine Worte, denn jene zeigten sich barmherzig und helfen dir und somit solltest du dich ihnen dankbar zeigen.
Doch wieder schlug der Dieb seine Ratschläge in den Wind.
Der Larisey kehrte zurück zu seiner lieblichen Herrin und berichtete ihr enttäuscht davon. Einen letzten Versuch wollte er jedoch noch unternehmen und erneut kehrte er wieder zurück in die Stadt.
Dieses Mal nahm er die Gestalt einer schönen Vitamageweihten an und hing sich einen Spendenkorb um, mit dem der verkleidete Larisey durch die Gassen Draconis' wandelte und artig um Spenden bat, mit denen die Vitamakirche Brot und warme Kleidung an die Armen und Schwachen verteilte.
Tatsächlich wanderte auch manche Münze in den Korb und so füllte er sich allmählich.
Doch wie erwartet passierte es - der junge Dieb schlug erneut zu und wollte nun gar die Vitamageweihte bestehlen und das Geld aus dem Spendenkorb nehmen.
Doch jene drehte sich lieblich lächelnd herum, ihre Gestalt schmolz dahin und ihm offenbarte sich der Larisey in seiner ganzen Pracht.
Der göttliche Gesandte griff nach der Hand des Diebes und sprach zu ihm: "Komm, ich zeige dir deine Zukunft, Ungläubiger."
***
Farben verzerrten sich vor den Augen des Diebes, kurz glaubte ihm schwindelig zu werden, doch dann sah er wieder klar und vor sich ein prächtiges Haus.
"Gier," sprach der Larisey mit sanfter, aber bestimmter Stimme zu ihm, "ist ein Werk des Einen. Gier wird dich in seine Hände führen."
In dem Moment wurde dem Dieb klar, wer jener erfahrene Dieb in der Taverne gewesen war, doch bevor er was erwidern konnte, befanden sich die beiden auch schon in dem prächtigen Haus.
"Sieh in den Spiegel dort vor dir."
Der Dieb ging auf den Spiegel zu, betrachtete sein Äusseres - er war nun wohl zwanzig Jahre älter, doch seine Kleidung war prachtvoll. Seide und Samt, durchwebt von goldenen Fäden und verziert mit prachtvollen Stickereien. Er trug goldene Ringe, besetzt mit geschliffenen Edelsteinen und er duftete zart nach einem wertvollen, endophalischen Duftwässerchen.
"Deine Gier," sprach der Larisey hinter ihm, "hatte dich reich gemacht, ja, aber du hast keinerlei Wünsche und Träume mehr, denn sie wurden dir von dieser Gier genommen, da du jeden Wunsch, jeden Traum hast wahr werden lassen."
Arglos lächelnd zuckte der Dieb die Schultern. Und wenn schon - nun hatte er doch alles.
"Doch in der Verblendung, die derjenige, der schon im Geheimen dein wahrer Herr ist, dir geschickt hat, siehst du nicht, was wirklich vorgeht."
Mit den Worten öffnete der Larisey eine Tür. Der Dieb ging in den Raum hinein und sah dort eine schöne Frau, behangen mit allerlei Schmuck, gekleidet in den edelsten Gewändern - sie sah kurz auf, sah sich verstohlen um, wurde aber seiner Anwesenheit wohl nicht gewahr. Stattdessen eilte leise ein Mann hinzu, der wohl zehn Jahre jünger und von schönem Wuchs war.
"Liebling, eile dich - dein Mann kann bald zurück sein."
"Ja, mein Geliebter, doch war mir eben so, als hätte ich was gehört. Auch frage ich mich doch noch, ob es richtig ist, ihn zu bestehlen."
"Das fragst du noch? Er ist doch eh schon verloren, wie du sagtest. Du hast Glück, dass du seinem verdammten Weg nicht folgst und noch rechtzeitig von den Lehren seines Götzen abgeschworen hast. Es ist nur recht und billig, wenn du einen Teil seines Reichtums nimmst und verschwindest, ehe du in die Verdammnis geraten würdest, in der er euren Sohn schon gezogen hat. Ausserdem sagtest du selber, dass er wohl kaum noch Liebe für dich empfindet."
War sie es nicht? Seine Liebste? Sein Herz wurde schwer, während er zusah, wie sie und dieser blendend schön und junge Mann sich an seinen zukünftigen Reichtümern bedienten, dieser junge Mann ihr noch einen innige und liebevollen Kuss gab und dann beide durch ein Fenster in die Dunkelheit der Nacht verschwanden.
Doch sprachen sie nicht auf von einem Sohn?
"Ja, dein Sohn," sprach der Larisey leise mit trauriger Stimme, "er, der so sehr nach dir geraten wird. Er, der dir das Kostbarste stehlen wird."
Er glaubte noch leise Schritte hinter sich zu hören, dann einen Stich in seinen Rücken und ein leises, kaltes und berechnendes Lachen, als er zu Boden ging. Schmerzvoll wandte er sich herum, spürte, wie sein warmes Blut den Rücken hinablief und sah auf zu einer Gestalt, die ihm so sehr ähnelte - ein Bursche von wohl 16 Vitama, jung und kräftig, doch konnte er förmlich sehen, wie schwarz und verdammt sein Herz schon war.
"Warum?" fragte der alte Dieb heiser hinauf.
"Weil du mir im Weg stehst, Vater. Hast du mir nicht gelehrt, nimm dir, was du willst mit allen Mitteln, so oft und so viel wie du magst? Nun, das habe ich gerade vor, denn du bist nun, wo Mutter fort ist, der Einzige, der mir noch im Weg steht zu meinem Reichtum. Ich beerbe dich und mit dem Geld und der Macht, die ich nun haben werde, wird keiner unbequeme Fragen über deinen Verbleib stellen."
Die Sinne schwanden ihm, die Schmerzen liessen langsam nach und er dachte sich gerade, dass er nun zumindest seine Ruhe finden würde... doch hatte nicht der Larisey vom Einen gesprochen?
Qualen, unendliche Qualen, Folter, ewiger Schmerz erwarteten ihn, während er immer weiter schreiend in die ewige Finsternis fiel...
***
Als er wieder zu sich kam, fand er sich in einer kleinen Gasse wieder, sein Oberkörper an einer Hauswand angelehnt. Erschrocken tastete er seinen Körper ab, fuhr mit seinen zittrigen Händen durch sein Gesicht. Er war wieder der junge Dieb wie zuvor.
Rasch rappelte er sich auf, lief hinaus aus der Gasse und sah sich um. Mit einem sanften Lächeln sah eine junge Frau, die auf einer Bank unter einem Baum sass zu ihm hinüber. Sie war es - seine Liebste, das Wertvollste was er hatte und rasch eilte er zu ihr.
"Komm," sprach er, nun aufgrund ihres Anblicks lächelnd, "gehen wir in den Tempel der Vitama und beten wir wieder gemeinsam zu der lieblichen Göttin."
Von da an änderte der Dieb sein Leben - er stahl nicht mehr alles, was ihm unter die Finger kommen konnte, sondern mit Bedacht. Er war zufrieden mit dem was er bekam und dankte der lieblichen Herrin für das Glück, was sie ihm schenkte - das Glück als Dieb, wie auch für das Glück in der Liebe.
Gewiss, so reich an Gütern wie in der Zukunft, die ihm der Larisey gezeigt hatte, wurde er nie, doch hatte er dennoch stets genug zu Essen, stets ausreichend Kleidung und konnte sich, als er seine Liebste mit dem Segen eines Vitamageweihten geheiratet hatte und sie ihm wenig später einen Sohn gebar, ein kleines, aber gemütliches Haus leisten, wo die kleine Familie fortan glücklich und zufrieden sowie im tiefen und dankbaren Glauben an Vitama bis zu ihrem Ende leben.
[OOC: mit schönem Gruss an jenen unbelehrbaren Dieb IG
]