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Einst sagte jemand das Herz eines Jugendlichen sei leicht zu bekommen. Dieser Jemand hatte wohl teilweise recht. Im fortschreitendem Alter ist das Herz wesentlich schwieriger zu erreichen. Menschen die schon einschlägige Erfahrungen und Enttäuschungen in der Liebe verspürt haben, verschlossen sich und ließen nur schwerlich jemanden vordringen zu ihrer Seele. Das ist Schade, denn jugendliche Liebe ist etwas reines, etwas unverfälschtes und von Naivität geprägtes. Sie ist aufopferungsvoll und gleichzeitig von großer Ergebenheit. Wenn man in dieser Jugendzeit die große Liebe findet, kann man stolz auf sich sein, denn all die Verbitterung und die Enttäuschungen mancher die falsch geliebt wurden bleiben einem erspart.
Es war eine wunderschöne Zeremonie. Ihr Herz war von Rührseligkeit gepackt und es fiel ich schwer das Wasser zu dämmen. Als sie sich umsah fiel auf, dass sie nicht die einzige war, die mit ihren Emotionen nicht hinterm Berg hielt. Selbst die erhabene Lehensrichterin weinte vor Rührung. Hochzeiten waren eben stets etwas tröstendes, etwas was einem Hoffnung schenkte für die eigene Liebe oder den eigenen Lebensweg. Die Braut war wunderschön in ihren aus Seide gefertigten Kleid und verborgen von einem hauchdünnen Schleier. Der Bräutigam war von stolzer erhabener Ehrhaftigkeit, auch wenn er schwach wirkte, kein Wunder bei diesen Verwundungen. Es zeigte seine Liebe zu ihr, dass er trotz der schweren Verletzungen gekommen war und mit ihr vor den Altar trat. Wie sehr wünschte sich die junge Knappin einen solchen Mann. Keinen Langfinger, keinen Taugenichts, niemanden der ihr Verlobungsgeschenk einem anderen gestohlen hat. Unweigerlich fast sie sich ans Ohr und spielte an dem Schmuckstück herum. Warum bedeutete ihr dieser Ohrschmuck dann so viel? Seit sie ihn bekommen hatte, hat sie ihn keinen Moment lang abgelegt. Selbst im Schlaf trug sie die Ohrringe. Diese Sentimentalität für ein ergaunertes Objekt machte sie stutzig, denn immer öfter fragte sie sich selbst, ob sie eine ehrlose Person ist. Jemand der die Gesetze nicht achtet und von schlechtem, falschen Charakter ist. Ihr bisheriges Leben bestand aus Ehrlichkeit, Tugendhaftigkeit und Edelmut. All jene Tugenden die ihr Vater jedem ihrer Geschwister und auch ihr in die Wiege gelegt hatte. Dies alles wurde von einem Menschen untergraben den sie so abgöttisch liebte. Tag um Tag stürtze diese Beziehung sie in einen argen Zwiespalt. Das sie nun auch Gefühle für eine andere Person entwickelte, vereinfachte die Sache nicht umbedingt. Jener Zweite war von Ehre, ging einem ehrlichen Tagewerk nach und war auch noch hoch angesehen. Rolosin, die Lichtseite ihrer Liebe und gleichzeitig ein so guter Freund, der sie augenscheinlich verstand, aber von unsäglicher Tolpatschigkeit war. Ein Wesenszug der ihn mit Arel verband.
Die ganze Feier über war sie sich der Anwesenheit des Feldschers gewahr. Er saß im Tempel hinter ihr, wachte mir Argusaugen über sie und ließ sie kaum einen eigenständigen Schritt machen. Zur erst war ihr seine Eifersucht nicht klar, erst als sie ihn beim herum wenden mit tödlichem Blick - gerichtet auf ihren Nebensitzer - erwischte, wurde ihr schlagartig klar wie er dachte und fühlte. Diese imbrünstige Eifersucht war ebenso Wesenszug ihres Verlobten, dieser hielt damit jedoch mehr hinterm Berg, was sie sympathisch, aber wiederum unehrlich fand. Die Öffentlichkeit von Rolosin's Eifersüchtelein war ihr eher peinlich. Den ganzen Abend gingen sich die beiden aus dem Weg. Zwar tauschten sie hin und wieder Blicke aus, die ihrerseits wohl wehmütig waren, wegen der Klufft die zwischen ihnen entstanden war, sonst hielten sie sich aber fern von einander. Mirian wusste, dass dem Feldscher dies recht war, denn er hatte unmissverständlich klar gemacht, dass er sichere Fronten wollte, bevor er sich auf irgendwas einließe. Dies war durchaus verständlich, wer setzte sich schon gerne in ein ungemachtes Nest? Selbst die unbeholfenen Versuche der noch so kindlich wirkenden Rekrutin halfen da nicht. Alles was diese sich einfing war eine Standpauke über Unerfahrenheit in solchen Dingen wie der Liebe und das ausgerechnet von einem 18 Jahre alten Geschöpf, dass selbst noch nicht den richtigen Platz im Leben gefunden hat. Rolosin's hinzu kommen wurde unterlegt von Missmutigkeit seinerseits. Er hielt nicht viel von den Versuchen der Bannerrekrutin und machte das unmissverständlich klar. Diese jedoch reagierte völlig überfordert und erwehrte sich mit Hand und Fuß - natürlich verbal - ihres Leibs. So zornig und gleichzeitig so niedergeschlagen hatte die junge Knappin den Feldscher noch nie gesehen. Als er dann auch noch kommentarlos davon raßte, folgte sie ihm entschlossen. Entschlossen? Nein, eher nicht, denn sie hatte keine Ahnung was sie ihm sagen sollte, aber allein lassen wollte sie ihn nicht. Als sie ihn hinter der neu gebauten Stadtmauer fand, hörte sie seine kläglichen Laute und sein Geweine. Als sie ihm Nähe geben wollte, durch eine Umarmung, wies er diese ab. Als sie Worte an ihn richten wollte, die unüberlegt in ihrem Geist aufgekommen waren, unterbrach er sie. "Geh zu deinen Arel, heirate ihn und lass mich zufrieden." Der Satz war wie ein verbaler Schlag ins Gesicht. Ernüchterung war das Resultat und kurz darauf innige Wut und Trauer. Auch sie hatte angefangen zu weinen und schmetterte ihm alle möglichen Beleidigungen entgegen. "Tolpatsch, Idiot, Trottel." All diese sanften Neckungen, die nur ein Anstoß in die rechte Richtung sein sollten. Was sie sagen wollte, hatte sie runter geschluckt. Diese Worte die sie so säuberlich zurecht gelegt hatte, verdiente er im Augenblick nicht. Sollte er sich doch seiner Verzweiflung hingeben, schwach wie er war. Als sie sich zum gehen wendete, hörte sie jedoch ein "Platsch" hinter sich. Wie vom Donner gerührt fuhr sie nach kurzem zaudern herum und sprang über die Klippe, im festen Glaube es versuche sein Leben zu beenden. Bedacht hatte sie dabei nicht, dass sie unter dem teuer geschneiderten Kleid noch ihre Kettenrüste trug. Diese war eine enorme Last im Gewässer und zog sie immer wieder unter den Spiegel. Nur mit Hilfe des Feldschers schaffte sie es wieder an Land. Dankbar war sie, auch war diese kurze Schwimmtour eine Erleicherung gewesen, jedoch war sie noch nicht gewillt ihre leisen Worte - diese ausgewählten Worte - an ihn zu richten. Diese Chance hatte er heute verspielt und sie wollte nur heim.
Schnitt und Anfang. Sie auf ihrem treuen Pferd. Arnika die Ungestüme. Mittlerweile gehorchte sie ihr recht gut, auch wenn die Stute von der Feuchtigkeit der Reiterin nicht begeistert war. Wie ein begossener Pudel saß sie auf dem Rücken des Halbblut Stute aus Khalandrien. Immer noch war sie zornig auf den Feldscher und wütend auf sich selbst, weil sie so mit sich umspringen ließ. Was sollte sie aber anderes tun? So war sie eben, zu gutmütig für Tare. Den Ritt über ließ sie den kompletten Abend Revue passieren, bis sie Brandenstein erreichte und schließlich das kleine Häuschen. Ihr kleines Häuschen, auch wenn Arel als Mieter eingetragen war. Hier hatte sie viele schöne Stunden mit ihrem Verlobten verbracht, ihn besser kennen gelernt als jeder andere auf der Insel und er hatte ihr seine Lügen offen dargelegt. Ob das genügen sollte? Oder wollte sie von ihm verlangen sich gänzlich zu verändern? Ein ehrliches Leben zu führen so wie sie? Das konnte sie nicht, da er dann das selbe von ihr verlangen konnte. Sie wusste das er nicht angetan war von der Vorstellung, dass sie in Schlachten ritt. Hinter sich schloß sie leise die Tür des Schlafzimmers. Aus den nassen Kleidern stieg sie heraus und trat an das Bett heran. Er schlief so friedlich, genau wie dieser niedliche Welpe, den er ihr mitgebracht hatte vor gar nicht langer Zeit. Eingerollt lag das Hundekind am Bettende und zuckte ab und an im Schlaf. Diese häusliche Ruhe, dieses Gefühl des Familienlebens hatte sie nur bei ihm und saß sie zwischen zwei Stühlen und wusste nicht auf welchem sie Platz nehmen sollte. Sie stieg in das Bett, wickelte sich in die Decke, schmiegte sich an ihren Verlobten und schloß die Augen. Schon bald war sie von der Müdigkeit übermannt worden.
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"It seems as if heaven had sent its insane angels into our world as to an asylum, and here they will break out into their native music and utter at intervals the words they have heard in heaven; then the mad fit returns and they mope and wallow like dogs." Ralph Waldo Emerson, 1841
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Zuletzt geändert von Shaila: 1.07.05, 12:20, insgesamt 1-mal geändert.
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