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„Noch Wein gefällig?“
An einem regnerischen Tag, kurz vor der "Abreise".
Die wulstige Hand des älteren, gepflegten Herrn, tragend die eigene Weste mit selbem Stolz wie die Geheimratsecken, welche sich mittlerweile ihren Weg weit über die Schädelmitte gebahnt haben, trägt an jedem seiner wurstigen, kurzen Finger einen Ring. Gesiegelt sind die meisten von ihnen, tragend so manch bekanntes Wappen, geflügeltes Tier oder einen Stein in saphirrot, smaragdgrün, funkelnd und schimmernd, jenen Status vermittelnd, in welchem er nur zu gerne verkehrte. Verkehrte und nie wieder verkehren wird. Denn was nützen Klimbimm, edelster Schmuck wenn das Herze in der Brust mit einem Male seinen Dienst quittiert und versagt? Unter lautem Scheppern lässt er den bronzenen Becher auf die kunstvoll ausgearbeiteten Bodenfliesen, endophalische Importware, fallen und der rote Traubensaft ergiesst sich ausgiebig über den Boden, versickert in den feinen Fugen zwischen den Platten. „Was habt ihr…“ Der dickliche Herr, denn Wanst dem eines ausgewachsenen Hausschweins Konkurrenz hätte machen können, fasst sich mit der beringten Rechten an die Kehle, während zwei hoch gewachsene, adrette, gar stoische Personen im Hintergrund verharren, die Situation mit fachmännischem Blicke begutachtend. „Siehst du, Liebes, ich sagte dir doch, dass ein Esslöffelchen genügen würde. Du hast vielleicht magische Hände mit welchen du so manch Leiden zu beheben weißt, aber die alchemistischen Belange lässt du besser in meinem Verantwortungsbereich.“ „Wirklich schade, nicht wahr, Henry? Ein solch spendabler Geldgeber und ein solch belangloser, schmerzvoller Tod.“ Die vornehme Dame hebt das, mit vornehmlichst drapierten Gemüsescheiben belegte, Brötchen zu ihren Lippen und knabbert an der knusprigen Kruste herum. Ebenso ungebremst wie der Fall des Weinkelches gestaltet sich jener des Dicken, einen eleganten Ausfallschritt zur Seite tätigend, landet er, den einst stolz getragenen Bauch voran, im mit Rosenduftölen angereicherten Wasserbassin, welches sich in seiner grosszügigen Form und Grösse in den unteren Stock des Badehauses einbettet. „Das“, der Herr im Hintergrund hebt mahnend seinen eher dünnen Zeigefinger an, „hätten wir besser einplanen können. Nun heisst es anpacken, Weib.“ Die beiden eigenen Weingläser zur Seite gestellt, ausreichend weit über den Beckenrand gelehnt, zerren sie den nicht wirklich zierlichen Mann zurück ans Trockene.
„Das Loch ist nicht tief genug, mein Schatz, du vergisst, dass unser Freund hier etwas beleibter ist als unsereiner.“ Henry wirft die gusseiserne Schaufel zur Seite. Der Regen und das Graben haben ihren Tribut an seiner Kleidung gefordert, über und über verdreckt sind sein einst saubres, weisses Hemdlein und die feinen Hosen, welche er stets zu Verhandlungszwecken und zur Vertretung des Badehauses zu tragen pflegte. „Der Gute muss hier rein passen. Noch länger wälze ich mich nicht im Schlamm, lass deine Fantasie walten, Rattenschnäuzchen.“ Mit einem grazilen Sprung entsteigt er dem Erdloch, sauber angelegt im hinteren Teil ihres prächtigen Gartens. Zwischen Betunien und Narzissen. Das mit einigen hübschen Kordeln versehene Schirmchen über den Kopf haltend, schwebt sie grazilen Schrittes zu ihm vor, stets darauf bedacht den unsäglichen Pfützen auszuweichen. „Den Körper aufteilen macht zuviel Schmutz und ist schädlich für die Blumen. Vielleicht können wir ihn seitlich…“ Leicht sinkt ihr Kopf zur linken, während sie mit der rechten Hand Mass zu nehmen scheint, ehe sie ernüchternd aufseufzt. „Man hat es nicht leicht.“ Getragen von einer aufkommenden Windböe, lässt sie ihren Schirm los, welcher sogleich im Dunkel der Nacht, über dem Giebel des Hausdaches verschwindet. Beherzt packt sie den Fleischberg an den Knöcheln und schleift ihn undamenhaft durch den Dreck stapfend an den Rand der Mulde. Noch schnell eine wehende schwarze Haarsträhne hinters Ohr gestrichen, ehe sie den Dicken mit einem leichten Antippen ihres rechten Fusses ins Loch befördert. „Man freue sich immer wieder mit ihnen Geschäfte zu machen, werter Herr Tulander.“ Das aufgequollene Gesicht voran, fällt die Leiche in die, bereits zu einem kleinen Teil mit Regenwasser gefüllte Grube. „Siehst du, mein Herz, er passt doch rein.“ Er legt seinen verdreckten Arm um ihre Schulter, nicht bemerkend, dass sich zwei Mannen der Stadtwache Venturias an ihrem Gartentor eingefunden haben, angestrengt die mattlichtige Laterne in ihre Richtung anhebend. „Bei ihnen alles in Ordnung?
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