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 Betreff des Beitrags: Vaterliebe
BeitragVerfasst: 26.08.05, 06:12 
Ehrenbürger
Ehrenbürger
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(Vorweg ein paar nicht Geschichten bezogenen Dinge: Diese Geschichte entstammt eines nächtlichen Schreib-Exzesses. Sie enthält soviele Fakten über den Hintergrund Savaros wie ich zu so später Stunde auftreiben konnte. Den Rest habe ich einfach hinzu gedichtet. Eventuell spiegelt sie nicht die Ansichten des Staffes wieder. Falls es störende Einzelheiten gibt, soll man mir das sagen und ich bin bereit die Story nochmal zu überarbeiten. Soviel erst mal dazu, viel Spaß beim lesen.)

Es war ein lauwarmer Tag im Herbst. Die Sonne stand im Zenit und beschien den grauen Vorhof von Burg Savaro, dem ganzen Stolz des herzoglichen Lehensherren. Die hochangesehenen Ritter des Lehens Savaro hatten sich zum altäglichen Training zusammen gefunden. Klirrend trafen Schwerter auf die Waffen der Kontrahenten. Durch die Reihe hindurch waren die Knappen schon erfahrene Krieger und versetzten ihre Herren ein ums andere mal in Staunen. Eine jugendliche Frau fiel jedoch völlig durch das Raster der kampfstarken Knappen. Zum vierten mal hatte ihr Herr sie mit einem einfachen Hieb entwaffnet und lautstark scheppernd knallte die Waffe gegen den hochaufragenden Wehrwall. "Mirian, bei allen Göttern, konzentrier dich !" Die schneidende Stimme des Greifenritters hallte über den ganzen Hof. Schames Röte schoß der jungen Frau ins Gesicht und sie nickte verbissen, während manche Knappen ihre Disziplin vergassen und sie hämisch oder mitleidig ansahen. Sofort erhielten sie einen Tadel ihrer Herren. Artig sammelte sie ihr Schwert wieder auf und positionierte sich aufs neue vor ihrem geadelten Vater, der sie seit einem Monat im Kampf unterwies. Vernehmlich zog die junge Knappin die Luft ein, ehe sie einen schnellen Streich zum Oberkörper ihres Vaters ausführte. Dieser sah den Hieb viel zu früh kommen, griff ihr Handgelenk (er machte sich nicht mal die Mühe das eigene Schwert zur Abwehr zu nutzen) und trat ihr mit Wucht in die Kniekehle, wodurch sie augenblicklich zusammenbrach. Keuchend und nun mehr rot vor aufgestauter Wut, lag sie auf dem Rücken und starrte zum Himmel. Ein Drachenritter, der die rechte Hand des Lehensherren war und den Orden in diesem Teil Galadons leitete, verkündete das Ende des heutigen Trainings. Die bedröppelte Knappin setzte sich langsam auf, klopfte ihre Kettenrüstung ab und steckte das Schwert zurück in die schlichte Lederscheide. Unter dem strengen Blick ihres Vaters senkte sie schuldbewusst den Blick und folgte selbigem dann nachhause. Ihr Haus war eines der stattlicheren in Burg Savaro. Es befand sich im zweiten Unterring der Festung, direkt an den Burgfried gebaut. Aus rotem Stein und mit gekreuten Holzverstrebungen gebaut, fiel es vollkommen aus der Optik der anderen Häuser, die überwiegend in Grau und Weiß gehalten waren. Geknickt trat Mirian hinter ihrem Vater über die Türschwelle. Sie gelangten in den großen Hauptraum, der aufgeteilt war in einen großen Esstisch und einer Küchenzeile im Eck. Es herrschte genug Platz für mehr als sieben Personen. Am Tisch saß Mirian's Bruder, der Falkenritter Arnando und unterhielt sich mit sichtlichem Stolz mit seinem endophalischen Knappen. Als die beiden eintraten sprang der Knappe auf und verneigte sich vor Sir Horace Lasar. Sir Arnando blieb sitzen, er nickte seinem Vater nur respektvoll zu und lächelte freundlich. Horace ignorierte die beiden, der Knappe setzte sich wieder und vertiefte sich wieder in das Gespräch mit Arnando, welches zu Mirian's Leidwesen gespickt war mit Lobhuldigungen ihres Bruders, für seinen 21 jährigen Zögling. Ihr wurde schlagartig bewusst was für eine Schande sie für diese gloreiche Familie war. Die erste Frau, welche den Weg des Ritters beging und sie musste sich oft die Spötteleien von anderen Knappen anhören. In Savaro waren weibliche Knappen eine Seltenheit. "Ist es mit erlaubt mich für heute zurück zu ziehen, Sire?" Die leise, mädchenhafte Stimme erklang und sie vermied es tunlichst ihren Erzeuger direkt anzuschauen. Stattdessen betrachtete sie ihre eigenen Füße. Der Greifenritter nickte nur einmal knapp, ehe er mit schroffer Stimme sprach. "Sicher, ruh dich aus, aber wache vor dem Morgengrauen auf und mach dich fertig. Wir müssen an deiner Schwerttechnik feilen." Mirian spürte den gehässigen Blick des Endophalis auf sich. Kurz darauf hörte sie dessen schmerzhaftes aufkeuchen. Arnando hatte ihm einen unsanften Stoß gegen den Hinterkopf gegeben. Das befriedigte Mirian, sie war sich aber im klaren, dass sie nicht in der richtigen Position war um sich nun über Ahab Nashid Nusaji El-Hadin lustig zu machen. Er war ein erfahrener Krieger, sie nur eine tolpatschige Schwertfuchtlerin. Trägen Schrittes ging sie die knarzende Eibentreppe in den ersten Stock hinauf. Sie bog nach links in den zweitürigen Korridor ein und nahm die rechte der beiden Türen. Als sie in ihr Zimmer kam, ein schlichter Raum mit einem Federbett, einem Nachttisch mit Wasserkaraffe und einem Schrank, entledigte sie sich ihres Rüstzeugs und der güldenen Knappentracht. Nur noch gekleidet in die Linnenkleidung, die sie stets unter der Rüstung trug um hautreizendes Scheuern zu vermeiden, sank sie auf ihr weiches Bett herab. Die Schmach die sie für ihren Vater bedeutete machte sie krank und ihr Magen zog sich eisig zusammen. Wenn sie sich im nächsten Monat nicht bessern würde, dann würde sie ihrem Herren und Vater um den Austritt aus dem Orden bitten. Sie lag eine Weile wach, mit der Überzeugung sowieso nicht schlafen zu können. Unentwegt starrte sie empor zur düsteren Decke. Im halbdunkeln tanzten undefinierbare Schatten an selbiger, herein getragen durch das Fenster rechts neben ihrem Bett. Draußen hörte man die Nachtwachen mit scheppernden Rüstungen patroullieren und die Lichter deren Laternen erhellten ihr Gemach und warfen rotes Licht durch den Raum. Es war wohl schon nach Mitternacht, als der schlaf sie übermannte.

Sie träumte gerade wie sie auf einem stolzen Schimmel saß, gewandtet in das güldene Kleid der Falkenritter und Gerüstet mit der edlen Rüstung eines galadonischen Meisterschmieds, als sie schroff geweckt wurde. Mit beiden Händen schüttelte sie ihr Vater an den Schultern gepackt durch. "Wach auf du Nichtsnutz !" Schrie er voller klar vernehmbarer Enttäuschung. "Stellst dich beim Training wie der letzte Bauer an und verschläfst dann auch noch." Die Worte trafen sie hart. Nicht wegen ihrer eigentlichen Bedeutung, sondern weil sie sich der Enttäuschung ihres Herren bewusst war. "Ich warte draußen, kleide dich schnell an." Horace rauschte hinaus und knallte hinter sich die Türe ins Schloss. Schwerfällig erhob sich Mirian von ihrem Bett und sammelte die Knappentracht auf. Wenige Momente später kam sie voll gekleidet und gerüstet die knarzende Eibentreppe herab. Am Fuß dieser stand der mürrisch drein sehende Greifenritter. Noch bevor sie unten an kam wendete er sich um und schritt zügig voran. Da er fast zwei Meter groß war, hatte sie Probleme Schritt zu halten. Ihre Beine waren wesentlich kürzer als die ihres Meisters. Er führte sie den Bellumsweg herab und bog in die Lifnagasse ein und von dort ging er den Azurweg herab. So früh am Morgen herrschte nur wenig betrieb. Einige Wachen salutierten als sie an ihnen vorbei kamen. Die wenigen Bürger die wach waren äußerten Respektsbekundungen im vorbeigehen. In der Ferne sah Mirian die wohl bekannte Sillouhette des Übungsplatzes. Der Boden dort war bedeckt mit eingetrocknetem Blut und von tiefen Schnitten daneben gegangener Hiebe gezeichnet. In der Luft lag ein süßlicher Blut Geruch, vermischt mit Schweiß. Ohne anzuhalten betrat der Sire die Arena und winkte seine Knappen heran. "Zieh dein Schwert," maulte er sie streng an. Mirian tat wie ihr geheißen und auch Horace zog seine Klinge. Sie konnte Wut in seinen Augen sehen. Er regte sich scheinbar über etwas auf. "Verteidige dich," warnte er noch vor, ehe der erste blitzschnelle Hieb auf sie zuraßte. Durch einen Seitenschritt wich sie diesem gerade noch aus. Es schien fast so als habe der Ritter damit gerechnet, denn sofort brach er den Schlag mittig ab und ging über in einen harten Streich gen Hüfte. Mirian zögerte, bevor sie ihr Schwert herum riss und in die Bahn des Ritterschwertes legte. Lautes Klirren war zu hören und ein stechender Schmerz machte sich in ihren Handgelenken breit. Horace besaß eine enorme Kraft und setzte diese mit tödlicher Präzision ein. "Das war nicht schlecht, Knapp. Weiter so !" Blaffte er sie an, ehe er sie mit einer schnellen Kombination von Hieben, Stichen und Streifschlägen eindeckte. Ein paar konnte sie abwehren, anderen wich sie tumb aus, einmal fiel sie über die eigenen Füße, um einen Schlag zu entgehen, der ohne Zweifel ihren Kopf gespalten hätte. "Steh auf ! Nur Gewürm kriecht am Boden !" Mit verletztem Stolz erhob sich die Knappin wieder und erhob abermals ihr schlichtes Langschwert. Horace ging sofort wieder in die Offensive. Ein Stich unterging ihr Schwert, wurde nach oben gezogen und schlug ihre Klinge aus dem Weg. Einen horizontalen Hieb auf Kopfhöhe führte der Ritter aus und Mirian spürte einen stechenden Schmerz an der Wange. Durch den Schock verlor sie das Gleichgewicht und schlug hart auf dem Boden auf. Sie spürte wie ein nicht gerade minimales Blutgerinsel über ihre Wange lief, während sie verängstigt zu ihrem Vater aufschaute. Dieser starrte sie entsetzt an. Seine Wut war wie weggeblaßen. Er zitterte, dann ließ er sein Schwert fallen, es landete klirrend auf dem geschundenen Holzboden. Tränen traten in die Augen ihres Mentors und er wisperte leise; "Verzeih mir, Tochter." Dies alles war zuviel für sie, ihr Kopf schwirrte und dann merkte sie wie ihr schwarz vor Augen wurde.

Sie blinzelte. Ihr war warm. Verschwommen sah sie die Verstrebung einer ihr unbekannten Decke. Neben ihrem Bett hörte sie Leute sprechen. Die Stimmen identifizierte sie als die ihres Vaters, die ihrer Mutter und die der alterserwürdigen Stadtheilerin von Savaro. "Sie hat ziemlich viel Blut verloren. Ich konnte den Schnitt nähen, es wird aber zweifelsohne eine Narbe zurück bleiben. Sobald sie erwacht kann sie das Heilerhaus verlaßen." Die Stimme er alten Heilerin hatte etwas beschwichtigendes, sanftmütiges. Genau für diese besonnene Art wurde sie so sehr geschätzt im Lehen. Sie galt neben den Hofheilern als eine der fähigsten Kapazitäten auf ihrem Gebiet. Miriran zog die Hand unter der Decke hervor und betastete unsicher ihre Wange. Tatsächlich konnte sie eine Naht ertasten, die sich über ihre linke Wange erstreckte. Schaudernd senkte sie die Hand und riskierte nun einen Blick auf ihre Eltern. Ihre Mutter hatte rot verquollene Augen, sie hatte ausführlich geweint. Ihr Vater war leichenblass und seine Miene war gezeichnet von Schuld. Die Worte der Heilerin hatten wenigstens auf das Gesicht der Mutter ein kleines Lächeln gezaubert. Als würde sie das Erwachen ihrer Tochter spüren, wandt sie den Kopf zu ihr und lächelte nun breiter, glücklicher und stürzte dann auf Mirian's Bett zu. Neben diesem kniete sie sich nieder und griff nach ihrer Hand, welche sie fest mit den ihrigen umschloss. "Mirian, Liebling, alles in Ordnung? Wie fühlst du dich? Geht es dir gut?" Hastig und überschlagend sprudelnden die Worte aus dem Mund ihrer Mutter hervor. Mirian nickte zögerlich und behielt ihren Vater im Blickfeld. Dieser wagte es nicht sie anzusehen, stattdessen ging er stumm zur Tür hinaus. Dieses Verhalten versetzte ihr einen tiefen Stich in der Herzgegend. Als hätte sie Mirians Gedanken gelesen, sprach ihre Mutter dann;" Er gibt sich selbst die Schuld dafür. Dauernd sah er deine Brüder vor sich, die dir körperlich so überlegen waren. Dadurch übersah er deine eigentlichen Talente und hält sie nun für einen schlechten Lehrmeister. Lass ihm Zeit, er wird sich schon wieder fangen." Mirian nickte stumm und tiefe Traurigkeit stieg in ihr auf. Einen schmerzhaften Kloß fühlte sie in ihrem Hals und sie schluckte schwer. Bevor die Tränen losbrachen wandte sie ihrer Mutter den Rücken zu. Diese überließ sie sich selbst, erhob sich ebenso und folgte seufzend ihrem Gatten hinaus.

Am selben Abend noch kehrte sie wieder in ihr Elternhaus zurück. Ihr Vater hatte bereits an der großen Tafel im Hauptraum des Hauses auf sie gewartet. Seine Mimik war ernst und sorgenvoll zugleich und er wies sie an Platz zu nehmen. "Tochter, ich habe lange nachdenken müssen über diverse Dinge. Darunter auch so heikle Themen wie deine Ausbildung unter meinen Fittichen." Er legte eine Minute des Schweigens ein. In dieser kurzen Zeit musterte er aufdringlich die noch mit Nähten zusammen gehaltene Wunde an der Wange seines jüngsten Sprößlings. "Ich habe dich mit falschem Maß gemessen. Du bist weder Tiuri noch Erinwald." Die Erwähnung ihres geliebten Bruder Erinwald schmerzte sie. Er war vor einigen Jahren von aufwieglerischen Wegelagerern getötet worden. Mittlerweile hatte sich heraus gestellt, dass die Blutroten Reiter (wie sie sich selbst nannten) von Anhängen Angamons unterwandert worden waren und angehalten wurden im Lehen Savaro soviel Chaos wie irgendmöglich zu verursachen. Diese Organistation war nun zerschlagen, nur wenige waren entkommen und die meisten Mitglieder dieser Gruppierung waren hingerichtet worden. Nur einer der leitenden Köpfe war immer noch auf freiem Fuß. Sein Antlitz sah man überall in der Stadt. Die Wachen hatten Wände mit den Steckbriefen tapeziert. "Ich kam zu dem Entschluss, dass ich dir kein guter Mentor sein kann. Du hast viele Talente die deine Brüder nicht haben. Deine aufgeweckte Art, deine Intelligenz und deine Ruhe waren stets deine Stärken. Die deiner Brüder war überwiegend ihre Kraft und ihr unabdingbarer Glauben an den Kodex, den du sicher auch irgendwann haben wirst." Eine künstlerische Pause trat ein, woran Mirian merkte, dass ihr Vater diese kleine Ansprach wohl auswendig gelernt hatte und sie nun herunter leierte. "Es wäre das beste du trittst aus meinem Dienst aus und suchst dir einen neuen Herren. Vielleicht hast du in Draconis Glück. Ich kann dir eine Adresse geben. Eine zum Ritter geschlagene Knappin meines ehemaligen Mentors. Sie dient als Steuereintreiberin und Unterkommandantin des Bürgerviertels von Draconis." Mirian's Mund war staub trocken. Diese Bitte erschütterte sie. Viel mehr noch wühlte sie jedoch das Wissen um den Charakter ihres Vaters auf. Er tat es nicht für ihr Wohl, er tat es um seine angebröckelte Ehre wieder her zu stellen. Das Ritter ihre Knappen beim Training halb tot schlugen gab es häufiger, aber dass Eltern ihre Kinder bewusst dem Tod aussetzten, war eine Seltenheit. Da sie beides war, stürzte sie ihren Vater in einen ziemlichen Zwiespalt. Diese Zwickmühle konnte er nur auf einem Weg entgehen, indem er sie in die Obhut eines anderen Ritters übergab. Da die savoranischen Ritter alle Zöglinge hatten, war es klar, dass Mirian Savaro verlassen musste, um sich die Hörner abzustoßen. Nach ihrem Ritterschlag wäre es ebenso unwarscheinlich, dass sie wieder zurückkommen würde, denn normalerweise dienten die ehemaligen Knappen im selben Lehen wie ihr Mentor und Ausbilder. Die einzige Reaktion auf Horaces Worte war ein sachtes Nicken der jugendlichen Frau. Aufmunternd lächelte er sie an, was bei ihr aber keinerlei Resonanz hervor rief. Sie lächelte nur falsch zurück, erhob sich dann und ging in ihr Zimmer, um Vorbereitungen für ihre Reise zu treffen.

Der alternde Ritter fühlte einen Stich in seiner Seele. Dort vorne sah er die Sillouhette seiner einzigen Tochter kleiner werden. Immer noch wurde das Getrappel ihres Pferdes zu ihm herüber getragen, es war aber mittlerweile so leise, dass man es als Wunschdenken abtun konnte. Wie gerne hätte er sie in seiner nähe gewusst, um zu sehen wie sie sich entwickelt. Nun war sie außerhalb seines Wirkungsbereichs, unabhängig und ohne die väterliche Autorität. Ohne jeden Zweifel würde er es vermissen ihr Geschichten seiner Heldentaten zu erzählen und dann das begeisterte Funkeln in ihren Augen zu sehen. Die größte Ehre die er je erlangt hatte, war das leuchten in ihren Augen, wenn er ihr erzählte, wer ihr Vater war. Für diese Momente würde er seine Ritterwürde und seine Ehre abgeben und als einfacher Bauer seinem Tagewerk nachgehen. Nun war sie fort und mit ihr ging auch ein Teil von ihm. Der übrige Teil wendete sich um und ging wieder auf den steinigen Hof der Ringburg Savaro. Auf einer kargen Steinbank nahe des Brunnens zu Ehren König Cumars des 2. ließ er sich nieder. Lange Zeit saß er da, vernahm das Hufgetrabbel von herein kommenden Reitern, erwiederte geistesabwesend Grüße von Mitrittern und zermarterte seinen Kopf. Wie ein Theaterstück liefen die Erinnerungen an seiner Tochter vor seinen Augen ab. Ein buntes Treiben, meist übertrieben farbenfroh und wesentlich heroischer als es eigentlich der Fall war. Diese Märchenwelt in die er sich fast einen Zyklus lang flüchtete, brach jäh zusammen als sich jemand zu ihm setzte. Vertraulich legte sich eine Hand auf seine Schulter und drückte diese, nur um zu signalisieren das jemand für ihn da war. Als er den Kopf wendete sah er ins Antlitz seines ältesten Sohnes Arnando. "Sei gegrüßt mein Sohn. Hast du dich von ihr verabschiedet?" Man sah ein Lächeln auf den Lippen des 30 jährigen Ritters. Stumm nickte er. "Was wohl aus ihr werden wird? Sie ist so anderst als du." Arnando's Züge wurden nachdenklicher, dann antwortete er mit vorsichtiger Bedachtheit. "Das stimmt, sie ist anderst. Genau das prädestiniert sie. In unserer Familie hatte niemand ein so gutes Herz wie sie, außer vielleicht Erinwald. Er war ihr sehr ähnlich und sie bemüht sich ihm nachzustreben." Ein leises Lachen entwich dem gut 50 jährigen, alten Greifenritter. "Ja, sie ähnelt Eri." Eine Weile saßen sie schweigend da und schwelgten in Erinnerungen. Im Kopf des Vaters formte sich das Bild einer verdreckten Rotzgöre, die mehr als gerne Streiche spielte. Wie oft waren verärgerte Ritter oder Beamte des Herzogs zu ihm gekommen, um ihr missgefallen am töchterlichen Verhalten kund zu tun. In tangierte das wenig, er hat sich immer prächtig amüsiert. Natürlich wurde sie bestraft, aber es war immer milde genug um sie nach einer gewissen Schock-Phase wieder zu neuen Frechheiten zu animieren. Dieses Bild verschwamm und zeigte ein gänzlich anderes Kind. Ein trauriges Mädchen, gekleidet in die besten Stoffe. Ein Zögling mit Hoffnungslosigkeit im Herzen und einer Neigung zum Herren Morsan in ihren Gebeten. Ein Kind das seinen Bruder vermisste, der für sie mehr war als nur ein Blutsverwandter. Ein Seelenverwandter. Und dann war da die junge Frau. Jene junge Frau die wusste wie man ein Schwert führt. Zwar nicht perfekt, aber sie konnte sich wehren. Die Unerfahrenheit bügelte sie aus durch ihren emsigen Willen zu lernen und trotz dieses burschikosen Verhaltens wusste sie ihre Schönheit zu bewahren. Das Gesicht der jungen Kriegerin änderte sich, eine Narbe kam hinzu. Zugefügt durch das Schwert ihres Vaters. Ein bitterer Ausdruck lag in ihren Augen. Enttäuschung und Wut. Dies alles wandelte sich aber nochmals, Entschlossenheit kam hinzu. Dann verschwand das Bild vor dem inneren Auge der beiden Ritter. Was zurück blieb war Ungewissheit. "Aus einem Mädchen wird eine Frau. Aus einer Frau wird eine Knappin. Aus einer Knappin wird eine vielversprechende Ritterin." Diese Worte kamen aus dem Mund ihres Vaters, ehe er lächelte, was seine zahlreichen feinen Fältchen offenbarte. "Du meinst wohl aus einer Rotzgöre wird eine Frau." Beide lachten und für ein Weilchen waren ihre Herzen leichter.

Zwei Wochen waren vergangen seit dem Mirian Savaro verlassen hatte. Bisher hatten sie nichts von ihr gehört. Wahrscheinlich war sie immer noch auf der Suche oder gar noch nicht mal in Draconis angekommen. Alles was bisher ankam war ihr Pferd. Es war von einem Knecht aus Umdesd gebracht worden. Eine Nachricht hatte die vermisste Tochter nicht geschickt. Immerhin wurde dem alten Ritter vom Knecht versichert, dass es seiner einzigen Tochter soweit gut geht. Am Abend zog sich Sir Horace in die Stallung zurück und widmete sich der Pflege des töchterlichen Schimmels. Silberhof war endophalischer Abstammung. Nicht so kräftig wie die galadonischen Pferde, aber pfeilschnell und treu ohne Grenzen. Dieses Pferd zu zureiten hatte Monate beansprucht. Mit dem Striegel fuhr er über das von der Reise beanspruchte und staubige Fell. Als würde das Tier danken, neigte es das Haupt und stieß ein Schnauben aus. Sanft tätschelte er den Hals des treuen Weggefährten seiner Tochter. "Wie sehr wünschte ich mir du könntest sprechen. Was könntest du mir alles über sie erzählen. Du hast sicher mehr von ihr gesehen als ihr eigener Vater." Ein leises Hufkratzen über eine heufreie Stelle war die einzige Antwort. Nachdem er das Tier auch noch mit gutem Futter vom nahen Gestüt versorgt hatte, verließ er den Stall und machte sich auf den Weg in die innere Burg. Der Abend war stets die Trainingszeit für die Ritter Savaros. Unter den stechenden, strengen Blicken Sir Elister McNairs erprobten die Ritter verschiedene Angriffstaktiken und verbesserten ihre Schwertführung. Ristridin trat an seinen alten Freund, den bärbeißigen Drachenritter heran. "Bellum zum Gruß, Elister," erklang seine sonore Stimme. Die stahlblauen Augen des in rot gewandteten Ritters richteten sich auf ihn. "Dem König zu aller Ehre, Horace." Nach der Begrüßung schwiegen sie. Statt dessen beobachteten sie wie Arnando seinen alten Freund Ergon Lestar zum zweiten mal zu Boden warf. "Dein Sohn macht sich gut. Der Herzog trat schon vor einer Weile an mich heran und bat darum ihm den Titel eines Reichsritters zuzusprechen, überwiegend wegen seiner Verdienste in Endophal." Horace dachte daran was sein Sohn ihm über Endophal erzählt hatte. Er war unter Elisters Kommandatur in die äußeren Regionen des Wüstenlandes gereist. Genauer gesagt nach Gol-Air. Dort hatten sie mit einem adligen Familienoberhaupt der Regentenfamilien diniert und diverse Staatsgeschäfte besprochen. Diese Aufgaben fielen immer unterschiedlichen galadonischen Lehenen zu, da der König bedacht darauf war, daß jeder Ritter die Chance dazu bekam sich zu beweisen. Auf dem Rückweg, nahe As-Ashrun am Fluß Tshadi waren sie überfallen worden. Turban bewärte Säbelschwinger, die jeden den sie vom Pferd reißen konnten in Stücke hakten und wilde Schlachtgesänge sangen. Der Kampf war das blutigste gewesen was Tiuri je gesehen hatte und er kam verändert heim. Ernster und reservierter gegenüber seiner Familie. "Er hat dir das Leben gerettet, Dank ist dafür angebracht. Ich bin stolz auf ihn." Elister klopfte seinem Freund auf die Schulter. "Du kannst auch stolz auf ihn sein. Irgendwann wird er dieses Wappen auf seiner Brust tragen." Dabei klopfte er auf das Wappenemblem, das seinen Waffenrock zierte. Selig lächelte Horace. Tief im Innern hatte er sich auch einmal gewünscht diese Würde zu erhalten, dies änderte sich aber. Er kam zu einer Erkenntnis, das die Drachenritter meist auch verwalterische Tätigkeiten übernehmen musste, von denen er lieber Abstand hielt. Elister war auch für die Finanzen der hießigen Ritterschaft verantwortlich. Diese Tätigkeit vereinnahmte ihn manchesmal vollkommen. In Arnando steckte das Zeug zum Drachenritter, denn er war ein wortgewandter Schreiber und ein guter Krieger. "Ja, das wird er wohl, so der Herzog und unser Hochmeister dies für angemessen hält. Die Reichsritterwürde ist ein anfang. Er dient immerhin schon seit 14 Jahren als Ritter am Hof des Herzogs." Elister schmunzelte leicht. Es passte nicht zu seinem pragmatischen Äußeren, seinen kalkulierten Bewegungen und seinen ernsten Augen. "Der jüngste Knappe der zum Ritter ernannt wurde. Damals war er 16, nicht wahr?" Horace nickte. "Verblüffend. Deine Familie brachte viele große Krieger hervor. Ich erinnere mich deine Familienchronik mal mit der meinigen verglichen zu haben. Meine Familie ist vielleicht 100 Jahre alt, entstammt ursprünglich Süd-Khalandriens." Was man ihm ansah. Er war größer als normale Männer und breiter. Gut 2 Schritt groß. "Bei dir konnte ich die Namen fast bis zu den Amulettkriegen zurück verfolgen. Beeindruckend." Schwach lächelnd wendete der Greifenritter den Blick auf Elister, weg von seinem kämpfenden Sohn. "Du schmierst mir zuviel Honig ums Maul, eines Tages fallen mir nochmal alle Zähne aus." Beide lachten. Das Lachen von Elister war roh und heiser. "So, wie ich sehe hat dein Sohn Ergon zum dritten mal besiegt. Und sowas schimpft sich mein ehemaliger Knappe. Raus aus dem Ring ihr beiden ! Lasst mal Horace und mich ran !" Sofort wurden die neu aufgenommenen Kampfhandlungen der beiden Falkenritter unterbrochen. Beide verneigten sich vor den Ranghöheren und verließen den Kampfplatz. An ihre Stelle traten Sir Lasar und Sir McNair. Beide zogen ihre vom Herzog überreichten Schwerter. "Dann lass mal sehen was in dir steckt, altes Haus !" Diese Worte waren eine Warnung, denn sofort saußte die Klinge McNairs auf Horace zu. Dieser machte einen Schritt zur Seite und ließ den Hieb ins Leere gehen. Davon erholte sich der Drachenritter aber ungewöhnlich schnell. Als ein raschter Hieb auf hüfthöhe auf ihn zuflog, wehrte er diesen mühelos mit gesenktem Schwert ab. Der Drachenritter täuschte links an, sprang dann nach rechts und legte noch eine Finte hin, in dem er einen Schlag von oben, umwandelte in einen Aufwärtshieb von unten. Horace konterte die Schläge als würde er sie auswendig kennen. Keiner der beiden Ranghohen Ritter schenkte sich was. Der Kampf dauerte einen halben Nachtzyklus lang, ehe der Drachenritter die Oberhand gewann und den Greifen entwaffnete. "Ha ! Damit steht es 175 zu 168 für mich. Du wirst alt, Horace !" Der alte Mann brummte leise, klaubte sein Schwert auf und steckte es ein. "Man könnte meinen du hast nichts besseres zu tun, als unsere Kampfergebnise zu zählen." Alle Ritter auf dem Hof, auch der Drache fingen schallend an zu lachen.

So neigte sich wieder ein Tag in der Burg Savaro dem Ende zu. Jenes beschauliche Lehen, daß in Galadon das Sinnbild für die Bürgerlichkeit war, versank im Dunkel, daß Fela nach dem Untergang hinterließ. Als die Monde erschienen, tauchten sie die Zinnen der stolzen Burg, die mehr Jahre gezählt hatte als Hilgorads Palast (dadurch aber auch nicht den neusten Erkenntnisen des Burgbaus entsprach) in ein schummriges Silber.

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"It seems as if heaven had sent its insane angels into our world as to an asylum, and here they will break out into their native music and utter at intervals the words they have heard in heaven; then the mad fit returns and they mope and wallow like dogs."
Ralph Waldo Emerson, 1841


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Zuletzt geändert von Shaila: 26.11.05, 21:32, insgesamt 1-mal geändert.

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