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 Betreff des Beitrags: Eine neue Suche
BeitragVerfasst: 27.12.04, 20:58 
Edelbürger
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Logbucheintrag des Schiffes "Sturmkind" von Kapitän Alaman:

7. Querlar 15 n. Hilgorad:

Die dunklen Wolken verheissen nichts Gutes und der Nordwestwind treibt sie direkt auf uns zu. Ich hatte noch gehofft, es wäre möglich, davon wegzusteuern oder vielleicht doch noch zuvor das sicher nicht mehr ferne Festland zu erreichen, sehe aber nun, dass es vergebene Mühe war. Ein Priester des Ventus, der in Brandenstein das Schiff zusammen mit einem Kind betrat, rief zu einem Gebet auf, in der Hoffnung, den Herrn des Windes so zu besänftigen. Mögen die Elementarherren und die Viere uns beistehen!

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 Betreff des Beitrags: Strandgut
BeitragVerfasst: 28.12.04, 19:04 
Edelbürger
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8. Querlar - am Strand nahe eines kleinen Dorfes, südlich von Venturia...

Der Sturm am gestrigen Abend war sicher einer der schwersten der letzten Jahre, doch glücklicherweise kamen wir in unserem Ort allesamt glimpflich davon. Lediglich bei Bauer Jansen wurde das Strohdach zu einem grossen Teil abgedeckt - der Rest waren alles nur kleine Schäden, die sich rasch wieder reparieren liessen. Wir hatten uns schon daran gewöhnt, dass der Wind hier, an der Küste Ossians, nicht selten stärkere Ausmaße annahm.

Ich ging mit meinem ältesten Sohn zum Strand runter, denn nach solchen Stürmen konnte man dort oftmals ganz nützliche Dinge finden, die das Meer anspülte. Holz, von an Klippen zerschellten Schiffen, was wir wiederum zur Ausbesserung unserer Häuser oder als Brennholz nahmen und dann und wann auch mal Fässer oder Kisten, die mit Waren gefüllt waren. Diese nutzten wir entweder selber oder verkauften sie im nahen Venturia.

Am Strand sah ich bereits ein paar der anderen Dorfbewohner herumlaufen, darunter vor allem einige Kinder.
"Gehen wir ein Stück weiter südlich," meinte mein Sohn und ich folgte ihm, dabei den Blick weiter über den Strand schweifen lassend. Tatsächlich war dieses Mal wohl eine fettere Beute möglich - sehr viel Holz, Reste von Segeltuch und Seilen lagen am Strand verteilt und ich sah den Jüngsten unseres Nachbarn mit einer kleinen Kiste eilig den Strand hinauf- und zum Weg hinlaufend.
Ein Lächeln huschte kurz über mein Gesicht - reich war ich als Fischer nicht, meine Frau wiederum war seit längerer Zeit erkrankt und meine Kinder mühten sich auch ab, mit ihrer Arbeit genug zu verdienen, um über die Runden zu kommen - so war das Unglück derer, die auf der See ihr Schiff verloren, so makaber es auch klingen mag, für mich stets wie ein Segen.

Wir erreichten einen Teil des Strandes, der von meinen Freunden und Nachbarn aus dem Dorf noch nicht heimgesucht worden war. Einige grosse Trümmerstücke, wohl von den Masten, lagen hier herum. An ihnen hingen zerfetzt noch die Reste von Seilen und Segeln. Mein Sohn begann bereits das Holz zu sammeln und auf einen Haufen zu legen - wenn wir das trockneten, haben wir auf jeden Fall recht günstiges Brennholz für den Winter.
Ich wiederum hatte eher ein Auge für andere Dinge - Metallstücke, die man vielleicht noch wieder verkaufen konnte, Kisten, Fässer - hauptsache etwas, was auch Geld einbringen würde.

"Bei den Vieren! Vater, komm schnell her!"
Ich wandte mich um zu meinen Sohn, sah, wie er mit einem zerborstenen Stück Planke in der Hand dastand und mit vor Schreck bleichem Gesicht vor sich hinabstarrte. Rasch lief ich zu ihm rüber und sah ebenso hinab - ein Mensch, genauer ein kleines Mädchen, wohl um die sechs oder sieben Jahre alt, lag dort zwischen den Trümmern. Eines ihrer Beine war unnatürlich verdreht, die braunen Haare lagen ihr klitschnass im Gesicht und die Kleidung war schon arg zerrissen. Überall sah man an ihrem Körper Kratzer und Prellungen.
"Das arme Kind," murmelte ich leise und beugte mich hinab, um sie aufzuheben.

Nun, Strandleichen nach einem Sturm waren nicht unbedingt eine Seltenheit - allzu leichtsinnige Fischer und auch schon mal Passagiere von Schiffen, die nach Venturia reisen wollten, fanden wir hier durchaus mal. Aber der Anblick eines toten Kindes erfüllte mein Herz mit grosser Trauer.
"Hol Bruder Thanator, damit sie ordentlich begraben werden kann," sprach ich leise zu meinem Sohn und wischte dem kleinen Mädchen die Haare aus dem Gesicht.
Sommersprossen sah ich auf ihren Wangen und sie wog sehr leicht in meinen Armen. Um ihren Hals sah ich ein Lederband, an dem einerseits ein Anhänger aus einem mir fremden, schimmernden Material hing und andererseits ein kleines Lederbeutelchen.
Einen Moment betrachtete ich sie, innerlich zu Morsan betend, dass er ihrer Seele bei sich Ruhe geben würde, dann aber spürte ich, wie der kleine Körper in meinen Armen zuckte und sie leise hustete. Erschrocken liess ich sie zu Boden sinken, rollte sie aber sofort auf die Seite und sah, wie sie aus ihrem Mund das verschluckte Wasser hinaus hustete...

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Zuletzt geändert von Kikia: 28.12.04, 19:08, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 4.01.05, 10:25 
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Wieder dieser Mann mit den langen, zotteligen, braunen Haaren. Er trägt eine Rüstung in den Farben des Waldes und reitet auf einem weissen, stolzen Hengst.
Wieder dieser Elf mit den blutroten Haaren und der weiten, fremdartigen, blauen Kleidung.
Wieder diese Elfe mit den schneeweissen Haaren, in denen der Wind im Vitama spielt.
Wieder und wieder tauchen sie auf, sprechen, verschwinden und werden vergessen...



Als ich leise Geräusche aus dem Krankenzimmer hörte, warf ich einen kurzen Blick durch die Tür. Im Schein des Kaminfeuers sah ich, dass sich das kleine Mädchen in dem Bett unruhig umher warf - offenbar träumte sie wieder, vielleicht sogar von dem Sturm, der sie hier an die Küste geschwemmt hatte.

"Was wirst du machen, wenn sie vollständig genesen ist?", hörte ich meinen Mann hinter mir leise fragen.
Einen Moment schaute ich zu dem Mädchen, wandte mich dann aber ab und ging zurück in Küche, um die Reste des Abendessens vom Tisch aufzuräumen.
"Ich meine," setzte er wieder an, "wir haben vier Kinder und weder meine Arbeit als Holzfäller, noch deine als Heilerin bringen uns genug ein, um noch ein weiteres Kind bei uns aufzunehmen."
"Ich weiss," sprach ich leise, tunlichst darauf bedacht, dass das kleine Mädchen nicht von unseren Stimmen erwacht und unter Umständen sogar lauscht.

Seit einigen Monden kümmerte ich mich um sie, seitdem Bellion, ein Fischer aus unserem Dorf, sie am Strand fand und zu uns gebracht hatte. Sie hatte einige Brüche davongetragen, dazu allerlei Prellungen, doch das Schwerste war ihr Gedächtnisverlust, den sie wohl aufgrund eines starken Schlages gegen den Kopf davongetragen hat. Weder ihren Namen, noch woher sie kam wusste sie, als sie nach längerer Zeit aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht war.
Mein Mann gab der Kleinen dann den Namen Marinia.
Die Kleine fing dann auch allmählich an sich zu erholen, durfte jedoch lange Zeit das Bett nur selten verlassen und so kam es, dass ich oft bei ihr sass und mich mit ihr unterhielt, in der Hoffnung, dass das Kind seine Erinnerung wieder zurück erlangen würde. Doch nichts dergleichen geschah bisher. Lediglich in ihren Träumen tauchten wohl dann und wann Bilder auf, von Personen, die sie wohl einst kannte.
Marinia schien zumndest kein einfaches Strassenkind zu sein - sie konnte durchaus etwas schreiben, ein wenig lesen und zählen und manchmal verbrachte ich einige Stunden bei ihr, um mit ihr das einfache Rechnen zu üben oder um sie vorlesen zu lassen, damit wenigstens dieses Wissen nicht in Vergessenheit geriet.

"Den Morsan über werde ich sie hier noch behalten und sie aufpäppeln, " sprach ich leise und wischte kurz mit einem Tuch über den Tisch, "dann.. dann bringen wir sie in das Waisenhaus des Vitamaordens in Venturia."

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Zuletzt geändert von Kikia: 4.01.05, 10:25, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Von Tränen und Träumen
BeitragVerfasst: 4.03.05, 02:17 
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Eine helle Kinderstimme sang ein Lied:

Sternlein, Sternlein in der Nacht
Hast du mir ein' Träumlein mitgebracht?
Sternlein, Sternlein am Himmelszelt,
mach schön für mich die Traumeswelt!

Sternlein, Sternlein, nicht allein
Kannst du mir meine Sünden denn verzeih'n?
Sternlein, Sternlein immerzu
führst du mein Herz zur schlafesruh'

Sternlein, groß und klein
lass mich nimmer mehr allein!



Ein kleines Mädchen, wohl um die sieben oder acht Jahre alt, mit hellbraunen Haaren und einem sommersprossigen Gesicht, sass auf einem Stuhl an einem Fenster und schaute hinauf zum Nachthimmel, während sie leise das Lied weitersang.
Sie hatte wieder einmal geträumt - von diesem Mann mit den braunen Haaren und seinem weissen Pferd, von den Elfen und von dem Wald.
Sie öffnete eine ihrer Hände, die auf der Fensterbank lagen und blickte auf den tropfenförmigen, grünen Stein, der darin ruhte. Sie hatte in ihrem Traum einen Elfen gesehen, der allerdings den Kopf eines Bären trug und wie jener ihr diesen Stein.. nein, die Träne gab. Die Träne des Waldes, hatte er zu ihr gesagt, und sie sollte auf die Träne aufpassen. Dann war sie erwacht und hatte rasch zu dem kleinen Beutelchen gegriffen, was auf dem Tisch neben dem Bett gelegen hatte. In diesem Beutel verwahrte sie die Träne auf, ebenso wie einen Anhänger aus einem eigenartig schimmernden Metall. Den Beutel trug sie wohl um ihren Hals an einem Lederband, als man sie am Strand gefunden hatte.

Sie legte ihren Kopf auf die Arme und seufzte leise - in den Träumen kamen immer wieder Erinnerungen und Gefühle hoch, doch wenn sie wach war, blieben nur noch die Erinnerungen an die Träume, die auf sie dann wie der Blick auf ein fremdes Leben wirkte.
Sie wusste nicht, wer sie war und woher sie kam und kürzlich, als sie das Gehen wieder geübt hatte, hatte sie heimlich ein Gespräch belauscht. Sie wusste nun, dass sie nach dem Morsan, also bald schon, in einem Waisenheim in Venturia untergebracht werden würde.
Wieder stimmte sie leise das Lied an, während sie hinaussah und mit ihrem gesunden Bein wippte.

Irgendwo dort draussen, unter dem gleichen Himmel, muss es ein Zuhause geben und irgendwo unter diesen Sternen leben auch ihre Traumgestalten...


[ooc: Liedtext von PO Miana Tialis]

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Zuletzt geändert von Kikia: 4.03.05, 02:18, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Strassenkinder
BeitragVerfasst: 1.05.05, 01:59 
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"Kikia..."

Wieder dieser Mann mit den braunen Haaren, nur kurz war er zu sehen, dann verschwand er in dem Nebel, der ihre Erinnerungen verschleierte...


~*~

Der Gestank von Unrat und Verwesung war hier, diesem Viertel Venturias, allgegenwärtig. Die Luft, die manch einer aus den besseren Vierteln dieser Stadt wohl kaum zu atmen wagte, stand förmlich zwischen den schiefen Häusern, die oftmals notdürftig in die Höhe erweitert wurden, damit die trotz Hunger und Krankheiten stetig wachsende Familienschar ihren Platz hatte. Dazwischen unbefestigte und vom Vitamaregen aufgeweichte Strassen, auf denen der Abfall und der Inhalt von Nachttöpfen ausgekippt wurde.

Wenn es sich vermeiden liess, mied Danio diese Gegend. Seine Familie mochte hier wohl noch leben, aber er zog es vor, sich mit seinen Freunden in den anderen Viertel durchzuschlagen, zumal er dort auch besser Beute machen konnte. Doch hatte ein alter Bettler ihm gesagt, dass das kleine Mädchen, welches er ihm beschrieben hatte, hier wohl in eine der Gasse gelaufen wäre.
Dummes Ding - hier war nun wirklich jeder auf sich allein gestellt und es gab keinen, der auch nur eine Dukate übrig hatte, um diesen für ein paar schmeichelnde Worte oder unterwürfige Gesten locker zu machen. Hier warf man kein Essen weg, hier kullerte kein Apfel achtlos von einem Marktkarren.
Die anderen hatten ihm davon abgeraten, ihr nachzulaufen. Nur eines von vielen Strassenkindern, das selber zusehen sollte, wie es klarkommen müsse.
Aber sie sah noch so jung aus, ängstlich noch dazu, als man sie auf dem Markt bei dem missglückten Diebstahl entdeckt hatte. Hätte er nicht so rasch reagiert und den Verkäufer vom Obststand abgelenkt, wäre sie wohl schon längst in den Händen der Wachen und in dieser Stadt zeigten diese wenig Gnade und das Alter und die Beweggründe, warum jemand stahl, waren ihnen vollkommen egal.

Eine weitere Gasse, ebenso eng wie die anderen zuvor, ebenso schmutzig und matschig der Boden, ebenso schief die Häuser.
Vielleicht hatten die anderen auch recht - es gab Zeiten, da hatten sie Schwierigkeiten allesamt satt zu werden. Ein weiteres Maul gäbe es zu stopfen, wenn er sie finden und ihr Hilfe anbieten würde.
Er sollte weniger weichherzig sein, ja, das wäre das Beste. Kehrt machen und sich lieber um den eigenen Kram kümmern. Er war ja selber mit seinen vierzehn Jahren noch ein halbes Kind und musste zusehen, wie er über die Runden kam.
So hielt er inne, starrte einen Moment lang hinab zu Boden, drehte dann herum, doch hielt abrupt inne, als er ein leises Schniefen schräg hinter sich hörte.

Langsam drehte er sich wieder um, sah zu dem Stapel alter Fässer hinüber und trat auf diesen langsam zu, als er ein erneutes Schniefen hörte, das wohl aus eines der Fässer kam, was umgestürzt dalag, die kaputte Seite auf dem Boden liegend.
Er beugte sich leicht hinab, senkte den Kopf und spähte in das Fass.
Grosse, vor Tränen funkelnde braun-grüne Augen sahen aus dem Fass hinaus zu ihm. Vor dem dreckigen Gesicht, des wohl etwa sieben- oder achtjährigen Mädchens, hingen einige Strähnen ihres braunen Haares. Die einfache Kleidung war schmutzig und sie hatte sich zusammengekauert und die Beine an ihren mageren Körper gezogen.

Ein mildes, geradezu erleichtertes Lächeln huschte nun unweigerlich über sein Gesicht und er verstand, warum er es tat, warum er ihr helfen wollte - sie hatte diese Augen, wie sie, seine kleine Schwester, die in seinen Armen vor zwei Jahren starb, nachdem sie immer schwächer geworden war und deren Tod sein Abschied von seiner eh schon zerrütteten und vom Alkohol gezeichneten Familie war.
Eine Hand streckte er langsam zu ihr aus.

"Hab keine Angst, ich helfe dir."

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BeitragVerfasst: 17.08.05, 03:08 
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Hellgrüne, frische Ranken krochen aus dem Boden, legten sich sanft, wie eine Umarmung, um sie, trieben augenblicklich zart duftende Blüten, während sie lächelnd empor sah zu der Elfe, an deren Stab die gleichen Blumen schillernd blühten...

Ein alter Mann, kichernd, drehte sich herum und so seinen Rücken zu ihr. "Dann zeig mal was du kannst."
Sie griff zu seinen Taschen, vorsichtig öffnete sie sie, zog etwas Brot heraus.
"Fertig!"
Ein anerkennendes Nicken des Alten...

Eine Steinbrücke, halb fertig gebaut, die sich über einen heissen, brodelnden Lavafluss spannte. Unsicher sah sie hinab, fühlte die Hitze von unten her zu ihr aufsteigen, als eine kleine, grüne Klaue sich vor ihren Augen schob.
Sie griff zu und kletterte so einem jungen Orken hinterher...

Kleine Rauchwolken stiegen auf in den klaren, wolkenlosen Himmel. Ein alter Mann, mit einem Schwein an seiner Seite, zog an seiner Pfeife, ehe ihr zu brummte: "Habe ich dir schon mal von den endophalischen Riesenwieseln erzählt?"


~*~

Aus vollem Halse gähnte das braunhaarige, wohl etwa achtjährige Mädchen auf und blinzelte müde in die Runde - die anderen um sie herum waren grösstenteils in ihrem Alter, einige wenige älter und der älteste unter ihnen war Danio mit seinen 14 Jahren und genau jener schaute sie ausgesprochen besorgt an.
"Willst du wirklich mitkommen, Marinia? Du siehst hundemüde aus."
"Ach, das geht schon. Hab nur wieder geträumt," murmelte das Mädchen und rieb sich den Rest des Schlafes aus ihren Augen.

Es war nichts Neues, dass sie wieder so intensiv geträumt hatte. Das, was sie jedoch dabei stets wurmte, war die Tatsache, dass diese Träume zwar einerseits so real wirkten, als wäre das alles schon mal passiert, andererseits konnte sie die Personen, die sie manchmal sogar ausgesprochen klar sah, einfach nicht zuordnen.
Woher kamen sie und welche Bedeutung mochten sie für sie haben?
Wussten sie mehr über ihre Vergangenheit, woher sie kam, wer sie wirklich war und wie sie wirklich heissen mochte?

"Also - hat jeder von euch verstanden, was er zu tun hat?" fragte Danio noch einmal in die Runde, sie wiederum nickte nur eilig.
Seit sich Danio ihrer angenommen hatte, war sie in seiner kleinen Bande, trieb sich mit ihnen durch die Gassen Venturias und schlief ebenso wie sie in einem alten, halb zerfallenen und sonst leerstehenden Haus im Armenviertel.
Heute war wieder eine Nacht, in der sie in ein Haus einbrechen wollten. Das Haus eines recht reichen Händlers, der wohl mit Waren aus fremden Ländern Handel trieb.
Marinia selber war das eher egal - es zählte bloss, dass sie genug fand, um so immer wieder dafür zu sorgen, dass sie genug zu Essen hatte. Leider war das nicht immer der Fall und manchmal gab es Tage, an dem sie für kaum einen Bissen hatte sorgen können.
Normalerweise schlug sie sich auch lieber mit Taschendiebstahl durch, so wie die restlichen Kinder dieser Bande, doch das war weitaus riskanter und zwei von ihnen hatte es erst kürzlich erwischt und sie waren einem Waisenhaus übergeben worden.
Dort wäre sie auch beinahe gelandet nach dem letzten Morsan - keiner hatte Platz für sie gehabt in dem kleinen Dorf, an dessen Strand sie angespült wurde im letzten Jahr.

"Kommst du oder willst du dich lieber noch etwas ausschlafen?"
Sie blinzelte und schaute auf zu Danio, der ihr zulächelte.
"Ich komme schon!" rief sie und eilte ihm und den anderen flink nach.

Draussen umfing sie der sanfte, kühle Wind und kurz schloss sie die Augen. Sie liebte schon immer den Wind, wenn er durch ihre Haare und über ihre Haut strich, wenn sie die Vögel beobachtete, die sich von ihm treiben lassen.
Wie geht es dir? Ich vermisse dich...
Rasch schlug sie die Augen auf und sah hinauf zu den Sternen. Irrte sie sich oder hatte da eben jemand zu ihr gesprochen?
Eilig sah sie sich um, während sie zusah, dass sie nicht den Anschluss an ihren Freunden verlor.
Sanft hatte die Stimme geklungen und war eindeutig der einer Frau gewesen.
Nein, es war wohl nur Einbildung...

Es dauerte eine Weile, ehe sie das Armen- und das darauf anschliessende, einfache Handwerkerviertel passiert und sich allmählich den reicheren Vierteln näherten.
In einer Allee stand es dann - ein Fachwerkhaus mit kleinem Garten und passenderweise einigen Ranken an der Häuserwand.
Mit einigen Handzeichen deutete Danio einige von ihnen Schmiere zu stehen, dann deutete er auf einen der Jungen, Marinia und sich selber, hinüber zu den Ranken und hinauf zu einem der Fenster.
Sie nickte und folgte beiden, indem sie über die Ranken und deren Holzgerüst, was die Pflanzen an der Wand hielt, hinaufkletterte.
Rasch war sie oben und gemeinsam mit Danio öffnete sie das Fenster leise, dann stiegen sie ein.

Das Zimmer war wiederum in Dunkelheit getaucht und die drei Kinder lauschten erstmal aufmerksam, während Danio eine sehr kleine Kerze entzündete.
Ein wuchtiger Schreibtisch, dahinter einige Bücherregale voll mit Büchern, dazu einige Schränke und allerlei Tand wie Buddelschiffe, eingerahmte Karten und ausgestopfte Fische sah man in diesem Raum.
Wieder kurze Handzeichen mit denen Danio zu verstehen gab, dass sie sich in diesem Raum umsehen sollte und er mit dem anderen das Haus weiter durchsuchen würde. Ein kurzes Nicken ihrerseits, dann schlich sie sich heran an den Schreibtisch, während die beiden sich leise durch eine Tür schlichen.

Leise zog Marinia eine Schublade nach der anderen auf. Ein wenig Geld fand sie, sonst meist nur Papiere und Schreibutensilien. Dann wandte sie sich den Regalen zu, zog einige Bücher raus und schaute sie sich nur flüchtig an. Gewiss, lesen konnte sie ein wenig, ebenso wie Schreiben, aber sonst interessierten sie die Bücher nicht weiter.
Rasch schlich sie weiter in dem Raum umher, besah sich die Buddelschiffe und nahm sich sogar eines davon mit, ehe sie stockte.
Vor ihr, an der Wand, hing ein Bild - eine Hafenszene mit vielen Schiffen, ein paar kleinen Häusern, einigen Menschen, Elfen und gar Zwergen... und darunter stand in Schmuckschrift geschrieben: "Brandenstein - Siebenwind"

Fassungslos sah sie das Bild an, kurz wirbelten in ihr Bilder durcheinander - mal sah sie sich angelnd an einem Stegrand hocken, mal sah sie Gesichter aus ihren Träumen... und dann wieder diesen Mann mit den braune Haaren, wie er ihr mit wehmütiger Miene zuwinkte... während sie auf einem Schiff stand, was sich langsam vom Hafen entfernte.
Tiefer und aufgeregter atmete sie ein, liess den Beutel mit dem Geld zu Boden fallen, stellte noch flugs das Buddelschiff ab und kletterte dann die Kommode rauf und griff, zerrte fast schon, an dem eingerahmten Bild, bis sie es endlich lösen konnte, doch da hörte sie schon den Lärm von unten im Haus, dazu Gekläffe, das laute Rufen ihres Namens...
Eilig wandte sie sich mit dem Bild um und flitzte zu dem offenen Fenster, kletterte dort rasch hinab, während aus einem der unteren Fenster die beiden anderen flüchteten.

Eilig zerstreute sich die Kinderbande in den Gassen, um die Spuren zu ihrem Treffpunkt zu verwischen.
Doch ihr war es fast egal, ob ihr jemand folgen würde - sie hatte nun etwas gefunden, was vielleicht ihr Schlüssel zu ihrer Vergangenheit war, die ihr bisher so verschlossen erschien.

Im Hafen hatte sie sich nun erstmal verkrochen, sah im Lichte der beiden hell scheinenden Monde hinab auf das Bild, was sie in ihren Händen hielt, während sie auf der Kaimauer hockte.
Wieder zog der Wind ein wenig stärker auf, strich sanft an ihr entlang, wie eine liebevolle Berührung.
Komm doch nach Hause, liebes Kind...
Und wieder diese Stimme.
Eilig sah sie sich erneut um, doch sie war alleine im Hafen.
War diese Stimme wirklich nur Einbildung? Sie klang so vertraut.
Wieder sah sie hinab auf das Bild.
Nach Hause... war das ihr Zuhause?

Siebenwind....

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