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 Betreff des Beitrags: Einsam
BeitragVerfasst: 2.09.05, 23:56 
Ehrenbürger
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Inspiriert durch May

Kloaken Geruch lag in der Luft. Ronash zog gelassen an seiner Orkwurz bewährten Pfeife und sah hinab auf das Übel. Blut vermengte sich mit schlammigen Schmutz, ein Kopf vom Torso getrent lag wenige Schritt entfernt auf einem Misthaufen. Normale Enthauptungen hatte er schon zur Genüge gesehen, diese aber hatte etwas besonderes. Jemand hatte dem Opfer den ganzen Hals entfernt, bis über den Schulteransatz hinaus. Es war wirklich kein schöner Anblick. Nachdem sein Gehilfe, ein Rekrut der Stadtwache endlich seinen kompletten Mageninhalt entleert hatte, konnte er ihm endlich Anweisungen geben. "Befragt alle Anwohner. Ich will genaue Angaben. Jeder der die Frau kennt soll sich in der Kaserne melden. Danach lass die Leiche wegschaffen." Der Rekrut stieß einmal unwohl auf, nickte dann hastig und wendete sich ab, ehe er einen neuen Schwall von Erbrochenen laufen ließ.

Zurück in der Kaserne wurde Leutnant Ronash sofort von einem Gefreiten abgefangen. "Leutnant, wir haben einen neuerlichen Mordfall drüben in der Lifna-Gasse. Dem Opfer wurden die Hände genommen." Die zweite Verstümmelung an diesem Abend. Allmählich begann der alte Haudegen sich Sorgen zu machen. Dort draußen lief also ein kalkuliert handelnder Maßenmörder herum. Eine innere Stimme verriet ihm, dass dies keines wegs der letzte Mordfall sein könnte. Mit einer raschen Handbewegung entließ er den Gefreiten, dann begab er sich in sein Büro. Hinter dem schweren Eichentisch nahm er auf dem knarzenden, unstabilen Stuhl platz. Kaum saß er, klopfte es auch schon an der Tür. "Herein!" Der junge Rekrut trat ein. Er war immer noch kränklich blaß und ungesund grün um die Nasenspitze. "Leutnant, die Leute aus der Nachbarschaft berichten von einer blaßhäutigen Frau, mit rotgelocktem Haar. Sie sagen das Opfer hätte sie gekannt. Eine gewisse ... " Er verstummte und zog einen Pergamentfetzen zu rate; "Eine gewisse Minja Saleska. Sie wohnt am Vitamaplatz 11, nahe dem alten Liebesbrunnen." Ein Brummen kam vom alternden Leutnant, der Rekrut salutierte hektisch und rauschte dann hinaus.

Klackernd trabte der endophalische Apfelschimmel über den Pflastersteinweg hinauf. Vor einer alten, recht maroden Vila hielt das Tier an. Ein Mann schwang sich aus dem Sattel. Auf seiner Brust prangte das Wappen der hießigen Stadtwache und das königliche Emblem. Die üblichen, mit Hartledersohlen geschaffenen Stiefel verursachten weithin hallende Echos, als er auf die Haustür zuging. Zwei mal klopfte er. Von drinnen hörte man langsame, lahme Schritte und das auftocken eines Gehstocks. Eine alte Frau öffnete die Türe. "Was wollt ihr?" Plärrte sie den Leutnant missmutig an. "Ich bin auf der Suche nach Minja Saleska." Die Hausverwalterin trat zur Seite und ließ den Soldaten eintreten. "Seltsames Mädchen. Redet nicht viel. Ist schweigsam und schüchtern. Ich mag die nicht. Die hat ein Triefauge ! Sowas ist ein Götterfluch. Sie muss mit dem Verderbten im Bunde sein. Passt bloß auf wenn ihr da rauf geht !" Der Soldat tat die Worte mit einem Nicken ab, dann erklomm er die Treppe. Sie war aus Esche gefertigt und hatte dementsprechend einen dumpfen, knarzenden Ton. Als er oben ankam, trat er vor die erste Tür des Flures. Lautstark klopfte er an. "Frau Saleska, hier spricht die Stadtwache von Draconis. Öffnet bitte umgehend die Tür." Eine Weile wartete er, ehe er energischer klopfte. "Frau Saleska, ich weiß das ihr da seid, macht die Tür auf oder ich breche sie auf." Nun waren Schritte zu hören und zögerlich wurde die Tür entriegelt. Ein Spalt ging auf und scheue Augen, eines davon träge herab hängend, richteten sich schüchtern auf den Soldaten. "Den ... den Gö ... Göttern zum Gruß, Herr Hauptmann," sprach sie mit brüchiger Stimme. "Leutnant," korrigierte er sie brüsk. Unsanft stieß er die Türe auf, die junge Frau stolperte zurück und der Soldat kam in den Raum. Kurz sah er sich um. In der kleinen Vorkammer war nichts ungewöhnliches. Eine Garderrobe, eine Öllampe die von der Decke hing und ein Portrait Vitamas. "Wart ihr heute Abend schon fort?" Fragte der grauhaarige Soldat. Die junge Frau schüttelte den Kopf rasch. "N ... nein, nicht fort. Ich ... ich geh nicht gerne raus." Ronash nickte kurz. "Wo ... wollt ihr nicht ins Wohnzimmer kommen?" Sie deutete einladend zur Durchgangstüre. "Sicher, danke." Er ging voran, stieß die Tür auf und blieb wie erstarrt stehen. Vor ihm lag das groteskste was er je gesehen hatten. Der Boden triefte vor Blut und in Mitten dieser Lache lagen aufgestapelt mehrere Körperteile. Beine, Arme, Hände und ein Hals mit Schulteransatz. Ihm wurde elendig zumute. Selbst für so einen alten Veteranen, war dieser Anblick starker Tobak. Grade wollte er sich umdrehen, da spürte er einen Stich im Nacken. Sein Körper wurde langsam taub und er spürte wie seine Kleidung hinten feucht wurde. Bald schon war sich gewiss, dass es sich um sein eigenes Blut handelte. Erst sank er auf die Knie, dann knickte er zur Seite und war tot. Minja stand stocksteif da. Das blutige Messer immer noch in Händen haltend. Sanftmütig und schwärmerisch flüsterte sie dann. "Ihr habt schöne Ohren."

Die ganze Nacht durch konnte man in der Vila am Vitamaplatz geschäftige Schneidergeräusche hören. Diese wurden nur durch das seichte Plätschern des Brunnens übertönt. Minja war fleißig gewesen, sie hatte der Puppe einen pauschigen Kopf aus mehreren Stoffschichten gefertigt, ebenso einen Torso, um die gesammelten Teile verbinden zu können. Alles hatte sie mit sehr sauberen Nähten verwebt. Es lag in ihrer Macht, sie war keine schlechte Schneiderin. Sie sah auf die Hände der gebastelten Puppe und sah in ihnen den Mann der sie abwies. Sie sah den Hals und dachte an die unverschämte Schankmaid, die ihre Beine für sie spreizen wollte. Sie sah die Arme und dachte an die gescheiterte Existenz des Landstreichers, der sie zu penetrant um Gold gefragt hatte. Sie sah die Beine, die wunderschönen Beine dieser Prostituierten, für die der Handspender sie links liegen gelassen hatte. Und sie sah die markanten Ohren dieses aufdringlichen Leutnants, die so perfekt an den Stoffkopf passten. All diese Zurückweisungen hätten nun ein Ende. Ein selbstkreierter Freund. Jemand der ihr Zuneigung spendete. Minja legte sich neben die leblose Konstruktion und zog deren Arm um sich. Das Gesicht der bizarren Kreation betrachtete sie. "Berühr mich. Bitte berühr mich." Keine Reaktion kam. Totes Fleisch und lascher Stoff. "Du kannst mich nicht berühren." Die Stimme wurde weinerlich, aufgewühlter. "Du kannst mich nicht berühren weil du mich nicht siehst. Du musst sehen." Aufgebracht sprang sie auf, sah sich hilflos um und fühlte schon das brennen von Tränen in ihren Augen. Ihren Augen. Sie hatte zwei. Warum nicht eines opfern, für den besten Freund auf Erden? Das Messer aufklaubend rannte sie zum Spiegel. Sie sah ihre schmächtige Gestalt darin. Ihr schmales Gesicht, dass nicht hässlich, aber auch nicht von großer Schönheit war. Ihr herab hängendes Auge, dass sie Tag um Tag aufs neue verfluchte. Die lockigen Haare, die strähnig in ihr Gesicht hingen. "Man muss Opfer bringen, für die Freundschaft."

Ein gellender Schrei durchzuckte die Nacht, dann war es ruhig. Leise hörte man fern das wehklagen und weinen einer Frau, nahe des Wahnsinns. Wieder lag sie in den Armen ihrer Puppe. Blut quoll aus der leeren Augenhöhle. Ihr heiler Augapfel war in den Stoff eingelassen. Aus ihrem triefigen Auge starrte sie die Puppe erwartungsvoll an, während sie spürte wie das Leben aus ihr wich. Sie verlor zuviel Blut. Es lief über die Schulter der von ihr so liebevoll erschaffenen Kreatur. "Berühr mich ..." dies wisperte sie immer wieder und starrte dabei auf das einzelne, braune Auge ihres Geschöpfs. "Berühr mich ... Ich bin so einsam ... " Die Sinne schwanden ihr langsam, ihr Worte schwarz vor Augen und da geschah es. Ein Gefühl an ihrer Wange. Ein Streicheln? Sie konnte es nicht genau sagen. Vielleicht auch nur ein kalter Schauer kurz vor ihrem tot. Es mag nicht von belang sein, denn für sie, war ein Wunsch Wahrheit geworden. Sie erhielt Zuneigung, ob nun eingebildet oder nicht. Ein Lächeln zierte ihre Lippen, als sie aus dem Leben schied.

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"It seems as if heaven had sent its insane angels into our world as to an asylum, and here they will break out into their native music and utter at intervals the words they have heard in heaven; then the mad fit returns and they mope and wallow like dogs."
Ralph Waldo Emerson, 1841


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