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Die Ankunft:
Etwas schwammig auf den Beinen verließ Xaver das Schiff und schaute sich um. Kein sonderlich spektakulärer Anblick, aber deswegen war er auch nicht hier. Er fühlte sich erschöpft... ausgelaugt... er brauchte einen trockenen, warmen Ort zum Schlafen. Somit überwand er sich zu einem matten, müden Lächeln, als er den ersten Menschen traf, und fragte ihn höflich nach einem Schlafplatz. ,,Einen Schlafplatz brauchst du?", brummte der Mann mit tiefer Stimme und kratzte sich am Hinterkopf. Kaum merklich nickte Xaver in seiner zerschlissenen Robe. ,,Na dann solltest du es mal in Falkensee versuchen, da gibt es ein Obdachlosenheim. Ist aber ne ganze Strecke von hier, immer der Straße nach." Xaver sackte ein wenig in sich zusammen und ächzte innerlich, nickte jedoch und murmelte ein leises, mehr oder minder ernstgemeintes, ,,Danke,". Es war tatsächlich eine ganzschöne Strecke, aber auch diese überwand er, und er fand sogar das Obdachlosenheim im Armenviertel. Das Armenviertel Falkensees ist eine der heruntergekommensten Gegenden die er jemals gesehen hatte. In früheren Zeiten hätte er sich gar geweigert überhaupt einen Fuß hierher zu setzen. Aber jetzt blieb ihm schlecht eine andere Wahl. Seltsame Gestalten lungerten in dem Viertel herum, größtenteils bis zur Unkenntlichkeit vermummt, aber auch Personen in eleganten Roben, die scheinbar dunkle Geschäfte mit dem Abschaum der Stadt abwickeln wollten. Ausnahmslos trugen sie Waffen. Zu seiner eigenen Sicherheit entscheid Xaver, sich seinen Dolch auch offen umzuschnallen. Vielleicht wirkte es ein wenig lächerlich, doch mochte es einen Bettler davon abhalten, auf dumme Gedanken zu kommen. Nicht dass er sich wirklich hätte wehren können... aber auf den Schein kam es manchmal halt an.
Bevor er sich zu Bett begab, wollte er sich lieber ein wenig umsehen. Vielleicht war es irgendwann wichtig, zu wissen wohin die Wege führten, sollte er einmal fliehen müssen. Gedankenverloren hatte er sich an eine Wand gelehnt und bemerkte plötzlich eine Frau, die in einem Gebilde stand, dass eher an einen Käfig, als an eine Bleibe ,erinnerte. Er tauschte ein paar knappe Worte mit ihr... eher Floskeln... als ein Mann hinzutrat, welcher sich Wladik 'mit den schwarzen Augen' nannte. Fasst hätte Xaver gelächelt, gaben sich solche Leute derartige Namen doch meist selbst. Als die Frau dies ebenfalls anmerkte, konnte er sich ein Schmunzeln nicht mehr verkneifen. Von den beiden Erfuhr er, dass diese 'Herberge' unter dem Schutze irgendeines Ordens stand, welcher wohl unter der Führung eines... Bani.. Beni... irgendsowas in der Art jedoch... war. Die Beiden kümmerten sich nach kurzer Zeit nicht mehr um ihn. Seltsame Gestalten. Aber davon schien es hier massig zu geben. Wie sollte er sich nur gegen sie erwehren? Plötzlich, ohne bewusst darüber nachzudenken, kam ihm ein Gedanke. Er hatte auf dem Festland gelernt, dass sich die 4 Elemente im Blut eines jeden Wesens befanden. Wenn man das Gleichgewicht dieser Elemente durcheinander brachte... das Feuer stärkte... die anderen Elemente schwächte... würde man dann das Feuer nutzen können?
Kurz blickte er sich um. Niemand nahm Notiz von ihm. Schnurstracks ging er zu einem der größeren Müllhaufen, wie sie hier überall zu finden waren, und wühlte darin herum. Nach kurzer Zeit fand er, wonach er gesucht hatte. Er packte eine fette, tote Ratte am Schwanz und verschwand mit ihr in einer der Hütten, deren Tür er hinter sich schloss. Niemand schien sich hier groß um die Belange der anderen zu kümmern, daher entschied er, dass es hier durchaus ungefährlich war. Er warf die Ratte auf den Boden und hockte sich daneben. Behutsam trennte er ihren Leib mit dem Dolch auf und entnahm das kleine Herz, welches er in den rostigen Topf warf, der wohl vor einiger Zeit hier unbeachtet liegengelassen worden war. Mit dem Griff des Dolches schlug er mehrfach auf das kleine Herz ein, so dass sein Blut den Boden des Topfes bedeckte. Ja, Herzblut war das kraftvollste von allen! Und er brauchte Kraft, wenn er hier überleben wollte!
Behutsam, beinahe andächtig, zog er mit der Spitze des Dolches die Rune für 'teilen' in das Blut. ,,Ich rufe die Elemente des Blutes! Das Element der Zerstörung, welches der Ratte am stärksten innewohnt!? Langsam streckte er die freie Hand über den Topf, während er mit leiser, ruhiger Stimme weiterspricht. ,,Ta'e phae dan berk Fe dra Say'!" (Ich rufe dich, kleines Feuer, aus dem Blut heraus!) Das Blut begann lautlos zu pulsieren... sich in sternförmigen Kreisen von der Rune wegzubewegen... und ein wabernder, flimmernder, durchsichtiger Kreis bildete sich um die Rune herum. Das weglaufende Blut begann dunkler zu werden und geronn zu einer dunklen Kruste. ,,Ta'e jathra dan, ae Fe!" (Ich befehle dir, sei Feuer!), zischte Xaver mit nunmehr einem herrischen Klang in der Stimme. Kurz glomm der flimmernde Kreis um die Rune herum auf und plötzlich entflammte er sich. Völlig lautlos, ohne auch nur die kleinste Rauchwolke, brannte das Feuer in dem Topf vor sich hin. Selbstzufrieden betrachtete Xaver es. Wenn Rattenblut dies vermochte, was vermochte dann erst sein eigenes? Ein knapper Handwink des Mannes in Richtung der Flammen und das lappidar gesprochene Wort 'Ahese' (hörauf). Doch die Flammen züngelten immer höher... schlugen gar in seine Richtung, worauf hin er beinahe schon panisch den Topf mit dem Fuß zurückschob und nach hinten rutschte. ,,Fe, Ahese!", versuchte er es erneut, doch nichts geschah. Wie konnte er denn jetzt bereits versagen? ... wie konnte das Feuer sich ihm widersetzen? Doch erneut überkam ihn die Selbstsicherheit, als er eine neue Möglichkeit bedachte. Er hatte das Feuer gestärkt.. und wenn er jetzt sein Gegenstück stärkte? ,,Xa Say' vjae!" (Wasser des Blutes, wachse!) Ein leises zischen... und die Flammen vergingen... Er hatte es geschafft! Er hatte es tatsächlich geschafft, die Elemente des Blutes zu beeinflussen! Jetzt musste er nur noch eines versuchen... ob ihm sein Blut ebenso gehorchte. Selbstsicher stellte er sich ein paar Schritte vor die Wand und streckte die rechte Hand zur Faust geballt aus. Der kleine Glasring an seinem Ringfinger, der in der Mitte eine Rille hatte, begann sich dunkelrot zu verfärben, als die Rille sich mit Blut füllte, welches seine Hand hinablief. ,,Narra Say' wahe tas!" (Macht des Blutes, diene mir!) ,,Ing berk Fe dra Say'!" (erschaffe kleines Feuer aus dem Blut) Er spürte die Hitze, die seine Hand entlangkroch... sie prickeln ließ... und seinen stärksten Punkt um den Ring bündelte. Er verspürte Schmerzen... als würde er sich selbst verbrennen, doch es schien ihn nicht zu kümmern. Plötzlich loderte eine Flamme über seinem Ring auf und er deutete mit der freien Hand gen Mauerwerk. ,,Fe luchadue!" (Feuer treffe!) Die Flamme schien einen Satz nach vorne zu machen und wie von einer unsichtbaren Macht geschleudert prallte sie gegen die Wand... und verging...
... nichts deutete in der Hütte auf all dies hin, als der Mann den Raum verließ. Ausser eine tote Ratte auf dem Boden, Blut in dem Topf und eine verkohlte Stelle an der Wand.
Zuletzt geändert von Kamui: 11.11.05, 15:08, insgesamt 1-mal geändert.
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