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"Quasel, quasel, quasel! Ihr macht viel zu viele Worte, meine Kinderchen! Und trotzig seid ihr und verstockt!" war die ruhige, um besonnenen Tonfall bemühte Stimme eines Kindes zu hören. Die beiden Hexen verstummten sofort. Was wollte sie nur von ihnen? Sie hatte Toran weggeschickt, weil er kein Hexer war und das, was sie nun verkünden wollte anscheinend nur selbige etwas anging.
Wochenlang hatte sie von dem Mädchen nichts gehört. Seit dem Zeitpunkt nicht mehr, als das Kind Eras und ihr ins Ödland gefolgt war um das Raubtierauge an sich zu bringen. Zur Verblüffung aller Anwesenden gesellte sich zu dem Mädchen noch die Stimme der anderen sonderbare Kreatur hinzu, die von den Gelehrten eine Zeit lang als Jüngling von Yota bezeichnet wurde und als sich dies als falsch entpuppte einfach nur 'Heerführer' genannt wurde.
Doch dieses Aufeinandertreffen der beiden eigenartigsten Gestalten, die sie je gesehen hatte, verlief alles andere als freundlich. Ja, man musste keine besonders feinfühlige Person sein um die Nuancen des Hasses der Beiden aufeinander heraus zu hören. Nach einer Weile der Hasstiraden aufeinander schien es gar als würden sie sich gegenseitig bekriegen. Das Heulen von wilden Tieren auf der einen Seite gegen das Waffenklirren zahlreicher Schwerter auf der anderen. Irgendwann kehrte Ruhe ein ohne das sie auch nur eine im Sonnenlicht aufblitzende Waffe zu sehen bekam.
Worin nun kein Zweifel bestand war die Tatsache, dass das Mädchen wieder da war. Selbes Mädchen, dass die Burg zu Südfall vernichtet hatte, ihrem Vater einen Baum aus dem Bauch wachsen lies, verkündete alle Bollwerke der Menschen vernichten zu wollen und ihre jüngste Tat: Medox in eine riesige verzauberte Ratte verwandelt hatte. Sein klagendes Fiepen hatte sie jetzt noch in den Ohren, obwohl der Fluch wieder von ihm genommen war.
Sie blickte zum Mann neben sich, dem die Furcht und der Respekt vor dem Wesen in den Augen stand, als die Stimme des Kindes zu hören war und unsichtbare nasse Füsschen das Gras auf der kleinen, sich aus dem umgebenden Wasser erhebenden Inselchen, nieder drückten. Hätte sie nicht gesehen, wie das Kind die Burg zu Südfall zerstört hatte, wäre dies ein Ort gewesen, an dem sie sich wohlfühlen könnte. Idyllisch, naturbelassen und zahlreiche umherfliegende Glühwürmchen gaukelten Frieden vor.
"Wenigstens zeigen wir uns!" rief sie in die Richtung, wo sie das Mädchen vermutete.
"Ich zeige mich doch auch.. siehst du mich denn nicht? Hast du so wenig gelernt?" wurde entgegnet.
"Ich kann deine Präsenz spüren, aber meine Sehfähigkeit ist nicht besser geworden."
"Ich bin das Leuchten des Käfers und die Bewegung des Wassers, der Lauf der Käfer und das Rascheln der Blätter. Aber gut, wenn es hilft... schau... schau..."
Und damit begannen die Glühwürmchen um den jungen Baum auf dem Inselchen ihren Kreis zu weiten und schwirrten hinauf, wobei sie wie ein Blendwerk ein Bild enthüllten. Aus dem Sprössling schien ein schattenhafter majestetischer Baum zu werden. Ganz ohne Blätter, doch durchzogen von feinen, dünnen Äderchen grünlichem Flimmerns. In der zentralen Astgabel dieses Baumes, kam die kleine Kindergestalt mit schräg stehenden, grüngelben Augen, mit süss hochgestecktem Haar und dem schattenförmig noch zu erkennenden Kleidchen zum Vorschein.
"Schön, dass der Heerführer dich nicht ganz vernichtet hat!" rief sie ihr entgegen ohne zu wissen, ob die Vernichtung des Mädchens gut oder schlecht gewesen wäre.
"Er.. vernichten? Das Feuer wird mich niemals vernichten können, denn die Asche ist mein Nährboden."
Der Mann neben ihr begann hinter vorgehaltener Hand etwas zu Murmeln, woraufhin sich die seltsamen Augen des Mädchens ihm zuwandten.
"Das nächste mal nicht in eine Ratte.. sondern.. einen Käfer, vielleicht...?" passend zur Aussage des Kindes begannen grüne Leuchtkäfer den Baum zu umsummen und der Mann neben ihr rieb sich verlegen den Nacken.
Mit versöhnlicher Stimme fuhr das Mädchen fort: ".. aber ich bin nicht hier um euch den Hosenboden stramm zu klopfen, auch wenn das vermutlich nötig wäre. Ich bin hier, um euch etwas zu erklären. Etwas, das ihr eigentlich schon wissen solltet." Ihre Stimme wurde der eines Geschichtenerzählers nicht unähnlich, als sie zu erzählen begann:
"Ihr nennt diesen Ort 'Burg', gerade eben, als ihr durch meinen Wald gegangen seid habt ihr es so genannt, aber dies ist nicht wahr. Dieser Ort gehört der Natur, gehörte ihr schon bevor die Wellen von totem Holz geteilt wurden und ihr Fuss auf dieses Land setztet. Hier.. erhob sich einmal... vor dem, was ihr Krieg nennt, ein Baum.. ein wundervoller Baum, dessen Schemen ihr nun noch seht. Es war ein friedfertiger Ort .. ein ruhender Ort, der gehegt und umsorgt wurde von Waldelfen und Menschen, die noch atmen konnte trotz ihres Königs und ihrer Häuser."
Im klaren Wasser des Sees sah man flüchtige Schemen von Menschen und Waldelfen in grüner, schlichter Kleidung, mit Bögen... dann verblassten sie wieder.
"Der Krieg hat diesen steinernen Zufluchtsort vernichtet, entweiht .. und zerstört, doch wie ich sagte: Asche ist Nährboden für Wachstum, so wird Krieg nie das letzte Wort haben. Und so kam die Natur zurück, zuerst als Staub, dann als Samen, dann als Gras und Moos. Nachdem die Erde hier wieder geheilt war, kamen die Menschen und errichteten ihre Burg bevor der Baum, der hier einst stand wiedergeboren werden konnte, denn dieser Baum, er war etwas besonderes, dem Gleichgewicht der unberührten Natur dieses Landes entsprungen. Aber er musste wiedergeboren werden, wenn es für das Land Hoffnung geben sollte. Und so hatte die Burg zu weichen, mir zu weichem, dem Willen der Natur. Die Natur dieser Insel ist geschwächt, das Gleichgewicht gestört, die Ödnis wird sich nicht wieder mit Grün und Leben füllen, wenn schon diese Seite des Landes krankt und das Gras Kummer trägt und die Bäume Trauer. Der Baum, der hier einst stand, und wiedergeboren wurde, er ist die Hoffnung. Er wird wachsen und mit ihm, wird die Kraft und die Urtümlichkeit in die Natur der Insel zurück kehren. Schützt ihn! Schützt diesen Ort und die Ödnis wird eines Tages wieder mit grünen Wäldern bedeckt sein und wogendem Gras. Redet mit Niemandem. Dies ist eure Aufgabe, denn ihr seid in der Lage den Willen der Mutter zu hören!" sie kicherte verhalten "Meistens jedenfalls, wenn ihr euch nicht zu sehr mit den Steinbewohnern und Holzessern abgebt." Und damit endete sie.
Akora zog die Brauen zusammen und verdaute nach und nach das Gesagte. Warum klang das alles nur so widersprüchlich zu dem Verhalten, dass das Mädchen noch vor einigen Wochen an den Tag gelegt hatte? Was wollte das Kind überhaupt bezwecken? Es schien gerade redselig zu sein und da sie noch keine Tier und Pflanzenwesen auf sie gehetzt hatte, wäre das vielleicht die Möglichkeit gewesen Antworten zu bekommen.
Mit heiserer Stimme und um einen nicht reizenden Tonfall bemüht begann Akora:
"Wenn du nur das HIER wolltest, warum dann das Haus in Brandenstein, warum die Aussage, du willst alle Bollwerke der Menschen zerstören?"
"Du bist nicht im Stande das ganze Gewebe zu erblicken, dass die Natur webt, das die Natur ist. Ich hingegen, kann mehr sehen und mehr wirken, wo es von Nöten ist. Oft wirst du mein Handeln nicht verstehen können, so wenig, wie die, die fern der Mutter sind. Nicht verstehen können, warum eine Dürre kommt oder ein Fluss versiegt. Es ist der Lauf der Dinge."
Ein unbefriedigter Gesichtsaudruck legte sich auf Akoras Züge. An mutwillig zerstörten Häusern gab es nicht viel zu verstehen. Alles nur eine mystisch klingende Phrase, die sie verwirren sollte um davon abzulenken, dass das Kind eigentlich tatsächlich keinen Grund hatte, ein Brandenstein Häuser zu vernichten, wenn ihr eigentliches Anliegen doch nur dieser Baum wäre? Es war so abwegig oder verstand sie es wirklich nicht? Zeit darüber nachzudenken hatte sie später.
"Warum greifst du uns an? Die anderen Hexen und mich? Meinem Vater einen Baum aus dem Bauch wachsen zu lassen war nicht nett. Die Tiere und Pflanzen auf uns zu hetzen und vollkommen zweckzuentfremden war nicht nett!"
"Selbst die liebevollste Mutter schlägt ihrem Halbwüchsigen auf die Finger, wenn er aus Unwissenheit das Neugeborene in der Wiege gefährdet. Und was deinen Vater angeht... er ist nicht von der gleichen Art, wie wir .. ein Schaf ist nicht 'erfreut' darauf vom Wolf gerissen zu werden, und doch ist dies der Weg der Natur."
Wieder so eine Antwort mit der sie nichts anfangen konnte. Die nichts erklärte. Es war zum Haare raufen.
"Warum sollen Halbwüchsige etwas schützen, von dem sie keine Ahnung haben" begann Akora sich in Rage zu reden "oder gar dazu unfähig sind, wo du doch da bist, die jeden mit einem Handschlag in eine Ratte verwandeln kann?"
Das Kind nahm jedoch nocheinmal ihre zweite Frage auf:
"Und die Tiere, die Pflanzen, sie kamen nicht von mir gehetzt.. ich habe sie gebeten. Geisterbaum: Und sie haben meinen Wünschen Folge geleistet und ihr Leben für etwas höheres gegeben." sie machte eine kleine Pause "mein trotziges Kindchen, ich erkläre euch mein Tun, damit ihr mündig werdet auch wenn ich, wie du schon richtig erkannt hast, mächtig genug wäre diesen Ort...diese Insel.. allein zu beherrschen und zu bewachen. Aber dann wäre ich eine Herrscherin und das ist nicht mein Begehr. Ich will Wachstum und Friede; das Leben von Wächtern, die würdig sind und weise und auf lange Sicht die Natur auf dieser Insel stark halten können, damit ich mich zur Ruhe legen kann."
Warum klang das alles nur so unglaubwürdig? Warum standen ihre jetzigen Worte nur so unendlich im Kontrast mit ihren Taten in vergangener Zeit? Akora war innerlich aufgebracht.
"In dem du Tiere in einen vollkommen sinnlosen unnützen Schlachterladen namens Falkensee hetzt? Sie haben die Tiere mit ihren Schwertern niedergemetzelt. Bären die Tatzen abgeschlagen, ihnen den Schädel vom Rumpf getrenn und keiner redet mehr heute davon!"
Die schrägstehenden Augen des Kindes blitzten auf.
"Vielleicht habe ich mich geirrt, erneut, und euch für reifer gehalten, als ihr seid. Kindchen ... wie dumm .. wie blind du bist ... du fügst mir Schmerz zu .. .. Schmerz in deinem Unverstehen und Schmerz in deinem lückenhaften Verständnis der Natur. Geh hin! Denke über meine Worte nach und schweige über jene. Schweige! Denn wenn die Blätter dich reden hören, dann werde ich dich hören .. und fühle ich mich verraten. So werde ich diese Wiege, diesen Baum schützen müssen, wenn selbst ihr so unverständig seid, dann muss ich hart vorgehen und mich gegen die anderen erst recht verteidigen. Geht nun! Ich bin in Trauer."
"Ich habe nicht gesagt, dass ich den Baum nicht beschützen werde, ich will doch nur verstehen! Ich will Antworten!" versuchte Akora sich zu rechtfertigen, dass Mädchen aber war schon verschwunden.
Was für ein blanker Irrsinn. War sie wirklich zu dumm zu verstehen oder hatte sie mit ihren Fragen das Mädchen tatsächlich in die Verlegenheit einer sinnvoll erklärenden Antwort gebracht? Warum musste auch immer nur alles so verdammt kompliziert sein? Brah...
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„Probleme können nicht von den Personen gelöst werden, die diese erst verursacht haben.“
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