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Endtag, den 5. Trier 13 nach Hilgorad - die Ankunft
„Die Welt schwankte erbärmlich, wie das ungeborene Kalb einer betrunkenen Kuh. Jeder an Bord fühlte sich so, als hätte sein Innerstes gerade Bekanntschaft mit etwas furchtbar Widerwärtigem gemacht. Wenn es irgendwelche Götter auf See gab, so verbrachten sie sicher die meiste Zeit des Jahres irgendwo in Falandrien, möglichst weit weg von allem was aufbrausend und stürmisch sein konnte. Woraus sich wiederum schließen ließ, dass die Götter keinen Kontakt zu Frauen haben konnten. Oder zumindest nicht oft genug welchen hatten, um zu erkennen, welche Qual sie der anderen Seite der menschlichen Rasse damit zugemutet hatten. Sonst ...“
Wütend warf er das kleine Stück Papier in das nur zögerlich flackernde Lagerfeuer vor ihm und folgte dem Weg der Flammen die gierig den geistigen Abfall eines einstmals vielversprechenden jungen Poeten verschlangen und ihm im Gegenzug zumindest ein wenig Wärme spendeten. Er hasste diese Insel vom ersten Moment an, dass er sie betreten hatte. Seit er von Bord des Frachtkahns gegangen war, der ihm für drei Wochen, also einen halben Monat als Schlafstatt gedient hatte. Bisweilen hatte die Reise eher den Anschein erweckt, als wären sie direkt auf dem Weg ins Reich Morsans gewesen. Das Schiff lag unruhig wie ein nervöses Raubtier auf dem Meer, die tosende See unter dem Bug und einen tobenden Sturm über Deck. Als sie diesen Mittentag schließlich das Ufer Siebenwinds erblickt hatten, vollkommen von grauen Regenschleiern eingehüllt, war beinahe so etwas wie Erleichterung in ihm aufgekommen, selbst angesichts seines traurigen Schicksals, das ihn fort von seiner Familie geschickt hatte. Sie hatten eigentlich vor in Tiefenbach einzulaufen doch aus ihm nicht bekannten Gründen wurde das Schiff nach Brandenstein umgeleitet. Sie erreichten den dortigen Hafen und während die Ladung des Schiffs gelöscht wurde, begab er sich langsam den Anlegesteg hinunter. Vor ihm liefen zwei Seeleute, die gerade darüber scherzten wie ruhig diese Überfahrt doch im Vergleich zur Letzten gewesen war. Wäre er nicht noch von den Strapazen des Schiffslebens erschöpft gewesen, so hätte er sicher einem der beiden gezeigt, was er von solchen Äußerungen hielt. So jedoch nahm er sich nur vor, die beiden zum Objekt einer ganz besonderen Ode zu machen, bevor er sich vom Hafen abwandte und damit alles was ihn an sein bisheriges Leben erinnerte endgültig hinter sich ließ.
Er war ein wenig durch die Straßen der Stadt gelaufen, die um diese Zeit gerade ausgestorben zu sein schien, bevor er sich in Richtung des Waldes wandte, dessen Wipfel er durch die vereinzelten Lücken zwischen den Häusern über die Stadtmauer ragen sah. Weit wagte sich Lun nicht hinein, gerade so, dass der Schein des Feuers, das er entzündete nicht bis zum Weg leuchtete. Missmutig betrachtete er das hypnotische Spiel der Flammen, die gierig das wenige trockene Holz fraßen, das er hatte finden können. Er lehnte sich gegen den Stumpf eines umgefallenen Baumes hinter sich und begann zu dösen. Und während sein Körper auf Siebenwind weilte, eilten seine Gedanken zurück ans Festland, in die Heimat, die er bis vor kurzem noch besessen hatte.
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Verdammte Tochter eines Adeligen. Warum hatte er sich auch mit ihr eingelassen? Nur weil sie ihn auf dem Ball so verführerisch angelächelt hatte. Woher sollte er auch wissen, dass die gestrenge Zofe genau dann in den Gemächern der vollbusigen Schönheit nach dem Rechten sehen wollte, als er dem schönsten Moment seines noch jungen Lebens gegenüber stand. Dieses hinterhältige Luder hatte natürlich sofort nachdem sie die Zofe erblickt hatte begonnen um Hilfe zu schreien, gerade so, als wäre er ein unerwünschter Eindringling. Der darauf folgende Aufruhr war nur als eine wilde Abfolge verwirrender Bilder in seinem Gedächtnis geblieben. Der Sprung aus dem Fenster. Die Landung im hochherrschaftlichen Teich. Die Flucht durch den Park, die Stadt, bis zum elterlichen Haus, wo er schließlich vollkommen erschöpft durch den Eingang der Dienstboten im Inneren verschwand. Er hatte gehofft, dass damit alles erledigt war, doch leider hatte sich das als falsche Hoffnung erwiesen.
Am nächsten Morgen war die Kutsche des Grafen von Borast vorgefahren und seine Eltern hatten sich beeilt, ihm einen gebührenden Empfang zu bereiten. Sie waren angesehene und wohlhabende Kaufleute der Stadt, so dass vornehmer Besuch nicht selten war, doch das unangekündigte Auftauchen der adeligen Herrschaften brachte Wirbel in den gesamten Haushalt.
Die Familie Lotusblatt war einst von Ventria aus, welches vor allem wegen der dort ansässigen Windakademie in ganz Galadon bekannt ist, nach Borast nahe der Inkwitmoore gezogen, gelegen am Kreuzungspunkt mehrerer Handelsstraßen, und daher hervorragend geeignet für Kaufleute und Händler. Ihren Namen hatten sie noch in ihrer alten Heimat erhalten, von einer nur nahe dem Meer natürlich gedeihenden Pflanze, der Lotuspflanze, deren Blüten einst das Haupthandelsgut der Familie gewesen waren. Über Generationen war die Familie mit dem Handel dieser Blüten die in alle Städte des Reiches und darüber hinaus versandt wurden wohlhabend geworden. Wo auch immer ein Mitglied der Familie auftauchte, war es leicht an einem kleinen Mal zu erkennen, das jeder schon früh in seiner Kindheit auf die Haut übertragen bekam. Es war dies die stilisierte Darstellung einer Lotusblüte bei den Männern und eines Lotusblattes bei den Frauen. Die Blüte, rein und prächtig war Sinnbild der männlichen Kraft in der Familie und sollte den Glanz nach außen hin verbreiten. Das Blatt hingegen, unscheinbar und dennoch unverzichtbar billigte den Frauen einen ähnlich hohen Rang in der Familie zu, waren sie doch für das Weiterbestehen und den Zusammenhalt unentbehrlich, die besondere Wertschätzung fand auch im Familiennamen Ausdruck. Ein Geheimnis umgab das Auftragen des Sinnbilds auf die Haut der Jungen und Mädchen, wohl gehütet vom Familienoberhaupt wurde es nur an seinen Nachfolger weitergegeben.
Lun wagte es nicht, die hochgestellten Gäste zu begrüßen, auch wenn schon das einen unglaublichen Affront darstellte. Er blieb in den Zimmern die er seit Kindes an sein eigen nannte und widmete sich einem Stück, das er gerade verfasste, auch wenn die Nervosität mehr undeutliche Linien auf das Papier zauberte als saubere Buchstaben.
Sein ganzes Leben lang hatte er sich der Kunst gewidmet. Er war neun Jahre vor der Inthronisation Hilgorads geboren worden. Die Kunst war ihm in die Wiege gelegt worden, sie war seine Bestimmung. Schon als kleiner Junge hatte er fasziniert dem Gesang der Vögel gelauscht und anschließend versucht, die Melodie auf der Harfe seiner Mutter nachzuspielen. Des Abends saß er im Gesellschaftszimmer und horchte aufmerksam den Berichten der fahrenden Händler zu, die häufig dort zu Gast waren. Bald begann er seiner Amme Geschichten zu erzählen, und bewies dabei sowohl Begabung, als auch Phantasie. Seine Eltern hätten es zwar lieber gesehen, wenn ihr Sohn wie sie in das Kaufmannsgewerbe eingestiegen und so ihre Geschäfte weitergeführt hätte, doch sie hatten ihn schon in frühester Kindheit nach Kräften unterstützt. Sie ließen Privatlehrer ins Haus kommen, die ihm alltägliche Dinge wie das Lesen und Schreiben beibrachten, aber auch die Kunst des Harfespiels und der Rhetorik oder Dramatik. Bald übertraf er selbst seine Lehrer an der Harfe und wenn er am späten Abend im Garten saß und seine Hände wie von selbst über die Saiten glitten, breitete sich eine Aura des Friedens aus, die auch die Tiere zu ergreifen schien.
Einer seiner Lehrmeister hatte ihm die Lehren Astraels näher gebracht, und er hatte Gefallen daran gefunden, nach Wissen zu streben, Wissen das er brauchte, um seine Erzählungen möglichst authentisch zu gestalten. Nicht zuletzt aber auch, weil er erkennen musste, dass die perfekte Beherrschung eines Handwerks nicht der alleinige Schlüssel zum Erfolg war. Wie ein Schmied, der nicht nur in der Lage sein musste exzellente Rüstungen zu fertigen, sondern diese auch gewinnbringend verkaufen musste. Und für einen Künstler wie ihn war Wissen unerlässlich, wenn er Erfolg haben wollte. So verbrachte er seine Jugend hauptsächlich mit dem Studium in der Bibliothek der Stadt, und dem Üben an der Harfe, die ihm sein Vater geschenkt hatte. Es war ein wertvolles Exemplar, aus echter galadonischer Eiche, und er trug sie stets bei sich, sorgfältig in ein Ledertuch gewickelt. Nun lag sie auf seinem Arbeitstisch, neben dem aufgeschlagenen Buch und es war fast so, als ahnte er was kommen würde, denn sein Blick wurde wehmütig beim Betrachten des Kleinods.
Lun zuckte zusammen, als sich hinter ihm die Tür öffnete und Loroian Lotusblatt das Zimmer betrat. Er drehte sich langsam um, und als er den schmerzvollen Ausdruck auf seines Vaters Gesicht sah, senkte er betroffen den Blick. Sein Vater machte keine langen Reden, sondern sagte nur leise, den Schmerz aus seiner Stimme verdrängend. „Mein Sohn, Du wirst uns verlassen.“ Danach hatte er sich ohne weitere Worte umgedreht und das Zimmer verlassen. Sein Nachkomme ballte indes die rechte Hand zur Faust und zwinkerte heftig, um die aufkommenden Tränen zu vertreiben. Er hatte gewusst, dass es so kommen würde. Die Grafen hatten Verwandte die gute Kontakte zu Mortrakor von Galadon pflegten, was ihnen beträchtlichen Einfluss verlieh. Seine Knie zitterten als er sich erhob und langsam die Dinge zusammensuchte, die er mit auf die lange Seereise nehmen würde. Denn er wusste was es nach der Entdeckung Siebenwinds bedeutete, seine Heimat verlassen zu müssen. So verließ er nur wenige Tage später sein Elternhaus, mit nichts mehr als einer Harfe und Papier für neue Werke im Gepäck.
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Ein plötzlicher Windstoß löschte das kümmerliche Feuer das er entzündet hatte, und so zog er den Mantel enger, um die Kälte die der Wind durch seine Kleidung trieb etwas abzumildern. Der Fetzen Papier, den er eben hinein geworfen hatte war schon halb verkohlt und nur wenige Worte waren verblieben. Lun langte nach vorne, in das im Inneren noch schwelende Feuer und versuchte im Schein Astreyons zu entziffern was noch vorhanden war. Es war nur der Anfang des wenig sinnreichen Textes, den zu Schreiben er begonnen hatte.
„Die Welt ...“
stand dort, gerade noch erkennbar. Und mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass dies nun seine Welt war, die Insel Siebenwind, auf der er fortan sein Leben führen würde.
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