|
Am nächsten Abend legte ich mich früh zur Ruh, um den Schlaf nachzuholen, den ich in der Nacht zuvor versäumt hatte. Doch mein Schlaf war nicht so erholsam, wie er hätte sein müssen. Alpträume schreckten mich mehrmals hoch. Als die Nacht ihre Mitte erreicht hatte, beschloss ich wach zu bleiben und starrte gebannt in den Himmel bis der Morgen hereinbrach.
Der nächste Tag war anstrengend. Müde wankte ich durch den Wald. Mehrfach rastete ich und versuchte im Schutz von hohen Bäumen mit ausladendem Wurzelwerk zu schlafen. Meine Schlafpausen waren kurz. Mal nickte ich für eine Stunde ein, mal ruhte ich für eine Halbe.
Am Abend bereitete ich ein Lager und begann meine Gedanken zu sammeln und auf etwas Angenehmes zu lenken, um mich nicht mehr von dem Bösem beunruhigen zu lassen, welches ich im Wald belauscht hatte. Ich lächelte über die eigentümlichen Hobbits, die ich im Norden getroffen hatte, besann mich auf die helfenden Heiler zu Schieferbruch und erinnerte mich an meine bewegenden Begegnungen mit den tiefsinnigen Waldelfen. Doch immer wieder kehrten meine Gedanken zurück zu den Dingen, die ich aus meinen Kopf verbannen wollte, um endlich einen ruhigen Schlaf zu finden.
Es war vergebens. Auch diese Nacht erholte mich nicht, ebenso nicht die nächste und die darauf folgende. So stolperte ich übermüdet durch die Wälder im Süden, immer auf durchgehenden Schlaf hoffend, der mir meine Kraft zurückgeben sollte.
Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt längst überschritten, als ich fast in eine Gestalt rannte, die sich - den Rücken mir zugewandt - nach vorne gebeugt und in sich vertieft am Waldesgrund zu schaffen machte. „Wie vor kurzem“, schoss es mir in den Kopf. Hektisch aber so leise wie möglich versteckte ich mich hinter einem Stamm. Vorsichtig lugte ich aus meinem Versteck hervor und beobachtete die Person. Von der Statur her schloss ich auf einen Mann.
Was machte der Kerl da nur am Boden? Ich dachte an die komisch leuchtenden Sterne, die des Nachts mancherorts im Wald höllisch rot schimmerten. Pentagramme nannte sie einer, den ich getroffen hatte. Ich zog in Erwägung, dass der Mann ein solches Pentagramm herstellte. Dabei trat ich unvorsichtig mit meinem Fuß auf einen Zweig, der verräterisch knackte. Ich verfluchte mich innerlich und zog zügig meinen Kopf zurück.
„Hallo?“, hörte ich eine Stimme rufen. Ich antwortete nicht. Nach einigen Minuten traute ich mich erneut, nach dem Mann zu schauen. Er war wieder in seine Arbeit vertieft, aber hatte sich mir nun zugewandt. Verzweiflung stieg in mir hoch. Jetzt konnte ich nicht einfach gehen, denn die Gefahr war groß, dass er mich sehen würde. Schnell zog ich meinen Kopf wieder zurück.
Mit müdem und törichtem Kopf griff ich kurz entschlossen nach einem Stein am Boden und versuchte ihn zwischen den Stämmen so weit wie möglich von mir fort zu werfen, um verschwinden zu können, wenn die Aufmerksamkeit des Mannes abgelenkt war. Der Stein schlug mit einem dumpfen Knall an einen Stamm nicht weit von mir. „Ich dummer Mensch“, dachte ich über mich. Denn der Mann geriet in Aufregung, aber nicht so wie ich es mir vorgestellt hatte.
„Hallo? Ist da wer?“, rief er laut und stapfte auf einmal wild umher und dann direkt auf mich zu. „Ich werde kämpfen“, entschloss ich und griff zu meinem Bogen. Mit allem Mut, den ich aufbringen konnte, drohte ich laut: „Flieht, ihr unseliger Diener des Einen. Oder ihr werdet meinen Pfeil zu spüren bekommen“. Der Mann schrie laut und wechselte dann wohl die Richtung, denn seine Schritte entfernten sich von mir. So schnell ich konnte spannte ich meinen Bogen, griff nach einem Pfeil und sprang hinter dem Baum hervor, um zu sehen, was vor sich ging.
Mein Gegner lag einige Schritte von mir rücklings auf dem Boden und sah ziemlich wehrlos aus. Möglicherweise war er bei seiner Flucht an einen dicken Ast gestoßen. Mit gespanntem Bogen trat ich auf ihn zu. „Ein Elf!“, erschütterte es mich, als ich vorsichtig auf den Mann blickte. Innerlich verunsichert aber doch mit böser Stimme fragte ich ihn: „Seid ihr ein Diener des Einen?“. Der Elf schüttelte den Kopf und antwortete ängstlich, dass er kein Anhänger des Einen sei. Entsetzen breitete sich in mir aus. „Kann das sein?“, wog ich für mich ab und überlegte, ob er log. „Nein“, entschied ich dann, „ein Diener des Einen würde seinen Herrn bestimmt niemals verleugnen“.
„Was habe ich nur getan?“, fragte ich mich und fühlte mich innerlich leer. Und dann brach alle Müdigkeit, die ich in den letzten Tagen angehäuft hatte, über mich herein. Mir wurde schwarz vor Augen und ich knickte zusammen.
Als ich wieder zu mir kam, beugte sich der Elf zu mir herüber und reichte mir Wasser. Ich erzählte ihm, was mir geschehen war. Ich schämte mich sehr und bat um Verzeihung, denn schließlich hatte ich ihn überfallen und war sogar bereit gewesen, Gewalt gegen ihn anzuwenden. Überrascht stellte ich fest, dass er keinen Gram sondern Sorge um mich spürte. Und meine Scham wuchs weiter.
Der Elf stützte mich auf und brachte mich abgestützt zu einer Hütte im Wald, in der Frauen leben sollten, die sich um mich kümmern und mir Sicherheit geben sollten, um endlich wieder schlafen zu können. Wir erreichten die Hütte im Dunkeln. Niemand war da. So führte er mich in den Garten und bat mich, mich an die Hauswand zu setzen. In seinen Armen schließlich schlief ich ein.
Und ich schlief!
...
Als ich weit nach Mittag aufwachte lehnte ich an einem Baum im Garten. Jemand hatte mich mit einer Robe zugedeckt. Wer das getan hatte und wie ich zu dem Baum gekommen war, wusste ich nicht. Zaghaft erhob ich mich und klopfte an die Tür der Hütte. Niemand öffnete. Ein bis zwei Stunden wartete ich, aber blieb allein. Dann brach ich auf.
|