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 Betreff des Beitrags: Das Ende der Reise
BeitragVerfasst: 1.06.02, 20:43 
Ehrenbürger
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"Land! Da vorne ist die Insel!"

Janolph, erster Maat an Bord der Sturmbrecher, folgte mit dem Blick dem aufgeregt aufs Meer hinausdeutenden Arm des Ausgucks. Eng kniff er die Augen zusammen, um etwas erkennen zu können, und langsam, sehr langsam zeichnete sich ein dünner Streifen am Horizont ab. Es wurde wirklich Zeit, daß sie die Insel erreichten, das kleine Handelsschiff hatte verderbliche Ware geladen, und sie waren jetzt bereits drei Tage länger unterwegs als geplant.

Dennoch breitete sich ein flaues Gefühl in Janolphs Magen aus.

Drei Monate war es nun her, seit sie das letzte Mal den Hafen von Tiefenbach verlassen hatten, beinahe gänzlich entladen, dafür aber um einem saftigen Haufen Gold reicher. Eigentlich wäre es ein Tag zum feiern gewesen.

Janolph aber hatte sich das Leben nehmen wollen.

Es war Nacht gewesen, und er war an einem der unbelegten Stege gestanden, die Klinge des Dolches bereits leicht gegen seine Pulsader gedrückt, und nur noch ein kräftiger Ruck hatte ihn von seiner Erlösung getrennt. Vom gnädigen Vergessen, das ihn bewahrt hätte vor den Erinnerungen an die hübsche Schneiderin, die stets sehnsüchtig am Hafen auf seine Ankunft gewartet hatte. Die hübsche Schneiderin, die sein Kind im Leib getragen hatte, als er zu seiner letzten Reise aufgebrochen war. Die hübsche Schneiderin, die bei einem Großbrand in Rohehafen ums Leben gekommen war.

Janolph riß sich mit einem traurigen Lächeln von den düsteren Gedanken los, und wandte sich auf dem Absatz um.

"Will!" Mit einer knappen Geste bedeutete er dem zweiten Maat, für kurze Zeit seinen Posten zu übernehmen, während er sich seinerseits zielstrebig in richtung der Quartiere wandte. Er hatte ein Versprechen einzuhalten.

Der Gang, der tiefer ins Innere des Schiffes führte, war dunkel und modrig wie immer. Die Sturmbrecher war ein gutes Schiff, aber eben doch ein Handelsschiff, keines der halbwegs bequemen Siedlerschiffe mit ihren - nach seemännischem Maßstab - gemütlichen Kabinen. Es gab ein riesiges Mannschaftsquartier, und nur die ranghöchsten an Bord hatten eigene Kabinen. Umso erstaunlicher war es, daß er eben auf das Einzelquartier eines einfachen Schiffsjungen zusteuerte.

Der Junge antwortete nicht auf Janolphs Klopfen, und der stämmige Seemann zögerte einige Momente, ehe er die Türklinke hinunterdrückte und die Tür ein Stück öffnete, um fragend ins Innere zu blicken.

Er saß auf dem Boden der kleien Kabine, die Füße im Schneidersitz verschränkt und die Hände locker auf die Knie gelegt. Sein Atem ging ruhig und langsam und seine Augen waren geschlossen, doch die spitzen Ohren zuckten leicht bei jedem Geräusch.

Janolph wollte bereits die Tür wieder schließen, als er mit einem freundlichen "Was gibt es?" begrüßt wurde.

"Herr Frühlingswind..." Er deutete etwas an, das eine höfliche Verneigung hätte sein sollen, doch der alte Seemann war alles andere als geübt in solcherleid Dingen. Nicht, daß es wirklich einen Unterschied gemacht hätte, der junge Elf hielt weiterhin die Augen geschlossen, doch der gutmütig-strafende Gesichtsausdruck des Schiffsjungen ließ ihn rasch hinzufügen: "Ich meine, Ben..."

Es ist nicht abzustreiten, daß Janolph sich überaus unwohl fühlte. Er hatte es immer schon gehaßt, den ansonsten so quirrlig-fröhlichen Elfen in diesem Zustand zu sehen. Seiner Meinung nach war der Anblick... falsch. Ein Diener Vitamas sollte feiern und die Liebe seiner Herrin verkünden, nicht in tiefem, stillem Gebet zum Herrn der Träume versinken...

"Du bist erster Maat, ich bin nur ein Schiffsjunge... und noch dazu ein verdammt schlechter..."

Erleichtert fühlte Janolph, wie sich seine Anspannung löste, als sich auf dem jungen Gesicht des Elfen ein freches, breites Grinsen ausbreitete, und der Frieden Morsans der gewohnten Fröhlichkeit des Jungen wich. Himmelblaue Augen öffneten sich und funkelten den ersten Maat vergnügt an.

"Ihr seid vor allem der Schiffsgeweihte... Ben."

Das Grinsen wurde deutlich breiter, während sich der Junge etwas umständlich aufrappelte und auf ihn zu tappste. "Ich bin noch nicht einmal Novize, wie könnt ich denn da schon Schiffsgeweihter sein?"

Sie hatten diese Diskussion in den letzten drei Monaten so oft geführt, und mit einem leisen Seufzen kommentierte er die Tatsache, daß es der Junge immer noch nicht akzeptiert hatte. "Ihr seid der einzige Geistliche an Bord. Und Ihr habt dem ersten Maat das Leben gerettet..."

Ben Frühlingswind hatte zwar nachher behauptet, er wäre nur zufällig in jener Nacht am Hafen vorbeigekommen, doch Janolph wußte nur zu gut, daß sich niemand bei klarem Verstand des nachts "zufällig" in einem Hafen aufhält.

"Du wirst dich damit noch verletzen..." Der Junge war lautlos hinter ihn getreten, sodaß der Seemann leicht zusammengezuckt war, als er unvermittelt die freundliche Stimme direkt hinter sich vernahm.

"Das soll es auch!" hatte er ihn angeherrscht, ohne sich umzudrehen.

"Aber damit würdest du sie auch verletzen." Der Junge würde später behaupten, er hätte nichts über den Tod der Schneiderin gewußt, sondern hätte sich mit diesem "sie" ledigleich auf seine Herrin bezogen, doch Janolph wußte es besser. Die Göttin hatte ihm diesen Jungen geschickt, um ihn zu retten, und der Elf wußte mehr über ihn und sein Gefühlsleben, als er ihn glauben machen wollte.

"Sie? Sie wird mich nicht vermissen! SIE IST TOT!" Eigentlich hätte er es in diesem Moment tun wollen. Der ganze Schmerz und diese qualvolle Leere waren wieder in ihm aufgestiegen, und das Gefühl, sein Leben hätte jeden Sinn verloren, hatten ihn mit ganzer Macht übermannt.

Er hatte es nicht getan. Es nicht tun können. Egal wie oft Ben Frühlingswind auch behaupten mochte, er wäre doch nur dagestanden und hätte nichts gemacht - Janolph wußte, daß ihn der Junge mit irgendeiner göttlichen Magie davon abgehalten hatte, sich endlich das Leben zu nehmen.

Eine zeitlang waren sie nur schweigend dagestanden, ehe der Elf leise geantwortet hatte. "Dann ist sie jetzt in des Herrn Hallen und wird auf dich warten." Für einen Moment lang hatte seine Stimme etwas verunsichert geklungen, doch Janolph wußte, daß es nur gespielt war. "Aber glaubst du, sie wäre froh darüber, wenn du ihr jetzt schon folgen würdest? Glaubst du nicht, es würde sie schmerzen, wenn du wegen ihr dein Leben aufgibst?"

Es waren nicht die Worte gewesen. Nein, mit Vernunft hätte ihm der Junge in dieser Situation garnicht kommen können. Irgendetwas...

Das sanfte Schaukeln des Schiffes holte ihn wieder in die Gegenwart zurück. Ben Frühlingswind stand nunmehr direkt vor ihm und blinzelte verwundert zu ihm hoch. Janolph wußte nicht, weshalb, doch der Junge hielt auch weiterhin daran fest, das unwissende, unschuldige Kind zu spielen. Janolph aber ließ sich nicht von ihm täuschen, nein, er wußte um die unendliche Weisheit, die diesem seltsam kleingewachsenen Elfen innewohnte.

"Äh... aber ich hab damals doch garni..." Er unterbrach sich und zuckte dann nur die Achseln. "Naja, aber ich nehm nicht an, du bist nur hier, um mit mir über ein und das selbe Thema zu streiten, über das wir schon seit drei Monaten diskutieren..." Der Schiffsjunge zwinkert ihm vergnügt zu.

"Nein, He... Ben. Aber ich sollte Euch holen, wenn Siebenwind in Sichtweite kommt."

Er hatte es in den letzten Wochen so oft gesehen, und dennoch erstaunte ihn das lebendige Leuchten in den tiefblauen Augen des jungen Elfen immer wieder aufs Neue. Beinahe hätte er Vitamas Zeichen vor der Brust geschlagen, wie es ihm sein Mentor (er verstand nicht, warum Ben Frühlingswind sich stets dagegen sträubte, als solcher bezeichnet zu werden) beigebracht hatte.

"Siebenwind..." wiederholte der Junge verträumt. "... endlich seh ich sie alle wieder..."

Er hätte nur eine Woche wegbleiben sollen, hatte er ihm erzählt. "Novizenreise" nannte man es, und an ihrem Ende stand die Aufnahme in den Orden der Vitama. Aber er hatte darauf bestanden, ihn zurück zur Sturmbrecher zu bringen. Die ganze Nacht hindurch hatten die beiden miteinander gesprochen, und die tröstenden Worte des jungen Elfen hatten ihn letztendlich dazu gebracht, wieder einen Hoffnungsschimmer in der Dunkelheit seines gebrochenen Herzens zu finden. Er hatte wieder angefangen, zu leben.

Laut Bens Aussage war es natürlich nur ein weiterer, unglücklicher Zufall gewesen, daß die beiden schließlich eingeschlafen waren, und die Sturmbrecher längst schon außerhalb des Hafens war, als sie wieder erwachten. In Wirklichkeit war es ein Zeichen der Götter gewesen, dessen war sich der Seemann sicher, denn die folgenden drei Monate waren die friedlichsten und erfolgreichsten gewesen, die die Sturmbrecher je erlebt hatte. Regelmäßige Gottesdienste zu Ehren der Göttin hatte man auf seine Bitte hin unter der Führung des Kapitäns abgehalten.

Der Junge selbst hatte darauf bestanden, sich seine Verpflegung zu verdienen, und obwohl er tatsächlich der schlechteste Schiffsjunge war, der je an Bord der Sturmbrecher gedient hatte, schien er dennoch ein wertvolles Mitglied der Manschaft zu sein. Wann immer es Probleme gab, war er mit Feuereifer dabei, sich darum zu kümmern.

"Jan..."

"Ja.. Ben?"

"Du kommst mich doch besuchen, wenn du wiedermal nach Siebenwind kommst, oder?"

Die Vorstellung, es NICHT zu tun, war einfach absurd. "Natürlich, Herr Frühlingswind."

Der junge Elf verzog das Gesicht, diesmal jedoch nicht zu einer schelmischen Rüge... sondern zu einem fürchterlich verlegenen Grinsen. "Ähm... ich wär dir dankbar, wenn du mich auf Siebenwind lieber Mondsilberhaar nennst..."

"Mondsi... was...?"

Der Junge schien noch ein Stück kleiner zu werden.

"Jan... hinterfrage niemals die Identität eines Bewohners der Insel der Neuanfänge..."


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 Betreff des Beitrags: Die andere Seite der Geschichte ;)
BeitragVerfasst: 1.06.02, 20:43 
Ehrenbürger
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Ben taumelte die ersten Schritte über den Steg Tiefenbachs, ehe er sich an das fehlende Schaukeln unter seinen Füßen gewöhnt hatte.

"Siebenwind..."

Er zitterte am ganzen Körper vor Erwartung. So lange hatte er darauf gewartet, endlich wieder hierher zu kommen. Hierher, wo all seine Freunde waren.

Das Herz war ihm stehengeblieben, als er gemerkt hatte, daß er verschlafen hatte und auf dem Schiff gefangen war, und die ersten Tage seiner langen Reise hatte er sich regelmäßig in den Schlaf geweint. Die Aussicht, nach Falandrien zu segeln, und dann den gesamten Weg zurück, hätte ihm beinahe den Verstand geraubt, und seine Welt schien unterzugehen, als er erfuhr, daß sie nicht den direkten Weg wählen würden, denn die ganze Zeit über würde er seine geliebten Freunde nicht sehen können...

Und dabei hatte er doch versprochen, nur eine Woche weg zu sein.

Jan, der freundliche erste Maat, hatte sich zwar ziemlich seltsam verhalten (aus irgendeinem Grund hatte er bis zum Ende der Reise daran festgehalten, ihn mit dem höflichen "Ihr" anzusprechen... und dabei war er doch sein Vorgesetzter gewesen), aber trotz allem hatte er sich schließlich an Bord der Sturmbrecher eingelebt. Wenn er nicht jeden freien Augenblick sehnsüchtig an seine Freunde auf Siebenwind gedacht hätte, hätte er an Bord leicht ein neues zuhause gefunden, denn die Seeleute waren stets überaus nett zu ihm gewesen.

Grinsend dachte er daran, daß sie ihn noch nicht einmal verprügelt hatten, wenn er einem von ihnen seine Schnapsflasche geklaut hatte.

"Viel Glück! Und denk immer an meine Worte!" Eifrig winkte er dem ersten Maat zum letzten Mal zu, ehe er sich umwandte und mit einem beinahe schon schmerzhaften Sprung seines Herzens auf das weite Land blickte, das vor ihm lag.

"Ich bin zuhause..."


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