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 Betreff des Beitrags: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 26.10.09, 19:08 
Edelbürger
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Heute also war es so weit! Leandra steht vorn am Bug des „Seefalken“, einer mittelprächtigen Schaluppe, die sie selbst und ein paar andere Mitreisende von Rothenbucht nach Siebenwind bringen würde.

In ihrem Nacken spürt sie die Blicke der Seemänner. Wieder einmal. Diese verfluchte Bande von Nichtsnutzen hatte scheinbar den ganzen Tag nichts Besseres zu tun, als ihr hinterher zu schauen, zu johlen, zwinkern oder was auch immer. Was immerhin eine Verbesserung zum ersten Tag ihrer Seereise war – doch die schmerzhaft gekrümmte Hand des Matrosen, die sich unter ihre Bluse verirrt hatte, als sie gerade in der Kombüse beim Kartoffelschälen geholfen hatte, würde sich noch eine Weile an das blitzschnell geführte Küchenmesser erinnern. Und mit ihr der ganze Pöbel von Seeleuten, der sie von da an – zumindest mit Taten – in Ruhe ließ.

Leandra legt die Hand an die Stirn, um ihre mandelbraunen Augen zu beschatten. Hatte sie da am Horizont etwa im Morgennebel Land gesichtet? Nein – das war wohl doch nur Wunschdenken. Da half ihre Scharfsichtigkeit, die ihre Eltern ach so oft gelobt hatten, auch nichts, Siebenwind würde sie wohl nicht vor der Mittagsstunde erblicken.

Siebenwind – sie hatte schon so vieles Gutes über dieses Eiland gehört! Sie wollte es unbedingt erreichen, darin umherstreifen, es bis in den letzten Winkel erkunden. Vielleicht würde sie sogar jemanden finden, bei dem sie mit ihren Fähigkeiten etwas Gold verdienen könnte. Dieser tumbe Matrose war nicht der erste und einzige, der sie unterschätzt hatte.

Auch ihre Eltern hatten sie einfach nicht verstehen wollen. Sie war einfach keine geborene Tuchmacherin! Jahrelang lagen sie ihr in den Ohren, daß sie dieses ehrbare und ordentliche Handwerk erlernen solle, um dereinst den Laden ihres Vaters am Basar von Gol Air im Süden der Region El Mahid, zu übernehmen. Doch was sie ihnen auch als Alternative vorschlug, sie stieß auf taube Ohren, besonders bei Igr Kurton, dem sturen Hund. Ihre Heimat, das nun fern im Süden liegende Wüstenreich, bot einer jungen Frau auch wahrlich nicht viele Möglichkeiten.

Seit ihrer Geburt im Jahre 6 vor Hilgorad, auch wenn diese Zeitrechnung in ihrem Heimatort zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt war, denn der Arm Galadons reichte damals noch nicht bis zur Grenze der Regenwildnis, hatte sie sich nicht mehr nahe an Ra gefühlt, wie jetzt gerade in diesem Moment. Die Macht des Unvollkommenen Strebens, die sie die letzten Jahre ständig begleitete, wich in diesen Stunden auf dem Schiff etwas zurück, um Platz zu machen für neue Gefühle: Arm in Arm gingen Ra und Kat auf sie zu, um sie mit offenen Armen zu begrüßen, während sich jenes wilde Tier in ihr, das sich unentwegt durch ihren Körper fraß, abwartend zurückzog.

Wieder wandte sie ihre scharfen Augen nach vorne. Diesmal war sie sich sicher: Sie hatte einen Berggipfel über dem sich lichtenden Nebel entdeckt. Ihre verfluchten Augen! Schon sehr früh hatte sie das Gefühl gehabt, daß ihre Eltern wegen eben dieser Augen eine gewisse…Angst..? vor ihr verspürten. Sie wuchs heran und alle außer ihr selbst bewunderten Tag für Tag ihre atemberaubende Schönheit, die sich mehr und mehr herauskristallisierte. Sie jedoch begann, ihr Äußeres – mochte es noch so berauschend auf andere wirkend – zu verachten. Sicher, es hatte ihr schon manches Tor geöffnet, von dem ihre Eltern noch nicht einmal ahnten. Doch alles in allem brachte es ihr mehr Kummer und unerwünschte Aufmerksamkeit von tumben Männern als wahre Vorteile.

Sie bereute nichts von dem, was sie bisher getan hatte. Weder ihre Entscheidung, sich heimlich von einigen jungen Männern, die ihr (und ihrem Körper) hörig waren, in der Waffenkunde unterrichten zu lassen (mit dem großen Säbel konnte sie ganz passabel umgehen), noch jene, sich nun von ihren Eltern abgewendet zu haben. Ila schien schon immer, aus einem ihr unbekannten Grund, vor ihr eine unbestimmte Angst zu verspüren. Und Igr..hach…wenn er nicht mit seinen Blicken nach ihr begehrte, schien er sie zu verabscheuen, weil sie nicht so war, wie er es wollte.

Zugleich hatte sie begonnen, sich für die Geschichten der vielen Seeleute und anderer Leute aus fremden Ländern zu interessieren, die in Gol Air kurz oder lang weilten.

Sie war Leandra Kur Galaik'u Lur, ven Raji. Sie war seit ihrer Flucht aus den Fängen der elterlichen Pflichten weit gereist, um in das Land ihrer Träume zu gelangen, in dem sie ihre Ziele, ihre Träume, erreichen könnte.

Galadon war nicht dieses Land. Galadon, und speziell sein Herzstück, das Herzogtum Bernstein, war verdorben, von einer Inquisition beseelt, die nach außen hin mit allen Mitteln die Vier vertrat, intern jedoch durch Intrigen und Lust zerfressen wurde (wie interessant, warf ihr inneres Tier der Macht ein). Der König mochte edel sein und großmütig, doch wie sollte aus diesem Land jemals etwas Gutes hervorgehen, wenn es schier nur aus Kohlköpfen bestand?

Doch einmal in Draconis angekommen, fremdartig in ihrer dunkelhäutigen Gestalt mit ihren langen, roten Haaren und ihren durchdringenden, wilden Augen, hatte sie in manch Spelunke und öffentlicher Diskussion von jener Insel Siebenwind gehört. Jener Insel, die Gutes und Neues verhieß. Jener Insel, die ihre Sehnsüchte würde befriedigen können. Jener Insel, auf der sie ihr Schicksal finden würde. Auf der die Mächte neu über sie bestimmen würden. Wer sie war, was sie sein würde, wofür sie geboren wurde. Dort würde sie es erfahren.

Also war sie auf dem Rücken des Pferdes, das sie für einen großen Teil ihres Geldes erstanden hatte, als sie erst vor kurzem in Rothenbucht von Bord des Schiffes ging, das sie aus Gol Air weggebracht hatte, wieder aus der Stadt Draconis hinaus geritten, ja beinahe geflohen vor den Geistern der Verlogenheit, die ihr dort allgegenwärtig schienen. Man hatte ihr gesagt, sie müsse sich unbedingt Burg Bernstein ansehen, so nahm sie auch diesen Umweg noch auf sich. Imposant war jenes Bauwerk, ohne Zweifel. Starke Mächte hielten es zusammen und hüllten es gleichsam ein. Abweisende Mächte. Wohl eine Stunde mochte sie am Rande der Ebene auf dem Rücken ihres Pferdes gesessen haben und aus der Ferne auf jenes Bollwerk Galadons geblickt haben, ehe sie ihr Pferd mit einem Schnalzen dazu brachte, umzudrehen.

Sie ritt von nun an wie der Wind, machte nur noch Halt, wenn es unbedingt sein musste. Sie wollte weg von hier, dies war nicht der Ort. Dies war nicht die Zeit. Schweren Herzens trennte sie sich, zurück in Rothenbucht, von ihrem zum treuen Freund gewordenen Pferd. Doch leichtfüßig und ohne sich umzudrehen stieg sie über die Planke auf das Schiff, das schon bald mit Kurs auf Siebenwind den Hafen verlassen würde.

Nun also stand sie am Bug des Seefalken und erblickte aus der Ferne die Gestade dieser Insel, die ihre Zukunft sein sollte. Möge die Macht des Nebels ihr wohlgesonnen sein!

Doch tief in ihr wartet Aji auf den geeigneten Zeitpunkt, erneut von ihr Besitz zu ergreifen. Denn Aji war hungrig wie ein Wüstenwolf. Und wurde niemals satt.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 26.10.09, 19:12 
Edelbürger
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Lhosa senkte sich dann doch bereits langsam gen Boden und setzte den abendlichen Himmel scheinbar in Brand, als das Schiff im Brandensteiner Hafen anlegte. Wieder ein Zeichen der Mächte des Lichtes. Wie schon jenes, das ihr auf dem Schiff berichtet wurde, und das sie wahrhaft gerne selbst beobachtet hätte.

Sehr bewusst und tief durchatmend setzt sie als Erste ihre ersten Schritte von der Schiffsplanke auf die Bohlen des Hafens. Hinter ihr warten die anderen Reisenden, daher verschließt sie sich und ihre Gefühle. Vertrauen ist ein kostbares Gut. Ein Gut, das in Bewegung ist wie eine Wanderdüne. Sie schultert ihre Habe und betritt durch eines der Tore die Stadt, taucht in die länger werdenden Schatten ab - auch eine Gabe, die sie in ihrer Zeit der Abnabelung von Ila und Igr erlernt hat.

Gun Au Kraor, ven Jil, einer jener jungen Männer, mit dem sie manchen Streifzug durch die allgegenwärtige Wüste, bis in die Ausläufer der Regenwildnis und auch in das nächtliche Gol Air unternommen hatte, hatte ihr gezeigt, worauf es ankommt. „Wenn du eine Stadt wirklich kennenlernen willst, Leandra, dann begib dich in ihre Schatten, und blicke von dort aus auf das, was sich ihr Licht nennt“. Und genau das hatte sie dann auch getan. Hatte dabei erschreckend schnell ihre als Tochter einer durchaus als wohlhabend zu bezeichnenden Familie gegebene Naivität verloren. Und hatte jenes Tier entfesselt, das seit ihrer frühen Kindheit schon in ihr nagte.

Hier, jetzt, ein gutes Jahr später und manche Erfahrung reicher und in den Schatten Brandensteins gehend (wenn man ihre vorsichtige, eher dem Gang einer Raubkatze ähnelnden Erkundungstour als Gehen bezeichnen mag), war ihr Blick geschärft. Es wurde Nacht in der Stadt, und welche Zeit wäre besser geeignet, um in die Abgründe des Ortes zu blicken, den man betreten hat?

Trotz ihren jungen Jahren konnte sie nicht mehr viel überraschen. Seit sie erst einmal den Schleier ihrer Naivität abgelegt hatte und in den wahren Pfuhl, ja Morast geblickt hatte, den die Hafenstadt am Rande der Wüste darbot, jenem Verlangen, jener Wut und jenem Feuer in sich die Leine etwas gelockert hatte – die Bilder, die die Mächte ihr mit ihren scharfen Augen und ihrer schnellen Auffassungsgabe zu sehen erlaubten, waren Bilder des Verfalls.

Jene Stadt hier jedoch überraschte sie. In einer Art und Weise, die sie umso mehr überrannte, ja kurzzeitig zum wehrlosen Spielzeug der Mächte machte, weil es seit ihrer Abreise aus Gol Air der erste wirklich positive Eindruck war.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 26.10.09, 20:28 
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Die nun folgenden ersten Tage waren Tage der Wachsamkeit. Noch hatte Lhosa etwas Wärme zu spenden, doch das nasskalte, unangenehme Klima dieser Region machte ihr schwer zu schaffen. In diesen Tagen lief sie durch die Stadt, beobachtete viel und sagte wenig.

„Vertraue niemandem weiter, als du eine Festung schleudern kannst“, dieser Spruch von Gun, bei dem sie das erste Mal noch gelacht hatte, der sich jedoch mit der Zeit (und der Erfahrung) wie ein Mantra eingeprägt hatte, bewahrte sie schon manches Mal vor Schlimmerem. Die ersten Nächte verbrachte sie, in Ermangelung von Dukaten, im Wald, in der alten Mühle oder anderen Unterständen. Es mangelte in dieser neuen Welt nirgends an reinem Wasser, was ihr jeden Tag aufs Neue wie ein Wunder vorkam. Den Mächten dankend nutzte sie es, um ihren Durst zu stillen, ihren Körper rein zu halten und immer wieder auch einfach nur, um es mehrere Zyklen lang zu betrachten.

Um sich aufzuwärmen, war sie immer wieder gezwungen, die Taverne aufzusuchen. Dies ging einher mit ersten Begegnungen. Das Volk von Brandenstein war ihr seltsam vertraut. So sehr sie (und ihr Inneres) sich dagegen auch wehren mochte – hinter der rauhen und kantigen Fassade der Menschen hier war etwas, das sie schon nicht mehr für möglich gehalten hätte, daß es existiert: Herzlichkeit.

Aji spannte ihre Muskeln stetig zur Wachsamkeit. Ermahnte sie zur Vorsicht. Doch der Herbststurm, mit dem sie bereits von Ra und Kat hinfort getragen wurde, der Teile ihres Verlangens zu befriedigen vermochte, war einstweilen nicht mehr aufzuhalten. Sie wurde von ihm bereitwillig ergriffen, näherte sich diesen Menschen an, öffnete sich etwas.

Mit einem Mal war es einfach. Beinahe zeitgleich fand sie Arbeit im Handelskontor und meldete sich, einer spontanen Eingebung (oder war es eine lang gehegte Sehnsucht?) folgend, bei der Armee. Beides gab ihr Halt in der – wenn auch vertraut wirkenden - Fremde. Handel zu treiben lag ihr naturgemäß im Blute. In Gol Air wurde mit allem gehandelt, was sich nicht dagegen wehren konnte. Und durch den Kontakt zu Kunden gewann man jene Einblicke in fremde Kulturen, die selbst ihr geschulter Blick aus den Schatten heraus nicht vermitteln konnte.

Die Armee hingegen gab ihr die Möglichkeit, sich in dem zu stärken, was ihr wichtig war. „Niemals darf auch nur der Eindruck nach außen entstehen, daß du schwach bist, oder gar wehrlos“. Ein weiteres Mantra, das jedoch nicht nur Gun ihr eingeprägt hatte. Es hatte schon immer in ihr gelauert. Er hatte es nur in Worte gefasst. Sie war nicht schwach, noch nie gewesen. Ihr Jähzorn, den sie schon manches Mal nur unter großen Mühen in Zaum halten konnte, hatte sie immer aufrecht gehalten.
Hier musste sie sich unterordnen, sich Regeln fügen, die ihr nicht immer gefielen. Und doch konnte sie ihrer innerlich brodelnden Wut ab und an ein Ventil geben.

Der Drill, die gelegentlichen Erniedrigungen, die Konstitutionsübungen, nichts von alledem entmutigte sie – eher im Gegenteil. Sie genoss es! Und während sie dann im strömenden Regen eine Runde um die Stadt rannte oder auch beim Übungs-Waffengang mit den Nortraven, den manch Kamerad mit einem Seufzen quittierte, sprang Kat in die Bresche, die Aji ihm widerwillig überließ, und ließ sie mit einer ungeahnten Begeisterung alles tun, was man von ihr verlangte. Ihr starker Wille wurde dadurch mitnichten gebeugt. Sie lernte vielmehr, ihn in Zaum zu halten und für jene Momente aufzusparen, wenn sie ihn nutzen musste.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 26.10.09, 21:26 
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Es kam der Tag, an dem Sie ihren Bewegungsradius über die Grenzen des Lehens Malthust hinaus erweiterte. Abgesehen von einem hastigen Gang nach Falkensee, bei dem sie die Augen selten links und rechts des Weges, sondern vielmehr starr auf die Karte der Insel gerichtet hielt, um sich nicht vollkommen zu verlaufen, hatte sie jenes bisher noch nie verlassen.

Und das ausgerechnet für jenen Mann, der sie kurz davor so bitter erniedrigt hatte! Sie verfluchte sich innerlich mehrmals während diesem Gang, daß sie ihn überhaupt angetreten hatte, doch sie hatte den Auftrag in ihrer ersten und leider falschen Reaktion angenommen. Zu ihrem Wort würde sie stehen, bei allen Mächten. Worte trugen die Mächte auf Händen. Kein Fetzen aus Hadern oder Pergament mit wertlosen Zeichen darauf würde jemals auch annähernd diesem Heiligtum gleichkommen. Auch wenn dieser Hevelius ein Bastard war, sie hatte seinen Auftrag ausgeführt. Ihre Fähigkeiten offen anzuzweifeln, ihr dann auch noch mit blanker Klinge mitten im Kontor entgegen zu treten und sie zu Boden zu werfen.. pah!

Auf dem Rücken des Pferdes, das sie von Herrn Perdhyn geliehen bekam, und für das sie bereits (ob des Wissens, daß es nicht ihr Tier war) etwas wie Freundschaft empfand, ritt sie nun also jene Wege und Straßen ab, die ihre Intuition sie führten. Hindurch durch jene Feste Seeberg, in der ihr eine drückende Stille von kalten Mauern entgegensprang, zu jenem Fluss aus Lava, der sie dazu veranlasste, dieser Naturgewalt und der sichtbaren Überlegenheit der Macht des Feuers eine geraume Zeit zu widmen.

Als sie schließlich erneut Falkensee erreichte, und diesmal mit aller Muße, die sie sich zu nehmen zugestanden hatte, warf sich ihr spontan das Bild jenes Galadons vor Augen, das sie bereits gesehen hatte. Eine real gewordene Fata Morgana. Faszinierend..lockend…und zuletzt grausam in die Irre führend. Schmerzhafte Erinnerungen kamen in ihr hoch, an Gol Air, an Draconis, an andere Orte des inneren Verfalls. Hier stand sie vor riesigen Fassaden der Pracht, vor riesigen Bannern des Geldes und doch verkörperte diese Stadt sogleich und zu ihrer großen Enttäuschung all das, vor dem auf der Flucht war.

Es auch auf Siebenwind wiederzufinden, gab ihr einen tiefen Stich. Einen Stich, der Aji frohlocken ließ, aus jenem Winkel, in den er sich zurückgezogen hatte, wieder hervorzuschießen. Er umgarnte sie, zeigte ihr, ihre Augen führend, jene Dinge, die sie nicht mehr hatte sehen wollen. Sie verfiel wieder für eine Weile in ihre raubkatzenhafte Gangart. Zog sich in die Schatten zurück. Durchstreifte ausgiebig das Armenviertel vor der Stadtmauer. Das durch seinen Gestank und Dreck und den Abschaum, der es bevölkerte, jedoch wenigstens ehrlich das verkörperte, was in Wahrheit der gesamten Stadt anhaftete. In diesem Moment fühlte sie sich jenen Menschen mehr verbunden, als jenen ach so edlen Bürgern, die auf dem Marktplatz posierten.

Doch andere Mächte gewannen wieder die Oberhand über sie, unterstützt durch ihre eigene Willenskraft, sich nicht dem hinzugeben, was sie langfristig vernichten würde. Ein klarer Strahl, den Lhosa durch die dichte Wolkendecke schickte, ließ sie schließlich aufblicken und den Hauch von Verzweiflung abschütteln, der an ihr klebte und sie nicht so recht loslassen mochte. Er zeigte ihr das Viertel der Stadt, das sie bisher nicht besucht hatte. Und sie erlebte eine weitere Überraschung. Mitten in jenen strahlenden Hallen des Verfalls eine kleine Oase, ein kleines Bollwerk aus der fernen Heimat.

Nein, sie hatte nicht vor, sich jenen anzuschließen, die hier aus ihrem Volke wohnen mochten. Zu unwohl fühlte sie sich in dieser Stadt. Und zu gut wusste sie, dass jene, die ihrem Volke entstammten, im Allgemeinen nicht viel vertrauenswürdiger waren als jeder andere. Aber es war dennoch ein Ort, den sie ab und an besuchen würde, um jene Erinnerungen wach zu halten, jene Bilder ihrer Vergangenheit neu zu zeichnen, ehe die Macht des Vergessens sie hinweg spülen würde.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 30.10.09, 20:57 
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Ihr Besuch in Falkensee lag nun schon einige Tage zurück. Sie hatte mit jenem ein wenig von ihrem Enthusiasmus für die Insel eingebüßt. Eine Entwicklung, über die zumindest Teile von ihr durchaus froh waren. Hungrige Gedanken forderten ohnehin schon lange, dass sie die Verblendung ihrer Begeisterung endlich ablegen solle und sich wieder auf ihre sonst übliche Vorsicht besinnen müsse.

Und doch lebte Sie sich in jener kurzen Zeit schneller ein, änderte ihre Gewohnheiten aus der Heimat, ohne sich dessen immer bewusst zu sein. Der deutliche Akzent ihrer Sprache würde ihr immer anhaften – doch ihr Inneres schrie förmlich danach, sich von jenem, was sie als Tochter der Wüste ausmachte, zu trennen. Das seidene Band zu durchtrennen, das sie mit ihrer Heimat und ihren Eltern verband.

Doch gleichzeitig bäumte sie sich dagegen auf wie ein vom Feuer in Panik geratenes Pferd. Wollte jenes, was Sie als das ausmachte, was sie nun einmal war, bewahren. Ihre eigene Tradition pflegen. Und das Gesicht ihrer Mutter nicht vergessen. Sie fühlte sich von ihr verraten und verstoßen – und doch war Ila immer noch Ila. Jener tiefe Zwiespalt riss Tag für Tag eine Kerbe in ihr. Formte einen Spalt, aus dem jene Wut wieder hervorkroch, die ihr die Kraft gab, die sie benötigte.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 30.10.09, 23:01 
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Etwas hatte sie bei der Armee tatsächlich schon gelernt: Stiefel putzen. Hatte sie noch bis vor einigen Wochen niemals Stiefel besessen, so war dies tatsächlich eine durchaus hochinteressante Angelegenheit. Nebenbei auch eine Sache, bei der man zur Ruhe kam. Seinen Gedanken freien Lauf lassen konnte, während das Tuch mit Wachs über das Leder geführt wurde.

Diesmal wanderten ihre Gedanken zu den anderen Soldaten der Malthuster Wacht. Allen voran Erin – undurchschaubar und doch berechenbar, hart wie ein Fels im Wüstensand und doch oft lachend beim Austauschen des neuestens Klatsches aus der Stadt anzutreffen. Leandra war ihr schon kurz nach ihrer Ankunft das erste Mal begegnet und hatte gespürt, daß diese Frau ihr ähnlich war. Daß sie das vorlebte, was in ihr selbst noch im Halbschlaf war. Vielleicht auch ein Grund dafür, daß sie sich so schnell dafür entschieden hatte, in die Armee einzutreten.

Barius hingegen mit seiner verschrobenen Art und seiner ja fast schon liebenswürdigen und hoffnungslos falschen Einstellung zu Frauen (oder besser gesagt dem, was sie für ihn alles tun könnten) passte gut in das Bild, daß sie sich in ihrem bisherigen Leben von Magiern gemacht hatte. Magie war allgegenwärtig, sie hatte noch nie einen Grund darin gesehen, sich vor ihr zu fürchten oder ihren Nutzen nicht sehen zu wollen. Freilich hatten jene, die in Endophal die Gabe von den Mächten erhalten hatten, diese nicht derart offen ausgelebt, wie es hier der Fall war. Doch auch das war nun mal Bestandteil der im Verfall befindlichen Welt: Bodenlose Faulheit.

Simon war in ihren Augen der Soldat, wie sie ihn sich immer vorgestellt hatte aus den Berichten jener, die Gol Air bereisten und von Galadon berichteten. Er war korrekt, kameradschaftlich, hart, manchmal wortkarg, direkt. Auch ihn bewunderte Leandra für jene Kunst, Dinge gelassen über sich ergehen zu lassen, wenngleich dieser Mangel an Emotionen beinahe schon angsteinflößend war.

Cacama.. ein merkwürdiger Kauz. Was ihn in die Armee verschlagen haben mochte, konnte Sie noch nicht ergründen. Wer auch immer diesen Wilden gezähmt hatte – das Vorhaben war nur zum Teil gelungen. Ein Mann, der für Überraschungen gut war. Sofern man diese Überraschungen überlebte. Auch in ihm brannte ein Feuer, das schon viele Regenfälle Galadons überstanden hatte.

Viele weitere gingen ihr durch den Kopf, während sie ihre Arbeit – präzise und mit Hingabe, wie alles, was sie in Angriff nahm – vollendete. Als junge Frau einen gemeinschaftlichen Schlafraum mit manch derbem Soldaten zu teilen, härtete ab. Nach anfänglichem Johlen und (mal wieder) Blicken, die ihr förmlich den Rücken durchbohrten, während sie sich wusch, hatte sie sich zumindest teilweise ein klein wenig Respekt erarbeitet und die meisten Kameraden dazu gebracht, sie einfach das tun zu lassen, was sie für notwendig hielt, ohne sie dabei anzustarren.

Was die Männer zu sehen bekamen, war ihr eigentlich egal – sie hatte nichts an sich, wofür sie sich vor jemandem schämen würde. Und ihr war auch nie jenes Schamgefühl oder gar Anstößigkeit beigebracht worden, die hierzulande gerade bei Frauen so üblich war. Einzig – wer nimmt eine Kameradin (denn als diese fühlte sie sich längst, von Herzen) ernst im Gefecht, wenn er dabei an sie nur als … sie wollte gar nicht wissen, was sie über sie dachten.

„Wie kannst du dir da so sicher sein?“, hört sie noch die zynische Stimme ihrer selbst. Doch ehe sie jener Stimme Widerworte entgegenwerfen kann, ertönt auch schon der nächste Ruf, der sie dazu bringt, ihre blinkenden Stiefel schnellstmöglich anzuziehen, und auf den Hof zu stürmen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 31.10.09, 16:03 
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Die Tage schienen dahinzufliegen, während sie ihrer Ausbildung und auch ihrer Arbeit für Herrn Perdhyn nachging. Der Kontor hatte sich, als sie erst vor einem Mondlauf dort angefangen hatte, als alles andere als florierend entpuppt. Oft war es bereits geschehen, daß sie stundenlang auf Kunden wartend auf dem Thresen hockte (ein Platz, der allein schon dadurch an Reiz gewann, weil Martel es nicht mochte, wenn sie dort saß), und die Beine baumeln ließ. Doch nach und nach kamen doch ein paar mehr Kunden. Sie begann bald, die Zeit zu nutzen, in der es ruhig war, um das Lager auf Vordermann zu bringen und die Inventurlisten umzukrempeln.

So wie ein Teil von ihr entflammen konnte, wenn sie ihre Waffe wirbelnd in jene vergraben konnte, die sich ihr den Weg stellen mochten, so erblühte ebenso ihr Herz, wenn es um den Handel ging. „Bist du nicht genau hiervor geflohen?“ schießt ihr lauernd ein Gedanke in den Kopf. “KAFA! Geflohen bin ich vor Igr und seiner Sturheit, daß alles genau so sein muss, wie er es sagt!“ donnert sie sich selbst stumm entgegen.
Marktvogt Perdhyn war ihr immer noch ein Buch mit vielen Siegeln. Stets zurückhaltend und reserviert, ja sogar seinem Bruder gegenüber. Stolz schien ihn zu prägen und doch eine Vorsicht, die sie selbst mittlerweile lächelnd das „Brandensteiner Alltagsmisstrauen“ nannte. Und doch hatte er ihr jene Stelle gegeben. Hatte ihr eine Chance eröffnet, sich zu behaupten, obgleich er nichts von ihr wusste. Agal – sie würde seinem Namen und seinem Kontor alle Ehre erweisen!

Das Stadtfest rückte näher und eines Tages fragte sie ihn, es als Teil ihrer Aufgabe als seine Angestellte sehend, ob sie ihm bei den Vorbereitungen noch zur Hand gehen könne. Sicher – diese Frage war nicht zuletzt ihrer brennenden Neugierde geschuldet, zu erfahren, was das Fest wohl so bieten würde. Doch erneut nahm er sie zu ihrer inneren Freude ernst, besprach seine bisherigen Planungen mit ihr und bat sie um Unterstützung.

Mit neu entflammender Begeisterung stürzte sie sich also in Planungen und Vorbereitungen für das Fest. Schob für eine Weile alle Gedanken des Raubtiers in sich (nicht daß sie es bereits als solches erkannt hätte) fort und widmete sich dieser Aufgabe.

Als es dann letztlich so weit war, die Mengen von Leuten um sie herum standen und sie von Martel derart ins Zentrum der Aufmerksamkeit der Menschenmasse gedrängt wurde, trieb es ihr dann doch ein wenig Panik in den Sinn. Kurz schoss ihr der Gedanke in den Kopf “Was ist mit mir geschehen? Wie konnte das passieren? Wo ist all meine Vorsicht geblieben?“, bevor sie mit zunächst gezwungener Fröhlichkeit begann, der lauernden Meute den Abend zu erklären.

Am schwersten fiel es ihr mit Abstand, stets im Mittelpunkt zu stehen. Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß sie etwas derartiges getan hatte, und es war…anstrengend. Auszehrend. Und doch… erquickend. Auch eine neue Erfahrung. Etwas zu tun, das anderen Freude bereitete. Oder zumindest Abwechslung. Sie konnte nicht sagen, ob es dies war, was ihr daran gefiel. Aber es gefiel ihr. Einem Teil von ihr.

Dann jedoch, abends, auch noch von Martel gefragt zu werden, ob sie daran Interesse habe, solche Tätigkeiten häufiger und im Auftrag Brandensteins durchzuführen… wieder einer dieser Momente, der sie überraschte – und überrannte. Einen Kampf auslöste in ihr. Wieviel er davon mitbekommen haben mochte, wusste sie nicht. Doch er tobte wild. Wenn auch nicht für lange. Jenes Ich, das von den Mächten der Freude, der Veränderung der Träume und des zielführenden Weges geleitet wurde, obsiegte.

Diesmal. Denn der Wüstenwolf war immer noch hungrig.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 15.11.09, 17:04 
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Düster begann der Tag, der ihr die erste große Schlacht ihres Lebens bescheren würde. Kalte Nebelschwaden zogen durch die Wälder, bedeckten das Unterholz mit einem mystischen Schleier und hüllten jene ein, die darin umherstreiften. An einem der kleinen Tümpel im Wald, verborgen durch den Nebel und das Zwielicht des nahenden Dunkelzyklus‘ , kniet sie mit geschlossenen Augen.

Voll gerüstet ist sie – und doch den Mächten schutzlos ausgeliefert. Ihr langes, glattes rotes Haar hat dunkle Strähnen durch das Wasser, das sie sich, es mit den Händen aus dem Weiher schöpfend , wieder und wieder über ihr Haar, ihren Kopf und den Oberkörper rinnen lässt.

Wäre jemand nah genug gewesen, um es zu hören, hätte jene Person Silben, Worte, Sätze vernehmen können, die trotz der Fremdartigkeit der Sprache als Gebet zu erkennen waren.

“Ath, ta’anash Lur’Rah, ich bitte dich, lenke meinen Geist mit Wissen,

At, ta’anash Mah’ir Kat, ich weiß um dich, daß du in mir, deiner mu’hyareb, bist. Lass meine Augen ihr Ziel finden und mein sayf zum Blut meiner Feinde führen!

Ath, ta’anash Aih Ra, halte At im Zaum, wenn ich mich ihm hingebe, denn ich habe nun Kameraden, an deren Seite ich stehe,

At, ta’anash Rha i Kum, lass dich nicht von Achat u Ath erlöschen, denn ich brauche deinen Zorn, um zu bestehen."


Noch eine kleine Weile steht sie dann da, zieht tief die klare, kalte Luft in ihre Lungen ein. In ihren Augen lodert die Flamme der Begierde, denn sie hat sich diesen Moment herbeigesehnt. Ihr ganzer Körper steht in Erwartung jenes Momentes unter Spannung, jeder einzelne ihrer täglich trainierten Muskeln wartet nur noch auf das Ziehen ihrer Waffe.

Als sie dann wenig später gemeinsam mit Barius durch das Ödland stapft, um zu Truppe aufzurücken, agiert sie noch etwas verkrampft, ihre Klinge wirbelt zwar in gutem Rhythmus durch Luft, doch ihr Verstand ist noch zu stark beteiligt, At ist noch nicht entfacht. Doch sie rücken unaufhörlich näher, schon sind in der Ferne Kampfgeräusche vernehmbar und die Spur der Leichen von Feinden wird unübersehbar.

Endlich steht sie in der Reihe neben ihren Kameraden. Endlich ist sie Teil jenes Ra-Tet, zu dem sie gefunden hat. Ihre Augen lodern wild, denn At hat nun die Zügel in ihr übernommen. Wellen über Wellen von jenen bleichen, untoten Zwergen brechen auf die Armee herein. Äxte prallen auf die steil empor gestellten Schilde, Schwerter, Keulen und Pfeile erwidern den Ruf des Blutes.
Was für die meisten der Anwesenden Recken schon Normalität sein mochte, war für Leandra in diesem Moment das Erreichen eines Traumes. Eines schrecklichen Traumes, der doch gleichzeitig wunderbar war.

Zwar war sie bereits bei jenem Angriff der Ogerhorden auf den Falkenwall zugegen, doch dies hier war etwas anderes. Was damals noch verwirrend, neu, unkoordiniert verlief, war nun eine Einheit. Sie waren Ra-Tet, zumindest sie fühlte es so. Wild rief sie den anstürmenden Zwergen Flüche entgegen, stieß ihnen, mehrmals ihrer eigenen Deckung nicht eingedenk, ihre Klinge entgegen. Sog den Geruch des Todes ein. Atmete die Kraft des Lebens. Mehr als einmal verhinderte einer ihrer Kameraden neben ihr Schlimmeres, indem er sie mit seinem Schild vor einem Hieb der Gegner schützte. Sobald sich ihr erster Rausch etwas beruhigt hatte wurde auch sie ruhiger, abgeklärter. Fühlte sich als Einheit und handelte nun ebenfalls als Teil einer solchen.

Einmal wurde sie durch die Wucht eines Axthiebes zu Boden geworfen. Benommen lag sie da, bekam wie im fernen Nebel aus anderen Sphären mit, wie jemand sich über sie stellte, die Schlachtreihe wieder vervollständigte und den Kampf an ihrer Stelle fortführte. Zorn erfüllte sie, doch sie war bewegungsunfähig, zu geschwächt durch die tiefe Wunde. Sie wurde hinfort geschleift, jemand machte sich an ihrer Rüstung zu schaffen. NICHT… ANFASSEN zischte es aus ihr heraus. Welcher Wurm auch immer sich an ihr vergreifen wollte, sie durfte das nicht zulassen. Niemals.

Endlich vermochte sie die Augen zu öffnen. Cacama war es, der ihrer Aufforderung tatsächlich nachkam und von ihr abließ. Sie versuchte, aus eigener Kraft wieder aufzustehen, als sie einem seltsamen Gefühl ergriffen wurde. Etwas umwaberte sie, fremdartig und doch nicht feindlich. Aus dem Augenwinkel sah sie den Orken, der sie mit seinem Blick fixiert hielt und es war ihr, als würden sich jene Fäden um sie herum enger ziehen, an ihren Körper anpassen, ihre Wunden schließend. Hiergegen vermochte sie sich nicht zu wehren, so fremd und unangenehm es ihr auch war. Doch der Ork wandte sich schon ab und verschwand in der Menge des großen Heeres, wo sie ihn auch nicht wieder sah.

Die Schlacht tobte weiter, tiefer und tiefer drang man in das Tal ein, bis es schließlich die Malthuster Armee war, die vor jenen dunklen Zwergen stand, die all jene Untoten Willenlosen kommandierten. Ein wilder und (für Leandra) wieder leidenschaftlicher Kampf entbrannte, Zorn, Wut und Hass formte sich in ihr, als vor ihren Augen Simon schwer getroffen wurde. Dann war es plötzlich vorbei. Die Schlacht war gewonnen, die Feinde tot und vernichtet. Leere ergriff sie schlagartig, doch nur für kurze Zeit, ehe sie sich wieder aufrichtete und mit nüchternem Blick die Situation begriff. Dies war ihre erste Schlacht. Dies war ihr Ra. Nicht einmal Aji widersprach in diesem Moment.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 5.12.09, 14:51 
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“doch will ich meinen Namen derzeit lieber nicht verraten…“.

Ein Satz, wie ein Schlag ins Gesicht. Ein herber, schmerzvoller Schlag, der ihr bewusst machte, wie töricht sie gewesen war. Sie hatte sich tatsächlich dazu verleiten lassen, Vertrauen zu fassen. Vertrauen in andere Menschen und… noch schlimmer: Vertrauen in sich selbst.

Sie hatte einem völlig Fremden ihren Namen genannt, gar beinahe stolz genannt. Agal – sie _war_ stolz auf ihre manth, ihren Namen, ihr Blut. Aber der Mann hatte zurecht zum Ausdruck gebracht, was sie natürlich längst wusste: Namen sind machtvoll. Auch, oder besonders in den falschen Händen.

So sitzt sie also wie so oft auf dem Thresen im Handelskontor, mit geradem Rücken und den Blick auf die Wand gegenüber gerichtet. Woher bloß hat sich diese Naivität entwickelt? Was hatte diese Insel Siebenwind an sich, das sie so veränderte?

“Du meinst, was dich so zerstörte! Wach endlich wieder auf! Sei endlich wieder stark. Sei wieder Du selbst. Dieses ganze Dünnblut-Gesäusel macht dich doch krank. Schau dich doch an! Schau mich an! Schau MICH AN! Willst du zu einem galadonischen Weichling werden? Du bist bereits auf bestem Wege dahin. Du lässt dich umgarnen. Noch ist es nicht zu spät. Hör auf mich, Miststück! “ .

Das erste Mal seit langem hört sie der Stimme zu. Über die Beschimpfung am Ende kann sie nur lächeln. Doch es ist ein gefährliches Lächeln. Der wilde Funken in ihren Augen, der tatsächlich in den Tagen und Wochen zuvor immer seltener glomm, war wieder erwacht. Weil sie weiß, daß die Stimme wahr spricht. Weil sie weiß, daß es weder Gun’s Stimme war, noch die von Ila oder Igr. Nein, es war ihre eigene Stimme. Geformt von jenem tiefen Bewusstsein, mit der die Mächte sie am Leben hielten. Geformt von jenen Elementen in ihr, die jeden Tag, jeden Zyklus, jeden Augenblick in Alarmbereitschaft waren, aufs Zerreißen gespannt waren.

Wie viele Jahre ihres Lebens war sie gezwungen gewesen, sich selbst zu verleugnen, nur um Ila zu Gefallen zu sein? Um ihr die Angst zu nehmen vor ihrer eigenen Tochter? Gefangen in den Fängen des Wohlstands, den ihre Eltern sich erarbeitet hatten? Wie hatte sie es genossen, endlich aus dieser Gefangenschaft auszubrechen, ins Elend der Schatten Gol Air’s abzutauchen und jenen Instinkten zu folgen, die die Mächte ihr anhefteten, auf Gedeih und Verderb.

In jenen zwei Jahren hatte sie mehr über das Wesen der Menschen gelernt, als ich all den Jahren der Erziehung zuvor. Hatte niedere Instinkte ausgelebt, von denen sie nicht geahnt hätte, daß sie existieren. Hatte mitbekommen, wie andere dasselbe taten. Es hatte sie stark gemacht. Es hatte sie wachsam gemacht. Noch immer verkrampfte Sie sich bei jedweder Berührung durch Fremde. Berührungen waren NIE ohne Bedeutung. Das war eine von vielen Lektionen dieser Zeit. Und Menschen, die damit bedenkenlos umgingen, waren gefährlich. Sei es aus Albernheit oder einfach nur mangels Respekt. Sei es aus Wollust oder Dummheit.

Diese Zeit war vorbei. Sie war vor die Wahl gestellt worden, sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zu stellen, oder aber von Ila und Igr endgültig verstoßen zu werden. Beides war nicht ihr Ra. Beides hätte sie zerstört, von innen heraus zernagt. So wählte sie die dritte, unausgesprochene Möglichkeit. Ein neues Leben. Ein neues Land.

Doch was war geschehen? Fast ohne es zu merken, hatte sie sich tatsächlich angepasst. Hatte sie jene wichtigen Lehren beiseitegeschoben, die sie aus den Jahren ihrer Hingabe zu Aji ziehen konnte. War dahingegen den Wünschen ihrer Eltern nachgekommen. Anständige Arbeit, anständiger Lohn, ehrliches Tun. Sie hatten Recht gehabt – diese Lebensweise machte Dinge einfacher.

“Langweiliger. Gefangener. Trister. Monotoner.“

Sie begann zu erkennen, daß einzig der bedingungslose Gehorsam in der Armee und die immer wieder im Kampf neu entfachte Wut ihrem Leben einen Halt gab.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 28.12.09, 07:56 
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“Mah anah mahit!“ *

Nur drei Worte, doch in beliebiger Wiederholung, immer und immer wieder, gehen sie ihr durch den Kopf. Das Ra-Tet war zerfallen. Nicht weiter aus der Gemeinschaft konnte sie Kraft schöpfen. Kafa. Sie war auf sich allein gestellt. Es schon immer gewesen. Wie närrisch, zu denken, es könnte anders sein.

Fürwahr, sie waren geschickt vorgegangen. Hatten sich die Sympathien der Soldaten erschlichen, um dann, mit einem geschickten Handstreich, Lüge und Zwietracht zu sähen. Gysell – Viele Geschehnisse woben sich um diesen Namen herum, wie Bienen um einen Topf Honig (oder eher wie Fliegen, in einem Spinnennetz gefangen). Einst Kameradin, stolz und verletzlich, scherzhaft und tiefsinnig, nun Mörderin und Verräterin? Das konnte Leandra nicht glauben. Vielmehr ein Spielball vielleicht. Eine schwache, bemitleidenswerte Feder im Wind. Gefangen in fremden Interessen, die sie benutzten.

Doch für Mitleid ist in dieser Welt kein Platz. Wer jenes zeigt, macht sich selbst angreifbar. Schwach.

Also besser nicht weiter darüber nachdenken. Nicht daran erinnern, daß sie erst kurz zuvor mit ihr ein Gespräch begonnen hatte, das in ihr Fragen aufgeworfen hatte. Fragen, die sie berührt hatten. Teile von ihr.

Den Geist also nun wieder dem Alltag zuwenden. Simon war fort. Emanuel war tot. Soviel zu dem, was gesagt wurde. Beides konnte sie nicht glauben.

Was aber schlimmer war: Aus Kameraden waren Wölfe geworden. Ein hungriges Rudel, das sich gegenseitig umkreiste, Misstrauen statt Unterstützung, kalte Blicke statt früherer Scherze. Sie selbst machte hierbei keine Ausnahme. Hatte sich ebenso täuschen lassen. Sie verfluchte sich dafür, doch ungeschehen ließ es sich nicht machen. Daß Richard schließlich freiwillig ging, war eine logische Folge, aber keine Lösung. Der Brand war gelöscht, doch der Funke schwelte weiter.

*“ich bin stark!“

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 28.12.09, 09:17 
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Dort steht sie noch am selben Tag, oben in den Bergen. Dort, wo sie hingeht, wenn sie nachdenken muss. Hier findet sie die eherne Ruhe von Kah und die ewig dahin strömenden, Leben und Wissen spendenden Fluten von Ath. Dort steht sie, am Abgrund, wo die Fluten in die Tiefe stürzen. Doch diesmal findet sie etwas Neues.

Niemand denn die alles umfassenden Mächte selbst sehen sie dort stehen, die Arme zunächst ausbreitend, doch dann mehr und mehr an sich heranziehend, sich schmerzerfüllt krümmend.

Niemand hört sie, wie sie in die Nacht hinausruft, denn der Klang wird vom Tosen des Wasserfalls aufgenommen und fortgetragen. Und die tosenden Fluten stören sich nicht daran, daß es derer zwei Stimmen sind, mit denen sie spricht.

„Warum ich? Ich bitte Dich, geh! Lass von mir ab! Ich kann die Stimme längst nicht mehr ertragen.“
„Nie komm ich ungeladen. Öffne das Portal!“
„Ich fleh Dich an, pflanz nicht die Bilder in die Seele mir, dies kann doch ich nicht sein!“
„Nie komme ich unerwünscht. Lass mich ein!“
„Diese rauschverzerrten, nie gekannten Bilder, die mich des Nachts vorher nie heimgesucht...“
„Schau mich im Spiegel. Mir gehörst du längst mit Haut und Haar. Mit Haut. Und. Haar.“
„...doch jetzt, sie bringen mich fast um den Verstand, ich wälz mich wie von Sinnen, fiebrig, voller Wollust, voller nie zuvor gehörter Melodien, als ob...“
„Ich bin DU. Öffne das Portal!“
„...als ob ein Ton in jedem Ding wohnt und ich könnte es erst jetzt vernehmen. Es trägt mich fort an die Gestade des Wahns, wo ölige Wellen schwarz und klebrig schlagen an den Strand.“
„ICH BIN DU. LASS MICH EIN!“
„Ich will es, wie ich nie zuvor etwas gewollt - und doch erfüllt es mich mit ungeheurer Furcht. Und doch...“
„Schau mich an. Schau mich an!“
„Ich muss. Ich will.“
„Schau mich an!“


Ohnmächtig fällt sie zu Boden. Nebel umfängt sie. Hüllt sie ein. Schenkt ihr… einen Traum.

Sie wandelte unter kalten Sternen. In der Ödnis. Ohne Ziel. Äonen im klirrenden stumpfen Frost. Und wie bei allen Wesen, die zu lang sich selbst gewahr, sich selbst bewusst, erwuchs das Sehnen. Und mit dem Sehnen trübte sich das einst so klare Wasser der Existenz. Verlangen, wie ein Stein dem unbekannten Schlamm, zutiefst erschüttert, aufgewühlt. So fiel sie schließlich, frisch entflammt, lodernd, feurig, zum ersten Mal nach Atem ringend, zum ersten Mal das Herz gestockt, das sie vorher nie vernommen. So fiel sie, ohne Flügeltrudeln, ohne Seidenrauschen, endlich durch die Zeit und schlug in tiefen kalten Stein. Erkaltet. Wartend. Und doch… endlich wissend.

** Der Text dieses Beitrags entstammt mit leichten Abwandlungen: ASP - Prolog (Aus dem Album "Duett") **

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 28.12.09, 10:18 
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Als sie schließlich wieder erwacht, ist es dunkel. Noch immer tost neben ihr der Wasserfall. Gleichgültig gar.
Wie lang sie dort gelegen haben mochte? Einige Zyklen wohl. Sie spürt keinen allzu großen Hunger. Nur einen, der sich nicht mit Brot und Eintopf stillen lässt.

Sie kehrt zu ihrem Pferd zurück, das im Tal auf sie wartet. Schwingt sich hinauf – mit gewohnt fließender Bewegung. Ohne auch nur im Geringsten davon Kenntnis zu vernehmen: anmutig.

Wie gewohnt tritt sie zum nächsten Zyklus wieder ihren Dienst an. Es gab viel zu tun.

Noch immer waren die Auswirkungen des gescheiterten Putsches (gescheitert? Nein. Selbst wenn er für die direkten Urheber keinen Erfolg brachte, so hatte er doch sein Ziel nicht verfehlt, Zwietracht dort zu säen, so vormals Kameradschaft war) täglich spürbar.

Als Barius ihr eines Tages sagte, daß Cacama und Victor die schwangere Frau von Simon „bedrängt“ hätten, war ihr erster Impuls, ihm jedes Wort zu glauben. Erst als Barius dann Cacama gegenüber handgreiflich wurde, sprang sie letzterem, eher aus einem Reflex heraus, zur Hilfe. Fragte sich dabei, wen sie da wohl unterstützte, weil die Kameradschaft und die Befehle es verlangten. Sie sollte es bald wissen.

Victor und Cacama leisteten sich einen Ausrutscher nach dem anderen. Das Ersonter Gesindel im Viertel hatte die ein oder andere Tracht Prügel sicher verdient, keine Frage. Aber die Art, mit der die beiden mehr und mehr ihr eigenes Ding drehten, sich einen Dreck um den Ruf derer scherten, denen sie dienten – sie wurde noch wachsamer. Folgte ihnen gar gemeinsam mit Darcas zum Waffenrat, um ein Auge und Ohr auf sie zu werfen, bis sie von diesem Gardisten und Barius wieder vertrieben wurden.

Erin – der Leutnant - hatte schon fast hilflos mit drakonischen Strafen auf das Verhalten der beiden reagiert. Ob begründet, oder nicht – letztlich war es egal. Noch immer schwelte der Funke. Und er sollte schon bald wieder trockenen Nährboden finden.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 28.12.09, 10:30 
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Wut. Blinde und ungezügelte Wut. Nicht mehr und nicht weniger verspürte sie, als sie die Tür aufriss, um mit gezogener Waffe auf Victor zuzustürmen.

Zitat:
Ihr dreckigen verräterischen nach Goblinscheiße riechenden Bastarde! Was habt ihr getan?! Ihr wart schon immer die ach so harten Jungs, aber das hier? Ihr seid das Wasser eures Körpers nicht wert! Keines Tropfen davon!


Hatte sie es gerufen? Oder nur gedacht? Sie wusste es nicht. Der Sandsturm hatte sie bereits ergriffen, empor gewirbelt, fortgetragen.

Ein einziger lauter Aufschrei entfuhr ihr, während sie bereits ihren Säbel durch die Luft sausen ließ. Kat hatte sie im Griff, steuerte ihre Bewegungen, ihren im Laufe der Zeit mehr und mehr furiosen und ebenso für ihre Gegner schmerzvollen "Tanz". Blind vor Wut. Ihr Auge nur auf ihr Ziel gerichtet - in diesem Falle Victor. Sie stolperte beinahe, in diesem Moment nicht realisierend, daß sie über den blutüberströmten Körper von Fräulein Bruch gesprungen war, obwohl jener Körper es war, den sie zuerst erblickt hatte, als sie die Tür das erste Mal aufgerissen hatte.

Zwei schnelle und präzise Schläge hatte sie wohl gegen Victor führen können, als ihre Augen, lodernd wie zwei kleine Kaminfeuer, sich etwas weiteten. Erstarrten. Jäh wurde sie von Schmerz ergriffen und in die Realität dessen zurückgeholt, was Kat ihr gerne verheimlichte, wenn er von ihr Besitz ergriff. Verletzbarkeit.

Schon kurbelte Victor erneut wie ein Wahnsinniger seine Armbrust zur Spannung. Auch Cacama war herbeigeeilt, nutzte ihren Schreckmoment ob des Bolzens, der nur knapp unterhalb ihres Herzens in ihrem Oberkörper steckte. Hieb auf sie ein. Noch einmal hebt sie ihre Waffe, lässt sie gen Victor niedersausen. Doch wieder ein grausiges "Plock" der schweren Armbrust. Wieder wird sie zurückgeworfen, der zweite Bolzen nun aus ihrer Hüfte ragend. Den nächsten Hieb des Kriegskolbens in der Hand Cacamas spürt sie schon beinahe nicht mehr, ist sie doch bereits auf dem Weg in die Dankbarkeit des Rausches zwischen Besinnung und Traumwelt.

Doch der schwere Schlag schleudert ihren Körper zur Seite und rettet damit wohl ihr Leben, denn nur kurz darauf tönt ein drittes Mal das Geräusch der Armbrust und ein dritter Bolzen, der sonst wohl sein Ziel - ihr Herz - gefunden hätte, bohrt sich stattdessen nur in ihre Schulter. Wie ein Sack Datteln fällt sie zu Boden, über Fräulein Bruch hinweg. Will davongleiten. Will jenen Mächten ins Auge blicken, die dort, auf der Anderen Seitem auf sie warten mögen.. Will....will....will..... LEBEN!

Im Nebel, von weit her, bekommt sie mit, wie die beiden Wahnsinnig gewordenen Erin packen und mit sich nehmen. Ihre Hand greift blind nach einem Fuß, ihn verfehlend. Wieder durchzuckt sie beißender Schmerz, als ein schwerer Armeestiefel auf die Hand tritt. Wieder will sie davongleiten. Ruhe. Friede und Annehmlichkeiten der Oase. Wieder will sie.... LEBEN!

Wut ist es erneut, die ihre Augen dazu zwingt, sich wieder zu öffnen. Diese beiden Bastarde, diese giftigen Skorpione! Sie hatte der Ratte Cacama noch nie vertraut. Hatte sich anderen anvertraut deswegen. Simon. Barius. Alle waren sie ebenso fort. Kafa! Der Wurm sollte damit nicht davonkommen! Nicht solange sie noch da war, um seinen Leib den Geiern hinzuwerfen!

Mit diesen Gedanken und der Zusammennahme all ihrer Willenskraft zieht sie sich an der Wand hoch. Strauchelt. Fällt beinahe. Atmet durch. Blut. Überall Blut. Kurz schließt sie die Augen. Öffnet sie wieder und sieht etwas klarer. Ath schenkt ihr nun die ausgleichende Kraft, die ihr Denken wieder rational werden lässt. Doch auch Kat lebt in ihr weiter. Nimmt ihr den Schmerz. Lässt sie die eigenen Wunden zunächst vergessen. Dort liegen zwei schwer Verwundete. Der Mann sieht aus, als wäre er schlimmer dran, doch sie wendet sich zunächst Fräulein Bruch zu. Nicht nur weil sie sie kennt, sondern vor allem, weil sie weiß, wer und was sie ist. Sie verbindet ihr notdürftig das übel zugerichtete Gesicht. Bringt sie auf einer Bank zu sitzen.

Wankt weiter zum am Boden liegenden Mann. Kommt neben ihm zu Fall.

Wieder Wut. KAFA! Noch nicht! Du musst noch Stark sein! Brüllt sie es wirklich? Oder töst dieser Gedanke nur in ihrem Kopf? Dann presst sie bereits Bandagen auf die Schulter des Mannes, von der aus schon gar zu viel Blut sich auf dem Boden ausgebreitet hat. Versucht, die Blutung zu stillen. Vergeblich. Sie gießt etwas Schnaps aus ihrer Feldflasche auf die Wunde, ohne groß darüber nachzudenken. Automatisert. Weil sie es so gelernt hat. Verzweifelt presst sie wieder mit frischen Bandagen auf die Wunde.

Dann erst wird sie der Rufe vor der Tür gewahr. Taumelnd richtet sie sich auf. Schreitet zur Tür, und öffnet jene. "HEILER! SOFORT EIN HEILER ZU MIR" Schon stürmen Personen hinein. Litizia.. die erkennt sie noch. War sie nicht vor wenigen Augenblicken noch mit ihr in der Taverne gewesen? Es schien ihr bereits, als wäre es in einem anderen Leben gewesen. Galdiell kommt herbei. Nimmt ihr die Verantwortung ab für das Leben der beiden Verwundeten.

Zitat:
Wo mag Erin sein? wo sind die verlausten Hyänen?
schießt es ihr durch den Kopf. Dann etwas anderes. "Die Ritter. Sie müssen benachrichtigt werden" Das waren die einzigen Worte von Fräulein Bruch, ehe sie wieder bewusstlos wurde. Agal - das war ihre Aufgabe. Doch zunächst...

Sie blickt an sich herunter. Litizia ist bei ihr. Will ihr helfen. Warum ihr? Sie war doch wohlauf! "Nicht... Anfassen" knurrt jener Teil von ihr, den sie in solchen Momenten nicht zurückhalten kann. Verunsichert weicht die Helferin zurück. Schaut erbleichend zu, wie Leandra sich selbst die Bolzen aus dem Leib reißt, mit geschlossenen Augen und ohne dabei einen Laut von sich zu geben. Sich notdürftig die allerschlimmsten Wunden verbindet. Der Blick automatisiert, emotionslos nun. Sie hatte ihren Befehl. Ihre Aufgabe. Sie musste nach Seeberg.

Zunächst noch wankend, dann stabiler stehend richtet sie sich wieder auf. Geht so, wie sie ist, hinaus ins Freie. In die Kälte. Ihr Fellhemd liegt blutgetränkt in ihrer Tasche zusammengeknüllt. Ihr geschundener Oberkörper ist der Kälte schutzlos ausgeliefert, die paar Lederstreifen der Rüstung vermögen sie nicht dagegen zu schützen. Doch sie spürt es nicht einmal.

Jemand will sie aufhalten. Catarina. Stellt sich ihr in den Weg. Redet auf sie ein. Was bildet sie sich eigentlich ein? Sie aufhalten zu wollen, von der Ausführung eines verdammten BEFEHLS? Wahrscheinlich hätte sie es sogar geschafft. Wenn da nicht – “ERIN! WIE GEHT ES IHR?“ entfährt es ihr. Denn da kam Daria vorbei, in ihren Armen die leblose Erin. Rüde, ja beinahe, ohne es zu merken, reißt sie sich aus dem Griff Catarinas los, stürmt hinterher. Strauchelnd, Taumelnd. Dann wieder Kraft aus ihrem tiefsten Inneren sammelnd. Folgt ihr bis zu Erins Haus und hinein. Erst als jene spricht, kann sie wieder etwas aufatmen. Da kam auch schon der Ork an die Tür. Sie besinnt sich. Sie hatte noch eine Aufgabe. Verabschiedet sich und wendet sich den Stallungen zu.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 28.12.09, 10:59 
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Der eisige Wind, der sie auf ihrem Ritt nach Seeberg umfängt, sie spürt ihn kaum. Wieder (oder noch immer?) hat sie ihren emotionslosen Blick aufgesetzt, reitet, ja galoppiert durch die Kälte. Ihre Wunden, die noch immer nur sehr spärlich versorgt sind, werden von jener vorerst verschlossen. Ihr Oberkörper, noch immer nur knapp mit dem Leder ihres Brustschutzes bekleidet, ist nach und nach von kaltem Wasser und Blut bedeckt.

Doch sie setzt stur ihren Weg nach Seeberg fort. Rutscht vom Pferd, erstattet Bericht. Kehrt zurück, geleitet von einem Gardisten.

Erst als sie später – viel später – vollkommen ermattet auf ihr Bett sinkt, spürt sie den Schmerz. Saugt ihn in sich auf, zwingt ihn nieder. Fällt in tiefen, jedoch kurzen Schlaf. Erwacht zur frühen Stunde, nur um festzustellen, daß es an ihr zu liegen scheint, die Initiative zu ergreifen. Erin wurde beurlaubt, Zahira nicht erreichbar. Also geht sie los, gesteuert durch Instinkt, aufrecht gehalten durch Willenskraft. Die Bolzenspitze in ihrem Leib vorerst weiterhin ignorierend. Ihr erster Gang führt zum Hafen, wo sie die Anweisung erteilt, daß Schiffe vorerst nicht auslaufen dürfen.

Zurück in der Burg. Jedermann scheint mit sich selbst beschäftigt. Was der erste Putschversuch nicht schaffte, ist diesem nun gelungen. Führungslos wie ein verdurstendes Kamel in der Wüste irrt die Wacht durch den Tag. Sie greift sich Ansgar, als sie ihm im Burghof begegnet. Beginnt, zu organisieren. Wenn schon aus der Armee keiner verfügbar ist, muss man wohl die Bürger mit Aufgaben betrauen.

Sie fühlt, wie sie innerlich wächst. Wie sie sich mit der Führungsaufgabe anfreundet. Gerade will sie mit dem kleinen Heer aus Freiwilligen zur Brücke am Schlund aufbrechen, als sie von Erin unterbrochen wird. Erin, die sich soeben selbst aus ihrer Beurlaubung wieder in den Dienst hebt. Die ihr das Heft aus der Hand reißt, sie wie ein Kind stehen lässt, das mit einem Flitzebogen gegen die Burgmauer schießen wollte.

Mit Mühe nur unterdrückt sie die aufkochende Wut. Steckt diese Demütigung weg und bewahrt sie auf. Führt ihre Befehle aus. Fertigt Haftbefehle an. Verteilt sie im Lehen und bei den Bündnispartnern. Gestattet sich danach endlich einen Besuch im Hospiz, wo ihre Wunden nun endlich von Alavia fachkundig versorgt werden.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 29.12.09, 01:58 
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Diese Tage waren nicht für Tätigkeiten erschaffen, die auch nur im Geringsten einer Erholung
gleich kamen. Irrsinnigerweise wurde kurz vor dem Zwischenfall mit den beiden Verrätern ein Rekrut entführt. Wer auch immer die Entführer waren, sie forderten ausgerechnet die Übergabe von Cacama und Victor an die Gerichtsbarkeit der Ersonter. Noch immer befand sich der Rekrut in Gefangenschaft, obwohl offenkundig auch Malthust nach diesem Abschaum suchte. Sie waren gezwungen, zu handeln. Denn das Ultimatum, das die Irren gestellt hatten, lief schon bald ab. Also wurde am nächsten Abend auf Befehl des Leutnants Falkensee besucht.

Nicht lange dauerte es, bis man eines der dortigen Rekruten habhaft wurde. Seine Gegenwehr war kurz, seine Reaktionen kläglich langsam. Ehe er es sich versah, war er auch schon in Brandenstein im Kerker.

Daß bei dieser Gelegenheit ein zufällig anwesender Zivilist auch noch mitgenommen wurde, war bedauerlich, aber angesichts seines beginnenden Gezeters auf dem Falkenseer Markt unvermeidlich. Leandra betrachtete die beiden Gefangenen als Gäste – und genau so wurden sie also auch behandelt. An nichts sollte es Ihnen fehlen, von der Freiheit einmal abgesehen. Kaum ein Insasse des Kerkers wurde wohl jemals so zuvorkommend versorgt.

Was niemand für möglich gehalten hätte, trat tatsächlich ein. Der Rekrut Kal wurde kurz darauf frei gelassen. War es tatsächlich Ersonter Geschmeiß, das ihn entführt hatte? Seine verkümmerte Auffassungsgabe und Beschreibung der Täter ließ leider allzu viele Fragen offen.

Umso lächerlicher jedoch war die Reaktion der Ersonter Garde, nachdem man ihren Rekruten mit allem Respekt wieder der Freiheit überantwortet hatte. Wagten sie es doch, das Lehen in voller Rüstung zu betreten und bis vor die Mauern Brandensteins heranzukommen! Nicht daß das schon genug wäre, nein, sogar die behäbigen Magier der Grauen Garde bequemten sich dazu, sie bei diesem Affront auch noch zu begleiten. Und damit es dann wirklich lächerlich wurde – hielt es der Waibel auch noch für notwendig, sich unter den Schutz der Ritterschaft zu stellen.

Freilich – das Aufgebot zog freiwillig wieder gen Seeberg ab, doch allein die Tatsache, wegen solch einer Lappalie derart mit dem Säbel rasseln zu müssen… lächerlich. Ebenso wie die Verhandlung, zu der Erin dann „eingeladen“ wurde. Wie ein Kleinkind, dem man beim Spielen im Sand seine Förmchen weggenommen hat, stand er dort vorne, der Weichbrot-Waibel, und jammerte in die Ohren des Sire Rondragon, wie böse Malthust doch gewesen sei. Schwächling! Statt die Sache ordentlich zu Ende zu bringen und sich mit Erin in aller Freundschaft die Fresse einzuschlagen – wahlweise auch zu saufen, bis der erste unter dem Tisch liegt – hält er es für nötig, zu …petzen. Das letzte bißchen Achtung, das Leandra bis zu diesem Zeitpunkt vor Ersont und auch vor den Magiern noch hatte, wurde an diesem Abend im Raume der Akademie zu Seeberg im Sand begraben.

Fassungslos und müde machte sie sich schließlich auf den Weg zurück nach Brandenstein, um dort von den Ergebnissen dieser… Farce.. zu berichten. Doch unterwegs…

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 30.12.09, 18:52 
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…war da noch die Sache mit den Orken. Schon in Seeberg war ihr der Trupp Orken aufgefallen. Wie so oft schienen sie schlechte Laune zu haben und zogen schnurstracks gen Malthuster Lehen. Irgendwas verursachte ihr dabei ein komisches Bauchgefühl. Sie ritt also hinterher, musste sie doch ohnehin in diese Richtung. Schon vor dem Pass rief der kleinste von Ihnen den anderen etwas zu, auf sie deutend.

Dort am Pass unter dem Tor brachte sie dann schließlich ihr Pferd zum Stehen. Was sie sah, gefiel ihr überhaupt nicht. Die Orken bauten sich ein Stück vor ihr auf, wild gröhlend und wütend auf sie einredend.

Was sie sagten, war sicher interessant – leider verstand sie kaum ein Wort davon.

Ein paar Dinge waren dann doch heraus hörbar. „SNÄZZÄHN“ und „MAKÄHN PLATTIK“ waren darunter. Warum auch immer – die Jungs wollten Ärger. Falls das überhaupt noch möglich war, nach so einem Tag, spannte sie sich innerlich noch mehr an. Auf Ärger hatte sie eigentlich ganz und gar keine Lust mehr.
Blitzschnell durchdachte sie die Möglichkeiten, die sie hatte. Umdrehen und in Seeberg Hilfe holen? Kafa! Das verbat ihr schon ihr Stolz. Damit wäre sie kein Deut besser, als der Waibel. Kam also nicht in Frage. Niederreiten? Kafa! Würde nur noch mehr Ärger verursachen. Aber da war eine Lücke… in der nur zwei Goblins standen. Kleine Goblins. Jene würde das Pferd überspringen können. Werde ich das schaffen? - ging es ihr noch durch den Kopf, als sie bereits mit den Beinen in die Flanken des Pferdes drückte, um es anzutreiben. Tut nichts zur Sache! Dann hast du es wenigstens versucht! - war die simple Antwort.

Natürlich schaffte sie es nicht.

Schon auf halber Strecke zu den Orken war sie, als sie wahrnahm, wie der größte von Ihnen, der die ganze Zeit schon rumgezetert hatte, etwas hinter dem Rücken hervor schwang und ihr entgegen schleuderte. Sie versuchte noch, dem Ding auszuweichen, doch zu gut hatte er gezielt – die Lederbänder schlangen sich um ihren Oberkörper und die Gewichte am Ende brachten sie aus dem Gleichgewicht, rissen sie vom Pferd zu Boden. Das Geräusch einiger Rippenknochen, die sich entschieden, diesem Sturz nicht standzuhalten und der damit verbundene Schmerz hielten sie bei Bewusstsein.

Bloß keine Schwäche zeigen! - zischte ihr die vertraute Stimme ihrer selbst zu. Also rappelte sie sich auf und trat vor den Ork. Wütend nun. Jeder Muskel angespannt. Was sie aus seinem wütenden Redeschwall heraushörte, war, daß er sie als ehrlos beschimpfte. SIE! Weil er vor nicht allzu langer Zeit den Appell der Wacht gestört hatte, um dort lautstark irgendetwas herum zu grölen! Pah. Sie schrie zurück, fauchte den Ork nun ebenso laut und wütend an. So weit kam es noch, daß sie von einem dahergelaufenen, stinkenden Ork als ehrlos beschimpft wurde! Wie im Nebel bekam sie am Rande mit, daß noch andere Personen vorbeikamen. Keiner von jenen schien helfend eingreifen zu wollen.

Der Ork forderte sie nun schon zum vermehrten Male dazu auf, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Er selbst schwang wütend seine Axt über dem Kopf, wartete, lauerte nur darauf, endlich zuschlagen zu können. Stattdessen breitete sie die Arme weit aus, forderte ihn geradezu auf, sie wehrlos niederzuschlagen. Noch immer mit vor Wut funkelnden Augen. Noch immer schreiend.

Plötzlich zog sich At wieder zurück. Nahm das Feuer mit sich und die Wut, nicht jedoch die Wachsamkeit. Überließ Ath das Feld und die Kontrolle über ihren Geist. Wie ausgewechselt war sie, als sie, einmal tief durchatmend, nun mit ruhiger und berechnender Stimme weitersprach. Fragte nach Argumenten. Begann zu lernen. Wenn auch langsam und rudimentär - seine Sprache zu verstehen. Auch der Ork wurde ruhiger. Sie spürte es innerlich – dieser Kampf war gewonnen. Von beiden gewonnen.

Am Rande erkannte sie nun auch den Rekruten Kal, der sich gerade aus der Bedrängung eines Orken löste und davon eilte, hinaus aus dem Lehen. Wut keimte erneut in ihr hoch, diesmal gegen den nicht helfenden Kameraden gerichtet. Der kleine Ork mit seiner schweren Armbrust folgte ihm. Sie ertappte sich, wie sie dem Ork insgeheim Glück wünschte.

Als Erin hinzukam und wenig später auch Ansgar, beide ebenfalls auf dem Rückweg aus Seeberg, war die Situation bereits gelöst. Mehr ein Gespräch nun, Diplomatie. Sie nutzte die Gelegenheit, nachdem Erin die Führung übernommen hatte, die Sprache weiterhin aufzunehmen. Man wusste nie, wann man es das nächste Mal brauchen würde. Und sie nutzt die Zeit, um innerlich ein Danke zu senden. An die Macht der Vernunft und der Selbstbeherrschung. An Ath, für sein rechtzeitiges Eingreifen. Aber auch an At, daß er sich hat zügeln lassen.

Erst als die Orken außer Sichtweite waren, entspannte sie sich. Spürte mit voller Wucht die Schmerzen vom Sturz vom Pferd. Sie erinnerten sie noch eine gute Weile an diesen Abend.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 30.12.09, 19:51 
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Kälte zog immer hartnäckiger ins Land. Mit der Beharrlichkeit eines sturen Trolls legte sie sich überall fest, kroch in die Knochen und nagte Tag für Tag an der Willenskraft. Jeden neuen Tag wurde die Schneedecke dicker, die sich über alles legte. Wo war sie, die Kraft Lhosas, in diesem verfluchten Drecksland?

Der Übungsplatz ist Leandra in diesen Tagen zur zweiten Heimat geworden. Allein trainiert sie dort, Stunde um Stunde, Runde um Runde. Die Kälte spornt sie nur jedes Mal aufs Neue zu noch höherem Tempo an. Die Schlammgrube ist längst zugefroren, die Schwungseile hart und brüchig, das steile Holzhindernis dank der Eisschicht darauf zu einer echten Herausforderung geworden. Ab und zu lässt sie einen Ruf ertönen, um sich selbst anzuspornen, doch sonst trainiert sie schweigend. Reagiert sich dabei ab von der Wut und der Tristheit des Alltags.

Verächtlich denkt sie dabei an den Müßiggang der Anderen. Seit Cacama sie nicht mehr dazu trieb, waren sie froh, sich nicht mehr plagen zu müssen. Wieder ertappt sie sich dabei, wie sie Cacama bewundert. Nicht nur seinen starken Willen, den er stets zeigte, sondern auch die Tatsache, daß er es tatsächlich schaffte, sich schon so lange nicht erwischen zu lassen. Doch so schnell, wie dieser Gedanke gekommen war, wischt sie ihn auch schon wieder fort. Schickt ihn fort mit dem Tritt, den sie gerade der Trainingspuppe versetzte. Dorthin, wo es für gewöhnlich empfindlich weh tut.

Immer rastloser wurde sie mit zunehmender Kälte. Keine Sekunde der Ruhe gestattete sie sich mehr. Wenn sie nicht an der Verbesserung ihrer Beweglichkeit und Kampfkunst übt, macht sie weite Patrouillen durch das Lehen, Kontrollgänge durch die Stadt und übernimmt extra Wachdienste. Dazwischen steht sie im Handelshaus – auch eine Art des Abreagierens. Hier kann sie ebenfalls einen Teil ihres inneren Verlangens bedienen. Entspannen. Auch einmal freundliche Worte wechseln. Sich neuen Herausforderungen stellen – und seien es nur abstruse Kundenwünsche, die mit gezielter Sicherheit immer das forderten, was gerade nicht auf Lager war.

Die mysteriösen Umtriebe des Nebelwesens, das die Rekruten arglos aus diesem Geisterschiff befreit hatten, geben ihrer inneren Unruhe zusätzlichen Nährboden. Immer wachsamer wird sie, in jeder Bewegung einen potentiellen Angriff sehend. Was auch von ihr abverlangt wird – sie tut es mit Begeisterung, solange es sie nur davon abhält, müßig herumzustehen.

Daß sie hierbei auch körperlichen Grenzen unterworfen ist, merkt sie – beinahe zu spät – als sie ins eiskalte Wasser des Hafens springt, um das Wesen, das sie kurz davor mit Fackeln und Feuermagie verletzt hatten, zu verfolgen. Dort, unter Wasser, tauchend, suchend, erkennt sie für einen Moment wieder einmal sich selbst. Wer sie ist. Was sie ist. Und dann: Wo sie ist. Viel zu tief getaucht im eisigen Wasser. Gerade noch rechtzeitig wird sie, halb ertrunken und –erfroren, von Aresia und Erin auf den rettenden Steg gezogen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 19.01.10, 15:21 
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All den immer zäher und träger sich dahinziehenden Tagen voll Kälte und Trostlosigkeit zum Trotze herrschte in Brandenstein plötzlich wieder so etwas wie Lebendigkeit. Das „Fest der Elemente“ wurde es genannt, und was Leandra zunächst mit gemischten Gefühlen hatte näher kommen sehen, war schließlich doch eine höchst willkommene und erfreuliche Abwechslung.

Zögernd nur konnte sie überredet werden, an diesem Wettstreit teilzunehmen. Noch immer war es ihr unbehaglich, allzu sehr im Rampenlicht der Aufmerksamkeit zu stehen. Aber da war diese tiefe Sehnsucht, das Verlangen danach, sich selbst ihr Können wieder einmal zu beweisen. Nicht den Zuschauern – kafa. Was die zu sehen bekamen, war ihr egal. Kaum hatte sie sich in die Liste der Teilnehmer eingetragen, wurde ihre Wahrnehmung schärfer und zugleich schwammiger. Die Gespräche um sie her verschwammen zu einem Grundton im Hintergrund, den sie nur noch am Rande wahrnahm. Zugleich richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf die Aufgaben, die vor ihr liegen würden.

Leise begann sie, sich in ihrer eigenen Sprache auf jenes einzustimmen, was vor ihr liegen mochte. Formte Silben und Sätze und sandte sie an jene Mächte, die sie hielten. Die der Welt Halt gaben. Die den Kern dessen bildeten, was sie als darauf wandelndes Wesen erleben durfte. War es nicht eben jener Zirkel der Elemente? Gründeten sich auf jenem nicht eine große Zahl der Mächte? In einen Wettstreit treten zu dürfen, der im Zeichen der Jaleth stand, bedeutete für sie mehr, als nur ein Schauspiel zur Belustigung anderer. Hier ging es um ihren Stolz – um das, was sie gelernt hatte in ihrem Leben. Nicht zuletzt um ihre Identität.

Sie blickte also in die wartend züngelnden Flammen auf dem Kohlebecken, die es als erste Aufgabe zu überwinden galt. At würde also den Beginn dieses Wettstreites begleiten. At, der in ihr selbst zu lodern begann, sie anheizte und ihren Willen stärkte. Dies war ihre Disziplin!

Einzig Felis gelang es, ihre Aufmerksamkeit noch zu erreichen. Sprach leise mit ihr, während ihre Gedanken immer mehr auf die vor ihr liegende Aufgabe fokussierten. Gab ihr sogar einen kleinen Glücksbringer – und mit ihm das Gefühl, jemanden zu haben, der hinter ihr stand. Ein verdammt gutes Gefühl. Ein ungewohntes Gefühl, das ihr zugleich etwas Furcht einflößte.

Wenig später, kurz bevor sie die erste Aufgabe angeht, hört sie sich selber murmeln:

Anah mah?
Anah‘ mah itath lah hek Haram?
Anah’mah apu har u osh?
Kafa! Mah anah mu’hyareb hek sah hek Jaleth!
Mah Ra da sayf!
Mah sayf da achat un khaijhada!*


Mit entschlossener Miene und zugleich einem Lächeln auf den Lippen rennt sie auf das Kohlebecken zu. At war bereits in ihr – sie musste nicht in seine Arme steigen. Einen Kampf – und sei es nur ein Wettstreit wie dieser – gewann man nicht mit Kraft. Man gewann ihn mit List.

*Wer bin ich?
Bin ich ein niedliches Kind des Wohlstands?
Bin ich nur die flinke Tochter der Wüste?
Nein! Ich bin eine Kriegerin im großen Kreis der Mächte und der Elemente!
Mein Schicksal ist das Schwert!
Mein Schwert ist die List und die Gewandheit!


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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 19.01.10, 15:57 
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Die Staunenden Rufe des Publikums kamen ihr vor, wie ein stark zeitverzögertes Echo auf ihre inneren Schreie. Stumme Schreie der Freude und des Stolzes. At loderte nun wirklich in ihr, obgleich sie bisher nicht in Berührung mit ihm gekommen war.

Schwungvoll hatte sie sich kurz vor dem Becken abgestoßen zu einem gewagten Sprung in hohem Bogen. Mitten im Becken war sie auf den dicken Handschuhen aus Trollleder gelandet. Schwerer war es, sich in diesen Kohlen zu halten, als damals… in Endophal, als sie diese Art der Akrobatik zur Freude Guns erlernt hatte. Damals hatte sie nur darauf zu achten, zwischen den Spitzen, die aus dem Boden ragten, zu landen, doch der Untergrund war stabil.

Doch es gelang ihr auch heute, sich aus den Armen heraus kraftvoll wieder hinauf zu federn. Erneut beschrieb ihr Körper einen eleganten Bogen und sie kam – außerhalb der Kohlen – barfuß in einen sicheren Stand.

Von nun an lief der Wettbewerb ohne das Zutun ihrer sonst so hemmenden Gedanken. Ihr Kampfgeist war entfacht. Fünfmal konnte sie das Kohlebecken überqueren, bis sie die Kraft verließ, sich stark genug wieder aus der Mitte mit den Händen abzustoßen. Für den Sieg dieser Disziplin reichte es. Nicht aber, um ihre eigenen Forderungen an sich selbst zu erfüllen.

Jede Aufgabe für sich verlangte ihr volle Konzentration ab. Auf ihre Gewandtheit und ihre Akrobatik konnte sie letztlich nur bei zwei der Aufgaben zählen. Zu kalt war das Eiswasser, in dem man ausharren musste – zu schmerzlich die plötzliche Erinnerung an das Hafenwasser, in dem sie noch vor allzu kurzer Zeit beinahe ertrunken wäre.

Das Überwinden des Seiles - auch jene Aufgabe kannte sie aus früheren Tagen in Endophal. Damals hatte sie sich viele Prellungen eingehandelt, bis sie erlernt hatte, daß es nur galt, mit der ihr umgebenen Kha eins zu werden und das Seil nichts anderes war als Teil jenes Elementes. Erst als sie die Augen schloss, ehe sie das Seil überquerte und einzig auf das Gefühl hörte, das ihr Körper ihr beim Vorangehen vermittelte, konnte sie es überwinden – und war damals schon bald geschickter dabei, als Gun. Dank der Übungseinheit, die sie am Abend vor dem Wettstreit am bereits gespannten Seil hatte, fand sie sich schnell wieder in ihre damaligen Fähigkeiten ein.

Für das Schleudern des Steines letztlich fehlte ihr die Kraft, die jenen, die Kah nahe standen, einen Vorteil verschaffte. Selbst ihr geschickter Wurf vermochte den Mangel an dieser nicht zu ihrer Zufriedenheit auszugleichen.

Sie hatte zwei Disziplinen gewonnen, doch groß war ihr Ärger über ihr Versagen in den anderen beiden. Daß sie dafür dennoch den zweiten Preis erhielt, war ihr dafür schon beinahe unangenehm. Warum wurde sie für etwas belohnt, bei dem sie doch versagt hatte? Die Chalada waren ihr manchmal ein Rätsel.


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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 20.01.10, 14:00 
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As u Pathu* rückte unaufhaltsam näher. Überall wurde begonnen, sich darauf vorzubereiten. Barrikaden aus alten Möbeln wurden errichtet, die Bewachung der Tore verstärkt. Gespräche wurden kürzer, die Herzen kälter. Eine nicht zu übersehende und -hörende Gereiztheit machte sich breit. Wegen Nichtigkeiten kam es zu kleinen Streitereien. Rufe nach der Wache waren an der Tagesordnung, ob der Vielzahl seltsamer Gestalten, die mehr oder weniger vermummt in den Straßen wandelten.

So wunderte sie sich nicht sonderlich, als eines Abends wieder einmal ein Ruf nach der Wache an ihr Ohr drang. Sie war gerade in einem Verkaufsgespräch, doch wer konnte schon sagen, ob eine andere Wache in der Nähe wäre? Mit einer Entschuldigung an den Kunden rannte sie also hinaus und hinüber zum Kontor Lethandor, aus dessen Richtung die Rufe vernehmbar waren.

Gerade traten zwei Männer aus jenem heraus, die sie dazu aufforderte, stehen zu bleiben. Einer der Verkäufer, Harold Wallentreu, kam soeben um die Ecke und bestätigte ihr, daß diese Herren der Anlass für seine Rufe gewesen wären. Doch ehe sie überhaupt dazu kam, weitere Fragen zu stellen, fühlte sie bereits die magische Druckwelle, Sekunden später lag sie keuchend am Boden.

Also gut. Magier also. Nicht gerade zimperlich noch dazu, der Gute. Ob er das damit erreichen wollte, war egal, aber er hatte sie soeben wütend gemacht. Sehr wütend. Einen Tick _zu_ wütend vielleicht, daß sie dabei etwas außer Acht ließ, daß sie alleine war, keine Rüstung oder Uniform trug und auch sonst niemand in der Nähe war, auf dessen Hilfe sie würde zählen können. Gerade hatte sie sich wieder aufgerappelt, da hatte sie auch schon ihre Waffe gezogen. Wenigstens diese hatte sie dabei. Auch der andere Mann vollführte nun seltsame Gesten und sprach einige Silben. Ein Gefühl der Schwäche zog daraufhin in ihre Glieder. Noch ein Magier also. Wut hielt sie auf den Beinen und ließ sie trotz der Schwächung ihre Klinge gegen den ersten Magier führen, der schon wieder einen Spruch vorzubereiten schien.

Erfolgreich verhinderte sie, daß er diesen vollenden konnte. Brachte ihn zu Fall. Und die Situation damit vorerst in den Griff. Plötzlich lenkten die beiden ein. Waren bereit, mitzukommen. Richard kam hinzu – war dies der Grund? Sie wusste es nicht, war noch zu sehr in Rage. War auch zu stolz, ihn um Hilfe zu bitten, die beiden Herren in den Kerker zu geleiten. Wie dumm konnte sie nur sein!

Es war nur eine Frage der Zeit. Auf dem Weg zur Burg, kurz vor dem Tempel, gelang es ihnen, sie zu überwinden. Während sie sich noch vom Schlag erholte, den sie kassiert hatte, erhoben sich dunkle Skelette aus einem Pentagramm. Sie starrte einen Moment ungläubig darauf. Sie wandten sich jenem Magier mit den hellen langen Haaren zu, um dann seinem Befehl zu folgen – und sie anzugreifen.

Taumelnd weicht sie zurück. Verteidigt sich wütend. Doch ohne einen Schild, ohne eine Rüste, die mehr Schutz bot, als ihre Fellweste, stand sie auf verlorenem Posten. Mit letzter Kraft rettet sie sich ins Handelshaus. Schnappt sich Rüste und Uniform und ihren Schild. Schnell noch ein Heilelixir, um jene Wunden zu schließen, die sie schon auf dem Rückzug hat hinnehmen müssen. Dann wieder hinaus, in den Kampf. Auch Richard steht nun dort, kämpft neben ihr. Doch der Wille der Skelette ist auf sie gerichtet. Immer wieder gerät sie von einem der mächtigen Hiebe ins Taumeln. Sie muss die Flucht antreten, zu stark schon sind ihre Verletzungen, um den Schild noch richtig heben zu können.

Aus Wut wird Verzweiflung. Erschöpfung. Noch immer verfolgt eines dieser Skelette sie durch die Straßen. Sie hat keine Kraft mehr. Sackt zusammen. Es kommt heran und wirft sie zu Boden. Während ihr noch schwarz vor Augen wird, weiß sie schon wieder: „Ich habe versagt.“

*As u Pathu: Dunkeltief


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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 20.01.10, 15:06 
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Sie hatte sich schon wieder zu einem ihrer größten Fehler hinreißen lassen: Selbstüberschätzung. Wenn sie in den Händen von Kat lag, von ihm herumgeworfen wurde, beflügelt durch At’s Flammen, vergaß sie, daß es Gegner gab, denen sie alleine nicht gewachsen war. Magier gehörten in diese Kategorie. Zwei Magier erst recht. Diesmal hatte Richard und ein paar andere Helfer ihr noch einmal den Arsch gerettet und sie wieder auf die Beine gestellt. Wann würde der Moment kommen, in dem es keine Hilfe mehr gab?

Aber diese beiden hatten auch einen Fehler gemacht. Unverhüllt waren sie, beide. Und nicht unbekannt noch dazu. Schon mehrfach hatte sie jene gesehen, zuletzt beim Fest der Elemente. Auch bei der Beerdigung von Emanuel waren sie gewesen. Es dürfte nicht schwer sein, herauszufinden, wer sie waren. Und sie war nicht gewillt, diese Sache so einfach auf sich sitzen zu lassen.

Auch wenn sie es niemals zugegeben hätte: Die Sache hatte ihr zugesetzt. Hatte ihr die eigene Verletzbarkeit wieder einmal vor Augen geführt. Ihre Blicke wurden wieder wachsamer.

Nur zwei Tage später in den späten Tageszyklen, sie wollte gerade den Laden schließen, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde. Drei vermummte Männer standen dort, auf den ersten Blick Ersonter Gardisten. Einer von Ihnen feuerte eine Armbrust ab, doch der Bolzen ging fehl und schlug weiter hinten im Raum ein. Kafa – nicht weit fehl. Sie hatte den Luftzug des Geschosses gespürt.

Diesmal war sie nicht allein. Andakor war gerade zugegen, und Richard auch. Die Angreifer warfen soeben lodernde Fackeln in den Kontor, gen des Webstuhls und auch zum Thresen hin. Nur einen Augenblick später drehten sie sich um und rannten davon. An eine Verfolgung war nicht zu denken – es hätte bedeutet, das Kontor dem Feuer zu verantworten. Sie waren schnell zur Stelle und konnten die Flammen ersticken, ehe sie großen Schaden anrichten konnten. Die Angreifer waren natürlich über alle Berge.

Vor der Tür eine zurückgelassene Uniform, und ein Schmähbrief. Eine lachhaft schlecht gefälschte Uniform. Für wie blöd hielten die Sie? Wer war das gewesen? Welche Ziele verfolgten sie? Sie konnte nicht so recht glauben, daß es hier nur um Ersont oder Malthust ging. Dafür war der Bolzen ein wenig zu nah gewesen. Ihr Misstrauen und ihre Anspannung wuchs. Die Schatten wurden länger. Und sie bekamen allmählich Klauen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 20.01.10, 16:02 
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Nur einen Abend danach kam ein Mann in den Handelskontor, als sie wieder gerade im Kundengespräch war. Ihr Blick ging zur Tür, und sie spannte sich innerlich an. Das Gesicht war ihr bekannt...nur woher?

Als kurz darauf Rufe nach der Wache laut wurden, fiel es ihr wieder ein. Diesmal gerüstet eilte sie hinaus, und rannte beinahe geradewegs in eine Gruppe von dunklen Skeletten. Ihr Blick flog einen Moment über ihre Umgebung. Von einem bedrohten Bürger keine Spur. Auch nicht vom Rufenden. Was sie schon nicht mehr wunderte. Dieser Ruf galt einzig ihr. Diese Skelette im Übrigen auch, und dieser ihnen zugedachten Aufgabe kamen jene bereits nach.

War dies seine Rache, weil sie den Vorfall gemeldet hatte? Weil ein Haftbefehl ausgestellt worden war? Weil ER so dumm war, aus Langeweile einen Händler in Brandenstein mit Magie anzugreifen? Weil ER so dumm gewesen war, Skelette vor ihren Augen zu beschwören?

Diesmal ließ sie sich erst gar nicht auf einen aussichtslosen Kampf mit den Skeletten ein. So schnell sie kann, rennt sie sie zur Burg und ruft Alarm. Gemeinsam mit zwei Kameraden kehrt sie zurück. Die Skelette hatten sich derweil etwas zerstreut und sie konnten sie mühelos stellen. Auch Richard war wieder zugegen. Das lässt sie stutzig werden. Sie glaubt nicht mehr an Zufälle.

Doch es kam noch schlimmer. Gleich am nächsten Morgen nämlich, als Erin ihr den Befehl gab, sich dem Handelskontor bis auf weiteres fern zu halten. Hatten sich alle Geister und Mächte nun gegen sie verschworen? War sie ein tumbes kleines Kind, das nicht auf sich aufpassen konnte? Kafa, verdammt! Wollte diese… diese.. Person von Leutnant ihr die letzte Würde rauben? Den letzten Stolz, den sie sich in ihrer aufkeimenden und selbstverständlich niemals zugegebenen Panik bewahrt hatte? Sie wollte. Durch nichts ließ Erin sich davon wieder abbringen, weder durch Bitten noch durch Fluchen.

Wie ein Schatten ihrer selbst streift sie daraufhin durch die Straßen der Stadt. Ihr Blick geprägt von ständigem Misstrauen, gehetzt schon beinahe. Der in der Zwischenzeit sich ereignende neuerliche Zwischenfall im Handelskontor, bei dem Unbekannte eine Vielzahl von Tieren dort einsperrten und sich als „Sanfte Bruderschaft“ ausgaben, machte sie noch unsicherer. Sie war sich sicher, daß all diese Angriffe und „Geschenke“ ihr galten. Jemand wollte an sie heran. Was hatte sie getan?

Schlaf gönnt sie sich nun kaum noch, und wenn sie dazu kommt, wirft sie sich unruhig im Bett herum, zerwühlt die Decke und wacht mehrmals schweißgebadet wieder auf. Da sie keinen Handel mehr treiben darf, ist sie nun permanent in Uniform auf den Straßen. Auf die kleinste Bewegung reagiert sie, aggressiv geht sie Fremde an, die sich verhüllen. Wenn sie in den Spiegel sieht, fühlt sie sich wachsam. Objektiv hätte man sie genauso gut an der Grenze zum Wahnsinn einstufen können.

Dann kam die Nachricht, daß Unbekannte auch Erin hatten entführen wollen. Daß versucht würde, Soldaten einzeln aus der Stadt zu locken. Plötzlich wurde ihr zumindest klar, wer hinter all dem stecken könnte: Der Hurensohn Cacama! Hatte schließlich lang genug nichts von sich hören lassen. Gut – er hatte also ein paar Idioten gefunden, denen Lhosas dermaßen den Schädel verbrannt hatte, daß sie ihm folgten. Vielleicht hatte er ihnen auch nur Schnaps versprochen, wer wusste das schon.

Hatte auch er ihr diesen Erick auf den Hals gehetzt? Oder war jener Vorfall unabhängig davon? Letztendlich spielte es keine Rolle.

Völlig überreizt und sich nun ständig mit beinahe schon gehetztem Blick umdrehend kehrt sie am Abend nach einem weiteren ausgedehnten Wachgang zur Burg zurück. Sie betätigt die Tür – und wird von Magie ergriffen. Ihre Hand – sie ist gelb geworden! Der ganze Arm! Womöglich der ganze Körper! Ruckartig fährt sie herum und starrt hinter sich. Entdeckt dort im dunklen Tordurchgang eine schwarze Gestalt. Eine schwarze Gestalt mit einer Sense.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 20.01.10, 16:23 
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Der seidene Faden, der ihre letzte Beherrschung ist, droht in diesem Moment endgültig zu zerreißen. Völlig stumm steht die Gestalt dort, reagiert auf keine ihrer wütenden Aufforderungen, sich zu erklären. Stattdessen beginnt die Sense auch noch zu bluten – oder bildete sie sich das nur ein? Sie konnte sich auf ihre Wahrnehmung in diesem Moment wohl nicht mehr verlassen.

Es treten zwei Gestalten hinzu. Ein in eine zerlumpte Robe ge- und verhüllter Mann und… Richard! Was bei allen Sphären des Einen hatte dieser Kerl mit dieser Verschwörung gegen sie zu schaffen? Statt ihr in irgendeiner Form gegen die schwarze Gestalt beizustehen tritt er nach einer Weile wieder ab und geht einfach. Entnervt lässt auch sie von der stummen Gestalt ab. Soll sich doch ein anderer damit befassen. Ihretwegen auch dran verrecken. Auch schon egal.

Und was will schon wieder dieser zerlumpte Kerl? Reden will er nicht, denn kaum, daß sie ihn anspricht, beginnt auch jener mit dem Rückzug. Rennt gar davon. Sie bekommt ihn an der Schulter zu fassen, doch die Robe zerreißt und er entkommt. Kupferne Rüstung wird darunter sichtbar. Schreiend rennt sie ihm nach, vollkommen neben der Spur. Eine rettende Intuition einzig bewahrt sie wahrscheinlich vor Schlimmerem, als ihr klar wird, daß sie gerade im Begriff ist einem Fremden in dunkle Viertel weit ab der Burg zu folgen. In eine Falle, höchstwahrscheinlich.

Wutschnaubend und getrieben von der wahnwitzigen Gewissheit, dort alle Antworten finden zu können, hat sie nun nur noch ein Ziel: Den Familienwohnsitz der Gropps. Richard scheint nicht sehr erbaut, sie zu sehen, aber er ist bereit, mit ihr zu sprechen. Das Ärgerliche daran: Er hat erklärende Argumente. Vernünftige Argumente. Sie ist schon zu misstrauisch, als das er sie vollends überzeugen könnte, aber zumindest ihre Wut legt sich ein wenig. Vorübergehend zumindest.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 13.02.10, 15:33 
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Mit jedem Atemzug, mit jedem Schritt, den sie tat, spürte sie, daß die Dunkelheit nah war. Lhosas Glanz war schwach geworden, und in diesen Tagen vermochte die Gnade ihres Lichtes nicht in Leandras Herz vorzudringen. Dunkel waren ihre Träume. Diese starke Stimme in ihrem Inneren war erneut erwacht. Nicht weiter begnügte jene sich mit Einflüsterungen. Kafa – laut und deutlich kommentierte sie ihr Tun.

Das Wissen darum, daß es da etwas in ihr gab, über das sie (noch) keine Kontrolle hatte, versetzte sie in einen Dauerzustand der Panik. Wer war „sie“? Ein Teil ihrer selbst – das hatte sie verstanden. Und doch ihr fremd. Jeder ihrer Versuche, dieser Wesentheit habhaft zu werden, deren Motivation zu ergründen, endete in Schmerzen. Und dieses…Ding – es war wild. Wilder, als sie selbst es sich jemals hätte träumen lassen.

At loderte in ihr, ja. Und viele hielten sie ohnehin schon für unzähmbar. Hatte nicht Ansgar erst neulich gesagt, sie, Leandra, wäre keine Frau? Agal.. hatte er. Doch dieses andere Wesen, das war noch etwas anderes. Angst. Sie hatte Angst, die Kontrolle an dieses Ding zu verlieren.

Und genau damit begannen die Probleme schon. Das Wesen in ihr (sie nannte es bha’chiath*) hatte nämlich seinen Spaß daran, eben diese Kontrolle immer wieder zu übernehmen. Hatte es schon viel früher immer wieder getan, ohne daß es ihr bewusst war. Wann immer eine fremde Person sie berührte, zum Beispiel.

Wie gerne hätte sie sich endlich wieder einem Mann hingegeben! Wie gerne hätte sie wieder einmal Nähe und Wärme verspürt, Leidenschaft... Ekstase. Kafa – sie hatte nicht vergessen, wie das war. Und es mangelte auch nicht an Gelegenheiten. Doch bha’chiath wusste derlei zu verhindern. Was sie auch versuchte, „sie“ zurückzuhalten, kaum daß man ihren Körper berührte, schnellte „sie“ nach vorne. Biss. Kratzte. Fluchte. Und ließ sich nur unter starker Pein wieder zurückdrängen.

Also begann sie, sich nach außen hin abzuschotten. Versuchte, solche Situationen zu meiden, wo sie nur konnte. Manchmal war es jedoch nicht möglich. Wie jetzt gerade, da sie vor Andakor stand, der ihren Körper für die Herstellung einer Rüstung vermessen musste, die sie endlich nicht mehr behindern würde, wie es diese schäbigen Kettenhemden taten.

Jedwedes Metall war ihr eigentlich zuwider. In Endophal hatte sie es nicht gebraucht – dort hatten sie sich auf die Geschwindigkeit ihrer Füße oder die ihrer Pferde verlassen. Doch in der Armee musste sie immer wieder in Schlachtreihen stehen... zur Bewegungsunfähigkeit verdammt. Das machte ihren Kampfstil, auf den sie sich sonst gut verlassen konnte, unmöglich. Und die Wunden der ersten Wochen- und Mondläufe, die nur dank der guten Heilkünste von Alavia und Taitla kaum Narben hinterließen, lehrten sie, daß sie ihre Rüstung an den Kampfstil der chalada würde anpassen müssen.

Nun stand sie hier vor Andakor, entblößt. Das hätte sie nicht weiter gestört – sie schämte sich nicht für ihren Körper, ganz im Gegenteil. Sie hatte Angst. Sie mochte ihn.. und sie wusste, was geschehen würde, wenn sie bha’chiath nicht würde zurückhalten können. Sie hatte ihn gewarnt, ja. Doch hatte er es wirklich begriffen? Viel hatte sie ihm nicht sagen können. Die Tatsache, daß sie alle Waffen (und das waren wirklich einige) außer Reichweite abgelegt hatte, war ihm hoffentlich Warnung genug, vorsichtig zu sein.

„KAFA – Bhahrum! Mah imteph tah’il mahut Ar! Mah’anah MAH!“ **

Schwer atmend blickt sie zu Andakor hoch, der reichlich verstört und mit nun gebührendem Abstand vor ihr steht. Ihr Blick geht weiter auf die zerrissene Stelle in seinem Hemd, in die sich noch vor wenigen Augenblicken ihre Zähne vergraben hatten. Wieder einmal hatte sie bha’chiath nicht rechtzeitig zurückhalten können. Doch er war schnell genug gewesen, kein Blut sickerte hervor. Ihr stummer Schrei war jedoch nicht schnell genug gewesen. Und das trieb sie – einmal mehr – zur Verzweiflung.

* in etwa: „unheilige Löwin“
** „NEIN, Dämon! Ich verfluche deine schwächliche Beherrschung! Ich bin ICH!“


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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 13.02.10, 16:46 
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Dann war die Dunkelheit gekommen. Und mit ihr die Kälte. Für solche Kälte gab es keine endophalischen Vergleiche mehr. Morsan war zuvor schon hart für Leandra gewesen. Doch solcher Kälte hatte ihr Körper nichts mehr entgegenzusetzen, aller vorangegangenen Abhärtung zum Trotz.

Schlotternd und verbissen verbrachte sie die ersten Stunden der Dunkelheit. So sehr sie auch wollte – sobald sie die wärmenden Gebäude verließ, schwanden ihre Kräfte. Keine große Hilfe war sie den Kameraden in diesen ersten Stunden. Nicht einmal die innere Hitze, die sie sonst beim Kampf vorantrieb, mochte sich entfalten. So tat sie das wenige, wozu sie noch in der Lage war. Sie versorgte die entzündeten Feuer mit ausreichend Nachschub an Holz, machte ihre schnellen Runden auf der Stadtmauer, versorgte die Kameraden mit frischen Pfeilen und ab und zu einem wärmenden Getränk.

Beim Angriff, den Erin auf Drängen der Gohorkrieger auf Tarrant befahl, der vor dem Tor stand, fühlte sie sich erstmals wieder halbwegs in der Lage, selbst eine Waffe zu führen. Doch sie erhielt den Befehl, das Tor zu bedienen, was sich für sie als so verkehrt nicht herausstellen sollte ob der Sinnlosigkeit dieses Vorstoßes, dessen einziges Ergebnis sein sollte, daß danach sämtliche Gohorkrieger für die Verteidigung der Stadt nicht mehr zur Verfügung standen.

Schließlich war es ausgerechnet Cacama, der ihre Lebensgeister wieder weckte. Cacama die Hyäne. Cacama, die nach Scheiße stinkende Ratte. Wie aus heiterem Himmel war er aufgetaucht, hatte sich bei Erin gestellt. Doch was tat sie? Sie ließ ihm die Freiheit! Aufgrund eines Versprechens, er würde für Brandenstein kämpfen. Nefret! Wut brodelte in ihr hoch. Wut auf Cacama für seine Dreistigkeit. Wut auf Erin, daß dieser falsche Hund es schaffte, sie an der Nase herumzuführen. Hatte sie schon vergessen, daß es dieser wandelnde Abschaum aus der Gosse war, der sie selbst, Antonia, Enoah und sie, Leandra, beinahe getötet hatte?

Vergessen war die lähmende Kälte. Lauernd folgte sie Cacamas Schritten. Nein, sie würde sich nicht täuschen lassen von ihm. Nicht noch einmal. Glücklicherweise war sie mit ihrer Meinung nicht allein. Antonia konnte Erins Entscheidung ebenfalls nicht fassen. Leise unterhielten sie sich. Bis Antonia in ihrer Funktion als Schultheiß den einzig richtigen Entschluss fasste: Cacama musste wieder hinter Gitter!

Schnell waren ein paar Kameraden zusammengerufen, mit denen sie sich gemeinsam mit Antonia nun aufmachte, um ihn wieder in sichere Verwahrung zu bringen. Er leistete keinen Widerstand. Einzig Kal beharrte recht hartnäckig darauf, dass Cacama in den Zellen der Burg besser aufgehoben wäre, als im Turm, zu dem er nun geführt wurde. Grund genug für Leandra, das Misstrauen wieder wachsen zu lassen, das sie ihm entgegenbrachte. Doch dazu hätte sie später noch Gelegenheit, sich mit ihm zu befassen. Ein Irrtum, wie sich herausstellen sollte.

Kaum war Cacama in der Zelle untergebracht, begannen sich die Ereignisse zu überschlagen. Kniend schien der Hund zu den Mächten zu beten, oder dem, was er darunter verstand. Plötzlich Kälte. Eine Gestalt, einem Lich ähnlich, die einfach zwischen ihnen hindurchtrat, ihre Versuche, sie daran zu hindernd, nicht einmal wahrnehmend. Schon war der Lich in der Zelle und tat das, was sie, Leandra schon längst hätte tun wollen: Mit einem dumpfen Schlag kippte der leblose Körper zur Seite, einen Wimpernschlag später der etwas härtere Aufprall des abgetrennten Kopfes. Wieder trat der Lich zwischen ihnen hindurch, als wären sie Luft. Verschwand durch die Wand aus dem Blickfeld.

Nur für einen Moment hatte Leandra die Augen geschlossen. „So geht er also dahin. Bestimmt nicht unverdient. Stark war er. Und.. aufregend. Erstaunlich, daß ich ihm ausgerechnet nahe kam, indem er mich beinahe tötete. Wer weiß,…“

Jäh wurden ihre Gedanken unterbrochen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Ganz und gar nicht.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 17.02.10, 17:17 
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Kal war wie von Sinnen. Er war augenscheinlich auf dem besten Weg, durchzudrehen. So wie die Worte des Lich „Es ist vollbracht“ und der Anblick des wie ein Stück Schlachtvieh am Boden ausblutenden Cacama sie selbst, Leandra, zu einer tiefen Ruhe (nein, Ruhe war nicht das richtige Wort… denn tief in ihr war da eine sehr starke Unruhe) geführt hatten, so hatten sie bei ihm jenen seidenen Faden durchtrennt, der seinen Verstand mit seinem Handeln verband.

Seine Wut richtete sich blind gegen die Nächststehende. Antonia Bruch. Ihr gab er die Schuld an Cacamas Tod. Ihr gab er die Schuld daran, dass es vorbei war. Ihr gab er die Schuld an… allem, wie es schien. Was wühlte ihn derart auf?

„Keine Zeit, darüber zu grübeln, Made!“ Da war sie wieder, die Stimme – längst zu ihrem ständigen Begleiter geworden. Wie so oft, hatte sie natürlich recht.

Sie schüttelt ihre Schockstarre ab und springt nach vorn, den Säbel erhoben, während Kal dabei ist, auf Antonia einzutreten, die er zuvor gen Boden schleuderte. Für einen Moment schafft sie es, ihn von ihr abzudrängen, doch in seiner Raserei schafft er es, ihr die Waffe aus der Hand zu schlagen. Die wenigen Wimpernschläge, die sie entgeistert auf die schmerzende Hand blickt – noch nie zuvor war es jemandem gelungen, sie zu entwaffnen! – nutzt er, seinerseits seine Axt zu heben.

Hätte er seine Waffe gegen sie gerichtet, wäre dies das Ende gewesen. Doch noch immer war seine Wut auf Antonia fixiert. „Ich bring dich um!“ rief er laut auf und wollte wieder auf sie losstürmen, der Sache ein Ende machen. Doch nun war es an Leandra, wütend zu werden. Kafa! Dieser Wurm würde nicht das tun, was sie letztes Mal bei Cacama und Victor nicht verhindern konnte. Nicht NOCH einmal.

Weit zurück gedrängt waren ihre eigenen trüben Gedanken ob Cacamas Tod. Irgendetwas hatte in ihr für einen Moment danach gerufen, gehört zu werden. Stattdessen schlugen At’s Flammen der Wut in ihr wieder lichterloh hoch.

Ihr Säbel lag am Boden, unerreichbar im Moment. Doch da gab es schließlich noch eine andere Kunst, die sie beherrschte. Sie hatte sie noch nicht oft gebraucht, seit sie auf der Insel Siebenwind angekommen war. Früher, in den Gassen Gol Airs, war der Umgang mit den Messern überlebenswichtig. Etwas aus der Übung war sie, doch schnell genug noch fand die Klinge ihren Weg an den Hals von Kal. „Die Waffe fallen lassen!“

Seine Aggression löste sich auf ihre mehr gezischt als gesprochenen Worte allmählich auf. Er senkte die Axt und warf sie von sich. Ohne weitere Gegenwehr stand er dann da, während Antonia sich aufrappelte und die Rekruten hineinließ, die die ganze Zeit vor der Tür gewartet hatten.

Die Rekruten führten Kal schließlich in eine Zelle der Burg, nachdem er sich ihr ergeben hatte. Zeit, sich wieder auf Nachtwache am Tor zu begeben. Doch diese Nacht würde noch eine Weile andauern, As u Pathu war noch lange nicht vorbei.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 21.02.10, 00:16 
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Die Lebensgeister der wütenden Kriegerin aus der Wüste waren in der Zwischenzeit durch die noch immer andauernde klirrende Kälte wieder etwas erkaltet. Vergessen waren die Gedanken, die nach Cacamas Tod in ihren Kopf noch herum spukten. Vergessen war sogar die Wut auf Erin, weil sie Kal am Morgen nach seiner Verhaftung aufgrund von – sie wusste nicht warum – wieder frei ließ (Nein, das war nicht vergessen. Nur etwas in den Hintergrund geschoben).

Welle um Welle von knackenden Gerippen brandete gegen die Mauern. Sie hatten sie alle zurückgeschlagen. Sogar mitten zwischen Ihnen, im Wachfeuer, hatten sich unheilige Kräfte gebündelt, sie mit wütender Kraft der Besessenheit verfemter Mächte angegriffen. Vom Himmel stürzten sich Gargoyles rissen mit ihren Klauen die eine oder andere Wunde, ehe sie von Pfeilen, Schwertern, Speeren und ihrem Säbel genug hatten und endlich zu Boden fielen.

Sie war am Ende. Fix und fertig. Doch für Müdigkeit war während des Dunkeltiefs keine Zeit. Schon gar nicht dafür, sie sich anmerken zu lassen.

Einmal hatten sie die Stadt schon beinahe verloren geglaubt, als dieses riesige Heer aus der Dunkelheit auftauchte und die Ostmauer mühelos nahm. Zu schwach schon waren die Arme der zu wenigen Verteidiger. Zu groß die Kälte der Verzweiflung, die sich ihren stetigen Weg in die Knochen jener bahnte, die noch immer aufrecht standen. Sie hatten sich, wie für diese Situation besprochen, zur Brücke zurückfallen lassen und dort neu formiert. Sie war zur anderen Brücke gehetzt, sie mit den restlichen verfügbaren Sprengtränken den verseuchten Fluten des Goldquells übergeben.

Doch schon, als sie sich wieder auf der noch von Ihnen gehaltenen Brücke ihren Weg nach vorne bahnte, um neben Ansgar „Knochenarbeit“ zu leisten, sah sie aus den Augenwinkeln die Wasserleichen empor kriechen. Erst wenige. Dann ein Dutzend. Tranig wirkend und doch gefährlich schnell schlurften sie an ihrem Ufer des Goldquells aus dem Wasser. Als sie erkannte, daß es zu viele wurden, war es schon fast zu spät. „RÜCKZUUUG!“ Hunderte schienen es plötzlich zu sein. Die letzte Handvoll Verteidiger versuchte den geordneten Rückzug. Schon bald war es eine wilde Flucht zur Burg.

Doch auch diese Bastion war gegen die Unmengen an Gerippen und schlurfenden, stöhnenden, nach Brackwasser und Fäulnis stinkenden Wasserleichen nur eine Klippe in der Brandung. Es war, als würde die Flut in Zeitraffer nahen. Die Skelette bildeten Haufen vor den Mauern, unheilige Knäuel, die rasch wuchsen, ehe ihnen die ersten Gerippe auf die Zinnen der Mauern entstiegen.

So schnell sie noch vermochten, bemannten sie nun die Mauern, kämpften… kämpften um ihr Leben. Sie wusste nicht, wie viele dieser Wesen sie bereits vernichtet hatte. Sie wusste in diesen Momenten nicht einmal, wer sie war. Gefangen im Rausch des Kampfes und nur durch Kat noch aufrecht gehalten, gewärmt von der Hitze At’s schwang sie ihren Säbel, hielt sie ihren Schild jedem neuerlichen Angriff entgegen. Meistens noch rechtzeitig, doch sie war müde. So verdammt müde.

Schwarze Magie schließlich zwang sie zur Flucht ins Innere der Burg. Ein dunkles Wesen bediente sich jener, öffnete mit ihrer Hilfe wieder und wieder das Burgtor, bis der Innenhof der Burg vollkommen aus Skeletten zu bestehen schien. Durch diese mussten sie sich unter einer neuen Aufbietung aller Kräfte hindurch kämpfen, bis sie endlich im Burgsaal, der notdürftig als Lazarett eingerichtet worden war, die schweren Türen hinter sich zu werfen und verbarrikadieren.

Caldris schlug sich mit den verbleibenden Mannen von der Westmauer zur Burg durch – gerade, als sie Pläne zu schmieden begannen, wie sie die Belagerung möglichst schnell wieder beenden könnten. Das dunkle Wesen hatte sich ob seines vermeintlichen Triumphes wieder zurückgezogen, das Kroppzeug war schon zum Großteil von den Kameraden beseitigt. Sie stürmten heraus, reinigten die Stadt bis in den letzten Winkel von den Überresten des dunklen Heeres.

„mah anah mahit! mah anah mahit! mah anah mahit!“* Ein wiederkehrendes Mantra murmelt sie leise vor sich hin, um die dunklen Flecken, die sie nun häufiger als Zeichen der nahenden Ohnmacht im Blickfeld hat, wieder zu vertreiben. Tatsächlich bleibt sie noch auf den Beinen. Ein Scherz von Ra vielleicht. Wie lange würde das noch so gehen?

Der Befehl zum Aufbruch gen Seeberg kam kurz vor dem Ende.


* "ich bin stark! ich bin stark! ich bin stark!"

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 21.02.10, 15:02 
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Wieviele Tage das Dunkel nun schon andauerte, hätte Leandra beim besten Willen nicht sagen können. Zweimal nur war sie für die Dauer etwa zweier Zyklen in einen unruhigen Halbschlaf voller Alpträume gefallen. Die Mächte um Pathu hatten sie fest im Griff. Es gab keine Hoffnung mehr in ihrem Herzen. Da war nur noch Ergebenheit in den Lauf von Ra. Und natürlich jene Zähigkeit des unbedingten Willens, weiter zu machen. Und mochten auch die Mächte des Zorns und der Träume der Tiefe stark sein – sie war eine mu’hyareb hek Jaleth. Auch dies alles hier war Teil der Welt. So wie sie. Ihr Ra war ihr Schwert. Sie würde es führen bis zum Ende. Sie konnte es kaum erwarten. Ra.

Wo jenes Ende auf sie warten mochte, war letztlich egal. Also verschwendet sie auch keine weiteren Gedanken damit, den Befehl des Leutnants, nach Seeberg aufzubrechen, in Frage zu stellen. Eine kurze Überprüfung ihrer Ausrüstung – sie war bereit für das, was kommen sollte.

Nur mehr wenige Kameraden gab es noch, die die Kraft hatten, sich nach diesen Tagen der Dunkelheit aufrecht zu halten. Einige von ihnen wurden noch auf den Mauern postiert, der klägliche Rest machte sich auf den Weg in die Finsternis. Ihr Ra’Tet* bestand aus Erin, Zahira, Caldris, Raphael, Gerald und Rodrigo.

Immer wieder wurden sie von Geisterhaften Gestalten eingekesselt. Immer wieder mussten sie zur Waffe greifen, sich ihren Weg wieder frei schlagen. Eile schien plötzlich geboten. Gewaltige Szenen spielten sich am Himmel über Seeberg ab. Geflügelte dämonische Wesen spien Feuer, hüllten die Kulisse der Feste aus der Ferne in eine Aura des Bösen. Aus dem Inferno formte sich ein riesiges Pentagramm, das nun über Seeberg schwebte. Unheilvoll, bedrohlich. Was mochte dort geschehen sein? Was noch geschehen?

Endlich hatten sie Seeberg erreicht. Gerald war kurz vor der Stadt schwer verwundet worden. Das hatte ihr erschreckend langsames Vorankommen weiter erschwert. Doch in den Stunden der größten Verzweiflung war die wiedererstarkte Kameradschaft der Truppe spürbar.

Der Weg in die Feste war versperrt. Diener des Einen, die sie noch kurz zuvor beinahe niedergeritten hatten, wenn sie nicht eilig aus dem Weg getreten wären, hatten dort Stellung bezogen. Irgendwann plötzlich scheint die Barriere vorn am Tor sich aufzulösen. Verschwunden die Diener der verfemten Mächte. Die letzten Verstärkungseinheiten – bestehend überwiegend aus Malthuster Soldaten, Nortraven und Dwarschimkriegern, die allesamt dem „Ruf“ des schaurigen Pentagramms gefolgt waren, das noch unheilvoll über der Feste schwebte – betraten das Innere der Feste.

Gerade noch rechtzeitig, wie sich herausstellen sollte. Aus dem Pentagramm lösten sich feurige Geschosse, die hernieder gingen. Wo sie auftrafen und Flammen der Verzweiflung brachten, richteten sich Geschöpfe der Finsternis auf. Die ganze Wut der Verfemten schien sich in diesem Moment auf diesen Burghof zu richten, in dem sie standen – die letzten Streitkräfte, die die Lebenden noch aufbringen konnten.

Der Sieg schien zum Greifen nah, denn zornig stellten sie sich gemeinsam all jenem entgegen, was da kam, um sie zu vernichten. Doch wehe – ein Dämon von unbeschreiblichen Ausmaßen erschien über Ihnen. Wo er auftauchte, knickten die Reihen der Verteidiger ein. Mehr und mehr wurden sie in den Saal zurückgedrängt, in dem viel zu wenige Heiler schon jetzt viel zu viele Verwundete umsorgten.

Doch kaum waren sie alle drinnen, ertönten schon die ersten mächtigen Schläge gegen die Türen. Es war schnell klar, daß sie dort nicht sicher wären. Leandra war der gleichen Ansicht, wie viele andere: Lieber beim letzten Ausfall sterben, als in einem engen Raum voll von Verängstigten vom Feind überrollt zu werden.

Man formierte sich neu. Kurz schloss mancher Streiter die Augen, sendete ein Stoßgebet zu seinem Gott. Dann wurden die Tore aufgerissen und mit der Wut der Verzweiflung strömten sie wieder nach draußen. Sie wurden bereits erwartet.

So wie all die Entbehrungen, Müdigkeit, Kämpfe und manch Ereignis während der letzten Tage schon jetzt aus ihren Erinnerungen verblassten, würde sie sich fortan jeden Tag ihres Lebens an diesen letzten Kampf erinnern.
Als wäre es für ihn nichts als eine Handvoll Sand, warf der Dämon, der nun auf den Zinnen des Turms saß, mit Feuerbällen nach Ihnen, während sie gegen seine Schergen kämpften. Aus jenen schlüpften weitere Dämonen, bestehend aus Knochen. Seite an Seite kämpfte die Malthuster Wacht tapfer gegen alles, was auf ihre Reihe zustürmte. Es gab ihr ein Gefühl der Freude, der Stärke, daß sie zwischen ihren Kameraden hier stand und sie gemeinsam bis in den Tod kämpfen würden.

Unerbittlich waren die grausamen Schläge der Knochendämonen. Die bis dahin so standhafte Reihe wurde schließlich doch auseinander getrieben – und mit ihr alle Hoffnung. Leandra wurde abgedrängt, immer weiter zur Seite. Nie würde sie den Kampf vergessen, den sie schließlich focht, alleine, denn um sie herum stand sonst kein Verteidiger mehr, der ihr gegen den Dämon hätte beistehen können, der nun auf sie zukam. Alles, was sie bisher gelernt hatte, schien gegen solch ein Wesen wertlos – nichtig. Doch wenn dies schon das Ende sein sollte, wollte sie diesem Wesen noch zeigen, daß auch kleine Stachel Wunden reißen können.

Vergessen war die Müdigkeit und die Schwäche, die ihr in den Knochen steckte. Vergessen war ihr Leben früher und heute. Vergessen war Freude und Leid. Ihr Denken konzentrierte sich nur noch auf die Bewegungen dieses unerbittlichen Gegners, gegen den sie so klein war, so scheinbar schwach. Doch nicht vergessen hatte sie, wie man kämpft. Und der Dämon war bereits geschwächt, auch das sah sie bald. Mehrere magische Geschosse hatten ihn bereits getroffen. Nie hätte sie gedacht, daß sie nach der Tortur der letzten Tage noch zu einer solchen Beweglichkeit imstande gewesen wäre, mit der sie nun den Schlägen des Dämons auswich. Konnte sie jene nicht ganz umgehen, riss sie den Schild hoch, ließ sie seitlich abprallen, wie sie es gelernt hatte.. früher.. in einer anderen Zeitrechnung.

Wieder und wieder schwang sie kunstvoll und wütend ihren Säbel. Schlug auf für sie erreichbare Stellen, die ihr schwach erschienen ein. Jeder noch so winzige, aber sichtbare Erfolg trieb sie dazu an, weiterzumachen. Hielt sie auf den Beinen. Verlieh ihr die Kraft und den Mut, diesem Wesen überhaupt noch etwas entgegenzusetzen. Eine Flucht wäre ohnehin nicht mehr möglich gewesen. Dann geschah das Wunder – mit entsetzlichem Gebrüll stürzte der Knochendämon unter ihrem Schlag zu Boden.

Vollkommen ermattet sinkt sie auf die Knie, kann nicht glauben, das Ra für sie tatsächlich bereithält, den Pfad des Lebens weiter beschreiten zu dürfen, obwohl sie so offensichtlich mitten in den Sandsturm geriet.

Aus den Augenwinkeln bekommt sie die scheinbare Bestätigung ihrer Befürchtungen mit. Zwei weitere Knochendämonen nähern sich ihr. Wie bereits aus weiter Ferne sieht sie noch andere Kämpfer. Auch blaue Uniformen sind noch darunter. Es erfüllt sie mit Stolz. „Lächerlich“ will sie noch denken. Warum bin ich stolz darauf, daß andere noch aufrecht stehen, während ich es nicht mehr vermag? Auf diesen Gedanken folgt der erste Schlag des Knochendämons, der sie zuerst erreicht.

Ihr Schild wird fortgeschleudert, doch die Wucht des Schlags hat sie etwas emporgehoben. Mit einem Gefühl der Dankbarkeit, daß sie nicht am Boden kniend hingerichtet werden wird, greift sie mit der letzten Kraft der Verzweiflung und den sicheren Tod im Angesicht ein letztes Mal zu ihrem Säbel, schwingt ihn gen des Angreifers, ehe der zweite Dämon sie ebenfalls erreicht. Sein Schlag löst in ihr Erleichterung aus. Kälte, Hitze, Licht von Ferne. Dann Dunkelheit.

Als sie aufwacht, liegt sie auf einer der Matten im Burgsaal. Ein Heiler beugt sich über sie, lächelt ein wenig zu ihr. Wie sie dorthin kam, weiß sie nicht. Sie wird es nie erfahren. Ihr Blick gilt in diesem Moment einzig den offen stehenden Türen, durch die der erste Glanz von Lhosa fällt. Dies war also wirklich endlich das Ende.

Ra spielte schon seltsame Spiele mit ihr.

* Ra'Tet: Gemeinschaft des Schicksals

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 28.04.10, 22:48 
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Tränen strömen über ihre Wangen. Gerecht war sie nicht, die Welt. Ausgerechnet Taitla. Taitla Brijt, die für jeden ein freundliches Wort und einen Beutel mit Wegzehrung parat hatte. Mit ihr hatte sie schon manchen Abend verbracht, mal nachdenklich, mal fröhlich über die chalada und ihre seltsamen Sitten geplaudert.

Doch nun war sie tot.

Alle Bemühungen, ihr Leben nach dem Angriff des Sukkubus noch zu retten, blieben vergeblich. Tränen rannen ungehindert an ihren Wangen herab. Sie wusste nicht, wann sie das letzte Mal geweint hatte. Es musste Jahre her sein.

Doch keine Zeit war zu verlieren. Es galt, ihren Tod zu ehren, ihre Seele auf jenen letzten Weg zu geleiten, ihren Leib der Seele folgen zu lassen. Das alles musste schneller geschehen, als daß einer der Morsan - chalada auf die Idee kam, sich ihrer anzunehmen. Jene, die ihre Toten so gerne im Dreck verscharrten, wo Maden ihnen die letzte Würde rauben würden, sollten ihre Finger von Taitla lassen.

Wenigstens diesmal war Erin ihr behilflich. Ob sie sie verstand, wusste Leandra nicht. Es war ihr auch herzlich egal. Doch sie sorgte dafür, daß der Körper bis auf weiteres nicht an die Morsandiener übergeben wurde. So hatte sie etwas Zeit. Zeit, alles nötige vorzubereiten.

Erst einige Tage später, als At, von Ancabeth gerufen, die weltlichen Reste ihrer Freundin verzehrte, und Kha sie auf Ada’s Gesten hin wirbelnd ergriff und hinaus auf das Meer trug, erst als Leandra der Geruch von ihrem Abschiedsgeschenk noch in der Nase lag und sie die Gewissheit hatte, daß Ath, die Weiten des Meeres, Taitlas Asche mit sich tragen würde und, so die Mächte es wollten, dorthin bringen würde, wo sie von Kah erwartet wurde – erst dann konnte sie wieder den Kopf heben und lachen.

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Zuletzt geändert von Gandor: 29.04.10, 09:39, insgesamt 1-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wüstenherz
BeitragVerfasst: 28.04.10, 23:27 
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Seltsam war er, dieser Kerl. Seltsam genug allein, daß er vollgerüstet durch die Stadt lief. Noch seltsamer jedoch, daß er sich hierbei mit einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze verbarg. Er kam ihr bekannt vor. Sie wusste, daß sie diesen Mann nicht das erste Mal sah. Es wollte ihr nur nicht recht einfallen, woher dieses Gefühl des Vertrauten kam.

Sie begann, ihn zu beobachten. Vergaß dabei sogar beinahe ihre Wut auf Brand. Beinahe. Allein der Gedanke daran ließ sie bereits wieder wutentbrannt aufschnauben. Was bildete sich dieser Schwächling eigentlich ein? Über das Leben eines Menschen Wetten abzuschließen. Über das Leben eines Menschen, dessen Fehlen in ihrem Ra-Tet immer noch eine Lücke klaffen ließ. Agal, die Erinnerungen an Taitla würden weiterleben, auch wenn dieser Nefret von Brand mit seinem Gehabe alles dafür tat, sich unbeliebt zu machen auf alle Zeiten.

Gerade kam Felis zur Taverne herein. Auch sie schien ob des verhüllten Mannes etwas verwirrt. Das freute Leandra, bestätigte es doch ihren Verdacht. Ihre Nachforschungen hatten sie schon weit gebracht. Dieser Kerl besaß ein Dokument, das ihn vor allzu neugierigen Blicken schützen sollte. Ausgestellt von Erin. Von wem auch sonst. Was immer in dieser Stadt nach Intrige und Betrug stank, trug auch Erins Geruch.

Doch damit hatte es ihr Leutnant Hexe, von der sie sich innerlich schon seit geraumer Zeit immer mehr distanzierte, eigentlich nur leichter gemacht. Eigentlich blieb nur noch eine Möglichkeit offen. Felis‘ Reaktion und auch ihre Beobachtung, daß dieser Vermummte mit einem kleinen Kind auf dem Arm herumgelaufen war, passten dazu. Sie würde ihn bald zur Rede stellen. Wenn sie etwas hasste, waren es solche Spielchen. Das einzige, was sie noch mehr hasste, war es, wenn Erin ihre Finger mit drin hatte.

Wenn sie Recht behalten würde, wäre das ein Schock für viele. Und nicht für alle ein freudiger. Felis… ach Felis. Wie würde sie darauf reagieren? Sie hatte nach und nach Vertrauen in sie gewonnen. Sie war zwar nur ein Mischblut.. nicht einmal besonders stolz auf ihre Ahnen aus dem Süden, doch sie teilte ihren Humor und oft genug kam es vor, daß sie beide nicht sprechen mussten, um einander zu verstehen.

Doch was diesen Kerl betraf, gab es einiges zu reden. Auch mit Felis. Vor allem mit ihr….

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