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Bereits 8 Stunden ist Kitara schon unterwegs. Ausser Atem steht sie auf ihren Stab gestützt im Schutz eines hervorspringenden Felsens und schaut hinunter ins Tal. Alles wirkt grau und unwirklich. Weit entfernt hat die Landschaft jegliche Substanz verloren und löst sich auf im grau des Nebels. Tief atmet sie die kalte Bergluft ein. Die Finger sind blau und ihr weisses Haar ist mit einer noch weisseren Kruste überzogen. Das Wetter hat sich erheblich verschlechtert. Der Blick zum Himmel kündet von Sturm. Dunkle, schwarze Wolken bilden einen beindruckenden Kontrast zu den weissen Bergspitzen vor ihr. Es ist der Zorn der Mutter denkt Kitara. Den Kragen aufklappend um ein wenig Schutz vor dem beissend kalten Bergwind zu haben läuft sie langsamen Schrittes weiter. Nur langsam kommt sie vorwärts. Der Weg ist gefährlich, steil und abweisend. Wie wenn er sagen würde. "Kitara was willst du denn hier. Geh zurück. Das ist kein Ort für dich". Doch unbeirrt folgt sie Schritt um Schritt dem steilen Bergpfad. Ihrem Ziel entgegen.
Der Übergang vom grau des Tages zur Nacht ist fliessend. Der Wind hat zugenommen und blässt unerbittlich durch die spärlichen Kleider. Erschöpft, vom Unwetter gezeichnet steht Kitara vor einem hohen Felsen. Vorsichtig legt sie einen knorrigen Strauch, der direkt an der Felswand dem Wetter trotzt, auf die Seite. Dahinter ist ein feiner Spalt zu erkennen durch den Kitara sich hindurch zwängt. Die absolute Dunkelheit und das Heulen des Windes wirken abstossend und bedrohlich. Mit einer Handbewegung entzündet Kitara ein feines Licht aus Energie. Im bläulich schimmernden Schein ist eine kleine Höhle auszumachen. Ein mit Blättern ausgelegter Schlafplatz und eine Feuerstelle ist alles was der rund zwanzig mal zwanzig Fuss grosse Raum an Komfort zu bieten hat. Kitara zieht ihren Umhang ab und dichtet damit, so gut es geht, den Eingang zur Höhle ab. Kurze Zeit später flackert ein kleines, wärmendes Feuer und taucht die Höhle in ein beruhigendes, warmes Licht. Kitara sitzt vor dem Feuer und wärmt ihre durchfrorenen Finger. Ihre Gedanken reisen zurück zu der Zeit wo ihre Wandlung zur schwarzen Hexe stattfand. Damals hatte sie sich geschworen nie mehr an diesen Ort zurückzukehren. Jetzt sitzt sie wieder da, schuldbeladen in ihrem Stolz verletzt, verachtet von der Geweihten, belächelt von den Schwestern und verstossen von der Mutter. Ihr Blick wandert auf einen grünlichen Trank in ihrem offenen Ledersack direkt neben ihr am Boden. Ihre Hand zuckt leicht doch dann wendet sie ihren Blick schnell wieder dem Feuer zu um auf andere Gedanken zu kommen
Nachdem sie mit dem üblichen Ritualspruch einen Schutzkreis um sich gezogen hat entnimmt sie ihrer Ledertasche einen kleinen Dolch. Mit einem schnellen Stich in die Fingerkuppe des rechten Zeigfingers fügt sie sich eine kleine, blutende Verletzung zu. Das Blut lässt sie in eine mit Runen verzierte Schale tropfen, der sie noch Pulver von Blutmoos, eigener Speichel und etwas Mutter Erde zumischt. Mit dem Dolch mischt sie die Zutaten vorsichtig bis alles zu einem roten, festen Brei wird.
Das Feuer vor ihr hat an Stärke verloren. Die nur noch leicht züngelnden Flammen spiegeln sich in den dunklen Augen. Kitara hat sich ihrer Kleider entledigt. Seit zwei Stunden sitzt sie nun schon so am Feuer. Wie in Trance wippt ihr nackter Körper. Nur unterbrochen durch zeitweises nachlegen von dürren Ästen um dem Feuer etwas neue Nahrung zu geben. Ihre Lippen singen leise ein Lied.
Ich bin dir nah und doch so fern
Oh Mutter der Erde.
Die Kraft der Erde hat mich verlassen
ich bin allein, deiner nicht Wert.
Mutter erhöre mein Flehen und spüre meinen Schmerz.
Gib mir zurück was mich an dich bindet.
Mit der Spitze des Dolches ritzt sie ihre Zunge, bis sie den Geschmack frischen Blutes an ihrem Gaumen spürt.Mit dem Finger entnimmt sie eine kleinen Pfropfen des angerührten Breis und legt ihn sachte auf die Zunge. So verharrt sie eine ganze Weile.
Ich bin dir nah und doch so fern
Oh Mutter des Windes.
Die Kraft des Windes hat mich verlassen
ich bin allein, deiner nicht Wert.
Mutter erhöre mein Flehen und spüre meinen Schmerz.
Gib mir zurück was mich an dich bindet.
Vorsichtig entnimmt sie einen weiteren Pfropfen der kleinen Schale. Langsam erhebt sie sich vom Feuer und verlässt nackt wie sie ist die warme Höhle. Draussen erfasst der zum Orkan angeschwollene Wind ihren filigranen Körper mit aller Urgewalt. An drei Stellen des Körpers malt sie mit dem vorbereiteten Brei kleine Runenzeichen. An Stirn, oberhalb des Bauchnabels und am Rist der Füsse. So wie sie es einst von ihrer Mutter gelernt hatte. So verharrt sie einen ganzen Zyklus an der Kälte.
Zurück in der Höhle setzt sie sich wieder ans nur noch leicht glühende Feuer um bereits einige Momente später wieder in Trace zu versinken.
Ich bin dir nah und doch so fern
Oh Mutter des Feuers.
Die Kraft des Feuers hat mich verlassen
ich bin allein, deiner nicht Wert.
Mutter erhöre mein Flehen und spüre meinen Schmerz.
Gib mir zurück was mich an dich bindet.
Sie entnimmt dem Feuer ein noch glühendes Holzstück. Ohne einer Regung des Schmerzes malt sie damit ein Runenzeichen auf ihren Bauch. Der Geruch von verbranntem Fleisch macht sich in der Höhle breit. Mit dem Finger reibt sie einen weiteren Teil der Paste in die verbrannte Wunde.
Ich bin dir nah und doch so fern
Oh Mutter des Wassers.
Die Kraft des Wassers hat mich verlassen
ich bin allein, deiner nicht Wert.
Mutter erhöre mein Flehen und spüre meinen Schmerz.
Gib mir zurück was mich an dich bindet.
Mit beiden Händen nimmt sie die Schale mit dem Rest der Paste in die Hand. Aus einer Flasche leert Kitara etwas Wasser hinein und vermischt das Ganze zu einem dünnflüssigen Brei den sie langsam an ihren Mund führt und in vier kleinen Schlückchen, ausgerichet nach den vier Himmelsrichtungen austrinkt.
Völlig erschöpft legt sie sich nach dem Ritual auf den Boden und schläft sofort ein.
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