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Mechthild van Loirenfels wurde, als Adelstochter auf Siebenwind, von ihren Eltern auf eine Reise aufs Festlande zu wohlhabenden Bekannten gesandt. Bei diesen, in der Hauptstadt Falandriens ansäßigen Edelleuten sollte sie die Bildung und Kultur des Landes erfahren, welche sie für ihre zukünftige Heirat besser vermittelbar machen würde. Die lange Rückreise nutzt sie, ihre Gedanken zu Papier zu bringen...
Oh liebstes Tagebuch, wenn ich nur in Worte fassen könnte, wie es mich zerreisst, ich kehre zurück, zurück nach Siebenwind.
In diesem Moment verweile ich in der eisigen Kutsche, gegen die hölzernen Seitenwände gelehnt. Es ruckelt und humpert gar fürchterlich, sodass ich nicht einmal mehr meine Hand ruhig führen kann. Bleich ist diese, fast blau, bei näherem Betrachten.
Warm gekleidet hat man mich, der rötlich schimmernde, samtene Mantel, dessen mit Fell versehene Innenseite mit wohlige Wärme spendet, ist fest zugezogen. Doch die dazugehörigen Handschuhe liegen auf dem seidenen Kissen neben mir auf der Bank.
Denn ich muss schreiben, muss dir erzählen. Erzählen, von meinem Befinden, was gar so schrecklich ist, dass ich nicht es zu umschreiben imstande bin.
Ich schliesse die Augen, wieder, und immer wieder, zu sehen, was mir in Erinnerung blieb.
Wenn ich es wage, den schweren Vorhang am Fenster zur Seite zu schieben, um in die finstre Nacht zu sehen, ganz wenig nur. Denn es zieht, als wolle der kalte Tod mich aus dem Wagen reissen. Wenn nun meine Blicke zaghaft hinaus gleiten, erblicke ich den hohen Schnee, der mittlerweile liegt, auf allen Seiten, welche ich erspähen kann. Das Herz schlägt mir höher, bei diesem Anblicke, so wunderschön spiegelt die märchenhafte Schneelandschaft, durch welche die schlechten Wege uns führen, das Licht der Monde wieder.
Und doch gleichermaßen so schmerzend, denke ich dem zurück, was mir wiederfuhr.
Schemenhaft sind, im Dunkel, einzelne Scheunen auf den weiten Feldern zu erahnen, kleine Häuser, in alle Winde verstreut. In Draconis hatte es keine Scheunen gegeben. Nur zu Pferde reisten wir durch die Stadt der Städte, anstatt in der mir unliebsamen Kutsche.
Gerade zupfe ich die weiche Stola, vom Fell eines Fuchses von dunkel güldener Farbe, hoch, der eisige Wind bringt den Tod.
Es schmerzt mich, an vergangene Tage zu denken, doch das dunkle Innere der Kutsche vermag mich nicht abzulenken. Das dunkle Eichenholz wirkt kühl, so wie die feine Seide, auf der ich sitze. Welch Glück, die kleine Öllampe neben mir stehen zu haben, auch wenn sie, bei jedem Ruckeln des Wagens, bedrohlich flackert. Oh und der Wagen ruckelt, wie zehn Pferderücken im Leben nicht!
Ich friere stetig, denke daran, wie schön es doch war, als mein Liebster und ich zu Pferde ausgeritten waren, alleine und gar heimlich. Wangen und Nase gerötet, als wir zwischen den verschneiten Tannen hielten. Meine Hände nahm er zwischen die Seinen, zu fühlen, ob sie kalt seien. Der riesige Garten um uns herum hatte mich an die Parade des Hofes denken lassen, die einige Zyklen zuvor stattgefunden hatte. Ohja, einige Zyklen zuvor hatten wir nur sehnsüchtige Blicke getauscht, nun waren wir alleine. Wie sicher bin ich mir, dass Vitama ihre zarten Finger im Spiele hatte.
Es ruckelt, wir halten wohl kurz. In der Befürchtung, der Kutscher sieht nach mir, mich nach meinem Befinden zu fragen, wende ich mein Antlitz zu Boden.
Ich will stark sein, halte meine Tränen zurück, wie ich es bei beim offiziellen Abschied von Draconis tat. Doch es mag mir nicht gelingen. Als wir weiter fahren, verschwimmt die Umgebung um mich herum, verblasst die verhasste Kutsche, und ich sitze wieder im marmornen Speisesaal, auf dem edlen, jedoch unbequemen Stuhl, dessen Lehne mit feinen Schnitzereien versehen ist, zu Tische. Mein Liebster gleich neben mir, legt abermals seine warme Hand auf meinen Schenkel. Unter dem Tische, heimlich, ungesehen. Bei den Vieren schwöre ich, dieses Male nicht wieder rot zu werden. Doch ich merke schon, wie mir das Blut in die blassen Wangen steigt.
Und wieder schmerzt der Gedanke, zu wissen, dass ich die restliche Kutschfahrt mit diesen Erinnerungen verbringen werde.
Mein Liebster entfernt sich, mit jedem Hufschlag weiter, weiter, bis ich wieder auf Siebenwind weile. Und ich wünschte, ich wäre längst dort, nicht auf der Rückkehr. Ich würde warten, voller Ungeduld. An einem jeden Tag einsam durch den vorderen Garten wandern, ob ich denn eine Kutsche sehe, die mir meinen Liebsten, einen Reiter, der Nachricht bringt. Die Magd bestechen, mir zu berichten, ob etwas vorgefallen sei, das man mir noch verheimlicht.
Ich bete, Vitama, oh ich bete, dass mein Liebster kommen wird, mich zu holen, ehe meine Eltern ihre Entscheidung getroffen haben. Sein Versprechen zu halten, was er mir eins zwischen schneebedeckten Tannen im verlassenen Garten gab.
Wenn er denn nicht um meine Hand anhalten wird, wie er gelobte, so wünscht ich keinen Andren mir, auf ewig. Ich plage mich mit dem Gedanken, er könnte es nicht tun, mich auf Siebenwind in ewiger Liebe schmachten lassen. Mit einem zukünftigen Gatten, der mir nicht zusagen wird, nein, wie graut mir alleine bei der Vorstellung!
Bald sind wir am Hafen angelangt. Wenn ich denn aus der Kutsche steige, werde ich wieder stark sein, die gefrorenen Tränen im Fuchsfell vergessen, und mich am Gedanken wärmen, dass meine Reise nicht auf Siebenwind, in meinem Elternhause enden wird, sondern in Draconis, in seinen Armen.
Ganz bestimmt, so hoffe ich, bestimmt...
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