Ein wenig später am Abend, zum achten Zyklus des 12. Onar 18 nach Hilgorads Thronerhebung, sieht man eine schlanke junge Frau am Hafen von Brandenstein im Gespräch mit einem der Seeleute. Einige Dukaten wechseln ihren Besitzer und mit ihnen ein Schriftstück, und nicht viel später befindet es sich auf seiner Reise, die vielleicht, eines fernen Tages, in Draconis endet.
Zitat:
an ihre allerhochheiligste Durchlaucht und so weiter und so fort,
Hilgorad I. ap Mer,
vertreten durch das Sekretariat ihrer Majestät zu Draconis,
zu den Händen eines Sekretarius.
Dringlich!
Werter Sekretarius Majestatis und hoher Herr, braver und treuer Untertan!
Ich schreibe euch als eine ebensolche dem König getreue, wie Ihr einer seid, von der Insel Siebenwind. Zutiefst beschämt mich, diese Kunde selbst und als eine einfache Freie bringen zu müssen, doch erscheint mir jeglicher denkbare Weg, auf dem ein vom Stande berechtigter sich an Euch wenden könnte, verloren.
Zusammen mit diesem Brief findet Ihr eine derzeit in der Verteilung befindliche Ausgabe des Boten zu Siebenwind, des Sprachrohrs von Ritterschaft und Lehensherr und des einzig legitimen Blatts der Insel.
Heute tagte der dort angekündigte Völkerrat, den ich bislang nur für einen miserablen Scherz der Redaktion hielt, und mich grämt zutiefst, wie offenbar Ritterschaft, Lehensherr und Lehensbanner ihre Macht einem Konglomerat des unwissenden, dummen und führungsbedürftigen Volkes übertrugen und somit - so hoffe ich inständig! - ohne die Legitimation seiner Majestät die königliche Herrschaft auf dieser so wichtigen Stätte den Hyänen der Masse zum Fraße vorwarfen.
Das Lehensbanner wurde bereits zur Auflösung bestimmt, und suspekte Schlägertruppen, die sich unter dem scheinbar ehrvollen Namen "Der Löwenorden" zusammengefunden haben, sollen nun offenbar für das Wohl der Bevölkerung sorgen. Doch kommt das nicht einem kleinen Kind gleich, dem man ein zerstörerisches magisches Artefakt übergibt und es anweist, damit zu tun, was es will? Kommt es nicht gar einem Aussetzen des Kindes in einer Schlangengrube gleich, wissen wir doch, dass auf dieser Insel tausend Gefahren drohen, die ein führungsloses oder von seinen eigenen Narren geführtes Volk augenblicklich in den Untergang zu reißen lauern?
So sehr Euch auch diese Nachricht erschrecken muss, so gibt es noch Hoffnung. Noch ist die Lage offenbar ruhig und es bleibt nichts, als zu den heiligen Vieren zu beten, dass es solange so bleibt, bis seine Majestät entscheiden konnte, wie mit dieser unglaublich dummen und naiven Selbstentmachung seiner Vertreter auf der Insel umzugehen ist. Von ganzem Herzen hoffe ich, dass schon bald die Segel der königlichen Marine am Horizont erscheinen, die furchtbare Dummheit, die hier um sich gegriffen haben muss, vielleicht gar die unfassbare Intrige der finstersten Bösewichte, die eine solche Entscheidung erzwingen konnte, zu zerschlagen und wieder geordnete Verhältnisse herzustellen, wie sie einem Teil des heiligen Reiches seiner Majestät niemals fehlen dürfen.
Hoffend, betend und bangend erwartet das besorgte Volk seine Rettung vor diesem Grauen durch Euer Handeln.
- Danea Klippenbruch, Siebenwind -
Im gleichen Umschlag mit dem Schreiben reist die Ausgabe 155 des Boten zu Siebenwind nach Draconis.