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Wieder stand sie vor der verschlossenen Gildentür, wieder war er nicht da. Sie hatte sich danach gesehnt ihn zu sehen, hatte sich danach gesehnt endlich Gewissheit über ihre Gefühle zu haben. Ihr Blick glitt wieder zu ihrem Ring hinunter und Traurigkeit überkam sie.
Garimed wo steckst du nur?
Langsam wandte sie sich von der Tür ab und sah sich ratlos um. Ein Zettel am Nachrichtenbrett hielt ihren Blick gefangen.
Ist das nicht Garimeds Schrift?
Sie näherte sich dem Nachrichtenbrett und legte die Hand an den Zettel, begann zu lesen. Viele Worte, von Krankheit und Entschuldigung. Er hatte die Gilde verlassen, hatte geschrieben, dass er zu krank wäre um weiter zu machen wie bisher.
Krank?
Plötzlich schienen alle Worte die sie zuvor gelesen hatte unbedeutend und wieder und wieder las sie diesen einen Satz in dem er von der Wahrheit schrieb. Fast hätten ihr die Beine den Dienst versagt. So wie er von der Wahrheit geschrieben hatte, so konnte nur jemand davon schreiben der ein Anhänger des Einen war. Ein Abgrund tat sich unter ihr auf und sie fiel.
Ich bin schuld.
Sie schwang sich auf Wehalas Rücken . Völlig verwirrt und mit dem Gefühl der Schuld in sich ritt sie in Richtung Burg. “Isodora“ Sie fuhr herum, dort stand Jamila an der Brücke und lächelte sie an, doch ihr Lächeln erstarb, als sie in Isodoras Gesicht sah und ihre wirren gestammelten Worte vernahm.
Sie rutschte von Wehalas Rücken und ging auf Jamila zu, erzählte ihr von dem Brief, den sie an der Gilde gefunden hatte. Tränen liefen über ihr Gesicht und immer wieder sprach sie von ihrer Schuld. Jamila nahm sie in den Arm, versuchte sie zu trösten, doch schien es im Moment keinen Trost auf der ganzen Welt für sie zu geben. Sie vergrub ihr Gesicht an Jamilas Schulter und ließ ihren Gefühlen freien lauf. “Isodora“
Garimed
Abrupt drehte sie sich herum, sah ihn durch den Tränenschleier hindurch an. Doch das was sie da vor sich erkennen konnte, war nicht der, den sie erwartet hatte. Vor ihr stand nicht Garimed. Niemals hätten seine Augen so kalt aussehen können, niemals hätte sich sein wundervolles Lächeln in dieses raubtierhafte Grinsen verwandelt, vor ihr stand seine leere Hülle. Sie sagte ihm, dass sie seinen Brief an der Gilde gelesen hätte und dass ihr darin ein Wort aufgefallen wäre. “Nur die Anhänger des Einen sprechen so über die Wahrheit.“ Sie sah ihn wieder eingehend an, doch konnte sie auch nicht mehr nur den Funken von Menschlichkeit in seinen Augen erkennen, nur Hass. Er sprach zu ihr, sagte ihr, dass sie ihm nie vertraut hätte, dass sie ihm immer erst im nachhinein von den Dingen erzählt hätte die sie bedrückten, wenn diese bereits unbedeutend waren, dass sie ihn nicht lieben würde. Jedes Wort war ein Stich in ihr Herz, sie versuchte sich zu rechtfertigen, versuchte ihm die Augen für das Offensichtliche zu öffnen, doch es gelang ihr nicht und mit jedem Wort welches er ihr entgegen spie wurde die Wut, wurde der Zorn in ihr größer.
Dieses Ding, welches da vor ihr stand, hatte den Platz von Garimed eingenommen.
Er wird nie mehr zurückkehren.
Sie ging auf ihn zu, schrie ihn an, wollte ihn verletzen. “Du hast deinen Vater umgebracht, du bist ein Mörder und Mörder haben nichts anderes verdient als das.“ Sie nahm den Ring von ihrem Finger und warf ihn vor seine Füße. Einen Moment lang wollte sie ihm mitten ins Gesicht schlagen, doch sie konnte es nicht und so drehte sie sich um, saß wieder auf und ritt so schnell Wehala konnte von der Burg weg, ließ ihn über den kleinen Bach springen und machte sich auf den Weg nach Rohehafen.
Verloren wirkte sie in der Stadt, verloren und hilflos.
Wo will ich eigentlich hin?
Wie von selbst schlug Wehala den Weg in Richtung des Bauernhofes ein, oder war es ihr Wille gewesen, der ihn dorthin hatte gehen lassen? Sie stieg ab und ging hinein, ließ sich Kuchen und Kekse geben, sowie Schnaps und Wein, wieder versagten ihre Beine fast und das Zittern welches ihren Körper durchzog wurde von Augenblick zu Augenblick stärker. Sie nahm die Sachen, zahlte und ging wieder. Sie wollte Ruhe, doch in der Stadt fand sie sie nicht, alles war voll mit Leuten, so lenkte sie ihre Schritte zum Westtor hinaus und setzte sich an den kleinen Pavillon. Sie nahm die Flasche Schnaps heraus und nahm einen großen Schluck daraus. Heiß rann der Schnaps ihre Kehle hinab, schien sie im ersten Moment innerlich zu verbrennen, doch dann gab er ihr die Ruhe die sie jetzt brauchte und sie empfing sie mit offenen Armen, auch wenn sie sich bewusst war, wie trügerisch und falsch diese Ruhe in Wirklichkeit war.
“Isodora“ Wieder ihr Name, benommen, kaum mehr fähig die Person vor ihr zu fixieren sah sie auf. Jariel kam auf sie zu und setzte sich neben sie. Mit befremden sah er die leere Flasche in ihrer Hand und doch, als könne er nicht glauben, dass sie sie geleert hatte, näherte er sich ihr etwas und schnupperte an ihr. Der Gestank des Alkohols ließ ihn sich schnell wieder zurück ziehen. Warum sie das gemacht hätte, wollte er von ihr wissen und sie erzählte es ihm, so gut es ihr noch möglich war. “Ich wollte vergessen.“ Das wäre wohl kaum der richtige Weg zum Vergessen, man müsse darüber sprechen, aber nicht versuchen es zu ersäufen. Sie lehnte sich, kuschelte sich teilweise regelrecht an ihn, sprach eine Menge wirres Zeug und er nahm sie einfach in den Arm und hielt sie fest, beschützte sie vor sich selbst. Sie sollten sich auf den Weg zum Haus machen, sagte er und half ihr auch schon auf ihr Pferd, auf welchem sie eher lag als saß. Er führte Wehala durch Rohehafen hindurch und brachte beide sicher zum Haus.
Sie setzte sich auf die Bank, legte die Füße hoch und lehnte den Kopf seitlich an das Rückenteil, versuchte wieder klar zu werden und der Übelkeit, welche langsam in ihr aufstieg, zu wiederstehen. Er kochte ihr Tee, Pfirsichtee, so wie sie ihn mochte, schien sich große Sorgen um sie zu machen.
Nicht auch noch du Jariel.
Nalia kam herein, setzte sich an den Tisch und begann mit Jariel über Isodora zu reden. Sie selbst saß einfach nur da und starrte gegen die Wand. Lange Zeit rührte sie nicht, ignorierte sowohl Rila, als auch Jamila die nacheinander das Haus erreichten und setzte sich erst nach einer Ewigkeit zu ihnen an den Tisch. Aber selbst als sie sich dazu aufgerafft hatte, war sie nicht wirklich anwesend. Immer wieder gingen ihre Gedanken zu Garimed, zu der Hülle, die da heute vor ihr gestanden war, die nicht mehr er gewesen war.
Nur schwer kehrte sie in die Gegenwart, in das Hier und Jetzt zurück. Ob sie soweit in Ordnung wäre, dass sie mit ihnen gehen könnte, wollte Jamila von ihr wissen.
Gehen? Wohin?
Sie sagte einfach ja, ohne genau zu wissen worum es gegangen war. Folgte ihnen einfach hinaus und ritt hinter Jamila her. Sie verließen das kleine Waldhaus und wollten vorerst nicht zurückkehren. Skelette und Tiere griffen sie auf ihrem Weg an, es waren schon wieder mehr geworden, es war wirklich an der Zeit gewesen, das Haus zu verlassen. Sie ritten gen Tiefenbach, von dort aus durch Rohehafen, wo Isodora auf Samira traf. Die Elfe nahm einfach ihre Hand, sagte, dass sie es auch gelesen hatte und dass sie, Isodora, wenn sie wollte immer zu ihr kommen könnte um zu reden. Wie gerne hätte sie noch mit ihr gesprochen und doch musste sie weiter, denn die anderen warteten schon ungeduldig auf sie. Sie lehnte sich etwas vom Pferd und drückte ihre Freundin, die ihr doch so fehlte und setzte dann ihren Weg mit den anderen fort.
Der Moment, vor dem sie sich fürchtete, rückte immer näher, immer näher kamen sie der Burg und der Brücke, auf der sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Sie warteten im Burghof auf Jariel. Isodora drückte Wehala leicht die Fersen in die Flanken und ging im Schritt auf die Brücke zu, hielt vor ihr inne und starrte darauf. Wieder sah sie sich und Garimed hier stehen, wieder sah sie diese Fratze die sie angrinste und ihr Vorwürfe machte.
Er hat ja recht, ich bin schuld an seinem Zustand. Ich bin schuld, dass er den Glauben verlor. Ich habe ihn allein gelassen als er mich am dringendsten brauchte.
Jamila stand plötzlich hinter ihr, war ihr wohl nachgeritten. Wieder fragte sie ob alles in Ordnung wäre, wieder bejahte Isodora. Sie ritten weiter, wollten nicht länger auf Jariel warten, doch schon kurz nachdem sie aus Schierferbruch heraus waren, wollte Isodora wieder umkehren, ihn suchen gehen, wollte nicht, dass er zurück blieb. Jamila willigte grummelnd ein und schon war Isodora weg, ritt wieder zurück, zurück zur Burg, zurück zur Brücke, wo sie dann auch Jariel fand. Schnell ritten sie wieder zu den anderen, welche an der kleinen Brücke auf sie gewartet hatten. Jamila führte sie zu einem abgelegenen Ort am Meer, ein paar Baumhäuser standen dort, hier also wollten sie sich in nächster Zeit aufhalten. Isodora setzt sich ins Gras, wandte den Blick auf das Wasser und schien alles um sich herum zu vergessen.
Ich hatte doch recht, ich bin ein Unglücksbringer. Alle die ich liebe verletzte ich.
Wieder war Jariel in ihrer Nähe, setzte sich neben sie, sprach beruhigend auf sie ein, versuchte ihr verständlich zu machen, dass nicht sie schuld an Garimeds Wandel trug, doch sie wusste es besser. Ihr war schon immer bewusst gewesen, dass er sich oft hinter einer Maske aus guter Laune versteckte und doch hatte sie nie etwas dagegen getan, hatte immer gehofft, er würde von alleine auf sie zutreten. Hatte er ihr nicht auch von seinem Vater erzählt.
Warum hatte er nichts gesagt, dass er so sehr litt, warum hat er mich nicht um Hilfe gebeten? Er konnte nicht, ich war ja nicht da.
Irgendwann, es war schon sehr spät, legte Jariel sich zum schlafen hin und sie saß alleine da, wieder einmal in Gedanken versunken, an dem Ring spielend, den sich gar nicht mehr am Finger trug. Langsam stellte sich eine Art Gleichgültigkeit bei ihr ein. Der Zorn wurde wieder stärker in ihr und als Jamila kam und ihr Gesellschaft leistete, da sagte sie ihr, dass sie wolle, dass Garimed ewig an sie denken, ewig leiden solle. Jamila begann sofort fieberhaft darüber nachzudenken, wie man dies bewerkstelligen könnte und auch Isodora dachte darüber nach. “Sprecht ihr über mich?“ Die Stimme kam aus einem der Baumhäuser, es war Hugin, der unbemerkt zu ihnen gestoßen war. Sie würden über Garimed sprechen, rief ihm Isodora zu. Hellhörig geworden, gesellte er sich zu ihnen, stellte sich jedoch, anders als Isodora erhofft hatte, neben Jamila und ließ sich später neben sie sinken.
Jamila hatte eine gute Idee ihn zu strafen, etwas, was ihn nie wieder los lassen würde, sollte es ihnen gelingen. Er hatte, wie sie Isodora erzählte, ihren Verlobungsring aufgehoben und ihn sich an den Finger gesteckt. Wie es wohl wäre, einen Fluch auf den Ring zu sprechen, so dass er ihn nicht mehr abnehmen konnte und jedes Mal, wenn er ihn ansehen würde, würde er vor seinem inneren Auge sie, Isodora, sehen, wie sie weinend vor ihm davon lief. Es sollte ihm seelischen Schmerz zufügen so lange erlebte.
Auf Ewig soll er an mich denken, auf Ewig meinen Schmerz spüren.
Sie musste Hugin erzählen was vorgefallen war und tat dies nur sehr schwerfällig, berichtete ihn von den ungerechten Anschuldigungen und von ihrem Zorn. Als sie zu ihm sah konnte sie in seinem Gesicht etwas erkennen, was für sie wie Schuld aussah. “Hast du Schuldgefühle?“ Lange sagte er nichts, schien ihre Worte zu ignorieren, starrte einfach vor sich hin. Als sie schon dachte, dass er nicht mehr sprechen würde, bejahte er ihre Frage.
Ich bin Schuld, du kannst nichts dafür, du solltest dich lieber von mir fern halten, sonst ergeht es dir vielleicht auch noch so.
Sie erwiderte ihm nichts und stille legte sich über die Drei. Jamila wollte gehen, wollte sie alleine lassen, doch sowohl Hugin als auch Isodora sagten ihr, dass sie bleiben solle. Wieder begann das Gespräch. Es drehte sich um Garimed, um Varg um Talisha. Isodora wurde erst jetzt bewusst, wie viel sie eigentlich wusste über sie und Hugin sprach ihre Gedanken aus. Sagte, dass so viel Wissen gefährlich war. Die folgenden Worte, Sätze der Beiden anderen gingen mehr an ihr vorbei, als dass sie sie bewusst wahrgenommen hätte. Sie fühlte sich in die Ecke gedrängt, allein, verlassen. Wollte eigentlich nur, dass er sie in den Arm nahm und ihr ein Gefühl der Sicherheit gab in ihrer derzeit chaotischen Welt, doch er war gemein zu ihr, legte das geringst mögliche Maß an Feingefühl an den Tag und verletzte sie dabei. Sie wurde zornig, sprach wirres Zeug, giftete Jamila und ihn an und eigentlich fühlte sie sich nur allein.
Isodora wollte gehen, wollte einfach nur fort, vielleicht sogar von der Insel fliehen.
Weglaufen, Samira sagt immer ich würde vor schwierigen Dingen fliehen.
Sie lief nicht weg, obwohl sie sagte, dass es wohl besser wäre zu gehen, doch anstatt ihrer ging Jamila und ließ sie mit Hugin allein. Er stand auf, kam zu ihr rüber und fragte, ob er sich neben sie setzen durfte, sie sagte nichts gegenteiliges. Er wäre so gewesen, damit Jamila es nicht merken würde, jetzt täte es ihm leid. “Jamila weiß es.“ Sie konnte seinen entsetzten Blick direkt auf sich spüren. Warum sie es ihr erzählt hätte, wollte er wissen. Sie erzählte ihm von Jamilas Ausfragererei, von ihrer Verwirrung und davon, dass sie sich alleine fühlte. Manchmal würde sie einfach jemanden brauchen, der sie in die Arme nahm und ihr sagte, dass alles wieder gut werden würde, sagte sie ihm leise und er schloss die Arme um sie und hielt sie fest.
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