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 Betreff des Beitrags: Ein Schreiben an Donarius
BeitragVerfasst: 3.10.03, 19:16 
Edelbürger
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Am Nachmittag des 4. Carmar betritt eine junge Frau die Kapelle zu Brandenstein. Nachdem sie sich kurz vergewissert hatte, daß sie allein war, trat sie an das Pult, zog einen Umschlag aus ihrer Weste und hinterlegte ihn auf dem Pult. Dann wandte sie sich ab und verließ die Kapelle hastig, wobei die Schellen des Tambourins an ihrem Gürtel leise erklangen.

Das Schreiben befindet sich in einem schmucklosen Umschlag, auf dem mit Tinte geschrieben „Zu Händen von seiner Eminenz Donarius“ steht. Der Umschlag ist verschlossen und mit rotem Wachs versiegelt. Das Siegel zeigt eine Spirale. Das Pergament ist schlicht, weder sonderlich dünn, noch sonderlich dick. Die Schrift ist im Gegensatz dazu stark verschnörkelt und sauber. Neben die Unterschrift wurde mit Tinte eine stilisierte Rose mit Stiel gemalt, nicht sehr ansehnlich, aber als solche erkennbar.
Das Schreiben selbst lautet:

Die Exarchin entbietet dem Archonten ihre Grüße.

Wie ist es um Euer wertes Wohlbefinden bestellt? Wie ich sehe, findet ihr nur noch wenig Gefallen an den sich wiederholenden Schattenspiele des Tempels, zu schade, daß die Eintönigkeit der Heimlichkeit die Blässe der Hilflosigkeit widerspiegelt. Aber vielleicht findet ihr ja Gefallen an einem neuen alten Spiel. Es ist alles gelogen, es ist alles wahr, gutes Öl auf Wunden, denn des Archonten Werk muß wohlgenährt sein. Ein altes Spiel, aber doch immer wieder neu aufgelegt, gar herrlicher Selbstzweck, den von Blut und Schatten umnebelten Geist zu lähmen und zu befreien. Ein tristes Schauspiel auf der flammenden Bühne Tares, kleines Bauernopfer, das niemandem nützt und niemandem schadet, Geflecht der Welt, erschaudere, denn Stillstand ist Dein Element und lieblos Dein Abgesang. Form zerfließe, Gestalt zerfalle, Blut schwemme voller Häme über Marmorkacheln und Tempelhalle auf daß es sich in roten Lachen über des Mörders Hand ergieße. Gut, böse, Sein, Nichtsein, Loyalität, Intrigen, Weisheit, Irrsinn, Glaube und Gewissen, außen vor, mittendrin, frei und doch dazwischen gefangen, nein, Archont, nein, Eure Spiele sind weder Weg noch Ziel und doch nicht Nichts und weniger zugleich und dies ist der guten Dinge zuviel.
Gefangen zwischen nichts und wieder nichts verharrt das Pendel still und die Karten bleiben tausendfach gemischt in sich wiederkehrender Ordnung verharrend, doch Stillstand ist Versagen und alte Taktiken sind keine Abhilfe gegen neue Gegner, die Schlachtpläne ins Chaos gestürzt und die Felder gezeichnet mit brennendem Blut warten wir auf das Vergessen. Ein Blatt Pergament, gezeichnet von Wahn und Lüge, denn Wahn und Lüge ist, was wir bringen, auf daß Licht wird zu Schatten, Schatten zu Licht und Licht zu Schatten, denn Schatten vermag Weisheit zu verhüllen, doch den Schatten kann man lüften, aber wie lüftet man das blendende Licht, wenn man es nicht zuvor umkehrt zu Schatten, auf daß Freude wird Schmerz, Wahrheit zu Lüge und Verheißung zu Verdammnis? Müssen wir Schmerz bringen, um Freude zu gebären, Lüge um Wahrheit zu verbreiten, müssen wir zu Trägern der Verdammnis werden um verheißungsvoll zu sein? Einsam und stumm stirbt das Aufrechte, denn sein Wort ist zu leise um zu den Gebeugten hinab zu reichen, kaum mehr ein Flüstern im endlosen Knistern der Flammen der Feuer in denen sie brennen und doch gut vernehmbar, doch das Wort schmerzt und in Agonie winden wir uns wenn wir es hören, die Hände an die Ohren gepreßt und darum flehend, daß es uns nicht erreichen würde, als wäre die Luft zwischen Mund und Ohr Barriere genug es von uns fern zu halten. Aber woher stammen die Flammen, wenn doch niemand von uns Feuer gelegt hat? Haben wir uns selbst entflammt, geißeln wir uns selbst in den verzehrenden Flammen des Unglaubens, brauchen wir den Schmerz zum Glücklichsein, haben wir nicht gelernt, daß nur darin Freude liegen kann? Wir lügen, aber wir tun es aufrecht, denn fremd ist uns Scham und Gewissen, beiderseits gereinigt im Feuer des Hochmuts und tun wir nicht gut daran, unsere Seelenlosigkeit darin ein zu tauchen, uns rein zu waschen von allem was uns beschwert?
Wahrlich, gut tun wir daran, denn lehrten uns dies nicht die Götter? Wählten sie die ihren nicht handverlesen unter den hochmütigsten, den aufrechtesten und den eigennützigsten aus, damit sie uns allen ein Vorbild seien in guten wie in schlechten Zeiten indem sie das nicht brennbare mit ihren Flammen zu verschlingen trachten? Gepriesen seien die Götter unserer selbst uns diesen Weg zu offenbaren, denn verheißungsvoll ist der Untergang, den sie uns bieten, gelobt seien ihre Namen, vjera Gleichgültigkeit, vjera Selbstzweck, vjera uns selbst in unserer Herrlichkeit und ja auch vjera Dir, matte Dukate, die Du achtlos durch meine Finger gleitest, vjera den wahren Göttern Tares, vjera, vjera, vjera und seid verdammt in Endlosigkeit, aber dies ist alles Lüge und dies muß es auch sein. Nur Wahrheit ist so gefährlich, daß man sie mit Klingen aus Stahl und Flammen von Scheiterhaufen zum Schweigen bringen oder hinter steinernen Wänden und bleiernen Verständen verschließen muß, denn die Lüge ist durchdacht und logisch, wo die Wahrheit konfus und undurchschaubar für den Kleingeist ist, ein verzwicktes Labyrinth über das nur die den Überblick bewahren, die nicht vergessen haben, daß ihr Geist fliegen kann, auch wenn ihre Körper an den Boden gebunden sind, an dem sie irgendwann zugrunde gehen. Wahrlich, jeder Tor vermag einer Lüge zu folgen, aber es braucht einen wahrhaftigen Narren um den Wahrheit folgen zu können, denn verglichen mit dieser ist jede Lüge schlicht, eine gerade Straße, die man entlang geht, ohne sich zu fragen, woher sie kommt und wohin sie will, denn zu dumm sind wir, nach dem warum zu fragen und zu groß unser Hochmut, ein jede Antwort schon im Vorhinein zu kennen zu vermeinen, denn fürwahr, groß ist unsere Weisheit, gar so groß, daß nur noch unsere Demut an sie heran zu ragen vermag. Kostbare Verheißung der Tugenden, seid mir willkommen ihr Huren in Euren goldenen Gewändern, lasset mich Euch noch einmal des nachts benutzen und am Tage hinfort jagen, denn rein sei mein Gewissen und aufrecht mich Eurer zu entledigen wie ihr Euch der Kleider, hinfort mit Euch, Euer Dienst ist erfüllt, nehmet Euren Lohn und scheret Euch zum Götterkind, denn nur gehüllt in Schleier aus Finsternis entfaltet sich das Verlangen nach Euren Leibern, im Lichte aber seid ihr häßlich wie die Nacht, aus meinen Augen, nutzlose Last, ich ertrage Euren Anblick nicht. Und doch erinnere ich mich Eurer gern, bittersüß war die Nacht, die ich bei Euch lag, bittersüß das Verlangen, das wir geteilt, bitterer noch Euer Weg, schmerzhafter noch Euer Nichtweg, denn er verzehrt sich selbst in Hass und unstillbar ist sein Hunger nach denen, die ihn beschreiten um in honigsüsser Lüge verschlungen zu werden.
Leider neigt sich hier das Pergament schon seinem Ende. Zu schade und doch endlich und vorhersehbar, denn Endlosigkeit zu erschaffen liegt uns fern und so suchen wir sie in Monotonie. Ich freue mich auf unser Treffen in den nächsten Tagen oder Wochen, oder sind es gar doch Monde oder Götterläufe? Ist dies von Belang im endlosen Mißklang der Wiederkehr? Einerlei, wir werden uns wieder sehen. Vielleicht mögt ihr mir ja auch schreiben, wäre schließlich nicht das erste mal, daß etwas, das zur Kapelle gehört, aus dieser entfernt wird, damit es mit weniger Aufsehen als darin mit Messern aufgeschlitzt und dann studiert werden kann. Bis dahin verbleibt in Hochachtung vor dem ersten und einzigen Archonten des Widerspruchs auf dieser Insel

Myriam Nebethalas,
Exarchin des Widerspruchs,
Verbreiterin des Pfades der Lügen,
Meisterin der Intrigen,
Kind des Nichts,
Spielerin vor dem Herren.


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BeitragVerfasst: 5.10.03, 12:08 
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Tage nach dem das Pergament im Schrein abgegeben wurde, wurde es endlich an Donarius in seiner Klause ueberbracht. Zwei Naechte hat er ueber diesem Pergament gesessen und sinniert. Dann verfasste er sein Antwortschreiben. Es wird an die "Spielerin vor dem Herren" addressiert auf dem Pult hinterlegt, ein rotes Siegel mit einem geschlossenem Auge verschliesst das Pergament sorgsam.

Der Narr hebt an zur Exarchin,
Ihr sprecht wahr, es ist das Spiel eines Narren, das wir alle spielen, denn der Loesung Schluss ist nah und fern, klar und unklar, wir stolpern vorwaerts siegesgewiss und sterben im Freudentaumel, ehe wir wissen, haben wir schon vergessen und dennoch sind wir voll Haerte und Gnade in einem. Es ist das Rad, was so alt ist wie der Mensch, nicht wir haben es erfunden, sondern es war gleich mit uns hiernieden und wie wir das Rad steuern, diktiert uns das Rad. Aber bedenkt eins Exarchin, wie sind nur Fragmente, niemand weiss was die Goetter in der Seele unseres Naechsten gestalten, ein jeder ist in Schweigen gehuellt ob des Absysses in seiner Seele, und in der Tiefe des Abgrundes toben die Gewalten.
Und nun wisse, Exarchin, ich habe das Chaos in mir gesehen, ueber dem die Ordnung der Schoepfung liegt, und ich sage dir, als dein Hofnarr, niemals werden wir wissen, niemals werden wir vorherbestimmen, das Stolpern und Irren ist unser Wesen, ein jeder wird sterben, aber auch danach ist Nichts gewiss, es kann sein, dass wir wieder sind, aber auch das nichts ist, auch hier sprecht ihr wahr. Aber es gibt den Kampf, es gibt das Toben und Bersten, und solange es ist, sind wir.
Diese Wahrheit laesst mich trauern in meiner Kate und niemals wieder Hand anlegen, niemals wieder einen anderen Menschen beurteilen, aber dies ist nicht die Regel des Spiels, somit bin ich hinfortgefegt vom Rad an den Rand der Welt, weil ich weiss, dass jedes seine Fug und Richtigkeit hat.
So ihr dies wisset, so wie ich, und wir inander erkennen wollen uns selbst, und berauscht am unendlich goettlichen in uns selbst, seid ihr stets als mein Gast willkommen.

In Schmerzen frohlockend,
Donarius Derrvus
nicht mehr als er selbst

_________________
"Es wird der Diamant an sich selbst nur erkannt.
Denken lernst du im Denken, das Wahre erkennst du am Wahren.
Liebe nur, wenn du schon liebst, nichts durch die bloße Kritik."
Ludwig Feuerbach


Zuletzt geändert von Donarius: 5.10.03, 12:08, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 11.10.03, 02:47 
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Ein Schreiben befindet sich seit dem frühen Morgen des 12. Carmar auf dem Pult in der Kapelle. Auf dem Umschlag steht in schmucklosen Lettern „Zu Händen von seiner Eminenz Donarius Derrvus“. Der Umschlag ist verschlossen und mit rotem Wachs versiegelt. Das Siegel zeigt eine Spirale. Das Pergament ist schlicht, weder sonderlich dünn, noch sonderlich dick. Die Schrift ist im Gegensatz dazu stark verschnörkelt und sauber. Neben die Unterschrift wurde mit Tinte eine stilisierte Rose mit Stiel und Dornen gemalt, in ihrer Form fast identisch mit der ersten bis auf die Dornen, auch hängen die Blätter ein wenig mehr herab.
Das Schreiben selbst lautet:

Die Exarchin entbietet dem Archonten ihre Grüße.

Bevor ich den Faden erneut aufgreifen mag, mein Bedauern gilt Euch ob meiner Unhöflichkeit, Euch nicht mit vollem Namen an zu sprechen, mein Fehler auf dieses kleine, feine und völlig nebensächliche Wortfragment zurück zu greifen, es soll nicht wieder vorkommen. Leider besitze ich hierdurch einen unangemessenen Vorteil Euch gegenüber, Euren Zeilen einen Namen und eine Person zuordnen zu können, denn nach einer Myriam Nebethalas werdet ihr auf Siebenwind vergeblich suchen lassen und doch ist sie immer da, denn befreit von aller Wandlung und allem Stillstand ist Myriam was von mir übrig bleibt. Wohlan, laßt uns spielen, beiderlei Eröffnungen fanden wohl beim anderen Anreize, aber so wie sich aus anfänglichen Zügen beim Schach Stellungen ergeben, so mag auch ich beginnen, Klarheit in das verworrene Spiel zu bringen, denn wenig ist leichter, als zu verwirren. Sicher macht ihr Euch Eure Gedanken, der zweite war gar nicht mal so schlecht, nur ich hoffe, ihr seht mir nach, daß ich diesen Vorteil noch ein wenig auskosten möchte, ihn auslutsche wie eine Zitrone um mich am sauren Saft zu verschlucken. Im Gegensatz zu mir habt ihr nun mal den wahrhaft beneidenswerten Vorteil, Eure Waffen und Rüsten offen tragen zu dürfen. Erstaunlich, daß ein jeder offen Schwert und Armbrust am Gürtel tragen darf und die Behüter unserer Körper auch einen Schild, aber die schärfste aller Waffen und den robustesten aller Schilde, den Glauben, müssen wir verstecken wie Diebesgut und ebenso schämen wir uns seiner, der verkommenen Hehlerware, die nur heimlich über die Ladentheke geht. Nur gut, daß uns dies so wenig ausmacht, zum einen können wir andere Waffen tragen und letztendlich haben Euresgleichen doch den größten Krämerladen für Gewissen und eine reine Seele eröffnet, in dem es alles für etwas Handgold gibt, was der Seele einen neuen Anstrich gibt wie einer verkommenen Ruine die neu verputzt wird. So halten wir sie schön und strahlend weiß unsere Trümmerhaufen und was freuen wir uns, wenn das Volk stehen bleibt und glotzt wie eine Ratte in der Vorratskammer, wenn unsere Häuschen so schön im Licht blinken und blitzen. Nur leider ist dies alles Fassade und die Ruine bleibt was sie ist, ein unwohnlicher, in Achtlosigkeit zerfallener oder in Sinnlosigkeit zerstörter Ort und ich bedauere aufrichtig den Hausherren der dazu verdammt ist, darin zu hausen zwischen Unrat und Zerstörung, denn alles Gold benötigt er für einen neuen Anstrich. Wohl wahr, die gebrochene Gestalt darin hat mein Mitgefühl, auch wenn es allein seiner Trägheit zuzuschreiben ist, wenn er die morschen Balken nicht heraus reißt und sein Haus neu auskleidet, ein Prozeß, der langwierig und teuer ist, denn der Aufwand ist nicht zu unterschätzen und die Balken für dieses Haus haben einen hohen Preis und Handwerker dafür sind entweder fähig oder teuer und wir haben gelernt, das Teuere zuerst zu schätzen, denn was teuer ist muß gut sein, denn es hilft uns, unseren Reichtum zur Schau zu stellen. Dadurch geht es uns nicht besser, aber solange es den anderen noch schlechter geht in der Welt die wir mitschaffen finden wir Gefallen an ihr. Wahrlich, ich bedauere ihn in seiner Lethargie, es dauert mich um die gebrochene Gestalt, die statt einen Handschlag zu tun lieber vom Fenster aus den Passanten zuwinkt und ihnen ein Lächeln schenkt, denn er will, daß sie ihn für einen glücklichen Menschen halten, damit sie ihn um sein Häuschen beneiden und wahrlich das tun sie, warum auch nicht, wer kann schon so ein strahlend weißes Haus vorzeigen, wer ist so wohlhabend, sich vom Ordo derart viel weiße Farbe zu kaufen und sie immer frisch zu halten, sobald der letzte Anstrich trocknet schon einen neuen auftragen zu lassen, bis das Gewicht der Farbe die Fassade bröckeln und schließlich einstürzen läßt und was lachen wir dann seiner, wenn wir sehen, in was für einem Rattenloch er lebt und was schütteln die kostenlosen Handwerker, die vor seiner Tür lagern und um Einlaß bitten den Kopf wenn sie dessen ansichtig werden? Leider denkt der Hausherr auch dann nur an eine neue Fassade, damit niemand seine Schande mitansehen muß, denn häßlich ist das Innerste seines Hauses und so läßt er nach den Geweihten schicken und schon bald ziert sein Innerstes eine neue Fassade aus blendendem Licht und ebenso bald wurde vergessen, wie es bei ihm aussieht. Nur die reichsten der reichsten und die ehrenwertesten der ehrenwertesten können sich dies leisten und tun wir nicht gut daran, sie um ihren Reichtum zu beneiden, sich immer wieder neue Wände errichten zu lassen, haben wir nicht gelernt, daß uns Gold glücklich macht? Doch was kann man nicht mit Gold bezahlen? Einiges fürwahr, doch was nutzt dies, wenn wir dies nicht zu schätzen wissen? Altes Dilemma der gierigen Völker, immer nur das suchend und schätzend, was sie nicht haben, aber es tut gut, käuflich zu sein um die in ihrer Armut verhöhnen zu können, die es nicht sind, denn ihre Häuser sind die reinsten Trümmerhaufen verglichen mit unseren feinen Ruinen. Sie können sich keinen neuen Anstrich leisten, die armen Schweine, aber es tut gut, sie vor Neid erblassen zu sehen wenn sie aus ihren Häusern zu uns herüber schauen wie wir winkend am Fenster stehen und es tut gut, die Gier in ihren Augen zu sehen.
Anbei Archont, wie geht es Eurem kleinen, feinen Häuschen? Wenn ich zwischen den Zeilen lese und den Gerüchten im Tempel Glauben schenken darf, dann bröckelt die Fassade gewaltig, fürwahr, mir scheint, in Eurer letzten Zeile hat sich ein Wort eingeschlichen, das dort nicht hin gehört und über den Sinn hinweg täuschen soll. Ihr erinnert mich an einen alten Mann, der des morgens aufwacht und Blut an seinen Händen vorfindet. Starrt es nicht so an, es ist dort, das muß es auch sein, denn an unser aller Hände klebt genug Blut um die Welt darin zu ersäufen, töte oder stirb, hartes, kaltes Gesetz dieser Welt. Welch gerissener Plan mag wohl dahinter stecken, in niederen Aufgaben zu suchen, wonach Archont, wonach, ihr seid zu intelligent um in Demut Vergebung zu suchen, denn wir beide wissen, daß Absenz einer Tugend letztendlich Absenz von allen ist und was ist schon Demut vor einem erlesenen Kreis außer Selbsttäuschung? Wahrlich, demütig sind wir, wahrlich, gnädig sind wir, wahrlich, weise sind wir, denn zermahlen wir uns nicht gegenseitig unsere Seelen in Erniedrigung, Freudlosigkeit und Schmerz zu Staub, um den Göttern die Mühen des Kauens zu ersparen, wenn sie in ihrem schaurigen Mahl an unseren Seelen laben, nagen, knabbern und sie letztendlich verschlingen? Das Blut von den Händen werdet ihr kaum fort waschen können, solange beständig von Euren lieblichen Lippen weiteres darauf tropft, eigentlich unsinnig, daß es an den Händen klebt, müßte es nicht viel mehr Eure Zunge beschweren und herab drücken wie ein schwerer Stein und allein aus dem Munde fließen, denn Hände habt ihr wahrlich genug aber es sind nicht die Euren, wenn sie töten und verstümmeln. Wir beide wissen, daß alle Tugenden rein und vorbehaltlos sein müssen, rein vor den anderen und auch vor uns selbst, so verhält es sich auch mit dem Mitgefühl, das wir nicht nur anderen, sondern auch uns selbst gegenüber zeigen müssen wenn wir irgendwann ohne Lüge sagen wollen, daß unser Mitleid allumfassend ist, nur Archont, vergeßt nicht, wir sollen es zeigen und uns nicht darin suhlen wie die Schweine im Dreck, die ihre Haut beschmutzen um sich zu waschen und ihre Haut zu kühlen, denn ihre Haut brennt heiß im Licht und nur Schlamm vermag ihnen Linderung zu schaffen wenn sie nicht verdorren wollen.
Wenn ich so von Euch lese und höre muß ich gestehen, daß mich Eure Wandlungsfähigkeit mehr und mehr beeindruckt, wie wenig ist doch übrig von der aufrechten Gestalt, die auf dem Galgen stehend verdammte und verkündete, daß alles Elend und alles Leid nur Prüfung der Götter sind. Damals wollte ich fragen was ihr damit meint, Euren Gedanken zu ergründen, aber damals sah ich noch weitaus weniger klar als jetzt. Die Frage erübrigt sich, denn grenzenlos sind die Götter und das müssen sie sein, denn wie grenzenlos müssen sie uns hassen, wenn jeder Tropfen im Kampf vergossenes Blutes, jede Zuckung im Krampf endlosen Hungers, jede Pocke im Wahn aberwitziger Krankheit und jede Leiche im Getümmel der schmutzigen Straßen allein ihr Wille und gerechtes Urteil sind? Vieles habt ihr mich seitdem gelehrt, Archont und dafür danke ich Euch als Schülerin auf Eurem Weg, auch wenn ich vorziehe, ihn in eine andere Richtung zu gehen und so bitte ich um Verzeihung für meine Schwäche, die sanft knackenden Schädel, die unter meinen Stiefeln zerbarsten als ich an Eurer Seite wandelte nicht mehr zu ertragen und kehrt zu machen, dem Leichenweg den Rücken zu zu kehren und mich dem Leben zu zu wenden.
Zu viele Jamils bildeten das Geflecht des Weges, den wir beschritten und doch ging ich ihn ein Stück mit, mich noch heute über mich selbst wundernd, denn schlimm ist die Nichtgnade, die wir ihnen gewähren, schlimm ist, was wir anderen aufbürden, was wir selbst aus Bequemlichkeit nicht tragen wollen. Eine beeindruckende Wahl, die auch mir im Moment bevor steht, wenn mich die Anhänger des Göttersohnes nicht töten, die Kirche tut es bestimmt, aber anders als Jamil will ich weiser wählen, denn mein Verhängnis ist nicht Schuld der Aufrechten, sie sollen meiner nicht trauern ob der Taten, die sie nie tun wollten und zu denen sie auch von Euch schon vielfach verleitet wurden, denn Angst haben sie, wie ihr zu werden und wahrlich, Angst sollten sie auch haben denn Euer Weg ist von gnadenloser Härte und nur den wahrhaft aufrechten bestimmt, wer ihn auf Knien entlang gehen will wie es sich für einen Diener gehört, wird sich daran die Knie bis zum Hals abwetzen und einen neuen Schädel für die werden, die nie gekniet haben, die wahren, geborenen Herrscher, denen die Geste des Kniebeugens fremdartig anmutet wenn es nicht das Knie eines anderen ist, das gebeugt wird, denn wer mag nicht vor Ehrfurcht erschaudern, wenn er ihrer ansichtig wird, wer kommt nicht umhin, sich ihnen zu unterwerfen, wer will nicht willig seinen Kopf für sie hinhalten wenn sie den nächsten Schritt tun um in entzückender Agonie von ihnen zertreten zu werden?
Zu schade, daß ihr diesen Weg nicht vorzieht, ist der andere doch besser für Euer Gewissen, denn wahrlich, geholfen haben wir ihm, indem wir ihn nicht töteten sondern dies andere für uns verrichten lassen. Mahnend mit erhobenem Zeigefinger stehen wir vor unseren Scheiterhaufen und erklären uns. Wie viel besser es doch sei und vor allem wie viel besser wir sind, dies nicht getan zu haben und wie verkommen die gegen die wir streiten. Wie lang mag dies noch gut gehen? Werfen sich nicht beide Seiten dasselbe vor? Nehmen wir nicht Dinge in Anspruch die ihr Euer Eigen nennt? Wer vermag diese Spirale zu durchbrechen, das Wandelbare oder der Stillstand? Nur das Wandelbare vermag dies, aber wie erklärt man den Geweihten der Ordnung, daß ihr Schaffen nur dann gut ist, wenn es gut geboren wurde, aber die bittere Wahrheit ist, daß das Neugeborene einen verfrühten Tod im Kindesalter starb. Nein, nicht verfrüht, viel zu spät gar, vorhersehbar, aber doch wunderten wir uns darüber, die linke Hand noch an des Kindes Hals und diesen sanft zerquetschend, während die rechte seinen Kopf liebevoll streichelte, zu schade, wenn die eine Hand nicht weiß was die andere tut aber woher sollen sie es auch wissen, wenn allein der Kopf denken kann und die Hände nur auf Befehle warten oder auch nicht? Nur das Wandelbare ist nicht an Gesetze gebunden, die besagen, daß die Hände hirnlos sein müssen, nur das, was aller weltlichen Ordnung zuwider läuft kann über seinen eigenen Schatten springen um beim Versuch auf die Nase zu fallen und sich alle Knochen zu brechen, aber wahrlich, bewundernswert ist ihre Ausdauer, es dann erneut zu versuchen, denn undurchdringlich ist ihr Schild und nimmer abstumpfend ihre Klinge.
Leider neigt sich hier das Pergament schon wieder dem Ende. Ein paar Zeilen noch, dann mögt ihr fürs erste von mir erlöst sein. Zum einen nehme ich Eure Gastfreundschaft gerne an, vielleicht an dem Ort, an dem wir uns das letzte mal trafen, denn ich muß gestehen, ich beginne, Gefallen an einem würdigen Gegner gefunden zu haben, auch wenn ich selbst kaum eine ebensolche Gegnerin für ihn bin.
Bis dahin verbleibt in Hochachtung vor dem ersten und einzigen Archonten des Widerspruchs auf der Insel

Myriam Nebethalas,
Exarchin des Widerspruchs,
Verbreiterin des Pfades der Lügen,
Meisterin der Intrigen,
Kind des Nichts,
Spielerin vor dem Herren.


Zuletzt geändert von Etharielle: 11.10.03, 15:21, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 11.10.03, 20:46 
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*schmunzelnd nimmt Donarius das Dokument aus der Kapelle mit zu sich liest es aufmerksam und wenige Stunden später liegt der rotgesiegelte Antwortbrief mit der bekannten Adressierung, mit dem Siegel des geschlossenen Auges, am Pult *

Geschätzte Exarchin,

eure Vorwürfe gleichen Phrasen, die tausendfach gedroschen, kein Korn Neues mehr erbringen, verzeiht die harten Worte, doch sollt man nicht in falscher Freundlichkeit verhindern, dass der andere vorankommt und lernt.
Zu eurer Frage nach meinem Befinden, sei euch geantwortet, ich gräme mich nicht des Blutes an meinen Händen, nie war es aus Selbstsucht oder Gefälligkeit, stets war der Weg der Gnade offen, stets war das Wohl der Schöpfung mir Weisung.
Zu eurem Vorwurf mag ich euch gern eine Begebenheit berichten:
Der große Geist, der furchtbare und kluge Geist der Selbstvernichtung und des Nichtseins, sprach dereinst zu einem heiligen Sohn Astraels, drei Angebote machte er ihm, diese drei Fragen sind die weisesten Sätze die je unter der Sonne gestellt wurden. Und würde man alle Weisen Tares versammeln, sie würden nicht auf diese drei Fragen kommen, die das Wesen der Welt besser darstellen könnten und die gesamten Geschicke der Menschheit vorhersagen.
Denn in ihnen zeigen sich die unauflösbaren Widersprüche der menschlichen Natur.
Der heilige Sohn Astraels konnte sie dereinst alle ablehnen, er war ein starker heiliger Mann, er ist nicht der einfache Landmann oder die Magd gewesen. Denn diesen Menschen ist nichts unerträglicher, wie aller menschlichen Gesellschaft, als die Freiheit.
So fragte der große Geist den Sohn Astraels, ‚Siehst du die Steine, nimm sie und verwandle sie in Brote und die Menschen werden dir nachfolgen wie eine Herde, dankbar und gehorsam’. Der Sohn Astraels lehnte dies Angebot ab, denn er wollte den Menschen nicht die Freiheit berauben, denn was wäre es für eine Freiheit, die mit dem Brot gekauft wäre. Doch was ist mit den endlosen hungernden Menschen, die da darben und leiden, den Kindern die sterben Hungers.
Nein, sage ich Myriam, mache sie zuerst satt die Menschen und verlange dann erst Tugenden von ihnen. So kommen wir und machen sie satt, geben ihnen das Brot und werden lügen, werden sagen es geschehe im Sinne der Söhne Astraels, der Heiligen, wir werden ihre Götzenbauten aufbauen und werden uns in sie setzen und das Brot an sie verteilen und sie werden uns folgen, gehorsam und dankbar. Denn die Menschen werden sagen: ‚Knechtet uns lieber, aber macht uns satt!’ Was nützen die Versprechungen der Heiligen auf das jenseitige Los und Erlösung, was ist das für das undankbare Menschengeschlecht gegenüber dem diesseitigen Brot, was nun sättigt.
Wenn auch Zehntausende den heiligen Söhnen nachfolgen um die Verheißungen Morsans willen, was soll mit denen geschehen die nicht so stark sind, die schwach und gebeugt hungern, soll ihnen das Heil verloren gehen? Ich denke nein. Oder liegt den großen Göttern nur etwas an den Grossen und Starken, auch wenn dem so wäre, uns Orden sind auch die Schwachen lieb. Sie sind lasterhaft und aufrührerisch, aber zu guter Letzt werden sie sich fügen. Sie werden uns anstaunen, weil wir die Freiheit ertragen, vor der sie zurückschraken.
In diesem Betrug liegt unsere Qual. Der heilige Sohn konnte die erste Frage ablehnen, weil ihm die Freiheit über alles ging, hätte er die Brote genommen, hätte er die große Sehnsucht der Menschen gestillt: „Wen sollen wir anbeten?“ Des freien Menschen größte Sorge ist schnell jemanden zu finden den es anzubeten gilt, was über jeden Zweifel erhaben ist und ihn satt macht.
Das zweite Angebot lehntest er ebenso ab, denn wer das Brot hat regiert die Menschen, doch wer ihr Gewissen beherrscht, dem werden sie folgen und das Brot fortwerfen. Denn das Geheimnis des Menschen liegt nicht im Leben, sondern wozu er lebt, weiß er nicht wofür er lebt, mag er nicht so recht leben, auch wenn er Brot in Hülle und Fülle hätte.
Denn größer noch als das Brot ist das Wunder, und der Geist bot ihm an, dass der Heilige fliegen könne, doch er lehnte ab. Denn der Heilige glaubte, dass die Menschen keine Wunder bräuchten um zu glauben und da der Mensch außerstande ist ohne Wunder zu leben, schafft er sich seine eigenen und betet die Wunder der Scharlatane und Hexen und alten Weiber an.
Der Heilige wollte die Menschheit nicht durch ein Wunder knechten, ja es gibt diese großen Menschen die sich in Wüsten zurückziehen von Heuschrecken und Wurzeln ernähren und im Glauben tief verhaftet sind und ohne Wunder harren auf Morsans Hallen, doch was ist mit den Millionen anderer Menschen die schwach sind, sie wissen nicht wofür sie leben, sie werden Aufrührer sein unsere Tempel niederreißen und die Welt ins Chaos stürzen und dann doch bittere Tränen in der Dunkelheit weinen. Der Heilige tat aus Liebe zur Freiheit nicht diesen Schritt und überließ die Menschheit dieser Freiheit, die diese nicht ertragen kann. Sich ihren eigenen Sinn für das Leben zu suchen, wir nahmen sie auf, wir gaben ihnen Sinn, wir haben die Tat des Heiligen verbessert, wir haben sie auf Wunder, Geheimnis und Autorität begründet, denn wichtig ist nicht der freie Entschluss des Herzens und nicht die Liebe, sondern das Geheimnis, dem sie blind gehorchen müssen. Und die Menschen freuten sich, dass sie wieder geführt wurden, wie eine Herde und das ihnen die furchtbare Gabe endlich vom Herzen genommen ward, selbst zu entscheiden was gut und böse ist. Dass Wunder, dem sie nicht wiederstehen können, und das Geheimnis machen sie zahm und folgsam, so führen wir sie weiter in der Geschichte und wir ertragen diese Freiheit für sie alle.
Und auch das letzte Angebot lehnte der heilige Mann ab, denn der große Geist bot ihm alle Reiche Tares zum Geschenk. Aber er lehnte auch dieses ab, um der Freiheit willen, hätte er das Schwert des Königs angenommen, alle Bedürfnisse hätte er befriedigen können. Denn nach der Einheit strebt es alle Menschen gemeinsam zu leben, zu essen und anzubeten. Stets trieb es die Eroberer um, alle Menschen zu vereinen, doch dem Heiligen, dem es ermöglicht ward, lehnte es ab, er hätte der ganzen Welt Ruhe bringen können, denn wer anders sollte über die Menschen herrschen, als der, der ihnen Gewissen und Brot gibt. Der Orden nahm das Szepter an, die Menschheit wird noch lange im Krieg gegeneinander liegen, aber schlussendlich wird das Tier zu uns gekrochen kommen, uns die Füße lecken und sie mit den blutigen Tränen der Augen netzen. Dann werden wir uns auf sie setzen und den Schrein hochhalten und er wird ‚Geheimnis’ genannt werden. Denn erst dann wird für die Menschen das Reich der Ruhe und des Glückes anbrechen. Der heilige Sohn ist stolz auf die wenigen Auserwählten, die sich auch der Welt verweigerten, doch uns liegen die Schwachen am Herzen.
Wir werden alle überzeugen, dass sie erst dann frei sein werden, wenn sie zu unseren Gunsten auf alle Freiheit verzichten. Und sie werden es einsehen, denn sie werden sich erinnern, welch Wirrnisse die Freiheiten hervorbrachten und sie werden angekrochen kommen und flehen, dass wir sie vor sich selbst erretten sollen und dann werden sie von uns das Brot erhalten und wir werden ihnen sagen wofür sie leben.
Und wir werden ihnen auch die Sünde erlauben, da sie schwach und ohnmächtig sind und sie werden uns dafür wie Kinder lieben. Wir werden sagen, dass jede Sünde getilgt werde, wenn sie mit Erlaubnis geschehe und dass wir es erlauben, weil wir sie lieben und das wir die Strafen für solche Sünden auf uns nehmen.
So zeigt sich, wer Glück für sich will, kann nicht frei sein.
Und wer das Glück der Schwachen wünscht, muss die Freiheit ertragen.
So wie ich.

Donarius Derrvus, Diener der Viere

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Ein Schreiben befindet sich seit dem frühen Morgen des 13. Carmar auf dem Pult in der Kapelle, das andere Schreiben fehlt. Auf dem Umschlag steht in schmucklosen Lettern „Zu Händen von seiner Eminenz Donarius Derrvus“. Der Umschlag ist verschlossen und mit rotem Wachs versiegelt. Das Siegel zeigt eine Spirale. Das Pergament ist schlicht, weder sonderlich dünn, noch sonderlich dick. Die Schrift ist im Gegensatz dazu stark verschnörkelt und sauber. Neben die Unterschrift wurde mit Tinte eine stilisierte Rose mit Stiel und Dornen gemalt, in ihrer Form fast identisch mit der zweiten, aber wesentlich detaillierter und leicht schattiert gemalt.

Die Exarchin entbietet dem Archonten ihre Grüße.

Ich danke für die schnelle Antwort, nur ihr mißversteht mein Anliegen, ich klage nicht an und ich vergebe nicht, sage viel und sage wenig und nichts und mehr, wir wissen beide, daß wir jenseits von allem Gewissen und aller Moral sind, denn wie ihr so schön sagtet, wer das Gewissen kontrolliert, kontrolliert den Menschen, aber wir sind nicht geschaffen um von Puppen kontrolliert zu werden, nein, wir lassen sie zu unserer Melodie tanzen, darauf bedacht, daß sie sich nicht mit ihren eigenen Fäden erwürgen, wie sie es täten, wenn wir sie frei gewähren lassen würden. Wir tun, was wir tun müssen, ihr und ich, wir spielen, und wir tun es gerne, denn wenig Freuden sind so erbaulich wie diese, wenig Spiele so interessant wie die wider Menschen, denn ein jede Figur im Schach reagiert unvorhersehbarer als diese, wie sie nach Regeln zieht, schlägt und fällt. Wie die Endophali sagen, wichtig ist nur, daß man gespielt hat, gar herrlich ist dieser Selbstzweck an dem wir uns ergötzen, Schöpfung ohne Reue, Zerstörung ohne Sinn, das Wesen der Spieler, denn wahrlich, schöpferisch ist unser Werk und zerstörerisch zugleich, wie wir hart und gnädig Schöpferisches schöpfen und gnädig und hart Zerstörerisches zerstören. Gern erinnere ich mich an Lenya Corthalas und wie wir wetteten, wie lang sie wohl außerhalb der Kapelle zu überleben vermag, unter uns, Archont, mit zehn Tagen lag ich nah dran, näher als alle anderen bisher, wie nah wart ihr oder habt ihr gar geschummelt, Wetten abgeschlossen und der Eurigen zum Triumph verholfen?
Von den drei Fragen oder Sätzen, denn das erste war keine Frage im eigentlichen Sinn muß ich gestehen wenig beeindruckt zu sein, da man sie auf eine einzelne reduzieren kann: Was wollen die Götter von den Menschen?
Beinhaltet sie nicht alle Vergangenheit und Zukunft, erklärt sie nicht das Wesen der Menschen in einem Atemzug, denn um diesen Zweck zu erfüllen wurden sie geschaffen wie sie sind in all ihrer Häßlichkeit und taumeln sie nicht wie die Schafe zur Schlachtbank ihrer Bestimmung entgegen?
Eine nicht immer leicht zu beantwortende Frage, wenn man sich die Heerschar der Menschen so ansieht, wie sie in Ingoranz vor sich hin vegetieren, wahrlich, jeder Ackergaul erfüllt auf den ersten Blick einen höheren Zweck, denn er kennt den seinen, wo der Mensch irrt in einem gläsernen Labyrinth. Geblendet und verwirrt taumeln sie umher wie Fliegen, denen man die Flügel gestutzt hat, trunken von kurzlebigen Vergnügungen, süchtig nach Nichtigkeiten, schlendernd, stolpernd, schwankend, sich aneinander reibend. Fürwahr wenn man sie sich so ansieht könnte man meinen, die Götter können nicht ganz bei Trost gewesen sein, als sie dieses Geschwür auf Tare losließen und maßlos war ihr Hass auf diese Welt, denn sie wissen, daß sie sie zerstören werden, aber dem ist nicht so.
Ihr sprecht von Hunger, doch wo bleibt die Konsequenz? Was ist Hunger, woher kommt er, warum bekam das Leben den Hunger, diese maßlose Kraft, den unbezwingbaren Feind im inneren, den es nieder zu ringen gilt, was trieb sie dazu, neben dem Hunger noch Krieg, Seuchen und Tod über den Menschen aus zu gießen, das Geschwür mit anderen Geschwüren zu kurieren und zu vernichten? Und doch hat der Hunger seinen ganz eigenen Charme, denn hungern kann man in Maßlosigkeit nach so vielen Dingen. Der Volksmund sagt, daß man Eier zerschlagen muß, um einen Eierkuchen zu backen, täten wir dies auch ohne den Hunger, könnten wir ohne den Hunger nach Erlösung tatsächlich danach suchen oder wäre uns dies ach so gleichgültig? Klagend kratzen Kinderhände an verschlossene Türen, die Körper siechend von Krankheit und Hunger zerfressen, Geschenke des Krieges an sie ehe sie selbst zu Geschenken an den Tod werden, denn aberwitzig aber wahr, Erlösung liegt im Tod, einzig er wäscht weltliche Makel hinfort, spült sie ins Meer des Vergessens und versenkt sie auf seinem Grund. Zerbrechlich sind die Eier unseres Wesens und begierig zerschlagen wir die Schale unseres selbst, vermengt mit dem Mehl der Seele und der Milch des Blutes unserer Vorgänger backen wir uns im Feuer des Unglaubens und er geht auf, gar köstliche Erlösung, Mahlzeit der Götter, Menschheit, beiße ins Gras, die Götter haben Hunger, ich wünsche beiderseits einen gesegneten Appetit.
Vier Feinde und doch unsere besten Freunde, nur in ihnen offenbart sich das Wesen unserer selbst denn wir sind eins mit ihnen und sie mit uns, wie könnten wir auch anders sein, beten wir nicht am Krieg und am Tod, an der Seuche und am Hunger, benötigen wir all das Elend nicht zum Glücklichsein, sind wir ob ihrer Existenz nicht so froh, daß wir ihnen Namen gaben und Tempel errichteten um die Idee dahinter in ein Gefängnis aus Steinen und Unverständnis zu zwängen? Wo wäre unser Wille, wo wären die Götter und wo wären wir wenn sie uns diese Freunde nicht an die Hand gegeben hätten uns zu geißeln?
Hunger ist notwendig, aber Archont, gar verheißungsvoll erscheinen mir die Worte der Ablehnung, wohlüberlegt und raffiniert in ihrer Täuschung, denn verweigern wir ihnen nicht ebenso den einfachen Brotlaib für ihre Mägen wie auch das Brot der Erkenntnis und knechten wir sie nicht trotzdem? Zeigt mir einen freien Menschen und ich zeige Euch einen Sklaven seiner intimsten Begierden, geknechtet von Raffgier und gegeißelt im sinnlosen Bestreben, sein Verlangen zu sättigen. Die schöpferische Kraft der Götter ist auch in Euch und mir, nur warum sollten wir auf Brot zurück greifen? Es ist ein Verlangen, das die Götter den Menschen gaben, das Verlangen, zu essen und zu trinken, aber es ist fehlerhaft, denn man kann es bemessen, zählen, abwiegen und horten. Uns beiden ist die Kraft gegeben, sie auf zweierlei Arten zu manipulieren, über ihre Wünsche und über ihre Ängste und wir beide meistern sie, erschaffen Wünsche wo keine sind und schüren Ängste wo keine gedacht waren, wir sind wahre Schöpfer, wir schöpfen die Schöpfung neu, aber wir geben ihnen kein Brot, nichts, das sie in ihre Hände nehmen könnten, denn wir wissen beide, daß sie dann unzufrieden wären und mehr haben wollten, maßlos würden sie fressen bis sie platzen, nur damit ihr Nächster weniger abbekommt, denn Neid ist das Öl, das ihre Flammen am Lodern hält, nein, wir spielen mit Dingen, die ihre Hände, Augen und Ohren, ihre Zungen und ihre Nasen nicht wahrnehmen können, denn mit verkümmerten Sinnen nach bloßen weltlichen Dingen wurden sie erschaffen, was immer darüber hinaus geht übersteigt ihren Verstand um ein Maß, das nur an die Unendlichkeit heran kommen mag. Bauern und Fürsten haben vor uns gekniet und um Gnade gewinselt vor den Wünschen und Ängsten, die sie zu übermannen drohen, unfähig, sich von diesen zu lösen, so sie ein mal geweckt wurden und zu blind um zu erkennen, daß nur im Entsagen dieser Wünsche und Ängste Erlösung von diesen liegen kann. Darum haben wir kein Gewissen, auch wenn wir andere gerne glauben machen, daß wir eines hätten, es hilft uns, ihnen unsere Worte ein zu flüstern, mit ihnen zu spielen wie es uns beliebt, ferner und ferner führen wir sie fort vom Pfade der Götter und doch näher als sie ihm jemals waren, denn in unserem Tun offenbart sich ihr Schaffen. Nein, wir sind keine Propheten des Untergangs, wir spielen lediglich die Melodie dazu und wir tun gut daran, denn sie brauchen uns. Was würde mit ihnen geschehen, wenn es Euch und mich nicht gäbe?
Vergehen würden sie, verdorren wie eine Blume im heißesten Astrael, formlos werdend und zu Nichts zerfließend wie die Unlebendigen, frei von Seuche, Tod und Hunger, aber gebunden an den Krieg, der letzten Kraft, die sie aufrecht erhält, wie kontraindiziert, ihnen mit Krieg zu begegnen und sie zu stärken durch unser Bestreben, sie zu vernichten. Wahrlich, wenn ich nicht wüßte, wer auf wessen Seite stünde, ich würde meinen, die Armee der Hungernden wäre auf ihrer Seite, aber Klugheit war noch nie eine Eigenschaft, die die Menschen auszeichnete, woher auch, gaben ihnen ihre Schöpfer doch nur versehentlich einen Hauch davon mit, eine kleine Idee etwas großartigen, gerade genug um von jetzt bis sofort zu denken, nur gut, daß die Ketten die sie binden an den Gestellen von Männern wie Euch und Frauen wie mir hängen, denn unsäglich ist Freiheit für sie und Unfähigkeit ihr Element beim Umgang mit dieser, doch bedenkt, Archont, ihr sucht Freiheit hinter Mauern aus Stein, die Freiheit in Grenzen, ihr teilt sie ein in die zulässige und die verbotene, sondert Euch ab von der Freiheit, zu denken, zu sagen und zu handeln wie ihr wollt, Euch dabei die Freiheit nehmend, nicht zu denken, zu verschweigen und zu unterlassen was ihr nicht wollt, ein gefährlicher Grat, Archont, der schon viele nichts und alles kostete. Aber im Gegensatz zu Euch und mir waren dies bloß Menschen, Schatten unserer selbst, Marionetten tanzt, ich will mich amüsieren, stolpert durch das Labyrinth und hört mein Lachen wie es die Wände zum Zittern bringt, fallt, schneidet Euch an den blutigen Scherben der zersprungenen Scheiben, legt Eure Körper nieder neben den Gefallenen der Jahrtausende, meiner Aufmerksamkeit unwürdig, seht, ich reiche Euch die Hand, ich weise Euch den Weg heraus, so manche Bandage gab ich Euch für Eure Verletzungen an die Hand, doch Trotz und Anmaßung sind die Tugenden Eurer selbst, wer will schon Hilfe, wenn er allein fallen kann? Lachend wende ich mich ab, Euch in Eurer Hilflosigkeit betrachtend, kleines Gewürm, diese Welt ist kleiner als ihr denkt und ihre Regeln einfach und durchschaubar, aber meine Kleinen, willkommen in meinem kleinen Zwischenspiel im leeren Raum, denn im Raum ohne Zeit und Raum haben Zeit und Raum keinen Bestand, sucht weiter kleine gefangene Ratten, sucht, sucht nur fein nach den Ausgängen, sie bringen Euch nur auf die nächste Ebene mit Wänden aus Luft, schreitet hindurch, betretet das Nichts, tretet ein in die Welt der Spieler, kostet von der Essenz des Chaos und erschaudert vor einer Kraft die schon vor den Göttern in Bestandlosigkeit Bestand hatte und auch nicht, denn Bestandlosigkeit ist seine Natur, zerfließende Form, ich sehne mich Deiner, zu lang her ist die Zeit, in der Du mich sanft umarmtest, Gestalt ohne sein und Geist ohne Nichtsein, grenzenlose Freiheit, unser beider Element Archont, Schöpfung ohne Reue und Zerstörung ohne Sinn, geboren aus Nichts und Chaos, sehend und nichtsehend, taub, aber blind, weise, aber herzlos, klug, aber gnädig, denn keiner ist unwürdig, daß man ihm die Hand nicht reicht, auch wenn wir beide ob der Nutzlosigkeit dieser Geste wissen, denn wer will schon unsere leblosen Hände ergreifen?
Abermals neigt sich ein Blatt dem Ende. Abermals verbleibt in Hochachtung vor dem ersten und einzigen Archonten des Widerspruchs auf der Insel

Myriam Nebethalas,
Exarchin des Widerspruchs,
Verbreiterin des Pfades der Lügen,
Meisterin der Intrigen,
Kind des Nichts,
Spielerin vor dem Herren


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BeitragVerfasst: 13.10.03, 23:18 
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*ein Brief auf dem Schreibpult im Schrein des Astraels zu Brandenstein, gesiegelt mit dem geschlossenen Auge, dem Siegel des Donarius Derrvus mit folgenden Inhalt:*

Hochgeschätzte Exarchin,

hier bemerke ich nun unsere Differenz, denn ein Spiel trägt immer ein Ziel in sich, den Sieg. Aber nciht den einfachen Sieg fordere ich, sondern den hart erkämpften, der mir zusteht, als Respektsbezeugung, nur der Kampf lässt uns alle Kräfte sammeln, alle Gedanken ordnen und konzentriert und tatkräftig voranschreiten, wer ziellos spielt, zögert vielleicht im falschen Moment oder verschätzt sich schnell. Die Strategie ist vorgegeben, der Sieg, die Taktik ist frei wählbar, ein Rückzug da, ein Opfer hier, ein Vorstoss da und eine Figur wird aufgegeben für eine bessere Stellung. Das Schachspiel, das dereinst Astrael dem Bellum zum Geschenke machte lehrte uns all dieses.
Es ist die Kunst der Weisen sich aus der Ebene des Spielbrettes über dieses zu erheben und steuernd in das Spiel einzugreifen, hier mag ich euch recht geben, doch nicht um seines selbst willen spielt man es, sondern um des Sieges, wo wäre sonst der Anreiz, und je erbitterter das Spiel um so hervorragender der Sieg und so unerträglicher die Niederlage, das sind die wahren Regeln des Spiels.
Dies allein mag euch Erklärung sein für viele meiner Handlingen und Winkelzüge, manchesmal Schonung angedeihen lassen dem Gegenüber, um ihm dann bei besserer Gelegenheit gänzlich zu vernichten.
Aber erklärt mir, wenn ihr das Spiel um seiner selbst willen erhaltet und es euer Bestreben ist, es lange am Laufen zu erhalten, befürchtet ihr nicht, das es festfriert in der Mitte des Feldes in gegenseitigem Verbeissen und Erstarken?
Manchesmal ist es besser, wie man von den unsterblichen Göttern lernt, das Spiel zu beenden und neu zu beginnen, also ein neues Zeitalter zu eröffnen und das Alte vergehen zu lassen, neue Regeln kombiniert mit altbewährtem und jede Seite hat neuen Spass. Nur leider sind wir sterblich und werden diese Neuverteilung kaum erleben, wie können nur auf Sieg spielen, gefangen wie wir sind, in dieser Welt, in unserer Sterblichkeit und Ohnmacht.
Ihr werdet vermutlich sagen, dass ich gefangen bin in dieser Ansicht, das ich mich frei machen soll von der Zeit und der Kausalität der Welt. Nun vielleicht irre ich, vielleicht irrt ihr, ich übe mich noch im verstehen, und kann nicht wie ihr sagen, dass ich weiss.
Doch was ich in meinem Leben schon sah und erlebte, reicht um zu sagen, wir sind noch nicht am Ende.

euer
Donarius Derrvus, ein Diener der Viere

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BeitragVerfasst: 14.10.03, 20:10 
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Ein weiteres schreiben befindet sich auf dem Pult, von der Aufmachung her dem letzten identisch, selbst das Bild der Rose ist völlig gleich, wohl mit einer Vorlage oder Schablone gezeichnet. Donarius‘ letztes Schreiben fehlt.

Die Exarchin entbietet dem Archonten ihre Grüße.

Ihr mögt verwirrt sein ob dieses Schreibens, doch so finde ich, hat das Schreiben um Schreiben einen bitteren, monotonen Beigeschmack, es erinnert an ein Spiel, Zug um Zug, Aktion, Reaktion, doch spielen wir überhaupt und wenn mit-, gegen- oder füreinander? Jedenfalls erlaube ich mir, abermals auf den letzten Brief ein zu gehen und den neuen fürs erste aus zu lassen, ich werde mich bei Gelegenheit mit diesem befassen, aber im Moment drängt die Zeit. So mag ich diese Kette durchbrechen, auch wenn ich einen gewissen Gefallen an ihr nicht leugnen kann, aufgereiht wie schmucklose Perlen, darauf wartend, vor die Säue geworfen zu werden, formen wir Wort um Wort, Zeile um Zeile, wollen wir werfen oder behalten wir sie für uns, still und heimlich, uns ihrer Abscheulichkeit erfreuend? Wir sagen alles und wir sagen nichts, spielen, spielen nicht, denken über das nächste Schreiben nach, über das letzte, über das übernächste, angenehmer Zeitvertreib, den Geist an den Wunden der Welt zu schärfen zur gleißenden Klinge, die die Welt zerteilt, jedoch Archont, warum schreiben wir uns und warum schreiben wir uns nicht, enthüllen und verdecken, was treibt uns dazu, wißt ihr es, können unser beider kranker Geister die Gedanken des anderen lesen so wie diese Zeilen? Natürlich können wir das, denn sind wir nicht Propheten, sagten wir nicht tausendfach den Fall voraus, wohl wissend, daß ein niemand unseren warnenden Worten Glauben schenken wird? Breit sind unsere Schultern von der Zeit, die auf ihnen lastet, Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft, einerlei, Mensch ist Mensch und ihre Taten nicht halb so selbstbestimmt, ihr Wesen nicht halb so frei, wie sie es sich immer gerne vorstellen in ihrer allumfassenden Blindheit.
Wir beide haben die Zukunft gesehen, wieder und wieder und wieder, so viele Möglichkeiten, die dem freien Geist offen stehen, doch Archont, wer ist schon wirklich frei? Sind wir es, ihr und ich? So komme ich zurück, was mag der Sinn, was der Unsinn in all dem sein, falls es einen gibt, Spieler spielen Spiele mit Spielern, Täuscher täuschen Täuschern Täuschungen vor, Schwerter geschmiedet aus Schmerz und gehärtet in Blut, blitzende Messer in den Rücken unserer selbst, denn nimmersatt sind die Klingen bis keine Hand sie mehr erheben mag.
Zumindest für diesen Brief mag der Sinn ein einfacher sein, das Pergament des letzten reichte nicht ewig, denn es ist von Menschenhand erschaffen worden und wird durch Menschenhand zugrunde gehen, kleines Stückchen im Mosaik der Welt, zu klein, um all die Widersprüche in Euren Worten zu loben, denn wahrlich vortrefflich waren sie vor dem Herren, wer mag nicht den schönen Worten lauschen und das Sein darüber vergessen, wer würde es wagen, diese Worte zu hinterfragen und an zu zweifeln, wer ist so gnadenlos, die Türme des schillernden Traumschlosses zum Wanken zu bringen außer Euch und mir? Ich sehe die Ja-Sager die Köpfe schütteln und die nicht Denkenden die schmale Stirne runzeln, fürwahr, wer mag den Schleier lüften, solange was hinter ihm liegt verschleiert erträglicher ist?
Ein schönes Bild, das Bild des Hungers, noch viel schöner das Bild des gestillten Hungers und der Knechtschaft dem Brotgeber gegenüber, doch wer würde schon fragen, ob die geistlichen und weltlichen Herren und Herrinnen dieser Welt den Hunger kennen, ob es jemanden gibt, der ihnen das Brot zu verweigern vermag, wer wäre so unverschämt von ihnen zu fordern, denn Archont, sagt mir eines, was ist Konsequenz aus dem Widerspruch? So sie den Hunger nicht kennen, so sind sie geknechtet vor dem, der es ihnen gibt, die Lenker gebunden an höhere Lenker und fürwahr, das sind sie, denn sie sind gebunden an Euch, mich und unseresgleichen, denn wir sind es, die sie den Hunger lehren und wir tun gut daran, sollten wir sie nicht alle hungern lassen, sollten wir sie nicht lehren, was sie anderen anbieten, sollen wir ihnen wirklich gestatten, frei zu sein? Was sollte es bringen, Archont, satt sind sie, keine Frage, doch wie ihr sagtet, so solle man ihnen erst das Essen vor die Füße werfen und dann Tugenden von ihnen fordern, wir wecken Hunger und stillen ihn häppchenweise, jedoch Archont, warum wollt ihr unterbinden, von ihnen Tugendhaftigkeit zu fordern, sind sie nicht rundum zufrieden, in höchstem Maße überfressen, liegen sie nicht wie satte Schweine in der Sonne und geben sich dem Müßiggang hin? Erschlafft vom maßlosen Speisen vegetieren sie vor sich hin, was sollen wir tun, Archont, sollen wir sie den unstillbaren Hunger lehren, sollen wir sie die Begierde lehren, sollen wir sie lehren, vom reinen Genuß des Brotes und seiner Notwendigkeit unterscheiden zu lernen? Sollen wir es ihnen vorenthalten? Oder sollen wir zu den gesättigten gehen und fordern? Ihr fordert desgleichen von den Hungernden, warum so selten von den Satten, Archont? Einige schöne, rhetorische Fragen, Fragen ohne Antworten, nicht einmal für den weisen, denn was auch immer ihr antwortet, sollte ich dann fragen, warum der Weise lügt oder sollte ich fragen, warum man sich auf ihn beruft ohne ihm zu folgen, denn heuchlerisch ist zu fordern, sie sollen hungern wenn man selbst im Überfluß hat und verblendet, sie zu Tugenden zu ermuntern, die man selbst mit stahlgepanzerten Stiefeln in den Dreck tritt, ein schwieriges Dilemma, in dem ihr stecken würdet, schwierig, aber nicht unlösbar für einen Archonten des Widerspruchs.
Abermals schweifen meine Gedanken ab zum Sein, Ritter und Geweihte vernebeln mir die Sinne und verschleiern die Sicht auf dieses Pergament. Wieder sehe ich den Ritter seinen Soldaten gestattend, ihre aus Langeweile geborene Grausamkeit an Freien auszuleben, denn die Hunde des Krieges sind schwer im Zaum zu halten, jedoch, solange man ihnen etwas gibt, das sie mit ihren scharfen Fängen zerreißen können, sind sie zufrieden, denn unstillbar ist ihr Durst nach Blut. Wieder sehe ich den Geweihten von der Liebe der Götter reden und am nächsten Tag die Frau die sich nichts hat zuschulden kommen lassen, außer ihn zu lieben, verstoßen und demütigen als die Hure, die sie ist, denn sie verkauft sich selbst an ihn, schenkt ihm, was immer er will, damit er es mit seinen kalten Fingern zerquetschen kann.
Ein interessantes Leben führt ihr, Archont. Auch ihr redet von Liebe und doch kennt ihr sie nicht, predigt Ferne zu den Sterblichen, gestattet ihnen nicht, Euch nahe zu kommen, denn er allein ist Euer Weg und er teilt Euch nicht und doch geht ihr diesen Weg gerne, fernab aller Freude, Nähe und Liebe, denn so sagt ihr, seine Freude, seine Nähe und Liebe sei mehr als ein jeder Sterblicher Euch zu geben vermag, doch woher wollt ihr wissen, was dieser drei Dinge sind wenn ihr so selten von ihnen kostet, wie wollt ihr mit Gedanken erforschen, was man nur fühlen kann? Nimmer werdet ihr Gewißheit haben und sagen, daß dies nur gut ist, denn ihr vertraut ihm blind, aber vertraut er auch Euch, Archont, nahm er Euch nicht die weltlichen Freuden um Euch durch Euren Hunger nach ihm ganz an sich zu binden, ist es das, was er will? Sind wir, ihr und ich, wirklich frei, Archont? Etwas, worüber wir beide nachdenken sollten. Bis dahin verbleibt in Hochachtung vor dem ersten und einzigen Archonten des Widerspruchs auf der Insel

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P.S.: Da hat jemand aber einen weiten Weg auf sich genommen nur um mir zu sagen, daß ihr mich sehen wollt. Schlagt doch einfach einen Tag vor, einen Zyklus und einen Ort.


Zuletzt geändert von Etharielle: 14.10.03, 20:11, insgesamt 1-mal geändert.

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BeitragVerfasst: 15.10.03, 15:43 
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*Donarius schien gerade andere Korrespondenz im Schrien erledigt zu haben, als er des Breifes habhaft wird, ihn gleich vor Ort liest und nach einer Weile am Pulte dort ein neues Schreiben verfasst*

Hochgeschätzte Exarchin,

euch mögen diese Briefe einen fahlen Beigeschmack mitgeben, doch bedenkt, welchen Sinn eine Eröffnung hat, in einem Spiel, sie soll uns einschätzen helfen, welche Stärken und Schwächen unser Gegner hat, wo er sein Hauptaugenmerk ausrichtet und wo er unbedacht ist, euch mag dieses Geplänkel ermüden oder langweilen, ich für meinen Teil, sehe hierin die Möglichkeit vorbereitet zu sein.
Sicher die wenigsten Karten liegen offen, ihr kennt die Meinigen vielleicht besser als ich die euren, um so sicherer muss ich gehen und eine brauhcbare Analyse vorab für mich erstellen, ob des Wollens und Dürfens eurer und meinerseits.
Zu eurer Frage nach meinem Hunger und meinem doppelten Spiel, sei euch soviel verraten, ich habe jeden Kelch gekostet, geliebt, gehasst, gelitten, gejauchzt, ich habe verwundet und trage Narben, ich habe gesehen und ward geblendet, ich war weise und dumm, die Menschen bringen mir nichts Neues, und auch die Elfen, alt und weise, wie es ein Vorurteil will, sind fade und blutleer, Besuche bei den Myten brachten mir keine neue Gewissheit, die Dwarschim plagen die selben Sorgen wie die Menschen, nur verfolgen sie deren Lösung mit grösserer Vehemenz. Ansonsten ist die Welt leer, was bleibt ist das 'ich', nur deshalb habe ich mich zurückgezogen um mich mit meinem 'ich' zu befassen, in der Hoffnung Antworten zu bekommen.
Aber da ihr schon von der dritten Person wisst, dass ich euch suche, wisst ihr auch dass ich nie wirklich allein bin und auf mich zurückfallen vermag.
Somit seid aufs herzlichste eingeladen, wie deucht euch der 18. Carmer in der Dämmerung des 7. Zyklusses, ich denke meine Lagerstatt wäre ein angemessener abgeschiedener Ort und sicher kann euch die dritte Person den Weg mit den Schwert weisen.
Und an diesem Abend werden wir erfahren, ob wir mit oder gegeneinander spielen, ob wir lieber miteinander schweigen oder reden sollten und ob wir eine Chance auf einen Sieg oder auf eine Niederlage haben.

Donarius Derrvus, ein Diener der Viere

post scriptum:
Ehe ich es vergesse richtet der dritten Person meinen hochverehrtesten Gruss und Dank aus.

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Zuletzt geändert von Donarius: 15.10.03, 15:48, insgesamt 1-mal geändert.

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Seit dem frühen Abend des 18. Carmar fehlt das letzte Schreiben. Ein Antwortschreiben ist nicht auf zu finden.


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BeitragVerfasst: 25.10.03, 02:54 
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Wieder und wieder mischte Elodia die 22 Karten der großen Arcana, wieder und wieder legte sie dasselbe Tableau, starrte die immer gleich wiederkehrenden Karten an. Der Hohepriester wollte nicht auftauchen.
Müde sah sie über das kleine, provisorische Lager, wie sie alle schliefen bis auf die, die Wache hielten. Ihr Blick fiel wieder auf das Tableau. Mit leicht zittrigen Fingern drehte sie Karte um Karte um.
Die Demut lag am Boden, aber sie stand auf dem Kopf, flankiert von Vitama, dem unstillbaren Hunger und Verlangen und Tevra. In der Mitte des Tableaus lag die Selbstaufopferung, geschützt durch die Weisheit, aber bedroht von Bellum, dem Krieg und ewigen Streit. Über diesen thronte der Herrscher, an seiner Seite der Narr und über allem ragte Morsan, der Tod auf.
Lange starrte Elodia das Tableau an. Warum eigentlich? Hatte sie nicht all dies schon lang vorher gesehen? War sie nicht allein deshalb hier?
Der Hohepriester war gegangen, der Herrscher gestürzt von eigener Hand. Sie musterte den Narren. Ihre Karte. Hatte sie dem nachgeholfen? Vorsichtig nahm sie die Karte Vitama auf, dann die Weisheit. Sie hatte Dinge in ihm geweckt, Dinge, die tief verborgen lagen. Er war ein Archont, so nah und doch so fern. Langsam hob sie den Kopf an gen Westen.
"Sieht so aus Archont, als wäre ich als Siegerin aus unserem kleinen Spiel hervor gegangen." durchfuhr es ihre Gedanken. Sie kicherte, erst leise, dann schwoll es immer weiter an zu einem heiteren, verzerrten Lachen. Langsam schloß sie den Mund wieder. Eine einzelne Träne rann ihr die Wange hinab. Fest preßte sie die Augen zu, Träne um Träne rann heraus und lief ihr über die Wange. Leise begann sie zu singen in der Sprache, die außer ihr nur wenige kannten. "Rarem tem kan ji nor, lum tem kan ji vesont, ghom tem yrl mnalej, tem mnalejai ghoree. Ke archont zhan ghor, al raren ke archont."
Sie verstummte, öffnete die Augen und wischte sich mit dem Handrücken unter der Nase her. Lange sah sie wehmütig gen Westen. "Mach es gut, mein alter Lehrmeister und Vater in einem fernen Leben.", hauchte sie in die kühle Nachtluft hinaus. "Wir werden bald wieder zusammen stehen. Tem archont xin archont vescon mas he nor nora dar."
Unweigerlich ging ihre linke Hand zu ihrer Tasche, nach dem Tintenfaß, der Feder und dem Pergament tastend. Sie fühlte die wallende Lust aufkeimen, dem Ordo Astraeli zu schreiben.


Zuletzt geändert von Etharielle: 25.10.03, 02:57, insgesamt 1-mal geändert.

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