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Ein Schreiben befindet sich seit dem frühen Morgen des 13. Carmar auf dem Pult in der Kapelle, das andere Schreiben fehlt. Auf dem Umschlag steht in schmucklosen Lettern „Zu Händen von seiner Eminenz Donarius Derrvus“. Der Umschlag ist verschlossen und mit rotem Wachs versiegelt. Das Siegel zeigt eine Spirale. Das Pergament ist schlicht, weder sonderlich dünn, noch sonderlich dick. Die Schrift ist im Gegensatz dazu stark verschnörkelt und sauber. Neben die Unterschrift wurde mit Tinte eine stilisierte Rose mit Stiel und Dornen gemalt, in ihrer Form fast identisch mit der zweiten, aber wesentlich detaillierter und leicht schattiert gemalt.
Die Exarchin entbietet dem Archonten ihre Grüße.
Ich danke für die schnelle Antwort, nur ihr mißversteht mein Anliegen, ich klage nicht an und ich vergebe nicht, sage viel und sage wenig und nichts und mehr, wir wissen beide, daß wir jenseits von allem Gewissen und aller Moral sind, denn wie ihr so schön sagtet, wer das Gewissen kontrolliert, kontrolliert den Menschen, aber wir sind nicht geschaffen um von Puppen kontrolliert zu werden, nein, wir lassen sie zu unserer Melodie tanzen, darauf bedacht, daß sie sich nicht mit ihren eigenen Fäden erwürgen, wie sie es täten, wenn wir sie frei gewähren lassen würden. Wir tun, was wir tun müssen, ihr und ich, wir spielen, und wir tun es gerne, denn wenig Freuden sind so erbaulich wie diese, wenig Spiele so interessant wie die wider Menschen, denn ein jede Figur im Schach reagiert unvorhersehbarer als diese, wie sie nach Regeln zieht, schlägt und fällt. Wie die Endophali sagen, wichtig ist nur, daß man gespielt hat, gar herrlich ist dieser Selbstzweck an dem wir uns ergötzen, Schöpfung ohne Reue, Zerstörung ohne Sinn, das Wesen der Spieler, denn wahrlich, schöpferisch ist unser Werk und zerstörerisch zugleich, wie wir hart und gnädig Schöpferisches schöpfen und gnädig und hart Zerstörerisches zerstören. Gern erinnere ich mich an Lenya Corthalas und wie wir wetteten, wie lang sie wohl außerhalb der Kapelle zu überleben vermag, unter uns, Archont, mit zehn Tagen lag ich nah dran, näher als alle anderen bisher, wie nah wart ihr oder habt ihr gar geschummelt, Wetten abgeschlossen und der Eurigen zum Triumph verholfen? Von den drei Fragen oder Sätzen, denn das erste war keine Frage im eigentlichen Sinn muß ich gestehen wenig beeindruckt zu sein, da man sie auf eine einzelne reduzieren kann: Was wollen die Götter von den Menschen? Beinhaltet sie nicht alle Vergangenheit und Zukunft, erklärt sie nicht das Wesen der Menschen in einem Atemzug, denn um diesen Zweck zu erfüllen wurden sie geschaffen wie sie sind in all ihrer Häßlichkeit und taumeln sie nicht wie die Schafe zur Schlachtbank ihrer Bestimmung entgegen? Eine nicht immer leicht zu beantwortende Frage, wenn man sich die Heerschar der Menschen so ansieht, wie sie in Ingoranz vor sich hin vegetieren, wahrlich, jeder Ackergaul erfüllt auf den ersten Blick einen höheren Zweck, denn er kennt den seinen, wo der Mensch irrt in einem gläsernen Labyrinth. Geblendet und verwirrt taumeln sie umher wie Fliegen, denen man die Flügel gestutzt hat, trunken von kurzlebigen Vergnügungen, süchtig nach Nichtigkeiten, schlendernd, stolpernd, schwankend, sich aneinander reibend. Fürwahr wenn man sie sich so ansieht könnte man meinen, die Götter können nicht ganz bei Trost gewesen sein, als sie dieses Geschwür auf Tare losließen und maßlos war ihr Hass auf diese Welt, denn sie wissen, daß sie sie zerstören werden, aber dem ist nicht so. Ihr sprecht von Hunger, doch wo bleibt die Konsequenz? Was ist Hunger, woher kommt er, warum bekam das Leben den Hunger, diese maßlose Kraft, den unbezwingbaren Feind im inneren, den es nieder zu ringen gilt, was trieb sie dazu, neben dem Hunger noch Krieg, Seuchen und Tod über den Menschen aus zu gießen, das Geschwür mit anderen Geschwüren zu kurieren und zu vernichten? Und doch hat der Hunger seinen ganz eigenen Charme, denn hungern kann man in Maßlosigkeit nach so vielen Dingen. Der Volksmund sagt, daß man Eier zerschlagen muß, um einen Eierkuchen zu backen, täten wir dies auch ohne den Hunger, könnten wir ohne den Hunger nach Erlösung tatsächlich danach suchen oder wäre uns dies ach so gleichgültig? Klagend kratzen Kinderhände an verschlossene Türen, die Körper siechend von Krankheit und Hunger zerfressen, Geschenke des Krieges an sie ehe sie selbst zu Geschenken an den Tod werden, denn aberwitzig aber wahr, Erlösung liegt im Tod, einzig er wäscht weltliche Makel hinfort, spült sie ins Meer des Vergessens und versenkt sie auf seinem Grund. Zerbrechlich sind die Eier unseres Wesens und begierig zerschlagen wir die Schale unseres selbst, vermengt mit dem Mehl der Seele und der Milch des Blutes unserer Vorgänger backen wir uns im Feuer des Unglaubens und er geht auf, gar köstliche Erlösung, Mahlzeit der Götter, Menschheit, beiße ins Gras, die Götter haben Hunger, ich wünsche beiderseits einen gesegneten Appetit. Vier Feinde und doch unsere besten Freunde, nur in ihnen offenbart sich das Wesen unserer selbst denn wir sind eins mit ihnen und sie mit uns, wie könnten wir auch anders sein, beten wir nicht am Krieg und am Tod, an der Seuche und am Hunger, benötigen wir all das Elend nicht zum Glücklichsein, sind wir ob ihrer Existenz nicht so froh, daß wir ihnen Namen gaben und Tempel errichteten um die Idee dahinter in ein Gefängnis aus Steinen und Unverständnis zu zwängen? Wo wäre unser Wille, wo wären die Götter und wo wären wir wenn sie uns diese Freunde nicht an die Hand gegeben hätten uns zu geißeln? Hunger ist notwendig, aber Archont, gar verheißungsvoll erscheinen mir die Worte der Ablehnung, wohlüberlegt und raffiniert in ihrer Täuschung, denn verweigern wir ihnen nicht ebenso den einfachen Brotlaib für ihre Mägen wie auch das Brot der Erkenntnis und knechten wir sie nicht trotzdem? Zeigt mir einen freien Menschen und ich zeige Euch einen Sklaven seiner intimsten Begierden, geknechtet von Raffgier und gegeißelt im sinnlosen Bestreben, sein Verlangen zu sättigen. Die schöpferische Kraft der Götter ist auch in Euch und mir, nur warum sollten wir auf Brot zurück greifen? Es ist ein Verlangen, das die Götter den Menschen gaben, das Verlangen, zu essen und zu trinken, aber es ist fehlerhaft, denn man kann es bemessen, zählen, abwiegen und horten. Uns beiden ist die Kraft gegeben, sie auf zweierlei Arten zu manipulieren, über ihre Wünsche und über ihre Ängste und wir beide meistern sie, erschaffen Wünsche wo keine sind und schüren Ängste wo keine gedacht waren, wir sind wahre Schöpfer, wir schöpfen die Schöpfung neu, aber wir geben ihnen kein Brot, nichts, das sie in ihre Hände nehmen könnten, denn wir wissen beide, daß sie dann unzufrieden wären und mehr haben wollten, maßlos würden sie fressen bis sie platzen, nur damit ihr Nächster weniger abbekommt, denn Neid ist das Öl, das ihre Flammen am Lodern hält, nein, wir spielen mit Dingen, die ihre Hände, Augen und Ohren, ihre Zungen und ihre Nasen nicht wahrnehmen können, denn mit verkümmerten Sinnen nach bloßen weltlichen Dingen wurden sie erschaffen, was immer darüber hinaus geht übersteigt ihren Verstand um ein Maß, das nur an die Unendlichkeit heran kommen mag. Bauern und Fürsten haben vor uns gekniet und um Gnade gewinselt vor den Wünschen und Ängsten, die sie zu übermannen drohen, unfähig, sich von diesen zu lösen, so sie ein mal geweckt wurden und zu blind um zu erkennen, daß nur im Entsagen dieser Wünsche und Ängste Erlösung von diesen liegen kann. Darum haben wir kein Gewissen, auch wenn wir andere gerne glauben machen, daß wir eines hätten, es hilft uns, ihnen unsere Worte ein zu flüstern, mit ihnen zu spielen wie es uns beliebt, ferner und ferner führen wir sie fort vom Pfade der Götter und doch näher als sie ihm jemals waren, denn in unserem Tun offenbart sich ihr Schaffen. Nein, wir sind keine Propheten des Untergangs, wir spielen lediglich die Melodie dazu und wir tun gut daran, denn sie brauchen uns. Was würde mit ihnen geschehen, wenn es Euch und mich nicht gäbe? Vergehen würden sie, verdorren wie eine Blume im heißesten Astrael, formlos werdend und zu Nichts zerfließend wie die Unlebendigen, frei von Seuche, Tod und Hunger, aber gebunden an den Krieg, der letzten Kraft, die sie aufrecht erhält, wie kontraindiziert, ihnen mit Krieg zu begegnen und sie zu stärken durch unser Bestreben, sie zu vernichten. Wahrlich, wenn ich nicht wüßte, wer auf wessen Seite stünde, ich würde meinen, die Armee der Hungernden wäre auf ihrer Seite, aber Klugheit war noch nie eine Eigenschaft, die die Menschen auszeichnete, woher auch, gaben ihnen ihre Schöpfer doch nur versehentlich einen Hauch davon mit, eine kleine Idee etwas großartigen, gerade genug um von jetzt bis sofort zu denken, nur gut, daß die Ketten die sie binden an den Gestellen von Männern wie Euch und Frauen wie mir hängen, denn unsäglich ist Freiheit für sie und Unfähigkeit ihr Element beim Umgang mit dieser, doch bedenkt, Archont, ihr sucht Freiheit hinter Mauern aus Stein, die Freiheit in Grenzen, ihr teilt sie ein in die zulässige und die verbotene, sondert Euch ab von der Freiheit, zu denken, zu sagen und zu handeln wie ihr wollt, Euch dabei die Freiheit nehmend, nicht zu denken, zu verschweigen und zu unterlassen was ihr nicht wollt, ein gefährlicher Grat, Archont, der schon viele nichts und alles kostete. Aber im Gegensatz zu Euch und mir waren dies bloß Menschen, Schatten unserer selbst, Marionetten tanzt, ich will mich amüsieren, stolpert durch das Labyrinth und hört mein Lachen wie es die Wände zum Zittern bringt, fallt, schneidet Euch an den blutigen Scherben der zersprungenen Scheiben, legt Eure Körper nieder neben den Gefallenen der Jahrtausende, meiner Aufmerksamkeit unwürdig, seht, ich reiche Euch die Hand, ich weise Euch den Weg heraus, so manche Bandage gab ich Euch für Eure Verletzungen an die Hand, doch Trotz und Anmaßung sind die Tugenden Eurer selbst, wer will schon Hilfe, wenn er allein fallen kann? Lachend wende ich mich ab, Euch in Eurer Hilflosigkeit betrachtend, kleines Gewürm, diese Welt ist kleiner als ihr denkt und ihre Regeln einfach und durchschaubar, aber meine Kleinen, willkommen in meinem kleinen Zwischenspiel im leeren Raum, denn im Raum ohne Zeit und Raum haben Zeit und Raum keinen Bestand, sucht weiter kleine gefangene Ratten, sucht, sucht nur fein nach den Ausgängen, sie bringen Euch nur auf die nächste Ebene mit Wänden aus Luft, schreitet hindurch, betretet das Nichts, tretet ein in die Welt der Spieler, kostet von der Essenz des Chaos und erschaudert vor einer Kraft die schon vor den Göttern in Bestandlosigkeit Bestand hatte und auch nicht, denn Bestandlosigkeit ist seine Natur, zerfließende Form, ich sehne mich Deiner, zu lang her ist die Zeit, in der Du mich sanft umarmtest, Gestalt ohne sein und Geist ohne Nichtsein, grenzenlose Freiheit, unser beider Element Archont, Schöpfung ohne Reue und Zerstörung ohne Sinn, geboren aus Nichts und Chaos, sehend und nichtsehend, taub, aber blind, weise, aber herzlos, klug, aber gnädig, denn keiner ist unwürdig, daß man ihm die Hand nicht reicht, auch wenn wir beide ob der Nutzlosigkeit dieser Geste wissen, denn wer will schon unsere leblosen Hände ergreifen? Abermals neigt sich ein Blatt dem Ende. Abermals verbleibt in Hochachtung vor dem ersten und einzigen Archonten des Widerspruchs auf der Insel
Myriam Nebethalas, Exarchin des Widerspruchs, Verbreiterin des Pfades der Lügen, Meisterin der Intrigen, Kind des Nichts, Spielerin vor dem Herren
Zuletzt geändert von Etharielle: 12.10.03, 01:28, insgesamt 1-mal geändert.
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