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Sawa starrte zur Decke. Durch eines der vielen Fenster fielen Sonnenstrahlen genau in ihre graublauen Augen und brachten so ein wässriges Kobalt und Violett ins Spiel. Der ganze kleine Körper der Frau war verkrampft, vom Leben gewichen und der Ausdruck zeugte von keiner Ruhe, keinem Frieden. Nur ein Zerrnis dessen was es einst war.
Die kurzen Kordellsträhnen strichen über ihre Wangen oder dem Platz wo einst diese sonst so mädchenhaft zarte Haut von ihren rosigen Wangen sang.
Das Gesicht hatte an vielen Stellen etliche kleine und größere rote Flecken und hier und dort blieben ihr auch einige Blasen von den Verbrennungen der Vergangenheit. Ein Künstler hätte gar in diesem Moment jene Flecken als ein Geflecht, ein in sich gekehrtes Bild, intepretiert, doch hier war kein Künstler, hier war auch kein anderer Mensch und es war auch keine Kunst.
So lag sie dort in den Ruinen allein, von den Lebenden verspottet und in ihrem Unwissen zurückgelassen. Sie wollte so viel wissen und erfuhr nichts.
Einzig war ihr eine naive Liebe, ihr leidenschaftsvolles Herz geblieben und sie nährte es mit ihrem fanatischem Glauben, doch auch das sollte nicht genügen.
Wie an jedem Morgen stand sie auf und begab sich zu den Ruinen von Brockental. Sie erzählten eine Geschichten, sie hatten eine Vergangenheit und wie sehr beneidete der kleine Blondschopf diese alten Steine, dessen Ruhe sogar die vielen schlürfenden Schritte der Untoten nicht zerstören konnte.
Sie labte sich in Verzückung an diesen kurzen Morgenstunden, denen der Tau der vielen wuchernden Pflanzen kostbare Wassertropfen abgewann und sie zu einem diamantischen Glänzen brachte. Voller Zufriedenheit saß sie hier und betete. Betete für ihre Geschwister auf das auch an diesem Tag sie reichliches Glück bescherte. Denn das Glück, so glaubte sie fest, war etwas wildes und unbendiges, sodass man es mit aller Kraft festhalten musste.
Sie legte ihre zierlichen Finger ineinander und senkte den Kopf.
Genau in diesem Moment erinnerte sie sich an ihre Freundin, die sie so sehr liebte, dass es ihr schwer viel jener nicht um den Hals zu fallen und sie mit tausenden Küssen willkommen zu heißen, wenn sie in die kleine Festung kam um nach dem Rechten zu sehen. Wie sehr wollte sie sie einmal in einen Kleid sehen, mit ihr Wein trinken und einfach nur Lachen - Man musste die Etikette wahren.
Ja, die Etikette, das Benehmen, wie sehr pflegte ihre Freundin es. Sie war stark und sie kannte Sawa von Früher, bevor das alles geschah, bevor man sie zumauerte und mit aller Kaft davon abhalten wollte an an dem Vergessenem zu rütteln, sie in das Jetzige bunkerte und sie mit freien Zukunftsvisonen voller starken Zusammenhaltes lockte.
Doch Sawa war zu schwach. Sie brauchte immer jemanden, der sie schütze, hoffte auf den Beschützerinstinkt, der in Menschen wach wird, wenn sie ein kleines Neugeborenes sehen. Nun musste sie mit Bitterheit feststellen, dass sie kein Kind mehr war und dass sie wahre Verantwortung tragen musste. Sie fühlte sich nicht bereit und hoffte verzweifelt, dass ihre Freundin ihr helfen würde und könnte. Ihr erstes Gebet war stets an Talisha.
Erst jetzt schien der Tag aufzublühen, die Geräusche der Skelette ließ sie vollkommen ausser Acht und konzentrierte sich nur an die Bilder in ihrem Kopf. Stets sah sie die Personen an die sie dachte in einer solchen Präzision, dass es wie ein mit viel Sorgfalt gepinseltes Gemälde erschien als ein wages Bild der Wirklichkeit. Sie schienen aufgefangen in einem bestimmten Moment und meist war dieser lieblich und von wahrer Freude. Solch tiefster Freude, die sie auch für ihren Sohn empfand und so betete sie nun für ihn. Aus purem Egoismus schien es ihr, dass sie betete, er würde seinen Weg unter den Lebenden finden, den sie so vergebens gesucht hatte. Denn sie wünschte ihm Freundschaft, jemanden, der sich um ihn kümmern konnte in der Zeit, wo sie nicht bei ihm war. Sie wusste zwar, dass der Herr stets schützend seine Hand über sie hielt, doch ein innerer Missmut umfing sie stets, wenn sie wiedermalig etwas falsch machte. Fehler ließen sie straucheln und mir ihr ihren Sohn. Doch wie hätte sie auch etwas richtig machen können? Sie wusste nicht einmal wo ihre Fehler waren, denn eigentlich wusste sie nichts über sich. In ihren Kopf waren viele Scherben, Teile, die sie nicht zusammen zu legen verstand und so zog sie sich in eine Sorgnis über die Anderen zurück um sich nur nicht um sich selbst Gedanken machen zu müssen und möglicherweise so zurück in diese Depression zu verfallen und die Hoffnung auf Besserung, auf Wissen zu verlieren.
Sie stand auf, versuchte sich trunken zu bewegen, doch ihr Körper blieb in einem krampfhaftem Sitz fest und löste sich nur aufgeweicht gen kalten steinernden Boden. Sie fühlte sich angezogen von einer Dämmerung, alles in ihr sagte plötzlich "Schlaf". Etwas hielt sie in seinen festen Griff und wollte nicht loslassen. Sie wehrte sich und im gleichen Moment wusste sie von dieser Sinnlosigkeit. Sie war zu stur, sie wollte nie aufgeben, nie. Und sogar als Sawa merkte, dass sie sich gegen ihr eigenes Verlangen nach Ruhe aufbäumte, schrie sie nur mehr auf, sodass der kleine Rabe, der sie stets beim Beten durch seine schwarzen punktartigen Augen beobachtete, wegflog und sie nun in einer völligen Einsamkeit zurückließ. Ihr Körper verkrampfte sich vollends und sie riss die Augen unmenschlich auf, in ihren Kopf drehte sich alles und doch waren ihre Gedanken klarer als sie je gewesen sind.
Sie wollte keine Gejammer mehr hören, keine schmerzverzerrten Gesichter sehen und sie wollte auch nichts von irgendwelchen Verschwörungen hören, die ihr so unnatürlich und so sinnentleert erschien wie ein kleiner Käfig voller tausend Leiber, die sich verzweifelt versuchten zu befreien und doch wussten, dass genau in diesem dreckigen Loch der Panik ihr Weg ein Ende finden würde, zumindest unter den Lebenden. Sawa wollte den Weg unter den Lebenden beschreiten, sie musste noch so viel erledigen, sie durfte nicht versagen und sie durfte sich auch nicht, wie in den letzten 8 Jahren, der verzückenden Umarmung des Todes hingeben.
Jetzt musste sie siegen und sie war bereit alles für diesen Sieg, für den Triumph über die, die sich an dem Leid ihrer Geschwister labten und denen, die nicht verstanden, nicht verstehen wollten. Sie wollte Siegen über den Hass, über diese verschrumpelte Weltanschauung. Sie wollte Frieden.Und in diesen Lumpen ihrer Hoffnung verlor sie sich im farbigen Tanzmeer ihrer Träume und stieg in eine unnatürliche Reise ihrer Vergangenheit hinzu.
Zuletzt geändert von Lillith: 21.10.03, 03:00, insgesamt 1-mal geändert.
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