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Schon als sie den Brief auf dem Tisch liegen sah, hatte Saphyriella ein seltsames Schaudern gespürt, so als wenn kalte Klauen nach ihr greifen würden, sie zurück in die Kälte reissen wollten.
Die Schrift war eher ungelenk, das Papier einfach. Rasch dahin geschmiert, eine kurze Information.
'Dein Vater liegt im Sterben.'
Sie wollte kalt bleiben, es hinnehmen, ihrem Tagwerk weitergehen, doch die Kälte kam nicht, übermannte nicht ihr Herz, stattdessen Erinnerungen - dann und wann schon recht diffus - davon, wie sie voller stolz ihrem Vater ihr Können in den unterschiedlichsten Dingen demonstrierte - Sprachen, Musik, Gesang, auswendig gelernte Gedichte und seien sie noch so lang, die ersten Gehversuche mit Nadel und Faden. Es waren wenige, kostbare Augenblicke gewesen, selten genug, bei all seiner Arbeit.
Die rasche Abreise, eher die Flucht, aus der vor ihr liegenden Ehe, aus dem Stillstand, heraus aus der Gewissheit, wie das restliche Leben verlaufen mag und hinein in die für sie noch unentdeckte, weite Welt, die sich ihr mit weiten Armen präsentierte, sie mit süsser Stimme lockte, zog und ihn ihre Arme riss. Fort aus dem Elternhaus, fort aus jeglicher Sicherheit und fort aus Ruhe und Frieden, gehen und wissen, dass man nie mehr zurückkehren kann.
Sie schluckte einen Kloß herab - ein letztes Mal sehen, um Vergebung bitten und hoffen, dass sie mit seinem Segen wieder gehen darf. Vielleicht war jenes ja möglich und dann könnte sie ja wieder zurückkehren...
Ihr Blick schweifte ab von dem Brief, hinaus auf die Strasse, wo Passanten vorüberflanierten, doch keinen davon beachtete sie.
Zurück...
Langsam setzte sie sich und spürte, wie ihr das Herz schwerer wurde.
Drak... wo ist er bloss, dachte sie traurig und fühlte ein stärker werdendes Brennen in den Augen. Seit Wochen hatte sie ihn nicht mehr gesehen und erst vor kurzem hatte sie erfahren, dass Herr Weidenbach ihm das Geld für den Auftrag gegeben hatte. War er damit fortgegangen? Hatte ihn das Geld so sehr dazu verleitet, alle Liebe, alle Treueschwüre fahren zu lassen, nur um woanders sich mit dem Gold zu vergnügen? Saphyriella sah, wie das Zimmer um sie herum verschwamm, als die Tränen in ihren Augen aufstiegen.
Hatte er es gar niemals ernst gemeint?
Eilig wischte sie die Tränen, die sich aus den Augen ihren Weg über die Wangen bahnten, hinfort. Nein, sie wollte keine Schwäche, biss die Zähne aufeinander und wischte immer wieder und wieder über ihre Augen, bis sie es aufgab und ihren Kopf leise schluchzend in ihren Händen vergrub.
Was gab es für sie hier noch? Die Arbeit... ein paar nette Menschen, Elfen und Zwerge...
Aber was hatte sie dafür schon Grausames erlebt? Orks, die sie verprügelten, nur für wenige Stücke Leder, ein monsterartiges Wesen, dass durch die Stadt wandelte und dann nun dieses - verraten, für einige Dukaten!
Matt lag ihr Kopf auf ihren Armen, die sie auf dem Tisch verschränkt hatte und ihr Blick fiel auf ein kleines Kästchen, während weitere Tränen auf die Tischplatte fielen. Die Ecke eines Briefes schaute heraus, ein graues Wachssiegel prangte auf dem Pergament und die fein geschwungene Schrift eines Mannes zierte den Brief.
Nur mühevoll schluckte sie den Kloß hinab - er hatte ihr seine Liebe gestanden.. und sie ihre Treue zu Drak.
"Johann," wisperte sie leise, als sie über das Papier mit ihren Fingern strich. Etwas wärmer wurde ihr Herz, ein wenig wurden die Schatten vertrieben, als sie an seine Worte dachte.
Einen Grund mag es wohl noch geben, wieder zurückzukehren, dachte sie traurig...
_________________ Q: I've always tried to teach you two things. First, never let them see you bleed. James Bond: And the second? Q: Always have an escape plan.
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