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 Betreff des Beitrags: Abreise
BeitragVerfasst: 23.10.03, 00:50 
Edelbürger
Edelbürger
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Schon als sie den Brief auf dem Tisch liegen sah, hatte Saphyriella ein seltsames Schaudern gespürt, so als wenn kalte Klauen nach ihr greifen würden, sie zurück in die Kälte reissen wollten.
Die Schrift war eher ungelenk, das Papier einfach. Rasch dahin geschmiert, eine kurze Information.
'Dein Vater liegt im Sterben.'

Sie wollte kalt bleiben, es hinnehmen, ihrem Tagwerk weitergehen, doch die Kälte kam nicht, übermannte nicht ihr Herz, stattdessen Erinnerungen - dann und wann schon recht diffus - davon, wie sie voller stolz ihrem Vater ihr Können in den unterschiedlichsten Dingen demonstrierte - Sprachen, Musik, Gesang, auswendig gelernte Gedichte und seien sie noch so lang, die ersten Gehversuche mit Nadel und Faden. Es waren wenige, kostbare Augenblicke gewesen, selten genug, bei all seiner Arbeit.
Die rasche Abreise, eher die Flucht, aus der vor ihr liegenden Ehe, aus dem Stillstand, heraus aus der Gewissheit, wie das restliche Leben verlaufen mag und hinein in die für sie noch unentdeckte, weite Welt, die sich ihr mit weiten Armen präsentierte, sie mit süsser Stimme lockte, zog und ihn ihre Arme riss. Fort aus dem Elternhaus, fort aus jeglicher Sicherheit und fort aus Ruhe und Frieden, gehen und wissen, dass man nie mehr zurückkehren kann.

Sie schluckte einen Kloß herab - ein letztes Mal sehen, um Vergebung bitten und hoffen, dass sie mit seinem Segen wieder gehen darf. Vielleicht war jenes ja möglich und dann könnte sie ja wieder zurückkehren...
Ihr Blick schweifte ab von dem Brief, hinaus auf die Strasse, wo Passanten vorüberflanierten, doch keinen davon beachtete sie.

Zurück...

Langsam setzte sie sich und spürte, wie ihr das Herz schwerer wurde.
Drak... wo ist er bloss, dachte sie traurig und fühlte ein stärker werdendes Brennen in den Augen. Seit Wochen hatte sie ihn nicht mehr gesehen und erst vor kurzem hatte sie erfahren, dass Herr Weidenbach ihm das Geld für den Auftrag gegeben hatte. War er damit fortgegangen? Hatte ihn das Geld so sehr dazu verleitet, alle Liebe, alle Treueschwüre fahren zu lassen, nur um woanders sich mit dem Gold zu vergnügen? Saphyriella sah, wie das Zimmer um sie herum verschwamm, als die Tränen in ihren Augen aufstiegen.
Hatte er es gar niemals ernst gemeint?

Eilig wischte sie die Tränen, die sich aus den Augen ihren Weg über die Wangen bahnten, hinfort. Nein, sie wollte keine Schwäche, biss die Zähne aufeinander und wischte immer wieder und wieder über ihre Augen, bis sie es aufgab und ihren Kopf leise schluchzend in ihren Händen vergrub.
Was gab es für sie hier noch? Die Arbeit... ein paar nette Menschen, Elfen und Zwerge...
Aber was hatte sie dafür schon Grausames erlebt? Orks, die sie verprügelten, nur für wenige Stücke Leder, ein monsterartiges Wesen, dass durch die Stadt wandelte und dann nun dieses - verraten, für einige Dukaten!

Matt lag ihr Kopf auf ihren Armen, die sie auf dem Tisch verschränkt hatte und ihr Blick fiel auf ein kleines Kästchen, während weitere Tränen auf die Tischplatte fielen. Die Ecke eines Briefes schaute heraus, ein graues Wachssiegel prangte auf dem Pergament und die fein geschwungene Schrift eines Mannes zierte den Brief.
Nur mühevoll schluckte sie den Kloß hinab - er hatte ihr seine Liebe gestanden.. und sie ihre Treue zu Drak.
"Johann," wisperte sie leise, als sie über das Papier mit ihren Fingern strich. Etwas wärmer wurde ihr Herz, ein wenig wurden die Schatten vertrieben, als sie an seine Worte dachte.

Einen Grund mag es wohl noch geben, wieder zurückzukehren, dachte sie traurig...

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Q: I've always tried to teach you two things. First, never let them see you bleed.
James Bond: And the second?
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BeitragVerfasst: 30.10.03, 01:46 
Edelbürger
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Saphyriellas Blick ging über die Klippen hinaus auf das weite und vom Wind aufgewühlte dunkle Meer. Sie schloss die Augen und zog den bläulichen Umhang fester um sich. Sie fühlte sich ebenso aufgewühlt, denn mehrmals ertappte sie sich dabei, wie sie ihren Entschluss von Siebenwind abzureisen überdachte und gar aufgeben wollte und das nur wegen ihm, Johann...

Ein Schauder ging über ihren Körper und sie sehnte sich zurück zu ihm, seinen Worten, die er in ihr Ohr voller Liebe gehaucht hatte, seinen sanften Lippen, die auf ihren trafen, seine warmen Hände, die ihren Leib ausgiebig liebkost hatten, Sicherheit, die er ihr vermittelte, wenn er sie in seinen Armen hielt - all das konnte sie hier, auf diesem Eiland bekommen, jeden Tag, wenn er und sie Zeit hatten, doch drüben, auf dem Festland würde sie ihn noch schmerzlicher vermissen als jetzt, in diesen kurzen, einsamen Stunden.

Drüben würde ihre Familie ihr wohl mit Kälte begegnen, nicht zu vergessen die Krankheit, vielleicht sogar der Tod, ihres Vaters, der die Stimmung noch weiter drücken würde.
Sie öffnete leicht blinzelnd die grünen Augen. Wieder überdachte sie ihre Entscheidung, etwas, was sie gar nicht wollte.
Eigentlich wollte sie sich nicht mehr so verletztbar machen, denn stets wenn sie jemanden wirklich liebte, tat ihr gerade diese Person weh. Würde er es auch irgendwann tun?
Sie schluckte einen Kloß, denn die Wunden waren noch nicht verheilt, trotz der liebevollen Zuwendung, die ihr Johann gab.

Vielleicht war das auch ein guter Grund, um für eine gewisse Zeit fortzubleiben - sie würde nicht mehr die Kaserne sehen müssen, die anderen Rekruten...
Sie könnte in aller Ruhe erstmal vergessen und lediglich die guten Erinnerungen bei sich behalten.
Sie lächelte matt... sie wusste genau, dass genau das ihr Probleme bereiten würde.
Matt seufzend wandte sie sich von den Klippen ab, ging langsam zurück gen Brandenstein und wünschte sich nichts seliger, als ein ganz normales, ruhiges Leben irgendwann führen zu dürfen.

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