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Die Dunkelheit senkte sich langsam über das Land und der leichte Nieselregen prasselte seit einer Ewigkeit beständig auf sie hinab, so dass sie von Kopf bis Fuß bereits völlig durchnässt war. Sie vermisste ihn und doch war sie noch immer nicht bereit wieder zurück zu gehen. Sie hatte die Einsamkeit gesucht und nahm sie noch immer mit offenen Armen auf, auch wenn sie nicht mehr genau wusste warum sie sie überhaupt gesucht hatte. Viele Wochen, waren ins Land gegangen, seit dem sie ohne ein Wort von ihm fort gegangen war. Hatte sie Angst gehabt, dass er sie zurück halten würde, wenn sie gehen wollte? Sie liebte ihn und doch hatte er eine gewisse Furcht vor ihm in ihr ausgelöst mit jedem Tag da er sich mehr verändert hatte. Er war nicht mehr der Mann in den sie sich verliebt gehabt hatte, aber auch sie war nicht mehr die, die sie einst gewesen war. Der Krieg hatte seine Opfer gefordert und diese Opfer bestanden nicht nur aus Toten. Ihr Opfer war ihre naive Unschuld, ihr heiteres Gemüt. Sie war um so vieles ernster geworden und sein Opfer, es war fast, als wäre er um Jahre gealtert, als wäre jedwedes Glücksgefühl in ihm erloschen und dem Dunkel gewichen. Die Dinge, die er über sich selbst erfahren hatte und ihr weitergab in langen Gesprächen, hatten eine gewisse Distanz zwischen ihnen aufgebaut, ohne dass sie es gewollt hatte. Ob er sie vermisste? War es ihm überhaupt aufgefallen, dass sie weg war? War ihr verschwinden überhaupt jemandem aufgefallen?
Sie hatte in all der Zeit nicht mehr getan, als ihren Gedanken nachzugehen, zu beten und den Umgang mit dem Schwert zu verbessern. Letzteres hatte seine Spuren auf ihrem Körper hinterlassen, wobei diese sich nicht auf Wunden oder Narben bezogen, da sie immer nur für sich geübt hatte, sondern sich eher in ihrem Aussehen niederschlugen. Ihr Körper war in der Zeit sportlicher geworden. Wendig und schnell war sie schon immer gewesen, wie hätte es auch anders sein sollen, da man als Diebin darauf angewiesen war, wenn man überleben wollte, doch nun wuchs auch ihre Kraft von Tag zu Tag ein wenig mehr an. Mit jeder Übung wurde es ihr leichter das Schwert zu heben und schon bald, brauchte sie nicht einmal mehr beide Hände um es anzuheben und ihre Übungen zu absolvieren. Sie wurde langsam zu einem nützlichen Mitglied der Gemeinschaft, würde es zumindest sein, wenn sie zurückkehrte. Genau das war es, was sie sich schon seit langem gewünscht hatte, nützlich zu sein, nicht mehr nur dumm herum stehen zu können und nichts weiter zu tun als zu zugucken.
Noch immer ging sie Schritt um Schritt durch den Regen, ohne auch nur im Entferntesten ein Ziel zu haben und noch immer war sie in Gedanken versunken, Gedanken die mal um ihren Verlobten und mal um diesen frechen Schwarzmagier kreisten. Den Kerl hatte sie auch schon lange nicht mehr gesehen. Wie es ihm wohl ergangen war in all der Zeit? Sehnsucht nach der Stadt umfasste ihr Herz und hielt es kurze Zeit gefangen. Sollte sie vielleicht nach Brandenstein zurückkehren? Das letzte Mal als sie dort gewesen war, war sie zur Mutter geworden. Ein leichtes Schmunzeln huschte für einen Moment über ihre Züge als sie daran dachte, wie sie das erste Mal "Mama" genannt worden war. Das Kind hatte nicht mehr von ihrer Seite weichen wollen und wie hätte sie die Bitte um Geborgenheit abschlagen können nach einem Blick in diese unschuldigen Augen?! Vielleicht sollte sie doch wieder zurück zu den anderen gehen und sei es nur um des Kindes wegen. Wie würde er wohl reagieren, wenn sie plötzlich wieder vor ihm stand und viel wichtiger, wie würde sie selbst reagieren, wenn sie ihn wieder sah? Als wenn sie selbst unbewusst ihre Schritte in die richtige Richtung geleitet hätte, stand sie wieder an dem Platz von dem sie vor ein paar Wochen losgezogen war. Ihr Blick glitt an dem Gemäuer entlang und einen winzigen Moment zögerte sie ehe sie näher ging, mit dem festen Willen ihrem Schicksal nicht mehr länger davon zu laufen.
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