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Wind stob die abfallende Seite des Felsmassivs hinauf, doch er brachte nicht die ersehnte Dunkelkühle – warm und trocken schlug er der Gestalt entgegen, die ihm widerstand, bis er abschwächte und sich über dem karken Geröll niederlegte.
Der Mensch dort oben, der sich einen Weg über zerklüfteten Stein gesucht hatte um die Anhöhe an ihrem äussersten Rande zu erreichen, harrte unbeweglich aus und starrte hinab in Tiefen, die sich in Dunkelheit verloren. Kaum mehr zerrte ein Luftzug am staubigen Umhang, der von schmächtigen Schultern über blankes Leder fiel, das den Leib umschlossen hielt.
„Noch nicht... nicht... erst muss... dieses herunter“, keuchte eine heissere Stimme, die befremdend klang in der Stille des verlassenen Ortes und einer trockenen Kehle erlag.
Die junge Frau wandte und rührte sich, bis die Rüste herabfiel und vor den schorfigen Stiefeln liegenblieb. Befreit sog sie die Luft ein, doch der Atem war so brennend, dass Husten sie schüttelte. Abermals fuhr der Wind hinauf, drückte nieder in der Hitze, die er mit sich brachte, strich übers haftende schwarze Haar, die rissigen spröden Lippen, trieb Tränen in die wunden müden Augen.
„Warum gerade jetzt... Oh Herrin, warum jetzt hälst du deine Wasser zurück?“
Beherzt setzte sie den Stiefel nahe dem Rand und umschlang den mageren Leib, den nunmehr weisses Tuch bedeckte und spähte hinab in den finsteren Schlund.
„Wie dem Tod ins Angesicht blicken, wenn es an Lichte fehlt“, raunte sie und schon war der Fuss zurückgesetzt.
Sie kniff die Augen fest zusammen, Sandkörnern gleich rieb die erhitzte Luft in ihnen und nahm den hellen, lauteren Glanz. Sie sammelte sich und hob den Blick entschlossen zum schwarzen Himmel. Schon verhiess der blassrote Schimmer hinter den Gipfeln der höchsten Berge Felas Wiederkehr. Unerträglich lag die Dürre über dem Land, selbst die Düsternis konnte sie nicht verdrängen.
Die junge Frau legte beide Hände flach über die schmierige Stirn und wieder wagte sie den Schritt, der sie vom Abgrund trennte.
„Ob es würdig sei in meinem Leibchen zu sterben?“ fragte sie sich laut, zögerte vor der Tiefe und schien abzuwägen. Die Hand glitt hinab und griff in die flatternden, durchschwitzten Leinen. Sie schüttelte den Kopf, trat zurück, stopfte sorgfältig den Saum in den Bund der Beinkleider und griff den Umhang, um sich zu bedecken. Zufrieden richtete sie sich auf, am Ende des Weges, am Abfall der Hügel.
„Meriwen, du könntest wenigstens Anteilnahme heucheln“, entfuhr es ihr bissig, während sie den Blick hinter sich auf die aufgewühlte Ebene richtete, die wenige Schritte unter ihr lag.
Das Pferd, dessen Umrisse sich schwach vom grauen Gestein abhoben, war von geringem Wuchs, jedoch beinahe breit wie hoch und zupfte ungerührt die letzten verdorrten Halme aus dem harten Boden, ohne auch nur den Kopf zu wenden.
Ein lautes Seufzen hallte von den Felswänden wieder, und die junge Frau kehrte sich dem Abgrund zu, der im einfallenden Licht des frühen Zyklus noch immer nicht seinen Endpunkt preisgeben wollte. Bang verzog sie das junge Gesicht, reckte den Hals und schob die Stiefelspitzen zaudernd vor.
„Was nun wenn meine Rechnung falsch gewesen?“ schreckte sie auf und nahm gleich an die drei Schritte zurück vom Rachen.
Im schwachen Schein hielt sie die Hände vors Gesicht und zählte an den Gliedern schweigend die Anlasten, die ihr einfallen wollten, der Blick gefüllt von bestürzten Tränen, als sie den letzten Finger umschlossen hielt.
„Ich habe diesen ganzen verflixten Pfad betreten, ohne auch nur die geringste Kleinigkeit recht zu tun. Abbüssen will ich meine Taten und... und ich werde meinen Fuss auf den Weg setzen, den niemand geht, kein Unheilt soll lauert dort durch mich, denen, die ich...“
Die Worte verklangen so unwirklich, als wären sie in der Einöde der Anhöhen nie gefallen.
Sie haderte mit sich selbst, beugte sich, griff die lederne Rüste am Gurt und schleifte sie schluchzend über Stein und Fels mit sich her. Sie stolperte und fing sich schleppend in den quälend warmen Winden, die Luft schien anzuschwellen, je weiter Fela seinen Kreis beschrieb.
Neben der stämmigen Stute fiel sie auf die Knie, weinte schmerzlich über die Frevel die von ihrer Besonnenheit raubten. An ihrer Seite lagen Satteltaschen im Sand, aus denen hervor das alte Schwert Darlans ragte, weitergegeben vom Vater an den Sohn, nun an die Tochter, der jeder Versuch misslang, ihre Ehre zu mehren.
„Die Götter sääen in der Menschen Herzen, und schlimmer noch wenn aus den Freuden Schmerzen gedeihen. Ach könnt ichs mir herausreissen, das Herz, könnt ichs mit den Händen greifen und vernichtend schlagen, was unbezwinglicher als jedes Heer.“
Die Stute gab ihr keine Antwort und zermalmte Kräuter, die sich in Klüften fanden.
„Nicht einmal den Tod vermag ich zu erwählen..,“ jammerte die Frau, „sieh nur wie mir tausend Dinge, unvollendet, jenen Weg versagen.“
Die Stute trottete unter der Dürre mit hängendem Kopfe weiter und kehte ihr das breite Hinterteil zu.
Aufschluchzend vergrub sie das Gesicht hinter den Armen, bis sie stille wurde und sich besann. Und so dachte sie eine lange Weile, der Zyklus verstrich und ein anderer folgte. Dachte und dachte, krämte und entzweite sich vor dem Willen des gebietenden Herrn.
Es dürstete sie in der Trockenheit und zusehends schwanden ihre Lebenskräfte, doch in den schwächsten ihrer Atemzüge, lag ein Widerstand, der sie auf die Beine zog und taumeln liess, bis sie erneut den Abgrund erreichte. Hier stand sie nun am Ende ihres Weges, und während man sie noch ausgesandt hatte, ihren Pfad zu suchen, wusste sie, dass sie ihn längst gegangen war. Er endete und kein Lachen sollte Fela mehr entlocken, kein Gedanke, der eine Wahl von ihr verlangte, die sie nicht zu treffen vermochte. Letzte Liebkosungen, sie gebührten dem väterlichen Freund, der zurückgekehrt, sie gebührten denen, die die Zyklen mit ihr teilten, und dem, den sie nicht mehr erreichen konnte und der ihren Händen entglitt wie Flammen nicht zu fassen waren. Der so stark und beharrlich auftrat, dass ihr Dasein neben ihm verblasste. Begriffen und geliebt, freigegeben und betrauert. Mit jedem Gefühl bei den ihren, weitete sie die Augen und ihre Sinne schärften sich in geschulter Wachsamkeit.
Vor ihr in der Tiefe lag die Sicht auf die Wälder frei, kein Reich der Herrin konnte erfüllender und berauschender sein in seiner Pracht. Hänge, deren grüne Färbung in verdortes Braun wechselten, Tannen, die sich schützend um die letzten Schatten drängten und ein Borstenvieh, das sich träge auf die ferne Lichtung schob. Die junge Frau warf den Kopf auf, wachgerufen richtete sie den Blick auf den Keiler, der sich ahnungslos seiner Deckung entzog. Jede Sehnsucht nach dem Ende verschwand und wich einer unfassbaren Lebhaftigkeit.
„Meriwen! Wenn du das sehen könntest!“ rief die junge Frau ergriffen aus und sah sich um zum Plateau, auf dem die Stute ein dumpfes Schnauben ertönen liess.
Die junge Frau verschränkte zufrieden die Arme vor der Brust und betrachtete die versöhnliche Aussicht, die sich ihr bot. Hinter ihr stapfte das beleibte Bergpferd auf die Stufen zu, die man in den Felsen geschlagen hatte, um die Anhöhe erreichen zu können. Mit schleifendem Zügel und Eigensinn steuerte es dem Abstieg zu, ohne in dieser Aufforderung auf sie zu warten, nur das dumpfe Auftreten der lahmen Hufe auf dem Grund der fest war wie gebrannter Lehm, verrieten sie.
„Wie kann es angehen“, murmelte die junge Frau, „wenn es die unergründlichen Launen der Götter nicht tun, wird es lästiges Selbstzweifeln sein, dass mich niederwirft. Vor göttlicher Macht zu straucheln, ist keine Schande, Liebe abzuleugnen die allergrösste... Meriwen! Heda! Vermaledeiter Esel!“
Sie sprang herunter auf die Ebene, wenige Schritte hastete sie der Stute nach, dann bleib sie stehen, keuchte und hustete.
„Und man lässt auch seine Gefährte nicht alleine zurück auf glühenden Gipfeln, die einem Hirn und Hintern versengen!“ brüllte sie der Stute nach, die hinter der Biegung verschwunden war. Ihr eigenes Echo war die einzige Antwort.
Leise fluchend trat die junge Frau in den Staub, kroch zurück zur Hochebene, auf der man die Erde aufgerissen und aufgeschüttet hatte. Mühselig und schwitzend beugte sie sich nach dem Geröll und trug einen Stein zu einem aufgetürmten Stoß. Ein weiterer Findlinge folgte unter Felas erbarmungslosem Stand, wieder einer und wieder, und sie weinte dabei still vor sich hin.
„Nun, Herr Shareth, dann trage ich diese verdammte Last“, zischte sie zerknirscht, „und glaube ja nicht, ich würde davon laufen!“
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