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Kind der Elemente
Melodie
„Im Atem des Windes bog sich das reife Korn goldgelb schwankend von einer Seite zur anderen. Tanzend. Wohl zu einer Melodie, welche für das menschliche, als auch für das zwergische und elfische Ohr nur dann zu vernehmen sein mag, wenn die abendliche Sonne auf des Horizontes Schwärze trifft. Jener kurze Moment. Wimpernschlag der Zeit. Wenn Friede herrscht und sich alles der Schönheit der Natur beugt. Doch so sei es ein Trugschluss der übelsten Sorte sich in jener Schönheit in Sicherheit zu wiegen.“
Genüsslich eine Pause einlegend lehnt sich der Alte in roter Robe in seinem Stuhle zurück. Stille, durchbrochen nur vom leisen Knistern des im Hintergrund sterbenden Kaminfeuers. Grosse Augen. Erwartungsvolle Gesichter, durchzogen mit der Ungeduld eindeutig Anzeichen. Desöfteren, so ihm das Gerede welches diese kleine lauschige Taverne, nahe der Stadtmauern Wetekas zu beherbergen wusste wie ihre Gäste selbst, nicht zuwider wurde, sass er auf diesem Stuhl. Geschichten. Mythen. Sagen. Sie wussten es jene Gehöre zu gewinnen, welche innerhalb der heiligen Mauern der Gemeinschaft nur allzu gerne ihre Fähigkeit, das Hören, zu verlieren schienen. Ein Lächeln, verschmitzt, sich in das Gesicht des Alten grabend und für einen kurzen Moment den Eindruck längst vergangener Jugend hinterlassend. Seine Stimme, warm und vertraut, verdrängt des Raumes Ruhe.
„Auf allen Vieren. Die feine, lockere Erde unter den Händen spürend, noch duftend von der Frische des noch nicht lange gefallenen Regens. So kroch sie voran. Die Kindheit in ihren Knochen. Das Gemüte rein und das Herzchen am richtigen Flecke. Welch Geschenk, jene Jahre, in denen es uns nicht verwährt, unbeschwert und ohne eines bösen Gedankens durch die Welt zu gehen. Achtsam die einzelnen Büschel des bald zu erntenden Korns zur Seite schiebend, tastete sie sich vor. Das lang gezogene Feld, angrenzend an den majestätischen und gleichzeitig, in der Schönheit dieses hellen Tages, mit einer unfassbaren Schwere und Dunkelheit erfüllten Waldrand, durchquerend. Dann, Regungslosigkeit. Flügelschlag um Flügelschlag. Kein Zucken wagte es mehr ihren mit Tatendrang erfüllten Gliedern zu entweichen. Einer Blüte gleich, deren unzählige Farben sich nicht mehr in Worte fassen lassen, setzte sich ein Schmetterling auf die Spitze einer Ähre. Direkt vor ihre Nase. Beobachtend? Oder einfach nur die wärmenden Strahlen der Sonne geniessend? Ein Kichern wanderte durch des Feldes Wellengang, langsam formend in ein helles, fröhliches Kinderlachen. Und nur kurze Zeit später stieg, für das blosse Auge vom Rande des Feldes aus kaum zu erkennen, ein kleiner farbiger Punkt in Richtung Himmel. Gefolgt von zwei kleinen nach ihm greifenden Händen. Nicht erwischend. Freudig folgt ihr Blick dem flatternden Besucher, entschwindend in nicht zu erreichende Höhen, nicht bemerkend, dass noch etwas anderes die seichte Brise des Windes unter seinen Schwingen trug. Schatten huschten über das goldgelbne Stückchen Land.“
Zielsicher greift seine vom Alter gezeichnete Hand nach dem Glase. Wein. Dunkelrot und schwer auf der Zunge liegend, so wie er ihn mochte. Stets den Vorteile im Hinterkopf, dass man allfällige Flecken vom Rot seiner Robe nicht zu unterscheiden wüsste. Welch glücklich Schicksal. Nur kurz nippen seine trockenen Lippen an jenem Safte, die Blicke der Anwesenden bohrend auf sich gerichtet wissend. Anscheinend gestärkt oder zumindest im Glauben darin, fährt er fort.
„Ich glaube meine alte Zunge ist des Erzählens für heute müde.“
Ein empörtes und alsogleich entsetztes Raunen legt sich in den Raum. Gefolgt vom amüsierten Blicke des Alten, bereits andeutend vom Stuhl, dessen Kissen sich in seiner Form gänzlich seiner Person angepasst hat, aufzustehen. Schnell. Schnell. Innert kürzester Zeit, so sei wohl kaum ein Kunde innerhalb dieser Mauern schneller bedient worden, wird ein neues Glas Wein bestellt. Und besser soll er sein. Und schwerer auf der Zunge liegen, der königliche Saft. Jaja, ganz schwer. Ganz wie es dem Roten schmeckt. Zufrieden zurücklehnend und lächelnd findet die Geschichte auf ihren Pfade zurück.
„Frauen mit Schwingen, dem blauen Himmel entlang kriechend. Kreischend. Die friedliche Stille zerreissend wie ein Stück Stoff. Schnelle Schatten. Schnelle Schritte tragen den kleinen Jungen durch das Wirr Warr an Korn, die einzelnen Büschel von einer Hand, nicht sichtbar noch greifbar, zur Seite gedrängt. Einen Weg ebnend in Richtung Wald. Schnell. Schnell. Hastig der Atem. Leise die Tränen. Ein langer greller Schrei übertönt die anderen, ehe sich eines der Wesen fallen lässt, die langen Krallen wie es scheint aus des Himmels Blau ziehend und mit ausgebreiteten Flügeln in Richtung des Kleinen stürzt.“
Jäh wird der Geschichten Lauf durch einen ungläubigen Zwischenruf unterbrochen. „Hast du uns nicht weiss gemacht, dass Kindlein sei ein Mädchen? Und nun? Durch eines Fluches Grausamkeit, zwischen deinen letzten zwei Schlücken Wein, zum Jüngling geworden, Alter?“ Ein Lachen wandert durch das Gemenge, das Interesse erdrückend. Mit einer wohl ebenso drückenden Ruhe in der Stimme folgt die Antwort des Berobten sogleich. „So du dich mit deinen wurstigen Fingern nicht an solch Kleinigkeiten festklammern würdest, Bäuerin, fände der Geschichte Sinn vielleicht sogar einen Weg in dein Verständnis. Und nun lasse mich weiterfahren.“ Das angeheiterte Gelächter verstummt.
„Der Lüfte Kraft ist oft unbändig und haltlos. Ein Windstoss. Aus dem Nichts gesandt, ward zuerst zu erkennen am leichten Wiegen der prächtig grünen Baumkronen und den Wellen, hetzend, anscheinend angetrieben durch eine unbändige Wucht, durch des Feldes Weiten. Ehe die lechzende Kreatur aus ihrer Bahn geworfen zu Boden fällt. Regungslos ihr Körper. Eine gefallene Schwester, betrauert von jenen die übrig blieben und in welchen dieser Verlust Zorn und Ansporn zu gleichen Teilen schürte. Ansporn das kleine Wesen zu jagen, welches doch so anders als sie ist. Kriechend in einer vergangenen Saat Ernte. Gehend auf zwei Beinen, so die ihrigen die dreckige Erde noch nie berührten. Ein Schrei, gemeinsam, unheilvoll und verkündend schallte sogleich über die Ebene. In jede Ecke des nahen Dorfes. An jedes Ohr.
Das schützende Dach des Waldes, in den unterschiedlichsten Tönen sanften Grüns schimmernd, ward erreicht. Erleichterung gestellte sich zu jener Angst, welche vollends vom Jungen Besitz ergriffen hatte. Die Angst vor jenen scharfen Krallen? Nein. Furcht vor den kalten Herzen. Erfüllt von Hass. Genährt mit Unverständnis. Keifend. Greifend. Zerstörend. Ruhe fand sich ein in seinem Geiste. Langsam wurden die Bewegungen, sich dem Tempo dieser unwirklichen und doch so vertrauten Umgebung anpassend.“
„Wahrlich, Frauen mit Flügeln“, höhnisch erhebt die Bäuerin ihre, für ein weibliches Wesen wohl überraschend tiefe und herrische Stimme, und die nicht vorhandene Zierlichkeit ihrer Person gleich mit. „Sowas könnt ihr komischen Käuze euch untereinander vielleicht in eurer Gruppe erzählen. Aber nicht mit mir! Humbug!“ Mit steifen Bewegungen, steinern, wohl vom zu langen Sitzen, sucht sie sich ihren Weg zum Ausgang. Drückend, schuppsend und quetschend zwischen den immer noch meist aufmerksamen Zuhörern hindurch. Keines Blickes noch Wortes würdigt sie der Alte. Stattdessen noch einmal entschlossen zum Glase greifend. Lippen befeuchtet. Kehle geölt. Geschichte fortgesetzt.
„Wohlige Wärme lag unter diesem Dache aus Blättern, vereinzelt durchdrungen von der Sonne Strahlen. Lichtpunkte werfend, einem Meer aus tausenden funkelnden Sternen gleich, dem nassen mit Moosen und Pflanzen reichhaltig und abwechslungsreich bedeckten Waldboden Leben einhauchend. Heimisch. Schnell ward sie wieder gefunden vom kindlichen Gemüte, jene Unbeschwertheit. Sprung für Sprung. Von Lichtkegel zu Lichtkegel. Erwischt, verfehlt, erwischt. Doch sowenig ein Donner auf das helle Aufleuchten eines Blitzes fehlen darf, ward die Störung dieses Idylls schon hinter der nächsten Ecke zu finden. Oder sagen wir, sie fiel vom Himmel mit grellem Kreischen, ein jedes Glas in der Umgebung zum zerspringen bringend, sowie dem Rascheln und Fallen der Blätter, welche ihrem Wege zu Vergeltung die Sicht verwehrten. Unsanft landen sie. Zusammengekauerte Körper, bedeckt von mächtigen Schwingen. Ohne weiteres Zögern, ohne jeglichen weiteren Gedanken an Spiel und Freude, setzte das Kind sein Flüchten fort. Über Laub, Stock und Stein, sich ihr niemals in den Weg legend. Und im Schatten der Bäume, seiner Sicht entschwunden, richten sich drei Gestalten auf. Glieder, niemals berührt zuvor den Boden Tares. Machen sich auf, ihrem Wahn, tief begraben in schwarzen, verblendeten Seelen zu folgen. Steif ihre Bewegungen. Steinern ihr Gang. Sich aus schreienden Kehlen anhetzend. Doch schnell sind sie. Huschend von Punkt zu Punkt. Die schweren Flügel hinter sich herschleifend, tiefe Furchen in die Erde ziehend.
Das dröhnende Rauschen des Flusses ward schon zu hören, als das kleine Mädchen die Grenze der Bäume durchschritten hatte. Doch nun ist es sichtbar zu jenem Gebilde geworden, das vor ihr lag. Schlängelnd und hetzend sucht sich das Wassers seinen Lauf in seinem Bett. Kommend aus der Tiefe des Waldes und ebenso in dieser wieder verschwindend. Hindernis auf dem Wege, weg von den Verfolgern in der Sichtlosigkeit des eigenen Nackens lauernd? Denn eines war sicher, bald werden sie sie einholen. Bald. Eine Träne, gelöst aus der Seele Innerstes, gewandert über des Kindes unschuldigen Gesichts, eine Spur hinterlassend, jener, welche die beflügelten Frauen hinter sich durch den weichen Waldboden herziehen, nicht unähnlich, fällt. Das Bildnis der Welt, die Schönheit Tares in sich widerspiegelnd. Fällt und vereinigt sich mit dem Fluss, kühl und unbeirrt seine Bahnen ziehend. Doch ward es jener Moment der das Gefüge veränderte. Was einst schnell wird langsam. Was einst langsam steht still. Das Wasser wird zu Eis, sich festhaltend an den beiden Ufern und so eine Möglichkeit bildend jenem Hindernis, der Hoffnungslosigkeit zu entkommen. Vertrauensvoll setzt die Kleine einen Fuss auf die klare doch feste Oberfläche. Ihr Rennen fortsetzend. Und so versuchten es auch jene Geschöpfe, deren Absichten nicht von guter Gesinnung waren. Doch das Eis brach unter ihnen und ihren schweren, schleifenden Schwingen weg. Sie trieben fort. Kreischend. Verschwanden in den Fluten und der weissen, zischenden Gischt.
Einem erleichterten Haschen nach Luft gleich, als hätten sich das tausende Hände um die Kehle des Jungen gelegt, passierte er den Waldrand. Und jene Wärme und Ruhe umgarnten ihn. Zögernd noch einmal einen Blick über die Schulter werfend legte sich ein Lächeln auf seine Lippen. Schnell. Schnell, lässt er sich auf alle Viere fallen. Die lockere und vom letzten Regen noch feuchte Erde zwischen den Fingern spürend und vor dem Kinde erstreckte es sich, ein Feld aus Korn, goldgelben und im Atem des Windes leicht schwankend.“
Viele sind gegangen. Des Weibes Hohn und Unwissen gefolgt. Und jene, die bis anhin noch geblieben, erheben sich mit den letzten Worten kopfschüttelnd von ihren Stühlen, die Taverne durch die schmale Eingangstür in den frühen Abend verlassend. Begleitet von des Roten aufmerksamen Blickes und langen Seufzens. Leer war er, jener Raum, eben noch gefüllt mit farbigen Bildern einer Geschichte. „So willst du ihnen nicht folgen, meine Liebe?“ Ohne sich zu des Feuers letzten Gluten zu drehen richtet er jene Worte an die junge Frau, einzig zurückgeblieben, in der Nähe des Kamins in einer Ecke sitzend. Verklärten Blickes, wohl immer noch in der Tiefe der Erzählung versunken, schüttelt sie den Kopf. Wortlos. Kurz erwidert von einem Nicken seinerseits. „Was glaubst du, Jungspund, was ist jenes Kindlein von welchem ich erzählte? Der Stolz einer Mutter und eines Vaters, wohnend in einem Häuschen, wie es sie zu dutzend auf Falandriens grünen Weiten gibt? Oder ist es mehr? Sinnbild? Glauben?“ Mit einem langen Schlucke leert der Berobte das eben noch halbvolle Weinglas und stellt es zur Seite. „So lasse mich dir etwas zeigen. Und höre genau hin.“ Was eben nur noch als Asche den Boden der Feuerstelle bedeckte, entflammt erneut mit dem Sprechen dieser Worte. Und hinauf steigen sie, Gluten, glühend in der Dunkelheit des Raumes. Sich an einem Punkte in der Luft sammelnd. Bündelnd. Bildend. Flügelchen aus Feuer. Den Blick weiter nur der Tür zugeneigt erhebt sich der Alte. Mühsam wohl. Die Hand ausstreckend, landet der flammende Schmetterling, eben noch ein Häuflein Asche, auf dieser. Gemächlich seine Schritte. Knarrend die sich öffnende Tür und geweitet die Augen jener jungen Frau, welche seinen Bewegungen folgt wie ein Raubtier der alles geliebten Beute. Erfasst werden beide von einer sanften Brise und einer Umgebung, den Silhouetten Wetekas, aus Kaminen zum Himmel aufsteigender Rauch und dem Blick auf ein weites Kornfeld. Alles getaucht in sanftes, warmes Abendrot. Nach Luft ringt sie, den ersten Schritt über die Schwelle setzend. Während der in roter Robe die Augen schliesst und lächelt. Lächelt als hätte er Frieden und Bestätigung gefunden. Es ward jener Moment, als die Sonne den dunkeln Horizont berührt. Für einen Wimpernschlag der Zeit. Und die Melodie dringt zu ihnen. Fehlende Worte. Fehlende Gedanken. Schnell der Schlag seiner Flügel, als sich der Schmetterling erhaben in die Lüfte erhebt, eine kleine Spur von verglimmenden Gluten hinter sich herziehend. Sich des Blickes der jungen Frau sicher setzt er seinen tanzenden Flug fort. Über die weiten des Feldes, ehe sich ein kaum vernehmbares, doch unbeschwertes Kinderlachen zu seinen Bewegungen gesellt. Und nur kurz, so behauptet jene junge Frau heute noch, wenn sich ihr die Gelegenheit bietet über den wahrlich schönsten Frühabend ihres Lebens zu berichten, nur für einen Bruchteil der Zeit, sah sie zwei kleine Hände aus dem Felde nach dem Schmetterling greifen, ehe dieser in der einbrechenden Nacht friedlich verglühte.
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