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Wieder trafen sich die drei, nachdem die Wolken sich am Himmel zusammengezogen hatten und den Wald langsam ins Gräuliche zogen. Er würde gleich einsetzen, sie warteten nur noch auf diesen Augenblick. Der Regen kam mit den Wolken, jeder Tropfen wuchs in ihnen auf und wurde dann auf seine Reise geschickt, hinabzugleiten durch die Luft, an der Seite der anderen, um dann doch seinen eigenen Weg zu gehen. Ob durch Geäst, über Dächer, Rinnen, Wege, irgendwann versickerte schließlich jeder Tropfen nach seinem Weg allein oder in der Vereinigung mit anderen im Dreck. Vielleicht gab er anderen die Kraft, diesen Weg ebenso zu gehen durch das Bündnis, vielleicht endete er einsam nach einem langen Pfad zwischen zwei Pflastersteinen. Doch jeder Weg endete und der Tropfen und sein Gang waren Geschichte. Es gab niemanden, der sich an den Einzelnen erinnerte, oder auch an viele, die in Form eines Regenlaufes durch die Strassen zogen. So wie sie kamen gingen sie - der Blick durch die Holzmaske klärte sich mit einem Mal und schwenkte nach oben durch die Blätter, als das Prasseln einsetzte. Seine nachdenklichen und in sich gekehrten Züge dahinter wandten sich zu einem gelassenen und beruhigenden, wenn auch schmalen Lächeln.
"Wir gehen.", recht kurz und knapp klang die Anweisung, so hob sich die schmale, hochgewachsene Gestalt aus dem Unterstand gleich in den Regen hinaus, den Köcher frisch gefüllt mit einigen länglichen Pfeilen, deren Federn durch den Gang behutsam am Fellumhang hin und hergedrückt wurden. Die anderen beiden folgten ihm wortlos heraus aus dem Unterstand, hinaus in den grauen Wald, der langsam wieder sein altes Gesicht zeigte. Nicht mehr diese Lebhaftigkeit, das Überraschende - ein Schrei oder eine Bewegung im sonnigen, schattenwerfenden Licht, welches die Blumen und Gräser in grellen Farben erstrahlen ließ, sondern nur die sanfte Ruhe des regenverhangenen Forstes selbst, die weder die Tiere noch die meisten Menschen mit sich zog. Das eintönige Prasseln im Takt, das Grau, welches sich über Bäume und Felder zog, als wäre es zeitlos. Erinnerung war nicht nötig in einer zeitlosen Welt. Die drei suchten diese Beruhigung, das Leben in einem andauernden Augenblick, vielleicht in der Hoffnung, es würde ewig währen. So gab ihnen der Regen immer wieder das Gefühl, den Funken, dass es so bleiben könnte.
Der kleine Mann drängte sich hastig durch die Büsche und warf die Zweige mit den Händen rasch und unaufmerksam vor sich zur Seite. Der Weg mußte vor ihm liegen, wenn nur dieser Regen und die Wolken nicht wären, die ihm Sicht und Orientierung nahmen. Mit seiner Ausrüstung hatte er es noch leicht gehabt, nur das Wichtigste hatte er mitgenommen, seinen leichten Bogen, die Klingen, seine Bündel mit Wasser und Nahrung, aber die dicken, schweren und mit Wasser vollgesogenen Felle in seiner Schultertasche erschwerten jeden zusätzlichen Schritt durch das dichte Unterholz. Doch erinnerte ihn das massige Gewicht ebenso bei jedem Fußtritt an die erfolgreiche Jagd. Der Gedanke daran ließ ihn einige Schritt lang gleichmäßig und kurz durchatmen, ehe er sich seiner jetzigen Situation wieder besorgter gewahr wurde. Angestrengt sah er nach vorn, rieb sich mit dem schmutzbedeckten Handrücken einige Tropfen aus den Augen und blinzelte durch die gräulichen Zweige, die sich kaum vom Hintergrund abhoben. War dort der Weg ? Ein hoffnungsvolles Lächeln setzte sich auf seinen Lippen ab, als er sich eilig seinen Weg nach vorn durch das nasse Gestrüpp bahnte.
Auf zittrigen Beinen und bis auf die Haut durchnässt stand er nun im prasselnden Regen mitten auf dem Pfad, den Blick in Richtung der vor ihm liegenden Biegung gewandt. Er sah nach den leicht gebogenen Weglauf entlang und lächelte vor Erleichterung, eine nicht mindere Last fiel von ihm ab, als er die Stelle wiedererkannte, die ihn zur Stadt führen würde. Das Glücksgefühl überdeckte alles weitere, so schob er seine Ausrüstung und den Schulterbeutel aufgemuntert zurecht und beschritt den Weg mit langsam sicherer werdenden Gliedern. In der Biegung angelangt kam ihm mit einem Schlag ein Gedanke in die Sinne, der ihn unruhig zurückblicken ließ. Unwohl breitete sich von seiner Brust aus als er zurücksah an die Stelle, wo er vor ein paar Augenblicken noch gestanden und gelächelt hatte. Er konnte sich schwach daran erinnern an diesen Augenblick zuvor, doch an den davor - er hatte einen Weg gefunden, aber für das Auftauchen des Weges vor seinen Augen fehlte ihm jede Erinnerung. Stück für Stück und Schritt für Schritt versuchten seine Gedanken den Weg zurückzugehen. Er hatte den Weg gesucht, er hatte ihn gefunden, aber weshalb und wie und was davor - alles daran war wie aus seiner Erinnerung gespült. Zögerlich rieb er sich mit der Rechten am Hals, knapp über einer kleinen, aber frischen Schnittwunde, die ihn bei der unsanften Berührung kurz aufzucken ließ, ehe sich seine Fingerspitzen mit feinen Blutspuren benetzten. Diese Wunde, er hatte sie nicht gehabt, als er die Stadt verlassen hatte, daran konnte er sich erinnern - aber an was konnte er sich nicht erinnern ? Die Wunde ... der Weg .. und der Wald ... in diesem Moment veränderte sich das bisher gleichmäßige Muster in den seichten Schlammpfützen und den Blättern und Gräsern um ihn herum. Der Regen ging langsam zurück und verebbte dann mit einem Schlag, während die letzten Wolken über ihm vorüberzogen. Auch diesmal hatten er und die Tropfen keine Erinnerung an sich zurückgelassen.
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