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Meer der Sieben Winde, 20. Sekar 15 n. H.
Lektionen - Ein arbeitsreicher Zeitvertreib-
Svendra rieb sich die verkrampften Finger. "Ich habe nicht einmal geahnt, dass es so viel gibt, das man wissen kann." Seufzend schob sie Tinte und Federkiel von sich und blickte kopfschüttelnd über die Unmengen aufgeschlagener Bücher, halbbeschriebener Pergamente, Zeichnungen und Karten auf dem Tisch. Mira lachte leise auf. "Meine liebe Svendra, das ist doch nur ein Bruchteil - das, was ein jedes Kind von höherer Geburt in seinen ersten Jahren lernen muss. Wieviel Wissen es wirklich auf Tare gibt – das kann wohl allenfalls der Einäugige selbst ermessen." Svendra stöhnte auf. "Ich bin froh, dass die Fahrt bald vorüber ist und ich das alles nicht mehr lernen muss." Wieder lachte Mira fröhlich. "Ihr habt Recht – ein Leben würde nicht ausreichen, um alles zu begreifen, was Tare bietet, geschweige denn, die kurze Dauer einer Überfahrt zwischen Siebenwind und Falandrien."
Für Svendras Geschmack reichte das, was sie in den letzten drei Wochen gelernt hatte, bis an den Rest ihres Lebens. Von den frühen Morgenstunden hatten sie jeden Tag beieinander gesessen, oft bis tief in die Nacht hinein. Zuerst hatte Mira ihr lesen und schreiben beigebracht, und Svendra, die bereits auf Siebenwind von Rose von Sonnenau und einem jungen Magier zwei erste Lektionen erhalten hatte, hatte schnell begriffen, wenngleich ihr das Führen der zarten Federkiele noch immer schwer fiel und sie die Buchstaben nur mühsam und ungelenk aufs Pergament brachte.
Dann war Mira mit der Rechenkunst fortgefahren, wogegen Svendra zuerst heftig protestiert hatte: "Aber Mira, das ist ganz unnötig, rechnen kann ich doch schon lang!" Doch dann hatte sie staunend gesehen, wieviel mehr die Rechenkunst umfasste als das bloße Zusammenzählen von Zahlen, denn Mira zeigte ihr, was sie, nach ihren Worten, als Baumeisterin unbedingt wissen müsse, und brachte ihr bei, wie man Flächen und Winkel bemaß, seine Berechnungen ordentlich auf Pergament festhielt und sogar, wie die Kaufleute kalkulierten. Es zeigte sich, dass Svendra schnell begriff, wenn sie den praktischen Nutzen erkennen konnte, doch sobald der Stoff abstrakter wurde, konnte Mira ihr die Lehrsätze auch mit noch so viel Geduld nicht begreiflich machen.
Als auch die Grundlagen der Rechenkunst abgehandelt waren, kamen zwei, drei erholsamere Tage auf Svendra zu, die Mira damit verbrachte, ihr ganz unglaubliche Geschichten aus der Vergangenheit Galadons zu erzählen, wobei sie immer wieder auf eine große Karte Falandriens zurückgriff, die sie vom Kapitän ausgeliehen und an die Wand geschlagen hatte. Svendra, mit ihrer unstillbaren Neugier auf alles, was fremd war, hatte gespannt gelauscht, doch am Ende hatte sie von so vielen Königen und berühmten Persönlichkeiten, Schlachten, Versammlungen und Verträgen gehört, dass sie alles wieder durcheinanderwarf.
"Mira, bitte, haltet ein. Ich verstehe schon nicht, was Siegfried mir von den Ritterorden und den Beschlüssen der Tafelrunde berichtet – da ist das, was Ihr mir erklärt, wahrlich zu viel für mein bißchen Verstand", hatte Svendra halb lachend, halb verzweifelt gefleht, so dass Mira die Unterweisungen in Geographie, Geschichtskunde und Politik schließlich abbrach.
So hatten sie sich wieder praktischeren Dingen zugewandt, und die letzten beiden Tage hatte Mira Svendra zu erläutern versucht, wie man Briefe und andere Schriftstücke verfasste, wie man verschiedene hochrangige Persönlichkeiten ansprach und viele andere Dinge mehr, die Svendra – als Verlobte eines Hochmeisters der Ritterschaft – nach Miras Ansicht unbedingt wissen müsse, gleichwohl Svendra das meiste davon für schlichtweg überflüssig hielt...
To be continued...
Zuletzt geändert von Svendra: 31.01.05, 01:24, insgesamt 1-mal geändert.
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