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Lang saß sie diese Nacht auf dem Dach ihres Turms, den Kopf in den Nacken gelegt um nach dem dunklen Mond Dorrayon am Firmament zu suchen. Eine nicht unerhebliche Weile war sie damit beschäftigt den Himmelskörper zu finden, der hinter schmutzig grauen Wolken verhangen, Unheil verkündend und in dieser Nacht in der Farbe von geronnenem Blut auf einer schartigen Klinge, erleuchtete. Ein Gefühl von Übelkeit ran ihren Körper langsam hinab, wie ein Regentropfen, der auf die Stirn gefallen war und nun mit aller Zeit der Welt über den Hals hinab seinen Weg zu Boden bahnte. Sie musste das Augenmerk abwenden. Zu stark füllte der Anblick des Mondes ihren Leib mit Unbehaglichkeit, wie ein schleichendes Gift, dass unaufhaltsam durch die Adern zum Herzen kroch um dieses dort anzugreifen und daran zu nagen, wie Schnecken an einem Salatblatt.
Sie wusste, dass ihm das nichts ausmachte. Er konnte den grässlichen Mond zyklenlang betrachten und würde davon eher nur noch gestärkt als geschwächt. Nein, er war kein Anhänger des Einen und doch von solch dunklen Mächten erfüllt, die ihm erlaubten von der Kraft des Dorrayon zu kosten als handele es sich um einen nahrhaften Laib Brot, den jeder Bauer zum Frühstück verschlang.
Es war ein gefährliches Spiel, das sie damals vom Zaun gebrochen hatte. Ahnungslos ob der Konsequenzen, die sie erwarteten. Wie ein kleines Mädchen, dass ohne nachzudenken die Hand durch die schweren Gitterstäbe eines Löwenkäfigs steckte, nur um später voller Stolz behaupten zu können ein wildes Raubtier berührt zu haben. Und doch unterschied sie etwas von dem kleinen Mädchen. Das Wissen, dass sich zahlreiche messerscharfe Zähne im Maul der großen Katze befanden, die ihr jederzeit den Arm oder mindestens die Hand abreißen konnten. Trotz des Bewusstseins um die Gefahr oder gerade deswegen reizten sie diese Spielchen. Das alles ausfüllende Adrenalin, dass sie durchströmte, wie eine Flutwelle ein längst ausgetrocknetes Flussbecken, wenn sie sich gegenüberstanden und die einzigste Art ihrer Kommunikation daraus bestand den anderen dazu zu bringen seine Karten aufzudecken. Ganz zu schweigen von dem glückseligen Gefühl der Macht, dass durch ihre Venen pulsierte, wenn sich ihm offenbarte, dass sie wieder das bessere Blatt hatte. Sein Gesichtsausdruck so trüb, zornig, voller Wut und Hass, wie man es für kein Geld der Welt kaufen konnte. Der Blick eines todbringenden Drachen, der sich seiner Unterlegenheit bewusst war und für diesen Moment in die Rolle einer wehrlosen Maus im Maul einer jagenden Katze gezwungen wurde.
Es hatte alles so harmlos begonnen. Wie es immer harmlos begann. Eine kleine Spielerei mit dem Plattenkragen, den er ihr trotz besseren Wissens überlassen hatte. Dreimal war sie ihm überlegen gewesen und dennoch schenkte er ihr dieses Eisenstück, dass, einmal um den Hals gelegt, seine Kräfte nutzlos machen würde. Wie konnte er sie nach all ihren Triumphen nur so maßlos unterschätzen und ihr freiwillig noch das nächste Ass, das zu einem weiteren Sieg verhelfen könnte, in die Ärmel schieben? Sie war erbost über seine Nachsicht. Sie wollte einen ebenbürtigen Gegner, keinen der sich selbst schon außer Gefecht setzte ehe es überhaupt losging. Schon einmal war ihm so ein Fehler unterlaufen. Ein lächerlicher Anfängerfehler, vor dem sie ihn sogar noch gewarnt hatte. Er hatte ihren Heimvorteil unterschätzt…zu ihrem Glück, sonst wäre diese Runde an ihn gegangen.
War es tatsächlich Nachlässigkeit, die er walten lies oder doch etwas ganz anderes…Vertrauen zum Beispiel. Er redete die letzten Tage viel davon. Aber war sein Vertrauen in sie wirklich so groß geworden, dass es jegliches gesunde Misstrauen ausschaltete? Sie konnte es sich nicht vorstellen, zumal ihr Spiel nicht beendet war und er immer noch nach Rache sann. Aber was dann? Liebe, schoss es ihr durch den Kopf, so unerwartet wie ein Blitz bei einem schnell aufziehenden Frühlingsgewitter vom Himmel zuckte. Er hatte so was erwähnt und sie hatte es…nein…sie hielt es für eine Laune seines wankelmütigen Gemüts. Ein Blick in seine dunklen Augen, die sie voller Hass ansahen, bestätigte ihr Gefühl. Jemand, der vorgab sie zu lieben würde sie nicht so anblicken, gleich, ob er wieder Opfer ihrer Macht geworden war und gefangen in seiner Hilflosigkeit.
Er tat ihr leid. Sie tat sich selbst leid bei dem Gedanken wie manipulierbar sie in dieser Hinsicht war. Weich wie Butter, die stundenlang in der Sommerhitze gestanden hatte, wenn es um Liebe ging. Sie konnte sich es nicht erlauben zu schmelzen, schon gar nicht ihm gegenüber.
Mit der scharfen Schneide ritzte sie ihm ein blutiges A auf die Stirn. Nur um aus dem A mit einem höhnischen selbstgefälligen Grinsen ein R zu formen, was der richtige erste Buchstabe ihres Namens war. Sie ließ sich dabei Zeit. Genug Zeit um die Situation in die er sich mal wieder selbst manövriert hatte, mit vollen Zügen auszukosten.
Still saß er da. Sein Hass mit jedem Schnitt ihrer Klinge wachsend, wie eine Pflanze unter Einwirkung ihrer Magie. Sie spürte an seinem eisigen Blick, dass sie eine unsichtbare Schwelle überschritten hatte. Etwas, dass sie erschauern lies. Seine Rache würde grausam sein, grausamer als er es bis zu diesem Zeitpunkt vielleicht selber geplant hatte. Die Spielereien waren vorbei. Alles was nun folgen würde war bitterer Ernst. Eine innere Stimme riet ihr sich von ihm fernzuhalten. Sie wusste, sie würde dieses mal nicht auf sie hören. Sie konnte nicht. Er zog sie an, wie ein einsames Licht eine Motte in stockfinsterer Nacht. Sie ermahnte sich zur Vorsicht. Den Übermut, den sie nach den letzten Siegen aufgebaut hatte musste sie abschütteln. Es war zu riskant ihn zu unterschätzen und sich auf vorhergehenden Triumphen auszuruhen, wie ein Grashüpfer, der im Sommer alles weg frisst, aber dann im Winter kläglich verhungert. Vorsicht war geboten und vor allem durfte sie sich nicht erweichen lassen. Schon gar nicht von ihm und seinen ihr schmerzenden Blicken.
Die Dämmerung vertrieb die Schatten der Nacht und ihre sinnierenden Gedanken. Sie konnte hier nicht ewig sitzen und grübeln. Sie hatte genug um die Ohren, die Pacht war bald wieder fällig, Torans Bierlache musste weggewischt werden und nicht zu vergessen ihr schönes neues Kleid von Brandspuren gereinigt werden.
Schwerfällig erhob sie sich. Ihr kam es vor, als würde sie an einem Hafenboxkampf teilnehmen, bei der soeben die 5 Runde eingeläutet wurde.
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