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Dalnas war in den vergangenen Tagen immer weiter nach Osten geraten.
Zunächst hatte er die Handelsstraße gemieden, doch schließlich war er
auf sie zurückgekehrt. So kam er wesentlich schneller voran. Vor einem
Tag war er schließlich ans Meer gekommen. Er kannte zwar den Hafen von
Falkenstein, aber hier bot sich ihm ein vollkommen anderer Anblick.
Der Junge stand am Rand einer Steilklippe, die beinahe senkrecht unter
ihm in die Tiefe führte. Das Schätzen von Entfernungen fiel ihm schon
immer schwer, dennoch waren es wohl über fünfzig Schritt hinab. Unten
sah er die Wellen der Bittersee gegen die Felsen branden. Die Luft
war erfüllt von den Schreien der Möwen. Sie hatten sich der Schwerkraft
zum Trotz Nester an der Steilwand gebaut.
Von dort an bog der Weg ein Stück nach Norden ab. Ohne es zu merken
näherte sich Dalnas so immer mehr der endophalischen Grenze. Doch er
hatte auch andere Sorgen. Jede Nacht war er auf der Suche nach einem
geeigneten Schlafplatz. Bis jetzt war er zwar von Unwettern verschont
geblieben, aber gegen Ende des Astraels würde sich dies zweifellos
ändern. Auch plagte ihn fast ununterbrochen Hunger und Durst. Sobald
er einen Bach fand trank er so viel er konnte, aber er hatte keine
Feldflasche bei sich. Ab und zu gab ihm ein vorbeiziehender Händler,
der ihn wohl für einen Bettler halten musste, ein Stück hartes Brot.
Ansonsten ernährte er sich von Beeren und anderen Früchten. Er hatte
noch nie viel für den Küchendienst übrig gehabt, doch jetzt war er
froh, dass er manchen Tag mit Kartoffelschälen verbracht hatte. Denn
er hatte dort auch einiges gelernt. Und so war es ihm möglich zu
bestimmen welche Beeren essbar waren und von welchen man eher die
Finger lassen sollte.
Da er noch immer keine Idee hatte was er nun tun wollte, beschloss
er einfach immer dem Weg zu folgen. Irgendwann würde ihm schon
etwas einfallen.
Dalnas dachte gerade an die Zeit im Tempel zurück, als er ein
Rascheln im Gebüsch bemerkte, dass den Weg nun schon seit etwa einem
Zyklus Fußmarsch einrahmte. Er war in dieser Zeit noch niemandem
begegnet. Umso mehr zog nun das Rascheln seine volle Aufmerksamkeit
auf sich.
Als er einen Schritt darauf zu trat sprang plötzlich ein Mann
dahinter hervor. Er war ein gutes Stück größer als der ehemalige
Anwärter und sehr muskulös gebaut. Über seinem Oberkörper spannte
sich ein dreckiges Hemd, dass an zwei Stellen eingerissen war
und auch sonst machte er einen recht verwarlosten Eindruck. Am
schlimmsten jedoch war das Gesicht des Mannes anzusehen. Sein Haar
war verfilzt und an seinem linken Ohr fehlte ein gutes Stück. An
der Stelle des rechten Auges war nur eine vernarbte Höhle.
Der Mann verzog sein Gesicht zu einem breiten zahnlosen Grinsen.
In seiner Hand hielt er ein langes schartiges Messer.
"Na mein Söhnchen, ganz allein unterwegs?"
Instinktiv wich der Junge ein Stück von diesem Mann zurück. Doch
im nächsten Augenblick war dieser bei ihm und packte unsanft seinen
Arm. Vor Schreck lies Dalnas das Buch fallen.
"Na los, her mit deinem Geld, dann verschohn ich vielleicht dein
Leben."
Das Messer setzte der Räuber an den Hals des Jungen.
"Aber...", Dalnas brach der Schweiß aus. Er spührte wie die Spitze
des Messers an seinen Hals drückte.
"Aber... Herr... ich habe kein Geld."
"Lüg' mich nicht an! Und jetzt her mit deinen Dukaten oder du
kannst Morsan von mir schöne Grüße ausrichten!"
Der Mundgeruch des Mannes raubte ihm fast den Atem, dennoch wagte
sich der ehemalige Anwärter nicht zu bewegen. Er glaubte schon sein
letztes Stündlein hätte geschlagen, als er in der Ferne Lachen und
leise Musik hörte. Auch der Räuber schien dies gehört zu haben, denn
er sah sich unruhig um. Anscheinend hatte er etwas hinter Dalnas
bemerkt, denn seine Augen verengten sich etwas.
"Verflucht!", war das einzige was er hervorstieß. Dann zog er das
Messer von dem Hals des Jungen zurück. Dieser atmetet erleichtert auf,
doch nur bis er erkannte, dass der Mann ausholte. Wuchtig stach er
Dalnas in den Bauch. In diesem Augenblick verlor er das Bewusstsein.
Blinzelnd schlug er wieder die Augen auf. Sein Blick war vernebelt
und ganz Tare schien in ihren Fugen zu wanken. War er Tod? Fühlte es
sich so an in Morsans Hallen zu wandeln? Er hatte sich immer
vorgestellt, dass Galtor zu ihm kommen würde und seine Seele mit sich
trug. Und tatsächlich, da beugte er sich auch schon über ihn.
Doch irgendetwas stimmte nicht. Seit wann hatte Galtor blondes
kurzes Haar und ein bärtiges Kinn? Noch einmal blinzelte der Junge,
dann konnte er klar sehen. Nein, es handelte sich gewiss nicht um
Galtor. Vielmehr schien dieses Gesicht einem Riesen zu gehören. Einem
Riesen, der jetzt fröhlich lächelte, als er erkannte, dass Dalnas
erwacht war.
"Schön, dass du wieder wach bist, mein Junge. Komm, trink einen
Schluck."
Mit diesen Worten reichte er dem Liegenden eine Feldflasche, aus der
dieser auch zugleich begierig trank. Er fühlte sich ausgezehrt. Erst
als er die Flasche halb geleert hatte, fand er die Kraft sich halb
aufzusetzen. Verwirrt tastete er nach seinem Bauch. Er hätte schwören
können, dass der Räuber ihn aufgespießt hatte. Und tatsächlich, an
seinem Bauch hatte das Hemd einen feinen Riss. Fragend sah er zu dem
Riesen auf.
"Hast ganz schön Glück gehabt, mein Junge. Als wir dich erreicht
haben hat sich gerade so ein zwielichtiger Geselle über dich gebeugt
und dich abgetastet. Aber als wir kamen is er verschwunden. Wir dachten
zuerst du seist tot, aber Vitama muss wirklich ihre Hand über dich
gehalten hab'n."
Der Blonde hielt einen Stein in die Höhe, den Dalnas erst auf den
zweiten Blick als den Käfer erkannte, den er bei sich trug.
"Das hat wohl das Messer abgefangen, mit dem der Kerl dich
aufschlitzen wollte."
Ungläubig starrte der Junge hinauf. Wie konnte das möglich sein? Er
hatte den Käfer in seiner Hosentasche getragen, aber doch nicht vor
dem Bauch. Doch der Riese lachte nur laut auf, scheinbar hatte er
Dalnas Blick falsch gedeutet.
"Ach, ich bin übrigens Rogar der Riese. Eigentlich komm' ich aus dem
Norden, aber hier im Süden halten mich alle für groß. Nacher stell
ich dir noch Elaya die Schlangenfrau vor, meine Verlobte. Und dann
den Rest unserer Truppe. Du musst wissen, wir sind Schausteller."
Der Anwärter konnte sein Glück kaum fassen. Nicht nur, dass er knapp
dem Tod entgangen war, er hatte auch noch Leute gefunden, die ihn
mit offenen Armen empfingen.
Rogar erzählte ihm so einiges. Und über seinen Worten vergaß Dalnas
sogar seine mysteriöse Rettung. Er erfuhr, dass es sich bei den
Schaustellern um eine zehn Männer und Frauen starke Gruppe handelte.
Sie verdienten sich ihr Geld damit hier im Süden Galadons von Markt
zu Markt zu ziehen. Nun waren sie auf dem Weg zur Grenze um dort
einer Garnision einen Besuch abzustatten. Dalnas würde sie solange
begleiten können wie er wollte. Zwar schwommen sie nicht im
Überfluss, aber für einen weiteren Mund reichten ihre Vorräte noch
aus.
Zum ersten Mal seit Tagen war der Junge wieder richtig froh. Er
lauschte den Geschichten des Barden, der die Gruppe begleitete und
sang lautstark zusammen mit Mergret dem Zwergen.
Eines Abends, als sie wie immer gemeinsam um das Lagerfeuer
herumsaßen, dass die Gruppe zum Schutz vor wilden Tieren und den
Räubern entzündet hatte, nahm Dalnas das rote Buch zur Hand.
Er hatte es über die Freude neue Freunde gefunden zu haben beinahe
vergessen, doch jetzt kehrte der Schwermut, der damit verbunden war,
zurück. Als Rogar das sah, rutschte er etwas näher zu ihm.
"Was ist das denn für ein Buch, dass du da hast? Wir haben es damals
neben dir gefunden, aber es hat uns nicht weiter interessiert."
"Es ist etwas, dass ich... gefunden habe. Ein altes Buch. Aber leider
ist es auf Endophali und deshalb weiß ich auch nicht was drin
steht."
Der Riese sah ihn einen Augenblick ratlos an.
"Na ich kann dir da auch nicht helfen. Ich hab schon Probleme bei
Galad.", er grinste kurz. "Aber zeig es doch mal Lepedias."
Dalnas wusste, dass es sich bei Lepedias um einen Magier handelte.
Oder viel mehr um jemanden, der sich als Magier ausgab. Doch wie er
jetzt erfuhr, hatte er tatsächlich mal an einer arkanen Akademie
studiert.
"Na ja, was soll ich sagen.", grinste Lepedias den Jungen an.
"Ja, es stimmt, ich hab' mal versucht Zaubern zu lernen. Mein Vater
hielt das für 'ne gute Idee. Ich komme ursprünglich aus Crowahst,
musst du wissen. Aber es hat sich schon bald gezeigt, dass ich so
talentiert bin wie ein Sack Korn. Ich beherrsche nur einen
Zauberspruch."
Dalnas sah den Magier fragend an, worauf dieser noch breiter
grinste.
"Ich kann fremdes Geld in meinen Taschen verschwinden lassen."
Der ehemalige Anwärter lachte laut auf und als er sich wieder
beruhig hatte, sprach der Mann weiter.
"Na ja, meine Lehrer fanden das nicht so witzig. Deshalb haben
sie mich auch von der Akademie geworfen. Ich irrte dann eine Weile
umher, bis ich aus Zufall auf Rogars Truppe traf. Und hier sitze
ich nun! Aber genug von mir. Sehen wir uns lieber einmal das Buch
an, von dem du mir erzählt hast."
Er schlug das Buch vorsichtig auf und konzentrierte sich auf die
erste Seite. Auf seiner Stirn bildete sich eine tiefe Falte.
"Also... das ist eindeutig Endophali. Aber... nun ich kenne die
Zeichen oder zumindest kenne ich Zeichen, die denen ähnlich sind,
die hier stehen. Mir scheint als würde es sich dabei um einen
sehr alten Dialekt handeln. Ich fürchte ich kann dir da auch nicht
weiterhelfen."
Enttäuscht sah ihn Dalnas an.
"Aber ich kenne jemanden, der dir da sicher helfen kann. Damals
in Crowahst gab es einen Magier, der sich mit alten Schriften befasste.
Welyhn war sein Name. Vielleicht lebt er ja noch immer dort."
Nachdenklich begab der Junge sich an diesem Abend zu Bett. Das was
Lepedias gesagt hatte, beschäftigte ihn noch immer. Schließlich
fasste er einen Entschluss. Wenn er schon nicht mehr zurück konnte,
dann könnte er doch zumindest versuchen hinter das Geheimnis dieses
Buches zu kommen. Vielleicht würde er ja einen Weg finden Jolena
aufzuwecken. Dann würde ihm die Mutter Oberin sicher vergeben!
Mit einem zufriedenen Lächeln schlief er ein.
_________________ Benion - vita et amor - Pater Brown Verschnitt, Häretiker und Lord der Vitamith - Geburtshelfer: 8 mal - Ehejahre-Rekordhalter Querdenker aus Leidenschaft.
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