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 Betreff des Beitrags: Rosenblut
BeitragVerfasst: 4.03.05, 19:05 
Altratler
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Der Tag neigte sich dem Ende zu. Das goldene Licht Felas strich
sanft über die krummen Dächer Falkensteins und würde bald hinter dem
Horizont verschwinden um den letzten Dunkelzyklus einzuleuten. Noch
immer war es ungewöhnlich warm, selbst für einen Tag mitten im Astrael.
Schließlich schlossen die letzten Händler ihre Läden. Die Nerapu, wie
sie im nahen Endophal genannt wurde, die Zeit der Diebe und Streuner
brach an. Und so legte sich eine geschäftige Stille über Falkenstein.
Einzig und allein im Tempelbezirk, der gleich neben den großen Kontoren
am Hafen lag, war noch keine Ruhe eingekehrt. Der dumpfe Schlag einer
Türe, die zugeworfen wurde, echote durch die Gassen. Eine vorbeieilende
Ratte wurde Zeuge eines Streites.
"Und ich sage dir, ich habe es gesehen!"
Die Stimme einer jungen Frau.
"Du bist doch wahnsinnig!"
Eine offenbar etwas ältere. Die Ratte schien dies jedoch nur wenig zu
interessieren, denn in diesem Augenblick richteten sich die goldgelben
Augen einer Katze auf sie. Schnell suchte sie das Weite. Der Streit
hingegen hielt an.
"Du weißt, dass es seit über tausend Götterzyklen verschwunden ist!",
brachte die Stimme der älteren Frau hervor.
"Na und?! Wenn ich dir doch sage, ich habe es gesehen!"
"Das ist völlig...", die Stimme der älteren Frau brach ab, als erneut
die Tür sich öffnete.
"Euer Tee, Mutter."
Eine neue Stimme. Die Stimme eines Mannes. Oder vielleicht doch eher
die eines Knabens?
"Danke, du kannst dich entfernen."
Ein weiteres Mal die Türe, dann wandte sich die ältere Stimme offenbar
wieder der jüngeren zu.
"Und das gilt auch für dich. Ich will von diesem Blödsinn nichts mehr
hören!"
Kurz schien sich eine lauernde Stille einzustellen. Dann schlug die
Türe ein zweites Mal an diesem Abend zu, diesmal noch lauter.
Die junge Frau im Gewand einer Novizin der Vitama verlies mit hochrotem
Kopf die Gemächer der Mutter Oberin. Hätte man es nicht besser gewusst,
so könnte man sie glatt mit einem urzeitlichen Dämon verwechseln, so
bebte sie vor Zorn. Auch ihr rotes wallendes Haar verstärkte diesen
Eindruck noch. Sie wusste, dass sie sich dem Zorn nicht hingeben durfte.
Vitama lehrte sie Mitgefühl, Liebe und vorallem Geduld. Doch sie wollte
jetzt nicht auf ihre Erziehung hören. Warum wollte ihr die Mutter Oberin
einfach nicht glauben? Sie hatte es gesehen! Ganz deutlich war der
Traum gewesen, so als wäre er ihr von Vitama selbst geschickt worden.
Beinahe hätte sie in ihrem Zorn den jungen Anwärter über den Haufen
gerannt, der eben noch den Tee serviert hatte. Doch auch das war ihr
in diesem Augenblick egal. Sie maß ihn nur mit einem wütenden Blick
und verlies stapfte dann weiter in Richtung der Novizenquartiere davon.
Seufzend blickt er ihr nach. Seit dem Tag als er den Tempel betrat
um in den Dienst Vitamas zu treten hatte er sich in sie verguckt. Jedoch
schien sie seine Annäherungsversuche bis jetzt hartnäckig zu ignorieren.
Seufzend senkte er seinen Blick auf die Vase, die er gerade vom Staub
befreit hatte, als sie ihn beinahe umgerannt hätte. Ein letzter Wisch
mit dem Staubtuch, dann war er fertig. Auch er würde sich nun zu Bett
legen. Morgen würde wieder ein anstrengender Tag werden. Doch ihm machte
die Arbeit im Tempel nichts aus. Er war ein einfacher Sohn eines Bauern
und hatte gerade erst seinen siebzehnten Vitama erlebt. Da er der dritte
Sohn des Bauern war und somit nach dem Erbrecht in Falkensee keine
Möglichkeit hatte jemals den Hof zu übernehmen, entschied er sich für
den Weg eines Geweihten. Niemals hatte er diesen Schritt bereut, denn auch
wenn der Weg lang und mühselig war, so würde er doch wohl ein sehr viel
besseres Leben als ein Bauer führen. Vielleicht konnte er ja eines Tages
sogar in einen Tempel im Norden Galadons versetzt werden. Er hasste das
heiße Wetter, dass hier an den Grenzen zu Endophal beinahe alltäglich war.
Und ganz besonders hasste er den heißen Südwind, der den Geruch der Wüste
an die Küstenstadt herantrug. Nein, er träumte vielmehr vom Schnee. Ein
Geweihter aus Ersont hatte ihm von den langen Wintern dort erzählt. Für
ihn gäbe es wohl nichts schöneres.
Verwirrt blinzelnd sah er auf. Ohne es zu merken hatte er sich seiner
Unterkunft genähert. Leise schlüpfte er durch die Türe und schritt auf
Zehenspitzen zu seinem Bett, um die drei anderen Anwärter, die sich mit
ihm sein Quartier teilten, nicht zu wecken. Schnell hatte er sein
Anwärtergewand abgelegt und war dann unter die für diese Jahreszeit
viel zu dicke Decke geschlüpft. Schon bald übermannte ihn der Schlaf.

Auch die Novizin war inzwischen in ihre Unterkunft zurückgekehrt. Sie
teilte sich ihr Zimmer mit einer anderen Novizin, die sogleich auch
ihre beste Freundin war. Wie zu erwarten war diese noch wach. Die
Neugier stand ihr auf das Gesicht geschrieben, als ihre Freundin das
Zimmer betrat.
"Und? Was hat die Mutter Oberin gesagt?"
"Na was wohl. Sie hat mich für verrückt erklärt."
"Natürlich hat sie das. Du musst doch auch zugeben, dass dein Traum
mehr als nur verrückt klingt."
Die rothaarige Novizin machte eine wegwerfende Handbewegung. Sie hatte
weder die Kraft, noch die Lust den Streit, den sie mit der Leiterin des
Tempels begonnen hatte, nun hier fortzusetzen. Also trat sie schweigend
an ihr Bett heran und begann ihr Gewand abzulegen.
"Ist das Thema damit endlich erledigt?", hagte ihre Zimmergenossin
nach. Doch als Antwort bekam sie nur ein hilfloses Schulterzucken. Dann
zog sich die Rothaarige ihr Nachtgewand über und legte sich in ihr
Bett.
"Schlafen wir lieber. Du weißt doch was Mutter Elera sagt, wenn wir
zu spät zum Unterricht in Pflanzenkunde erscheinen."
Die Novizin rollte mit den Augen. Die geschwätzige Elfe Elera konnte
wirklich manchmal sehr nervtötend sein. Und trotz all des Zorns, der
in ihren Eingeweiden rumorte, fiel auch sie bald in einen unruhigen
Schlaf.

Es war wie in den vergangenen Nächten. Zunächst war da nur Schwärze.
Sie schien sie beinahe zu erdrücken, doch dann näherte sich in der
Ferne ein einzelner Lichtpunkt, der sich rasend schnell näherte. Sie
hatte das Gefühl zu fallen. Sie schrie und schloß die Augen. Und als
sie sie wieder öffnete fand sie sich in einer kargen Umgebung wieder.
Zu ihrer rechten erstreckte sich ein weites Sandmeer, zu ihrer linken
aber erhoben sich einige rote Felsen. Vor sich auf dem sandigen Boden
konnte sie eine Fußspur ausmachen, der sie - wie auch in den letzten
Nächten - folgte. Selbst wenn sie dies nicht gewollt hätte, so wäre
es ihr kaum möglich gewesen der Anziehung dieser geheimnisvollen Spur
zu entgehen. Sie umrundete einen größeren Felsbrocken, dann sah sie
die Höhle. Ein rotes Glühen trat aus ihr hervor. Sie machte einen
Schritt in Richtung dieser Höhle und im nächsten Schritt fand sie sich
im inneren einer großen Grotte. Zackige Felsen hingen von der Decke
hinab und überall lag Geröll. Doch vor ihr erhob sich ein einzelner
Felsquader. Er schien komplett geschliffen zu sein. Und auf seiner
Mitte lag es. Sie streckte ihre Hand danach aus, als sie unsanft
aus ihrem Traum geweckt wurde. Ihre Freundin hatte sie hart an der
Schulter geschüttelt.
"Steh endlich auf, Schlafmütze! Wir kommen zu spät!"

Wird fortgesetzt... (hoffe ich *hust*)

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Benion - vita et amor - Pater Brown Verschnitt, Häretiker und Lord der Vitamith - Geburtshelfer: 8 mal - Ehejahre-Rekordhalter
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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 5.03.05, 16:15 
Altratler
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"Jolena, schläfst du?"
Die rothaarige Novizin blinzelte verwirrt, dann sah sie in das Gesicht
der Elfe vor ihr. Sie sah ernst zu ihr hinab.
"Du musst schon aufpassen, was ich euch über Ginseng und seine
Wirkung erzähle. Wie willst du es denn sonst jemals zu einer Heilerin
bringen?", tadelte sie die immernoch verschlafen dreinblickende junge
Frau.
"Bitte verzeih, Mutter Elera. Mir geht es nicht so gut. Darf ich
den Unterricht verlassen?"
Plötzlich zeigte sich Sorge auf dem Gesicht der Elfe.
"Ja, geh nur und nimm deine Zimmergenossin mit. Nicht, dass du uns
noch auf dem Weg zu deinem Zimmer umkippst."
Dann wandte sich die Elfe wieder den anderen Novizinnen und Novizen
in der kleinen Gartenlaube zu.
Wenig später hatten Jolena und ihre Freundin den Unterricht verlassen.
"Wo willst du hin? Ich dachte dir gehe es nicht gut!"
"Ach... Rebekka, das war doch nur eine Ausrede um von dem Unterricht
wegzukommen. Ich hatte letzte Nacht wieder diesen Traum. Und ich will
mehr über es in Erfahrung bringen."
Die schwarzhaarige Rebekka verdrehte nur die Augen, folgte ihrer
Freundin dann jedoch widerstandslos in die Bibliothek des Tempels.
Der Archivar warf den beiden jungen Frauen zwar einen etwas skeptischen
Blick zu, doch er lies sie gewähren. Und so waren die beiden wenige
Zeit später über den Büchern vertieft.

Dalnas, der junge Anwärter, verbrachte währenddessen seine Zeit in der
Küche und half der Köchin beim Schälen der Kartoffeln für das Mittagmahl.
Seine Gedanken schweiften an den letzten Tag zurück. Er hatte einiges
von dem Streit zwischen Jolena und der Mutter Oberin mitbekommen. Offenbar
hatte seine Angebetete immer wieder Träume, indem sie ein... etwas sah,
ein Ding oder einen Gegenstand. Was genau es war wusste er zwar nicht,
aber es erweckte seine Neugier. Er beschloss, dass er versuchen wollte
noch mehr darüber herauszufinden. Ja, er würde jetzt gleich...
Ein Schrei ertönte.
Blinzelnd sah Dalnas auf. Es war der Schrei einer Frau gewesen, irgendwo
aus dem südlichen Tempelbereich. Ohne lang zu überlegen lies er die
Kartoffel und das Messer fallen. Die Köchin sah verwundert zu ihm,
offenbar schenkte sie dem Schrei weniger Aufmerksamkeit als er. Sie wollte
gerade etwas sagen, da war er auch schon durch die Küchentür verschwunden.
Kopfschüttelnd sah sie ihm nach.
"Aus dem Jungen wird nie was, wenn er nicht beendet, was er anfängt."

Als Dalnas sich der Bibliothek näherte hatte sich davor schon eine große
Menschentraube gebildet. Neugierige streckten ihre Hälse um zu sehen
was los war. Doch dann wichen sie plötzlich zur Seite. Die Mutter Oberin
trat dicht gefolgt von zwei anderen Geweihten aus der Bibliothek hervor.
Zwischen sich trugen die Geweihten eine junge Frau in dem Gewand einer
Novizin. Als sie sich näherten erkannte Dalnas auch um wen es sich handelte.
Es war Jolena.
Er schreckte auf, als die Mutter Oberin ihm herrisch befahl mitzukommen.
Es dauerte einige Augenblicke bis die Worte bis zu seinem Verstand
vorgedrungen waren, doch dann beeilte er sich der kleinen Prozession
nachzueilen, die außerdem noch von einer schwarzhaarigen Novizin
begleitet wurde. Der junge Anwärter wusste, dass es sich bei ihr um die
beste Freundin der Rothaarigen handelte. Es musste etwas schlimmes
geschehen sein, denn sie hatte ihr Gesicht in den Händen vergraben und
schluchzte leise auf.
Kurz darauf waren sie in der kleinen Heilerstube angekommen. Dort wurde
Jolena auf ein Bett gelegt und einer der beiden Träger beugte sich über sie.
Ihre Freundin wurde unterdessen auf einen Stuhl gesetzt. Die Mutter Oberin
wandte sich an Dalnas.
"Eile schnell zur Küche und lass einen beruhigenden Tee zubereiten, dann
bring ihn hier her."
Gehorsam nickte der Junge und eilte davon.

Als er wieder zurückkam waren beide Träger verschwunden. Man hatte der
rothaarigen Novizin ein Tuch auf die Stirn gelegt. Währenddessen war die
Mutter Oberin offenbar in ein Gespräch mit der Schwarzhaarigen vertieft.
Sie schien es garnicht zu bemerken als er herantrat und er tat auch
nichts um dies zu ändern.
"... und da wollte Jolena mehr darüber in Erfahrung bringen.", ein leises
Schluchzen unterbrach Rebekka in ihrem Redefluss.
"Also sind wir in die Bibliothek. Es dauerte nicht lange, da fanden wir
ein Buch über es. Jolena zog es hervor und wir gingen zu einem der
Stehpulte. Sie schlug es auf, doch wir beide konnten die Schrift darin
nicht lesen. Aber es gab ein paar Bilder, die wir uns angesehen haben."
Kurz warf die Schwarzhaarige einen Blick auf ein dickes Buch. Es fiel
Dalnas jetzt zum ersten Mal auf. Es war recht dick, in rotes, brüchiges
Leder eingebunden und wurde von der Darstellung etlicher ineinander
gewundener Rosen verziert.
Im selben Augenblick schien die Mutter Oberin ihn endlich zu bemerken.
Sie trug ihm auf den Tee auf den Tisch zu stellen und dann wieder zu
seiner Arbeit zurückzukehren. Schnell kam er ihrem Befehl nach und
verlies das Heilerzimmer, doch dann hielt er an. Seine Neugier war doch
zu groß, als dass er jetzt in die Küche gehen konnte. Gerade jetzt, wo
er endlich die Chance hatte mehr über dieses geheimnisvolle Etwas zu
erfahren. Als lehnte er sich an die Wand und lauschte. Er schickte ein
stilles Gebet zu Vitama, in der Hoffnung, dass ihn niemand dabei
erwischwen würde.
"Sprich weiter, Rebekka."
"Die Bilder waren schön anzusehen, aber sie interessierten uns nicht
wirklich. Also blätterten wir immer weiter. Und dann... und dann..."
"Hier, trink erst einmal einen Schluck vom Tee."
Kurz ertönte ein schlürfendes Geräusch, dann sprach die Novizin
weiter.
"Es war... ein merkwürdiges Bild. Ich weiß nicht ob ich es recht
beschreiben kann. Ein... durcheinander von Linien und Bögen. Es war
beinahe als würde man auf eine Kiste voller Schlangen hinabblicken, ganz
so wie bei den Händlern am Markt. Diese Händler aus Endophal, die beinahe
alles verkaufen. Aber... das war nicht einmal das Schlimmste. Ich weiß
nicht ob ich mir das eingebildet habe, aber diese Linien schienen sich...
schienen sich zu bewegen. Ich hab schnell weggeschaut, aber Jolena
starrte fasziniert auf das Bild, das konnte ich aus den Augenwinkeln
sehen. Sie streckte ihre Hand aus, um das Bild zu berühren und dann
geschah es."
Wieder ein schlürfender Ton.
"Als sie es berührte kippte sie auf einmal um und ich schrie auf. Und
seitdem... ist sie bewusstlos."
Stille kehrte ein in dem kleinen Zimmer. Es dauerte eine ganze Weile,
ehe die Mutter Oberin wieder das Wort erhob.
"Mach dir keine Sorgen, ich bin mir sicher deiner Zimmergefährtin
geht es bald besser. Vitama wird ihre Hand über sie halten. Und du
solltest dich jetzt besser auch ausruhen. Und danach gehst du zu Schwester
Elera und entschuldigst dich bei ihr. Ich nehme das Buch besser an mich."
Dalnas hatte genug gehört. Wenn er noch länger bleiben würde, dann lief
er Gefahr entdeckt zu werden. Also machte er sich auf den Weg zurück zur
Küche.

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BeitragVerfasst: 6.03.05, 15:52 
Altratler
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Drei Tage waren seit den Vorfällen in der Bibliothek vergangen und die
absurdesten Gerüchte kursierten im Tempel. Einige sagten Jolena sei von
einer Schlange gebissen worden, andere redeten von einem Fluch, der auf
ihr lag. Zudem schien nichts die Novizin wieder aus ihrem Schlaf erwecken
zu können. Man hatte es sogar mit einem Heilritual versucht, doch auch
das war nutzlos gewesen.
Auch Dalnas fand keine Ruhe. Nicht nur, dass seine Angebetete bewusstlos
im Heilerzimmer lag, auch seine Neugier wuchs und wuchs. Er fragte sich
was wohl in dem Buch stand. Welche Sprache, die die beiden Novizinnen nicht
entziffern konnten. Tag um Tag versank er tiefer in seine Gedanken, bis
schließlich die Köchin es nichtmehr mit ansehen konnte.
"Dalnas, träumst du schon wieder?"
"Wie?"
Die Köchin verdrehte die Augen.
"Seitdem diese arme Novizin in Ohnmacht fiel scheinst du nicht mehr
recht bei der Sache zu sein. Was ist denn los?"
"Ich... ähm... ach nichts.", stotterte der Anwärter.
"Vielleicht ist es besser, wenn du mal einen Tag nichts machst. Geh
raus in den Garten und erfreu dich an Vitamas Geschenken oder beobachte
die Händler auf dem Markt, aber tu mir den Gefallen und konzentrier'
dich wieder auf deine Arbeit, wenn du zurückkommst."
Dalnas nickte schwach, dann legte er die Pfanne, die er den vergangenen
halben Zyklus immer und immer wieder gescheuert hatte ohne es zu merken,
auf den Tisch und verlies die Küche.

Kurze Zeit später wanderte er ziellos über den großen Markt Falkensteins.
Fela brannte vom Himmel herab und die Ausdünstungen der Menschen auf dem
Markt raubten ihm fast die Sinne, dennoch schlenderte er langsam weiter.
Er nahm kaum Notiz von den einzelnen Händlern.
Da waren Endophali aus der fernen El-Mahid, die mit seltenen Stoffen
handelten, die in dem kostbaren Purpur gefärbt waren, welches man aus
Schnecken gewann. An einem größeren Stand am östlichen Ende des Marktes
preiste ein dickbäuchiger und vom Wasserüberfluss gezeichneter Händler
feinste Gewürze aus dem östlichen Endophal an. Aber auch aus Galadon
waren einige Menschen hier her gekommen, die sich einen großen Profit
erhofften. Kurz glaubte Dalnas sogar einen großen Nortraven aus dem
Norland zu sehen, aber selbst das beeindruckte ihn heute nicht.
Ohne es zu merken war er in einen etwas abgelegeneren Teil des
Marktes geraten, indem hauptsächlich Einheimische die wenigen Waren,
die sie herstellten, verkauften. Kurz blickt er sich etwas verwirrt um.
Dieser Teil war ihm bei seinen Erkundungen in der Vergangenheit noch
garnicht aufgefallen. Aber warum sich auch mit dem Normalem begnügen,
wenn es auf dem großen Platz im Zentrum der Stadt so viel Aussergewöhnliches
zu sehen gab.
"Anath, mein kleiner Freund. Hast du dich verlaufen?"
Dalnas wendete sich herum und sah direkt in die Augen eines älteren
Endophali. Seine Haut war dunkel und sein Haupthaar weiß. Ein längerer
Bart verzierte sein Gesicht. Doch was den Anwärter am Meisten beeindruckte
waren die Augen des Mannes. Sie waren von einem tiefen Blau. Fast wie Ath,
Wasser, wie es die Menschen aus der Wüste nannten. Kurz glaubte er sich
darin zu verlieren, dann jedoch war der beinahe magische Augenblick vorbei
und der Junge konnte sich endlich zu einer Antwort aufraffen.
"Nein Herr, ich... ich bin wohl blos etwas vom Weg abgekommen."
"Aber du hast doch deinen Weg noch garnicht begonnen."
Dalnas sah den Alten verwirrt an.
"Herr, ihr müsst mich mit jemandem verwechseln."
"Ist das so?", der Endophali schmunzelte.
"Ja Herr, ich bin nur ein einfacher Anwärter im Orden der Mutter Vitama."
"Ila", der Mann nickte wieder, doch Dalnas sah ihn nur verständnislos an,
bis ihm einfiel, dass dies das Wort für Mutter war.
"Nun mein junger Anwärter. Mir scheint als seist du etwas verwirrt. Tritt
doch heran. Du wirst von großer Neugier geplagt. Vielleicht kann ich dir
ja helfen."
Nun war Dalnas vollkommen verblüfft. Woher konnte dieser alte Endophali
von seinen Problemen wissen? Doch gleichzeitig spührte er auch ein tiefes
Vertrauen. Er musste einfach mehr erfahren. So trat er an den Sitzenden
heran.
"Ich bin nämlich ein Wahrsager, mein kleiner Freund."
"Ein... ein Wahrsager?"
Der Mann lächelte.
"Ja, ich kann dir deine Zukunft voraussagen. Setz dich."
Der Junge tat wie ihm geheißen. Der Alte griff indes zu einem kleinen
Beutelchen. Er griff hinein und zog dann seine volle Faust wieder hervor.
Aus der Hand lies er etwas Sand in eine große verbeulte Schale vor ihm rieseln.
"Sieh gut zu, Dalnas. Du musst wissen, sowohl im Sand, als auch im Wasser
liegt eine große Macht. Der Sand ist das Gewöhnliche, dass Alltägliche.
Es ist die Macht des Kum, des Feindes dem wir jeden Tag trotzen müssen und
aus dem wir unsere Kraft schöpfen."
Nur kurz war der Anwärter über den Umstand, dass dieser Endophali seinen
Namen kannte, erstaunt. Doch das Treiben des Mannes hielt ihn viel zu
sehr gefangen, als dass er daran einen weiteren Gedanken verschwendete.
Dieser war gerade im Begriff eine Wasserflasche heranzuziehen und diese
zu öffnen. Doch er gab nur einige Tropfen auf den Sand in der Pfanne.
Dazu erklärte er weiter.
"Und dann ist da die Macht des Bahath, des heiligen Wassers. Es ist das
Aussergewöhnliche. Es ist die Macht des Rah, des Lebens, eng verbunden mit
Ra, dem Schicksal. Hörst du mir auch gut zu? Es ist wirklich wichtig, dass
du das weißt."
Der Junge fühlte sich bei so vielen Fremdwörtern etwas überfordert, doch
er nickte schwach, schon allein weil er garnicht anders konnte. Fasziniert
beobachtete er den Alten, wie er sich nun über die Schale beugte und die
Spuren, die das Wasser in dem Sand hinterlassen hatte, genauer betrachtete.
Er saß so eine ganze Weile nachdenklich dreinblickend da, dann blickte er
Dalnas wieder lächelnd an.
"Du wirst Erfolg haben. Doch solltest du nicht mehr lange warten. Hier,
nimm das. Du wirst es brauchen.", mit diesen Worten zog der Endophali aus
einem weiteren Beutel einen Stein hervor und reichte ihn an den Anwärter
weiter. Als dieser den Stein genauer betrachtete fiel ihm auf, dass es
sich dabei um die Skulptur eines Käfers handelte. Er hob seinen Kopf um
sich bei dem Mann zu bedanken, doch dieser war nichtmehr da. Nichts deutete
darauf hin, dass er eben noch hier gesessen hatte. Blinzelnd sah sich Dalnas
um. Schnell sprang er auf und wandte sich an eine Händlerin, die einige
große und streng riechende Fische feil bot, doch sie wollte sich an keinen
alten Endophali erinnern. Verwirrt blickte er wieder auf den Steinkäfer in
seinen Händen hinab. Dann schob er ihn in seine Tasche und wandte sich ab,
nicht ohne sich davor noch einmal umzusehen.

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BeitragVerfasst: 7.03.05, 16:34 
Altratler
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Es war nun eine Woche ins Land gezogen seitdem Jolena das Buch berührt
hatte. Noch immer war sie nicht erwacht. Doch Dalnas war in den vergangenen
zwei Tagen so beschäftigt gewesen, dass er beinahe sie und den seltsamen
Mann auf dem Markt vergessen hätte. In einigen Tagen sollte ein Fest
stattfinden, zu dem der Lehnsherr Falkensteins geladen hatte. Die Mutter
Oberin hatte ihn ausgewählt um die Besorgungen dafür zu machen. So war er
von Morgens bis Abends damit beschäftigt neue Gewänder zu bestellen, Essen
vom Markt heranzuschaffen und auch sonst den Geweihten jeden Wunsch von
den Augen abzulesen. Erst als er kurz vor Beginn des achten Dunkelzykluses
etwas zu Ruhe kam und dabei zufällig in seine Tasche griff, dachte er wieder
an den Endophali. Er hatte den steinernen Käfer ertastet und zog ihn nun
hervor. Nachdenklich strich er über die fein ausgearbeiteten Flügel des
Insekts. Der Steinmetz, der dies angefertigt hatte, musste ein wahrer
Meister gewesen sein. Was hatte es mit diesem kostbaren Geschenk auf sich?
"Du wirst es brauchen.", hörte er den Alten noch einmal in Gedanken sagen.
Und dann war da ja auch noch das Buch. Als er der Mutter Oberin vorhin Tee
gebracht hatte, hatte er gesehen, dass es sich noch auf ihrem Schreibtisch
befand. Er fasste einen Beschluss.
Er machte sich auf zu dem Zimmer der Ordensleiterin. Doch gerade als er um
die Ecke biegen wollte, kam sie ihm in Begleitung von Mutter Elera entgegen.
Schnell trat er ehrfürchtig beiseite, jedoch schienen die beiden ihn garnicht
zu bemerken. Offenbar waren sie in ein Gespräch vertieft, von dem Dalnas
nur einige Wortzfetz mitbekam, ehe sie hinter der nächsten Ecke verschwanden.
"... vielleicht hat es der Archivar einfach nur übersehen?"
"Nein, das glaube ich nicht, Elera. Er kennt sein Handwerk. Wieso sollte er
ein so auffälliges Buch übersehen?"
"Also hat es jemand in die Bibliothek gestellt? Aber wieso gerade jetzt, wo
Jolena diese Träume hat?"
"Ich wünschte ich wüsste es, Schwester."
Dalnas sah den beiden noch kurz nach und atmete tief durch. Das was er
plante würde so viel einfacher werden.
Auf leisen Sohlen schlich er sich in Richtung der Türe der Mutter Oberin.
Vorsichtig näherte sich seine Hand dem Türgriff. Ein mulmiges Gefühl stieg
in ihm auf. Sollte er das wirklich wagen? Aber es war doch blos ein Blick,
mehr nicht. Beinahe wünschte er sich, dass das Zimmer verschlossen wäre,
doch er konnte den Griff ohne Mühe hinabdrücken. Eine Schweißperle bildete
sich auf seiner Stirn, als die Türe beim Öffnen leise in den Angeln quitschte.
Noch einmal sah er sich um, dann war er in dem dunklen Zimmer verschwunden.
Das einzige Licht kam von einer Öllampe auf dem Schreibtisch der
Tempelvorsteherin. Zögernd näherte er sich diesem, sein Blick schweifte umher.
Endlich fand er das, was er begehrte. Das rote Buch lag auf einem seitlichen
Tisch, neben einem Korb voller Früchte und einem dicken Stapel Pergamente.
Nun würde er erfahren, was es in diesem Buch zu sehen gab.
Wäre er nicht im nächsten Augenblick zusammengeschreckt. Auf dem Gang waren
deutliche Stimmen zu hören.
"Warte Elera, ich hole noch schnell das Buch, dann gehen wir zu Magister
Feredias vom arkaenen Turm."
Die Mutter Oberin! Und sie wollte das Buch holen! Ohne nachzudenken griff
Delnas das Buch und spurtete zur Balkontür des Zimmers. Die Geweihte war die
einzige, die sich diesen kleinen Luxus leistete und in diesem Augenblick
dankte Dalnas der Herrin dafür. Draußen angekommen presste er sich an die
Wand. Da hörte er auch schon wie im Zimmer hinter ihm die Türe geöffnet
wurde. Er hörte das Rascheln eines Gewandes, dass sich ihm langsam näherte.
Es wurde still. Der Anwärter konnte den suchenden Blick der Tempelvorsteherin
geradezu spühren. Hoffentlich würde sie ihn nicht entdecken. Er schickte ein
stilles Gebet an Vitama. Dann hörte er schnelle Schritte, die Türe wurde
aufgerissen.
"Elera! Hole die Wachen! Das Buch ist weg!", rief die ihm wohlbekannte
Stimme der wartenden Geweihten zu.
Dalnas Puls begann zu rasen. Die Wachen! Was hatte er sich nur dabei
gedacht? Jetzt war er nicht nur ein Einbrecher, sonder auch noch ein Dieb.
Sein Verstand sagte ihm, dass er einfach nur zurück in das Zimmer gehen
musste. Er könnte der Mutter Oberin alles erklären. Sicher, sie wäre böse
mit ihm und würde ihm eine Strafe geben, aber das wäre auch schon alles.
Doch die panische Angst, die sich in Dalnas Bauch breit machte gewann
schon bald die Obermacht und schaltete seinen Verstand aus.
Hastig trat er an die Brüstung des Balkons heran und spähte hinab. Etwa
ein einhalb Schritt unter ihm befand sich der Tempelgarten. Ohne lang
zu überlegen flankte er über sie und landete mit wackeligen Beinen im Gras.
Inzwischen war es dunkel geworden, sodass er nicht zu befürchten brauchte
gesehen zu werden, doch wohin nun? Wieder übernahm die Angst für ihn das
denken. Sie steuerte seine Beine und kurze Zeit später hatte er den Tempel
verlassen.

Ziellos irrte er durch Falkenstein. Was hatte er nur getan? Er hatte die
Mutter Oberin seines Ordens bestohlen! Er war in ihr Zimmer eingebrochen!
Wie konnte er nur so dumm sein? Hilflos und beinahe wütend blickte er auf
das dicke rote Buch in seinen Armen hinab. Und das alles blos wegen diesem
verfluchten Buch! Sicher würde ihn Vitama dafür bestrafen.
Doch es half nichts sich selbst zu verdammen. Er musste zunächst sehen,
dass er eine Bleibe für diese Nacht fände. Das letzte was er jetzt noch
gebrauchen konnte war von einem Dieb ausgeraubt zu werden. Doch wohin?
In ein Gasthaus konnte er nicht, dafür war er zu jung und vor allem zu
auffällig. Noch immer trug er das Gewand eines Anwärters Vitamas. Also
lenkte er seine Schritte kurzerhand Richtung Hafen. Es gab dort einige
leerstehende Lagerhäuser. Nicht sehr bequem, aber immerhin etwas.
Es dauerte auch nicht lang bis er eines gefunden hatte. Als der Morgen
des nächsten Zykluses graute war er schließlich eingeschlafen.

Dalnas wusste nicht wie lange er geschlafen hatte, aber als er erwachte
wurde er von einem unsanften Tritt in die Seite geweckt.
"He Kleiner, aufstehen!"
Der Junge blinzelte verwirrt und setzte sich auf. Sein Blick glitt in
das verschrobene Gesicht eines Seemannes. Seine Wange war von einer langen
Narbe verunstaltet und sein Kinn bedeckte ein schuppiger Drei-Tage-Bart.
Missmutig blickte der Mann zu ihm hinab.
"Du muss' hier weg. Gleich komm' ein Schiff von Siebenwind. Dann brauch'n
wer den Platz hier."
Noch immer sah der Anwärter verschlafen zu ihm hinauf, doch dann nickte
er schwach. Als er sich erhob hatte er jedoch vergessen, dass er das Buch
bei sich trug und so fiel es kurzerhand zu Boden und klappte auf. Er wollte
sich gerade bücken, doch der Seemann war schneller. Angst machte sich in
Dalnas breit.
"Gebt es wieder her, es gehört mir!", flehte er den Mann vor ihm an, der so
Aussah als könnte er Bäume ausreißen. Doch dieser lachte nur hart auf.
"Kleiner, ich kann nich' mal lesen."
Dennoch warf er einen kurzen Blick in das Buch.
"Was willste denn mit 'nem endophalischen Buch?"
"Ich dachte ihr könnt nicht lesen?"
"Kann ich auch nich', aber ich erkenn Endophali, wenn ich et sehe.", mit
diesen Worten reichte er das Buch schulterzuckend an Dalnas zurück.
"Und nun raus hier!"
Der Anwärter zögerte nicht lange und machte sich davon. Als er das Freie
betrat erkannte er, dass er wohl länger geschlafen haben musste, als er
geglaubt hatte. Fela stand hoch am Himmel und brannte auf Tare hinab. Er
würde sich ein schattiges Plätzchen suchen müssen. Kurz spielte er mit dem
Gedanken in den Tempel zurückzukehren. Doch bestimmt war seine Abwesenheit
dort längst aufgefallen. Und es bedurfte keines Diener Astraels um ihn mit
dem Diebstahl des Buches in Verbindung zu bringen. Er schalt sich selber
für sein närrisches Verhalten in der vergangenen Nacht, doch nun war es zu
spät. Er würde nachdenken müssen, was als nächstes zu tun sei. Kurz
entschlossen wendete er sich nach Osten und machte einen Schritt.
Erstaunlicherweise fiel ihm in diesem Augenblick einen alten Spruch ein,
den sein Vater immer zum Besten gegeben hatte:

"Fürchte dich vor dem Schritt, denn ohne das du es merkst machst du dich
auf den Weg."

Doch dann verscheuchte er diesen Gedanken mit einem Kopfschütteln und
verschwand in der dichten Menschenmasse, die um diese Zeit auf den Straßen
Falkensteins unterwegs war.

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Benion - vita et amor - Pater Brown Verschnitt, Häretiker und Lord der Vitamith - Geburtshelfer: 8 mal - Ehejahre-Rekordhalter
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BeitragVerfasst: 8.03.05, 16:36 
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Einen Zyklus später hatte er es endlich geschafft sich aus dem hektischen
Durcheinander in Falkenstein zu befreien. Ein oder zwei Mal hatte er in der
Ferne eine Gruppe von Tempelwächtern gesehen. Sie hielten Leute an und
schienen diese nach etwas zu fragen. Doch die Angesprochenen schüttelten
nur den Kopf oder hoben hilflos die Schultern. Zum Ersten mal in seinem
Leben war Dalnas dankbar dafür, dass Falkenstein so eine große Stadt war,
die vor Menschen schier zu Platzen schien. In der Metropole war es ein
leichtes unterzutauchen.
Inzwischen lehnte er an einem knorrigen Baum. Die Stadtmauern hatte er
hinter sich gelassen und von seinem schattigen Plätzchen aus beobachtete
er den Strom der Menschen, der sich in die Stadt hinein und aus ihr heraus
bewegte. Ein wenig musste er dabei an Ameisen denken. Er musste breit
grinsen. Dann jedoch fiel sein Blick auf das Buch auf seinem Schoß und
seine gute Laune war so schnell verflogen wie sie gekommen war.
Dieses verfluchte Buch! Es hatte ihm bis jetzt nur unglück gebracht.
Erst war Jolena in Ohnmacht gefallen, dann wurde er zum Einbrecher und
Dieb. Was würde als nächstes passieren?
Er wusste es nicht. Und genau das war sein Problem. Er hatte keine Ahnung
wie er nun weitermachen sollte. Vielleicht war jetzt der Zeitpunkt gekommen
das Buch genauer unter die Lupe zu nehmen. Und wenn er dort keine Antwort
finden würde, dann käme er zumindest auf andere Gedanken, dachte er.
Seine Hand näherte sich langsam dem Buch. Doch dann zögerte er. Was war
wenn es ihn genau so ohnmächtig machen würde wie Jolena? Er schüttelte
stumm den Kopf. Jetzt war er schon zu weit gegangen um noch umdrehen zu
können. Vorsichtig strich er über den Einband des Buches. Die dargestellten
Rosen waren fein ausgearbeitet und umrahmten auf der Vorderseite einen
Schriftzug, den Dalnas zwar nich lesen konnte, von dem er aber wusste, dass
es sich dabei um Endophali handeln musste.
Mit zittrigen Händen klappte er das Buch auf. Auch hier fand er wieder diese
Schriftzeichen. Der Junge verdrehte innerlich die Augen. Natürlich waren
auch hier diese Schriftzeichen. Wie hätte es auch anders sein sollen in
einem endophalischen Buch?
Langsam blätterte er weiter, jederzeit darauf gefasst das schlangenartige
Bild zu sehen, dass Jolenas Freundin beschrieben hatte. Und er sah viele
Abbildung. Einige zeigten offenbar eine Schlacht, andere Landschaften, die
von kantigen Felsen und weiten Dünen beherrscht waren. Dalnas vermutete,
dass es sich dabei um das Sandmeer in Endophal handeln müsse. Er hatte es
zwar selbst noch nie gesehen, aber ein endophalischer Novize hatte es ihm
recht ausführlich beschrieben, als die beiden zusammen Hecken im
Tempelgarten geschnitten hatten. Das war letztes Jahr gewesen. Wehmütig
dachte er an diese Zeit zurück. Aber das war nun für immer verloren.
Also blickte er wieder in das Buch und schlug die nächste Seite
um.
Je weiter er in dem Buch vorankam, desto unruhiger wurde er. Hätte er das
Unglücksbild nicht schon längst erreichen müssen? Er blätterte schneller,
doch schließlich war er am Ende des Buches angelangt und hatte nichts
gefunden. Eine tiefe Falte bildete sich auf seiner Stirn, als er das Buch
nochmals durchblätterte, diesmal um einiges schneller. Dann suchte er die
einzelnen Seiten ab, ob vielleicht etwas herausgerissen wurde. Doch es
half nichts. So sehr er sich auch anstrengte, das Bild blieb verschwunden.
Hatte er am Ende das falsche Buch gestohlen?
Aber nein, es war ganz eindeutig das Buch, dass er am Tag, als Jolena
bewusstlos wurde, gesehen hatte. Ratlos schlug er es wieder zu.
Sein Blick ging in die Ferne, als er aus den Augenwinkeln eine
Unregelmäßigkeit in dem Strom der Menschen auf der Handelsstraße nach
Falkenstein bemerkte. Als er in die entsprechende Richtung sah, erkannte
er auch was der Auslöser war. Eine Gruppe von Händlern, die in den
morthumer Farben gekleidete waren, war stehen geblieben und blickte in
seine Richtung. Zwei von ihnen schienen sich angeregt zu unterhalten,
dann machte einer kehrt und eilte in die Stadt zurück, aus der sie offenbar
gerade gekommen waren.
Dalnas stockte der Atem. Diese Händler mussten von der Tempelwache
angehalten worden sein und hatten ihn nun erkannt! So schnell er konnte
sprang er auf. Doch auch die kleine Gruppe blieb nicht tatenlos. Einer
von ihnen, der etwas weniger fettleibig war als die anderen, spurtete
in seine Richtung los. Im ersten Moment blieb der Anwärter wie angewurzelt
stehen, doch dann übernahm wieder die Angst über ihn die Kontrolle - wie
schon so häufig in letzter Zeit. Der Junge rannte los, über die seichten
Hügel hinweg, die Falkenstein umgaben. Das Gras, dass sie bedeckte, war
gelblich, denn Fela hatte beinahe alles Leben aus ihnen herausgebrannt.
Doch das beachtete Dalnas nicht weiter. Er rannte so schnell er konnte.
"Weg", war sein einziger Gedanke: Weg von der Handelsstraße, weg von
Falkenstein - ja, weg von seinem bisherigen Leben. Er presste das Buch
beim Laufen fest an sich. Bis jetzt hatte der Anwärter die körperliche
Arbeit nie gescheut, aber gerannt war er noch nie sehr lange. Schon bald
bekam er Seitenstechen und die Luft brannte ihm in seinen Lungen. Die
Sandalen, die er trug, behinderten ihn mehr, als das sie ihm halfen.
Doch er kämpfte sich immer weiter voran.
Erst nach geraumer Zeit erlaubte er es sich langsamer zu werden. Schwer
keuchend sah er über die Schulter. Zu seiner Erleichterung war von seinem
Verfolger nichts zu sehen. Offenbar war er den Händlern am Ende doch nicht
so wichtig gewesen, als dass sie die körperliche Anstrengung auf sich
nahmen. Dennoch war er nicht außer Gefahr. Einer der Männer war in die
Stadt geeilt und Dalnas war sich sicher, dass es nur noch eine Frage der
Zeit war, bis ein berittener Trupp auf den Weg zu ihm war.
Trotzdem gönnte er sich eine kleine Pause. Er war einfach zu erschöpft
von seiner Flucht. Als er einigermaßen wieder bei Atem war und die
Sterne vor seinen Augen weniger wurden, entschloss er sich weiterzugehen.
Beinahe erheitert registrierte er, dass seine Beine ihn in die Richtung
des Hofes seines Vaters getragen hatten. Jedoch konnte er jetzt nicht mehr
dorthin zurück.
Nicht nur, dass man ihn dort zu allererst suchen würde, nein, sein Vater
würde ihn auch sicher aus seinem Haus verbannen. Eine Geweihte Vitamas
zu bestehlen! Wie konnte er nur?!
Also musste Dalnas eine andere Richtung einschlagen. Er konnte nur hoffen,
dass die Reiter keine Spurenleser bei sich haben würden. Östlich von
ihm konnte er einen kleinen Wald erkennen. Ohne noch länger zu zögern
brach er dorthin auf.

Er kam gut voran. Gegen Abend des Tages hatte er von einem kleineren
Bauernhof Hemd, Hose und richtige Schuhe gestohlen. Zunächst hatte er
zwar Skrupel gehabt, doch schließlich hatte seine Angst wieder einmal
gesiegt. Er wäre in der Tracht eines Anwärters Vitamas einfach zu
auffällig. Außerdem war er bereits ein Einbrecher und Dieb, da würde
einmal mehr oder weniger auch nichts mehr ausmachen, sagte er sich.
Dennoch lies er seine Sandalen und einige Münzen zurück. Denn er war
auch der Sohn eines Bauern und wusste wie schwer das Überleben in einem
so heißem Astrael wie diesem sein konnte. Er hätte ihnen gern auch noch
seine Robe da gelassen, doch diese hätte seine Verfolger nur auf seine
Spur bringen können. So hatte er die Robe etwas später hinter einigen
großen Felsen versteckt.
Als sich schließlich auch der letzte Hellzyklus dem Ende zuneigte
fand er auf einer Lichtung eine verlassene und halb verfallene Hütte.
Er musste sich selbst eingestehen, dass dies wahrlich nicht gerade
sein Wunschplatz war zum Übernachten, aber er würde immerhin ein Dach
über dem Kopf haben. Und das war in dieser heißen Zeit, in der es
manchmal in den Nächten gewaltige Hitzegewitter gab, nicht zu verachten.
So rollte er sich in einer Ecke des Hauses ein und schlang einen Arm
um das Buch. Er konnte nur hoffen, dass es hier in der Nähe keine
wilden Tiere gab.

Dalnas hatte einen wilden Traum. Er sah sich selber, wie er über eine
weite Ebene rannte. Fela stand hoch am Himmel, doch das Licht war
irgendwie falsch. Auch konnte er nicht erkennen vor was er da
flüchtete. Plötzlich tauchte vor ihm ein Feld aus Rosen auf. Doch er
machte nicht etwa halt. Noch immer rannte er weiter, zerkratzte sich
seine Hände und zerriss sich Hemd und Hose. Schon zierten ihn dutzende
kleine Schnitte.
Dann plötzlich war es dunkel.
Er hatte das Gefühl zu fallen. Doch es erfolgte kein Aufprall, sondern
im nächsten Augenblick fand er sich in einer großen Grotte wieder.
Sie wurde von einem gespenstischem Zwielicht erleuchtet und große
spitze Felsen hangen von der Decke hinab. Vor ihm aber befand sich
ein großer nahezu quadratischer Felsbrocken. Er war glatt als ob er poliert
worden wäre. Und auf ihm befand sich etwas. Es war Dalnas unmöglich zu
sagen, um was es sich dabei handelte, denn die Dunkelheit schien sich
geradezu um dieses Etwas zu ballen.

Er schreckte schweißbedeckt mit einem Schrei auf. Sein Atem ging
schneller, bis er erkannte, dass er sich noch immer in der Hütte
befand. Auch war es draußen dunkel und der Anwärter schätzte, dass
er bis jetzt erst wenig geschlafen haben musste. Also legte er sich
wieder hin und trotz des Schreckens war er bald wieder eingeschlafen.
Er fiel in einen traumlosen Schlaf.

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BeitragVerfasst: 9.03.05, 13:28 
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Dalnas war in den vergangenen Tagen immer weiter nach Osten geraten.
Zunächst hatte er die Handelsstraße gemieden, doch schließlich war er
auf sie zurückgekehrt. So kam er wesentlich schneller voran. Vor einem
Tag war er schließlich ans Meer gekommen. Er kannte zwar den Hafen von
Falkenstein, aber hier bot sich ihm ein vollkommen anderer Anblick.
Der Junge stand am Rand einer Steilklippe, die beinahe senkrecht unter
ihm in die Tiefe führte. Das Schätzen von Entfernungen fiel ihm schon
immer schwer, dennoch waren es wohl über fünfzig Schritt hinab. Unten
sah er die Wellen der Bittersee gegen die Felsen branden. Die Luft
war erfüllt von den Schreien der Möwen. Sie hatten sich der Schwerkraft
zum Trotz Nester an der Steilwand gebaut.
Von dort an bog der Weg ein Stück nach Norden ab. Ohne es zu merken
näherte sich Dalnas so immer mehr der endophalischen Grenze. Doch er
hatte auch andere Sorgen. Jede Nacht war er auf der Suche nach einem
geeigneten Schlafplatz. Bis jetzt war er zwar von Unwettern verschont
geblieben, aber gegen Ende des Astraels würde sich dies zweifellos
ändern. Auch plagte ihn fast ununterbrochen Hunger und Durst. Sobald
er einen Bach fand trank er so viel er konnte, aber er hatte keine
Feldflasche bei sich. Ab und zu gab ihm ein vorbeiziehender Händler,
der ihn wohl für einen Bettler halten musste, ein Stück hartes Brot.
Ansonsten ernährte er sich von Beeren und anderen Früchten. Er hatte
noch nie viel für den Küchendienst übrig gehabt, doch jetzt war er
froh, dass er manchen Tag mit Kartoffelschälen verbracht hatte. Denn
er hatte dort auch einiges gelernt. Und so war es ihm möglich zu
bestimmen welche Beeren essbar waren und von welchen man eher die
Finger lassen sollte.
Da er noch immer keine Idee hatte was er nun tun wollte, beschloss
er einfach immer dem Weg zu folgen. Irgendwann würde ihm schon
etwas einfallen.

Dalnas dachte gerade an die Zeit im Tempel zurück, als er ein
Rascheln im Gebüsch bemerkte, dass den Weg nun schon seit etwa einem
Zyklus Fußmarsch einrahmte. Er war in dieser Zeit noch niemandem
begegnet. Umso mehr zog nun das Rascheln seine volle Aufmerksamkeit
auf sich.
Als er einen Schritt darauf zu trat sprang plötzlich ein Mann
dahinter hervor. Er war ein gutes Stück größer als der ehemalige
Anwärter und sehr muskulös gebaut. Über seinem Oberkörper spannte
sich ein dreckiges Hemd, dass an zwei Stellen eingerissen war
und auch sonst machte er einen recht verwarlosten Eindruck. Am
schlimmsten jedoch war das Gesicht des Mannes anzusehen. Sein Haar
war verfilzt und an seinem linken Ohr fehlte ein gutes Stück. An
der Stelle des rechten Auges war nur eine vernarbte Höhle.
Der Mann verzog sein Gesicht zu einem breiten zahnlosen Grinsen.
In seiner Hand hielt er ein langes schartiges Messer.
"Na mein Söhnchen, ganz allein unterwegs?"
Instinktiv wich der Junge ein Stück von diesem Mann zurück. Doch
im nächsten Augenblick war dieser bei ihm und packte unsanft seinen
Arm. Vor Schreck lies Dalnas das Buch fallen.
"Na los, her mit deinem Geld, dann verschohn ich vielleicht dein
Leben."
Das Messer setzte der Räuber an den Hals des Jungen.
"Aber...", Dalnas brach der Schweiß aus. Er spührte wie die Spitze
des Messers an seinen Hals drückte.
"Aber... Herr... ich habe kein Geld."
"Lüg' mich nicht an! Und jetzt her mit deinen Dukaten oder du
kannst Morsan von mir schöne Grüße ausrichten!"
Der Mundgeruch des Mannes raubte ihm fast den Atem, dennoch wagte
sich der ehemalige Anwärter nicht zu bewegen. Er glaubte schon sein
letztes Stündlein hätte geschlagen, als er in der Ferne Lachen und
leise Musik hörte. Auch der Räuber schien dies gehört zu haben, denn
er sah sich unruhig um. Anscheinend hatte er etwas hinter Dalnas
bemerkt, denn seine Augen verengten sich etwas.
"Verflucht!", war das einzige was er hervorstieß. Dann zog er das
Messer von dem Hals des Jungen zurück. Dieser atmetet erleichtert auf,
doch nur bis er erkannte, dass der Mann ausholte. Wuchtig stach er
Dalnas in den Bauch. In diesem Augenblick verlor er das Bewusstsein.

Blinzelnd schlug er wieder die Augen auf. Sein Blick war vernebelt
und ganz Tare schien in ihren Fugen zu wanken. War er Tod? Fühlte es
sich so an in Morsans Hallen zu wandeln? Er hatte sich immer
vorgestellt, dass Galtor zu ihm kommen würde und seine Seele mit sich
trug. Und tatsächlich, da beugte er sich auch schon über ihn.
Doch irgendetwas stimmte nicht. Seit wann hatte Galtor blondes
kurzes Haar und ein bärtiges Kinn? Noch einmal blinzelte der Junge,
dann konnte er klar sehen. Nein, es handelte sich gewiss nicht um
Galtor. Vielmehr schien dieses Gesicht einem Riesen zu gehören. Einem
Riesen, der jetzt fröhlich lächelte, als er erkannte, dass Dalnas
erwacht war.
"Schön, dass du wieder wach bist, mein Junge. Komm, trink einen
Schluck."
Mit diesen Worten reichte er dem Liegenden eine Feldflasche, aus der
dieser auch zugleich begierig trank. Er fühlte sich ausgezehrt. Erst
als er die Flasche halb geleert hatte, fand er die Kraft sich halb
aufzusetzen. Verwirrt tastete er nach seinem Bauch. Er hätte schwören
können, dass der Räuber ihn aufgespießt hatte. Und tatsächlich, an
seinem Bauch hatte das Hemd einen feinen Riss. Fragend sah er zu dem
Riesen auf.
"Hast ganz schön Glück gehabt, mein Junge. Als wir dich erreicht
haben hat sich gerade so ein zwielichtiger Geselle über dich gebeugt
und dich abgetastet. Aber als wir kamen is er verschwunden. Wir dachten
zuerst du seist tot, aber Vitama muss wirklich ihre Hand über dich
gehalten hab'n."
Der Blonde hielt einen Stein in die Höhe, den Dalnas erst auf den
zweiten Blick als den Käfer erkannte, den er bei sich trug.
"Das hat wohl das Messer abgefangen, mit dem der Kerl dich
aufschlitzen wollte."
Ungläubig starrte der Junge hinauf. Wie konnte das möglich sein? Er
hatte den Käfer in seiner Hosentasche getragen, aber doch nicht vor
dem Bauch. Doch der Riese lachte nur laut auf, scheinbar hatte er
Dalnas Blick falsch gedeutet.
"Ach, ich bin übrigens Rogar der Riese. Eigentlich komm' ich aus dem
Norden, aber hier im Süden halten mich alle für groß. Nacher stell
ich dir noch Elaya die Schlangenfrau vor, meine Verlobte. Und dann
den Rest unserer Truppe. Du musst wissen, wir sind Schausteller."

Der Anwärter konnte sein Glück kaum fassen. Nicht nur, dass er knapp
dem Tod entgangen war, er hatte auch noch Leute gefunden, die ihn
mit offenen Armen empfingen.
Rogar erzählte ihm so einiges. Und über seinen Worten vergaß Dalnas
sogar seine mysteriöse Rettung. Er erfuhr, dass es sich bei den
Schaustellern um eine zehn Männer und Frauen starke Gruppe handelte.
Sie verdienten sich ihr Geld damit hier im Süden Galadons von Markt
zu Markt zu ziehen. Nun waren sie auf dem Weg zur Grenze um dort
einer Garnision einen Besuch abzustatten. Dalnas würde sie solange
begleiten können wie er wollte. Zwar schwommen sie nicht im
Überfluss, aber für einen weiteren Mund reichten ihre Vorräte noch
aus.
Zum ersten Mal seit Tagen war der Junge wieder richtig froh. Er
lauschte den Geschichten des Barden, der die Gruppe begleitete und
sang lautstark zusammen mit Mergret dem Zwergen.
Eines Abends, als sie wie immer gemeinsam um das Lagerfeuer
herumsaßen, dass die Gruppe zum Schutz vor wilden Tieren und den
Räubern entzündet hatte, nahm Dalnas das rote Buch zur Hand.
Er hatte es über die Freude neue Freunde gefunden zu haben beinahe
vergessen, doch jetzt kehrte der Schwermut, der damit verbunden war,
zurück. Als Rogar das sah, rutschte er etwas näher zu ihm.
"Was ist das denn für ein Buch, dass du da hast? Wir haben es damals
neben dir gefunden, aber es hat uns nicht weiter interessiert."
"Es ist etwas, dass ich... gefunden habe. Ein altes Buch. Aber leider
ist es auf Endophali und deshalb weiß ich auch nicht was drin
steht."
Der Riese sah ihn einen Augenblick ratlos an.
"Na ich kann dir da auch nicht helfen. Ich hab schon Probleme bei
Galad.", er grinste kurz. "Aber zeig es doch mal Lepedias."
Dalnas wusste, dass es sich bei Lepedias um einen Magier handelte.
Oder viel mehr um jemanden, der sich als Magier ausgab. Doch wie er
jetzt erfuhr, hatte er tatsächlich mal an einer arkanen Akademie
studiert.
"Na ja, was soll ich sagen.", grinste Lepedias den Jungen an.
"Ja, es stimmt, ich hab' mal versucht Zaubern zu lernen. Mein Vater
hielt das für 'ne gute Idee. Ich komme ursprünglich aus Crowahst,
musst du wissen. Aber es hat sich schon bald gezeigt, dass ich so
talentiert bin wie ein Sack Korn. Ich beherrsche nur einen
Zauberspruch."
Dalnas sah den Magier fragend an, worauf dieser noch breiter
grinste.
"Ich kann fremdes Geld in meinen Taschen verschwinden lassen."
Der ehemalige Anwärter lachte laut auf und als er sich wieder
beruhig hatte, sprach der Mann weiter.
"Na ja, meine Lehrer fanden das nicht so witzig. Deshalb haben
sie mich auch von der Akademie geworfen. Ich irrte dann eine Weile
umher, bis ich aus Zufall auf Rogars Truppe traf. Und hier sitze
ich nun! Aber genug von mir. Sehen wir uns lieber einmal das Buch
an, von dem du mir erzählt hast."
Er schlug das Buch vorsichtig auf und konzentrierte sich auf die
erste Seite. Auf seiner Stirn bildete sich eine tiefe Falte.
"Also... das ist eindeutig Endophali. Aber... nun ich kenne die
Zeichen oder zumindest kenne ich Zeichen, die denen ähnlich sind,
die hier stehen. Mir scheint als würde es sich dabei um einen
sehr alten Dialekt handeln. Ich fürchte ich kann dir da auch nicht
weiterhelfen."
Enttäuscht sah ihn Dalnas an.
"Aber ich kenne jemanden, der dir da sicher helfen kann. Damals
in Crowahst gab es einen Magier, der sich mit alten Schriften befasste.
Welyhn war sein Name. Vielleicht lebt er ja noch immer dort."

Nachdenklich begab der Junge sich an diesem Abend zu Bett. Das was
Lepedias gesagt hatte, beschäftigte ihn noch immer. Schließlich
fasste er einen Entschluss. Wenn er schon nicht mehr zurück konnte,
dann könnte er doch zumindest versuchen hinter das Geheimnis dieses
Buches zu kommen. Vielleicht würde er ja einen Weg finden Jolena
aufzuwecken. Dann würde ihm die Mutter Oberin sicher vergeben!
Mit einem zufriedenen Lächeln schlief er ein.

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BeitragVerfasst: 10.03.05, 14:58 
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Wenige Tage später lagerte die Gruppe an einer Wegkreuzung. Von hier aus führte
ein Weg in südliche Richtung nach Endophal. Im Westen lag die Handelsstraße
nach Falkenstein und im Osten führte sie weiter nach Torfeld. Dalnas hatte
seinen Weggefährten von seinem Vorhaben erzählt und so feierten und lachten
sie nochmals in dieser letzten gemeinsamen Nacht. Am nächsten Morgen würde er
den südlichen Weg nehmen, während die Gruppe weiter nach Osten ziehen würde.
Spät am Abend, der achte Dunkelzyklus war zur Hälfte fortgeschritten, kam Rogar
zu dem Jungen.
"Komm, die alte Scyria will nochmal mit dir sprechen."
Überrascht blickte Dalnas zu dem Riesen auf. Scyria war die älteste der Gruppe
und Rogar hatte ihm erzählt, dass sie einst die erste war, die umherzog. Es
hieß sie könnte in die Zukunft schauen.
Kurz darauf klopfte der Junge an die Türe ihres Wagens. Wie immer nahm sie
nicht an den gemeinsamen Abenden teil. So kam es auch, dass er sie bis jetzt
nur zwei oder drei Mal gesehen hatte. Etwas geheimnisvolles umgab sie und er
war sich nicht einmal sicher ob dies nur gespielt war.
"Tritt ein, Dalnas.", ertönte ihre kratzige Stimme dumpf aus dem Inneren.
Der ehemalige Anwärter tat wie ihm geheißen und öffnete zögerlich die Türe.
Der Wagen war in ein flackerndes Zwielicht gehüllt, das von den halb
abgebrannten Kerzen stammte, die überall auf Tellern verteilt herumstanden.
Die Wände selbst waren mit Stoff verhangen, so dass sich Dalnas kaum des
Eindrucks erwehren konnte, sich in einer Höhle zu befinden. In der Mitte des
kleinen Raumes saß Scyria, eine Decke um ihre Schultern gelegt und eine Kaputze
tief ins Gesicht gezogen. Sie erhob wieder ihre Stimme.
"Setz dich."
Auch diesmal kam er ihrer Aufforderung nach ohne nach dem Grund zu fragen.
Er hatte Respekt vor dieser Frau, aber auch ein wenig Angst.
"Du verlässt uns morgen.", sagte sie mehr feststellend, als dass es nach einer
Frage klang.
"So... ist es, Scyria."
"Natürlich ist es so. Ich wusste das du uns verlässt - schon vor dir."
Der Junge sah sie nur schweigend an. Ihr Gesicht lag tief im Schatten der
Kaputze verborgen, doch er konnte deutlich ihren Blick auf sich spühren. Was
wollte sie wohl von ihm? Wie als hätte sie seine Gedanken gelesen antwortete
sie sogleich auf diese Frage.
"Ich möchte dir ein Geschenk machen. Ich werde für dich deine Zukunft lesen."
Unwillkürlich musste er an seine Begegnung mit dem alten Endophali
zurückdenken. In letzter Zeit wurde ihm eindeutig zu oft seine Zukunft
vorrausgesagt. Und wieder schien es, als hätte sie seine Gedanken gelesen.
"Dies ist nicht das erste Mal, dass man dies für dich tut, oder?"
Schwach schüttelte er den Kopf. Er war beunruhigt. Was war das Geheimnis
dieser alten Frau?
"Diesmal wird es aber anders sein. Reich mir deine Hand."
Wie um ihre Aufforderung zu unterstreichen griff sie zusätzlich nach seiner
rechten Hand, die er nur langsam vorstreckte. Sie drehte die Hand mit der
Innenseite nach oben und bog die Finger auseinander. Dann beugte sie sich tief
über sie. Neugierig sah er ihr zu. Was sie da wohl tat? Es schien, als
betrachte sie die Linien auf seiner Hand.
Nach geraumer Zeit blickte sie wieder zu ihm auf.
"Mhm... deine Zukunft ist verschwommen. Nicht viel kann ich erkennen. Nur so
viel: Dein Schicksal ist mit den Rosen eng verschlungen."
Mit diesen Worten rutschte sie von ihm fort. Instinktiv wusste Dalnas, dass
er nicht mehr von ihr erfahren würde. So erhob er sich langsam und trat einen
Schritt auf die Türe des Wagens zu. In diesem Moment erhob sie nochmals ihre
Stimme.
"Hüte dich vor dem Halbmond."
Dann war wieder Stille und der Junge trat endgültig nach draußen.

Erst sehr viel später, das Feuer war heruntergebrannt und das Fest zu Ende,
kam Dalnas dazu über die Worte der Wahrsagerin nachzudenken. Er lag
ausgestreckt auf seinem Nachtlager und sah hinauf in den Himmel. Über ihm
zogen die Sterne dahin und am Horizont ging langsam der Vitamalin auf.
Scyria hatte von Rosen gesprochen. Was das zu bedeuten hatte war klar. Selbst
er wusste, dass sie damit nur dieses verfluchte Buch meinen konnte. Es hatte
sein Leben verändert und zwang ihn nun auch noch in das heiße Endophal zu
reisen. Ausgerechnet nach Endophal, dorthin wo er nie gehen wollte. Warum
nicht ins Norland? Oder wenigstens in eine der nördlichen Provinzen Galadons?
Gleichzeitig musste er aber auch an ihre letzten Worte zurückdenken.
Halbmond? Was für ein Halbmond? Er hatte noch nie gesehen, dass einer der zwei
- in Gedanken korrigierte er sich - drei Monde auf Tare nur... halb zu sehen
gewesen wäre. Wie es schien war dies nur ein weiteres Rätsel, dass ihm
auferlegt wurde.

Am nächsten Morgen war der Zeitpunkt der Trennung gekommen. Die Spielleute
gaben ihm einen Rucksack gefüllt mit nützlichen Dingen mit auf den Weg. Er
schüttelte ihnen alle - natürlich bis auf Scyria - nochmals die Hand und
wendete sich dann der südlichen Straße zu. Langsam schritt er aus. Wenn er
ehrlich war, dann hatte er es nicht sehr eilig nach Endophal zu kommen. Lieber
wäre er bei seinen Freunden geblieben. Er konnte sich gut ein Leben als
Zigeuner vorstellen. Aber sein Schicksal lag an einem anderen Ort. Das
spührte er nun deutlicher denn je. Trotzdem würde er sie alle vermissen:
Rogar und Elaya, Lepedias, Mergret und sogar Scyria. Er hoffte, dass er ihnen
eines Tages wieder begegnen würde.
Zur Hälfte des vierten Hellzykluses erreichte er schließlich den Grenzposten.
Die Wachleute schienen sich nicht sonderlich um ihn zu kümmern, denn sie
waren vielmehr damit beschäftigt einer größeren Gruppe von Händlern die
Zollgebühren abzunehmen. Und so tat Dalnas unbehelligt seinen ersten Schritt
nach Endophal.
Jedoch nicht unbemerkt. Schon seit zwei Tagen kreiste ein Falke über ihm.
Er hatte davon noch nichts mitbekommen, doch der Vogel schien ihn auch
jetzt weiter zu verfolgen.

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BeitragVerfasst: 11.03.05, 14:46 
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Zunächst kam er nicht sehr schnell auf der Straße nach Crowahst voran. Er
wusste, dass es zu Fuß wohl sicherlich einen Mond bis zu der Küstenstadt war.
Langsam bereute er es auch nicht einfach auf einem Schiff angeheuert zu
haben. Von Falkenstein fuhren beinah täglich welche auf die andere Seite der
Bittersee-Bucht und er wäre nur wenige Tage unterwegs gewesen. Aber es war
nunmal anders gekommen.
Doch er sollte Glück haben. Zwei Tage nachdem er Rogar und seine Truppe an
der Wegkreuzung verlassen hatte, überholte ihn eine Gruppe von Händlern zu
Pferd. Als sie schon beinahe an ihm vorbei waren zügelte einer von ihnen
neben Dalnas sein Pferd und blickte hinab.
"Na Bursche, wohin des Weges?"
Nur zögernd antwortete der Junge.
"Nach Crowahst, Herr."
"Soso, nach Crowahst. Hrm. Kannst du kochen?"
"Ein wenig, Herr."
In der Tat hatte Dalnas in der Küche des Tempels einiges gelernt, jedoch
wagte er nicht zu behaupten, dass er im Kochen wirklich gut war. Doch dies
schien den Reiter nicht zu stören. Er erzählte dem Jungen, dass die Gruppe
vor zwei Tagen ihren Koch verloren hatte. Dieser war Krank geworden und so
mussten sie ihn in einem kleineren Dorf zurücklassen. Doch die Händler
wollten nur ungern auf eine warme Mahlzeit am Tag verzichten. Sie waren
auf dem Weg nach Crowahst und so bot der Reiter Dalnas an, dass er sie als
Koch begleiten könne. Das Pferd des Kochs war frei geworden und würde ihn
für die Reise tragen. Außerdem könne er mit einem Lohn rechnen, versprach
ihm der Händler. Dalnas zögerte nicht lange. So eine Gelegenheit
lies er sich nicht entgehen. Und so kam er zusammen mit den Händlern nach
Crowahst.

Er war beeindruckt von der riesigen Metropole, die sich halbkreisförmig an
den Strand der Bittersee-Bucht schmiegte. Riesige Handelsschiffe lagen im
Hafen. Einige wiesen die bauchige Bauweise Galadons auf, andere waren
schnittiger. Selbst in Falkenstein hatte er solche Schiffe noch nicht
gesehen.
Auch schien Crowahst noch ein gutes Stück größer zu sein als seine Heimat.
Jetzt erst bemerkte er, dass sie von keiner Stadtmauer umgeben war. Hatten
die Bewohner denn keine Angst vor Räubern oder einem Krieg?
Als die Gruppe sich der Stadt näherte bemerkte er jedoch, dass seine
Befürchtungen wohl unbegründet waren. Auf den Straßen herrschte ein reges
Treiben und dennoch konnte der Junge die vielen Wächter erkennen, die
überall herumstanden und jeden Passanten mit einem aufmerksamen Blick
musterten.
Schließlich hatten sie die Stadt erreicht. Sie ritten auf einer breiten
Straße gen Stadtmitte, aus der sich eine große und prächtige Festung erhob.
Dalnas kam nicht umhin die pompösen Bauten zu bestaunen, welche links und
rechts neben der Straße in die Höhe wuchsen. Anscheinend waren sie mitten
in einem Vergnügungsviertel gelandet, denn überall hingen Tavernenschilder.
Beschämt senkte der Junge den Blick, als er eine spährlich bekleidete Frau
sah, die aus einem Fenster hinaus auf die Straße sah und einigen Männern
einen unschwer zu deutenden Blick zu warf.
Zwar gab es auch in Falkenstein diese Art von Viertel und auch sicher jene
Mädchen, aber die Mutter Oberin hatte die Anwärter stets ermahnt von diesen
Orten fern zu bleiben. Sie sagte stets, dass später in ihrem Leben noch
genug Zeit sei diesen Teil der Stadt zu erkunden. Und so konnte Dalnas sich
es nicht verkneifen erleichter aufzuatmen als sie das Viertel verliesen.
Vor einem großen Gasthaus machte die Gruppe schließlich halt. Dalnas würde
sich hier wieder von den Händlern trennen. Er bekam noch einen kleinen
Beutel voller Münzen und einen Rat mit auf den Weg: Einer der Händler hatte
sich erkundigt wo man einen Magier Namens Welyhn finden könne und sagte
Dalnas nun, dass dessen Behausung wohl in der Ehirgasse zu finden sei. Auch
beschrieb er ihm ungefähr den Weg dorthin.

Dennoch dauerte es fast einen halben Zyklus, bis er das beschriebene Haus
endlich gefunden hatte. Es war aus dunklem Stein gemauert und zwei
Stockwerke hoch. An den Wänden rankte sich wilder Wein nach oben.
Zögerlich sah Dalnas zu der schweren Eichentüre. Das Schild neben der Türe
wies das Haus ganz eindeutig als das eines Magiers aus. Auch erkannte er
zwei oder drei magische Schutzrunen. Mutter Elera hatte ihm einmal
erzählt, dass dies das Haus vor Feuer und Dieben schützen sollte. Und
wenn sie schon keine wirkliche Wirkung hatten, dann waren die meisten Diebe
davon trotzallem so beeindruckt, dass sie die Finger lieber davon liesen. Nur
die allerwenigsten fanden gefallen daran in einen Frosch verwandelt zu
werden.
Der Junge wollte gerade die Hand heben um an die Türe zu klopfen, da
wurde diese von innen geöffnet. Ein älterer Mann mit grauem Bart und einer
noch viel graueren Robe hatte sie geöffnet und blickte nun auf Dalnas
herab.
"Komm herein, ich habe dich bereits erwartet."
Der ehemalige Anwärter sah ihn überrascht an, verdrehte innerlich aber
sogleich die Augen. Noch ein Wahrsager? Er musste nochmal über sein Leben
nachdenken, nicht dass der Umgang mit solchen Leuten noch zur Gewohnheit
wurde. Der Magier schien seinen Gesichtsausdruck richtig zu deuten, denn
im nächsten Augenblick sagte er schmunzelnd:
"Keine Angst, ich kann nicht hellsehen. Aber ich habe ein Fenster und
wenn jemand staunend vor meiner Türe stehen bleibt, dann merke ich das."
Mit diesen Worten winkte er den Jungen herein. Dieser folgte dem alten
Mann in das Haus und dann in ein kleines Zimmer. Es musst sich
dabei offenbar um das Arbeitszimmer des Magiers handeln, denn überall
stapelten sich Pergamentrollen und Bücher. Vereinzelt standen astronomische
Gerätschaften herum und von der Decke hingen ausgestopfte Vögel und
Fledermäuse. In der Mitte des Raumes erhob sich ein großer Schreibtisch aus
dunklem Holz, hinter dem der Hausherr auch zugleich Platz nahm. Irgendetwas
beunruhigte Dalnas. Es schien als würde jemand in seinem Unterbewusstsein
dringend seine Aufmerksamkeit verlangen. Doch umso mehr er sich darauf
konzentrierte, desto leiser wurde die Stimme in seinen Gedanken. Er
schreckte auf als der Magier das Wort an ihn richtete.
"Nun Junge, sicherlich kennst du meinen Namen schon, aber ich will ihn dir
der Höflichkeit halber nochmals nennen. Ich bin Meister Welyhn. Und mit wem
habe ich das Vergnügen?"
"Anwer... Dalnas, Meister."
Wieder diese Stimme in seinem Unterbewusstsein.
"Nun, Dalnas, was kann ich für dich tun?"
"Ich habe ein altes Buch... gefunden. Es scheint in einem alten
endophalischen Dialekt geschrieben. Man sagte mir ihr könntet mir dabei
unter Umständen helfen?"
Mit diesen Worten öffnete er seinen Rucksack und zog daraus das rote
Buch hervor, dass er nun schon seit dem Anfang seiner Reise mit sich
herumgeschleppt hatte. Die Stimme in seinem Unterbewusstsein wurde lauter,
ja sie schien ihn nun fast anzuschreien. Doch er konnte sie nicht verstehen.
So reichte er das Buch an den Magier weiter.
"Mhm mhm. Nun ich beschäftige mich in der Tat mit alten endophalischen
Schriften. Mal sehen was ich da tun kann."
Der alte Mann schlug das Buch auf und vertiefte sich in das Studium der
Seite. Währenddessen fand Dalnas Zeit das Gesicht seines Gegenübers einer
genaueren Prüfung zu unterziehen. Neben dem grauen Bart hatte der Gelehrte
auch noch graues, längeres Haar, dass fast vollkommen seine Stirn verdeckte.
Kurz schien es ihm als würde unter dem Haar etwas durchschimmern, doch
der Junge konnte nicht sagen was.
Das Gesicht selbst war von den Jahren gezeichnet. Die Haut war runzelig
und hatte eine gräuliche Färbung angenommen. In der Mitte zierte das Gesicht
eine große Nase. Als der Magier aufsah konnte Dalnas zudem erkennen, dass
er tiefbraune Augen hatte.
"Nun, dieser Dialekt ist in der Tat sehr alt. Ich schätze sein Alter auf...
mhm... sagen wir eintausendzweihundert Götterzyklen. Wie das Buch jedoch
so lange in einem guten Zustand bleiben konnte kann ich nicht sagen. Wo
hast du es gefunden?"
Der ehemalige Anwärter druckste herum.
"Ach... es... lag einfach so herum."
"Es lag einfach so herum?", die Skepsis war dem Mann deutlich anzusehen.
"Soso. Mhm. Also gut."
Damit verschwand die große Nase wieder in den Seiten des Buches. Im
Nachhinein konnte Dalnas nicht sagen wie lange er dagesessen hatte und dem
Magier bei seiner Arbeit zu sah. Doch es musste wohl mindestens ein Zyklus
gewesen sein. Zwischendrin hatte sich der Magen des Jungen protestierend
gemeldet, doch Welyhn war dies nicht weiter aufgefallen. Es schien als sei
er vollkommen im Studium des alten Buches vertieft. Als er dann nach einiger
Zeit wieder aufblickte wirkte er recht nachdenklich.
"Dieses Buch erzählt von einem uralten Gegenstand. So viel konnte ich bis
jetzt herausfinden. Es erzählt auch von einer Schlacht, die wegen dieses
Gegenstandes geführt wurde. Doch scheinbar ist der Gegenstand dann
irgendwann im Nebel der Zeit verschwunden. Wenn du mir noch etwas mehr
Zeit lässt kann ich sicher noch mehr herausfinden."
Kurz dachte Dalnas über diesen Vorschlag nach. Endlich hatte er die
Chance mehr über die Rätsel herauszufinden, die ihm nicht selten den Schlaf
raubten. Doch gleichzeitig meldete sich wieder die Stimme. Sie war in dem
vergangenen Zyklus leiser geworden. Jetzt jedoch brüllte sie laut. Der
Junge wurde unruhig.
"Ich... ich denke es ist besser, wenn ich jetzt gehe. Ich werde es mir
überlegen. Gebt mir bitte das Buch, Meister."
Irgendetwas in dem Blick Welyhns veränderte sich. Es schien als würde
dieser nun kälter und schärfer werden.
"Ich fürchte das kann ich nicht tun, Kind."
"Aber es gehört mir! Gebt es mir!", schrie der Junge beinahe. Endlich
wusste er, was die Stimme ihm hatte sagen wollen.
"Es gehört dir?", der Magier lachte auf.
"Du hast es doch blos gestohlen. Leugne es nicht! Nein, Bursche. Etwas
gestohlenes zu stehlen ist kein Verbrechen. Und nun verschwinde, sonst
zeige ich dir die Macht meiner Magie!", damit erhob er sich drohend in
seinem Sessel.
Dalnas hätte vor Wut schreien können. Er konnte es nicht fassen. War er
diesen ganzen weiten Weg gegangen, nur um jetzt bestohlen zu werden? Und
wie sollte es weitergehen? Kurz überlegte er, ob er nicht einfach
versuchen sollte dem Alten das Buch zu entreißen. Doch beinahe im selben
Augenblick sah er die Zwecklosigkeit dieses Unterfangens ein. Welyhn würde
ihn mit seiner Magie zerquetschen ehe er auch nur das Buch erreicht
hätte. So ballte er nur zerknirscht seine Fäuste und lies die Schultern
hängen.
Er wurde von einem überheblich lächelnden Magier zur Türe geleitet.
Bevor er die Türe schloss hielt er jedoch nochmals inne. Er warf dem Jungen
ein hämisches Grinsen zu.
"Ich will nicht so sein. Hier, als Andenken."
Er schlug das Buch auf und riss eines der vielen detailierten Bilder
heraus. Dann lies er das Bild vor die Türe in den Staub fallen und schloß
die schwere Eichentüre mit einem dumpfen Knarzen. Im letzten Augenblick
erkannte Dalnas auch endlich, was ihn die ganze Zeit beunruhig hatte.
Während der Magier die Türe schloss strichen einige seiner Haare ein
Stück zur Seite. Auf seiner Stirn war ein großer Halbmond eintätowiert.

Zufrieden Lächelnd schlürfte Welyhn wieder in sein Arbeitszimmer. Dieser
naive Junge. Wenn er doch nur wüsste, um welchen Gegenstand es sich in
diesem Buch handelte! Wenn er ihn in die Finger bekommen würde, dann
würde er sicher zum mächtigsten Magier an der Bittersee-Küste werden. Ja,
vielleicht konnte er sogar nach Draconis an den Hof des Königs gelangen.
Er würde zu seinem persönlichen Berater werden. Und wer weiß? Vielleicht
ja sogar zu dessen Stellvertreter! Nocheinmal fragte er sich, wo dieses
Kind das Buch gefunden hatte. Aber spielte das eine Rolle? Er würde schon
hinter das Geheimnis kommen!

Mit hochrotem Kopf hob Dalnas das Bild auf. Es zeigte eine Felsformation,
umgeben von einem weiten Sandmeer. Er spielte mit dem Gedanken zur
nächsten Wache zu maschieren und ihr von dem Diebstahl des Magiers zu
berichten. Doch wer würde einem fremden Junge glauben, wenn sein Wort
gegen das eines alteingesessenen Magiers stand?
Wütend knüllte er das Bild in seine Hosentasche und stapfte dann immernoch
von Zorn brodelnd davon.
Kurze Zeit später mietete er sich ein kleines Zimmer in einem Gasthaus.
Der Wirt sah ihn zwar stirnrunzelnd an, aber auch das war ihm in der
Zwischenzeit egal. Er musste erst einmal zur Ruhe kommen. Vielleicht fand
er so einen Weg.

Was Dalnas nicht wusste: Ungefähr zur selben Zeit brach ein Feuer in der
Ehirgasse aus. Es dauerte fast die halbe Nacht es zu löschen. Im Zentrum
des Feuers lag das Haus des Magiers Welyhn. Später nahm man an, dass er
für das Feuer verantwortlich war. Man fand seine verkohlten Überreste in
einem zusammengestürzten Arbeitszimmer. Auf dem Tisch lag ein von den
Flammen vollkommen unleserlich gewordenes Buch. Bei der Menge Pergament,
die der Magier in seinem Zimmer hatte, sowie die Menge der alchemistischen
Flüssigkeiten, die wohl gleich im Raum daneben gelagert hatten, war es
nicht verwunderlich, dass solch ein Brand ausbrach. Es musste wohl eine
Kerze gewesen sein, die auf das Buch gefallen war. Zumindest kam man
überein, dass es so gewesen sein musste. Vollkommen ignoriert wurde
dabei der Umstand, dass das Haus erst neulich mit einem Schutzzauber vor
Feuer belegt wurde. Außerdem wies der halb geschmolzene und umgekippte
Kerzenständer vom Buch weg. Ganz so, als wäre das Feuer Explosionsartig
aus dem Buch gekommen...
Aber Bücher brachten keine Menschen um und so wurde dieser Umstand
schlichtweg ignoriert.

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BeitragVerfasst: 12.03.05, 15:55 
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Als Dalnas schließlich doch von dem Brand und seinen Folgen hörte, verlor
er jede Hoffnung. Das Buch war zerstört. Es dauerte einige Tage, bis er
sich wieder fing. Welche chance hatte er nun noch das Geheimnis um den
Gegenstand zu lösen, der angeblich in dem Buch beschrieben worden war?
Und wie sollte er nun Jolena aus ihrem Schlaf erwecken?
Doch schließlich neigte sich das Geld, dass er von den Händlern erhalten
hatte, langsam dem Ende zu. Und so war der Junge gezwungen sich eine
Arbeit in Crowahst zu suchen. Er half mal hier und mal dort, trug Kisten
für einen Händler, schnitt Gemüse in einer Küche und putzte Schuhe.
Tag um Tag schritt so voran. Langsam aber sicher ergab er sich in sein
Schicksal. Nach Falkenstein konnte er nicht, genau so wenig wie zu
seinem Vater. Auch die Spielleute waren inzwischen wohl weitergezogen
und außerhalb seiner Reichweite. So würde er wohl den Rest seines Lebens
in Crowahst verbringen müssen. Er versank im Selbstmitleid und sah
dies als gerechte Strafe Vitamas für seinen Diebstahl an.
Einzig und allein das Bild, dass Welyhn ihm überlassen hatte, spendete
ihm jetzt noch ein wenig Trost. Es war einer der wenigen Hinweise, die
er noch hatte. Doch wo anfangen zu suchen? Endophal war riesig! Noch
dazu war seine Abscheu vor dem heißen Klima noch gewachsen.
Den einzigen Tipp, den er bis jetzt erhalten hatte, kam von einem
Kamelhändler. Er hatte für ihn Mist gekehrt, als ihm zufällig das Bild
aus seiner Tasche fiel. Der Händler hatte sich danach gebückt und es
nur flüchtig betrachtet. Doch er fragte Dalnas, warum er ein Bild von
einer Landschaft der Roten Wüste in seiner Tasche trug. Offenbar stand
dies zweifelsfrei fest, da die Landschaft der Roten Wüste einmalig war.
Damit grenzte sich das Gebiet für die Suche zwar ein, aber es war
immernoch eine schier nicht zu bewältigende Aufgabe. Es hieß, dass eine
Reise in diesen Landstrich der reinste Selbstmord war und nur wenige
kamen aus ihm zurück.
Doch dann - der Astrael war nun beinahe zu Ende und die ersten Stürme
zeugten vom kommenden Bellum - wendete sich das Blatt für Dalnas. Von
einem seiner Arbeitgeber erfuhr er, dass es einen Galadonier in Crowahst
geben solle, der noch Begleiter für eine Reise in die Rote Wüste suche.
Wenig später klopfte der Junge an die Türe der Adresse, die man ihm
gegeben hatte. Ein Mann im mittleren Alter mit schwarzem Haar, dass aber
an den Schläfen bereits ergraut war, öffnete die Türe.
"Ach, hat Quasir dich wegen den Wasserkrügen geschickt? Hervorragend,
hervorragend! Bring sie doch herein."
Die Stirn des Mannes runzelte sich leicht.
"Hast du sie denn nicht dabei? Oh nein, sag blos es gibt eine
Verzögerung. Das darf nicht wahr sein! Ich muss unbedingt noch vor
Beginn des Bellums aufbrechen und dein Herr bringt es einfach nicht
fertig mir zwei simple Wasserkrüge zu liefern! Mein einheimischer
Führer wird schon ganz ungeduldig. Sag doch bitte deinem Meister, dass
er sich endlich beeilen soll, sonst suche ich mir einen anderen Händler!"
Damit schloß der Mann auch schon wieder die Türe. Dalnas blinzelte nur
und fragte sich, was gerade eben geschehen war. Er war noch nie einem
Menschen begegnet, der so schnell so viele Worte sagen konnte. Erst jetzt
setzte sich in seinem Kopf langsam Satz für Satz zusammen. Entschlossen
hob er die Faust um nochmals zu klopfen. Wieder öffnete der Schnellredner.
"Wie? Du bist immernoch da! Bursche, ich hab nicht den ganzen Zyklus
Zeit!"
Dann seufzte er.
"Also gut, was ist denn?"
Erst jetzt wagte der Junge es zu sprechen.
"Herr, ich bin nicht von diesem... Quasir."
"Nicht?", die Stimmung des Mannes wurde deutlich schlechter.
"Also, was willst du dann von mir?"
"Ich hörte, dass ihr noch jemanden sucht, der euch auf eurer Reise
begleitet."
Von einem Augenblick zum anderen lächelte der Mann.
"Hervorragend! Komm doch herein."
Während er Dalnas in ein großes Arbeitszimmer geleitete, sprach er
unaufhörlich auf ihn ein.
"Ich dachte schon niemand würde sich mehr melden! Da wollte ich das
Unternehmen schon allein mit dem Führer wagen, doch so ist mir das
natürlich viel lieber. Weißt du, alle scheinen mich hier für verrückt
zu halten, weil ich in die Rote Wüste will. Angeblich soll ja kaum jemand
aus ihr zurückkehren. Aber das macht mir nichts aus. Ich bin nämlich auf
der Suche nach den Kleinwüchsigen musst du wissen. Wenn meine Theorie
stimmt, dann handelt es sich dabei um den Beweis, dass es auch Halblinge
in Endophal gibt! Und außerdem..."
Der endlose Strom von Wörtern schien nicht abzureißen, doch etwas
anderes verlangte Dalnas Aufmerksamkeit. Das Zimmer das sie betraten war
über und über mit Karten, Bruchstücken von Statuen und anderen
merkwürdigen Dingen versehen. Der Junge sah einige primitive Bögen und
kurze Pfeile, außerdem Masken mit wilden Fratzen. Er fühlte sich
unangenehm an das Zimmer des Magiers erinnert, wenn er auch hier nicht
dieses Gefühl einer Bedrohung verspührte.
"Also was sagst du dazu?"
Dalnas brauchte einen Augenblick bis er begriff, dass der Mann sich an
ihn gewendet hatte.
"Mhm?"
"Ich fragte dich ob du mitkommst."
"Also, Herr..."
"Ach verzeih, ich habe mich ja noch garnicht vorgestellt. Mein Name
ist Geheras Gemt, Abenteurer und Forscher!"
Der Junge sah ihn verständnislos an. Was bitte war ein Forscher? Von
so etwas hatte er noch nie gehört. Ob das so etwas ähnliches war wie
ein Magier? Doch was spielte das schon für eine Rolle. Dies war seine
Möglichkeit zurück auf die Spur des Buches zu finden. Und so nickte er
bekräftigend.
"Hervorragend!", rief Geheras aus. Scheinbar handelte es sich dabei
um eines seiner Lieblingswörter.
Zwei Tage später verliesen die beiden zusammen mit einer Gruppe von
Endophali, die sich trotz allem bereit erklärt hatten den Abenteurer
zu begleiten, Crowahst in Richtung der Roten Wüste - wie immer begleitet
von einem Falken, weit oben in der Luft.

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BeitragVerfasst: 13.03.05, 13:52 
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Schon bald bereute Dalnas seine Entscheidung. Fela brannte unermütlich
vom Himmel herab und wenn doch einmal Wind aufkam, dann war dieser so
schneidend, dass es ihm das Atmen zur Qual werden lies. Oft waren sie
gezwungen Mundtücher zu tragen. Der feine Sand war überall. In seiner
Kleidung, in seinen Haaren, in seinem Mund und in seiner Nase. Selbst
das Essen und das Wasser, dass sie in großen Krügen mitnahmen, schmeckte
nach Sand. Doch das war nicht einmal das schlimmste. Denn sobald Fela
hinter dem Horizont Tares verschwunden war wurde es bitter kalt. So
gestalteten sich die Tage als eine Abwechslung von heiß und kalt, was
eine beinahe hypnotische Wirkung auf die Reisenden zu haben schien.
Dalnas war nicht nur in irgendeine Wüste geraten. Nein, er war in die
Mutter aller Wüsten geraten, so kam es ihm zumindest vor.
Sehnsüchtig dachte er an die kühleren Tage in Falkenstein zurück. An
das Badehaus und die Bäche und Brunnen. Sein Hals war von der Hitze
wund. Jeder Schluck bereitete ihm Schmerzen. Doch sie kämpften sich
verbittert weiter, auf der Suche nach einem Volk, dass vielleicht nie
existiert hatte. Die Endophali, die Geheras und ihn begleiteten, schienen
das ganze jedoch mit einer stoischen Ruhe aufzunehmen.
Ab und zu holte der Junge das zerknitterte Bild hervor. Es war sein
persönliches Heiligtum. Oftmals blieb er stehen und sah sich in der
kargen und von großen Dünen gezeichneten Landschaft um. Aber wohin er
auch blickte, eine Felsformation wie sie auf dem Überbleibsel des Buches
zu sehen war fand er nicht vor.
Das Schlimmste jedoch waren die Illusionen, die Dalnas von Zeit zu
Zeit hatte. Er sah in der Ferne verschwommene Gebirge oder Karawanen.
Einmal glaubte er sogar eine große Stadt mit hohen Zinnen zu sehen.
Seine Begleiter erzählten ihm, dass es sich dabei um Wüstengeister
handeln würde, die ihnen falsche Hoffnung machen wollten. Sie nannten
dies Achatji, die süße List. Ihren Worten nach lockten die Geister damit
ahnungslose Reisende weg von den Karawanenstraßen. War man erst einmal
vom Weg abgekommen, so verirrte man sich in der Wüste und starb
schließlich. Die Wüstengeister kamen dann heran und holten sich
die Seelen der Verstorbenen, worauf diese selbst zu Wüstengeistern
wurden. Dalnas hatte sich zwar gefragt, wie die Endophali in dieser
Monotonie der Dünen so etwas wie einen vorgegebenen Weg erkennen konnten,
doch sie hatten ihm versichert, dass sie durchaus dazu im Stande wären.
Und natürlich nutzte auch Geheras Gemt, der geschwätzige Abenteurer,
jede sich ihm bietende Möglichkeit um mit dem Jungen zu reden. Zu Dalnas
bedauern war dies jedoch stets ein Monolog, denn der ältere Mann
dozierte zumeist von seiner Theorie. Demnach waren die Halblinge eines
der älteren Völker Tares, ja vielleicht sogar noch älter als die Elfen.
Er war über ganz Falandrien gereist um jedem Hinweis nachzugehen, der
sich bot. Er war sogar einige Zeit Gast bei den Zwergen gewesen,
allerdings eher unfreiwillig. Die Zwerge hatten es ihm wohl übelgenommen,
dass er behauptete sie würden von bartlosen Halblingen abstammen. So
verbrachte er einige Zeit in einem Gefängnis der Dwarschim. Doch auch
davon hatte er sich nicht bremsen lassen.
Dalnas konnte nicht nachvollziehen wie man so vernarrt in diese kleinen
Wesen sein konnte. Er hatte zwar schon von Halblingen gehört, aber
gesehen hatte er sie noch nicht. Man hatte ihm erzählt, dass sie fast
ausschließlich auf einer Insel Namens Hügelau zu finden seien.

Nach knapp zwei Wochen wurde der Junge zunehmend unruhig. Die
Wasservorräte waren etwa zur Hälfte aufgebraucht und sie würden bald
umdrehen müssen, falls sie keine Quelle mit frischem Wasser fanden.
Auch schienen die Einheimischen in der Gruppe immer öfter miteinander
zu tuscheln. Ob sie wohl ebenso besorgt um das Wasser waren?
Er sollte sich täuschen.
Im kommenden Dunkelzyklus brach ein Streit unter den Endophali aus.
Dalnas lag ausgestreckt auf seinem Nachtlager und neben ihm schnarchte
der Abenteurer. So konnte er weder hören noch sehen was vor sich ging.
Mühsam stützte er sich auf seine Ellenbogen und schob die dicke
Wolldecke, die ihn vor der Kälte schützte, ein Stück zur Seite. In
diesem Augenblick ertönte ein Schrei. Im schein einer Fackel, die einer
der Endophali trug, konnte er sehen wie ein weiterer von ihnen zu
Boden ging. Ein Dritter, der nun neben den Fackelträger trat, hatte
ein Messer gezogen auf dem rotes Blut glitzerte. Schockiert
beobachtete der Junge das Geschehen. Sollte er Geheras wecken? Doch in
diesem Augenblick kam auch schon der Rest der Gruppe auf sie zu. Wie
er nun sah, hatten sie alle Messer und kurze krumme Schwerter gezogen.
Selbst Dalnas wusste jetzt, dass etwas nicht in Ordnung war. Doch
er konnte sich nicht bewegen, seine Beine versagten ihm den Dienst.
Plötzlich erinnerte er sich an sein letztes Mahl zurück. Hatte es nicht
ein wenig anders geschmeckt als sonst? Der Junge hatte es auf den Sand
und seinen Durst geschoben, jetzt aber fiel es ihm wie Schuppen von
den Augen: Gift. Ihre Weggefährten mussten ihnen irgendein lähmendes
Gift untergemischt haben. Und der tote Endophali war offenbar dagegen
gewesen. Was hatten sie nur vor mit ihnen?
Er wollte schreien oder zu Geheras hinüberrollen und ihn wecken. Das
Gift entfaltete jedoch jetzt seine volle Wirkung. Seine Arme knickten
ihm ein und seine Stimme versagte.
Als der Fackelträger über ihm war grinste er hämisch hinab.
Kurze Zeit später fand Dalnas sich gefesselt und geknebelt auf dem
Rücken eines der Kamele wieder. Das gleiche war auch mit dem Abenteurer
geschehen. Geheras schlief dennoch weiter als sei nichts geschehen.
Dalnas beneidete ihn dafür.
Die Karawane brach auf - einem unbekannten Ziel entgegen.

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BeitragVerfasst: 14.03.05, 16:14 
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Seine Stirn war schweißbedeckt und seine Kleidung klebte an seiner Haut.
Das Hemd wies einige größere Risse auf und war auch sonst in einem
ärbermlichen Zustand. Erstrahlte es ehemals in einem hellen Grau, so
war es nun über und über mit Flecken und Schmutz besudelt. Auch um seine
Hose war es nicht besser bestellt, von seinen Schuhen garnicht zu reden.
Doch hatte Dalnas keine Zeit über seine Kleidung nachzudenken. Mühevoll
hob er wieder die Hacke in die Höhe und lies sie auf einen Stein
niedersaußen.
Diese Arbeit verrichtete er nun schon seit knapp einer Woche. Nach
etwa drei Tagen, in denen der Junge nur jeden Zyklus einmal vom Kamel
geholt wurde um etwas zu Trinken oder zu Essen, hatte die Gruppe mit den
beiden Gefangenen Galadoniern einen Steinbruch erreicht. Er lag an den
Ausläufern eines langgezogenen bleichen Gebirgszuges, den die
Einheimischen als Wrathij bezeichneten. Der Steinbruch selbst war von
einer Palisade aus Holzpflöcken umgeben, die vertrocknet wie die Zähne
eines Raubtieres in die Höhe ragten.
Die Gruppe hatte sich dem verschlossenen eisernen Tor genähert, aus
dem wenig später ein dickbäuchiger kleiner Mann heraustrat. Der
Fackelträger traf sich mit ihm und beide unterhielten sich einige
Augenblicke, dann reichte der Dicke dem Verräter einen scheinbar
vollen Beutel. Dalnas musste nicht lange überlegen um zu wissen, was
dieser enthielt: Geld. Offenbar hatten die Endophali von Anfang an
geplant den Abenteurer und ihn als Sklaven an diesen Steinbruch zu
verkaufen.
Zwar hatten Geheras und er versucht sich zu wehren, doch die beiden
waren nun wirklich nicht die stärksten. So kam es, dass sie zusammen
mit etwa zweihundert anderen Sklaven Tag für Tag Steine aus dem harten
Felsen schlugen. In den Hellzyklen brannte Fela unermüdlich hinab,
dennoch war das Wasser rationiert - und das recht knapp.
In den Dunkelzyklen wurde ihnen etwas Ruhe gegönnt, aber vermutlich
auch nur, weil der dicke Oberaufseher zu geizig war Fackeln zu bezahlen.
In dieser Zeit wurden die Sklaven in enge Schuppen gefercht, in denen
es nicht einmal für alle ein Bett gab. Die Luft war schlecht und
erfüllt von den Klagelauten derer, die schon etwas länger hier waren.
Seine Sachen hatte man Dalnas natürlich bei der Ankunft abgenommen.
Auch hatte er den Abenteurer seitdem nicht mehr gesehen. Während man
dem Jungen zur Arbeit an der Hacke zwang, wurde Geheras dazu
eingeteilt die schweren Gesteinsbrocken auf die Lagerplätze zu
schleppen. Alle zwei Tage kam eine Karawane und lud die Steine auf,
gleichzeitig wurden Wasserkrüge und Lebensmittel mitgebracht.
Wenn Dalnas jemals hoffnungslos war, dann jetzt. Seine Muskeln
schmerzten, seine Hände waren Wund und es gab keine Aussicht auf Flucht.
Der Junge hatte miterlebt wie einer der Sklaven versucht hatte zu
fliehen. Es war an dem Tag, als zum ersten Mal die Karawanen in den
Steinbruch kamen. In dem Augenblick als das Tor sich öffnete stürmte
der Mann auch schon hinaus. Doch er kam nicht weit. Zwei Aufseher auf
Kamelen setzten ihm nach und schleiften ihn in das Lager zurück.
Doch sie schickten ihn nicht zurück an die Arbeit. Alle Sklaven wurden
zusammengerufen um mitanzusehen, wie der Flüchtling von den beiden
Aufsehern verprügelt wurde. Dann wurde er in eine der Schuppen gebracht.
Noch im selben Zyklus erlag er seinen Verletzungen.
Nein, fliehen konnte Dalnas wirklich nicht. Es schien als sei der Tod
der einzige Ausweg aus diesem Lager, trotzdem betete er in jeder
Dunkelheit zu Vitama. Allerdings bezweifelte er, dass sie ihn erhören
würde, nach allem was er getan hatte.
Wieder lies er die Hacke auf den Stein vor ihm krachen, als er eines
grauen Schattens vor sich gewahr wurde. Mit dem ausgefransten Ärmel
seines Hemdes wischte er sich über das Gesicht und blinzelte den
allgegenwärtigen Staub aus den Augen. Endlich konnte er wieder
einigermaßen klar sehen. Vor ihm saß in gut fünf Schritt Entfernung
ein grauer Falke auf einem Felsbrocken. Die goldgelben Augen blickten
aufmerksam in die Richtung des Jungen. Es kam Dalnas beinahe so vor,
als würde dieser Vogel durch ihn hindurchschauen und seine geheimsten
Gedanken lesen. Ein Schauder überkam ihn. Was es wohl mit diesem Vogel
auf sich hatte? Er hatte seitdem er die Wüste betreten hatte kein
Tier mehr gesehen. Vielleicht kam er ja aus dem Süden, von den Gipfeln
des Wrathij. Eine geheimnisvolle Aura umgab den Falken.
Der Junge wollte gerade einen Schritt auf das Tier zu tun, als eine
Woge glühenden Schmerzes mit einem Knall auf seinem Rücken explodierte.
Stöhnend brach er in die Knie, als der dicke Aufseher um ihn herumtrat.
Er war gerade dabei seine Peitsche zusammen zu rollen und blickte
voller Verachtung hinab.
"Aufstehen und weiterarbeiten, Mistkäfer, oder ich zieh dir deine
Haut ab!", brüllte er hinab.
Er spuckte auf das Hemd des Knieenden und schlurfte dann weiter.
Dalnas lies all dies apathisch über sich ergehen. Würde er jetzt
aufbegehren, dann würde es nur noch schlimmer werden. Als der Schmerz
auf seinem Rücken schwächer wurde stemmte er sich langsam wieder auf
und griff nach der Hacke. Noch einmal sah er in die Richtung des
Falken, der aber inzwischen verschwunden war, und hob dann erneut die
Hacke.

So ging es immer weiter, bis Dalnas schließlich aufhörte die Tage zu
zählen. In den wenigen Stunden Schlaf, die ihm zugestanden wurden,
träumte er ein ums andere Mal von der Begegnung mit dem Greifvogel.
Stets saß der Falke mit stolz geschwellter Brust auf einem Brocken
und starrte ihn an. Dalnas versuchte das ein oder andere Mal ihm eine
Frage zu stellen, doch natürlich antwortete er nicht. So gab er es
irgendwann auf und lies den starrenden Blick des Vogels einfach über
sich ergehen.

Er stand wie immer bei seiner Arbeit, als plötzlich das Hornsignal
ertönte, dass die Ankunft einer Karawane ankündigte. Doch etwas schien
nicht zu stimmen, denn die letzte Karawane war erst am gestrigen
Tag gekommen. Offenbar war dies auch den Aufsehern bewusst, denn
einige von ihnen sahen sichtlich verwirrt in Richtung des Tores. Dort
hatte sich bereits der Dicke eingefunden, der mit einem anderen Mann
heftig zu diskutieren schien. Dann drehte sich der Hornbläser wieder
herum und verschwand in die Unterkunft der Aufseher, während der
Oberaufseher sich den Sklaven zuwandte.
"ALLE AUFSEHER ZU MIR! SKLAVEN IN DIE UNTERKUNFT!", brüllte er
lautstark, so dass es auch jeder verstehen konnte. Nun kam die Arbeit
ganz zum Erliegen. Die Sklaventreiber begannen damit die Arbeiter
zusammenzutreiben. Der Junge frage sich, was dies zu bedeuten habe.
Warum verzichteten die Aufseher mitten im Hellzyklus auf den Ertrag?
Langsam stolperte er von den Hängen des Steinbruchs auf die Senke
zu, in der die Hütten standen.
Als die Arbeit aufgehört hatte war es still geworden und jetzt erst
hörte Dalnas das dumpfen Trampel, dass von jenseits der Mauern zu
ertönen schien. Im nächsten Augenblick konnte er einen rotgelblich
läuchtenden Punkt sehen, der in hohem Bogen über die Palisade segelte
und dann auf die Hütte der Aufseher niederging. Der Junge konnte seinen
Augen nicht trauen, als die Unterkunft dank des vertrockneten Holzes
im nächsten Moment in Flammen stand. Es war ein Brandpfeil gewesen.
Nein, Dalnas korrigierte sich in Gedanken. Es waren Brandpfeile, denn
einen Atemzug später legten sich dutzende dieser leuchtenden Punkte auf
die Pallisade. Chaos brach aus.

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BeitragVerfasst: 15.03.05, 12:57 
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Alle liefen wild durcheinander. Hier und da stürzten die Sklaven über
Steine. Selbst die Aufseher waren in Panik geraten. Sie rannten
aufgebracht durch das Lager. Einige von ihnen versuchten die Sklaven unter
Kontrolle zu halten, doch sie waren hoffnungslos überfordert. Schon griffen
sich die ersten Arbeiter schwere Steine und schlugen damit auf ihre
Unterdrücker ein. Lautes Kriegsgeschrei ertönte von der Mauer. Das Tor
wackelte in seinen Angeln. Schließlich gab es nach und schlug mit einem
dumpfen Ton auf dem Boden auf. Im selben Moment ging ein Pfeilhagel auf
die hinter dem Tor wartenden Wächter nieder. Viele von ihnen gingen zu
Boden, darunter auch der dicke Oberaufseher. Der Rest von ihnen wurde von
der hereinstürmenden Horde niedergeritten. Alles in allem dauerte der
Kampf wohl nur wenige Augenblicke, dann hallten laute Freudensschreie von
den Wänden des Steinbruchs wieder. Keiner der Aufseher stand noch auf den
Beinen.
Erst als Dalnas sich weiter dem Tal näherte, konnte er seine Befreier
genauer erkennen. Es handelte sich dabei um recht kleine Endophali, die
jedoch alle recht muskulös wirkten. Ihr Haupthaar war entweder von einem
reinen Rot, wie das Feuer, oder von einem tiefen Schwarz, wie die Nacht.
Als sich alle Sklaven am Fuß des Steinbruchs versammelt hatten, ergriff
einer der Befreier, der etwas größer war als die anderen, das Wort. Er
sprach zu den Sklaven auf Endophali, so dass der Junge kein Wort verstehen
konnte. Er hatte inzwischen Geheras wiedergefunden, der zwar erschöpft, aber
ansonsten gesund aussah. Der Abenteurer blickte mit leuchtenden Augen zu
den Kleinwüchsigen.
"Dalnas! Das müssen sie sein!"
Eine Freudenträne rann seine Wange hinab.
Endlich schien man sie bemerkt zu haben. Der Anführer der Kamelreiter sah
über die Schulter und winkte dann einen anderen seines Volkes herbei. Kurz
wechselten sie einige Worte, dann kamen beide auf sie zu. Wie es schien
handelte es sich bei dem einen um einen Übersetzer, denn als der Anführer
die beiden Galadonier auf Endophali ansprach, übersetzte er es in schlechtes,
aber verständliches Galad.
"Anath Kunra, Bleichmänner. Dallah uns nennen. Befreien Lager. Frei ihr."
Dalnas sah nur staunend zu den beiden auf, doch Geheras ergriff das Wort.
"Wir danken euch, ehrenwerte Dallah."
Dann tat er etwas, was den Jungen scharf die Luft einziehen lies: er spuckte
vor die Reiter auf den Boden. Doch diese zeigten keine Regung.
"Melach da Ath.", war das einzige was der Größere der beiden sagte.
Fragend sahen die zwei Galadonier den Übersetzer an.
"Dank für Wasser."
Erleichtert atmete Dalnas auf und auch seinem Weggefährten schien es nicht
anders zu gehen. Dieser erhob nun wieder das Wort.
"Wenn es euch nichts ausmacht, ehrenwerte Dallah, so würden wir euch gerne
in euer Lager begleiten."
Der Übersetzer drehte sich auf dem Kamel zur Seite und gab die Worte auf
Endophali wieder. Der Anführer sah dabei nachdenklich in die Richtung der
beiden. Schließlich nickte er.

Langsam löste sich der Steinbruch auf. Die meisten Sklaven zogen an den
Hängen des Wrathij davon, einige wenige entschlossen sich wie Geheras und
Dalnas den Kleinwüchsigen zu folgen. Die Leichen der Aufseher wurden
einfach liegen gelassen. Die nächste Karawane würde sie schon finden.
Erleichtert stellte der Junge fest, dass sowohl der steinerne Käfer, als
auch das Bild unangetastet in einem Schuppen lagen. Scheinbar hatte beides
keinen Wert für die Aufseher gehabt.
Das Wüstenvolk lud einige der Wasserkrüge auf mitgeführte Kamele, auch
bedienten sie sich an den Lebensmittelvorräten der Wachmannschaft. Dann
zogen sie aus.

Es dauerte fast zwei Tage, bis sie schließlich das Lager ihrer Befreier
an einer kleinen Oase erreicht hatten. Dutzende braune und rote Zelte
drängten sich um den kleinen Teich, der von einer ungewöhnlichen
Pflanzenvielfalt umgeben war. Dalnas hatte stets geglaubt, dass es in der
Roten Wüste kein Leben geben könnte, doch dies war der Gegenbeweis.
Den ehemaligen Sklaven wies man leerstehende Zelte zu. Auf die Frage
warum diese nicht bewohnt seien, erzählte der Übersetzer, dass vor einigen
Monden ein Sturm beinahe die Hälfte des Stammes getötet hätte. Darum war
der Anführer, der "Mahid", wie ihn der Dallah nannte, auch so froh, dass sich
einige entschlossen hatten sie zu begleiten. Sie würden dafür sorgen, dass
der Stamm nicht aussterben würde.
Geheras und Dalnas bekamen ein eigenes Zelt. Das erste, was der Junge tat,
war sich auf einer der Felllager auszustrecken und sich auszuruhen, doch der
geschwätzige Abenteurer wollte unbedingt noch mal hinaus und sich im Lager
umsehen. Dalnas konnte seine Aufregung verstehen. Endlich war er am Ziel
seiner Reise angekommen. Und so fiel der Junge in einen leichten Schlaf,
während der Abenteurer von Zelt zu Zelt zog.
Erst am Abend sahen die beiden sich wieder. Die Dallah hatten ein großes
Feuer entzündet, um das nun alle herumsaßen. Als Dalnas sich neben seinem
Weggefährten niederlies, bemerkte er, dass dieser enttäuscht dreinblickte.
"Was ist, Herr Gemt?"
"Mhm... weißt du, mein Junge. Ich habe nun den ganzen Tag damit verbracht
dieses Volk hier zu studieren. Sie sind kleinwüchsig und sie haben rote
Haare, ganz so wie die Halblinge. Aber das scheint auch schon die einzige
Gemeinsamkeit zu sein. Ihre Kultur ist vollkommen anders. Außerdem haben sie
keine Haare auf den Füßen."
"Das tut mir leid."
"Das muss es dir nicht. Ich wurde schon öfter enttäuscht auf meiner Suche
und ich habe nie aufgegeben. Aber jetzt wo ich hier bin, da kann ich vielleicht
doch noch etwas dazulernen.", damit kehrte die Euphorie in seine Stimme
zurück.
"Es ist wirklich erstaunlich, wie die Menschen hier in dieser Umgebung
überleben! Sie trinken das Wasser dieses einen Teiches, der von einer
unterirdischen Quelle gespeißt wird. Ansonsten ernähren sie sich von Früchten
oder von den Tieren, die sie halten. Manchmal befreien sie solche Steinbrüche,
von denen es anscheinend mehrere gibt. Ich hätte nie gedacht, dass hier jemand
überleben kann!"
Damit verfiel er wieder in sein typisches Geplappere, weshalb Dalnas auch
schon bald abschaltete.
Sein Blick schweifte in die Runde. Überall saßen nun feiernd Kleinwüchsige,
vereinzelt auch die befreiten Sklaven. Unwillkürlich musste er an das Bild
zurückdenken, dass er nun aus seiner Hosentasche zog. Ob er wohl jemals
herausfinden würde, wo sich der Ort befand, der da auf dem Bild zu sehen
war?
"Ich kennen das!"
Verwirrt sah der Junge über die Schulter. Hinter ihm stand der Übersetzer,
der auf das Bild zeigte.

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BeitragVerfasst: 16.03.05, 19:54 
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Dalnas war aufgeregt. Würde jetzt endlich der Zeitpunkt kommen, an dem all
seine Fragen beantwortet werden würden? Er hatte den Endophali noch am selben
Abend ausgefragt. Dieser erzählte ihm, dass er die Steinformation auf dem
Bild schon einmal gesehen habe. Allerdings hatte er sie ein wenig anders
in Erinnerung - etwas kleiner und runder. Aber da erinnerte sich der Junge
an die Worte des inzwischen verstorbenen Magiers zurück. Er hatte gesagt, dass
der Dialekt in dem Buch über tausend Götterzyklen alt sei. Wenn dies auch
für die Bilder galt, dann hatte sich das Gestein wohl einfach über die Jahre
hinweg verändert. Aufgeregt lauschte er dem gebrochenen Galad des kleinen
Mannes, der ihm weiter erzählte, dass sich diese Felsformation nur etwa eine
Tagesreise vom Lager entfernt befand. Gleich darauf waren beide zu dem Mahid
des Stammes gegangen und Dalnas hatte sein Anliegen vorgetragen. Zunächst
schien der Anführer der Dallah nicht sehr erfreut, doch schließlich willigte
er ein. Der Übersetzer würde ihn am nächsten Tag zu der Felsformation bringen.
Und nun war es soweit. Dalnas hatte in der Nacht kaum geschlafen und war
früh aufgestanden. Nachdem er gefrühstückt hatte kamen einige Frauen des
Stammes zu ihm und hatten ihm frische Kleidung gebracht. Sie bestand aus
einem langen Kaftan, mit einem kunstvoll gewickelten Kopftuch und einem
weiteren Tuch, dass er vor das Gesicht binden konnte. Dankbar hatte er dieses
Geschenk angenommen.
Dann war der Zeitpunkt des Abschiedes gekommen. Geheras würde weiter im
Lager bleiben. Obwohl der Junge fand, dass der Abenteurer viel zu viel
redete, fiel ihm das Lebwohlsagen doch schwer. Beide hatten viel zusammen
durchgemacht.

Nun saß er auf einem Kamel, dass hinter Wahisch dem Übersetzter hertrabte.
Die Zeit verging elend langsam. Hell- und Dunkelzyklen wechselten immer
wieder ab. Doch schließlich konnte er am Horizont einen kleinen Fleck
ausmachen. Zunächst hielt er es für eine der Geisterbilder, aber als sie
näher kamen wuchs das Gebilde zunehmend in die Höhe.
Kurz vor dem achten Zyklus erreichten sie schließlich die Felsen.
Zunächst war Dalnas enttäuscht. Denn das was er sah hatte nur wenig Ähnlichkeit
mit dem Bild. Auf den zweiten Bild konnte er jedoch hier und da kleine Details
erkennen, die auch auf dem Bild zu finden waren: ein aufragender Fels, ähnlich
einem Turm, der aber nun viel kleiner war, oder ein Steinbogen, der inzwischen
wohl zusammengebrochen sein musste.
Dennoch fühlte sich der Junge müde. Und so wollte er ein Nachtlager
aufschlagen und sich erst am nächsten Tag umsehen. Wahisch schien von dem
Gedanken wenig angetan. Erst nach einer langen Diskusion willigte er ein.
Dabei murmelte er etwas von "Geisterfelsen" und "Lieber nicht schlafen".
Dalnas tat das als Aberglauben des Wüstenvolkes ab.
Und tatsächlich verlief die Nacht ruhig. Sie konnten sich ungestört ausruhen.
Jetzt, da der Junge endlich sein Ziel erreicht hatte, konnte er auch wieder
schlafen.
Er wünschte sich, dass er dies nicht getan hätte.

Kaum hatte er die Augen geschlossen, fiel er auch schon in einen Traum - und
das wortwörtlich. Er hatte in der Tat das Gefühl zu fallen, bis er sich
plötzlich auf einem sandigen Boden wiederfand. Als er sich umsah, erkannte er,
dass er zwischen den Felsen der Felsformation stand. Doch etwas stimmte nicht.
Der Traum war zu intensiv. Außerdem war es Dalnas bewusst, dass er träumte.
Wie von einem Geist in den Sand gedrückt erschienen vor ihm Fußspuren und ob
er wollte oder nicht, er musste ihnen folgen. Langsam ging er zwischen
einigen größeren Brocken hindurch. Dann erkannte er eine Höhle zwischen den
Felsen. Die Spur führte ihn direkt darauf zu. Sobald er die Schwelle in das
finstre Loch überschritten hatte, veränderte sich seine Umgebung schlagartig.
Dalnas blinzelte kurz. Er befand sich in einer Höhle - in einer wohlbekannten
Höhle. Damals, in seiner ersten Nacht auf dieser Flucht, hatte er schon einmal
von ihr geträumt. Und wieder war da dieser glattgeschliffene Felsquader, auf
dessen Oberseite nichts als ein massiver Schatten zu erkennen war.

Mit klopfendem Herzen schreckte er auf. Wahisch war noch wach und sah besorgt
in seine Richtung. Er musste wohl die Geister für das Verhalten des jungen
Galadoniers verantwortlich machen.
Es dauerte einige Zeit bis Dalnas wieder einschlief.

Am nächsten Morgen lies er das Frühstück ganz aus. Gleich als er aufwachte
begab er sich auf die Suche. Er umrundete die Felsformation einmal. Dann
noch einmal. Doch wo er auch suchte, von einer Höhle war nichts zu sehen.
Sollte er sich am Ende getäuscht haben? Betrübt kehrte er ins Lager zurück.
Sein Magen hatte sich nun doch gemeldet und er beschloss zunächst etwas zu
Essen, bevor er sich wieder auf die Suche machte. Vielleicht hatte er ja
etwas übersehen?
Mühevoll versuchte er sich an seinen Traum zurück zu erinnern. Aber sobald
er glaubte einen Felsen wiedererkannt zu haben, verschwand das Bild auch schon
aus seinem Kopf. Es war beinahe so als wollte sich die Höhle nicht finden
lassen.
Als er den Endophali bat ihm doch bei seiner Suche zu helfen, schüttelte
dieser nur den Kopf. Es war schon schlimm genug am Fuß der Geisterfelsen zu
übernachten, sie auch noch zu betreten sei Selbstmord. Dalnas störte sich
daran jedoch nicht. Und so begab er sich ein zweites Mal auf die Suche.
Fela wanderte langsam über den Himmel, während er beinahe jeden Stein
umdrehte. Ob die Höhle vielleicht verschüttet worden war? Er richtete ein
Stoßgebet an Vitama, dass sie ihm Glück bescheren solle - tatsächlich:
er wollte gerade wieder zum Lager zurückkehren, da fiel ihm ein Stein auf,
der ihm bekannt vorkam. Und das war nicht der einzige. Er glaubte nun auf
dem richtigen Weg zu sein. Als er um einen größeren Brocken herumtrat ragte
vor ihm groß und schwarz der Eingang der Höhle auf.
Dalnas überlegte ob er nicht zum Lager zurückkehren sollte. Doch Wahisch
hatte ihm sehr deutlich gemacht, dass er ihm nicht folgen würde. So tat er
den ersten Schritt in die Finsternis.
Den Endophali sollte er nie wieder sehen.

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BeitragVerfasst: 18.03.05, 16:14 
Altratler
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Vor dem Jungen erstreckte sich ein langer dunkler Gang. Zum Glück hatte
Dalnas eine Lampe mitgenommen, die er nun entzündete. Das Licht reichte nicht
weit, doch es schien als würde der Weg nach unten führen. Er war etwa zwei
Mann breit und einen Mann hoch. Auf seinem Boden lagen hier und da kleinere
Gesteinsbrocken, die sich wohl aus der Decke gelöst hatten. Zum Glück hatte
Dalnas keine Raumangst. So schritt er langsam voran.
Er war etwa hundert Schritt gegangen, da bog der Gang vor ihm scharf nach
links ab. Als er die Ecke umrundete hatte, stand er plötzlich vor einem
Torbogen, der scheinbar aus dem Fels geschlagen war. Staunend betrachte er
dieses künstliche Portal. Besonders fiel ihm dabei ein kleines Relief am
Kopf des Bogens ins Auge. Es war stark verwittert, doch der Junge glaubte ein
oder zwei Dünen zu erkennen. Hinter dem Durchgang erstreckte sich nichts als
Finsternis.
Zunächst zögerte Dalnas, doch dann trat er einen Schritt vor und erstarrte
im nächsten Augenblick. Sobald er seinen Fuß über die Schwelle der Höhle
gesetzt hatte waren dutzende von Fackeln entflammt. Sie leuchteten eine
geräumige Höhle aus. Auf der gegenüberliegenden Seite konnte er einen weiteren
Durchgang erblicken. Zwischen ihm und diesem weiteren Portal lag jedoch ein
weites sandiges Feld, dass den ganzen Boden der Höhle zu bedecken schien.
Ohne zu zögern tat Dalnas nun einen weiteren Schritt - nur um sich plötzlich
zwischen zwei hohen Dünen wiederzufinden. Er blinzelte verwirrt. War er nicht
eben noch in einer Höhle gewesen? Doch oben vom Himmel brannte heiß Fela
nieder und der typische Geruch des Sandes, den er überall erkannt hätte, lag
in der Luft. Hatte er vielleicht alles nur geträumt und litt an Wassermangel?
Die Frage beantwortete er sich gleich selbst, denn in seiner Hand hielt er
immernoch die brennende Lampe. Kurz entschlossen erklom der Junge die Düne zu
seiner rechten.
Er konnte seinen Augen nicht trauen. Wohin er auch blickte: Sand und nichts
als Sand. War er am Ende durch ein magisches Portal getreten? Verzweiflung
machte sich in ihm breit. Wenn er ohne genügend Wasser mitten in der Wüste
gestrandet war, dann war er so gut wie tot. Aber er musste es wenigstens
versuchen, also machte er sich auf den Weg.
Wie lange er lief wusste er nicht, doch es schien ihm, als käme er nicht
voran. Seine Kraft neigte sich dem Ende zu. So beschloss er eine Pause
einzulegen. Als er sich gesetzt hatte, schweiften seine Gedanken in die
Vergangenheit ab. Er erinnerte sich daran wie er nach Crowahst kam und all'
seine Abenteuer, die er auf dem Weg hier her erlebt hatte. War er soweit
gekommen um nun hier zu sterben? Hatte der alte Endophali auf dem Markt in
Falkenstein nicht gesagt er würde erfolg haben?
Der alte Mann! Natürlich! Dalnas erinnerte sich noch ganz genau. Er hatte
eine Schale herangezogen um darin das Schicksal des Jungen abzulesen. Dabei
hatte er ihm etwas zu der Macht des Sandes und des Wassers erzählt. Es war
beinahe als würde er die Stimme in seinem Ohr hören, die sagte:
"Der Sand ist das Gewöhnliche, dass Alltägliche. Es ist die Macht des Kum,
des Feindes dem wir jeden Tag trotzen müssen und aus dem wir unsere Kraft
schöpfen."
Nun war er von Sand umgeben, doch seine Kraft war am Ende. Wie würde er blos
Kraft aus dem Sand schöpfen können? Normalerweise schöpfte er Kraft indem er
sich ausruhte und ein wenig schlief. Doch hier in der Wüste wäre das sein
sicherer Tod. Fela würde ihn im Schlaf jeden Tropfen Wasser nehmen. Aber
warum hatte der Endophali dies dann zu ihm gesagt? Dalnas beschloss, dass er
es auf einen Versuch ankommen lassen sollte. Mitten in einer Wüste wäre er
so oder so verloren. Also streckte er sich in den Sand aus und schloß die
Augen.
Beinahe augenblicklich spührte er, wie seine Umgebung kühler wurde. Doch
er fühlte auch weiterhin den Sand unter seinem Rücken. Als er blinzelnd die
Augen öffnete erkannte er auch wieso. Er lag auf dem weiten Sandfeld in der
Höhle, jetzt jedoch am anderen Ende, nahe des Durchgangs. Hastig erhob er sich
und spurtete hinüber, bevor sich der Sand entschließen konnte ihn nochmals in
die Wüste zu schicken.
Hinter dem Torbogen erstreckte sich ein weiterer Gang. Im Gegensatz zu dem
ersten schien er jedoch nicht weiter hinab zu führen. Keine zehn Schritte
entfernt erkannte Dalnas einen zweiten Bogen. An der höchsten Stelle trug
er ebenso ein Relief. Und als der Junge sich genähert hatte, meinte er einige
Wassertropfen zu erkennen. Wie bei der ersten Höhle entflamten Fackeln, als
er einen Schritt in den Raum hinter dem Portal trat. Die Höhle war viel
kleiner als die erste und wie Dalnas strinrunzelnd feststellen musste
verfügte sich auch nicht über einen zweite Ausgang. Das einzig nennenswerte
war ein großes eisernes Becken, dass auf drei steinernen Füßen ruhte.
Da es der einzige markante Punkt im Raum war untersuchte er es genauer. Es
schien jedoch als sei es wirklich nichts anderes als ein einfaches Becken, wie
man es manchmal für heiße Kohlen oder Brandopfer benutzte.
Danach nahm Dalnas die steinernen Wände der Höhle in Augenschein. Zu seiner
Erleichterung wurde er nicht wieder in eine Wüste versetzt, als er gegen
sie klopfte. Doch schienen sie allesamt aus massivem Fels zu sein. Also trat
er wieder vor das Becken. Nachdenklich starrte er es an. Was hatte der
Endophali über das Wasser gesagt? Es hätte die Macht des heiligen Wassers.
Außerdem sei diese Macht auch die Macht des Lebens und des Schicksals.
Angestrengt dachte Dalnas an die Worte zurück. Der Hellseher hatte diese
Mächte anders genannt, doch wie? Er zog aus einer Tasche des Kaftans den
steinernen Käfer hervor, in der Hoffnung, dass dieser ihm beim Erinnern half.
Langsam formten sich Silben in seinem Kopf.
Bah. Eth - nein Ath. Bahath. Rah und Ra. Ja, dass waren die Worte für die
Mächte gewesen. Vielleicht half es, wenn er sie laut aussprechen würde.
Der Junge beugte sich über die Schale und sprach laut und deutlich
die Worte aus. Doch nichts geschah. Hatte er sie falsch ausgesprochen? Oder
hatte er sich gar falsch erinnert?
Seufzend kauerte er sich an eine der Wände. Er versuchte sich auf das Problem
zu konzentrieren, aber immer wieder schweiften seine Gedanken ab. Die
schaurigen Tage in dem Steinbruch kamen ihm in den Sinn und der geheimnisvolle
Falke. Den Vogel hatte er nie wieder gesehen. Zum Glück waren sie bald befreit
worden. Beinahe schmunzelnd dachte er daran, wie Geheras auf den Boden
gespuckt hatte um den Dallah Ehre zu erweisen.
Ehre zu erweisen wie einem Adeligen oder einem Geweihten - oder natürlich
einer Gottheit - etwas heiliges eben, so wie das Bahath. Sein Blick richtete
sich auf das Becken, dass in seinen Augen nun zunehmend einem Opferbecken
ähnelte. Wie man wohl dem heilligen Wasser opferte?
Dann kam es ihm in den Sinn. Natürlich, dass musste die Lösung sein! Er
sprang auf und trat wieder an die Schale heran. So gut er konnte sammelte er
allen verbleibenden Speichel im Mund und spuckte in das Becken.
Zunächst geschah garnichts, doch dann ertönte ein dumpfes Grumpeln. Dalnas
hoffe inständig, dass es sich dabei nicht um ein Erdbeben handelte. Hier in
der Höhle wäre er verloren, würde sie einstürzen. Aber die Decke stürzte
nicht über ihm zusammen. Stattdessen öffnete sich an der gegenüberliegenden
Seite des Raumes ein Durchgang.
Schnell betrat er den dahinterliegenden Gang, der wieder nur einige Schritte
lang war. An seinem Ende fand der Junge ein drittes Portal, dessen Relief eine
Rose zeigte. Doch der Durchgang war verschlossen. Dutzende Eisenstangen ragten
vom Boden zur Decke und sie waren mit hunderten kleinen Dornen übersät. Diese
waren spitz als wären sie gerade erst geschliffen worden. Hinter dem Tor
konnte er erkennen, dass der Gang noch einige Schritte weiterführte, bis er
schließlich hinter einer Ecke verschwand. Gleich hinter dem eisernen Vorhang
konnte Dalnas einen beinahe quadratischen Stein erkennen, der aus der Wand
hervorragte. Ohne Zweifel musste es sich dabei um den Schließmechanismus
dieses Tores handeln. Er wäre auch ohne Probleme mit der Hand an ihn gelangt,
wären da nicht die spitzen Dornen gewesen.
Ratlos betrachtete er einige Zeit die Eisenstäbe, als er eine Bewegung in
seiner Hand fühlte. Er hielt darin noch immer den steinernen Käfer umklammert
- das glaubte er zumindest.
Als er die Hand öffnete saß auf der Innenfläche nun ein quicklebendiger Käfer,
der gerade dabei war seine Fühler zu putzen. Dalnas lies ihn vor Schreck beiahe
fallen. Der Käfer jedoch erhob sich sogleich in die Lüfte. Er flog auf die
Eisenstäbe los und weil er klein genug war, passte er zwischen den spitzen
Dornen hindurch.
Der Junge konnte erkennen wie das Insekt sich auf den Schalter setzte. Im
selben Moment lösten sich das Hindernis vor seinen Augen in Luft auf - ebenso
wie der Käfer.
Lächelnd sah Dalnas zu der Stelle an der der Käfer eben noch gesessen hatte.
Er war fast ein wenig traurig, hatte ihn die vermeintliche Skulptur doch
seine ganze Reise lang begleitet. Doch nun zog es ihn weiter. Er fühlte, dass
er bald am Ziel seiner Reise sein würde.
Eilig trat er um die Ecke des Ganges - und fand sich in der Höhle aus seinen
Träumen wieder.

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BeitragVerfasst: 19.03.05, 14:26 
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Alles war genau so wie er es gesehen hatte. Von der Decke hingen zackige
Stalaktiten hinab. Einige davon trafen sich mit Stalagmiten und bildeten
Säulen. Doch die Höhle war nicht dunkel, wie es zu erwarten wäre. Es lag ein
bläuliches Zwielicht in der Luft, dass sich der Junge nicht erklären konnte.
Sein Blick schweifte umher auf der Suche nach dem Felsquader. Und tatsächlich,
er war genau dort, wo er ihn in Erinnerung hatte. Auf dem Block schien sich
etwas rötlich schimmerndes zu befinden. Leider reichte das Licht der Lampe
nicht so weit und das Zwielicht genügte nicht zu erkennen um was es sich
handelte.
Vorsichtig näherte er sich. Er musste aufpassen nicht über die unzähligen
herumliegenden Gesteinsbrocken zu stolpern. Wenn er sich jetzt den Fuß
verstauchen würde wäre der Rückweg die reinste Qual.
Als er endlich vor dem Steinblock stand, betrachtete er ihn fasziniert. Ein
Steinmetz musste Monde dafür gebraucht haben die Oberfläche so glatt zu
bekommen. Auch hatte der Junge noch nie zu vor so ein schwarzes Gestein
gesehen. Zögerlich berührte er die Oberfläche. Sie fühlte sich merkwürdig warm
an. Dann jedoch schweifte sein Blick zu dem Gegenstand auf dem Quader.
Es verschlug ihm den Atem.
Was er sah war eine fein ausgearbeitete Rose, die vollständig aus rotem
Kristall gearbeitet war. Es schien als würde sie aus dem Stein wachsen. Langsam
umrundete er den Stein. War dies der Gegenstand von dem die Mutter Oberin und
seine heimliche Liebe gesprochen hatten? Würde er vielleicht helfen Jolena
wiederzuerwecken? Was hatte es damit wohl auf sich? Sicherlich, es war ein
Kunstwerk, aber wie sollte eine kristallene Blume so etwas erreichen können?
Doch spielte das eine Rolle? Die Rose war der einzige Hinweis, den er nun
noch hatte.
Also griff er nach ihr und zog sie aus dem Stein hervor.
Im nächsten Augenblick geschahen mehrere Dinge zu gleich. Dalnas Blick
haftete an der Rose, als er merkte wie sich seine Umgebung zu verändern schien.
Das Zwielicht wurde heller und nahm einen rötlichen Ton an. Es schien als
würde der Steinquader sich verändern. Etwas pulsierte unter seiner Oberfläche.
Schützend zog der Junge die Rose an sich und trat einen Schritt zurück, da
wurde er von einer Druckwelle erfasst und gut drei Schritt nach hinten auf
den Boden geschleudert. Vitama musste ihre Hand über ihn gehalten haben, denn
er zog sich keine schwerere Verletzungen zu, ausser ein paar Schrammen und
Prellungen. Die Rose hielt er nachwievor fest in der Hand umklammert.
Blinzelnd sah er zum Quader, der offenbar der Ursprung dieser lautlosen
Druckwelle gewesen war. Doch dieser hatte kaum noch Ähnlichkeit mit dem, den
er eben noch berührt hatte. Er brodelte und kochte, so als würde man Wasser
erhitzen. Und langsam dehnte er sich in die Höhe, nur um gleichzeitig
schmaler zu werden. Dalnas glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als der Stein
zunehmend menschliche Form annahm - oder besser: menschenähnliche Form. Denn
an der Rückseite des ehemaligen Quaders, der nun mehr einer Statue ähnelte,
wuchsen langsam zwei riesige Flügel empor. Immer weiter veränderte sich die
Figur. Es bildeten sich weitere Details hervor. Auch schien sich der Stein
zu verwandeln. An einigen Stellen meinte Dalnas Stoff zu erkennen.
Das ganze dauerte nur wenige Sekunden, doch dann stand es vor ihm. Eine fast
zwei Schritt große Gestalt, an deren Rücken sich riesige schuppenbesetzte
und tiefschwarze Flügel erhoben. Der Körper des Dings war von einer
dunkelgrauen Robe verhüllt, die jedoch hier und da Risse aufwies. Was genau
darunter lag konnte der Junge nicht sagen. Außerdem war er viel zu sehr von
den Händen des Etwas beeindruckt. Sie schienen eher Krallen zu gleichen,
wenngleich sie auch jeweils fünf Finger aufwiesen. Ebenso schien es sich mit
den Füßen zu verhalten, die teilweise unter der Robe hervorlugten. Am
erschreckensten war jedoch das Gesicht des Dings. Es war nichts anderes als
eine glatte Fläche. Weder Augen, noch Nase oder ein Mund waren zu erkennen.
Auch war der Kopf ebenso schuppenbewehrt wie die Flügel.
Die Kreatur streckte ihre Glieder. Dann wandte sie ihren Kopf dem liegenden
Jungen zu. Ein wiederhallendes Gelächter ertönte in der Grotte. Hätte Dalnas
noch Zweifel um die Gesinnung des Dings gehabt, so wären diese jetzt
ausgeräumt gewesen. Das Lachen trof gerade so vor Verachtung und Bosheit. Es
gab für den Jungen nur einen Schluß: Es musste sich um einen Dämon handeln.
Und obwohl dieser Dämon keinen Mund hatte ertönte seine Stimme in der Höhle.
"Ich danke dir, dass du mich befreit hast."
Die Stimme war ebenso wie das Lachen zuvor tief und es schien als ertöne
im Hintergrund dazu ein leises Knurren.
"Du hast etwas, dass mir gehört."
Die Kreatur streckte die Hand aus. Plötzlich merkte Dalnas wie eine
unsichtbare Kraft an der Kristallrose zog. Noch ehe er fester zupacken konnte
wurde sie ihm entrissen und flog auf die Krallen der Kreatur zu. Unwillkürlich
begann der Junge zu zittern.
"W...wer bist du?", war das einzige was er sagen konnte.
Erneut lachte der Dämon voller Bosheit auf.
"Yer'ah'gran, Hüter der Finsternis, Herrscher über die Geister der Wüste und
dein Verderben."
Stumm starrte Dalnas den Dämon an.
"Doch bevor es soweit ist, sollst du erfahren was für ein nützlicher Diener
du mir warst!"
Hätte die Kreatur ein Gesicht gehabt, so würde sich jetzt sicher ein boshaftes
Grinsen darauf zeigen.
"Ich war seit tausend Götterzyklen gefangen in diesem Steinquader. Der, der
mich hier gefangen nahm, war ein Narr und Schwächling. Und so formten sich
über die Jahre hinweg langsam Risse in meinem Gefängnis. Risse, durch die ich
meine Macht wirken lassen konnte. Sie waren nicht groß genug um mich zu
befreien. Aber dafür warst du ja da. Zugegeben... eigentlich warst du nicht
meine erste Wahl. Denn du bist schwach. Zuerst hatte ich das Mädchen im Sinn.
Ich schickte ihr Visionen im Schlaf, doch ihre Bindung zur verfluchten Göttin
war zu stark. Dann viel mein Augenmerk auf dich."
Die Erzählung wurde wieder von einem boshaften Lachen unterbrochen. Dalnas
wollte am Liebsten aufstehen und zum Ausgang rennen, doch irgendetwas schien
ihn an den Boden zu fesseln. So blieb ihm nichts anderes übrig als weiter
zu lauschen.
"Schwach warst du. Aber auch törricht und naiv. Also genau der richtige.
Nur hattest du noch keinen Grund hier her zu kommen. Mir blieb nichts anderes
übrig als das Buch zu erschaffen und es mit einem Fluch zu belegen. Ich wusste,
dieses weichliche Gefühl, dass ihr Liebe nennt, würde dich schon zu mich
bringen. Und das Mädchen spielte mit. Sie berührte das Bild und der Fluch
wirkte. Ihr Menschen seid so vorrausberechenbar. Doch du hattest nichts
besseres im Sinn als dich von einer Gefahr in die nächste zu stürzen. Ich
konnte nicht zulassen, dass dir etwas geschieht. Deshalb habe ich diese
Rumtreiber auftauchen lassen, damit sie dich beschützen. Genau so wie die
Ratten von einem Wüstenvolk."
Es schien, als würd Yer'ah'gran kurz nachdenken.
"Ach ja... dieser Magier. Er war so dumm dir das Buch wegzunehmen. Doch
niemand stellt sich gegen mich."
Wieder war sich Dalnas sicher, dass sich ein hämisches Grinsen auf dem nicht
vorhandenen Gesicht des Dämons zeigte.
"Wie du siehst habe ich dich die ganze Zeit beschützt. Du warst mein Werkzeug,
mein Diener. Ich hätte dir nie zugetraut, dass du deine Freunde so verraten
könntest. Du warst ein guter Schüler. Jetzt habe ich jedoch keine Verwendung
mehr für dich. Aber deine Taten sollen nicht vergessen werden. Deshalb werde
ich dich auch nicht töten."
Noch ehe der Junge etwas erwidern konnte hob der Dämon die krallenbewehrten
Hände. Die Welt zersprang in tausend Farben.

Als Dalnas erwachte fühlte er sich ausgelaugt und sein Schädel brummte. Nur
langsam schlug er seine Augen auf, nur um sie gleich wieder zu schließen. Er
hatte direkt in Felas Antlitz geblickt. Nun erst bemerkte er den Sand unter
seinem Rücken. Wo war er? Sicher nicht mehr in der Höhle. War das der Tod?
Hatte der Dämon ihn umgebracht? Nein, dafür wirkte alles zu real. Mühevoll
rappelte sich der Junge auf. Seine Glieder schmerzten. Als er es wieder wagte
die Augen zu öffnen, sah er, dass er sich auf einer Düne befand - mitten im
Sandmeer, ohne Wasser und Nahrung.

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Benion - vita et amor - Pater Brown Verschnitt, Häretiker und Lord der Vitamith - Geburtshelfer: 8 mal - Ehejahre-Rekordhalter
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BeitragVerfasst: 20.03.05, 14:32 
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Er war schon den ganzen Zyklus gelaufen. Doch wie schnell er auch voran kam
und wohin er auch sah: Sand, nichts als Sand. Langsam verlor er jeden Mut.
Und er gab sich die Schuld. Die Schuld für alles. Die Schuld dafür, dass
Jolena verflucht wurde, die Schuld dafür, dass unschuldige Menschen getötet
worden waren und die Schuld dafür, dass der Dämon befreit wurde. Seitdem er
das Buch aus dem Zimmer der Mutter Oberin gestohlen hatte war er zunehmend
tiefer gesunken. Er war immer weiter auf diese Katastrophe zugeschlittert
und hatte sie doch nicht kommen sehen. Vielleicht hatte er sie auch einfach
nicht sehen wollen. Es wäre so einfach gewesen damals in Falkenstein das Buch
zurückzugeben. Er hätte eine gerechte Strafe bekommen, aber innerhalb ein
oder zwei Wochen wäre alles wieder vergessen gewesen. Vielleicht hatten die
Geweihten seines Ordens es ja inzwischen mit Hilfe der Mutter geschafft Jolena
aus ihrem Schlaf zu erwecken. In diesem Fall wäre all' dies umsonst gewesen.
Und auch sein Tod würde umsonst sein. Denn er machte sich nichts vor. Hier
in der Wüste, ohne Wasser und Essen, würde er höchstens noch zwei Tage
überleben. Doch so wie er sich fühlte, gab er sich nichteinmal mehr diese
Zeit.
Schließlich kippte er einfach um und blieb im Sand liegen. Es gelang ihm
geradenoch sich auf den Rücken zu drehen, damit er nicht am Sand ersticken
würde. Dann hatte ihn all' seine Kraft verlassen. Das Atmen fiel ihm schwer,
sein Hals brannte und seine Augen waren vom Sand verklebt. Jeden Moment war
es soweit. Galtor würde kommen und seine Seele holen. Wie Morsan wohl über
ihn richten würde? Er glaubte schon die Aasgeier zu sehen, die über ihm
kreisten.
Aasgeier in der Wüste? Nein, hier lebte nichts. Dennoch schwebte über ihm
am Himmel ein schwarzer Punkt. Um was es sich dabei wohl handeln mochte?
Im nächsten Moment fiel ein Schatten auf ihn. Dalnas versuchte zu erkennen,
wer der Urheber war, aber alles was er erkennen konnte war ein dunkler Schemen
vor Fela. Er fiel in Ohnmacht.

Als der Junge erwachte, fühlte er sich vertrocknet. Um ihn herum war es
dunkel und angenehm kühl. Noch ehe er begreifen konnte, was mit ihm geschehen
war, wurde ihm eine Flasche an den Mund gehalten. Einige Wassertropfen
benetzten seine Lippen. Gierig sog er sie ein.
"Nicht so hastig, mein kleiner Freund."
Die Stimme kam ihm auf seltsame weise bekannt vor, doch er wusste sie nicht
genau einzuordnen. Sein Geist war noch zu umnebelt. Er schloss wieder seine
Augen und schlief ein.
Es dauerte wohl einige Zeit bis er wieder erwachte. Er fühlte einen leichten
Druck auf seine Brust und so öffnete er langsam seine Augen. Ein Falke saß
dort und sah ihn neugierig an. Erschrocken setzte er sich auf, sodass der Vogel
mit einem protestierenden Laut zu einem nahen Felsbrocken flattern musste.
"Askun, ich habe dir doch gesagt du sollst vorsichtig sein."
Verwirrt sah Dalnas über die Schulter. Wie er jetzt bemerkte, befand er sich
in einer Höhle. An der gegenüberliegenden Wand saß ein Mann und beobachtete
den Jungen. Es war der alte Endophali vom Markt in Falkenstein.
Erschrocken wich Dalnas ein Stück von ihm zurück.
"Ihr... ihr arbeitet mit ihm zusammen! Lasst mich in Frieden!"
Kurz zeigte sich Verwirrung auf dem Gesicht des Alten, dann wechselte sie in
Trauer.
"Ja, so muss es wohl für dich aussehen. Doch hab keine Angst. Ich bin kein
Diener des Gesichtslosen. Ganz im Gegenteil: Ich habe dich aus der Wüste
gerettet und versorgt. Du wärst beinahe eins mit der Wüste geworden."
Wieder hatte Dalnas dieses starke Gefühl, dass er dem Mann trauen konnte.
War dies ein Trick? Nein, vermutlich nicht. Der Endophali hatte recht. Wenn
er für den Dämon arbeiten würde, dann hätte er ihn einfach liegen gelassen.
So entspannte er sich ein wenig.
"Aber verzeih, Dalnas. Vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen.
Ja, ich denke das wäre wohl das Beste. Mein Name ist Mahndi Ul Benel,
u Wrathij. Und der Falke, der dich geweckt hat, ist mein Freund Askun."
Flüchtig sah der Junge zu dem Tier. Irgendwie kam es ihm bekannt vor.
"Ich nehme an, dass du viel Fragen haben wirst. Ich werde versuchen sie alle
zu beantworten. Doch zunächst solltest du etwas trinken und essen. Es ist
wichtig, dass du zu Kräften kommst. Wir haben nicht mehr viel Zeit."
Er schob eine Schüssel mit Brei und einen Becher mit klarem Wasser zu dem
Jungen. Ohne zu zögern griff Dalnas danach. Seine Zweifel waren wie verflogen.
"Während du isst werde ich dir ein wenig erzählen. Zunächst: wir befinden
uns hier in einer Höhle am Rande des Wrathij, gut drei Tagesmärsche von dem
Reich des Gesichtslosen entfernt. Vermutlich fragst du dich, wie ich dich
finden konnte. Um ehrlich zu sein habe ich das auch garnicht. Eigentlich hat
Askun dich gefunden. Er hat ein Auge auf dich geworfen, seitdem du Endophal
betreten hast."
Jetzt wurde Dalnas auch klar, wieso der Vogel ihm bekannt vor kam. Es musste
der selbe gewesen sein, der ihm auch im Steinbruch begegnet war. Davor oder
danach hatte er ihn jedoch nicht bemerkt.
"Du dachtest vorhin, dass ich ein Diener des Gesichtslosen wäre. Das kann
ich dir nicht verübeln. Schließlich gab ich dir damals auf dem Markt in
Falkenstein die Lösungen für die Rätsel zur Rosenkammer. Aber wenn ich dir
alles erzählt habe, dann wirst du mein Motiv verstehen."
Kurz hielt der Junge inne.
"Warum ich?"
"Mhm... in der Tat eine gute Frage. Du musst wissen, ich beobachte die
Geisterfelsen, wie sie von den Dallah genannt werden, schon einige Zeit. Mir
ist nicht entgangen, wie der Dämon seine Macht durch die Risse in seinem
Gefängnis ausstreckte. Er traf die Wahl und so musste ich mich auch an dich
wenden."
"Und wer seid ihr, dass ihr so etwas könnt?"
"Nur ein Eremit."
Die Antwort fiel überraschend kurz aus, doch Dalnas merkte auch, dass es
besser war nicht weiter nachzufragen. Dennoch sah er den alten Mann in einem
neuen Licht. Ob er ein Magier war?
"Aber wieso hat Yer'..."
"Nenn' nicht den Namen!", der Mann fuhr heftig auf.
"G...gut. Also... wieso hat... der Dämon... mich dann ausgewählt? Er sagte
mir, dass er dies tat, weil... eine Freundin... zu stark gewesen sei. Aber
wieso dann sie?"
"Du meinst wieso ausgerechnet ein Dämon Diener Ilas auswählt?"
Dalnas nickte.
"Es ist wohl so etwas wie Ironie für den Gesichtslosen."
Der Junge sah den alten Verständnislos an.
"Als du ihn befreit hast, da hast du doch eine kristallene Rose gesehen,
oder?"
Wieder nickte der Essende.
"Zunächst sollte ich dir darüber wohl etwas erzählen. Es handelt sich dabei
um ein uraltes Artefakt mit unvorstellbarer Macht. Eine Legende besagt, dass
es sich einstmals um eine echte Rose handelte. Sie wuchs in den frühen Tagen
Tares, als die Götter über ihr Antlitz' wandelten. Eines Tages kam Ila, Vitama,
zu der Rose. Sie bewunderte die Schönheit der Pflanze. Die Göttin beugte
sich hinab um an ihr zu riechen, doch als sie mit ihren Fingern den Stengel
berührte, stoch sie sich an einer Dorne. Ein einzelner Tropfen Blut benetzte
die Rose, worauf sie zu einem Kristall erstarrte. Daher auch der Name des
Artefakts: Rosenblut.
Die Mächte, die diesem Artefakt innewohnten waren Gut und Rein. Doch das
sollte sich ändern. Während der Amulettkriege fiel es in die Hand des
Gesichtslosen. Der Eine war stark und so gelang es ihm mit seiner Macht
Rosenblut zu verderben. Der Dämon schwang sich dadurch zum Herrscher über alle
Geister Endophals auf. Sie verbreiteten in seinem Namen Angst und Schrecken.
Am Ende des Krieges, als der Eine sich geschlagen zurückziehen musste, wurde
sein Diener, der Dämon, zwar schwächer, doch verbannt wurde er nicht. Und so
herrschte er weiter in der Wüste. Zu dieser Zeit traute sich niemand in das
Sandmeer. Bis vor etwa eintausend Götterzyklen einer ihm entgegentrat und
ihn in einen Stein fesselte. Doch der Zauber war zu schwach gewesen, sodass
sich langsam Risse bildeten. Nun, den Rest der Geschichte kennst du ja
bereits."
"Also wählte der Dämon uns aus, weil wir Diener Vitamas sind. Derjenigen,
die Rosenblut erschuf. Doch wieso halft ihr mir ihn zu befreien?"
"Wie ich dir bereits erzählte, wusste ich, dass sein Gefängnis bröckelte.
Früher oder später wäre es also zusammengebrochen. Der Gesichtslose wird
natürlich versuchen seine Macht wieder mit der Rosenbluts zu verbinden. Doch
der Zauber, der damals gesprochen wurde, verhindert dies zunächst. Dieser
verband nämlich Rosenblut mit der Person, die den Dämon befreien würde. Wäre
er von allein in die Freiheit gelangt, so hätte er seine Macht sofort
zurückerlangt. Doch nun ist er gezwungen auf eine besondere Konstellation
der Monde zu warten. Diese wird in wenigen Tagen erreicht sein, weshalb wir
auch nur wenig Zeit haben."
"Wie meint ihr das? Wieso sollten wir wenig Zeit haben? Ist denn nicht alles
verloren?"
Der Eremit lächelte.
"Aber nein. Es gibt eine Möglichkeit den Gesichtslosen endgültig zu verbannen.
Während des Rituals, dass seine Macht wieder an die Rosenbluts binden wird,
muss der Kristall zu einem gewissen Zeitpunkt zerstört werden. Das ist deine
Aufgabe."

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BeitragVerfasst: 21.03.05, 18:56 
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"Aber... warum denn ausgerechnet ich? Ihr könntest das doch genau so gut!"
"Nein. Das hängt mit einer besonderen Eigenschaft Rosenbluts zusammen und mit
dem Zauber, von dem ich dir erzählte. Das Artefakt kann nur von jemandem
zerstört werden, der mit ihm verbunden ist. Auch deshalb ist es wichtig, dass
der richtige Zeitpunkt beim Ritual abgewartet wird. Außerdem bin ich schon
viel zu alt für solche Abenteuer."
"Und warum hat mich der Dämon dann nicht gleich getötet? Das wäre doch viel
ungefährlicher für ihn gewesen."
Ein Schmunzeln zeigte sich nun auf dem Gesicht des alten Mannes.
"Er wusste nichts von deiner Verbindung. Vermutlich tobt er inzwischen vor
Wut."
Doch Dalnas fand dies nicht wirklich aufmunternd. Bedeutete das nicht auch,
dass der Dämon jetzt alles versuchen würde ihn zu töten? Vielleicht war er
sogar schon auf dem Weg hier her!
"Du musst dir keine Gedanken machen. Der Gesichtslose kann uns hier nicht
finden."
Scheinbar konnte man in seinem Gesicht wie in einem Buch lesen, dachte sich
Dalnas.
"Jetzt solltest du dich aber erst einmal wieder ein wenig ausruhen. Ich habe
dir viel erzählt über das du erst einmal nachdenken musst."
Damit erhob sich der Alte und verlies die Höhle durch einen Seitengang.
Lange saß der Junge noch da und dachte über die Worte des Mannes nach.
Schließlich legte er sich wieder hin und schlief ein. Hatte er den eine Wahl?

In den folgenden Tagen erfuhr er noch viele Dinge über den Gesichtslosen und
seine Geschichte. Der Eremit meinte, dass man seinen Feind nicht gut genug
kennen könne. Auch brachte er dem Jungen bei, zu welchem Zeitpunkt er den
Kristall zerstören musste. Anscheinend war es von äußerster Wichtigkeit, dass
es genau dann geschah, wenn Rosenblut von dem Jungen gelöst wurde und sich
mit dem Dämon verband. Geschähe dies, so wäre der Dämon unwiderbringlich
verbannt. Einen Augenblick später und dem Jungen wäre es nicht länger möglich
Rosenblut auch nur einen Kratzer zuzufügen. Und würde er die Rose zu früh
zerbrechen, so wäre sie zwar zerstört, aber der Dämon würde weiter über Tare
geistern. Er wäre zwar schwächer, doch seine Macht würde ausreichen um Dalnas
augenblicklich zu töten.
Und so versuchte der Junge sich haargenau einzuprägen, wann es soweit war.
Jetzt, da die Zeit knapp war, schien es ihm als verginge sie wie im Fluge.
Jeden Tag wurde er unruhiger. Würde der Eremit ihn nicht dazu zwingen etwas
zu essen, so hätte er vermutlich gar nichts mehr zu sich genommen. Nur hätte
er dann niemals eine Chance gegen den Dämon.
Überhaupt lag seine einzige Möglichkeit auf Erfolg darin, den Gesichtslosen
zu überraschen. Der Eremit schlug vor, dass sich Dalnas in der Nähe verstecken
solle und abwarten. Sobald es dann soweit war würde er sein Versteck aufgeben
müssen. In diesem Fall gab es kein zurück mehr und nur noch eins zählte:
Rosenblut vor dem Dämon erreichen.
Der Endophali sprach es nicht aus, aber das war auch nicht nötig. Der Junge
war sich sehr wohl bewusst wie gering seine Hoffnung auf Erfolg war. Doch
um so entschlossener war er den Kristall zu zerstören. Denn damit würde auch
das Werk des Gesichtslosen auf Tare zerstört. Jolena würde erwachen und er
würde seine Schulden endlich begleichen können.

Schließlich war der letzte Tag gekommen. Nochmals saßen der Eremit und Dalnas
zusammen, diesmal jedoch im Freien vor der Höhle. Ihr Lagerplatz bot einen
atemberaubenden Anblick über die Rote Wüste und am Horizont senkte sich Fela
hinter Tares Rand.
Der Junge hatte in den vergangenen Tagen viel gelernt. Vermutlich mehr als
in seinem bisherigen Leben. Und auch wenn er es bedauerte in diese Situation
gelangt zu sein, so musste er immerhin eingestehen, dass die zurückliegende
Reise ihn geprägt hatte. Der Junge, der nun am Feuer gegenüber dem Eremit
saß war ein anderer, als der der aus Falkenstein aufgebrochen war. Er war ein
gutes Stück erwachsener geworden. Die Frage war nur, ob er dies noch auskosten
würde können?
"Wie du weißt, wirst du morgen aufbrechen, mein kleiner Freund."
Dalnas nickte.
"Dir steht eine beschwerliche Reise bevor und wenn du dein Ziel erreicht hast,
dann wird dir ein Abenteuer bevorstehen, dass deine ganze bisherige Reise in
den Schatten stellen wird. Doch wie auch immer es ausgehen mag, sei gewiss,
dass Ila dir verziehen hat."
"Meint ihr wirklich?"
Der Endophali schmunzelte.
"Aber ja. Ich dachte das würde ich einem ihrer Diener nicht zu erzählen
brauchen."
Dalnas senkte ein wenig seinen Blick.
"Wisst ihr, ich war eigentlich nie mehr als ein Anwärter..."
"Und du meinst das stört Ila?"
Der Junge zuckte hilflos mit den Schultern.
"Für sie zählen keine Ränge, Namen, Titel. Einzig und allein die Tat ist
wichtig. Und kann es etwas größeres geben als für jemanden den man liebt auf
eine Reise voller Gefahren zu gehen? Eine Reise ohne gewisses Ende?"
Dalnas sah wieder lächelnd auf.
"Nein, vermutlich nicht. Habt dank, Mahndi."
"Hier, ich will dir etwas geben: ein Geschenk."
Damit zog der alte Mann unter seinem verdreckten Hemd einen Anhänger hervor,
zog ihn über den Kopf und reichte ihn hinüber. Es handelte sich um einen
völlig klaren orangenen Edelstein, eingelassen in eine eiserne Fassung.
Staunend betrachtete der Junge das Geschenk.
"Er wird dir Mut geben, wenn dein Herz verzagt. Und nun solltest du dich
schlafen legen."
Nickend erhob sich Dalnas und verschwand in der Höhle.

Am nächsten Morgen führte ihn der Eremit hinaus in das Licht Felas. Der zweite
Zyklus musste gerade erst angebrochen sein, doch sie konnten keine weitere
Zeit verlieren. Erstaunlicherweise fand Dalnas draußen ein Kamel vor. Woher
es der Endophali genommen hatte, wusste er nicht. Aber wie so oft schenkte
dieser ihm auf die Frage hin nur ein geheimnisvolles Lächeln.
"Es kennt den Weg und wird dich sicher an dein Ziel bringen.", war das
einzige, was er dazu sagte.
Wehmütig verabschiedete Dalnas sich von ihm und dem Falken, den er insgeheim
ins Herz geschlossen hatte. Es war wirklich ein schönes Tier. Angesichts der
Aufgabe, die ihm bevorstand, hätte er sich gewünscht noch einige Tage hier
zu bleiben. Doch sein Schicksal war wie immer gegen ihn. Und so kletterte er
auf das Kamel und ritt hinaus in die Wüste.

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BeitragVerfasst: 22.03.05, 19:48 
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Der Eremit hatte nicht zu wenig versprochen. Dalnas konnte sich ganz gemütlich
zurücklehnen während das Kamel von alleine seinen Weg durch die Wüste fand.
Nur war er viel zu aufgeregt dafür, dies auch wirklich zu tun. Er war
ununterbrochen mit den Gedanken bei der kommenden Aufgabe. In den Nächten
konnte er nicht schlafen. Unaufhörlich kam er seinem Ziel näher. Und
schließlich, er konnte im Nachhinein nicht sagen wie lange er unterwegs gewesen
war, sah er in der Ferne die ihm bekannte Steinformation. Als er zum Himmel
sah konnte er erkennen, dass der Vitamalin und der Astreyon schon fast die
vom Endophali beschriebene Position eingenommen hatten. Vom dritten Mond war
keine Spur zu sehen, doch der Junge wusste, dass er dort irgendwo am Himmel
sein musste. Bis er die Felsen erreicht hatte würde es dunkel werden. Und dann
wäre seine Zeit gekommen.
Je näher er seinem Ziel kam, desto unruhiger wurde er. Es schien sich etwas
verändert zu haben, doch Dalnas konnte nicht genau sagen was. Und plötzlich
wurde es ihm klar. Er hatte zwar sein Bild nicht mehr bei sich, doch die
Veränderung war unübersehbar. Auf der Spitze der Felsformation war ein großes
Plateau entstanden. In der Mitte erhob sich ein Block. Mehr konnte Dalnas auf
die Entfernung nicht erkennen.
Er würde von nun an vorsichtiger sein müssen. Der Dämon durfte ihn auf keinen
Fall sehen bevor es soweit war. Und wie als hätte das Kamel seine Gedanken
gelesen, wählte es von nun an einen Weg, der sie stets hinter einer Düne
verbarg. Dadurch kamen sie allerdings nur sehr viel langsamer voran, da sie
sich den Felsen nun in einer Schlangenlinie näherten.
Trotzdem erreichten sie den Fuß der Felsen genau in dem Augenblick, als Fela
zum ersten Mal den Rand des Horizontes berührte. Der siebte Dunkelzyklus brach
an. Tief atmete der Junge durch. Nun war es also soweit. Langsam rutschte er
von dem Kamel hinab und strich ihm nochmals über den Rücken. Die Felsformation
kam ihm viel größer vor, als bei seinem letzten Besuch. Er überlegte welcher
Weg zu gehen sei. Hinauf auf die Hochebene oder hinab in die Höhle? Der Eremit
hatte ihm gesagt, dass man für das Ritual Platz brauchen würde. Also war dieses
neu entstandene Plateau wahrscheinlicher. Doch dazu würde er klettern müssen.
Er hoffe, dass er noch rechtzeitig sein Ziel erreichen konnte.
Kurz zögerte er. Noch konnte er umdrehen. Er könnte heimkehren nach
Falkenstein. Wer sollte ihm schon einem Vorwurf machen, dass er vor einem
übermächtigen Gegner weggelaufen war? Er kannte die Antwort auf diese Frage,
bevor er sie gedacht hatte, denn er selbst würde dies tun. Niemals würde er
sich verzeihen können, dass er einen Dämon erst befreit hatte und dann nichts
gegen ihn unternahm.
So machte er sich langsam an den Aufstieg.
Nur langsam kam er voran. Das Gelände war zwar ziemlich flach, doch auch
übersäht mit Felsbrocken und tückischen Spalten. Würde er sich jetzt den Fuß
verstauchen, so wäre seine Aufgabe unwiderbringlich verloren. Also passte er
im fahlen Licht der Dämmerung umso mehr auf. Wie er jetzt erst bemerkte, hatte
er vergessen eine Lampe einzupacken. Doch nun war es zu spät umzudrehen. Wie
es sich zeigen sollte, würde er gar kein Licht brauchen.
Langsam stiegen die Felsen steiler an. Ab und zu musste Dalnas jetzt sogar
klettern. Als er endlich die Hälfte des Hanges erreicht hatte, bemerkte er
etwas erstaunliches. Die undeutlichen Schemen vor ihm schienen langsam
heller zu werden. Er sah nach oben und mit einem Mal wurde ihm auch klar
wieso.
Zum Einen hatten die beiden (drei?) Monde nun ihre Position erreicht, doch
zum Anderen, und das war viel erschreckender, schien irgendetwas von der Spitze
der Felsformation zu strahlen. Das gespenstische Licht, das davon ausging,
erhellte die ganze Umgebung und lies nur einen Schluß zu: Das Ritual hatte
begonnen.
Doch gleichzeitig bemerkte der Junge noch eine andere Veränderung. Es schien,
als würde ihn etwas kaltes umstreichen. Hier und da glaubte er Schatten zu
erkennen.
Geister.
Plötzlich bekam Dalnas es mit der Angst zu tun. Immer mehr dieser Schemen
tauchten auf. Schon bald war er ganz von ihnen eingeschlossen.
Er hörte Stimmen in fremden Sprachen klagen und heulen. Immer öfter glaubte
er, dass ihn etwas berührte. Konnten Geister töten? Ängstlich kauerte er sich
an einen Felsen. Sein Ziel war vergessen. Sobald er die Augen schloss glaubte
er Skelette vor sich sehen. Männer und Frauen die in der Wüste verdursteten.
Er hätte geschrien, aber seine Kehle war wie zugeschnürt. Zweifel erfüllten
ihn. Er war Schuld an Jolenas Ohnmacht. Er hatte den Dämon befreit. Und
überhaupt war er an allem Leid Tares Schuld. Stimmen flüsterten ihm zu sich
einen Stein zu ergreifen und sich gegen den Schädel zu schlagen. Dann wäre
seine Qual zu Ende, seuselten sie ihm süß ins Ohr. Tatsächlich glitt seine
Hand zu einem faustdicken Brocken. Er holte aus...
... und lies ihn fallen. Auf seiner Brust spührte er einen heißen Schmerz.
Er tat schrecklich weh, doch gleichzeitig holte er ihn in die Gegenwart zurück
und vertrieb die Geister. Der Junge holte den Anhänger, den er sich um den
Hals gehenkt hatte, hervor. Ein schwaches Leuchten ging von dem Edelstein aus
und er fühlte sich warm, beinahe heiß an. Er gab ihm neuen Mut und lies ihn
an die Worten des Eremiten zurückdenken.
Ohne länger zu zögern stieg er dem Licht entgegen.

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BeitragVerfasst: 23.03.05, 19:38 
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Langsam näherte er sich dem Rand der Hochebene. Er war die letzten Schritte
nur gekrochen. Die Geister hatten ihn nicht weiter behelligt, offenbar
fürchteten sie sich vor dem Amulett.
Als er über die Kante des Plateaus spähte, bot sich ihm ein gespenstischer
Anblick. Die ganze Ebene wurde von dem trügerischen Licht erhellt, dass sein
Zentrum auf dem Felsblock hatte, den er schon aus der Ferne gesehen hatte.
Dalnas erkannte nun, dass eine Treppe dort hinauf führte. Doch viel
auffälliger war, was sich auf der Oberseite des Blockes abspielte. Er konnte
dort eine geflügelte Gestalt erkennen, die sich einem roten Etwas zugewandt
hatte, dass vor ihm in der Luft schwebte. Es musste sich dabei zweifellos
um den Gesichtslosen und Rosenblut handeln. Das Plateau wurde auf den gut
vierzig Schritt von aberdutzenden von Geistern bevölkert. Es schien als hätten
sich alle Albtraumgestallten Endophals hier versammelt um ihrem Herrscher
zu huldigen. Sie waren zwar alle nicht mehr als Schatten, dennoch genügte
ihre Zahl um die Sicht zum Felsen zu erschweren. Nur ein Mal riss die Menge
an einer Stelle ein wenig auf und gab die Sicht frei. Dalnas lies sich diese
Gelegenheit natürlich nicht entgehen - und bereute es im nächsten Augenblick.
Was er sah war so schrecklich, dass er sich beherrschen musste nicht zu
schreien. Das, was er bis jetzt für einen Felsblock gehalten hatte, war nichts
anderes als ein riesiger Haufen Gebeine. Ein Schauder lief ihm über den Rücken.
Zum Glück wurde ihm die Sicht gleich darauf wieder genommen.
Schwer atmete er auf. Woher der Dämon wohl alle diese Knochen hatte?
Er kam mit sich selbst überein, dass er sich lieber auf seine Aufgabe
konzentrieren sollte. Das war besser für seinen Magen. Also blickte er wieder
zu dem schaurigen Altar auf. Anhand der Gesten des Dämons versuchte er
herauszufinden wie weit das Ritual vorangeschritten war. Doch von hier aus
hätte er es niemals sagen können, so angestrengt er auch in seinem Gedächtnis
grub. Der Junge würde näher heranmüssen um die Worte zu hören.
Vorsichtig schlich er in halb geduckter Haltung weiter. Das Schicksal war ihm
ausnahmsweise hold, denn der Geflügelte drehte ihm und der Treppe halb den
Rücken zu.
Erst als er sich dem Ritualplatz bis auf zehn Schritte genähert hatte, konnte
er verstehen was der Dämon sagte. Inständig hoffte der Junge, dass er nicht zu
lange gezögert hatte. Er erschrack als er erkannte, wie nah schon der Zeitpunkt
war zu dem er eingreifen musste. Die Zeit zum Einschreiten war längst gekommen.
Dalnas spurtete los. Noch sieben Schritt bis zur Treppe. Die Geister blieben
ruhig. Noch fünf Schritt bis zur Treppe. Auch der Dämon schien nichts zu
bemerken. Noch drei Schritt bis zur Treppe. Ein pulsierendes Leuchten ging
von der Rose aus. Jetzt war es bald soweit. Der Junge hatte die Treppe
erreicht. Er setzte den ersten Fuß auf die unterste Stufe - und erstarrte.
Sobald sein Fuß die Knochen berührt hatte, ertönte ein markerschütternder
Schrei. Der Junge musste nicht hinaufsehen um zu erkennen, dass der Dämon
ihn bemerkt hatte. Im nächsten Moment wurde er von einer Druckwelle erfasst
und gut fünf Schritt zurückgeschleudert.
Benommen sah Dalnas zu dem Hügel aus Gebeinen. Der Dämon hatte sich ihm
zugewandt. Offenbar hatte er das Ritual unterbrochen und wie es schien genau
zum richtigen Zeitpunkt. Die Überheblichkeit des Gesichtslosen hatte ihn davon
abgehalten einfach weiterzumachen. Stattdessen blickte er nun zu dem Jungen
hinab.
"Du schon wieder, Menschenkind."
Ein wütendes Zischen lag in seiner Stimme, als er sich mit zwei kräftigen
Flügelschlägen erhob und dicht vor Dalnas auf dem Boden landete.
"Du hättest nicht zurückkommen sollen. Jetzt werde ich dich töten!"
Mit einem kräftigen Ruck zerriss das Wesen seine graue Robe. Darunter kam
ein muskulöser und von einem dichten Fell bedeckter Körper zum Vorschein. Die
Kralle des Geisterfürsten schoß vor um den am Boden liegenden zu packen, doch
dieser rollte zur Seite und brachte sich in Sicherheit. Wie durch ein Wunder
kam er gleich darauf wieder auf die Beine. Hektisch versuchte er die Situation
zu erfassen: Links von ihm der Dämon, der sich zu einem neuen Schlag bereit
machte, vor ihm der Block mit seiner abartigen Treppe.
Er wusste nicht ob es ein nie gekannter Mut war, der ihn auf die Treppe zu
laufen lies, oder ob er einfach nur Angst hatte sich der Kreatur zu stellen
und sich deshalb für diesen Weg entschied. In seinem Rücken hörte er ein
grässliches Kreischen. Ein Feuerball prallte rechts neben ihm auf den Boden.
Doch auch davon lies der Junge sich nicht mehr aufhalten. Er hatte nur noch
sein Ziel im Auge. Und tatsächlich erreichte er die Treppe ohne aufgehalten
zu werden. Ein weiterer Feuerball rauschte dicht über seinen Kopf hinweg, als
er die letzte Stufe hinter sich brachte.
Nur noch zwei Schritte trennten ihn von Rosenblut, als er spührte wie seine
Füße auf einmal von etwas gefesselt wurden. Durch seinen Schwung flog er
jedoch weiter. Er streckte seinen Arm so weit aus wie er konnte - und
ergriff die in der Luft schwebende Rose. Dann schlug er hart auf den Gebeinen
auf. Seine Wahrnehmung vernebelte sich. Doch er spührte wie er von einer
weiteren Druckwelle getroffen wurde. Sie riss ihn mit sich und über die Kante
des Altars hinweg. Dabei drehte er sich mehrmals um die eigene Achse. Die Rose
lies er jedoch nicht los. Ihm wurde schwindlig und übel, aber nur einen
Augenblick lang, dann durchzuckte ihn ein dumpfer Schmerz, als er mit dem
Rücken auf dem Gestein des Plateaus aufprallte. Die Luft wurde ihm aus den
Lungen gepresst. Alle seine Glieder schmerzten.
Zu allem Überfluss tauchte im selben Augenblick nur wenige Schritte entfernt
der Dämon in seinem Gesichtsfeld auf. Nocheinmal gelang es ihm sich auf
aufzurappeln, aber zum Weglaufen fehlte ihm die Kraft. Die Rose hielt er
ausgestreckt neben sich.
"Deine Zeit ist gekommen, Mensch."
Der Gesichtlose hielt seine Hände vor sich, die Innenseiten einander
zugekehrt. Ein weiterer Feuerball bildete sich zwischen ihnen. Panisch erkannte
der Junge, wie sich das Geschoss von der Kreatur löste und auf ihn zu raste.
Es würde ihn unweigerlich treffen. Seine Instinkte reagierten schneller als
sein Kopf. Der eiserne Griff um Rosenblut lockerte sich - das Artefakt fiel.
Es kam Dalnas vor als würde die Zeit sich zu einer Ewigkeit dehnen. Mit
angstgeweiteten Augen beobachtete er wie der Feuerball sich in Zeitlupe immer
weiter näherte. Das Adrenalin schoß durch seine Adern. Er hörte seinen Puls
in den Ohren dröhnen. Sein Gedächtnis schrie ihn laut an wegzulaufen, doch
seine Beine versagten den Dienst. Nun war der Feuerball nur noch eine Armlänge
von dem Jungen entfernt...
... und löste sich schlagartig in Luft auf. Im selben Moment drang ein Klirren
an sein Ohr. Es hörte sich an, als hätte jemand einen Krug fallen gelassen,
doch sehr viel heller. Rosenblut war zerstört.
Gleichzeitg nahm der Junge die Zeit wieder in ihrer normalen Schnelligkeit
wahr. Ein warmer Lufthauch erreichte ihn - der Rest des tödlichen Geschosses.
Doch viel beeindruckender war das Bild, dass der Dämon abgab. Ein gleißendes
Licht umhüllte ihn und blendete Dalnas. Das schrille Kreischen des
Gesichtslosen lag in der Luft, jetzt jedoch war es erfüllt von unheimlicher
Qual. Das Licht schoß nun in den Himmel und bildete eine strahlend helle
Lichtsäule. Explosionsartig breitete sich erneut eine Druckwelle aus.
Dalnas konnte noch sehen, wie der Altar von ihr erfasst und gänzlich zerstört
wurde, dann ergriff sie auch ihn und schleuderte ihn davon.
Als er zum vierten Mal an diesem Tag hart auf dem Boden landete verlor
er endgültig das Bewusstsein. Er bemerkte nicht, wie das gleißende Licht
langsam verlosch. Wo eben noch der Gesichtlose gestanden hatte zeugte nun nur
noch ein rußgeschwärzter Fleck von dessen Existenz. Yer'ah'gran war gebannt.

Wieder einmal wechselte die Elfe Elera den Kräuterverband auf der Stirn
von Jolena. Sie lag nun schon seit Monden in diesem tiefen Schlaf und einige
hatten schon die Hoffnung aufgegeben. Die Mutter Oberin wollte davon zwar
nichts hören, aber so langsam wurde auch die Elfe von Zweifeln ergriffen.
Sie hatte sich bisher um die Novizin gekümmert. Wäre Dalnas doch blos damals
nicht mit dem Buch verschwunden. Vielleicht hätten sie darin eine Möglichkeit
gefunden die Rothaarige zu erwecken. Ob das alles mit diesem mysteriösen
Artefakt Rosenblut zu tun hatte, von dem man sagte, dass es in den
Amulettkriegen in die Hände der Dunklen gefallen war?
Seufzend lies sie sich wieder auf ihren Schemel sinken, als ein Junge in
der Tracht der Anwärter in das Heilerzimmer gestürmt kam.
"Mutter, Mutter, kommt schnell, das müsst ihr euch ansehen!"
Er machte kehrt und rannte wieder davon. Ohne zu zögern folgte Elera ihm
in den Tempelgarten. Dort hatte sich schon eine große Menschentraube
versammelt. Einige tuschelten, doch alle blickten sie nach Süden. Die Geweihte
brauchte nicht lange um zu erkennen, was die Anwesenden so in seinen Bann zog.
Weit in der Ferne war ein leuchtend heller Lichtstrahl zu sehen, der in den
Himmel ragte und nur langsam schwächer wurde. Was das wohl zu bedeuten hatte?
"Mhm... habe ich etwas verpasst, Mutter?", fragte eine verschlafene Stimme.
Elera blickte zur Seite und konnte ihren Augen nicht trauen. Neben ihr
stand eine verschlafen wirkende Jolena.

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Benion - vita et amor - Pater Brown Verschnitt, Häretiker und Lord der Vitamith - Geburtshelfer: 8 mal - Ehejahre-Rekordhalter
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BeitragVerfasst: 24.03.05, 20:23 
Altratler
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Beiträge: 10862
Man möge es mir verzeihen, aber das Ende von Rosenblut ist jetzt exklusiv auf 7w-stories zu finden, genau hier:

http://stories.st.ohost.de/index.php?section=stories&action=show&tid=166

Ich tue dies, damit ein paar Leute mehr auf dieses Projekt zur Bewahrung von Siebenwind'schen Geschichten aufmerksam werden.

Wie dem auch sei: Ich wünsche allen Lesern viel Spaß beim letzten Kapitel :)

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