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Ihr Körper schmerzte, jedes einzelne Glied, jeder Knochen meldeten ihr, dass sie über einen Körper verfügte, dass sie lebte.
Keuchend krümmte sie sich in der dunklen Ecke irgendeiner Gasse zusammen, während sich die Dunkelheit über die Stadt legte, spürte, wie die Kälte ihr noch zusätzliche Schmerzen bereitete, wie die Nässe auf ihrer Kleidung langsam gefror... sie wünschte sich in dem Moment den Tod zurück!
Warum musste es soweit kommen?
***
Ein paar Jahre waren seit den Geschehnissen in Grenzfest vergangen. Jahre, in denen sie ziellos durch Galadon gereist war. Erst Richtung Westen, von Dorf zu Dorf, durch manche Kleinstadt hindurch, dann etwas Richtung Süden, durch das bürgerlich-ruhige Herzogtum Savaro, wo sie in manchem Garten sich mit Proviant eindeckte, von mancher Wäscheleine die frisch gewaschene Wäsche klaute und sich so recht sorglos mit allem, was sie brauchte, eindecken konnte.
Doch lange mochte sie hier nicht verweilen - rasch misstraute man ihr, wenn sie in den Schenken und Gasthäusern der kleinen Ortschaften auftauchte, mit einigen Dingen handelte, bei denen die Leute durchaus richtig lagen, wenn sie sie des Diebstahls verdächtigten. Doch Beweise hatten sie zum Glück nicht, verhökerte sie die in einem Dorf stibitzten Gegenstände - die sie auch schon mal aus einem Haus entwendete, was naiverweise nicht abgeschlossen war oder wo sie durch eines der Fenster einstieg, den möglichen Hund mit einer durch Pflanzengift vergiftete Wurst ruhigstellte - bevorzugtermassen im nächsten oder gar übernächsten Dorf.
In diesem blieb sie meist nur wenige Nächte, verkaufte etwas, zahlte damit ein Zimmer in einem Gasthaus ab, ebenso wie das warme Essen und vor allem den Alkohol, stieg des nachts wieder in die Häuser ein und war dann rasch wieder aus dem Ort verschwunden.
Das Herzogtum Taras war schon eher nach ihrem Geschmack - sie hatte schon in Morgenthau von diesem Landstrich gehört. Fahrende Schausteller würden hier oft umherziehen und die Leute mit ihren Künsten unterhalten... und natürlich kam auch stets die Warnung hinterher, dass solchen Leuten einfach nicht zu trauen wäre. Zwielichtiges Pack, Halunken, Betrüger durch und durch - auf der einen Seite unterhalten sie, auf der anderen Seite sind ihre Kinder und andere geschickte Langfinger unter ihnen damit beschäftigt, einem die Geldkatze zu leeren oder einen Beutel vom Gürtel abzuschneiden. Das klang ausgesprochen vielversprechend für sie...
Auf den Strassen von Taras war der Anschluss an so eine Gauklertruppe rasch gefunden. Ob sie Kunststückchen könne, fragte man sie. Gewiss konnte sie manches, was sicher einen einfachen Bauern in Erstaunen versetzen würde, doch fragwürdig, ob sie damit nicht zuviel von sich preisgeben würde. Sie verneinte die Frage, doch gab an, dazulernen zu wollen.
Unter den Gauklern begann sie dann ein paar kleine Tricks zu erlernen - vornehmlich Kartentricks oder wie man mit Glücksspielen, die gar nicht so sehr auf Glück, sondern vielmehr auf flinke Finger, beruhten, an Geld kommen konnte.
Eine Weile reiste sie mit ihnen mit, nebenher ging sie weiterhin dem ein oder anderen Einbruch nach, sofern die Truppe nicht zu lange an einem Ort verweilte, ehe sie Ventria erreichten.
Hier trennte sie sich von der Truppe, denn neue Chancen offenbarten sich ihr hier, als sie Kontakte zu einer Bande knüpfen konnte, die Geld aus einigen Ladenbesitzer quetschten und auch sonst sich die Erpressung als eines ihrer Geschäftsziele auserkoren hatten.
Eine Weile arbeitete sie für die Bande, ehe diese Gefahr lief aufzufliegen und zu einer anderen Gruppe rüberwechselte. Mehrmals wechselte sie die Banden, nicht selten war sie der Grund, warum sie aufflogen, denn es war oft ihre Gier, die sie dazu trieb, mehr oder minder grosse Fehler zu begehen und nicht selten war ihr das Schicksal derer, zu denen sie Anschluss gefunden hatte, egal, solange sie mit heiler Haut davonkommen konnte.
Doch irgendwann wurde auch ihr Gesicht langsam bekannter und so war eine Flucht bei Nacht und Nebel aus Ventria nach knapp über einem Jahr unumgänglich geworden.
Meist alleine reiste sie weiter gen Norden, machte nur kurz in Rothenbucht halt, denn es gab eine Stadt, von der sie schon in Grenzfest gehört hatte und die laut den Berichten, grösser, schöner, prachtvoller als alle anderen Städte Galadons oder gar Falandriens zu sein schien. Grenzfest war bisher die grösste Stadt gewesen, die sie besucht hatte. Rothenbucht, mit seinen rötlichen Felsen, an denen die Häuser gebaut wurden, war von der Grösse und dem Anblick her auch nicht zu verachten gewesen, aber Draconis, so sagte jeder, wäre noch gewaltiger... Kaum vorstellbar für sie, die die ersten zwei Jahrzehnte ihres Lebens in einem kleinen Bergdorf in den Drachenschwingen abseits jeglicher Zivilisation verbracht hatte.
Dort, in Draconis, so sagten die einen, würde man sein sein Glück finden und wer es dort schafft, etwas zu werden, der kann überall was werden und ist überall eine angesehene Person.
Andere wiederum warnten sie - Draconis wäre ein riesiger Moloch. Armut an allen Ecken, Dreck, Lärm, die Strassen und engen Häuser überfüllt. Das Elend würde dort von den Reichen und Adeligen der Stadt geschickt unter den Teppich gekehrt werden. Gerüchte besagten gar, dass es mal menschliche Rattenfänger gegeben haben soll, die beauftragt wurden, die Kranken, Alten und auch sonst die meisten schwachen und armen Menschen zu jagen und zu töten. Das jedoch erzählte man sich stets hinter vorgehaltener Hand, denn diese Menschenjäger wurden wohl von der königlichen Verwaltung eingesetzt. Kurzum: in Draconis lauerte der Tod... wie recht sie doch hatten...
Nun, zu den Ärmsten gehörte sie nicht - dank ihrer Einbrüche und Betrügereien hatte sie ein kleines Vermögen bei sich, was für den Anfang sicher reichen würde, um sich etwas einzuleben und so reiste sie mit grossen Erwartungen Richtung Draconis.
Die Strasse, die auf die Stadt zuführte, wurde ab Wegenstein immer breiter, immer besser ausgebaut. Immer öfter sah sie prachtvolle Kutschen, wie auch einfache Ochsenkarren. Immer mehr Menschen sah sie auf den Weg in die grosse Stadt und je näher sie Draconis kam, desto öfter erreichte sie ein Dorf, was sich in der günstige Nähe zu der grossen Hauptstadt des Königreiches, gebildet hatte.
Das erste, was sie von Draconis sah, war ein Randbezirk, der eher ländlich geprägt war - einige Bauernhäuser standen hier, versorgten so wohl die Stadt mit Nahrung, dazu eine Windmühle, einige Felder, die nun, Ende Carmer, abgeerntet waren oder noch abgeerntet wurden und Wiesen, auf dem gut genährte Kühe, Schweine, Schafe oder Ziegen grasten. Die Häuser waren noch grösstenteils vom zwanzigsten Carmer her geschmückt, denn an diesem Tag dankten traditionell die Bauern gerne der Göttin Vitama für die reichen Gaben, mit denen sie sie beschenkt hatte.
Sie durchwanderte diesen Bezirk und je näher sie eines der schon von weiten sichtbaren, gewaltigen Stadttore kam, desto enger standen auch die Häuser zusammen, desto seltener standen am Wegesrand Felder oder Weiden. Dafür fand man hier, näher an der Stadt, mehr und mehr Werkstätten von Handwerkern vor. Metzger, Bäcker, Schreiner, Schnitzer, Weber, Schneider, Gerber, Färber und noch andere mehr hatten hier ihre kleinen, aber durchaus prachtvollen Fachwerkhäuser.
Dann aber durchschritt sie endlich eines der vielen Tore, durch das man in den inneren Bereich der Stadt kam und die ringsum in der Stadtmauer zu allen Himmelsrichtungen eingelassen waren.
Wachen standen hier, sahen sich jeden, der in die Stadt trat, an, dann und wann hielten sie gar jemanden an, kontrollierten, was dieser unter den Tüchern oder in den Kisten auf seinem Karren hatte oder wiesen auch mal jemanden an, seine Waffe einzustecken.
An der Stadtmauer glichen die Häuser noch eher denen, die sie auch ausserhalb gesehen hatte, doch mit jedem weiteren Schritt tiefer in diese gewaltige Stadt hinein, wuchsen die Häuser weiter an, standen dichter beisammen und wurden schmaler.
Die Geräusche der Stadt schwollen an - die teilweise recht angeregten Gespräche der Menschen oder auch gar Elfen, die ebenso die Stadt hier bewohnten, das Hämmern auf einem Amboss in den Schmieden, dazu das Kläffen von Hunden, das Lachen von Kindern, die Ausrufe eines Herolds, das Klappern der einfachen Karren auf dem leicht unebenen Pflaster.
Fasziniert tauchte sie in dieses Gewirr von Menschen und Häusern ein, wendete ihren Kopf stetig herum, bemüht jedes Detail, was sie sah, alles was sie hörte, in sich aufzunehmen. Sie war begeistert, denn hier war alles grösser, schien mit Möglichkeiten für sie nur so angefüllt zu sein... und merkte nicht, wie ein geschickter Dieb ihr, als sie wohl einen Moment auf dem Cumarplatz mit einer Statue des einstigen Königs Cumar I. Ap Morn verharrte und sich dort umsah, ihren Geldbeutel aus ihrer Gürteltasche stahl.
Erst, als sie sich, nach der langen Wanderung hungrig geworden, ein wenig Brot bei einem Bäcker kaufen wollte, bemerkt sie den Diebstahl. Es war glücklicherweise nicht all ihr Geld gewesen, hatte sie doch auch in ihrer Tasche noch etwas, doch schon ein beträchtlicher Betrag. Eilig verliess sie die Bäckerei wieder, sah sich einen Moment lang hilflos in den Gassen um, doch sie wusste nicht mal, wo ihr das Geld geklaut wurde... ein Willkommensgruss der etwas anderen Art.
*
Fast anderthalb Monde waren vergangen, seitdem sie Draconis erreicht hatte. Sie hatte sich mehr oder minder eingelebt. Der Diebstahl hatte ihrer anfänglichen Freude doch einen herben Dämpfer verpasst und hinzu kam die Schwierigkeit beim Wiederbeschaffen von neuem Geld - die Bewohner dieser Stadt waren misstrauischer als jene Naivlinge, wie man sie beispielsweise in Savaro finden konnte. Wer es sich leisten konnte, hatte einen oder mehrere Hunde, hervorragende Türschlösser oder gar eine eigene Wache für das Haus und wer es sich nicht leisten konnte, war auch selten ein lohnenswertes Ziel zum Ausbeuten.
So gestaltete sich ihr Anfang reichlich holprig und dann und wann griff sie auf das schlichte Betteln zurück. Doch dort, wo Bettler geduldet wurden, sassen genug von dieser Sorte und so gab es nur wenig Dukaten und dort wo keine von ihnen sassen, war das Betteln nicht gestattet und auch hier, unten den Armen dieser Stadt, hielt sich das Gerücht vom Menschenjäger ausgesprochen hartnäckig.
Ob sie diesem schon begegnet wären?
Nein, denn wenn sie es wären, so ihre Antwort, würden sie ja nicht mehr leben... jedoch gab es durchaus wenige Male Zeugen, die einen Toten fanden, den man offenbar nicht weggeräumt hatte, anstelle der Blutflecken und erstickte Schreie, die sonst auf das für den Jäger erfolgreiche Ende der Jagd hingedeutet hatten.
Es war nun Anfang Seker und die Stadt versank die meiste Zeit in tiefem Nebel, der die Strassen und Häuser grauer als sonst wirken liess. Feucht war die Luft, kalt noch dazu, doch sie konnte sich dank ihren Verbindungen zu mehreren Banden ganz gut durchschlagen. Mehrere Identitäten hatte sie nun sogar angenommen, verkleidete sich regelmässig, verstellte ihre Stimme, änderte ihre Haltung - je nach dem, mit welcher Bande sie es gerade zu tun hatte.
Sie profitierte so von gleich mehreren Kontakten und kam so an ausreichend Nahrung, Geld, Alkohol und Tabak. Reich war sie wahrlich nicht und hatte noch längst nicht den Lebensstandard erreicht, den sie zuvor auf ihrer Reise pflegen konnte, aber es reichte für ein kleines, enges Zimmer in einer billigen Absteige in einem der Elendsviertel von Draconis.
Hier standen allerlei mehr schlecht und schief gebaute Häuser, die ständig wohl um ein weiteres Stockwerk erweitert worden waren - eine Falle für viele, sollte mal ein Feuer ausbrechen...
Die Strassen in diesem Viertel waren nicht befestigt und in diesem Mond, auch gerne der Nebelmond genannt, meist aufgeweicht und matschig. Am Rande dieses Viertels, noch weit genug weg von den besseren Teilen der Stadt, aber nicht mehr so tief im Elend, waren die Gassen der Huren, die dort auf ihre Freier warteten und nicht selten unfreiwillig dafür sorgten, dass dieses Viertel nie kinderlos bleiben würde.
Es war Anfang Seker gewesen, als sie wieder ihren Gedanken in eine der Spelunken nachhing, ein berauschendes Gemisch aus einer Wasserpfeife genoss und in abstrusen Ideen und Träumen versank.
Stimmen flüsterten ihr zu... Verrat.
Warum auch nicht? Es könnte ein interessanter Spass werden, dafür zu sorgen, dass sich ein paar Banden gegenseitig dezimieren würden und wer war besser für diese Aufwiegelei geeignet als sie?
Sie lauschte den Stimmen...
Die nächsten Tage begann sie ihren Plan, der ihr in den Kopf gekommen war, umzusetzen. Gerüchte nahmen ihren Lauf, verbreitete sich dank ihr und ihrem Verkleidungsgeschick unter den Leuten in diesem Viertel, manche wurden gar hinausgetragen, auch an manches Ohr eines Stadtgardisten und sorgten dafür dass Mitte Seker die Gerüchtküche allmählich begann überzukochen.
Amüsiert beobachtete sie die Gespräche mancher Leute, stellte begeistert fest, wie ihr Plan anfing aufzugehen. Immer öfter kam es zu Messerstechereien und gar Mord zwischen den Banden. Immer öfter wurden diese Zwistigkeiten auch hinausgetragen auf die Strassen der benachbarten Bezirke und immer öfter musste die Garde einschreiten, denn es kam sogar einmal vor, dass in Folge dieses Bandenkrieges ein Haus in Brand gesetzt wurde und das Feuer rasch auf die benachbarten Häuser übergriff.
Ihr Werk!
Fasziniert stellte sie fest, was ein paar Gerüchte, ein paar wenige Taten alles in Gang setzen konnte. Ein angenehmes Gefühl von Macht machte sich in ihr breit - sie hatte Menschenleben indirekt in ihrer Hand.
Selbstzufrieden versank sie so in ihrer Welt der unsichtbaren, schmeichelnden Stimmen, während sie eines Abends, es war der dreiundzwanzigste Seker, ein Tag, an dem man vor lauter Nebel gerade so wenige Schritt weit sehen konnte, wieder in einer einfachen Spelunke in einer Ecke sass, den sanften Rausch eines endophalischen Tabakgemisches aus einer Wasserpfeife genoss, als eine Hand sich schwer auf ihre rechte Schulter legte.
Mit schweren Augenlidern sah sie darauf, erblickte einen goldenen Siegelring an dem Ringfinger, der eindeutig einer Männerhand gehörte und sah nur langsam hinauf, als eine dunkle und recht tiefe Stimme zu ihr sprach: "Meine Liebe, ich denke, wir sollten uns mal unterhalten. Mitkommen!"
Recht grob wurde sie an einem Arm gepackt und mühselig folgte sie der Gestalt, leistete nur wenig Gegenwehr, denn ihr Geist war noch immer in anderen Gefilden.
Draussen zerrten irgendwelche Hände sie in eine dunkle Gasse und die Stimmen in ihrem Kopf begannen sich allmählich zu überschlagen, warnten sie und sie mühte sich ab, um aus ihrem Rausch endlich klar aufzuwachen.
Grob drückte man sie an eine Wand und sie atmete tief ein, blinzelte einige Male, ehe sie sich zwei kräftige Ohrfeigen einfing und sie die Realität vollkommen erreichte.
Vor ihr stand einer jener Bandenanführer, ein Mann von etwa Mitte 30, nicht allzu gross, nicht sonderlich stark, doch mit einem Auftreten, dass ohne Frage jegliche Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Flankiert wurde er von zwei Männern, die jeder sie mit einer ihrer kräftigen Hände an die Wand pressten.
"Schön zu sehen, dass du es tatsächlich schaffst, noch vor deinem Ende aus deinem Rausch zu erwachen," zischte der Anführer zu ihr, "wäre ja zu schade, wenn du nicht bei vollem Bewusstsein für deine Taten leiden könntest, nicht wahr?"
Augenblicklich wurde sie bleich um ihre Nase - sie hatte nicht aufgepasst, war offenkundig unvorsichtig geworden und nun war offenbar der Zahltag gekommen. Unangenehm früh...
"Also.. ich glaube," begann sie mit noch vom Rauschkraut schleppender Stimme zu reden, "ihr verwechselt da was. Ich weiss ja nicht..."
"Klappe," donnerte er ihr entgegen, "ich weiss alles! Und ich habe auch mittlerweile genug Beweise dafür, dass du das Ganze langfristig geplant hattest - du hast dich mehreren Banden angeschlossen, nur um dieses Chaos anzurichten. Leugnen kannst du es eh nicht mehr - ich sprach schon mit einigen anderen Personen und dein Zimmer wurde auch durchsucht."
Ein Schauder lief über ihren Rücken - sie hatte sich bemüht, ihren Schlafort stets geheim zu halten, denn im Schlaf ist man stets leichter angreifbar.
Wenn sie ihr Zimmer durchsucht hatten, hatten sie ohne Frage auch einen Teil ihrer Verkleidungen gefunden... es gab kaum noch was zu leugnen und in diesem Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher, als einfach aus der Stadt verschwinden zu können...
Nun, aus der Stadt selber war nicht möglich in diesem Moment, aber das Verschwinden an sich war dank ihrer Kräfte, nicht unbedingt unmöglich. Sie mussten sie nur loslassen, sie musste nur mehr Platz zum Abhauen haben...
"Los, wir gehen," raunte er den beiden zu, "und haltet sie mir gut im Auge."
Grob stiess man sie vor, sie hörte, wie zwei Armbrüste dann gespannt wurden und ein kurzer Blick über eine ihrer Schultern bestätigte ihr, dass diese Waffen auf sie gerichtet waren.
Dann setzten sie sich in Bewegung und sie bemühte sich um eine gewisse Entspannung und Ruhe in ihrem Geist. Sie brauchte Konzentration für das Rufen jener Geister, die ihren Leib verhüllen und sie so unsichtbar machen konnten.
Eine Weile durchschritten sie die nebligen und teilweise recht dunklen Gassen, als sie dann ihre Hände vor sich anhob, den Blick recht starr geradeaus ins Nichts gerichtet, dann senkten sich ihre Hände rasch hinab, während sie all ihre Kraft auf den Ruf nach den Geistern verwendete und ihr Körper verschwamm mit der Umgebung, während sie eilig zur Seite auswich, denn so alarmiert schossen die beiden Wachen auf sie.
Stimmengewirr, das Platschen von Füssen durch den Matsch und den Pfützen der Strassen, teilweise folgten sie noch den Spuren, gezischte Flüche und immer wieder die Worte "Hexenweib", "Ketzerin", "Zaubererpack".
Doch jeder Schritt liess sie weiter an ihre Reserven gehen, ehe sie mit leichtem Kopfdrücken sich in eine dunkle Hausnische drückte. Keinen Schritt weiter wagte sie mehr zu gehen. Sie ging erschöpft in die Hocke und wartet ruhig ab, den Kopf gesenkt, bemüht, wieder etwas Kräfte zu sammeln.
*
War sie eingeschlafen?
Blinzelnd erhob sie ihren Kopf, fühlte ein gewisses Unwohlsein, einen Kloss im Hals, während sie sich mit kalten und steifen Gliedern erhob. Sie sah auf ihre Hände - sichtbar!
War sie die ganze Zeit so gewesen? Mit Unbehagen sah sie sich um und spürte, wie allmählich der Schmerz im Kopf zurückkehrte. Sie musste so rasch wie möglich aus der Stadt fliehen...
Noch war es dunkel, doch wie spät es war, konnte sie nicht einschätzen, war doch die Sicht auf die Monde durch die dicke Nebelschicht verdeckt.
Eilig und doch um Stille bemüht, huschte sie durch die Gassen, sah sich dabei stets um, bis sie unter dem Bogen einer Brücke anhielt und den Geräuschen ihrer Umgebung einen Moment lang mit angehaltenem Atem lauschte - irrte sie sich oder waren da wirklich neben ihren Geräuschen auch noch die von einer weiteren Person zu hören?
Vorsichtig sah sie sich um, doch nichts war zu sehen. Leicht atmete sie durch, wendete sich herum, war im Begriff weiter zu hasten, als sie das leise Klacken einer Armbrust vernahm, das Zischen von einem Bolzen in der Luft und einen stechenden Schmerz in ihrem rechten Schulterblatt spürte.
Ein ersticktes Keuchen ihrerseits, keine Zeit mehr umzusehen, nur noch um ihr Leben hastend rannte sie los, dabei weiterhin den Schmerz des Bolzens in ihrem Schulterblatt spürend und mit rascher klopfendem Herzen und Entsetzen feststellend, dass zu dem Schmerz sich noch ein stetig zunehmendes Brennen gesellte.
Geradezu kopflos rannte sie durch die Gassen - zumindest aus dem Elendsviertel wollte sie aus. Es wäre auch zu leicht gewesen, wenn sie noch etwas mehr Kraft hätte, um die Geister zu rufen, doch sie war dafür schon zu erschöpft und nun, den Laufgeräuschen hinter sich nach zu urteilen, war auch keinerlei Ruhe und Zeit mehr dafür.
Die kalte Luft, die sie einatmete, schmerzte schon in ihrem Rachen, ihr Herz pulsierte rasend, ihr ganzer Körper wurde überzogen von Schmerzen und ihr Rücken brannte, während sie das Gefühl hatte, ihre Beine wurden lahmer, ihre Glieder schlaffer.
Dann sah sie vor sich wie ein dunkles Band, in dem sich nur vereinzelt die wenigen im Nebel noch gerade so sichtbaren Lichter spiegelten, den Fluss, der durch Draconis floss - der Drac.
Den Geräuschen ihres Häschers nach zu urteilen, holte er immer weiter auf, während sich in ihrem Kopf langsam eine Stimme breitmachte - warum noch weiter kämpfen? Es war doch eh verloren...
Keuchend rannte sie die breiten Stufen, die zum Fluss hinabführten und am Tage von einigen Bewohnern dieses Viertels zum Baden und Wäsche waschen genutzt wurde, hinunter, doch dann fühlte sie einen Schlag in ihren Rücken, stürzte hinab zu Boden auf eine der Stufen und eine Hand packte sie im Nacken.
"Du bist eine zähe Beute," erklang eine Stimme leise und schnarrend nahe an eines ihrer Ohren und sie versuchte einen Blick auf ihren Verfolger zu ergattern - eine dunkle Kapuze trug er, die ihm weit ins Gesicht hing, den Mund und die Nase mit einem dünnen Tuch verborgen, die restliche Kleidung eng anliegend, aus dünnem, dunklen Leder und an seinem Gürtel trug er allerlei Messer.
Immer weiter verliessen sie ihre Kräfte und auch ihr Lebenswille sank - warum noch wehren?
"Freu dich - ich habe dich exklusiv gejagt. Nicht wie diese ganzen elenden Bettler und kranke Gören, die man viel zu leicht abstechen kann. Bei dir konnte man sich noch direkt Mühe geben."
Mit einer Hand packte er ihre Haare und zog sie ruckartig mit sich, schliff sie zwei Stufen weiter hinab zu dem Wasser, während sie sich ihrem Schicksal ergab. Sie hatte eh keine Kraft mehr.
"Sprech ein letztes Gebet, Närrin, und dann tritt dem Herrn Morsan gegenüber, sofern er dich in sein Reich lässt!"
Einen kurzen Moment verharrte er so, während sie nur aus trüben Augen auf das Wasser vor sich blickte, dann aber tauchte er sie grob in die kalten Fluten hinab, drückte ihren Kopf unter, während sie noch spürte, dass er ein Knie auf ihren Rücken legte.
Im ersten Moment kam keinerlei Gegenwehr, doch dann, als ihr die Luft ausging und ihre Lungen anfingen zu brennen, als bunte Lichter vor ihren Augen auf- und abtanzten, zuckte sie noch einmal, versuchte ihren Körper zu regen, doch vergebens - das Gift des Bolzens hatte ihre Muskeln zu sehr gelähmt. Einen Moment lang versuchte sie es noch, dann jedoch veränderten sich die tanzenden, bunten Lichtern, vergrösserten sich, wurden heller...
Bilder rasten an ihr vorbei - ihre Mutter mit liebevollem Blick und eigentlich vergessen, denn ihre Mutter sollte doch unerheblich für die Ausbildung zur Stammesschamanin sein, ihr Vater, schon zu ihrer Kinderzeit ein alter Mann, der meist am Stock ging, ihr Ziehbruder Gabriul als Säugling, der in ihren Armen lag, ehe sie ihn einfach liegenliess und Schelte von ihrem Vater kassierte, die heimlich vergossenen Tränen danach, einzelne Personen aus ihrem Dorf, die gewaltigen Berge der Drachenschwingen, immer wieder der Vater, der sie mit seinen grünen Augen ansah, die sie ausgerechnet von ihm erben musste, tadelnd sein Blick, ihre Übungen, um mehr Kraft zu sammeln und dann doch die Verkündung, dass sie nicht die Stammesschamanin werden würde, Gabriul mit zerfetztem Gesicht, blutiger Brust und tot am Boden liegend, die von Hass, Enttäuschung und Trauer gezeichnete Miene ihres Vaters, Grenzfest, ihre bisher einzige und letzte Liebe, die Minen, sein Tod, ihre Reise durch Galadon, Draconis....
Und nach und nach verblasste der Schmerz, das Brennen ihres Körpers.
Stattdessen kehrte eine angenehme Leichtigkeit in ihren Geist ein und jegliche Sorge schien von ihr zu weichen, während es um sie herum wärmer wurde...
*
Sie wurde beobachtet.
Kälter wurde es um sie herum.
Augen lagen auf sie.
Jegliche Wärme wich, das helle, angenehme Licht verschwand...
... und hinterliess eine finstere Leere.
Sie fühlte sich allein und dennoch spürte sie Blicke gierig auf sie ruhen.
Sie wollte sehen woher, doch um sie herum nur ein einziges, düsteres Nichts.
Dann jedoch stürmten sie auf sie ein - Stimmen, manche bekannt, viele unbekannt, redeten hastig, mal lockend, mal hasserfüllt, auf sie ein. Die Worte peitschten auf ihren Geist ein, rangen ihn nieder, schwächten sie.
Klauen streckten sich nach ihr aus, ergriffen sie, bohrten sich in ihr.. Fleisch.. in ihre Haut und der Schmerz im Kopf kehrte zurück, während sie hochgehoben wurde, heran zu einem finsteren Wesen, dessen Kopf ein einziges Nichts war, das umrandet wurde von einer schmutzig-blutroten, flackernden Korona.
Du gehörst mir....
Sie wollte fortblicken, Schauder liefen über ihren.. Körper.. während die kalten, schwarzen Klauen sie noch aufgespiesst hielten, doch wie unter einem fremden Befehl richtete sich ihr Blick erneut auf dieses Wesen.
Noch wirst du nicht sterben... du bist mein... du wirst mir später einmal ganz gehören... du wirst durch mich stark werden... du wirst mir gehorchen! Du wirst mein Lakai, Menschenkind.
Dann liessen die Klauen sie los und sie fiel... endlos fiel sie hinab...
***
Noch immer lag sie wie erschlagen in der dunklen Ecke, spürte, wie die Kälte ihren Körper langsam zu übermannen schien.
Aufstehen musste sie... die Dunkelheit der aufkommenden Nacht nutzen und endlich diese Stadt, Draconis verlassen!
Was auch immer sie zurück ins Leben gebracht hatte - irgendwas hatte es in ihr zurücklassen...
Zuletzt geändert von Schattenkind: 4.05.05, 02:30, insgesamt 1-mal geändert.
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