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Prolog.
Kaltes Klimpern von Metall auf Stein füllt die laue Vitamaluft. Der leise Klang verstärkt sich, schwillt an, wird zu einem ohrenbetäubenden, schrillen Kreischen, dass ihre Ohren zu zerfetzen droht. Dann herrscht wieder Stille. Mit einem verwirrten Blinzeln vertreibt sie die nebligen Schleier, die sich vor ihre Augen gelegt haben, und die bedrohliche Finsternis weicht zurück in die Winkel des unterbewussten Grauens. Später. Sie weiß, die Finsternis würde sie wieder umfangen - spätestens, wenn sie sich in der Unterkunft des Ordo Vitamae zur Nachtruhe betten würde.
Der Anblick von golden schimmernden Münzen vor ihren Füßen drängt sich in ihr Bewußtsein. Fahrig reibt sie sich mit der knochigen Hand übers Gesicht, über die tief geränderten Augen. Versucht, die bleierne Müdigkeit abzuschütteln, die sie so unendlich quält. Nur mit Mühe gelingt es ihr, die Augen anzuheben. Der edle Spender hat ihr bereits den Rücken zugekehrt und seinen Weg über den Marktplatz fortgesetzt.
Dennoch, die Rolle muss gewahrt bleiben. "Danke.. edler... Herr...". Ein heiseres Flüstern, obwohl der junge Bursche schon im Gedränge verschwunden ist. Die dürren Finger legen sich auf ihre schmerzende Kehle. Selbst für laute Worte ist sie mittlerweile zu schwach. Jede Nacht zehrt an ihren Kräften. Einen Weg... ja, sie muss einen Weg finden.
Ein Mittel. Irgendetwas, sonst würde bald auch der letzte Rest des Schauspiels hinfällig sein. Dann wäre sie ganz die, die sie zu sein vorgab.
Doch noch hat sie die Kraft, die Ironie in ihrer paradoxen Parodie ihres eigenen, zukünftigen Selbst zu sehen. Immerhin, die Parodie war ein lohnendes Spiel. Ein billiges Possenspiel, wie die aufgesagten Verse von Schulmädchen. Gedankenlose Güte, beantwortet mit geheuchelter, dankbarer Demut. Die achtlos hingeworfenen Münzen kümmern das Publikum so wenig wie das Schicksal der Akteurin, solang nur die Rolle gewahrt bleibt, das Schauspiel andauert. Wenige, die hinter die Kulissen schauen. Fröstelnd zieht sie die dürren Schultern hoch.
Was erwarteten sie auch hinter den Kulissen? Dort war nichts. Nur der schwarze Abgrund, den sie selber nicht verstand.
Zuletzt geändert von Locarno: 31.03.05, 19:14, insgesamt 1-mal geändert.
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